Für Jan Huurdeman – Katrin Bischof
Für alle Menschen, mit denen ich je Karten gelegt habe, die mit mir Tarot
getanzt, gedacht, gelernt, gesehen und gespürt haben. Und für alle, die noch
kommen werden. – Constanze Steinfeldt
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;
detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über www.dnb.de abrufbar.
© 2020 Katrin Bischof – Constanze Steinfeldt
Satz, Herstellung und Verlag: BoD – Books on Demand GmbH, Norderstedt
ISBN 978-3-7526-3163-0
Katrin Bischof, geboren 1971 in Stade. Ich lebe seit 2011 in den Niederlanden, habe in Kiel und Hildesheim studiert und bin seit 2008 als freiberufliche Fachübersetzerin tätig. Mein erster Roman, „Der Enklavenmann“, erschien 2014. Es folgten die Erzählungsbände „Wendepunkte“, „Kein Sex kann‘s auch nicht sein“ und der zweite Roman „Nicht genug“. Seit Ende 2017 lerne ich mit Hingabe Tarot.
Constanze Steinfeldt, geboren 1961 in Hamburg. Meine persönliche Arbeit mit dem Tarot begann 1979, Beratungen mache ich seit 1983, und 1989 hielt ich das erste Tarot-Seminar ab. Es folgten Artikel in diversen Zeitschriften, eine Tarot-Tanzperfomance, Tarot-Plastiken und die Tarot-Essenzen. Seit 1986 folge ich dem Ruf der Runen, die Früchte dieser ebenso intensiven Leidenschaft sind seit Oktober 2017 in meinem Buch „Das große Praxisbuch der Runen“ nachzulesen. Meine Website: www.steinfeldt-gbr.de
Die Idee zu diesem Buch entstand im Herbst 2017 ganz spontan bei einer unserer Kartensitzungen, und sie traf uns beide wie ein Blitzschlag. Schon länger hatten wir damit geliebäugelt, einmal unsere Talente in einem gemeinsamen Projekt zu verschmelzen. Nun war es plötzlich da, das konkrete Projekt, und nahm schnell Gestalt an. Ein Buch sollte es werden, das beides hat: Eine Handlung, wie ein Roman, und einen Lehrbuchteil, in dem diese Handlung mit Hilfe der Tarotkarten ausgeleuchtet wird.
Von Anfang an waren wir begeistert von diesem innovativen Konzept, bei dem wir beide unsere Stärken als Schriftstellerin und Tarotmeisterin voll einbringen konnten. Tarotlehrbücher, muss man nämlich dazu sagen, gibt es wie Sand am Meer: Sehr gute, gute, schlechte, sehr schlechte und die, von denen man am besten gar nicht spricht. Aber kaum eines hat etwas Leichtes, Spielerisches. Immer muss angestrengt gelernt werden, was die einzelnen Karten bedeuten, wie früher Vokabeln in der Schule gepaukt wurden. Und dann sitzt man vor den konkreten Karten und kann all diese mühevoll angeeigneten Kenntnisse dann doch nicht praktisch anwenden.
Genau dadurch unterscheidet sich „Gute Karten, schlechte Karten“ von herkömmlichen Lehrwerken. Natürlich, auch wir wollen seriöses Tarotwissen vermitteln, die Möglichkeiten der Karten, ihre Grenzen und den verantwortungsvollen Umgang damit. Gleichzeitig aber haben wir den Anspruch, dies in leicht zugänglicher, unterhaltsamer Form anhand von aus dem Leben gegriffenen Situationen zu tun. Denn wer lernt schon eine fremde Sprache – und das ist Tarot – nur mit einem Wörterbuch ausgestattet? Der Kontext und die Art, wie die Karten miteinander verbunden werden, das ist es, was ihre Bedeutung und ihre Interpretation bestimmt. Mit anderen Worten: Wir wollten mit unserem Buch nicht nur die „Vokabeln“ liefern, sondern auch Grammatik und Syntax gleich mit dazu.
Herausgekommen bei unserer zweijährigen Zusammenarbeit an diesem Projekt ist ein Grundlagenwerk für Anfänger und Fortgeschrittene gleichermaßen, bei dem auch das Lesevergnügen nicht zu kurz kommt. Und es ist nicht übertrieben, zu sagen, dass es sich bei „Gute Karten, schlechte Karten“ um eine absolute Weltneuheit handelt.
Anders formuliert: So etwas hat es bisher noch nicht gegeben!
Und so bleibt uns jetzt nur noch, allen Leserinnen und Lesern jede Menge Spaß und viele Erkenntnisse beim
Roman lesen – Tarot lernen – Karten legen
zu wünschen!
Katrin Bischof | Constanze Steinfeldt |
Teufel – Turm – Neun der Schwerter – „Große Lüge, große Erschütterung, großer Kummer“
MELISSA
Mascha. Meine verflixte beste Freundin Mascha. Nur der habe ich es zu verdanken, dass ich jetzt hier vor diesem Hexenhaus stehe.
Komm ich mir albern vor. Am liebsten würde ich auf dem Absatz kehrtmachen. Was soll ich bloß hier?
Geh doch mal zu der Frau Jessen, hat Mascha gesagt. Die ist gut, wirklich. Nein, das ist kein Hokuspokus. Echt nicht. Die macht das seriös. Mir hat sie sehr geholfen bei meiner Scheidung damals. Du bist so was von fertig, was hast du denn zu verlieren?
Ich muss ihr Fragen stellen, hat Mascha erklärt. Und sie legt dann Karten. Tarotkarten. Die beantworten meine Fragen. Alles, was ich wissen will. Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft. So läuft das.
In einem der Bond-Filme kommen auch Tarotkarten vor, daran erinnere ich mich noch so vage. Die im Dienst des Superschurken stehende Superkartenlegerin sagt jeden Schritt des Superagenten supergenau voraus. Und legt natürlich im entscheidenden Moment die Karte mit dem nackten, engumschlungenen Liebespaar aus, damit auch der Dümmste kapiert, dass sie mit dem smarten James im Bett landen wird. Und wenig später im Sarg, denn einer der Killer des Superschurken zieht die Todeskarte für sie. In einem Märchen für Erwachsene ja ein ganz amüsanter Gag. Aber jetzt mal im Ernst?
Frau Jessen macht auch noch andere Sachen, habe ich auf ihrer Website gelesen. Bachblüten. Runen. Aura- und Hausreinigung, Engelarbeit. Sagt mir alles überhaupt nichts. Lauter so esoterischer Spinnkram. Wo bin ich hier bloß hingeraten.
Das Foto auf der Website sieht aber sehr nett aus. Eine freundlich lächelnde Frau mit kurzem dunklem Haar und Brille, so Mitte vierzig, schätze ich. Gar nicht spinnerig. Sondern eigentlich ganz normal. Na ja, was hab ich auch erwartet. Eine schrumpelige, alte Kirmeszigeunerin mit Kopftuch, haariger Warze auf der Nase und einäugiger schwarzer Katze auf der Schulter?
Jetzt reiß dich mal zusammen, denke ich. Das Haus ist überhaupt nicht hexig. Und wenn es mir zu bunt wird, kann ich ja jederzeit gehen.
Fertig bin ich, da hat Mascha allerdings Recht.
