Simone Dorra / Ingrid Zellner
Flug mit dem Wind
Roman
Band VI der Kashmir-Saga
© 2021 Simone Dorra / Ingrid Zellner
Verlag und Druck:
tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg
Umschlaggestaltung: Kai S. Dorra
Coverfoto: Stastny_Pavel/Shutterstock.com
Ornament: iStock.com/ AnnaPoguliaeva
www.kashmirsaga.de
www.simonedorra.de
www.ingrid-zellner.de
ISBN
Paperback: 978-3-347-38282-4
e-Book: 978-3-347-38283-1
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig.
Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
»Solange die Kinder klein sind, gib ihnen Wurzeln. Wenn sie älter geworden sind, gib ihnen Flügel.«
Sprichwort aus Indien
Ein Personenverzeichnis und ein Glossar befinden sich am Ende des Buches.
Vorwort
In seinem Roman First Among Equals (Rivalen) schildert Jeffrey Archer einen britischen Politiker, der im Jahr 1991 nach einer Parlamentswahl eine königliche Einladung in den Buckingham Palace erhält… und zwar von König Charles III. Ein historischer Fauxpas, möchte man meinen – der jedoch verständlich wird, wenn man weiß, dass First Among Equals bereits 1984 erschien. Archer schrieb darin also Passagen, die aus seiner Sicht in der Zukunft spielten, und offenbar ging er davon aus oder hielt es zumindest für wahrscheinlich, dass bis 1991 der Prince of Wales seiner Mutter Königin Elizabeth II. auf den Thron gefolgt sein würde. Selbstverständlich mit Königin Diana an seiner Seite.
So etwas kann nun auch uns in den letzten beiden Bänden unserer Kashmir-Saga passieren. Am Ende des fünften Bandes (Ein Lied in der Nacht) waren wir mit unserer Geschichte im Herbst 2017 angekommen, und im Kapitel 6 von Flug mit dem Wind erreichen wir das Jahr 2021. Das heißt: Ab dann schreiben wir in die Zukunft hinein.
Nun ist unsere Kashmir-Saga in erster Linie einfach die fiktive Geschichte eines Waisenhauses bei Srinagar und zweier Familien aus verschiedenen Teilen Indiens – kein zeitgeschichtliches Sachbuch und auch kein politischer Doku-Thriller. Doch der Kashmir-Konflikt und die schwierige Realität in diesem so schönen wie geschundenen Tal waren, sind und bleiben stets der Hintergrund unserer Saga. Wir gehen davon aus, dass die einschneidenden politischen Ereignisse der vergangenen Jahre in Kashmir sowie die Corona-Pandemie auch noch eine ganze Weile über 2021 hinaus nachwirken werden, und konnten zumindest das entsprechend im Auge behalten. Aber Flug mit dem Wind führt uns bis in das Jahr 2029 – und da wir keine Kristallkugel haben, kann es ohne weiteres passieren, dass Realität und Fiktion von nun an stellenweise nicht mehr übereinstimmen werden.
Deshalb bitten wir um Nachsicht, sollte sich irgendwann in künftigen Jahren erweisen, dass sich nun auch unsere Kashmir-Saga den einen oder anderen »König Charles III.« eingefangen hat.
Welzheim/ Gomadingen, August 2021
Simone Dorra & Ingrid Zellner
Vorspiel
Neubeginn
Mit einem leisen Zischen flammte das Streichholz auf. Routiniert hielt Sameera Sandeep es an das zerknüllte Zeitungspapier, das sie zwischen die sorgfältig gestapelten Kiefernholzscheite geschoben hatte, und schnell züngelten erste kleine Flämmchen empor. Sameera sah zu, wie sie auf die Scheite übergriffen und zu einem warmen, flackernden Feuer heranwuchsen, und sie spürte, wie sich ihr Gesicht zu einem Lächeln entspannte. Zum ersten Mal seit Wochen hatte sie wieder das Gefühl, dass ihre Welt rundum in Ordnung war.
Dabei sprach genau genommen einiges gegen diese Ansicht. Zum Beispiel der Anblick ihres Mannes Vikram, der neben ihr in einem Lehnsessel saß und stumm in die Flammen schaute – jedenfalls mit dem rechten Auge; das linke war halb zugeschwollen und von einem prächtig schillernden Veilchen verfärbt. Der lädierte Gesamteindruck wurde noch verstärkt durch die dicke Bandage um seine linke Schulter und die Schlinge, in der sein Unterarm ruhte. Als Sameera sich an diesem Morgen vor ihrer Fahrt nach Baramulla von ihm verabschiedet hatte, war er heil und gesund gewesen – jetzt sah er aus, als wäre er unter die Räuber gefallen, und der Verband verdeckte gnädig die Ein- und die Austrittswunde, die eine Pistolenkugel hinterlassen hatte. Zum Glück war es ein glatter Durchschuss gewesen; dennoch würde Vikram dadurch noch eine ganze Weile gehandicapt sein.
Langsam ließ Sameera sich auf einem der buntbestickten Bodenpolster vor der Feuerstelle nieder. Diese Schusswunde war ein weiterer Grund, warum von einem Idealzustand derzeit eigentlich keine Rede sein konnte. Denn der Mann, der auf Vikram gefeuert hatte, war Rizwan Padar gewesen – der Ex-Soldat, den sie ein knappes Jahr zuvor als Leibwächter engagiert hatten, für sich und vor allem für das Waisenhaus, das sie und Vikram hier in einem Seitental nahe Srinagar leiteten. Vikram hatte mit fünfzig vorzeitig seinen Dienst bei der indischen Abwehr quittiert und vor acht Jahren das Dar-as-Salam, das Haus des Friedens, ins Leben gerufen; seitdem widmete er seine ganze Energie Kindern, die durch den anhaltenden Kashmirkonflikt ihre Angehörigen verloren hatten und oft zudem schwer traumatisiert waren.
Aber er hatte während seiner fünfundzwanzig Jahre als Agent und Elitesoldat nicht nur unendlich viel Leid und Elend gesehen, sondern sich auch zahlreiche Feinde gemacht, die seitdem keine Gelegenheit ausließen, ihm zu schaden. Deshalb hatte an der Einstellung eines professionellen Wachmanns für das Waisenhaus irgendwann kein Weg mehr vorbeigeführt, und Rizwan Padar war scheinbar der perfekte Mann dafür gewesen: zuverlässig, freundlich und vor allem auch bei den Kindern sehr beliebt. Dass er nun an diesem Tag plötzlich aus heiterem Himmel auf Vikram geschossen hatte, war unbegreiflich. Und ob sie den Grund dafür jemals herausfinden würden, war fraglich – Padar jedenfalls konnte es ihnen nicht mehr verraten; Vikram war es trotz seiner Schulterverletzung gelungen, das Feuer zu erwidern, und er hatte den Leibwächter schon mit dem ersten Schuss tödlich getroffen.
