Impressum

Autorin:

Beate Darge-de Groot

Wendilaweg 8

26446 Friedeburg

Rechte der Bilder:

Björn de Groot

und Walburga Schäfer

Satz und Gestaltung:

G&H Reepsholter Verlag

Langstraßer Weg 8

26446 Reepsholt

gundhreepsholterverlag@web.de

Lektorat:

Sabine Ehrenberg

Herstellung und Verlag:

BOD - Books on Demand GmbH Norderstedt

ISBN: 978 375 578 74 88

Dieses Buch ist

Leon

Lina

Enna und Tilda

und

Lara

gewidmet

Inhalt

Die Segelregatta

„Warum sind Eltern eigentlich immer die Bestimmer“, fragte ich mich. Ich lag noch im Bett und dachte ernsthaft darüber nach, und warum benimmt sich mein Bruder Anton jetzt so, als wäre er der Größte? Ich kapierte es nicht, dabei bin ich doch auch ein schlaues Kerlchen. Ich rieb mir den Schlaf aus den Augen und stand leicht taumelnd aus dem Bett auf. Ich ging zum Fenster und zog meine Rollläden hoch. „Scheibenkleister, was für ein ekeliges Wetter“, dachte ich. Der Regen klatschte gegen die Fensterscheibe und der Wind wirbelte Mamas Blumentöpfe durch die Gegend.

Plötzlich ging meine Tür auf und Anton stolzierte herein. „Na Max“, meinte er, „auch schon wach?“ „Du Blitzbirne“, erwiderte ich, „würde ich sonst hier stehen?“ Anton starrte jetzt zum Fenster und meckerte vor sich hin. „Das können wir jetzt wohl vergessen!“ „Was meinst du“, fragte ich neugierig und setzte mich auf mein Bett. „Och Männo, hast du das vergessen, wir wollten doch mit Papa zur Segelregatta!“ „Stimmt ja“, sagte ich erschrocken. Ich hatte gar nicht mehr daran gedacht.

In unserem Dorf Obersiel, nahe der Küste mit seinen vielen Deichen, lag in einem kleinen Hafen unser Segelboot die „Jariella“. Mit ihr wollten wir heute die große Regatta segeln. Es war das letzte große Abschluss-Segeln, bevor die Boote wieder ins Trockendock kamen. Wie konnte ich das nur vergessen, aber ich war mit meinen Gedanken bei meiner Omma Ate. Ich wollte unbedingt auch einmal wieder zu Omma und Opa. Nachdem Anton mir von seinem Abenteuer im Land Erdgrün erzählt hatte, wollte ich auch ein Retter sein, das war jetzt mein Plan.

„Ist auch wurscht“, sagte Anton plötzlich und riss mich somit aus meinen Gedanken. „Was meinst du damit, es ist wurscht?“ Mit großen Augen guckte ich meinen Bruder an. „Na ja, wir haben zwei Wochen Herbstferien und könnten zu Omma Ate und Opa Poppo nach Innenwald fahren!“ schlug Anton vor. „Du bist echt genial, ich habe gerade an Omma Ate gedacht“, sagte ich voller Freude. Dieses Mal, schoss es mir durch den Kopf, wollte ich auf alle Fälle mitfahren, das war mir wichtig! Wir gaben uns einen Faustcheck und Anton rief ganz laut „Hitzebitze-Reise-Kiste!“„Du wieder Anton, mit deinem Hitzebitze – Geschrei, damit weckst du noch Mama und Papa auf!“ „Quatsch mit Soße, die müssen ja auch gleich aufstehen.“ Leise schlichen wir uns aus meinem Zimmer und rutschten auf dem Treppengeländer entlang nach unten. Wenn unsere Eltern das gesehen hätten, wäre ein großes Donnerwetter schon wieder vorprogrammiert gewesen. Unten in der Küche machten wir uns erst einmal einen leckeren Kakao. Anton zog die Rollläden hoch und schüttelte sich. „Ein echt mieses Wetter da draußen! Ich glaube, in diesem Falle sind wir bei Omma in Innenwald besser aufgehoben, schließlich hat sie versprochen“, dabei schaute Anton mich verschwörerisch an, „mit uns einen Ausflug nach Erdschnee zu machen!“ „Wir könnten Omma doch jetzt anrufen“, sagte ich im Flüsterton. Anton machte sich auf den Weg um das Telefon zu holen, als er mit Mama im Flur zusammenprallte.

