Stanisław Lem
Best of Lem
Herausgegeben und mit einem Nachwort von Jan-Erik Strasser
Suhrkamp
[…] »Sie sind, ohne es zu wollen … in eine sehr komplizierte Lage geraten.« Er schien jedes Wort auf die Waagschale zu legen. »Eines müssen Sie wissen: So wie Sie bis jetzt waren, werden Sie nicht mehr sein.«
Blitzschnell kam mir der Einfall, daß hier die Zentrale einer hervorragend organisierten Gang sei – oder vielleicht eine politische Gruppe von Faschisten oder etwas von der Art?
Aber wozu diese Bücher?
»Oder Sie werden hier gar nicht herauskommen, oder …«, er hielt inne. Sie betrachteten mich gelassen, aber ich spürte trotzdem eine gewisse Spannung.
»Oder?« fragte ich und wandte mich an den, der mir schon einmal eine Zigarette angesteckt hatte.
»Entschuldigung, darf ich Sie bitten? Wie Sie sehen, kann ich mich meiner Hände nicht bedienen und würde gerne rauchen.«
Er steckte mir langsam (alles machten sie langsam, es war lächerlich, aber zugleich schrecklich – als spielten sie eine Rolle auf der Bühne) eine Zigarette in den Mund und gab mir Feuer. Die anderen warfen einander Blicke zu – zum zweiten Mal.
»Oder Sie werden zu uns gehören …«, schloß der Mann mit dem Lorgnon. »Und es scheint mir, daß das der Fall sein wird.«
»Der Anschein kann trügen«, erwiderte ich und bemühte mich ebenfalls, langsam zu sprechen, nicht so sehr, um mich ihnen anzupassen, sondern eher, um den Cognacnebel zu beherrschen, der nach dem langen Hungern meine Sinne verwirrte.
»Darf ich wissen, worum es geht?«
Der Mann mit dem blassen breiten Gesicht, der bis jetzt geschwiegen hatte, hob den Kopf.
»Das können Sie natürlich nicht wissen«, sagte er in irgendwie entschuldigendem Tonfall. Und lauter: »Ihnen ist es doch nicht ganz egal. Unsere Devise ist einfach: gehorchen und schweigen.«
Ich muß zugeben, daß mich dieses Gespräch in einen sonderbaren Zustand versetzte. Als ich von dieser seltsamen Gesellschaft zum Verschwinden, gleichsam zum Tod verurteilt worden war, war mir bewußt geworden, daß meine Situation hoffnungslos war, doch die neue Wendung erweckte neue Kräfte in mir. Ein Mensch in auswegloser Lage wird apathisch, abgestumpft. Ein Hoffnungsstrahl aber genügt, und die Kräfte vervielfachen sich, alle Sinne werden bis zum Äußersten geschärft, und man wird zu einem einzigen gespannten Muskel, um das Leben mit den gewaltigsten Anstrengungen zu meistern. Das war auch bei mir der Fall. Während ich mit gedämpfter Stimme sprach, musterte ich gleichzeitig mit blinzelnden Augen die Umgebung und schätzte die einzelnen Entfernungen ab. Flucht? Warum nicht? Ja, das war der letzte Ausweg. Ich konnte nach einem massiven Aschenbecher greifen und ihn dem Anführer an den Kopf werfen, aber das wäre eine Dummheit. Weitaus besser wäre es, ihn gegen die große elektrische Lampe zu schleudern, die den Saal erhellte. Es ging lediglich darum, ob in der runden matten Kugel eine oder mehr Birnen glühten? Davon konnte alles abhängen. Gut, aber die Tür? Diese sonderbare Tür, die sich von selbst öffnete und schloß. Ich stand mit dem Rücken zu ihr und wußte nicht, ob sie eine Klinke hatte.
»Sie dürfen keine Fragen stellen …«, sagte langsam und mit Nachdruck der Mann mit dem bleichen, schweißüberströmten Gesicht und drückte die Zigarette in dem silbernen, ziselierten Aschenbecher aus. Er fegte ein unsichtbares Staubkörnchen von der Manschette und heftete plötzlich seinen kühlen blauen Blick auf mich.