Wer wäre das auch nicht, wenn sich der Freund nach elf Jahren von einem trennt. Eine Sandkastenliebe so Knall auf Fall endet. Und das, obwohl wir uns doch einig waren.
Und zwar auch im Punkt Kinder.
Nein, ich werde nicht fragen, ob er es sich doch noch anders überlegt und zurückkommt. So tief werde ich nicht sinken. Aber ich will wissen, warum er jetzt, wo dieses Projekt konkret wurde, die Flatter gemacht hat. Schließlich hat er immer genickt und jaja gesagt, wenn davon die Rede war. Ich meine, er hätte doch gleich deutlich sagen können, nö, will ich nicht, jedenfalls nicht in den nächsten zehn Jahren.
Wir wollten es doch beide. Es war doch alles so gut. Oder etwa nicht?
Und dann drücke ich entschlossen auf den Klingelknopf.
Drinnen nähern sich Schritte. Ich drücke die Schultern durch und setze mein strahlendstes, selbstsicheres Hollywood-Lächeln auf. Von dem ich weiß, dass es die Leute über jede Unsicherheit hinwegtäuscht. Die normalen zumindest.
Die Tür wird geöffnet. Nun steht sie vor mir, die Frau von der Website, und sie lächelt genauso freundlich wie auf dem Bild. Sie hat etwas von einer weisen Eule, denke ich. Und bin irgendwie erleichtert.
„Frau Wieland? Wie schön, dass Sie da sind“, sagt sie und gibt mir die Hand. Ich mag ihren Händedruck, er passt zu ihr. Warm, herzlich und nicht zu kräftig. „Kommen Sie doch bitte herein.“
Im Flur ziehe ich die Schuhe aus und sie fragt mich, ob ich ein Paar Pantoffeln haben möchte. Ich schaue mich verstohlen um. Bücherregale an den Wänden; ein Tischchen, auf dem irgendwelche geheimnisvollen Steine ausgelegt sind; eine Vitrine mit Räucherstäbchen und Fläschchen. Ich fühle mich spontan wohl. Gute Aura hier, schießt es mir durch den Kopf. Aber wenn nicht hier, wo dann. Das ist schließlich eine ihrer Serviceleistungen.
Frau Jessen ist groß, schmal und schlank, trägt eine schwarze, weite Hose und einen knallorangen Rollkragenpullover. Orange scheint sie überhaupt zu mögen. In dem Zimmer, in das sie mich bittet, strahlt es einem nur so entgegen von Orange und Gelb in allen Tönen. Als ob die Sonne aufginge. An der Wand hängt ein riesiges Poster, auf dem die Tarotkarten abgebildet sind. Ganz schön viele sind es. Und dann steht da noch eine Liege, so eine wie beim Arzt.
„Darauf behandelt mein Mann seine Massageklienten“, erklärt Frau Jessen, die meinen Blick bemerkt hat.
„Ah, er ist also Masseur?“, frage ich, einfältigerweise.
„Unter anderem – aber er macht auch ganz viel Besprechen, Handauflegen, Energieübertragung, also geistige Heilweisen. Aber massieren tut er schon sehr gut.“
„Ich dachte schon – ob die für Leute ist, die in Ohnmacht fallen, weil die Karten so schlimm sind. Oder auf die Couch müssen.“ Mannomann. Auch nicht gerade der allergeistreichste Spruch.
„Nein, nein“, sagt sie lachend. Sie hat ein sehr jung und fröhlich klingendes Lachen. „Bisher hat es noch keinen niedergestreckt. Und bisher wollten auch alle immer lieber aufrecht sitzen.“
Wir nehmen an einem Tisch in der Ecke beim Fenster Platz, sie mir gegenüber.
„Möchten Sie ein Glas Wasser?“
Ich nicke. „Gerne.“
Sie gießt mir ein Glas Wasser aus einer Karaffe ein, auf deren Boden mehrere Edelsteine liegen. Sicher auch so ein freakiger Schnickschnack. Ich nehme einen Schluck und räuspere mich. Mir ist ein bisschen mulmig zumute. Ich habe so was noch nie gemacht. Und wie immer, wenn ich etwas noch nie gemacht habe, habe ich Angst, mich dumm anzustellen.
„Und jetzt?“, frage ich. „Ich sollte vielleicht dazu sagen … Ich bin eigentlich viel zu rational für solche Sachen. Ich glaube auch nicht daran. Aber meine beste Freundin – Mascha, sie ist auch Kundin bei Ihnen – meinte …“
Frau Jessen lächelt. „Wir schauen einfach mal, wie Sie sich damit fühlen werden.“
EVELIN
Ich stelle Kunden keine Fragen, neuen erst recht nicht, und ich gebe mir auch die größte Mühe, sie nicht nach Äußerlichkeiten zu beurteilen. Aber natürlich ordnet man Menschen, denen man zum ersten Mal begegnet, irgendwie ein.
Frau Wieland ist genau um drei Uhr da, keine Minute zu früh oder zu spät. Sie ist wohl Mitte zwanzig; ihrer Stimme am Telefon nach, die ein wenig rau und recht dunkel ist, hätte ich sie älter geschätzt. Sie hat schulterlanges, stark gewelltes, hellbraunes Haar und auffällig dunkelgrüne Augen. Ihr Gesicht ist hübsch, aber nicht auf die puppige Art, eher burschikos und lebhaft, und sorgfältig geschminkt, vielleicht einen Tick zu sichtbar für meinen Geschmack. Da steht sie, in Jeansrock, Kapuzenshirt, Leggings und silbern glitzernden Schnürsneakern, ein großes, stattliches Mädchen, und lächelt. Ich mag ihr Lächeln, es ist offen, aber auch zurückhaltend.
„Ich bin eigentlich viel zu rational für solche Sachen“, sagt sie mir gleich, als wir uns gesetzt haben. Wie oft ich das schon gehört habe. Es klingt trotzig, wie eine Rechtfertigung. Sehr schade, dass ein Mensch meint, sich für etwas so Menschliches wie Irrationalität rechtfertigen zu müssen.
Manche Kunden erzählen gerne ihre Geschichte. Diese nicht. Das ist eine Kundin, die mir von sich aus nichts erzählen wird. Eine Skeptikerin. Die am Ende einen hieb- und stichfesten Beweis will.
Es stört mich nicht. Während Frau Wieland die Karten mischt, konzentriere ich mich ganz auf meine Aufgabe. Bevor ich für jemanden Karten lege, ganz gleich, wer es ist, bitte ich die universelle Quelle und alle Engel, dass das Beste für diesen Menschen geschehen möge und ich die richtigen Worte finde.
„Sollen wir vielleicht mit einem allgemeinen Überblick beginnen?“, frage ich. „Das ist von allem so ein bisschen, Arbeit, Liebe, Gesundheit ... Daran können wir dann anknüpfen und speziellere Fragen an die Karten stellen, je nachdem, was Sie interessiert.“
Frau Wieland nickt. „Ich überlasse mich ganz dem fachkundigen Profi“, sagt sie, und ihr Ton ist ein wenig ironisch. Aber ihr Blick zeigt Anspannung und eine gewisse Ängstlichkeit. Kein Zweifel, sie steht unter erheblichem Leidensdruck.
