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Als Ravensburger E-Book erschienen 2020
Die Print-Ausgabe erscheint im Ravensburger Verlag
© 2020 Ravensburger Verlag
Originaltitel: Elementals: Battle Born
© 2020 by HarperCollins Publishers
Published by arrangement with HarperCollins Children’s Books, a division of HarperCollins Publishers.
Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, Hannover.
Umschlaggestaltung: Frauke Schneider unter Verwendung von Motiven von © RedGreen/Shutterstock, © duskbabe/depositphotos und © jag_cz/depositphotos
Vignetten im Innenteil: Adobe Stock/acr123 und Adobe Stock/ulyankin
Übersetzung: Simone Wiemken
Alle Rechte dieses E-Books vorbehalten durch Ravensburger Verlag GmbH, Postfach 2460, D-88194 Ravensburg.

ISBN 978-3-473-51075-7

www.ravensburger.de

Für Kate,
die sich meine Geschichten
schon fast so lange anhört,
wie ich sie erzähle.

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1

In die Weiße Zuflucht zu kommen, war eine gute Idee gewesen. Anders und seine Freunde saßen im Eingangsbereich des uralten Drachenhorts; alle Wölfe und Drachen hatten ihre Menschengestalt angenommen. Es war kaum zu glauben, aber ihnen drohte keine Gefahr – jedenfalls im Moment nicht.

Seit der Katastrophe in Holbard hatte keiner von ihnen viel gesagt. Sie waren einfach losmarschiert, hatten nur kurze Pausen eingelegt und waren schließlich hier hochgeflogen, die Drachen erschöpft und die Wölfe unter Schock. Durch den Zusammenstoß von Schneestein und Sonnenzepter war fast ganz Holbard zerstört worden, die Stadt lag in Schutt und Asche. Auf allen Seiten hatte es Verletzte gegeben. Sie waren verstört und hatten Angst, doch Anders musste seine Freunde davon überzeugen, zusammenzuarbeiten und das Kriegsbeil ein für allemal zu begraben. Doch er wusste auch, dass es immer schwerer sein würde, das Schweigen zu durchbrechen, je länger es anhielt.

„Ich denke …“ Beim Klang seiner Stimme blinzelten die anderen und schauten auf.

Anders hatte gehofft, dass er wissen würde, was er sagen sollte, sobald sie ihm zuhörten. Doch jetzt, wo ihn alle anstarrten, fiel es ihm schwer, die richtigen Worte zu finden.

„Wir müssen überlegen, was wir jetzt machen wollen“, murmelte er verlegen.

„Wir müssen tiefer in den Hort“, sagte Ellukka sofort und beugte sich nach vorn. „Hier im Eingang der Weißen Zuflucht sind wir nicht sicher, wir sind angreifbar. Ich weiß zwar nicht, wie sie hier heraufkommen wollen, aber die Wölfe werden uns jagen. Sie glauben, dass wir die Stadt angegriffen haben.“

„Du hast die Stadt angegriffen“, widersprach Viktoria eisig. „Wir alle haben gesehen, wie du mit diesem … diesem Ding angeflogen kamst. Es hat riesige Risse im Boden hinterlassen – da war Lava!“

„Das war das Sonnenzepter“, konterte Rayna sofort. „Und das haben wir gebraucht, weil die Wölfe den Schneestein benutzt haben, um Vallen mit Kälte zu überziehen und die Drachen umzubringen. Euer Schneestein hat mit seinem Eis mindestens genauso viel Schaden angerichtet.“

„Apropos Drachen“, sagte Theo, „der Drachenrat denkt womöglich dasselbe wie die Wölfe – dass wir versucht haben, die Stadt anzugreifen. Und wenn wir nicht nach Drekhelm zurückkehren, werden sie nach uns suchen. Sie werden ziemlich sauer sein, wenn sie merken, dass wir nicht auf ihrer Seite sind.“

„Und auf wessen Seite bist du?“, fragte Sakarias sofort. „Auf der Seite der Wölfe?“

„Wir sind auf keiner Seite“, verkündete Anders und hob ein wenig die Stimme, um das allgemeine Gemurmel zu übertönen. „Oder vielmehr sind wir auf jedermanns Seite. Wir wollen weder den Wölfen noch den Drachen dabei helfen, aufeinander loszugehen. Und wir müssen zusammenhalten. Wir haben nur noch einander.“

Sieben Wölfe saßen auf einer Seite des Kreises, vier Drachen auf der anderen. Außerdem war da noch Kess, die schwarze Katze, die auf Raynas Schoß lag und mit einer Pfote mit Raynas Haaren spielte. Kess war ganz offensichtlich die Einzige der Runde, die sich nicht die geringsten Sorgen machte.