»Erlauben Sie …«, ich lächelte und zuckte leicht mit den Achseln; dabei sah ich verstohlen zur Tür. Sie hatte eine gewöhnliche Klinke. Ich hatte das Gefühl, daß ich doch …
Ein Mann, der unserem Gespräch gar nicht zugehört zu haben schien, sagte auf einmal einige Worte in einer mir unverständlichen Sprache. Es waren Rachenlaute. Mein Gesprächspartner beugte sich über die Tischplatte und sagte schnell und leise:
»Sind Sie einverstanden?«
»Womit?«
Ich wollte um jeden Preis Zeit gewinnen.
»Sie haben die Wahl, entweder unserer …«, hier zögerte er. (Es mangelt ihnen wohl an Praxis, dachte ich. Das ist keine Gang. Dort haben sie andere Manieren.) »… Organisation beizutreten oder unschädlich gemacht zu werden.«
»Das heißt, auf Bodentemperatur abgekühlt, wie?«
»Nein«, sagte er ruhig. »Wir werden Sie nicht töten. Wir führen lediglich eine kleine Operation durch, nach der Sie den Rest Ihres Lebens ein Idiot sein werden.«
»Ja … Und was soll ich in der ›Organisation‹ tun?«
»Nichts, was Ihre Möglichkeiten übersteigen würde.«
»Geht es um etwas Gesetzwidriges?«
»Welches Gesetz meinen Sie?«
Ich war verblüfft. »Nun ja … unser amerikanisches Gesetz.«
»Zweifellos … manchmal«, antwortete er. Wie auf Befehl lächelten jetzt alle. Gasmasken, hätte man meinen können, die sich für einen Augenblick belebten. Ich machte eine langsame Fußbewegung, um durch die Drehung den Aschenbecher in mein Blickfeld zu bekommen. Schaffte ich es, ihn mit gefesselten Händen gegen die Lampe zu schleudern? Ich war kein schlechter Sportler. Im selben Augenblick beugte sich der Mann mit dem Lorgnon bis zu einem auf dem Tisch stehenden Oleander in einem schönen Jaspistopf hin und sagte einige Worte, die ich nicht verstehen konnte. Die Tür öffnete sich, und der Fahrer mit seinem Helfer erschien.
»Abführen – in den Operationssaal«, sagte der Anführer. »Und die Handschellen abnehmen.«
Der Fahrer trat zu mir her – der Schlüssel knirschte im Schloß. Im nächsten Augenblick versetzte ich ihm mit dem stählernen Armband der linken, noch gefesselten Hand einen Schlag an die Schläfe und gab ihm gleichzeitig einen Fußtritt in den Hintern. Er fiel um, ohne einen Laut von sich zu geben. Aber noch während sein großer Körper in meine Richtung fiel, faßte ich ihn am Kragen seiner Lederjacke und schleuderte ihn mit aller Kraft zwischen die Männer, die vom Tisch aufsprangen. Der riesige Körper stieß den Tisch um, einige Sessel kippten – ich wartete nicht ab, was weiter geschehen würde, sondern stürzte zur Tür. Sonderbarerweise schoß niemand. Der Helfer des Fahrers stand mit leicht gespreizten Beinen ruhig in der Tür, als wollte er plötzlich einen lange nicht gesehenen Bekannten begrüßen.
Ich schlug ihm mit der linken Faust an das Kinn, das heißt, ich zielte auf diese Stelle, doch er parierte meinen Schlag mit der Handkante, so daß ich einen scharfen Schmerz in der Hand verspürte, die unwillkürlich herunterfiel. Der Mann konnte Jiu Jitsu – das war fatal.
