Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation

in der Deutschen Nationalbibliographie; detaillierte bibliographische

Daten sind im Internet unter www.dnb.de abrufbar.

Erste Auflage:

© 2020 Edition-Pleroma, Frankfurt am Main

Alle Rechte vorbehalten.

Satz und Titelgestaltung: © Nicolas Vassiliev

ISBN 978-3-9396-4736-2

www.edition-pleroma.de

E-Mail: info@edition-pleroma.de

Den initiatischen Rosenkreuzern

des Templum C.R.C.

an die Pforte der Adepti Minores gestellt.

INHALTSVERZEICHNIS

Vorwort

Verehrte Leser!

Diese Betrachtung des kabbalistischen Lebensbaumes lebt von Zuordnungen, wie sie ursprünglich überliefert worden sind. Es war das große Verdienst des Autoren und Seminarleiters Hans-Dieter Leuenberger (1931-2007), alle Neuerungen des Golden Dawn (1888-1903) wieder in das Traditionelle zurückzuführen, was mir in den achtziger Jahren, als ich seine Kurse besuchte, sehr einleuchtete, wie z.B. die Tatsache, dass der Erzengel Michael auf Tiphareth gehört und der Erzengel Raphael auf Hod. Am Ende des Buches können Sie in der Bibliographie Bücher von Hans-Dieter Leuenberger finden. Da sich der göttliche Plan besonders durch das Hören erschließt, gönnen Sie sich zusätzlich die Lesungen von dem Schauspieler Christoph Quest (1940-2020), die Sie in der Audiothek meiner Webseite quinque-bibliothek.de herunterladen können.

Im ersten Kapitel wird Ihnen die Struktur des kabbalistischen Lebensbaumes mitgeteilt. Im sakralen Verständnis bewegt sich die Emanation des Schöpfers wellenförmig aus dem verborgenen Mittelpunkt an die Peripherie der Sichtbarkeit. Der Lebensbaum bildet diesen Vorgang von oben nach unten ab. Drei senkrechte Säulen veranschaulichen durch ihr Wechselspiel von plus, minus, neutral die Grundlage jeglicher Manifestation. Zudem werden vier Welten genannt, die von oben nach unten in vermehrter Dichte ihre Form gewinnen.

Kether, Chokmah und Binah, die ersten drei Sephiroth, erfassen Sie im zweiten Kapitel als Grundbausteine der darauf folgenden Schritte. Fall und Aufstieg allen Seins sind im kabbalistischen Lebensbaum in einer geordneten grafischen Darstellung veranschaulicht. Oben herrscht die Einheit, unten tummelt sich die Vielheit. Dazwischen dehnt sich eine Hierarchie aus, deren Aufgabe darin besteht, alle Manifestationen mit dem höchsten Willen abzustimmen. Durch mehrfaches Lesen, Hören und Verinnerlichen wächst Ihr Verständnis für das Wirken kosmischer Gesetze heran.

Das dritte Kapitel enthüllt den dynamischen Ausgleich männlicher und weiblicher Qualitäten in den drei Sephiroth: Chesed, Geburah und Tiphareth. Thelema, der Göttliche Wille, schreitet durch seine Schöpfung in das Dasein und hält das Gleichgewicht in allen Seinsformen aufrecht. Aus der oberen Welt werden Korrekturen veranlasst, damit sich wieder eingliedert, was sich gegen den Plan der Urkraft sträubt. Einsichten in diesen Sachverhalt fördern Ihre Lebensfreude, da Sie sich selbst als Teil des Ganzen verstehen und sich im Kosmos geborgen fühlen.

Gönnen Sie sich auch das vierte Kapitel, denn dieses bringt Sie bekannten Sachverhalten des Erdenlebens näher. Die oberen Welten bestimmen die höheren Gebiete des Bewusstseins, in denen die schöpferische Qualität des Allmächtigen vorherrscht. Aber die drei unteren Emanationen Netzach, Hod und Jesod offenbaren sich als Instrumente für die Welt der Formgebung und erläutern, auf welche Weise der Geist des Alls in die Form gerinnt, und was in der Form geschehen muss, damit die darin verborgene Geistenergie für immer lebendig bleibt.

Das fünfte Kapitel lässt Sie zurückkehren in Ihre eigentliche Heimat, nämlich auf die Erde! Nun wissen Sie sehr viel von der ursprünglichen Einheit, aus der die Menschheit in die Vielheit gefallen ist, weshalb Sie die Harmonie des Alls vor Augen haben. Wer die Weisheit der oberen Sphäre kennt, erlangt auch enormes Wissen über die untere Welt, und doch ist er dann mehr als nur vielwissend, denn er hat die Pfade der Weisheit beschritten. Die Lehre von Adam Kadmon überliefert uns, dass der erste Adam noch Weisheit, Herrlichkeit und Unsterblichkeit in einem war. Und es lohnt sich sehr, etwas mehr in seiner Nähe anzukommen.

Der Weise,

der das einzig Richtige gefunden hat,

verliert etwas spezifisch Menschliches

– die Suche!

Aurelius Augustinus

Die Struktur des Baumes

Zur Einstimmung auf den kabbalistischen Lebensbaum lauschen wir den Worten von Leo Schaya, einem Autoren, dem es gelang, sehr tief in die jüdische Mystik einzudringen. Er lebte von 1916-1985. Im folgenden Zitat spricht er über die Zusammenziehung des von Gott Erschaffenen und die Heimkehr der Schöpfung zu ihrem Schöpfer. Zimzum, Zusammenziehung oder Gerinnung, und Teschubah, Umkehr oder Heimkehr, so nennen die Hebräer die beiden großen Phasen des gesamten Kosmos.