Es war Nacht und nur die Runen, die knapp unter der gewölbten Decke einmal rund um den Raum liefen, sorgten für ein mattes Licht. Sie waren in das Gestein eingraviert und verbreiteten einen sanften türkisfarbenen Schimmer.

Anders ließ den Blick über alle Anwesenden schweifen und musterte jeden von ihnen einen Moment lang.

Rayna lehnte sich bei ihrer Freundin Ellukka an, ihr Kopf lag auf der breiten Schulter des großen blonden Mädchens. Ellukka verfügte bereits über viele Monate Flugerfahrung, doch Rayna hatte sich erst vor wenigen Wochen zum ersten Mal verwandelt, und sie war erschöpft von der Strecke, die sie heute zurückgelegt hatte, ganz zu schweigen von den vergangenen Tagen, als sie nach den Teilen des Sonnenzepters gesucht hatten.

Anders sah, wie besorgt Ellukka war. Als sie ihren Vater Valerius das letzte Mal gesehen hatte, war er schwer verletzt gewesen. Der Fordrek Leif hatte ihm geholfen, sich nach Drekhelm zurückzuschleppen. Aber es gab keine Möglichkeit herauszufinden, ob die beiden heil angekommen waren.

An derselben Wand wie die Mädchen saßen Theo und Mikkel. Mikkel fuhr sich mit einer Hand durch das kupferrote Haar und betrachtete die Wölfe nachdenklich. Das Schweigen hielt an und der stets hektische Theo nutzte die Gelegenheit, das Gepäck zu öffnen. Er packte alles aus, um nachzusehen, welche Vorräte sie besaßen. Die Drachen hatten ein paar Dinge mitnehmen können, bevor sie Drekhelm verließen. Die Wölfe waren von den Ereignissen vollkommen überrumpelt worden und nie auf die Idee gekommen, dass sie würden fliehen müssen, und so hatten sie gar nichts.

Als Nächstes richtete Anders seine Aufmerksamkeit auf die Wölfe. Seine alten Zimmergenossen Viktoria und Sakarias saßen nebeneinander. Det, Mateo und Jai hielten sich ein wenig abseits, schwiegen und wirkten misstrauisch. Ausnahmsweise hatte keiner von ihnen einen Scherz auf den Lippen.

Nur Lisabet saß bei Anders. Es herrschte nicht nur mangelndes Vertrauen und Argwohn zwischen Wölfen und Drachen, sondern auch zwischen den beiden und den übrigen Mitgliedern ihres Wolfsrudels. Anders und Lisabet hatten sich Wochen zuvor in Drekhelm auf die Seite der Drachen geschlagen und ihre Ulfar-Mitschüler vertrieben.

Sie hatten es getan, um das Leben ihrer Freunde und das der Drachen zu retten, aber Sakarias hatte seinen Arm bis vor Kurzem in einer Schlinge tragen müssen und Anders war nicht sicher, ob er ihm schon verziehen hatte. Es kam ihm vor, als wäre er seit seiner Verwandlung zum Eiswolf nur noch gerannt, in Deckung gegangen oder hatte gekämpft.

„Wenn du wirklich wissen willst, was wir jetzt machen sollen“, sagte Sakarias plötzlich, „wir müssen essen.“ Die Wölfe kicherten, was die Anspannung ein wenig lockerte. Auch Sakarias Lippen verzogen sich zu einem müden Lächeln. „Ich weiß, dass ich ziemlich oft übers Essen rede“, gab er verlegen zu, „aber es wird schon bald ein echtes Problem werden. Für uns ist es das jetzt schon, jedenfalls, wenn die Drachen das, was sie haben, nicht mit uns teilen.“

Mikkel richtete sich empört auf und sah Sakarias strafend an. „Natürlich teilen wir“, fauchte er. Das Lächeln war wie weggeblasen. „Oder hast du gedacht, dass wir euch beim Verhungern zusehen und alles für uns behalten?“

Viktoria kam ihrem Zimmergenossen sofort zu Hilfe. „Woher sollen wir wissen, was ihr tut?“, fragte sie schnippisch. Ihre Eltern kamen aus dem wohlhabenden Westviertel von Holbard und sie war schon immer hochnäsiger gewesen als die anderen Schüler der Ulfar-Akademie. Und jetzt benutzte sie ihren eisigen Tonfall wie eine Klinge. „Ihr habt gerade unsere Stadt angegriffen. Wieso sollten wir dann erwarten, dass ihr uns Essen gebt?“

„Ich finde“, sagte Lisabet ruhig, „dass wir lieber darüber reden sollten, wer was in dieser Schlacht gemacht hat. Und wieso.“

Gemeinsam ließen sie, Anders und Rayna die Ereignisse der letzten Wochen Revue passieren, während Mikkel und Theo in der großen Grube Feuer machten. Der Eingangssaal war kalt und ungemütlich – es gab nicht einmal eine richtige Tür nach draußen, sondern nur einen offenen Torbogen, der auf die Landeplattform der Drachen hinausführte. Der eigentliche Hort lag hinter einer großen Holztür, die aber nur Anders und Rayna passieren konnten. Als ihre Freunde es früher am Tag versucht hatten, war der Boden unter ihren Füßen einfach zerbröckelt.