In diesem Chaos, als ich hinter meinem Rücken Schritte vernahm, die sich mir näherten, blitzte in mir die Erinnerung an den stämmigen kleinen Itchi-Hasam auf, der in Kyoto japanischen Kampfsport unterrichtete. In der letzten Lektion hatte er mich zwei Griffe gelehrt, die den Europäern unbekannt sind und die zum Tode führen. Es sind Schläge mit beiden Händen, von unten, die scherenartig die Kehle zertrümmern. Der, den ich mit der ganzen Kraft der Verzweiflung ausführte, gelang nur zum Teil. In dem Augenblick, als ich seinen gespannten Körper spürte, ergriffen mich starke Arme von hinten. Ich warf mich zu Boden, doch der Kampf dauerte nicht lange. Aus der Masse der bebenden Hände und Füße erhob ich mich, an den Kleidern festgehalten, und wurde sonderbarerweise zu Tisch gebeten.
Einer der nach Atem Ringenden schob mir einen Sessel zu, und als ich verdutzt und zittrig hineinfiel, schob mir der zweite eine lange Zigarette in den Mund, der dritte gab mir Feuer; und sie ließen sich alle bei mir nieder, wie zu einem geselligen Gespräch nach einer kurzen Pause.
Der Fahrer machte sich schnell davon, zusammen mit dem Helfer, der röchelte, Blut spuckte und sich die verletzte Kehle hielt.
Nach einer Minute des Schweigens sagte der Anführer:
»Sie haben die Prüfung bestanden … Sie gehören bereits zu uns.«
»All das war natürlich eine Komödie«, fügte er hinzu, als er meinen staunenden Blick bemerkte. »Wir haben Ihnen eine Chance gegeben, und Sie haben sie wahrgenommen.«
»Eine originelle Art und Weise …«, sagte ich und massierte mir den Oberarm. »Darf ich wissen, welche Scherze die Herren noch in petto haben? Mir als erfahrenem amerikanischem Reporter ist so etwas noch nie zugestoßen.«
»Das glaube ich Ihnen gern«, sagte der Mann mit dem bleichen Gesicht. »Erlauben Sie, daß ich Sie mit den Anwesenden bekannt mache: es sind Doktor Thomas Kennedy« – er wies auf den Mann mit dem Lorgnon – »hier Mr. Gedevani, Ingenieur Fink, und ich heiße Frazer.« Die Herren verbeugten sich und reichten mir die Hand. Ich wußte nicht, ob ich mich ärgern oder ob ich lachen sollte.
»Und ich heiße …«
»Das wissen wir, das wissen wir ganz genau, Mr. McMoor – Sie stammen aus Schottland, nicht wahr?«
»Meine Herren, bitte, genug der Scherze!«
»Wir verstehen Sie völlig«, sagte Frazer. »Nun, in kurzen Worten: So wie wir hier sitzen, sind wir eine Organisation, die eigentlich keine rein wissenschaftlichen oder wirtschaftlichen oder gar« – er lächelte – »räuberischen Zwecke verfolgt. Glauben Sie nicht, daß wir Faschisten sind«, fügte er noch schnell hinzu, denn er erkannte, daß mein Gesicht länger wurde. »Wir sind auch kein Klub gelangweilter Millionäre.«
»Und wenn Sie eine ganze Stunde so fortfahren«, sagte ich bissig. »Ihr seid auch keine Gesellschaft für den Schutz entgangener Schnitzel oder ein Klub zur Versorgung der eigenen Tasche …«
»Es ist eine Sache, die schwer zu verstehen und noch schwieriger zu glauben ist«, sagte ein Mann in schwarzem Anzug mit schmalem Gesicht, das ein gepflegter silbriger Schnurrbart zierte. Der Präsident des Vereins hatte ihn Ingenieur Fink genannt. »Allem Anschein nach werden Sie sich für die Sache nicht nur näher interessieren, sondern ihr auch all das opfern, was wir geopfert haben.«
»Und das heißt?«
»Das heißt alles«, sagte er und stand auf. Die anderen hatten sich ebenfalls erhoben, und Frazer wandte sich an mich:
»Wollen Sie mir folgen? Ich muß Ihnen die Sache genau erklären.«
Ich verbeugte mich und folgte ihm über den schalldämpfenden dicken Teppich.