„Was geht hier denn ab?“ fragte sie ganz verpennt. „Wieso seid ihr schon so früh aufgestanden, es ist doch erst kurz vor halb sieben? Die Segelregatta geht doch erst um zehn Uhr los.“ „Ja Mama, aber die wird bestimmt abgesagt, guck dir mal das Wetter draußen an“, sagte ich voller Überzeugung. „Deshalb haben Anton und ich beschlossen, zwei-drei-vier Tage bei Omma Ate zu schlafen.“ Entgeistert guckte unsere Mama uns an. „Wie jetzt, Moment mal, ihr wisst doch überhaupt nicht, ob Omma Zeit hat?“ „Wir wollten sie gerade anrufen und fragen ob wir kommen dürfen“, sagte Anton ganz aufgeregt. „Halt Stopp!“ ermahnte meine Mama uns, „es ist bestimmt noch ein bisschen zu früh, um Omma jetzt anzurufen, vielleicht schlafen Omma und Opa noch?“ „Pillepalle“, sagte ich entrüstet, „Omma steht immer um fünf Uhr auf, das weiß ich ganz genau!“ „Okay“, sagte Mama, „ich mache euch einen Vorschlag, ihr geht nach oben, zieht euch an und putzt ganz gründlich die Zähne. Dann weckt ihr Papa, und in zwanzig Minuten ist auch das Frühstück fertig. Wenn alles vernünftig und ruhig abläuft, könnt ihr danach Omma anrufen.“ „Du bist die tollste Mama der Welt!“ riefen Anton und ich wie aus der Pistole geschossen. Wir drückten und knutschten unsere Mama ganz dolle. Anton musste natürlich wie immer noch seinen Spruch loslassen: „Hitzebitze-Tolle-Mama-Kiste!“

Wie von einer Büffelherde gejagt, eilten wir nach oben. Wir waren schnell wie der Wind aber leise wie die Mäuschen. Nach zwanzig Minuten erschienen wir zwei geschniegelt und gestriegelt zum Frühstücken in der Küche. Papa hatte gerade nicht die beste Laune, fiel doch jetzt die Segelregatta aus. „Nach dem Frühstück muss ich erstmal zum Hafen fahren, um zu sehen, was da los ist“, sagte Papa angefressen. Schweigend saßen Anton und ich beim Frühstück, wir wollten jetzt keinen Auslöser für ein Verbot riskieren. Also benahmen wir uns tadellos, schließlich wollten wir beide, wenn Omma Ate da zustimmte, nach Innenwald kutschiert werden.

Innerlich war ich ganz schön aufgeregt, „hoffentlich hat Omma Zeit“, betete ich. Bei ihr ist immer Ramba-Zamba und dadurch wird es nie langweilig. Sogar die Sonne in Innenwald besitzt so viel Kraft, dass sie auch durch dicke Wolkendecken blitzen kann. Ich hoffe, ich werde dann auch die neuen Freunde von Anton kennenlernen. Von Coco hat Anton viel erzählt, ich glaube auch zu wissen warum- weil er in sie verknallt ist, aber, wenn ich ihm das sagen würde, dann macht er mich einen Kopf kürzer. Ich behalte es lieber für mich, ich bin ja ein schlaues Kerlchen. Als wir mit dem Frühstücken fertig waren, machte sich Papa auf den Weg zum Hafen. Anton rief Omma an und laberte sie am Telefon voll, damit sie nicht nein sagen konnte und wir kommen durften. „Alles Roger!“ rief Anton, „Omma Ate freut sich.“ „Macht euch fertig und packt eure Taschen, in einer halben Stunde fahren wir los“, sagte Mama und verschwand im Bad. Jubelnd rannten wir in unsere Zimmer, packten unsere Sachen, und eine halbe Stunde später saßen wir angeschnallt im Auto.