Mikkel und Theo gaben ihr Bestes und schon bald verbreitete das Feuer zumindest ein bisschen Wärme. Jemand hatte Brennholz bereitgelegt und an einer Schnur hing ein Feuerstein, um es zu entzünden – als hätte man Gäste erwartet, die sich aufwärmen mussten. Die dicken Staubschichten überall machten jedoch deutlich, dass diese Gäste nie gekommen waren.

Es war eine spannende Geschichte, die Anders, Rayna und Lisabet zu erzählen hatten, von Raynas Verwandlung über Anders’ und Lisabets Reise nach Drekhelm bis zur Aufnahme der Wölfe an der Finskól. Ihr nächstes Thema war die überraschende Entdeckung, dass Hayn – der berühmte Artefakt-Erfinder und Lehrer an der Ulfar – der Onkel von Anders und Rayna war. Das bedeutete, dass sein toter Zwillingsbruder Felix ihr Vater gewesen war und Drifa, die Drachenschmiedin, die ihn angeblich ermordet hatte, ihre Mutter.

Sie erzählten den Wölfen, dass Hayn von Drifas Unschuld überzeugt war und ihnen ihre Karte gegeben hatte, mit deren Hilfe sie das Sonnenzepter finden konnten.

„Wir brauchten es, um gegen den Schneestein vorzugehen“, erklärte Anders.

Jai und Mateo tauschten einen schuldbewussten Blick. Sie waren es gewesen, die im Kampf um Drekhelm den Schneestein gestohlen hatten, auch wenn sie zu dieser Zeit nicht wussten, welche Funktion er hatte.

„Sigrid hat den Schneestein benutzt, um ganz Vallen zu vereisen“, fuhr Anders fort. „Sie hätte die Drachen getötet. Und alle hätten darunter gelitten – den Wölfen macht die Kälte nichts aus, aber die Bauern hätten keine Ernte einbringen können und Familien ohne ausreichend Brennholz wären erfroren.“

„Deswegen sind wir auf die Suche nach dem Sonnenzepter gegangen“, erklärte seine Schwester. „Es sollte Wärme verbreiten. Wir haben es nach Holbard gebracht, damit sich die beiden in ihrer Wirkung aufheben und alle in Sicherheit sind.“

Die Wölfe und Drachen rund um die Feuergrube schwiegen einen Moment und mussten wieder an die zerstörte Stadt denken, in der niemand in Sicherheit gewesen war.

„Ich fürchte, wir haben sie zu dicht zusammengebracht“, sagte Anders. „Die Lava unter der Stadt und das Eis auf der Oberfläche stießen zusammen und beide Artefakte explodierten. Die Drachen hatten nicht vor, Holbard in die Luft zu sprengen. Wenn Sigrid nicht versucht hätte, sie alle umzubringen, wäre das alles nicht passiert. Wir wollten nur das Problem lösen, das sie geschaffen hat.“

„Komm bloß nie auf die Idee, eins von meinen Problemen lösen zu wollen“, murmelte Sakarias. Aber er schenkte Anders trotzdem ein weiteres kleines müdes Lächeln.

Sie hatten noch einen weiten Weg vor sich, aber Anders merkte, dass seine Geschichte den Wölfen zu denken gab, und vielleicht sorgte sie auch dafür, dass ihnen die Drachen ein wenig mehr vertrauten.

Rayna brachte sie wieder auf den Boden der Tatsachen, wie schon so oft. „Im Grunde“, sagte sie, „haben Ellukka und – wie heißt du doch gleich? Sakarias? – recht. Wir alle müssen essen, denn sonst sind wir zu nichts zu gebrauchen. Außerdem müssen wir herausfinden, wie wir ins Innere des Horts gelangen. Wir können nicht bis in alle Ewigkeit hier im Eingang bleiben. Es ist eiskalt, wir haben nichts, um darauf zu schlafen, und wenn der Wind noch stärker wird, steht uns eine elende Nacht bevor. Dazu kommt, dass es hier draußen nicht sicher ist.“

„Das stimmt“, bestätigte Lisabet. „Den Drachen ist es zwar nicht erlaubt, hierherzukommen – und das schon seit Menschengedenken –, und für die Wölfe ist es zu hoch oben. Aber wenn wir nicht in den Hort gehen können, ist das hier trotzdem kein gutes Versteck – falls die Drachen auf die Idee kommen, die Regeln zu brechen.“

„Rayna und ich werden nach einer Möglichkeit suchen, alle hineinzubringen“, bot Anders an.