Sameera seufzte innerlich. Zum Glück hatte es bei dem Vorfall Zeugen gegeben – allen voran den angesehenen Major Veer Shinde –, die allesamt bereit waren, vor der Polizei und der Staatsanwaltschaft zu beschwören, dass Vikram in Notwehr gehandelt hatte. Somit bestand zumindest keine Gefahr, dass Padars Tod für Vikram ein ernstes juristisches Nachspiel haben könnte. Was eine doppelte Erleichterung war angesichts der Tatsache, dass auf dem Chefsessel der Polizei in Srinagar Narendra Nikam saß, der nur auf eine Gelegenheit wartete, Vikram aus dem Verkehr zu ziehen und ihn im Knast verrotten zu lassen. Noch so ein Grund, warum Sameeras Leben eigentlich alles andere als in Ordnung war.
Aber all das war für sie im Moment zweitrangig. Wichtig war – außer der Tatsache, dass ihr Mann Padars Anschlag überlebt hatte – nur eines: Raja war wieder da.
Ihr Blick glitt zu dem hochgewachsenen, schlanken Mann, der ebenfalls auf einem Bodenpolster saß und mit ruhiger Gelassenheit das Feuer betrachtete. Raja Sharma aus Shivapur in Maharashtra war seit knapp dreieinhalb Jahren ihr bester Freund; Vikram betrachtete ihn sogar als seinen Bruder. Die beiden hatten sich bereits mehrfach gegenseitig das Leben gerettet und einander auch in schwersten Krisensituationen stets bedingungslos beigestanden. Das Band der Freundschaft zwischen ihnen schien unzerstörbar gewesen zu sein.
Und doch war es vor drei Monaten gerissen, und Raja war von einer Sekunde zur nächsten aus ihrem Leben verschwunden.
In gewisser Weise hatte Sameera ihn sogar verstehen können. Durch einen Zufall war Raja dahintergekommen, dass Vikram bei einem der zahlreichen »harten Verhöre«, die er in seinen Geheimdienstjahren hatte führen müssen, die Beherrschung verloren und einen unschuldigen Mann halb totgeprügelt hatte. Und man musste keine Traumatherapeutin sein wie Sameera, um nachvollziehen zu können, dass das für jemanden wie Raja, der fünfundzwanzig Jahre lang unschuldig im Gefängnis gesessen und solche »harten Verhöre« und Folterungen mehr als einmal am eigenen Leib erlebt hatte, ein Schlag ins Gesicht war, den er nicht so ohne Weiteres wegstecken konnte. Er hatte jeden Kontakt zu Vikram abgebrochen, und auch wenn Sameera ihrem niedergeschlagenen Mann immer wieder tröstend versichert hatte, dass Raja einfach nur Zeit brauchte und ganz bestimmt zu ihnen zurückfinden würde, so hatte sie sich doch mehr als einmal dabei ertappt, dass selbst sie, je länger Rajas hartnäckiges Schweigen währte, an einem glücklichen Ausgang dieser Krise zu zweifeln begann.
Heute jedoch war der Knoten geplatzt. Sameera lächelte unwillkürlich bei der Erinnerung daran, wie ihr kleiner Sohn Mohan vor Freude gequietscht hatte, als sein »Aja« aus dem Jeep stieg, und wie ihre Pflegekinder in wahre Jubelstürme ausgebrochen waren, als sie spätnachmittags aus der Schule kamen und den inoffiziellen zweiten Patriarchen des Hauses endlich wieder leibhaftig auf der Veranda des Dar-as-Salam vorfanden. Es hatte ihr leidgetan, diese allgemeine Euphorie wieder dämpfen zu müssen – aber irgendwie musste sie den Kindern ja erklären, warum ihr Vikram baba so ramponiert aussah und warum der allseits beliebte Rizwan Padar nie mehr wiederkommen würde.
In diesem Moment war Raja einmal mehr seinem Ruf als dil phek aashik gerecht geworden, als er unbekümmert zugab, dass er es gewesen war, der Vikram das Veilchen verpasst hatte. »Wir haben uns gestritten«, hatte er den Kindern erklärt. »So was kommt in den besten Familien vor und auch unter Freunden; das wisst ihr mit Sicherheit genauso gut wie ich. Natürlich sollte das Ganze nicht gleich mit dieser Art von ›Schlagabtausch‹ enden – Gewalt ist nie eine Lösung, und ich geb zu, ich schäme mich wie ein Hund, dass ich derart die Beherrschung verloren habe. Zum Glück hat euer Vikram baba mir verziehen… hast du doch, oder?«, hatte er zu Vikram gewandt hinzugefügt. Vikram hatte ihm die Hand gedrückt und stumm genickt; genau wie Sameera wusste er nur zu gut, dass vor allem ihm an diesem Tag vergeben worden war.
Nun, ein ausgiebiges Abendessen und eine Debattierrunde über denkbare Gründe für Rizwan Padars Verrat später, hatten die Kinder sich in ihre Zimmer zurückgezogen – noch immer mehr oder weniger verstört angesichts der unerwarteten Enthüllungen des Tages, aber auch getröstet durch die Gewissheit, dass Vikram und Raja sich wieder vertrugen. Und Sameera hatte ganz bewusst vorgeschlagen, dass sie, die drei Erwachsenen, den Rest des Abends in dem großen Gästezimmer im Anbau verbrachten. Nicht nur wegen der gemütlichen Feuerstelle, in der die Flammen nun warm und lustig prasselten, sondern vor allem auch deshalb, weil es allgemein als »Rajas Zimmer« galt und ihr daran gelegen war, dass Raja sich im Dar-as-Salam möglichst rasch wieder so zuhause fühlte wie vor dem unseligen Bruch mit Vikram.
Sie trank den letzten Rest Kaffee aus ihrem Becher und gab einen wohligen Seufzer von sich.