Ich beginne die Karten auszulegen. Den Überblick habe ich damals, als ich anfing, mit Tarot zu arbeiten, selbst entwickelt. Er zählt dreizehn Karten, die über jeden Lebensbereich eine Aussage in einem Kartenbild machen und auch innere Prozesse, Hilfen und Hindernisse aufzeigen. Der erste Platz dieses Überblicks und die zwei Karten daneben repräsentieren das aktuell intensivste Thema, egal, ob es der betreffenden Person nun bewusst ist oder nicht.
Bei Frau Wieland taucht gleich an erster Stelle der König der Kelche auf – der geliebte Mann. Er ist es, der sie im Moment am intensivsten beschäftigt. Rechts neben ihm erscheint seine Kelchkönigin – die beiden schauen sich an, sie sind ein Herz und eine Seele. Links von ihm liegt die Königin der Stäbe, und intuitiv bin ich mir ziemlich sicher, dass das meine neue Kundin ist, also sie selbst. Dieser Mann steht offenbar zwischen zwei Frauen und ich vermute Betrug in der Beziehung. Ob Frau Wieland es weiß? Eher nicht, denn auf dem Platz für die Lebenspartnerschaft liegt die Sieben der Kelche: Lügen, viele schöne Worte und Heimlichkeiten. Und direkt daneben, beim Unterbewussten, der Teufel. Das bedeutet eine ganz große Lüge und Unehrlichkeit.
Der Teufel verfehlt seine Wirkung auf Menschen, die noch nichts mit Tarotkarten zu tun hatten, nie. Er ist auch ein furchteinflößender Geselle, der wirklich alles aufbietet, was man mit dem Teufel seit jeher in Verbindung bringt: Flügel, Ziegenhörner, Krallenfüße, Bocksbart, dämonisch starrer Blick und drohend verzogene Fratze. Und das nackt vor ihm stehende Menschenpaar trägt eine Kette um den Hals und ist an den Sockel geschmiedet, auf dem er hockt. Beide könnten sich leicht lösen, indem sie die Ketten einfach abstreifen, aber das sehen die meisten in ihrem Schrecken über dieses Bild nicht.
Auch Frau Wieland schaut sehr verunsichert drein. Rational oder nicht, diese Karte bringt nun einmal Urängste hervor. Ich beginne einfach damit, dass ich ihr meine Beobachtungen mitteile.
„Hier liegt als erstes ein Mann, der, an dem Ihr Herz noch hängt, nehme ich an, zwischen zwei Frauen, und viele Lügen. Es scheint so, als seien Sie von zwei Menschen, die Sie kennen, betrogen worden. Dann haben wir hier im weiteren Verlauf den Turm ....“ Ich lege meinen Finger darauf. Der Blitz schlägt in den Turm, Menschen fallen hilflos herab, Feuer schlägt aus den Fenstern. Ebenfalls eine sehr imposante, beängstigende Karte, die ein Bild chaotischer, totaler Zerstörung zeigt; kein Stein bleibt auf dem anderen. „Das bedeutet in den meisten Fällen, dass sich die Lebensumstände dramatisch ändern werden …“
„Das haben sie schon“, murmelt Frau Wieland kaum hörbar. „Sich geändert. Allerdings.“
„Aber – was jetzt so schrecklich aussieht und sich auch so anfühlt, wird sich für Sie zum Guten entwickeln.“
Frau Wieland schluckt und ringt sich ein Lächeln ab. „Im Moment schwer vorstellbar“, sagt sie. Ich kann ihr nur Recht geben. In solchen Augenblicken ist es schwer, darauf zu vertrauen, dass alles seinen guten Lauf nehmen wird und das geschieht, was für uns auf lange Sicht das Beste ist.
„Achten Sie unbedingt auf Ihre Gesundheit“, fahre ich fort. „Die Neun der Schwerter zeigt, dass der Kummer anfängt, Sie aufzufressen. Körperlich und seelisch.“ Ich versuche sie zu trösten; sie sieht wirklich aus, als hätten die neun Schwerter sie durchbohrt. „Das Gute ist: Die Person auf der Karte ist aus ihrem Albtraum aufgewacht. Nun kann sie klar sehen. Und sich dann neu ausrichten.“
Frau Wieland nickt. „Das werde ich wohl auch müssen“, sagt sie mit gepresster Stimme. „Alles ist in Scherben. Er hat Schluss gemacht. Nach fast elf Jahren. Wir sind zusammengekommen, da war ich fünfzehn.“ Sie lächelt wieder, sehr angestrengt. „Warum hat er sich von mir getrennt? Er will es mir einfach nicht sagen. Druckst immer nur rum. Ich verstehe es nicht … Es war doch alles so gut.“
„Okay“, sage ich. „Dann können wir den Überblick ja jetzt verlassen und konkrete Fragen stellen.“ Ich schiebe die dreizehn Karten zusammen, mische sie kurz wieder ein und fächere alle achtundsiebzig vor Frau Wieland auf. „Wollen wir da mal genauer hinschauen? Warum hat er sich von Ihnen getrennt?“
Sie nickt. „Ja, das interessiert mich wirklich.“
Ich lasse sie dazu drei Karten ziehen. Der Narr, ein Jüngling, der voller Vertrauensseligkeit direkt auf einen Abgrund zu wandelt, die Neun der Stäbe, die Acht der Schwerter. Und ich bin mir sicher. „Es sieht so aus, als wären Sie ihm egal ... Er fühlt sich bedroht und eingeengt.“
Jetzt, merke ich, will sie mich auf die Probe stellen. „Wovon denn?“, bohrt sie nach.
Die zwei Karten, die sie dafür wählt – die Königin der Münzen für Schwangerschaft und die Sonne für Babyglück – geben mir einen sicheren Hinweis. „Es geht wohl um einen Kinderwunsch.“
Mit Frau Wielands Fassung ist es jetzt zu Ende. „Er wollte das doch auch! Hat er jedenfalls immer behauptet.“
„Dieser Schritt wäre ihm noch zu groß, sagen die Karten“, antworte ich. „Vor dieser Aufgabe scheut er zurück.“ Ich lasse nun die Sprache der Karten hinter mir: „Er will selbst noch gerne das Kind bleiben, scheint mir – der kindlich sorglose Narr, der hier vor uns liegt, das ist er.“ Alles, was meine Kunden mir anvertrauen, bleibt bei mir. Aber ich verrate kein Geheimnis, wenn ich hinzufüge: „Sie sind nicht die Einzige. Das passiert sehr, sehr vielen meiner Kundinnen. Dass sie auf einen Partner treffen, der noch nicht erwachsen werden will.“
Ich sehe, wie Frau Wieland um Haltung kämpft. Ich habe wohl ins Schwarze getroffen. Sie tut mir wirklich leid; es ist eine schreckliche Enttäuschung, die sie jetzt durchlebt. Ich warte schweigend ab. Vielleicht möchte sie noch mehr wissen.
„Sie sagten, da ist noch eine andere Frau …“ Sie räuspert sich, ich kann beinahe fühlen, wie dick der Kloß in ihrem Hals ist und wie schwer es ihr fällt, weiterzufragen. Aber sie ist mutig, sie will jetzt alles wissen. „Ist er mit ihr … zusammen?“
Ich nicke. „Ja, das sieht so aus.“
„Und Sie meinen … ich kenne sie?“
Wieder nicke ich.