„Und wir treiben etwas Essbares auf“, sagte Theo. „Sakarias, du kannst mir helfen.“

Anders und Rayna nahmen eine der Artefakt-Lampen mit, die in der Nähe des Feuers an der Wand hingen. Während die anderen im Eingangsbereich zurückblieben, gingen sie zu der großen Tür, die ins Innere der Weißen Zuflucht führte. Sie befand sich am hintersten Ende des Eingangssaals, der so riesig war, dass die Gespräche der Freunde hinter ihnen verklangen. Anders fühlte sich so winzig wie die Staubkörnchen, die im Schein ihrer Lampe tanzten.

Die Tür bestand aus dunklem Holz und hatte keine Klinke. Auf der Oberfläche waren metallene Buchstaben befestigt, die das Licht der Lampe auf die Zwillinge zurückwarfen.

KEIN ZUTRITT OHNE

~ DEN PASSENDEN SCHLÜSSEL ~
~ DAS RECHTE BLUT ~
~ UND LAUTERE ABSICHTEN ~

Als sie diese Worte vor wenigen Stunden zum ersten Mal gelesen hatten, wussten sie nicht, was sie davon halten sollten. Aber inzwischen wussten sie, was zu tun war. Das erfüllte Anders und seine Schwester mit Zuversicht. Rayna zog beide Haarnadeln heraus und ihre schwarzen Locken bauschten sich noch höher als zuvor. Sie reichte Anders eine der Nadeln, dann drückten die Zwillinge sie gleichzeitig in die flache Vertiefung der Tür, die kleinen eingravierten Runen einander zugewandt. Den passenden Schlüssel. Anders’ Fingerspitzen kribbelten, als die Essenz im Innern der Artefakte ihre Wirkung entfaltete, und mit einem sanften Klicken öffnete sich die Tür. Dahinter erstreckte sich ein langer Tunnel.

Auf der ganzen Strecke ging eine Lampe nach der anderen an, beleuchtete unzählige Türen, den Steinboden und die Wände, an denen Hunderte langer Metallbänder befestigt waren, die in einem sanften Blaugrün schimmerten und in die winzige Runen eingraviert waren. Die Weiße Zuflucht war ein einziges riesiges Artefakt. Das rechte Blut war auch kein Problem – Anders und Rayna stammten von Drifa ab, und das schien auszureichen. Anders hätte gern gewusst, ob Drifa womöglich eine Nachfahrin jener Drachenschmiede war, die diesen Ort ursprünglich geschaffen hatten.

Kurz bevor die Zwillinge eintreten konnten, hörte Anders ein leises Tappen hinter sich. Als er sich umdrehte, sprang Kess in seine Arme. Er steckte die Katze in sein Hemd, wo sie sich auf seiner Haut zu einem warmen schnurrenden Bündel zusammenrollte.

„Nun“, sagte er, „damit wären der passende Schlüssel und das rechte Blut abgehakt. Aber was ist diesmal unsere lautere Absicht?“ Er wusste, dass – sobald sie ihren Wunsch geäußert hatten – auf dem Boden ein Pfad aufleuchten würde, der sie zu dem Teil der Zuflucht führte, der ihnen helfen oder ihre Frage beantworten konnte. „Eine Möglichkeit zu finden, die anderen hier reinzubringen?“

Rayna nickte und räusperte sich. „Weiße Zuflucht, bitte zeig uns einen Weg, andere Menschen in dein Inneres zu lassen.“

Anders verspürte einen Hoffnungsschimmer, als die Beleuchtung dunkler wurde. Kommt schon, drängte er die Wände um sie herum lautlos. Helft uns, unsere Freunde zu beschützen.

Dann leuchtete ein Teil der Metallbahnen wieder auf, doch statt irgendwohin zu führen, beschrieb der Pfad einen vollständigen Kreis zurück zum Ausgangspunkt. Sie standen in einem Kreis aus Licht.

Anders hätte am liebsten geschrien.

Was sollten sie jetzt tun? Was hatte das zu bedeuten?

„Ist es kaputt?“, fragte Rayna und stampfte im Innern des Kreises mit dem Fuß auf.

Doch als sie ihre Frage wiederholten, bekamen sie dasselbe Ergebnis.