»Wie schaut’s aus, ihr zwei? Braucht ihr noch irgendwas?«
»Ich bin versorgt.« Raja hob die Thermoskanne mit Chai hoch, die neben ihm stand, und schüttelte sie leicht. »Das reicht locker noch für zwei Gläser. Was ist mit dir, Vikram?«
Vikram verzog das Gesicht. »Am liebsten wär mir ja gerade ein ordentlicher Whiskey. Aber ich fürchte, dann rechnet meine Frau mir vor, welche Schmerzmittel ich heute bereits intus habe beziehungsweise noch einnehmen muss, und steigt mir aufs Dach.«
»Da fürchtest du richtig, mera jaan«, schmunzelte Sameera. »Allerdings wäre ich angesichts der besonderen Umstände dieses Tages möglicherweise bereit, dir ein kleines Glas Wein zu genehmigen, wenn du dich damit begnügen könntest. Eines, wohlgemerkt.«
»Man muss den Göttern auch für die geringsten Gaben danken.« In Vikrams graumeliertem Vollbart blitzte ein ironisches Lächeln auf. »Gerne, meri jaan.«
»Da würde ich mich sogar anschließen«, warf Raja ein. »Das heißt, sofern ihr für mich auch noch ein Gläschen übrighabt.«
»Aber sicher.« Sameera erhob sich. »Ich bin gleich wieder da.«
Sie verließ das Zimmer. Vikram verfolgte ihre schlanke Gestalt mit den Blicken, bis sie die Tür hinter sich zuzog. Nach mittlerweile vier Jahren Ehe liebte er seine Frau noch immer wie am ersten Tag. Und er liebte seinen Freund und Bruder, der ihm heute wiedergeschenkt worden war. Wenn auch zu einem ziemlich schmerzhaften Preis.
Er wandte den Kopf zu Raja; ihre Blicke trafen sich, und Raja lächelte. Aber es war ein ungewohnt vorsichtiges Lächeln, und Vikram spürte die Verlegenheit, die nach wie vor zwischen ihnen stand, ebenso deutlich wie die Schmerzen in seiner Schulter. Er räusperte sich.
»Und du fliegst tatsächlich morgen schon wieder nach Hause?«, fragte er. »Willst du nicht noch ein, zwei Tage bleiben? Die Kinder würden sich so freuen!«
Raja schüttelte den Kopf. »Ich würde ja gern, aber gerade diesmal geht es nicht. Rani tritt übermorgen bei einer Aufführung in ihrer Schule auf.«
»Ja klar, da musst du selbstverständlich dabei sein.« Vikram lächelte unwillkürlich, als er an Rajas lebhafte kleine Tochter dachte. »Was für eine Aufführung ist das denn?«
»Filmsongs«, erläuterte Raja. »Die haben da eine Extraklasse für Musik und Tanz eingerichtet; die Kinder singen, studieren Tanznummern aus Hindi-Filmen ein, sie können sogar traditionelle Musikinstrumente lernen. Und da war meine Kleine natürlich sofort Feuer und Flamme.«
»Das kann ich mir denken«, nickte Vikram. »Sag ihr, ich wünsche ihr viel Glück für die Aufführung, und sie darf mir bei nächstbester Gelegenheit gerne mal eine Kostprobe daraus präsentieren.«
Raja lächelte. »So wie ich meine Tochter kenne, wird sie dir das komplette Programm vorführen. Samt Zugaben.«
»Kein Problem.« Vikram lächelte zurück. »Deine Kleine hat mir doch ebenso gefehlt wie du!«
Rajas Gesicht wurde jäh ernst, und er senkte den Blick.
»Es tut mir leid«, sagte er leise. »Jetzt im Nachhinein kann ich gar nicht mehr begreifen, warum ich so lange so vernagelt gewesen bin. Ich hätte schon viel früher wieder auf dich zukommen müssen.«
»Du brauchst dich nicht zu entschuldigen«, erwiderte Vikram nüchtern. »Schließlich bin ich es, der Mist gebaut hat.«
Raja hob den Kopf und verzog den Mund zu einem ausgesprochen schrägen Grinsen.
»Möchte man gar nicht meinen, so wie du mich heute in der Baracke zusammengestaucht hast«, versetzte er trocken. »Ich dachte wirklich, mich trifft der Schlag.«
»Irrtum – mich hat er getroffen, nicht dich«, entgegnete Vikram ironisch, betastete sein geschwollenes Auge und zuckte zusammen, als ein stechender Schmerz ihn durchfuhr. »Gut, wenn ich meine diversen Aussetzer dir gegenüber in den vergangenen Monaten zusammenrechne, dann hab ich den Haken mehr als verdient. Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass ich in dem Moment einfach stocksauer auf dich war. Da warte und hoffe ich monatelang darauf, dass du dich endlich wieder bei mir meldest – und dann erfahre ich, dass du dich in Kashmir rumtreibst, noch dazu in diesem gottverfluchten Lager, ohne mir auch nur ein Sterbenswort davon zu sagen!«
»Ich wusste schon, warum ich Nanda gebeten hatte, die Klappe zu halten.« Raja schnitt eine Grimasse, langte nach einem neuen Holzscheit und schob es in die Flammen. »Ich war mir sicher, dass ich nur noch diesen einen Abstecher brauchte, um wieder völlig klar im Kopf zu werden; danach hätte ich Major Shinde gebeten, mich hierher zu fahren, und dann hätten wir uns in aller Ruhe aussprechen können. Dass du auf einmal wie ein wutschäumender Flaschengeist in der verdammten Folterbaracke auftauchst, war in meinem Plan nicht vorgesehen… und noch weniger, dass dieser Padar plötzlich durchdreht und auf dich feuert. Du hast wirklich keine Ahnung, warum?«
»Keine Spur.« Vikram hinderte sich gerade noch rechtzeitig selbst daran, mit den Schultern zu zucken. »Shinde hat gesagt, er wird sich der Sache annehmen und Ermittlungen einleiten; er meldet sich, sobald er etwas herausfindet. Bis dahin können wir nur spekulieren.«
Raja schwieg eine Weile, dann prustete er plötzlich leise. »Der Witz an der Sache ist ja, dass es ausgerechnet Kamils Schädel war, der dir in dem Moment das Leben gerettet hat. Wieso hast du das gute Stück eigentlich nicht mitgenommen, um es zu vergolden und in Ehren zu halten?«
Vikram gab ein sarkastisches Schnauben von sich. Djamal Kamil war der Anführer der sadistischen Paramilitär-Bande gewesen, die Raja vor anderthalb Jahren eine Woche lang gefangen gehalten und beinahe zu Tode gefoltert hatte. Vikram hatte damals zusammen mit drei Helfern Raja in einer waghalsigen Aktion befreit und dabei Kamil mit einem Kopfschuss getötet. Als nun an diesem Nachmittag Rizwan Padar auf dem ehemaligen Lagergelände das Feuer eröffnet und Vikram in die Schulter getroffen hatte, war er über Kamils verdeckt im Gras liegenden Schädel gestolpert, bevor er ein zweites Mal schießen konnte. Das hatte Vikram die entscheidenden Sekundenbruchteile verschafft, um Padar zu erledigen.