Wir kamen zur Tür, die sich von selbst öffnete, als wir zwei Schritte von ihr entfernt waren. Ich bemerkte, daß wir allein waren – die anderen Verschwörer (wie ich sie in Gedanken nannte) waren in der Bibliothek zurückgeblieben. Der Korridor führte zu mir unbekannten Treppen, die in einem Betonblock eingebaut waren: ohne Fensteröffnungen, schwer, massiv. An den Wänden glühten überall die matten quadratischen Lampen. Der Korridor im zweiten Stock glich ganz dem unteren – mein Führer ging mit mir zu der Tür, die auf der Plattform zu sehen war, öffnete sie und trat als erster ein.
Es war ein kleiner Raum, vollgestopft mit physikalischen Instrumenten und Büchern. An den Wänden hingen Landkarten – wie es mir schien, zeigten sie eine Wüstengegend –, und auf dem Fußboden standen verschiedene Globusse. Das Mobiliar bestand aus einem riesigen amerikanischen Schreibtisch, einigen Fauteuils und Tischen mit komplizierten Apparaten mit unzähligen Kathodenröhren.
Das fiel mir als erstes ins Auge, als ich mich, dazu aufgefordert, setzte und zu meinem Gastgeber hinüberschaute. Er war sonderbar konzentriert und ernst. »Mr. McMoor, ich bitte Sie sehr, verstehen Sie mich richtig, und wenn möglich, schenken Sie allem, was ich Ihnen zu sagen habe, Glauben. Ich werde später versuchen, Ihre Zweifel mit Hilfe anschaulicher Mittel zu zerstreuen.« Er machte eine ausladende Geste und fragte, während er eine Zeitung vom Tisch aufnahm: »Erinnern Sie sich, welches Phänomen sich vor drei Monaten am Himmel unserer Hemisphäre gezeigt hat?«
Ich zerbrach mir den Kopf. »Es kommt mir vor, als sei ein großer Komet erschienen oder auch ein Meteor – ich kann mich nicht recht entsinnen«, sagte ich. »Wir waren damals mit der Kapitulation Deutschlands beschäftigt – Astronomie samt Meteorologie waren Nebensache.«
»Genauso war es.« Mein Gesprächspartner schien hoch zufrieden. »Sie müssen wissen, daß ich Physiker von Beruf bin. Sogar Astrophysiker«, fügte er nachdenklich hinzu. »Der von Ihnen erwähnte Meteorit fiel an der Grenze von Nord- und Süddakota und löste Waldbrände aus. Auf einer Fläche von dreitausend Hektar wurde der Wald zerstört. Da ich in der Gegend war, machte ich mich auf, um mit den Kollegen vom Mount Wilson Observatorium die Absturzstelle des Meteors zu suchen. Es war eine zerklüftete Schlucht – dieser Himmelskörper schien sich den Gesetzen der Himmelsmechanik wenig zu fügen: er berührte die Erdkruste unter einem sehr kleinen Winkel, fast horizontal. Beinahe zwei Kilometer raste er über den Wald und riß eine Furche auf, die zwölf Meter tief war, er setzte Bäume in Brand und warf sie mit einer gewaltigen Druckwelle um, bis er sich in einen Hügel eingrub, dessen Gipfel bis zu einer Tiefe von mehreren Dutzend Metern abgetragen wurde. Die Hitze des immer wieder aufflammenden Waldes erschwerte den Zugang zu der Stelle, wo sich der rätselhafte Meteorit befand. Das Sonderbare daran war, daß wir in der Nähe keine Splitter von Meteoreisen fanden, überhaupt nichts, was uns über die Struktur dieses Gebildes hätte Aufschluß geben können. Mit Hilfe der herbeigeschafften Maschinen und Arbeiter gelang es mir, diesen Körper nach künstlicher Abkühlung auszugraben – von den verschiedenen Schwierigkeiten, die damit zusammenhingen, berichte ich Ihnen ein anderes Mal. Dieser Bolide ist zur Zeit hier, Sie können ihn am Tag sehen, sogar morgen. Er ist eigentlich kein Bolide …«, er zögerte.