„Also können wir niemand reinbringen“, stellte Anders fest. „Falls die Drachen auftauchen, sitzen unsere Freunde ohne einen Fluchtweg in dem Eingangssaal fest.“

„Dann müssen wir hoffen, dass heute Nacht niemand kommt“, sagte Rayna. „Ich schätze, wir können wenigstens nach etwas fragen, das es den anderen bequemer macht. Vermutlich gibt es hier keine Küche, und wenn doch, würde ich mich lieber davon fernhalten. Der Staub liegt hier so dick, dass es da bestimmt keine Lebensmittel mehr gibt, die irgendjemand essen will.“

Anders war ein neuer Gedanke gekommen und er konnte seine Aufregung kaum bezähmen.

„Wohl nicht“, sagte er. „Aber als wir das letzte Mal hier waren, haben wir gefragt, wie wir zu Drifa gelangen.“

Einer der Leuchtpfade hatte ihnen den Weg gewiesen, aber weil sie zu den anderen zurückkehren mussten, hatten sie keine Chance gehabt, ihm zu folgen. Doch jetzt konnten sie herausfinden, wo ihre Mutter die ganze Zeit gewesen war.

Anders hatte sich sein Leben lang gewünscht, mehr über seine Eltern zu erfahren – ohne sich zu erträumen, dass er sie tatsächlich einmal treffen könnte. Doch genau danach sehnte sich sein Herz nun mehr denn je. Ihre Mutter würde auf seiner und Raynas Seite stehen, nicht auf der der Wölfe oder auf der der Drachen. Er konnte sich ihr Lächeln, ihre guten Ratschläge schon beinahe vorstellen. Es wäre eine solche Erleichterung.

Zu gern hätte er jetzt Hayn bei sich gehabt, aber ihr Onkel war von den Wölfen gefangengenommen worden und während der Schlacht um Holbard verschwunden. Wenn er irgendwo da draußen war, hätte Anders keine Ahnung, wie er ihn finden sollte. Für den Moment mussten die Zwillinge ohne ihn zurechtkommen.

Neben ihm erhob Rayna ihre Stimme. „Weiße Zuflucht, bitte zeig uns, wo Drifa ist.“

Einen Moment lang passierte gar nichts. Dann erloschen die Lampen und die Metallbahnen fast vollständig und es wurde dunkel. Wieder warteten die Zwillinge, und als das Glühen zurückkehrte, konzentrierte es sich auf ein einzelnes langes Metallband im Boden. Es verlief mit seinem blassen blaugrünen Schimmer den Tunnel entlang und dann um eine Kurve.

Anders ergriff die Hand seiner Schwester und benutzte die andere, um Kess an seine Brust zu drücken. Gemeinsam folgten sie dem Pfad, den die Weiße Zuflucht ihnen wies.

Jetzt würde es geschehen.

Sollten sie nach einem Leben als Waisen, die niemals damit gerechnet hatten, die Namen ihrer Eltern zu erfahren, jetzt tatsächlich ihre Mutter treffen? War Drifa wirklich hier? Versteckte sie sich immer noch, nach all diesen Jahren? Warum hatte sie nie nach ihnen gesucht?

Sie hasteten an einer Tür nach der anderen vorbei. Anders war so voller freudiger Erwartung, dass er es kaum noch aushielt. Die Minuten vergingen und sie liefen immer tiefer in die Weiße Zuflucht.

Sie umrundeten eine weitere Kurve und blieben verblüfft stehen – der Pfad endete abrupt an einer Felswand.

Diese Sackgasse war über und über von Textzeilen bedeckt, die in einem sanften Blau leuchteten, doch Anders verstand kein Wort, was aber nicht daran lag, dass er nicht besonders gut lesen konnte. Diese Inschrift ergab einfach keinen Sinn.

Verzweifelt überflog er die Zeilen. Das Herz schlug ihm bis zum Hals, während er nach einem Hinweis darauf suchte, was jetzt von ihm und seiner Schwester erwartet wurde. Neben ihm flüsterte Rayna vor sich hin und ihm war klar, dass auch sie versuchte, die Inschrift zu entziffern.

„Da!“, sagte sie plötzlich und zeigte mit einem Finger auf ein paar Buchstaben. „Da steht barda.“

Anders sah genau hin – sie hatte recht. Barda bedeutete Schlacht auf Alt-Vallenitisch, eine Sprache, die man auf Vallen vor Jahrhunderten gesprochen hatte. Anders und Rayna hatten nach der Schlacht, die sie zu Waisen gemacht hatte, den Nachnamen Bardasen bekommen. Zumindest hatten ihre Retter vermutet, dass sie im letzten großen Gefecht zu Waisenkindern geworden waren – nach dem Ende der Kämpfe waren die beiden Kleinkinder auf der Straße herumgeirrt.