»Wenn das der alte Schurke gewusst hätte – dass er nach seinem Tod tatsächlich mal was Gutes tut, und dann auch noch mir!« Vikram grinste schief. »Hätte ihm jemand seinerzeit ein Grab spendiert, er würde sich jetzt mit Sicherheit darin umdrehen.«
Er wechselte einen vielsagenden Blick mit Raja, und mit einem Mal brachen beide in schallendes Gelächter aus. Es fühlte sich für Vikram unendlich befreiend an – und er zweifelte keine Sekunde, dass Raja das Gleiche empfand.
»Meine Güte!« Raja wischte sich die Tränen aus den Augen. »Wer hätte gedacht, dass dieser Drecksack von Kamil uns mal ernsthaft zum Lachen bringt!«
»Schon die zweite gute Tat«, gluckste Vikram. »Allmählich wird’s unheimlich.«
Erneut lachten beide laut los. In diesem Moment kam Sameera zurück, mit einer Weinflasche und drei Gläsern.
»Na, hier geht’s ja lustig zu«, stellte sie fest. »Habt ihr euch etwa heimlich hinter meinem Rücken doch schon einen Whiskey genehmigt?«
»Ohne deine Erlaubnis? Würden wir nie wagen!«, antwortete Vikram mit Unschuldsmiene. »Wieso hat es denn so lange gedauert, den Wein zu organisieren? War was mit Mohan?«
»Nein, ich geh davon aus, dass der schläft; Zooni passt auf ihn auf, und sie würde sich sicher sofort melden, wenn etwas nicht in Ordnung wäre.« Sameera stellte Flasche und Gläser auf dem Tisch ab. »Aber ich hab einen Anruf bekommen, und da hab ich mich ein bisschen verplaudert.«
»Was Wichtiges?«, fragte Vikram.
»Könnte man so sagen.« Sameera lächelte, goss ein Glas voll und reichte es ihm. »Ich gratuliere dir, Liebster – du bist Großvater geworden!«
»Nein!« Ein Teil des Rotweins schwappte auf Vikrams blütenweiße Armschlinge. »Aber… das Kind sollte doch erst im Oktober kommen!«
»Das Kleine hat es sich eben anders überlegt«, entgegnete Sameera vergnügt. »Und es ist kerngesund. Zeenath lässt dich grüßen, es geht ihr gut, und sie und Nadim sind überglücklich.«
Vikram stellte fest, dass seine Finger, die das Rotweinglas hielten, immer noch zitterten. Zeenath, das Älteste seiner Pflegekinder, war seit einem Jahr verheiratet; ihr Mann Nadim stammte aus einer wohlhabenden Hotelierfamilie in Gulmarg, die den Sandeeps mittlerweile in Freundschaft verbunden war. Und nun hatte sie ihr erstes Kind geboren. Sein erstes Enkelkind.
»Na dann: Mubarak ho, naanaji«, sagte Raja lächelnd und erhob sein Glas. »Und dir auch, Sameera naani. Was ist es denn – Mädchen oder Junge?«
»Ein Mädchen«, antwortete Sameera. »Und Zeenath sagt, dass sie Sita Sameera heißen soll.«
Vikram sah, wie Raja der Mund offen stehen blieb; aber das wunderte ihn überhaupt nicht, schließlich war er selbst mindestens ebenso überrascht wie sein Freund. Dass Zeenath Rajas verstorbene Frau sehr liebgehabt hatte – so wie alle anderen Kinder im Dar-as-Salam auch –, war kein Geheimnis, aber dennoch hätte er nicht damit gerechnet, dass sie und Nadim ihre erste Tochter nach ihr benennen würden.
»Das… ich weiß gar nicht, was ich sagen soll«, kam es schließlich mit belegter Stimme von Raja.
»Wie wär’s mit Sláinte?«, schlug Sameera liebevoll vor und hob ihr Glas zu einem Toast. »Auf die Wiedervereinigung unserer Familien – wir gehören zusammen, Zeenath hat uns das auch noch mal gezeigt, und vor allem bist du wieder bei uns, mera chenaar. Es ist doch jetzt alles wieder in Ordnung zwischen euch, oder?«
»Ich denke schon.« Raja sah zu Vikram hinüber. »Oder was sagst du?«
»Ich seh’s genauso«, erwiderte Vikram. »Danke, mere bhai.«
»Na dann.« Sameera lächelte erleichtert. »Sláinte – auf uns!«
Kapitel 1
Freund und Feind
Ruhig strömte der Fluss dahin. Die Wellen glitzerten im Licht der Sonne, die an diesem Tag endlich wieder den Weg durch die dichten Monsunwolken über Maharashtra fand. Am Ufer spielten ein paar Kinder; hinter ihnen schritten zwei schöne Frauen, in bunte Saris gekleidet und mit großen Bündeln auf dem Kopf, den Flussweg entlang. Ein Teppich aus orangefarbenen und weißen Blüten, der auf der Wasseroberfläche trieb, ließ vermuten, dass irgendwo weiter oben einige Zeit zuvor jemand die Asche eines Verstorbenen dem Fluss übergeben hatte.
Raja Sharma saß am Ufer und sah zu, wie der Blumenteppich an ihm vorüberzog und hinter der Flussbiegung verschwand. Erinnerungen an einen hellen, sonnigen Februartag vor sieben Monaten wurden in ihm wach… als sich hier seine komplette Familie versammelt hatte, einschließlich seiner beiden besten Freunde Vikram und Sameera, die gerade mit ihrem kleinen Sohn zu Besuch bei ihm gewesen waren. Mit einem Familienpicknick hatten sie damals Abschied genommen von Sita, Rajas über alles geliebter Frau, die wenige Tage zuvor durch einen furchtbaren Autounfall in Pune aus ihrer Mitte gerissen worden war. Nicht nur Unmengen von Blüten hatten Sitas Asche das Geleit gegeben, sondern auch zahlreiche kleine Papierschiffchen, gefaltet aus Abschiedsbriefen, die Sitas Angehörige und Freunde an sie verfasst hatten – ein Ritual, das Raja erdacht hatte und das ihnen dabei half, Sita mit einem Lächeln gehen zu lassen.