»Ist es vielleicht ein Raketengeschoß aus Europa?« fragte ich. »Die Deutschen versuchten, sie abzuschießen, doch soviel ich weiß, nur auf die britischen Inseln.«
»Ja, es ist ein Raketengeschoß«, sagte Frazer. »Sie sind sehr scharfsinnig. Aber es stammt nicht aus Europa.«
»Japan?«
»Weder noch …«, und er wies auf die großen Weltkarten, die an der Wand hingen. Ich betrachtete sie sehr genau. Große sonderbare gelbe Flächen, gewundene, dunkle, gleichsam mit Wald bedeckte Massive, weiße Schneekappen auf den Polen – ich erkannte plötzlich ein winziges, engmaschiges Kanalnetz.
»Mars!« schrie ich fast.
»Ja, es ist ein Geschoß vom Mars«, sagte Frazer langsam und legte einen Gegenstand vor mich hin, den er behutsam aus einer Schublade geholt hatte.
»Und das ist die erste Nachricht von einem anderen Planeten …«
Auf der roten Schreibtischplatte lag eine blauglänzende Walze aus einer metallischen Substanz. Ich griff mit der Hand danach – sie blieb hängen.
»Ist das Blei?« fragte ich.
Mr. Frazer lächelte. »Nein, kein Blei … es ist ein auf der Erde sehr seltenes Metall: Palladium.«
Ich drehte den Verschluß langsam auf – sein Gewinde glänzte matt … Ich sah ins Innere: Es handelte sich um eine hohle Walze, die mit Pulver gefüllt war.
»Und was ist das?«
Frazer schüttete das Pulver auf ein Blatt weißes Papier, dann legte er das Papier auf eine weiße Platte, die an zwei Stativen befestigt war, und legte die Metallwalze darunter. Er bewegte sie einmal in die eine, dann in die andere Richtung. Ich glaube, ich schrie auf.
Auf dem Papier fügten sich die Pulverpartikel, wie Splitter, zu einer Zeichnung zusammen: zu einem Dreieck mit seitlich angefügten Quadraten. Der pythagoreische Lehrsatz. Darunter befanden sich drei kleine Markierungen, die Noten glichen. Frazer schüttete das Pulver sorgfältig in die Walze und legte sie in die Schublade. Dann sah er mich an, um zu prüfen, welchen Eindruck diese seltsame Vorführung auf mich gemacht hatte.
»McMoor, dieses Geschoß brachte nicht nur Nachrichten von einem anderen Planeten … sondern auch lebende Eindrücke.«
»Menschen vom Mars?«
»Wenn das die Menschen … im Geschoß befand sich ein ungemein komplizierter Mechanismus … Wie soll ich es Ihnen erklären? Mir fehlen die Worte. So etwas wie ein mechanischer Roboter … Sie werden ihn sehen … wir glaubten, die Rakete sei von einem Roboterpiloten gelenkt worden. Aber nein: Es zeigte sich, daß sich an einer gewissen Stelle im Zentrum etwas befindet – nicht zu glauben – kommen Sie, das müssen Sie sehen. Ich selbst beginne, an die eigene nervöse Verwirrung zu glauben, wenn ich das nur einen Tag lang nicht sehe …«
Wir gingen auf den Korridor hinaus. In meinem Kopf ging alles durcheinander, ich achtete nicht mehr auf die Umgebung, ich bemerkte nur, daß wir in den Aufzug stiegen, dessen Schacht in der Mitte des von den Treppen umgebenen Blocks gähnte. Die Fahrt war kurz. Unten war der gleiche Korridor – lang, nur dunkler, denn jede zweite Wandlampe brannte nicht.