„Vielleicht ist das alles Alt-Vallenitisch“, vermutete Anders. „Schließlich ist dieser ganze Ort uralt. Aber wir kennen nur zwei Wörter in dieser Sprache, nämlich barda und wórde. Das hat Bryn uns beigebracht, weißt du noch? Als wir die Rätsel gelöst haben, um die Teile des Sonnenzepters zu finden.“

Er dachte an Bryn, ihre Mitschülerin an der Finskól und eine geniale Sprachexpertin. Anders sah sie vor sich, wie sie mit einer ungeduldigen Bewegung ihr glattes schwarzes Haar zurückstrich, um voller Konzentration über irgendeinem uralten Text zu brüten. Oh, er wünschte, sie wäre jetzt bei ihnen.

„Das könnte alles Mögliche bedeuten“, stellte Rayna mit einer hilflosen Handbewegung in Richtung Inschrift fest. „Eine Anweisung, wie man durch die Wand auf die andere Seite kommt, ein weiteres Rätsel wie das auf der Karte oder vielleicht ist es auch ein verdammt gutes Kochrezept.“

Sie probierten es mit einem Stich in Anders’ Finger und pressten etwas Blut an die Wand, denn auf diese Weise hatten sie auch Drifas Karte aktiviert und dazu gebracht, dass sie ihren Befehlen gehorchte. Diese Steinwand reagierte jedoch nicht auf das Blut.

Sie überlegten, was sie sonst noch versuchen konnten, doch irgendwann seufzte Rayna. „Wir müssen es später noch einmal versuchen“, sagte sie. „Schließlich sind wir so lange ohne sie ausgekommen, da können wir auch noch etwas länger warten.“

Anders stimmte ihr nur widerstrebend zu. „Wir können nicht die ganze Nacht hierbleiben und raten, was eine Felswand von uns erwartet.“ Nur zu gern hätte er einen Weg durch die Wand gefunden und nachgesehen, was sich auf der anderen Seite befand – ob seine Mutter wirklich dort war –, doch seine Freunde warteten. Und diese Freunde waren nur für ihn in die Schlacht gezogen und hatten ihr Zuhause verloren.

Er warf einen letzten Blick auf die schimmernden Worte, dann trat er zurück. „Weiße Zuflucht“, sagte er. „Unsere Freunde lagern im Eingangssaal. Es gibt dort keine Betten und keinen Platz zum Essen.“

„Und es gibt nur eine Toilette“, fügte Rayna hinzu, was ihn zum Grinsen brachte.

„Weiße Zuflucht, bitte bring uns irgendwohin, wo wir Dinge finden, die den Eingang etwas wohnlicher machen.“

Wie zuvor wurde es dunkel, dann leuchtete ein neuer Pfad auf, der in einiger Entfernung um eine Ecke führte. Anders und Rayna folgten ihm. Kess saß jetzt auf Anders’ Schulter, während sie auch diesmal an unzähligen Türen vorbeigingen, die ins Gestein eingesetzt waren. Sie wussten nicht, was sich hinter all diesen Türen befand, und obwohl Anders seine Neugier kaum bezähmen konnte, gingen sie weiter.

Das Gestein im Tunnel war dunkel und nur grob behauen, doch obwohl es sich anfühlte, als würden sie auf etwas Bedrohliches, Gefährliches zulaufen, fand Anders die Weiße Zuflucht kein bisschen unheimlich. Er fühlte sich hier merkwürdigerweise fast wie zu Hause. Trotzdem war er erleichtert, dass der Pfad diesmal an einer Holztür endete und nicht wieder an einer Felswand.

Er und Rayna sahen sich einen Moment lang an, dann schob Anders den Riegel hoch, der als Türverschluss diente. Die Türangeln gaben keinen Laut von sich, als die Tür aufschwang – so als wären sie erst am Tag zuvor geölt worden. Doch das bemerkte Anders kaum. Er starrte auf das, was sich in dem Raum befand, den sie gerade geöffnet hatten, und es war …

„Was ist das?“, flüsterte Rayna.

So etwas hatte Anders in seinem ganzen Leben noch nicht gesehen. Der Raum war groß, so groß wie eines der Geschäfte in Holbard oder vielleicht das Wohnzimmer eines Hauses, auch wenn er bisher nicht oft in solchen gewesen war. Der Raum war voller … Maschinen?

Enttäuschung machte sich breit, als er alles genauer ansah.