Er war später oft gefragt worden, wie er es an diesem Tag geschafft hatte, so stark und ruhig zu bleiben. Ganz erklären konnte er es sich nie, aber zumindest wusste er genau, wem er es zu verdanken hatte, dass er die ersten furchtbaren Tage nach Sitas Tod halbwegs gut überstanden hatte: Es war Vikram, sein Freund und Bruder, der ihm geholfen hatte, Mut zu fassen und die innere Stärke wiederzufinden, die er in vierundfünfzig Lebensjahren voller harter Schicksalsschläge entwickelt hatte und dank der er bislang nach jedem Fall immer wieder aufgestanden war. Auch dieses Mal.
Rajas Lächeln wurde allmählich gelöster und freier. Auch wenn Sita ihm noch immer unsagbar fehlte – er hatte seinen Frieden mit jenem fatalen Valentinstag gemacht und ins Leben zurückgefunden. Allem voran für seine kleine Tochter Rani, die in wenigen Wochen sieben Jahre alt werden würde und die er nun allein großzog.
Was ihm bislang erstaunlich gut gelang. Der Haushalt funktionierte, Rani liebte ihren Papa sehr und war mit ihm in den Monaten nach Mamas Tod zu einem verschworenen Team zusammengewachsen. In vielerlei Hinsicht erinnerte sie Raja an seine verstorbene Frau; sie hatte von ihr nicht nur die braunen Augen, das strahlende Lächeln und das üppige dunkle Haar geerbt, sondern auch ihre Heiterkeit und Musikalität. Ständig hatte sie ein Lied auf den Lippen oder tanzte durch die Wohnung. Raja dankte den Göttern jeden Tag aufs Neue für diesen kleinen Schatz, der für ihn der wichtigste Grund zum Weiterleben geworden war – zusammen mit dem Rest seiner Familie, die auf zwei Häuser verteilt mit ihm in dem kleinen Ort Shivapur südlich von Pune lebte. Drei erwachsene Söhne (von denen nur einer, Surya, sein leiblicher Sohn war; aber die anderen beiden, Sumair und Soham, liebte er genauso), drei Schwiegertöchter (Soham und dessen schwedische Verlobte Ylva planten ihre Hochzeit für das kommende Frühjahr), insgesamt acht Enkelkinder (die ihren daadaji heiß und innig liebten) und dazu sein brüderlicher Freund Vishal mit Frau und Tochter – das ergab jedes Mal eine ansehnliche Runde, wenn man sich zum Essen oder zu einem Familienfest traf.
Er holte sein iPhone hervor und warf einen kontrollierenden Blick auf das Display, das ihm die Uhrzeit anzeigte. Beruhigt steckte er das Telefon wieder ein; er hatte noch eine gute halbe Stunde Zeit, bevor er sich auf den Weg machen musste, um Rani von der Schule abzuholen. Er hatte seiner beti versprochen, sie an diesem Tag zur Belohnung für ein paar außerordentlich gute Schulzensuren in das Sweet-Café in Pune einzuladen, das seinen beiden Freunden Karan und Rehan gehörte. Dort gab es stets eine reiche Auswahl an köstlichen Kuchen und Süßigkeiten aller Art, und Ameera, die derzeit dort als Praktikantin arbeitete, hatte ihm versprochen, extra für seine kleine Prinzessin ihr legendäres Pistazien-Kulfi zu machen.
Beim Gedanken an Ameera wurde es Raja warm ums Herz. Die derzeit Älteste von Vikrams und Sameeras Schützlingen hatte sich an ihrem achtzehnten Geburtstag mit Janveer verlobt, dem Leibwächter der hochrangigen und im gesamten Dar-as-Salam sehr beliebten Politikerin Najiha Kamaal. Das zuvor vereinbarte Praktikum wollte sie jedoch vor ihrer Hochzeit unbedingt noch absolvieren, da sie schon immer leidenschaftlich gerne Süßigkeiten zubereitet hatte. Dass weder ihre Pflegeeltern noch ihr Verlobter Bedenken hatten, sie in die Obhut zweier Männer zu geben und sogar bei ihnen wohnen zu lassen, mochte natürlich auch daran liegen, dass Raja sich für die Vertrauenswürdigkeit seiner beiden Freunde verbürgte; vor allem aber hatten Karan und Rehan ihnen gegenüber offen zugegeben, was sie sonst meist wohlweislich geheim hielten – nämlich dass sie ein Paar waren. Bei ihnen würde Ameera so sicher sein wie in Abrahams Schoß. Und so genoss sie nun ihr Praktikum in vollen Zügen und erzählte sowohl Raja als auch ihrer Familie in Srinagar bei jeder Gelegenheit, wie fürsorglich die beiden »Onkels« sich um sie kümmerten und wie wunderbar beschützt sie sich fühlte, wenn sie gemeinsam mit ihnen in der Stadt unterwegs war.
Noch eine Woche sollte das Praktikum dauern, dann würde Raja Ameera zusammen mit Rani nach Srinagar zurückbringen und dort ihre Hochzeit mit Janveer mitfeiern, der das ganze Dar-as-Salam bereits entgegenfieberte. Er freute sich darauf; jetzt, nach seiner Aussöhnung mit Vikram, war ihm doppelt bewusst, wie sehr Kashmir ihm gefehlt hatte. Seit er im Mai 2014 zum ersten Mal dorthin gereist war, war das Tal ihm eine zweite Heimat geworden; trotz Militärgewalt, Stacheldraht und Terror, die aufgrund des Kashmirkonflikts seit Jahrzehnten in dieser Region allgegenwärtig waren, hatte er in Kashmir sein persönliches Paradies gefunden – in der grandiosen Schönheit der Landschaft und der Bergwelt des Himalaya ebenso wie in den Herzen zahlreicher Menschen, mit denen er enge Freundschaft geschlossen hatte. Besonders die Kinder im Dar-as-Salam liebte er, als wären es seine eigenen, und sie ihn ebenso – auch wenn nur eines von ihnen, Moussa, ihn mittlerweile tatsächlich abba nannte.