„Wer ist es? Können Sie das sehen?“
„Es ist keine ganz enge Freundin, würde ich vermuten“, sage ich. „Sie kommt aus ihrem beruflichen Umfeld. Wahrscheinlich eine Kollegin.“ Die Acht der Münzen lässt etwas Vertrautes, Bekanntes erkennen, die Zehn der Münzen deutet auf das berufliche Umfeld.
Ich weiß nicht, ob Frau Wieland Kolleginnen hat, ihrem Gesichtsausdruck nach aber schon, und ich vermute, dass sie sie jetzt der Reihe nach durchgeht. Beinahe kann ich ihre Gedanken lesen. Eine Kollegin? Welche von ihnen könnte es sein? Welche könnte er kennen? Nein. Unmöglich. Ich glaube es nicht. Die kann mir viel erzählen, diese Kartentante.
Frau Wieland steht abrupt auf. Ihre Augen sind trocken, aber sie ist am Ende ihrer Beherrschung und möchte lieber schnell gehen, bevor sie etwas tut, das sie als Schwäche empfinden würde. Das verstehe ich gut.
„Vielen Dank.“ Sie lächelt wieder, auch wenn es sie enorme Anstrengung kostet. „Ich glaube, das genügt mir fürs erste. Es war sehr interessant.“
Ich begleite sie noch zur Tür und gebe ihr zum Abschied die Hand.
„Alles Gute für Sie!“, wünsche ich ihr. Und lasse sie ziehen.
Sechs der Stäbe – Page der Kelche – Stern – „Ja, es kommt ein neuer Partner“
MELISSA
Sechs Wochen später, an einem heißen Abend Ende August, stehe ich wieder vor dem Hexenhaus. Diesmal musste Mascha mir nicht mal mehr gut zureden.
„Wie war es denn?“, hatte sie mich am Tag nach der Sitzung neugierig gefragt. „Hat sie dir irgendwie helfen können?“
Als ich ihr sagte, dass Frau Jessen das mit dem Kind, das Mark nicht wollte, erraten hatte, stieß Mascha einen Pfiff aus. „Siehst du!“, sagte sie triumphierend. „Aber ‚erraten‘ solltest du nicht sagen. Ich weiß nicht, wie sie das macht, aber sie sieht diese Sachen.“
„Mag sein. Ich bin mir da nicht so sicher. Danach hat sie nämlich gesagt, dass Mark schon eine andere hat.“
„Ach!“ Mascha riss die Augen auf. „Und hat sie auch gesagt, wer …?“
„Es soll eine Kollegin von uns sein. Kannst du dir das vorstellen?“
Nein, konnte Mascha auch nicht. Wir grübelten zusammen eine Weile herum. Aber von den drei Kolleginnen in meinem Alter oder jünger konnte es keine sein, denen war Mark nie begegnet. Und alle anderen waren deutlich älter. Mark und eine Ältere? Nie im Leben, darauf hätte ich geschworen.
Und doch – Frau Jessen hatte Recht.
Mark hat eine andere. Tanja. Und Tanja ist eine Kollegin. Eine ältere, alleinerziehende Kollegin mit zwei Kindern. Die ich früher sogar mal sehr nett fand.
Nicht, dass Mark es mir erzählt hätte. Der redet ja gar nicht mehr mit mir, dieser feige Wurm. Er hat seine Sachen aus unserer Wohnung geholt, als ich dieses eine Wochenende mit Mascha an der Nordsee war. Jetzt weiß ich auch, woher er wusste, wann ich weg sein würde. Von Tanja. Denn natürlich haben wir im Kollegium vor den Sommerferien noch darüber geredet, wer wann wohin fährt. Und zwischendurch auch mal untereinander geappt. Ich habe ihr auch noch ganz arglos erzählt, dass ich unbedingt mal raus müsste, weil mir zu Hause allein die Decke auf den Kopf fällt. Autsch.
Nach den Ferien hat Tanja mich beiseite genommen. Ich wusste gleich, dass irgendetwas nicht stimmte, sie machte so ein komisches Gesicht und mochte mich nicht recht ansehen, aber was ich dann zu hören bekam, haute mich doch total um.
„Ich fall dann mal gleich mit der Tür ins Haus“, sagte sie ohne weitere Vorrede. „Mark und ich … Wir sind zusammen. Ich will nicht, dass du uns irgendwann siehst und es so rauskommt.“ Und dann schnitt sie ein schiefes, schuldbewusstes Lächeln und drückte sich so was ab wie „Ich hoffe, wir werden auch weiterhin gut zusammenarbeiten“. Woraufhin ich ganz cool meinte, klar, warum auch nicht. Geheult habe ich erst auf dem Klo.
Mascha schnappte nach Luft, so platt war sie, als ich es ihr erzählte. „Tanja?“, japste sie. „Das hätte ich ja nie gedacht … Die ist doch mindestens fünfunddreißig.“
„Siebenunddreißig“, sagte ich. Über zehn Jahre älter als ich.
„Und Kinder hat sie auch … Nicht zu fassen. Und er ist bei ihr eingezogen?“
Ja, ist er. Das hat Tanja mir auch noch gesagt.
„Na wenn das mal gut geht“, meinte Mascha kopfschüttelnd. „Die Kinder leben doch bei ihr, nicht? Das wird aber eine ganz schöne Umstellung für ihn.“
Ich zuckte die Schultern. „Ist mir wurscht“, sagte ich kühl. „Ob das gut geht oder nicht. Sein Problem.“
„Ich meinte ja nur … Vielleicht merkt er dann ja bald, was er an dir hatte.“
„Ich nehme ihn nicht zurück, falls du das meinst“, stellte ich klar. „Und wenn er auf den Knien angerutscht kommt.“
In den nächsten Tagen dachte ich häufig an das, was Frau Jessen mir über Mark gesagt hatte. Dass er am liebsten selbst noch Kind bleiben wollte. Tja. Nun hatte er eine Frau gefunden, die – na, nicht ganz seine Mutter sein könnte. Er wird immerhin dreißig. Aber bei der er vor Kinderwünschen wohl ziemlich sicher sein konnte.
Natürlich nagt das Ganze mehr an mir, als ich zugeben würde. Verlassen wegen einer Älteren. Wo gibt’s denn so was. Beinahe peinlich ist mir das ja schon. Alle, denen ich das erzähle, werden denken, dass ich einfach eine völlige Null sein muss. Vor allem im Bett. Es ist ein Schlag fürs Selbstbewusstsein, der mich ganz schön in die Knie gehen lässt.
Und außerdem habe ich Angst. Ich bin noch nie alleine gewesen. Mark war immer da. Nicht immer, natürlich, aber eben mein ganzes Liebesleben über. Ich habe nie einen anderen gehabt.
Nicht, dass ich nicht auch alleine klarkäme. Aber ich habe noch nie die Erfahrung gemacht, wie es ist, verlassen zu werden. Und wieder jemand anderen finden zu müssen. Also dass das im Prinzip möglich ist, meine ich.
Und so habe ich dann doch wieder die Nummer von Frau Jessen gewählt und einen Termin mit ihr vereinbart.
Sie begrüßt mich genauso freundlich wie beim ersten Mal.
„Haben Sie erwartet, dass ich wiederkomme?“, frage ich sie, als wir uns die Hand geben.