Die Riegel knarrten, mächtige Türen, angeordnet in Form einer eisernen Schleuse, schoben sich langsam auseinander – ich trat hindurch. Ich verspürte einen schweren, unangenehmen Geruch. Ich hörte das schwache rhythmische Dröhnen einer Pumpe, verbunden mit dem Schmatzen des Öls in den Ventilen. Das Licht strahlte: Es war der Raum mit den stählernen Türen und einer tiefen Decke. In der Mitte waren zwei mächtige Holzstützen zu sehen und dazwischen, aufgebockt, lag eine formlose Maschine, schwarzglänzend und blauschimmernd. Sie sah aus wie ein Zuckerhut, der Metallspiralen zu Boden sinken ließ. Auf dem Boden glitzerten Nägel und Kiefernadeln. An verschiedenen Stellen waren hellere Streifen zu erkennen, die aussahen, als bestünden sie aus einer gläsernen Masse. Die Spitze des Kegels wies etwas Ähnliches wie eine Metallkappe oder eine große Schraube auf.
»Das ist der Mensch vom Mars«, sagte Frazer sehr leise. »Sehen Sie!« Er kam und drehte die Kappe langsam einmal in die eine, dann in die andere Richtung. »Hier ist der Behälter. Rühren Sie bloß nichts an«, fügte er erschreckt hinzu, als ich mich zu tief vorbeugte. Ich sah eine Birne, nicht größer als eine große Orange, die eine Vielzahl von Drähten aufwies, sie gingen von einem Pol aus.
»Oh, hier ist das Fensterchen …«
Tatsächlich, diese Stahl- oder Palladiumbirne hatte auf dem abgewandten Ende ein Fenster, das mit einer durchsichtigen Masse gefüllt war. Ich sah hinein. Dort war ein sehr schwaches, langsames, aber rhythmisches Blubbern zu sehen. In den Augenblicken des Zusammenballens sah es so aus, als bestünden die leuchtenden Streifen aus Gelatine oder Gallerte. In den Augenblicken des Dunklerwerdens waren einzelne, blaß leuchtende Punkte zu sehen, bis sie im nächsten Stadium in einem Blitz verschmolzen.
»Was ist das?« Unwillkürlich flüsterte ich.
»Er ist, so scheint mir, noch nicht zu Bewußtsein gekommen, oder vielleicht hat er bei der Landung etwas abbekommen«, sagte Frazer und setzte die Kappe auf. Er führte mich schnell auf den Korridor hinaus, drehte die Kurbel, die die dicke Stahlplatte der Tür versperrte, schaute sich erleichtert um – wo war der beherrschte Mann aus dem oberen Saal geblieben? – und sagte:
»Das, was Sie sahen, ist gerade das einzige Lebende … in ihm.«
»In wem?«
»Nun ja, in diesem Gast vom Mars … das ist eine Art Plasma – wir wissen noch nicht so richtig, was …«
Er beschleunigte den Schritt. Ich musterte ihn von der Seite, bis er den Kopf hob.
»Ich weiß, was Sie denken, aber wenn Sie gesehen hätten, was er tun … ja, so wie ich es gesehen habe – ich weiß nicht, ob Sie diesen Raum noch einmal freiwillig betreten würden.«
Mit diesen Worten zwängte er sich in den Aufzug.
Der Aufzug summte leise und stieg mühelos nach oben. In meinem Kopf rauschte es, ich spürte einen leichten Schwindel und griff nach der Türklinke. Plötzlich blieben wir stehen. Frazer blickte mich eine Weile forschend an, als wolle er den Eindruck prüfen, den diese ungewöhnliche Demonstration auf mich gemacht hatte … Dann öffnete er die Tür und ging als erster hinaus.
Wir waren wieder im ersten Stockwerk. Da wir in die der Bibliothek entgegengesetzten Richtung gingen, kamen wir zum Knick des Korridors. Dort endete die Mauer. Auf der rechten Seite sah ich die hohen, in die Betonrillen eingegossenen Glasplatten, die einen Teil des Raumes abtrennten, er sah aus wie ein astronomisches Observatorium. Frazer zog mich weiter zu einigen kleinen weißen Türen und klopfte.