Auf dem Weg zu Omma Ate

„Jetzt geht‘s los, jetzt geht‘s los!“ ausgelassen klatschten wir in die Hände, als Mama das Auto startete. Mama fuhr schon einige Kilometer auf der Landstraße entlang, und der blöde Regen versperrte uns teilweise die Sicht, als uns plötzlich ein Polizeiauto stoppte. Mama parkte das Auto am Straßenrand und drehte die Fensterscheibe herunter. „Guten Morgen, könnte ich bitte deinen Führerschein und die Fahrzeugpapiere sehen“, sagte ein sehr junger Polizist mit strenger Stimme zu meiner Mama. Er stand da wie ein begossener Pudel und hatte seine Sheriffmütze ins Gesicht gezogen. „Warum, was ist passiert?“ fragte Mama genervt. „Du bist zu schnell gefahren, hier steht ein Schild mit Geschwindigkeit 70 erlaubt“, sagte der junge Polizist streng. „Boa Ey!“ jetzt wurde mir etwas mulmig zumute. „Unterlassen sie den familiären Ton“, zischte Mama ihn an, „ich glaube nicht, dass wir uns kennen!“ Ganz verlegen und puterrot im Gesicht schaute nun der junge Polizist zu seinem Kollegen, der gerade aus dem Polizeiauto ausstieg und auf uns zukam.

Das war doch Onkel Freddy, der Opa von meinem Freund Tom. War ich froh, jetzt waren wir gerettet. „Blödsinn“, schoss es mir blitzartig durch den Kopf, „so ein gequirlter Bockmist.“ Wie konnte ich nur so schräg denken, ich musste kein mulmiges Gefühl haben. Omma Ate predigt doch ständig, dass man vor der Polizei keine Angst haben muss. Wenn man in Gefahr ist oder sich verlaufen hat, sollte man sich der Polizei anvertrauen. Sie sind dein Freund und Helfer und immer bemüht, die Menschen zu beschützen. Genauso ist es auch, Omma hat wie immer Recht, und mein mulmiges Gefühl war verschwunden.

„Moin Maria, hallo Kinder“, begrüßte uns Onkel Freddy und schaute zu uns ins Auto. „Na, wieder ein bisschen zu viel Power gegeben?“ fragte er und grinste Mama dabei an. Es hatte wie von Geisterhand aufgehört zu regnen und Mama stieg lachend aus dem Auto aus. „Hey, ich dachte du bist schon im Ruhestand und genießt dein Rentnerleben“, ulkte Mama. „In zwei Monaten habe ich es geschafft, und dann ziehe ich auch in das magische Dorf Innenwald“, antwortete Onkel Freddy. „Hat meine Mutter, Omma Ate , dich auch bequatscht, damit du dahin ziehst?“ fragte Mama. „Nee, Nee, ich spiele schon lange mit dem Gedanken“, antwortete Onkel Freddy. „Es ist ein Dorf, in dem noch Zusammenhalt, Friede und unsagbare Freude herrschen. Nirgendwo findet man eine solche Harmonie und jeder einzelne Dorfbewohner lebt noch mit der Natur im Einklang, das müsstest du doch wissen, Maria“. Mama antwortete nicht darauf und kramte in ihrer Tasche nach den Papieren. „Übrigens, mein junger Kollege meinte es gerade nicht böse“, sagte Onkel Freddy so nebenbei. „Peer ist neu bei uns, er wurde erst vor einigen Tagen auf unsere Dienststelle versetzt“. „Ja, bitte entschuldigen sie, ich wollte nicht so barsch sein“, sagte der junge Polizist. „Schwamm drüber, es tut mir auch leid“, sagte Mama und reichte ihm freundschaftlich die Hand. Seine Rötung verschwand aus seinem Gesicht und er lächelte Mama erleichtert an. Er nahm zögernd die Fahrzeugpapiere von Mama entgegen, warf einen kurzen Blick darauf und meinte mit einem zwinkernden Auge „alles in Ordnung, wir wünschen eine gute Weiterfahrt“. Alle drei grinsten sich jetzt an, dann stieg Mama ins Auto und wir fuhren endlich weiter. Ich wusste genau, Anton kannte die predigenden Worte von Omma auch, denn jetzt rief er fröhlich „Hitzebitze-Freund-Und-Helfer-Kiste!“

Endlich in Innenwald

Endlich fuhren wir an dem alten Holzschild vorbei, das mit reichlich Blüten verziert war und auf dem in großen Buchstaben Innenwald stand. Von hier oben sah ich das magische Dorf mit seinen kleinen Gassen und den urigen Häusern. Die lustig aussehenden Geschäfte waren rund um den imposanten Neptunbrunnen angesiedelt, der mitten auf dem Dorfplatz stand. Es ging da zu wie auf einem Jahrmarkt, viele witzig bunt gekleidete Leute liefen durcheinander oder standen in Gruppen zusammen. Es war lustig mit anzusehen, wie sie fröhlich sabbelten und lauthals lachten. Mama fuhr langsam den kleinen Abhang hinunter und bog rechts neben dem Gewürzkrämer Dr. Krautig in die Seitenstraße ab. Wir fuhren einen kleinen Feldweg entlang und erreichten jetzt das Haus unserer Großeltern. Mit einem lauten Hupkonzert kündigte Mama unseren Besuch an.