Sie lächelt. „Darüber denke ich nicht nach.“
„Nie?“
„Nein. Für manche Menschen reicht eine einzige Sitzung, um sie ihren Weg finden zu lassen, andere brauchen mehrere. Und alles ist okay.“
Wieder sitzen wir in dem orangen Beratungszimmer, wieder gibt es Wasser aus der Karaffe.
„Sie hatten Recht“, sage ich als Einleitung.
„Womit hatte ich Recht?“, fragt sie.
„Damit, dass mein Ex-Freund schon eine andere hat. Und es ist tatsächlich eine Kollegin von mir.“
„Ach.“ Frau Jessen ist nichts anzusehen; ihr Gesichtsausdruck bleibt unverändert, aufmerksam und abwartend. „Und wie geht es Ihnen jetzt damit?“
Nein, ich will ihr nicht sagen, wie schlecht es mir damit geht. Manchmal jedenfalls.
„Ach wissen Sie … Ich denke mal, es war sicher besser so, was hätte ich mit einem solchen Kleinkind schon anfangen sollen. Noch ewig warten, bis er vielleicht mal soweit ist, Verantwortung zu übernehmen, nein danke. Das kann ja noch ein Jahrzehnt dauern, und ich habe keine Lust, mit Ende dreißig mein erstes Kind zu kriegen und bis dahin ihn zu bemuttern.“ Ich muss meine Wut aufblasen wie einen Riesenballon, der die Angst und die Verzagtheit wegdrängt. „Soll er glücklich mit ihr werden, mich interessiert das nicht mehr.“
„Was interessiert Sie denn dann?“, möchte Frau Jessen wissen. Ich habe das Gefühl, dass sie mir kein Wort von dem glaubt, was ich hier so herumtöne. Ich glaube mir ja nicht mal selber.
„Vielleicht können wir wieder mit einem Überblick anfangen?“, frage ich kleinlaut.
EVELIN
Ich erinnere mich nicht mehr ganz genau, wann Frau Wieland zum ersten Mal hier war. Anfang Juli, glaube ich. Sie sieht ein wenig besser aus, nicht mehr ganz so blass und traurig. Aber ihr verwegener Ton ist nicht echt. Sie meint, sie müsste über die Trennung hinweg sein, wie so viele, gerade, wenn der Ex-Partner sich schäbig verhalten hat. Sie meinen, er verdiene es nicht, dass man ihm nachweint. Aber so kann es nun einmal nicht funktionieren. Das Herz will weinen, egal, was der Verstand sagt.
Was ich Frau Wieland gesagt habe, stimmt. Ich frage mich nie, ob Kunden wiederkommen, wenn sie gehen. Aber ich weiß, warum Frau Wieland wiedergekommen ist. Sie hat den Beweis bekommen, den sie wollte. Ich freue mich, dass ich meinen Job gut gemacht habe.
„Stellen Sie sich vor“, erzählt Frau Wieland, während sie mischt. „Er hat meine Kollegin bei uns zu Hause kennen gelernt, vor sieben Monaten, als ich Geburtstag gefeiert habe und sie auch eingeladen war. Sie haben kaum miteinander geredet an dem Abend. Nur dieses eine Mal hat er sie gesehen. Aber das hat schon gereicht, um ihn davon zu überzeugen, dass er unbedingt was mit ihr anfangen muss.“ Sie schüttelt den Kopf und lächelt, bitter, ungläubig. „Nicht zu fassen, finden Sie nicht?“
Im Überblick liegt diesmal gleich als erstes die Acht der Schwerter. Eine gefesselte Frau steht mit verbundenen Augen da, scheinbar hilflos, zu ihren Seiten sind acht Schwerter in den Boden gebohrt. Die Sicherheit versprechende Burg im Hintergrund ist weit weg.
„Sie fügen sich selbst Leid zu … Weil Sie zu sehr auf das geben, was andere von Ihnen denken könnten.“
Frau Wieland öffnet erst den Mund, als wollte sie protestieren, aber dann nickt sie langsam. „Da könnte was dran sein …“ gibt sie zu.
„Sehen Sie, die Frau könnte ganz leicht aus dem Schwerterhalbkreis heraustreten, sie ist nicht darin gefangen. Sie könnte sich befreien. Wenn sie aufhört, dieses Verlassenwerden als persönliches Versagen, als Makel zu sehen und ihre wahren Gefühle zulässt.“ Die im Moment – symbolisiert als zu den Füßen der Frau verschüttetes Wasser – noch missachtet werden.
An dem Platz für Partnerschaft ist jetzt die Fünf der Schwerter zu finden. Zwei Schwerter liegen am Boden, ein siegesgewiss lächelnder junger Mann hebt ein drittes auf, zwei hat er schon einkassiert. Diese Karte steht für Kampf, Einmischung einer dritten Person und Eifersucht.
„Passt ja alles …“ murmelt Frau Wieland. „Nur, dass der Kampf schon entschieden ist.“
„Er sieht vielleicht im Augenblick aus wie der Sieger“, sage ich. „Aber ob er auf Dauer glücklich damit sein wird?“ Darüber sagt die Karte nichts.
„Hier liegt der Wagen.“ Ich deute auf eine Karte, auf der ein Mann mit leuchtend goldenem Haar in prächtiger Rüstung zu sehen ist, der bis zur Hüfte in einem Steinblock steckt, vor dem eine schwarze und weiße Sphinx kauern. „Wollen Sie umziehen?“
„Ja.“ Frau Wieland schaut fasziniert. „Woran sehen Sie das?“
„Der Wagen steht für große Veränderungen, die auf einen zukommen. Eben so etwas wie eine Ortsveränderung. Auch innere Veränderungen, also Seelenumzüge, aber hier ist wohl tatsächlich die konkrete Bedeutung gemeint.“
„Ja, ich muss umziehen“, sagt sie. „Die Wohnung ist zu groß und zu teuer für mich allein. Und außerdem“, fügt sie mit düsterem Gesichtsausdruck hinzu, „will ich da auch nicht mehr bleiben.“
Ich schließe den Überblick mit der Bemerkung ab, dass offensichtlich große Veränderungen vor ihr liegen, sie eigentlich schon mittendrin ist, es ihr schon etwas besser geht als beim letzten Mal und die Tendenz steigend ist.
„Wohin sollen wir denn noch genauer schauen?“, frage ich Frau Wieland dann.
„Ich würde gerne wissen … ob ich einen neuen Partner finden werde.“ Frau Wieland wird ein wenig rot dabei. Als wäre es ihr peinlich.
„Ziehen Sie dann bitte noch mal drei Karten“, sage ich. Sie wählt die Sechs der Stäbe, einen inmitten von Fußvolk selbstbewusst daherreitenden Burschen im roten Mantel, die mir Sieg – und oft: Sex – anzeigt. Als nächstes liegt da der Page der Kelche, der versonnen den goldenen Kelch mit dem Fisch darin betrachtet, den er in der rechten Hand hält. Er steht für ein zwar sehr zugewandtes, liebes, aber noch recht kindliches, unerfahrenes und selbstbezogenes Männermodell. Das sage ich ihr aber nicht; es hätte sowieso keinen Zweck. Sie wird ihre eigenen Erfahrungen mit ihm machen müssen, wenn er vor ihrer Tür steht.