Von innen rief eine leise, heisere Stimme: »Herein!« Wir betraten einen winzigen Raum, der mit Papieren vollgestopft war, und auf dem großen Tisch, auf den Fensterbänken, Stühlen und Schränken lagen Photos und Skizzen, so daß es mir vorkam, als reichte der Platz nur für den Zwerg, der zu unserer Begrüßung den Kopf vom Tisch hob. Es war ein interessanter Typ – ein alter Mann mit rosigem Gesicht, das mit graumelierten Stoppeln bedeckt war – man könnte sagen, ein Kinderbonbon. Auf diesem Gesicht, das immer wieder seinen Ausdruck wechselte, glänzte eine mächtige, goldgefaßte Brille, hinter der sich dunkle, durchdringende, gar nicht lustige Augen verbargen, sie standen zu seinem jovialen Aussehen im Gegensatz.
»Herr Professor, das ist der junge Mann, der gegen seinen Willen zu uns gekommen ist.«
»Haha, Sie sind es, Sie sind in unsere Falle geraten, wie?« begann der Alte und schob die Brille auf die Stirn. »Ich glaube, Sie werden noch Karriere machen.« Kritisch musterte er meine Kleidung, die, von den Spuren der kürzlichen Schlacht in der Bibliothek abgesehen, deutliche Abnutzungserscheinungen zeigte. »Bei uns werden Sie nicht verkommen. Ja, es ist eine wichtige Sache – setzen Sie sich bitte.«
Wir setzten uns. Auf Stühle, die mit Zeichnungen, Stößen beschriebener Bögen und Tafeln bedeckt waren.
»Also, es ist so … Mr. Frazer hat Ihnen bereits unseren hehe, hehe, unseren Gast gezeigt?«
Ich nickte.
»Man sollte es nicht glauben, was? Aha, ich weiß, ja … Was ich sagen wollte, also Sie wundern sich, was das für ein Mysterium ist und was es mit diesen Mauern und Schlössern im Gang auf sich hat.« Er lachte, hob die Brille auf, die heruntergefallen war, und sagte in einem ganz anderen Tonfall, gleichmäßig und ruhig, wobei er die Wörter mit erhobenem Zeigefinger betonte:
»Es ist so: Dieser Gast vom Mars … kann der Menschheit sehr viel Nutzen bringen … aber noch mehr Unglück. Es sind also einige Leute zusammengekommen und haben die nötigen Mittel für diesen Zweck aufgebracht: das Wesen des Ankömmlings kennenzulernen … eines Boten von einem anderen Planeten, sich mit ihm zu verständigen, herauszubringen, ob und wieviel er von uns weiß, welche technische oder geistige Überlegenheit er besitzt – um dies für das Wohl der Allgemeinheit herauszufinden oder um ihn gegebenenfalls zu vernichten.« Die letzten Worte sagte er, ohne den Ton zu heben, völlig ruhig, und gerade das verstärkte den Eindruck.
»Wir müssen uns selbstverständlich vor Neugierde schützen – in erster Linie vor der der Presse – unserer grandiosen Presse«, fügte er hinzu und zwinkerte spitzbübisch, wieder das joviale Onkelchen. »Haben Sie mich richtig verstanden?«
»Ich habe verstanden. Ich möchte jetzt fragen, ob und zu welchem Zweck ich Ihnen, meine Herren, behilflich sein kann. Ich besitze keine speziellen Fertigkeiten. Ich könnte mein Ehrenwort geben und abhauen. Ich gebe zu, diese Sache ist ungemein faszinierend und die Möglichkeit ihrer Beschreibung, wenn die Wahrung des Geheimnisses nicht mehr notwendig ist, würde mich unendlich reizen, aber ich glaube nicht, daß ich nur deshalb bei Ihnen bleiben muß, weil mich ein Zufall hierher verschlagen hat und ich sozusagen als Fremdkörper hier bleiben und das Schicksal des Fremden teilen muß: entweder hinausgeschleudert oder absorbiert zu werden.«
»Haben Sie Medizin studiert?« fragte der Professor und betrachtete mich aufmerksam.
Winzige Lichtpünktchen tanzten auf seiner Brille.