Plötzlich spürte Raja, wie er trotz der wärmenden Sonne fror. Moussa. Der Junge war vor sechseinhalb Jahren nach seiner Flucht aus einem Kindersoldatencamp in die Gewalt eines Mannes geraten, der ihn brutal missbrauchte. Vor einigen Monaten nun hatte Moussa seinen Peiniger auf einem Zeitungsbild wiedererkannt und damit Vikram, Sameera und Raja auf die Spur eines in ganz Indien aktiven Kinderschänderrings geführt, den sie schließlich in Delhi gemeinsam mit ihrem Freund Colonel Nanda Singh unter Einsatz ihres Lebens zerschlagen konnten. Bei dieser Gelegenheit hatten sie auch zwanzig entführte Kinder befreit – und genau dadurch war es danach zu Rajas Bruch mit Vikram gekommen.
Der Vater eines dieser Kinder war nämlich ein gewisser Tahir Thakur aus Manali, und als dieser seinen Sohn in einem Gästehaus der Abwehr abholen wollte, hatte er in Vikram den Mann wiedererkannt, der ihn zehn Jahre zuvor bei einem Verhör zum Krüppel geprügelt hatte. Die Details, die Raja dabei erfuhr, hatten in ihm schmerzhafte Erinnerungen wachgerufen – an seine Gefängnisjahre und vor allem an das Paramilitär-Camp, in dem Djamal Kamil ihn auf ganz ähnliche Weise gefoltert, ausgepeitscht und ihm zuletzt noch den kleinen Finger der linken Hand abgeschnitten hatte. Der Anblick Vikrams war ihm in diesem Moment unerträglich geworden.
Aber Vikram war eben nicht nur der ehemalige staatlich sanktionierte Folterknecht und Henker. Er war auch der Mann, der sein Leben völlig umgekrempelt hatte und es seitdem dem Einsatz für muslimische Waisenkinder widmete – »um etwas wiedergutzumachen«, hatte er geantwortet, als Raja ihn seinerzeit gefragt hatte, warum er seinen Militärdienst bei der Abwehr vorzeitig quittiert hatte. Und auch wenn er das auf ein ganz bestimmtes Ereignis bezogen hatte (er hatte einen kleinen Jungen erschießen müssen, den Lashkar-Terroristen als lebende Bombe in eine Menschenmenge geschickt hatten), so war Raja sich sicher, dass das längst nicht alles war, was Vikram mit dem Dar-as-Salam wiedergutmachen wollte.
Er griff nach dem Buch, das er vorhin zu Ende gelesen hatte, und suchte noch einmal nach einer ganz bestimmten Stelle am Schluss, die ihn besonders bewegt hatte. Es war ein Brief eines väterlichen Freundes an seinen Schützling, und von den Worten »es liegt mir sehr daran, dir klar zu machen, dass Güte, wahre Güte, aus Reue erwächst« hatte Raja sich persönlich angesprochen gefühlt. Sie hatten ihn an seine ersten Gefängnisjahre erinnert, in denen viel geschehen war, was er noch immer bitter bereute und das ihn letzten Endes auf den Weg geführt hatte, den er bis heute ging. Insofern galt das Fazit des Briefschreibers in gewisser Weise für ihn ebenso wie für Vikram: »Das ist, glaube ich, wahre Wiedergutmachung: Wenn Schuldgefühle Gutes hervorbringen.«
Er schloss das Buch und schüttelte mit einem leichten Lächeln den Kopf. Die Gemeinsamkeiten zwischen Vikram und ihm verblüfften ihn immer wieder. Obwohl ihre Lebenswege, bevor sie einander begegnet waren, nicht unterschiedlicher hätten sein können – der eine fünfundzwanzig Jahre lang als Elitesoldat und Agent unterwegs, der andere im gleichen Zeitraum unschuldig wegen Vergewaltigung und Mord im Gefängnis eingesperrt –, so waren sie sich in vielerlei Hinsicht erstaunlich ähnlich. Und er war dem Schicksal unendlich dankbar, dass es ihm in Vikram einen solchen Freund beschert hatte. Auch wenn die Sache mit Tahir Thakur noch immer an ihm nagte und Vikram nach wie vor gelegentlich als prügelndes Monster durch seine Albträume geisterte – er wusste es besser, verdammt noch mal. Er kannte einen anderen Vikram. Und auf den würde er jetzt nie wieder etwas kommen lassen, egal, wie viele frühere Opfer womöglich noch ankamen und ihm ähnliche Horrorgeschichten über Vikram erzählten wie der unversöhnliche Mann aus Manali.
Erneut kontrollierte er die Uhrzeit und entschied sich, aufzubrechen. Rani fieberte bestimmt schon sehnsüchtig dem Schulschluss entgegen. Raja lächelte in sich hinein, als er sich erhob und zu dem Platz wanderte, an dem er seinen Wagen abgestellt hatte. Dabei nahm er sich vor, bei nächstbester Gelegenheit noch ein zweites Exemplar von Khaled Hosseinis Roman Drachenläufer zu kaufen und es Vikram zu schenken.
***
Während Raja sich auf den Weg zu Ranis Schule in Pune machte, ließ sich in Srinagar Staatsanwalt Prakash Dharam Kode in seinen Bürostuhl sinken. Er war müde, und sein Hals kratzte unangenehm; er hatte ein langes Plädoyer im Gerichtssaal hinter sich, bei dem er ungewohnt laut geworden war. Normalerweise konnte er seine Emotionen relativ gut im Zaum halten und dann bei Bedarf sogar ganz gezielt und kontrolliert einsetzen. Aber das Verhalten des Angeklagten, für den er gerade vehement die Todesstrafe gefordert hatte, war ihm schlichtweg über die Hutschnur gegangen: Frech und unverschämt war der junge Mann allen Anwesenden immer wieder ins Wort gefallen, die Aufforderungen des Vorsitzenden, sich zu mäßigen, hatte er mit abfälligen Kommentaren und obszönen Gesten quittiert, und schließlich war er nach wiederholten lauten »Azadi Kashmir!«-Rufen des Gerichtssaales verwiesen und abgeführt worden.