Und schließlich zieht sie den Stern. Der Stern, das ist in diesem Fall sie. Und der Mann wird sie so anbetungswürdig finden, dass er den Boden vor ihr fegen, ihr alle Wünsche erfüllen und sich stets zu ihrer Verfügung halten möchte. Wer einen Stern anhimmelt, fühlt sich selbst sehr klein; der Stern ist so hoch über einem. Deswegen neigt man zur Selbstaufgabe, dazu, sich zu verbiegen, um die Gunst seines Sterns auch ja nicht zu verlieren. Aber auch das behalte ich für mich. Alles zu seiner Zeit.
„Ja, das sieht ganz so aus.“
„Ah ja.“ Frau Wieland lächelt sichtlich erleichtert. Es ist für mich immer wieder überraschend zu sehen, wie viele meiner Kundinnen im tiefsten Inneren Angst haben, niemanden mehr zu finden. Gerade die attraktivsten unter ihnen. Oft sind es gerade sie, die selbst nicht daran glauben können, dass sie liebenswert sind. „Und können Sie sehen … wann etwa?“
„Dann noch mal zwei Karten.“ Der Page der Kelche – noch einmal, diesmal in seiner Funktion als Zeitangeber – und die Acht der Stäbe kommen dabei heraus.
„Ich würde sagen: Im Frühjahr.“ Die Kelche sind mit Wasser verbunden, und in der traditionellen magischen und alchimistischen Überlieferung entspricht das Wasser dem Frühjahr. „Und wahrscheinlich schon im nächsten, denn die Acht der Stäbe sagt, es geht schnell“, sage ich. „Aber mit Zeitangaben ist das so eine Sache … Das haut nicht immer hin. Es gibt auch Kartenleger, die sagen, Wann-Fragen kann man nicht beantworten. Also eine Antwort mit Vorbehalt.“
Frau Wielands Wangen glühen ein bisschen. „Können Sie mir sonst noch etwas über ihn sagen?“
„Wir können ja mal schauen, ob Sie ihn schon kennen“, schlage ich vor. Sie nickt eifrig und zieht auf meine Bitte hin die Karten Sechs der Kelche, eine rührende, an die Unschuld der Kindheit erinnernde Märchenszene, und den die Posaune blasenden Erzengel, der von den aus ihren Gräbern aufgestiegenen Toten freudig begrüßt wird – das Gericht, das immer auf etwas Altes hindeutet.
„Ja, Sie kennen ihn schon“, sage ich. „Es ist ein Mann aus Ihrer Vergangenheit. Und zwar aus der ferneren Vergangenheit. Zwölf bis fünfzehn Jahre zurück, würde ich sagen. Als Sie und dieser Mann noch fast Kinder waren.“
„Ein Schulkamerad?“, fragt sie.
Sie zieht noch einmal zwei Karten. Die Welt, eine nur von einem violetten Schleier umhüllte, in einem Lorbeerkranz tanzende Dame. Und die Drei der Kelche, die ausgelassen feiernden Frauen. „Das sieht eher nach einem Tanzkurs aus. Etwas mit Musik und viel Spaß.“
„Ja, einen Tanzkurs habe ich natürlich gemacht … wie alle mit dreizehn, vierzehn.“ Sie scheint zu überlegen. „Aber die Jungs damals …“ Sie grinst und schüttelt sich.
„Damals“, sage ich freundlich. „Aber die haben sich verändert. Genau wie Sie ja auch.“
Beim Abschied sieht Frau Wieland fröhlicher aus als bei ihrer Ankunft.
„Vielen Dank“, sagt sie. „Ich denke, wir sehen uns wieder.“
„Ganz wie Sie es mögen und brauchen“, sage ich.
Königin der Stäbe – Vier der Münzen – Fünf der Schwerter – „Eher körperliche Anziehung, Klammern, Eifersucht“
MELISSA
Anfang Dezember. Weihnachten steht vor der Tür. Und mir ist bänglich zumute. Sechs Monate lang habe ich mich nun schon tapfer allein durchgeschlagen. Den
Umzug inklusive Rundumschlag-Renovierung der neuen Wohnung habe ich mit Hilfe meiner Freunde und Kollegen durchgezogen. Der Stress war heftig, aber ich war ganz froh darüber, denn das hat mich prima abgelenkt.
Aber jetzt falle ich in ein riesiges Loch. Alles ist erledigt, fürs erste jedenfalls. Die Kartons sind ausgepackt, alle Schränke ordentlich eingeräumt und die Möbel an ihrem Platz. Ich bin komplett, zumindest was die Einrichtung angeht, ansonsten natürlich alles andere als das, haha. Es gibt nichts mehr zu tun; sogar das Chaos im Keller ist beseitigt. Meine neue Wohnung scheint mich erwartungsvoll anzublicken und mir zuzurufen: Und nun? Was willst du jetzt anfangen? Ich will Ac-tion! Und du, was machst du?
Abends sitze ich allein auf dem neuen Sofa, das ich mir zum Einzug geleistet habe (das alte hat Mark mitgenommen, passte wohl gut in Tanjas Wohnung) und die Küche, in der niemand kocht, blinkt blitzsauber vor sich hin, denn für mich alleine kochen? Bestimmt nicht. Und in mir kriecht die Panik hoch, jeden Tag ein Stückchen höher.
Weihnachten alleine? Undenkbar. Ich habe Weihnachten noch nie alleine verbracht. Aber dieses Jahr wird es wohl so kommen, wenn nicht noch etwas völlig Unvorhergesehenes passiert.
Zu Greta kann ich nicht, denn meine kleine Schwester fährt mit Mann und Kindern in den Skiurlaub, zwei Tage vor Heiligabend. Und unsere Eltern sind tot. Schon lange. Ich vermisse sie eigentlich nicht mehr, aber jetzt, gerade jetzt, wäre ich sehr dankbar, wenn sie noch da wären.
Leute bringen sich um, wenn sie Weihnachten alleine sein müssen, aus Verzweiflung über ihr Singledasein. Ich kann sie verstehen. Ich hasse es jetzt schon, nach gerade mal einem halben Jahr.
Nichts macht allein wirklich Spaß, so eifrig ich mir das auch einrede. Nicht mal Sachen, bei denen ich mir früher oft gedacht habe, dass sie allein angenehmer oder erholsamer wären, wie etwa Shoppen. Oder Baden. Fand ich früher toll ohne Mark. Aber jetzt nicht mehr. Weil ich genau weiß, dass es keinen Mark mehr geben wird, den ich mir insgeheim wegwünschen würde, weil er sich langweilt und rumnölt oder in der Badewanne an mir herumfummelt, statt mir zärtlich den Rücken zu waschen. Nie mehr. Alleinsein ist nur schön, wenn man weiß, dass man es auch wieder anders haben kann. Eben dann, wenn man keine Lust mehr darauf hat.
Ich versuche natürlich, gegenzusteuern, indem ich Situationen hervorkrame, in denen er ein rücksichtsloser Arsch war und ich ihn zum Mond hätte schießen können. Die gab es, genug sogar, das weiß ich genau, und ich grabe auch immer wieder eine aus, die ich reproduzieren kann. Und doch ... Ich weiß nicht, was ich täte, wenn er plötzlich wieder vor der Tür stünde, so mit Versöhnungsrosen und „Verzeih-mir-du-bist-die-Einzige“-Schmachtlächeln, um mich aus meiner Einsamkeit zu erlösen. Das süße Gift des Selbstmitleids scheint direkt auf mein Erinnerungszentrum einzuwirken.