»Habe ich … ein paar Jahre lang.«
»Das sieht man gleich«, bemerkte er. »Was Ihr Weggehen von hier angeht: Ich weiß nicht, ob sich da etwas machen ließe. Bedenken Sie, daß eine solche Sensation in der Presse … so etwas Ungeheures …«
Ich richtete mich unwillkürlich auf, denn er winkte einige Male mit der Hand, als würde er etwas streicheln, und sagte: »Bitte seien Sie nicht beleidigt … ich stelle Ihr Wort nicht in Frage – das Wort eines Schotten«, er lächelte. »Aber wissen Sie, da ist der Spürsinn eines Reporters. Ich glaube übrigens, Sie werden uns nützlich sein und wir Ihnen um so mehr. Wir erwarten zur Zeit einen einzigen« – er zögerte –, »einen Ingenieur aus Oregon, der uns bestimmte Konstruktionsteile von unseren Freunden bringen soll. Wir haben zwar ein Team von hervorragenden Fachleuten, aber es mangelt uns an jemandem mit gesundem Menschenverstand« – wieder zwinkerte er mir zu –, »und ein solcher Verstand ist eine sehr feine Sache. Wir können ihn auch sehr gut brauchen … Haben Sie von der Konstruktion des AREANTHROPOS gehört?«
»Allerdings – nur hatte ich bislang noch nicht einmal Zeit, sie zu verdauen … auch habe ich den Areanthropos nur kurz gesehen.«
»Ich weiß, ich weiß … dort sitzen ist sowieso ungesund«, bemerkte der Professor leise, ohne mich anzusehen. »Wir wissen noch nicht, wie das wirkt. Es kommt mir vor, als sei es eine Art Strahlung – manche Körper glänzen in der Nähe des Apparates – und auch, während er aus dem Geschoß hervorgeholt wird.«
Ich sah ihn aufmerksam an. Der Professor schrumpfte irgendwie zusammen und zitterte.
»Aber lassen wir das … Sie werden schon noch Näheres hören.« Er hob plötzlich den Kopf.
»Sie müssen wissen, daß unser Spiel sehr gefährlich ist – dieser Apparat oder das Wesen oder das im Apparat eingesperrte Wesen – wir finden uns noch nicht zurecht – besitzt verschiedene sonderbare Eigenschaften und kann uns eine hübsche Überraschung bereiten.«
»Warum wollen Sie ihn nicht in Teile zerlegen?« raffte ich mich auf. Beide Männer verzogen das Gesicht.
»Leider, solche Versuche gab es …«, und, ohne mich anzusehen, »Sie müssen wissen, daß wir zu sechst waren … und jetzt sind wir nur noch fünf. Es ist nicht so einfach.«
»Jetzt wissen Sie fast genausoviel wie wir«, sagte Frazer leise. »Sind Sie mit den Bedingungen einverstanden, die wir stellen, das heißt, totale Freiheit, Gleichbehandlung eines jeden als Arbeitsgenossen und Ihr Wort, keinen Fluchtversuch zu unternehmen?«
»Wie denn das, Flucht, meine Herren?« sagte ich, »darf ich diesen Ort verlassen?«
Beide Männer lächelten. »Selbstverständlich nicht«, sagte Frazer. »Sie haben das doch nicht etwa geglaubt?«
»Also, ich bin einverstanden … aber ich gebe nicht mein Ehrenwort«, sagte ich. »Ein Wort, meine Herren, aber das werden Sie wohl nicht verstehen, wäre ein nicht zu überwindendes Hindernis. Ihre Mauern sind es nicht. Ich kann hier nach den Gesetzen leben, die Sie für sich gelten lassen.«
Und ich erhob mich.
Der Professor lächelte. Er holte eine bauchige goldene Uhr aus der Tasche und warf einen Blick darauf.
»Drei vor zwei … Ich meine, Sie haben für heute schon genug erlebt. Ich wünsche eine gute Nacht.«
Der Kopf sank ihm auf die Brust. Er sah und beachtete uns nicht mehr und schrieb lange Ziffernkolonnen nieder.
Frazer nahm mich an der Hand, wir traten in den Korridor hinaus. Das Lampenlicht war ein wenig blasser geworden. Ich verspürte eine Kälte im Inneren und eine große Niedergeschlagenheit. […]