Kode stöhnte leise, stützte die Ellenbogen auf den Schreibtisch und presste die Fäuste gegen die Stirn, hinter der es unangenehm zu pochen begann. Er konnte nur hoffen, dass der Richter seinem Antrag folgte. Er forderte nicht oft und erst recht nicht gern die Todesstrafe, aber einem Verbrecher, der dem Widerstand angehörte, auf offener Straße drei Polizisten erschoss und darauf auch noch stolz war, gebührte seiner Ansicht nach nichts anderes als der Galgen.
Es klopfte kurz und hart an seiner Bürotür, und noch ehe er »Herein!« sagen konnte, wurde sie mit Schwung aufgestoßen. Er brauchte seinen Besucher gar nicht zu sehen, um zu wissen, wer da kam.
»Gratuliere, Dharam!«, sagte Narendra Nikam und ballte triumphierend die Faust. »Großartiges Plädoyer. Der Kerl wird baumeln, da kann er Gift drauf nehmen – egal mit wie vielen Einsprüchen oder Gnadengesuchen sein Anwalt jetzt noch aus der Hüfte kommt.«
»Noch ist das Urteil nicht gesprochen«, gab Kode zu bedenken.
»Ja, aber wenn der Richter nach dem Plädoyer nicht auf Todesstrafe entscheidet, dann sollte er sich untersuchen lassen«, erwiderte Nikam. »Beziehungsweise ich erledige das dann für ihn.«
Er nahm ohne weitere Umstände den Besuchersessel in Beschlag. Kode seufzte innerlich und überlegte, wie er den Polizeichef möglichst höflich wieder hinauskomplimentieren konnte. Im Moment wollte er einfach niemanden sehen, und schon gar nicht diesen Giftzwerg mit der fleckigen Haut und den boshaft glitzernden Augen.
»Hast du eigentlich meine Eingabe wegen Sandeep endlich gelesen?«, fragte Nikam plötzlich aus heiterem Himmel.
Kode seufzte erneut – diesmal laut und demonstrativ.
»Ja, habe ich«, antwortete er. »Und auch wenn’s dir mit Sicherheit nicht passt, aber ich werde keine Anklage erheben.«
»Und warum nicht?«, begehrte Nikam auf. »Der Kerl hat einen Mann erschossen – einen Ex-Soldaten mit tadellosem Leumund!«
»Der ohne Vorwarnung auf Sandeep gefeuert und ihn schwer verletzt hat«, entgegnete Kode mit mildem Sarkasmus. »Sehr tadellos, in der Tat.«
»Wer sagt, dass es ohne Vorwarnung war?«, fragte Nikam inquisitorisch.
»Das sagen alle, die dabei waren«, versetzte Kode müde. »Vor allem Major Shinde hat zu Protokoll gegeben, dass dieser… wie hieß der Tote gleich wieder?«
»Rizwan Padar.«
»Ja, also dass dieser Padar nach dem ersten Schuss aus einem Versteck hervorgestürmt ist. Das heißt: Er hat aus dem Hinterhalt geschossen. Für mich war das ein reinrassiger Anschlag.«
»Ah ja. Toll.« Jetzt war es Nikams Tonfall, in dem Sarkasmus mitschwang. »Und das weißt du ganz genau, ohne dabei gewesen zu sein? Was, wenn Sandeep Padar bedroht hat und der sich in Notwehr verteidigen musste? Die Möglichkeit hast du wohl gar nicht erst in Betracht gezogen, was?«
»Sie widerspricht sämtlichen Zeugenaussagen, die mir vorliegen.« Kode rieb sich die Stirn; die Kopfschmerzen wurden immer heftiger. »Und halten zu Gnaden, Narendra, aber du warst bei dem Vorfall auch nicht dabei und kannst daher nicht besser Bescheid wissen als ich. Es sei denn, du verfügst über verlässliche Quellen, die du bislang geheim gehalten hast – und in dem Fall hast du hoffentlich eine verdammt gute Erklärung für mich parat.«
Nikam schnaubte. »Es wäre doch nicht das erste Mal, dass dieser Sandeep in eine Schießerei verwickelt ist. Wieso läuft der Mann überhaupt bewaffnet durch die Gegend? In der Armee ist er doch schon seit Jahren nicht mehr.«
»Er hat eine Sondergenehmigung der Regierung, auch weiterhin seine Waffe bei sich zu tragen – in Anerkennung seiner Verdienste«, betonte Kode. »Das solltest du eigentlich wissen, so ausführlich, wie du dich schon mit ihm befasst hast. Was hast du eigentlich gegen Vikram Sandeep?«
Nikam biss sich auf die Lippen. »Er ist mir nun mal suspekt. Ein Hindu, der sich ausgerechnet um muslimische Waisenkinder kümmert – kein Mensch kann mir weismachen, dass da nicht irgendein schmutziges Motiv dahintersteckt, das man dringend aufdecken sollte. Am Ende ist der Mann antinational und längst heimlich im Widerstand. Und ich bin auch immer noch nicht davon überzeugt, dass er tatsächlich nichts mit dem Tod von Avan zu tun hat. Egal, wie viele heilige Eide seine Freunde schwören.«
»Jetzt hör aber auf!«, fuhr Kode ihn scharf an. »Es gibt nichts, nicht mal das kleinste Indiz, das bei der Tötung von Gupta auf eine Täterschaft von Sandeep hinweist, und er hat ein Alibi, an dem meines Erachtens nicht der geringste Zweifel besteht. Abgesehen davon: Du hast doch eben selbst betont, dass er ›bewaffnet durch die Gegend läuft‹. Warum hätte er da Gupta mühsam den Schädel zertrümmern sollen, wenn er ihn auch sehr viel einfacher mit einer Kugel hätte erledigen können?«
»Weiß ich, wie so ein Agent tickt?«, murrte Nikam missmutig. »Vielleicht war sein Adrenalinspiegel nach der Aktion in Kamils Lager noch so hoch, dass er sich auf diese Weise abreagiert hat.«
»Bas!« Kode schlug mit beiden Handflächen auf den Schreibtisch und verzog das Gesicht, als seine Kopfschmerzen sich ungnädig bemerkbar machten. »Sandeep ist aus der Sache Gupta raus, und du kommst dem wahren Täter kein Stück näher, wenn du dich weiterhin so auf ihn einschießt. Also lass das und konzentrier dich lieber auf deine aktuellen Fälle!«
»Guptas Tod ist ein aktueller Fall«, erklärte Nikam mit Nachdruck. »Schließlich ist er immer noch nicht aufgeklärt!«
»Dann klär ihn auf!«, konterte Kode. »Und halt mich über die Ermittlungen im Fall Padar auf dem Laufenden. Irgendein Motiv muss der Mann ja gehabt haben, um die Waffe gegen Sandeep zu erheben.«
»Wenn’s nicht umgekehrt war«, beharrte Nikam. »Ich halte das nach wie vor nicht für ausgeschlossen.«
Kode seufzte. »Ich kann dich nicht davon abhalten, auch in diese Richtung zu ermitteln. Aber du verschwendest deine Zeit. Die Aussagen von Major Shinde und seinen Männern sind eindeutig, ebenso wie die von Raja Sharma.«
»Der!«, explodierte Nikam wütend. »Also bitte – das ist doch klar, dass der seinen Freund sofort wieder zum Unschuldsengel erklärt! Genau wie damals bei den Gupta-Ermittlungen! Langsam krieg ich das Gefühl, Sandeep hält sich diesen Sharma als eine Art Allzweckversicherung für seine Untaten in der Hinterhand.«
Trotz seiner Kopfschmerzen konnte Kode nicht anders, als zu grinsen. »Eine Allzweckversicherung, die ihm erst mal ein ordentliches Veilchen verpasst, bevor sie hilfreich in Kraft tritt? Also wirklich, Narendra… dass dir das nicht selbst lächerlich vorkommt!«
»Wie meinst du das?«, schnappte Nikam giftig.