Und dann wieder gibt es Momente lichtester Klarheit. In denen ich mir sage, er ist ein rücksichtsloser Arsch, heul ihm nicht hinterher. Du verdienst was Besseres. Und eigentlich vermisst du ihn auch nicht mehr.
Was vermisse ich aber dann, wenn nicht mehr ihn als Mensch? Geht es vielleicht doch nur um die Funktion, die er erfüllt? Worin besteht die? Was gibt mir ein Kerl, das mir niemand anders geben kann?
Ist er so austauschbar?
Und bin ich am Ende auch so austauschbar?
Ich werde mir zwei Dutzend Filme bestellen, nehme ich mir vor. Filme, die mir gefallen und die Mark verachten würde. Vielleicht schaffe ich mir auch noch eine Katze an (er wollte wenn überhaupt ein Haustier lieber einen Hund). Oder ob ich doch noch spontan verreise? Cool wär’s ja, so ein Last-Minute-Trip. Aber nein. Bei dem Gedanken kriege ich das Heulen und Zähneklappern. Urlaub alleine, über Weihnachten? Mit lauter fremden Menschen, Familien wahrscheinlich noch, deren Glück man mitansehen muss? Das ist etwas für Beziehungsunfähige. Für austherapierte Beziehungsunfähige, die so hartgesotten sind, dass ihnen keine Niederlage mehr zu groß ist. Dann doch lieber noch drei Klassenarbeiten vor den Weihnachtsferien schreiben lassen, am besten Aufsätze, damit ich bloß was zu tun habe.
Und dann ist da ja noch Jannis, der nette Junge, der im Stock unter mir wohnt.
Ich hatte nie einen anderen festen Freund als Mark, aber andere Verehrer, die hatte ich schon. Und ich müsste mich schon sehr täuschen, wenn dieser Junge mich nicht ziemlich anhimmeln würde.
Ein Junge ist er natürlich nicht mehr … Aber schon noch recht jung, einundzwanzig, zweiundzwanzig, also als Partner völlig unmöglich. Ein Mann muss mindestens gleichaltrig sein, besser noch ein paar Jahre älter. Darum geht es ja aber auch gar nicht.
Neulich hat er mir die Wasserkiste hochgetragen. Ganz gentlemanlike. Und danach gesagt, ich solle Bescheid sagen, wenn etwas wäre. Egal was es sei und wie spät. Er helfe gerne. Und dazu dieses liebe, verlegene Lächeln. Niedlich.
Er ist so anders als Mark. Lang, schlaksig, blond, mit einem weichen, noch irgendwie unfertigen Gesicht. Wie frisch geschlüpft. Ich finde ihn attraktiv, glaube ich. Aber ich weiß nicht, was ich von ihm will. Nicht mal mit Mascha möchte ich darüber reden. Ich will ja nicht verzweifelt wirken. Und verzweifelt wirken, genau das würde ich. Ich höre schon ihre Kommentare: Was willst du denn mit so einem Kerlchen. Oder: Na ja, ein Toy Boy. Warum nicht. Kicher kicher. Aber hast du das nötig? Mascha kann da recht unverblümt sein.
Und genau darum habe ich Frau Jessen wieder angerufen. Die wird nichts Dummes fragen oder sagen. Das weiß ich.
EVELIN
Jetzt vor Weihnachten ist bei mir Hochbetrieb. Es ist traurig, zu sehen, wie viele Menschen es gibt, die vor den Feiertagen regelrecht Angst haben. Sei es, weil ihnen bewusst wird, wie einsam sie sind, sei es, weil sie den Ausbruch von Streitigkeiten befürchten, vor allem innerhalb der Familie, sei es, weil sie sich durch zu hohe Erwartungen selbst unter Druck setzen.
Frau Wieland gehört natürlich zur ersten Gruppe.
„Weihnachten alleine sein“, sagt sie, als sie die Karten mischt, „ist wie ein Stigma. Man mag es kaum zugeben.“
„Ist denn niemand in Ihrem Umfeld, mit dem Sie feiern könnten?“ Dass ihre Eltern nicht mehr leben, hat sie gerade erwähnt.
Sie schaut mich völlig perplex ein. „Weihnachten? Nein. Das ist ein Familienfest. Geschlossene Gesellschaft. Nur der innerste Kreis.“
Sie hat wohl Recht, leider. Die Allermeisten handhaben das so. Unsere Familie ist da die absolute Ausnahme. Wir empfinden gute Freunde als Bereicherung, nicht als Last. Das sage ich ihr auch.
„Wirklich?“ Frau Wieland scheint es kaum glauben zu können. „Tja. Mich hat niemand eingeladen. Obwohl sie alle wissen, dass ich allein sein werde. Und ich frage bestimmt nicht von mir aus. Da käme ich mir aufdringlich vor.“
Im Überblick sehe ich an der Gesamtheit aller Karten, dass sie innerlich noch immer sehr zerrissen und angstbedrückt ist. An erster Stelle liegt der Eremit.
„Der Eremit steht für Ihre Einsamkeit“, erkläre ich. „Er beinhaltet die Chance, seinen eigenen Weg zu finden.“ Es macht allerdings den Eindruck, als ob Frau Wieland von dem alten Mann im grauen Kapuzenmantel mit dem Stab, der Laterne und dem weißen Haar eher eingeschüchtert ist, als sei er der Beweis dafür, dass sie fortan zu einem Leben in der Einsiedlerklause verdammt ist. Die Vier der Schwerter zeigt ebenfalls Rückzug und Einsamkeit; auch sie kann positiv sein, in diesem Fall aber lässt sie erkennen, dass Frau Wieland sich ausgeschlossen fühlt: Alle anderen sind hinter dem hellen Fenster beisammen, sie ist alleine auf dem kalten Stein hingestreckt. Und schließlich liegt dort die Fünf der Kelche: Kummer, Enttäuschung, Festhalten an dem, was nicht funktioniert, anstatt die guten Dinge zu sehen, die klappen und rund laufen. „Es geht weniger darum, dass Sie ihren alten Partner wiederhaben wollen“, sage ich zusammenfassend, „als darum, dass Sie sich selbst allein als unvollkommen empfinden.“ Es liegt ganz bei ihr, ob sie diese Information für sich annehmen kann. Es ist kein „Muss“ dabei. „Die Karten empfehlen Ihnen, Ihr Alleinsein als Chance zu nutzen, um herauszufinden, was Sie in einer Partnerschaft wirklich brauchen.“
Sie wird solche und ähnliche Worte wohl noch oft hören oder lesen, bis sie wirklich anfangen, mehr für sie zu sein als eine Art Binsenweisheit. Theoretisch ist es uns ja allen klar, dass wir uns selbst bejahen, annehmen, lieben müssen, um den anderen als Bereicherung, aber eben nicht als Voraussetzung für unser Glück anzusehen. Aber kaum einer weiß, was für ein langer Weg es bis dorthin ist. Ich kann nichts weiter tun, als ein erstes Samenkorn zu säen. Vielleicht wird es irgendwann aufgehen.