Drähte verliefen von Wand zu Wand wie ein wildes, verworrenes Spinnennetz. Manche waren straff gespannt, andere bewegten sich, zogen an Hebeln und beförderten kleine Eimer hin und her. Darunter befanden sich riesige Kolben und Zahnräder. Das Ganze bildete eine merkwürdige Apparatur, die den gesamten Fußboden einnahm. Plötzlich sah er, wie eine Murmel durch eine kleine Rinne rollte, die links von ihm an der Wand verlief, dann rutschte sie eine lange Schräge herunter und fiel in einen Behälter auf einer Seite einer Wippe. Durch das zusätzliche Gewicht hob sich das andere Ende der Wippe, was einen weiteren kleinen Eimer in Bewegung setzte.

Jedes Teil dieses Apparats schien mit allen anderen verbunden zu sein. Aber wieso?

„Heilige Flamme!“, stieß Rayna aus. „Diese Maschine kann unser Leben in der Weißen Zuflucht unmöglich erleichtern. Ich habe keine Ahnung, was genau sie macht, geschweige denn, wie man sie benutzt.“

„Vielleicht kontrolliert sie irgendwie die Dinge, die wir brauchen?“, überlegte Anders. „Wasser, Wärme, solche Sachen? Aber wer weiß, was wir anrichten, wenn wir etwas falsch machen.“ Er lehnte sich an den Türrahmen und wagte nicht, einen Fuß in diesen Raum zu setzen.

Das Herz hämmerte in seiner Brust und seine Lunge fühlte sich zu klein an, als bekäme er nicht genug Luft. Alle verließen sich darauf, dass die Zwillinge sie durch die große Tür führten – an einen Ort, an dem sie sich verstecken, essen und schlafen konnten. Irgendwohin, wo es besser war als in dem großen zugigen und kalten Eingangssaal. Und jetzt standen er und Rayna hier und sahen sich das Durcheinander aus Hebeln, Zahnrädern und Drähten an, das zu verstehen vermutlich eine Lebensaufgabe war.

Er stieß einen kleinen frustrierten Laut aus. Rayna vergrub das Gesicht in den Händen und ließ die Schultern hängen. Anders hatte das Gefühl, als würden ihm nach der Katastrophe in Holbard alle Knochen wehtun, ganz zu schweigen von der endlosen Herumrennerei auf ganz Vallen, um die Teile des Sonnenzepters zusammenzusuchen. Warum konnte denn nicht irgendwas einfach sein?

Es waren niedergeschlagene Zwillinge, die die Tür zum Maschinenraum schlossen und zu ihren Freunden zurückkehrten. Als sie in den Feuerschein traten, sahen neun Augenpaare hoffnungsvoll zu ihnen auf. Doch ein Blick ins Gesicht von Anders und Rayna reichte aus, um ihnen jede Hoffung zu nehmen.

Jai erhob sich – die roten Haare und die helle Haut leuchteten im Flackern des Feuers –, ging auf die Zwillinge zu und hielt jedem von ihnen die Hälfte eines Sandwichs hin; mehr gab es nicht zum Abendessen. Dann legte Jai ihnen eine Hand auf die Schulter und schob sie zurück zu ihren Plätzen am Feuer.

Anders setzte sich hin. Kess sprang von seiner Schulter und ging von einem zum anderen, als müsste sie sich vergewissern, dass keiner von ihnen etwas Interessantes gemacht hatte, während sie weg gewesen war. Das dunkelbraune Brot war trocken und der Belag matschig, aber es war trotzdem toll, in irgendetwas hineinbeißen zu können. Anders versuchte, möglichst winzige Bissen zu nehmen, damit es länger reichte.

Während sie sich am Feuer wärmten, berichteten er und Rayna, was sie gesehen hatten. Alle anderen waren genauso verblüfft wie die beiden.

„Eins ist sicher“, meinte Lisabet. „Wir werden die Antworten auf diese Fragen bestimmt nicht erraten können. Wir brauchen mehr Informationen, und zwar je schneller, desto besser. Gerade jetzt wird keiner der Erwachsenen damit rechnen, dass wir auftauchen und Nachforschungen anstellen, deshalb sollten wir so bald wie möglich gehen.“

„Gehen?“, protestierte Mikkel, der fast an seinem Sandwich erstickte. „Wohin denn? Nach Drekhelm, wo die Drachen darauf warten, dass wir endlich kommen und für sie kämpfen? Oder nach Holbard, wo die Wölfe glauben, wir hätten sie angegriffen?“

„Also, irgendwas müssen wir tun“, sagte Anders. „Wir können nicht einfach nur hier rumsitzen.“

„Und was schlägst du vor?“, wollte Mikkel wissen.