»Na, dieses Veilchen ist doch der beste Beweis, dass Sharma keineswegs immer nur bedingungslos auf Sandeeps Seite steht und blind zu allem Ja und Amen sagt, was er macht«, erläuterte Kode. »Gut, er hat jetzt zweimal hintereinander zu seinen Gunsten ausgesagt, aber das macht ihn noch lange nicht zu einem grundsätzlich unglaubwürdigen Erfüllungsgehilfen von Sandeep.«
»Das einzig Interessante an diesem Veilchen ist für mich, dass es meine Theorie untermauert«, versetzte Nikam. »Sandeep war an diesem Tag eine Bedrohung für seine Umwelt, aus welchem speziellen Anlass auch immer. Selbst sein bester Freund hat sich gegen ihn zur Wehr setzen müssen – und Padar hat eben zur Waffe gegriffen, als Sandeep auch auf ihn losgegangen ist. Warum sämtliche Anwesenden einschließlich Sharma uns eine andere Geschichte erzählen und Sandeep in den Hintern kriechen, weiß ich nicht – aber das krieg ich raus, verlass dich drauf.«
»Ohne jeden Zweifel«, erwiderte Kode mit leiser Ironie. »Und jetzt sei bitte so gut und geh; ich habe einen langen Arbeitstag hinter mir und würde gern endlich Feierabend machen. Wenn du gestattest, natürlich.«
Nikam warf ihm einen bitterbösen Blick zu und erhob sich aus dem Besuchersessel.
»Du wirst schon sehen«, sagte er. »Eines Tages wird Sandeep seine Maske fallen lassen. Und dann wird sich erweisen, dass ich die ganze Zeit recht hatte mit meinem Verdacht gegen ihn. Er kann noch so sehr den Saubermann spielen – mich täuscht er nicht. Und irgendwann krieg ich ihn!«
Damit wandte er sich ab und verließ ohne einen Abschiedsgruß das Büro. Kode ließ erschöpft seinen Oberkörper nach vorne sacken und massierte mit beiden Handballen die schmerzende Stirn. Was hatte er nur verbrochen, dass das Schicksal ihn erst mit einem Gupta und dann mit einem Nikam gestraft hatte?
Er öffnete die Schublade, in der er stets einen kleinen Vorrat an Kopfschmerztabletten verwahrte. Ein Blisterstreifen war noch komplett gefüllt; er drückte eine Tablette heraus und spülte sie mit einem Schluck Wasser hinunter. Während er darauf wartete, dass die Wirkung einsetzte, suchte er in den Aktenstapeln auf seinem Schreibtisch, bis er den Vorgang Rizwan Padar gefunden hatte. Ganz zuoberst lag Nikams Antrag auf Anklage gegen Vikram Sandeep wegen der Tötung des Ex-Soldaten; mit einem resignierenden Seufzer legte Kode ihn beiseite und überflog noch einmal die Aussagen sämtlicher Zeugen, um sicherzugehen, dass er sie auch wirklich korrekt im Kopf hatte. Ja, kein Zweifel, in dem Punkt waren alle sich einig: Padar hatte zuerst geschossen. Nicht Sandeep.
Er schloss die Akte und lehnte sich nachdenklich zurück. Von den vielen Tiraden, die Nikam vorhin abgefeuert hatte, kehrte eine plötzlich unerwartet deutlich in seine Erinnerung zurück: Ein Hindu, der sich ausgerechnet um muslimische Waisenkinder kümmert – kein Mensch kann mir weismachen, dass da nicht irgendein schmutziges Motiv dahintersteckt, das man dringend aufdecken sollte. Am Ende ist der Mann antinational und längst heimlich im Widerstand.
Kode schloss die Augen. Er gab es ungern zu, aber natürlich war das denkbar. Sandeep hatte der Armee Indiens den Rücken gekehrt, um sich in Kashmir für Muslime zu engagieren. Gut, für muslimische Kinder… aber andererseits waren ja gerade Kinder besonders anfällig für jede Art von Ideologie, die man ihnen einimpfte. Und für einen Hindu und ehemaligen Elitesoldaten der indischen Abwehr hatte Sandeep erstaunlich viele Freunde bei den Muslimen im Tal, darunter so prominente wie die Politikerin Najiha Kamaal und so angesehene wie die wohlhabenden Qasibs in Gulmarg und den weisen alten Zimmermann Hassan Harabi, dessen erwachsene Söhne derzeit freiwillig das Dar-as-Salam bewachten, solange man dort noch keinen Ersatz für Rizwan Padar gefunden hatte. Würden alle diese Anhänger des »wahren Glaubens« einen kafir derart unterstützen, wenn sie nicht überzeugt waren, dass er auf ihrer Seite stand? Dass er einer von ihnen war?
Er hätte nicht sagen können, welche Vorstellung ihm in diesem Moment mehr zuwider war: dass Vikram Sandeep sich als Verräter entpuppen könnte – oder das triumphierende Gesicht von Narendra Nikam, wenn sich erwies, dass er tatsächlich von Anfang an recht gehabt hatte.