„Aber da …“ Ich lege meinen Finger auf den Pagen der Kelche. „Da liegt ein Mann neben Ihnen. Ein neuer Mann.“
Ihr Gesicht hellt sich auf; das ist in diesem Moment wohl ein handfesterer Trost als die Aussicht auf Abgeschiedenheit zum Zwecke der Selbstfindung. „Ach, den sehen Sie? Ja, das ist mein Nachbar. Der aus dem ersten Stock.“
Ich nicke. „Der ist noch sehr jung, nicht wahr?“
„Ja …“ Sie zögert. „Das ist so ein bisschen das Problem.“
„Warum?“, frage ich.
„Na ja … Er ist noch fast ein Kind. Gerade im Vergleich zu Mark.“
„Das muss ja nichts heißen“, entgegne ich. „Jung ist nicht gleich kindisch. Und älter nicht gleich reif. Das haben Sie ja auch an Ihrem Exfreund bemerkt. Aber Sie haben Recht …“ setze ich hinzu. „Er sieht noch etwas … unsicher aus. Eher wie jemand, der bei Ihnen Halt sucht.“
„Oh.“ Das besorgt sie; natürlich, denn so, wie ich sie bisher erlebt habe, will sie vor allem Sicherheit. Aber da ist auch diese andere Seite an ihr, die neugierige, erfahrungshungrige, die bisher zu kurz gekommen ist. „Was will er denn von mir?“
„Drei Karten dazu“, bitte ich sie.
Sie zieht aus Versehen eine vierte Karte mit dazu, die ich in meine Deutung mit einbeziehe. Sie wollte mit, also hat sie auch ihre Berechtigung.
Der Ritter der Kelche mit dem geflügelten Helm im mit roten Fischen geschmückten Wams auf seinem weißen Pferd bringt mit höfischer Vollendung den goldenen Kelch, sein Herz. Dazu gesellt sich der Page der Stäbe – er will Erotik und Sex: Der phallische Stab, den er betrachtet, spricht eine deutliche Sprache. Aber er will auch Dauerhaftigkeit und ist bereit, viel dafür zu tun und zu lernen, das ist an den Acht der Münzen erkennbar, dem Goldschmied, der eifrig und unverdrossen an seinem goldenen Münzenschatz arbeitet. Und dann ist da noch die erdverbundene Königin der Münzen, die sehr viel Mütterlichkeit ausstrahlt. „Liebe und Sex, ganz klar. Aber schon jemanden, an den er sich anlehnen kann“, erläutere ich.
„Hm.“ Sie schaut mich etwas ratlos an. „Was mache ich damit denn nun?“
„Wie sind denn Ihre Gefühle zu ihm?“, frage ich zurück.
„Das ist es ja eben“, sagt sie. „Ich kann das nicht einordnen. Sympathie? Physische Anziehung?“ Sie grinst komisch-verzweifelt. „So groß ist mein Erfahrungsschatz ja nun mal nicht auf dem Gebiet.“
„Vielleicht lassen Sie es einfach auf sich zukommen und schauen, was daraus wird“, meine ich.
„Wirklich?“
„Sicher. Entdecken Sie die Leichtigkeit.“
„Aber … Kann denn etwas daraus werden? Hätte es eine Perspektive, meine ich? Eine langfristige?“
Ich lasse sie noch einmal drei Karten legen. Ja, es scheint eher körperliche Anziehung zu sein, und geschmeichelt fühlt sie sich auch, die Königin der Stäbe verrät es. Des Weiteren wird sie sich schnell von ihm eingeengt fühlen, darauf deutet die Vier der Münzen hin; ebenso fest, wie der Mann seine Münze hält, wird auch ihr neuer Verehrer sie umklammern. Die Fünf der Schwerter verheißt ebenfalls nichts Gutes: Seine Eifersucht wird ihr schwer zusetzen.
„Ich bezweifle, dass das von Dauer sein wird“, sage ich ehrlich. „Nach den Karten ist das kein Partner für Sie.“
Sie ist sichtlich enttäuscht. „Dann lass ich wohl besser die Finger davon“, sagt sie. „Schade.“
„Vielleicht ist es noch nicht der nächste Partner. Aber deswegen können Sie ja trotzdem etwas daraus mitnehmen“, gebe ich zu bedenken. „Und Sie sollten sich auch vor Augen halten: Die Karten können irren.“
Frau Wieland sieht mich verdutzt an, als hätte ich ihr gerade eine ungeheuerliche Offenbarung gemacht. „Sie raten mir also nicht, es bleiben zu lassen?“
„Aber nein.“
Zum Abschied erinnere ich sie noch einmal sehr freundlich daran, dass der Eremit eine gute, wichtige Phase anzeigt, durch die jeder von uns früher oder später hindurchgehen muss. Sie lächelt ein wenig halbherzig, überzeugt ist sie noch nicht. Als sie geht, schaue ich ihr kurz nach. An der Straßenlaterne dreht sie sich noch einmal um und winkt mir zu. Ich winke zurück. Ich habe das Gefühl, dass sie auf jeden Fall etwas mit ihrem jungen Nachbarn anfangen wird, und ich freue mich. Es wird ihr bestimmt gut tun. Zu verlieren hat sie nichts.
Und wenn sie nur jemanden gefunden hat, mit dem sie Weihnachten wird verbringen können.
Fünf der Münzen – Sieben der Stäbe – Neun der Stäbe –
„Schuldgefühle, Überforderung, nicht Hinschauenwollen“
MELISSA
Es ist Februar. Genauer gesagt: Mitte Februar. Und noch genauer gesagt: der 14. Februar. Valentinstag. Noch so ein Tag, an dem die Selbstmordrate unter Singles anscheinend auf Rekordniveau schnellt. Von überall her dröhnt es auf einen ein, dass man sich ganz, ganz mies fühlen muss, wenn man am Tag der Liebe alleine ist. Und natürlich werden Überlebenstipps gegeben: Sich selbst mit einer Massage, einem Blumenstrauß verwöhnen. Länger arbeiten und früh ins Bett gehen, damit der Tag ganz schnell vorbei geht. Eine Fete mit Single-Freunden schmeißen. Oder in die nächste Großstadt zur Anti-Valentinstag-Party rasen. Und vor allem: dem Tag bloooß keine allzu große Bedeutung beimessen.
Ich treffe mich abends mit Mascha zum Essen beim Chinesen. Sie hat zwar seit kurzem ein neues Sweetheart, muss aber offensichtlich nicht bei ihm auf dem Schoß sitzen.
„Ach was“, winkt sie ab, als ich sie danach frage. „So ist Florian nicht.“ Sie kichert. „Er hat’s übrigens komplett vergessen. Hatte ein mächtig schlechtes Gewissen und war ganz erleichtert, dass ich keinen Wert auf diese Pflichtübungen lege. Sondern eher auf seine Performance an den restlichen 364 Tagen im Jahr. Eigentlich müsste man mal einen Post auf Facebook setzen … und die Leute aufklären, woher das mit dem Valentinstag wirklich kommt.“
„Woher denn?“, frage ich. „Ich hab auch keine Ahnung.“
„Valentin war Bischof, in Rom, im dritten Jahrhundert“, sagt sie. „Er soll Liebespaare gegen das Verbot heimlich christlich getraut und ihnen dabei Blumen aus seinem Garten geschenkt haben.“
„Aber das ist doch sehr schön“, wende ich ein.