Die Antwort kam von Lisabet. „Beides. Wir sollten sowohl in den Archiven von Drekhelm suchen als auch in der Ulfar-Bibliothek.“ Sie verstummte kurz. „Oder dem, was noch davon übrig ist. Wir müssen etwas finden, das uns verrät, wie dieser Ort erbaut wurde.“

Theo nickte. „Das müssen wir nachlesen“, bestätigte er. „Niemand von uns weiß genug, um es allein herauszufinden, und wir können auch keinen fragen. Aber Lisabet kennt die Bibliothek in- und auswendig und meine Spezialität sind die Archive in Drekhelm. Vielleicht gelingt es uns mit vereinten Kräften, genug über die Weiße Zuflucht herauszufinden, um hier zu leben.“

„Moment mal“, begann Viktoria, als die Gruppe anfing, halblaut über diese Idee zu diskutieren, „als einzige Heilerin unter uns verbiete ich euch allen, heute Nacht irgendwo hinzugehen. Wir sind erschöpft und es ist zu gefährlich.“

„Ich könnte nicht fliegen, selbst wenn ich es wollte“, gab Ellukka zu, und Anders, Lisabet und alle Drachen wussten, was sie eigentlich sagen wollte: Wenn sie als Stärkste unter ihnen nicht fliegen konnte, konnte es keiner.

Aber Anders war nicht sicher, ob das der einzige Grund war, aus dem Viktoria ihnen für diese Nacht Flugverbot erteilt hatte. Ihm blieb nicht verborgen, wie sie Sakarias, Det, Jai und Mateo ansah, und wie die vier diesen Blick erwiderten. Es war unübersehbar, dass sie darauf brannten, miteinander zu reden. Wölfe und Drachen mochten zwar gemeinsam hier gestrandet sein, aber trotz der zaghaften ersten Schritte war es noch ein langer Weg, bis sie sich gegenseitig wirklich vertrauten.

„Lasst uns schlafen“, sagte Rayna. „Und bei Morgengrauen brechen wir auf.“

Dagegen gab es keine Einwände. Die Wölfe verwandelten sich, damit sie im Rudel am Feuer schlafen konnten – und, davon war Anders überzeugt, damit sie reden konnten, ohne dass die Drachen sie verstanden.

Die Drachen blieben in ihrer menschlichen Form und legten sich möglichst nah ans Feuer.

Anders zögerte noch einen Moment lag. Sollte er sich ebenfalls verwandeln und an dem Wolfsgespräch teilnehmen? Oder sollte er sie ohne ihn diskutieren lassen? Seine Freunde hatten zwar ihr Leben riskiert, um ihn zu retten, aber diese Entscheidung war im Eifer des Gefechts gefällt worden. Es bedeutete nicht, dass sie ihm vergeben hatten oder ihm wirklich vertrauten.

Rayna lag neben Ellukka, aber Anders fiel auf, dass sich auch Lisabet nicht verwandelt hatte. Sie war damit beschäftigt, das Feuer so sehr anzufachen, dass es die ganze Nacht brennen würde. Vielleicht beschäftigte sie sich aber auch nur mit dem Feuer, um den anderen etwas Freiraum zu geben. Mit einem leisen Seufzer stand Anders auf und drehte eine letzte Runde durch den Eingangssaal.

Er wanderte zu dem Bogen, der auf die Landeplattform hinausführte, starrte in den niemals verschwindenden Nebel und fragte sich, was wohl jenseits davon lag. Er trug eine Last auf den Schultern und hatte keine Ahnung, wie er sie loswerden konnte.

Er fühlte sich verantwortlich. Nur wegen ihm hatten seine Freunde kein Essen, keinen Schutz, keine Verbündeten und wurden von Wölfen und Drachen gleichermaßen gejagt. Sie hatten keine andere Hoffnung, als sich durch die Trümmer von Holbard zu wühlen, durch die Verwüstung, die sie angerichtet hatten, oder sich nach Drekhelm zu schleichen, um vielleicht etwas über ihr Versteck zu erfahren.

Er überlegte, ob sie sich nicht lieber anderswo verstecken sollten als in der Weißen Zuflucht, aber dies war der Ort, an dem sich seine Mutter zuletzt aufgehalten hatte und an dem sie immer noch war, wenn er den leuchtenden Pfaden glauben konnte.

Es gab hier so viele Artefakte und Geheimnisse. Wenn es irgendwo Antworten auf diese Katastrophe gab, dann in der Weißen Zuflucht.

An anderen Orten könnten sie sich vermutlich besser verstecken, aber nur die Weiße Zuflucht konnte ihnen helfen.

Sie hatten keine andere Wahl. Sie mussten bleiben. Doch als er beim Starren in die Glut des Feuers allmählich einschlief, sorgte diese Entscheidung dafür, dass er sich immer unbehaglicher fühlte.