Nach einer Weile flog die Haustür auf und Omma Ate kam mit ausgebreiteten Armen auf uns zu geflitzt. Wir sprangen aus dem Auto und rannten Omma in die Arme. Sie sah wie immer total lustig aus: Ihre Haare waren diesmal mit 3 lila Strähnen durchzogen und die Latz-mit-Flügel-Schürze sah aus wie ein Spider-Man Kostüm. „Ooooomma Ate!“ rief Mama ganz entsetzt und lachte sich halb schief, „wie siehst du denn aus?“ „Wieso, so sehe ich doch meistens aus, habe nur mein Outfit etwas aufgepeppt“, gluckste Omma vor Vergnügen. „Ich weiß nicht, ob du dafür nicht schon zu alt bist!“ sagte Mama. „Woher nimmst du diese Weisheit, hast du sie aus einem Glückskeks?“ kicherte Omma, legte ihre Arme auf unsere Schultern und ging mit uns ins Haus.

Opa Poppo saß am Esstisch und schlürfte gerade seinen Kaffee, als wir in die Küche kamen. Als wir Opa einen Faustcheck gaben, bemerkte ich, dass auf seinen Knien Schneeflocke lag, die kleine Hündin. Sonst sprang sie uns aus Freude immer entgegen, aber jetzt wedelte sie nur leicht mit ihrem Hundeschwanz. „Komisch“, dachte ich, „was hat sie nur, ist sie krank?“ Ich glaube Opa hatte meine Gedanken erraten und erklärte uns mit trauriger Stimme, dass Schneeflocke jetzt eine alte Dame ist und uns bald verlassen wird. „Wie meinst du das“, fragte ich erstaunt und streichelte die kleine Hündin. „Aufgrund von Altersschwäche ist unsere einst tobende und verspielte Schneeflocke sehr müde und schläfrig geworden“, antwortete Opa. „Sie braucht jetzt viel Ruhe und Geborgenheit. Irgendwann geht sie über die Regenbogenbrücke in den Hundehimmel, wo ihre Eltern und Geschwister schon auf sie warten.“ Ich nahm Schneeflocke auf meinen Arm und sie kuschelte sich an mich und schleckte mir mal wieder übers Gesicht. Ich freute mich und sagte lachend: „Ich bin schon gewaschen.“

Behutsam legte ich sie in ihr Körbchen, damit sie sich noch weiter ausruhen konnte. Mama stand schnaufend mit unseren Taschen in der Küchentür. „Ihr hättet mir ruhig helfen können!“ quakte sie uns an. „Entspann dich mal Maria“, lenkte Omma ein, „ich koche uns erst mal einen Tee, und dann sieht die Welt schon wieder bunter aus.“ Anton und ich flitzten mit unseren Taschen nach oben, packten unsere Anziehsachen aus und räumten sie in den Wandschrank. Ich schlief in dem rechten Butzenbett und platzierte dort alle meine Kuscheltiere, die ich eingepackt hatte. Anton kramte noch in seinen Sachen, als ich schon auf dem Weg nach unten war.

Die Hauswichtel

Auf dem letzten Treppenabsatz erblickte ich die klitzekleine gebogene Tür, von der Anton mir erzählt hatte. Sie stand ein wenig offen, und ich versuchte kniend davor hineinzugucken. Es war zum verrückt werden, ich konnte nicht viel erkennen, also machte ich die Tür ganz auf.

Es war dunkel, aber ganz hinten erkannte ich einen Lichtschein und plötzlich hörte ich eine Stimme, die „Hallo“ rief. Vor Schreck knallte ich die Tür zu und rannte zu Omma und Mama in die Küche. „Omma, Omma, aus der kleinen Tür bei der Treppe habe ich eine Stimme gehört“, sagte ich ganz aufgeregt. „Ja mein Schatz“, antwortete Omma, „unsere Wichtel machen gerade ihren Hausputz.“