„Die Schöpfung ist das Sinnbild Gottes; aber gleich einem Spiegelbild im Wasser wird sie nach dem Spiegel-Gesetz der ‚umgekehrten Ähnlichkeit‘ erzeugt. Dieses Gesetz ist im Zimzum, in der göttlichen Zusammenziehung verankert, der zufolge das Unendliche als Nekuda, als Urpunkt oder Urmitte des Endlichen erscheint; und in dieser höchsten, ursächlichen Mitte dehnt sich das endliche Dasein beinahe endlos aus, wodurch es zum Sinnbild des Unendlichen wird. Hingegen bleibt es dennoch in seinen Schranken beschlossen, was die umgekehrte Ähnlichkeit der göttlichen Schrankenlosigkeit darstellt. So existiert das Endliche in umgekehrter Ähnlichkeit des Unendlichen. Dies wird durch das überlieferte Sinnbild des Welten- oder Lebensbaumes offenbar, der seine Wurzel oben im Unendlichen hat, während sein Stamm, nämlich die göttliche Einwohnung, nach unten ragt und seine Krone oder All-Fülle sich - wie in einem Wasserspiegel - zuunterst auf der erschaffenen Ebene manifestiert.

Wir sehen, dass in der höchsten Verdichtung, im höchsten Zimzum, das Unendliche sich gleichsam zu einem Punkt zusammenzieht, was sinnbildlich auch als ein verhältnismäßiges Zurückziehen seiner Fülle von eben diesem Punkte betrachtet wird; dabei entsteht eine Leere, ein Ort, darin das Endliche sich ausdehnen kann, und zwar von der Mitte dieser Leere aus, wo das Unendliche sein lichtes Überbleibsel, seine Wahre Gegenwart zurückgelassen hat.

Auch sehen wir, dass diese erste Zusammenziehung und Umkehrung sich innerhalb des erschaffenen Daseins überall durch die Entstehung endlos vieler Mittelpunkte wiederholt, davon ein jeder von einer Ausdehnung umgeben ist, die ihm zugleich als Schleier und als Spiegel dient. All diese Mittelpunkte sind bis zum Urpunkt hinauf durch die Weltenachse hierarchisch miteinander verbunden, und diese Achse ist nichts anderes als der schöpferische, waltende und erlösende Strahl der Einwohnung Gottes. Die um diesen Strahl kreisenden Daseinsbereiche sind alle großen und kleinen Welten, Wesen und Dinge der kosmischen Ausdehnung. Jeder dieser Bereiche ist nicht nur das Wirkungsfeld seiner inneren, göttlichen Mitte oder Achse, sondern - durch diese hindurch das Feld des ihm unmittelbar übergeordneten Daseinskreises. Diese in der göttlichen Achse verankerte Verkettung aller Ursachen und Wirkungen ist die einwohnende Grundlage der kosmischen Gesetze während ihr jenseitiger Urgrund der ‚Höchste Punkt‘ ist. Die sephirotische Welt der Emanation ist seine Seinsebene, die Ursache und das Urbild aller anderen Ebenen.

Jede weitere Daseinsebene ist ein besonderer Spiegel, ein besonderes Abbild der Seinigen, und eine jede gehorcht Seinem allmächtigen Willen, ob sie es weiß und will oder nicht. In dieser wunderbaren Ordnung steht Gott über all seinen Geschöpfen, und das eine Geschöpf steht über dem anderen, und doch ist jedes Geschöpf zutiefst alles: Gott selber! Äußerlich fasst jedes Geschöpf auf seine besondere Weise das All zusammen – ob es sich dessen bewusst ist oder nicht und ob dies in reicher Entfaltung oder nur keimhaft geschieht –, aber gleichzeitig wohnt es jenseits aller Besonderheit, in seiner innersten Mitte, in seinem Herzensgrunde, das ganze All, das höchste Wesen, das Selbst. Denn die göttliche Mitte oder Achse ist allgegenwärtig, im Herzen jedes Geschöpfes, und ist nicht wie ein bestimmter räumlicher Mittelpunkt auf diesen oder jenen Ort beschränkt; hingegen offenbart sie sich vor allem an heiligen Orten oder in heiligen, zum lebendigen Ausdruck der göttlichen Allgegenwart gewordenen Wesen.

Der Erdenmensch, dieser Letztgeborene der Schöpfung, ist der fleischgewordene ‚Untere Punkt‘, wo die Kosmogonie in ihren schöpferischen Zusammenziehungen des Unendlichen innehält, um zum höchsten Punkt umzukehren und sich in ihn zurückzuziehen. Wenn diese bedeutsame Umkehr im Menschen zu wirken beginnt, sagt man, dass er von der Teschubah ergriffen ist, von der inneren Umkehr, von der heiligen Metanoia, der Rückkehr zu Gott.

Wenn der Mensch von ganzer Seele und mit all seinem Vermögen Teschubah ausübt, gelangt er schließlich zur geistigen Versenkung in seine göttliche Mitte, in seinen Herzensgrund, wo die Schechinah als der einwohnende untere Punkt ruht; und wenn der Mensch sich hier mit der Allgegenwart Gottes eint, dann eint er in sich selbst alles Untere mit dem Oberen, mit dem höchsten Punkte, dem Heiligen – Er sei gepriesen!

Diese allweltliche Umkehr und Einung ist dem Menschen mit seinem wahren inneren Wesen selber gegeben, das alle Welten, von der irdischen bis zur göttlichen umfasst und bis zu deren unendlichem Ausgangspunkt hinreicht; so bringt seine Umkehr alle Umkehr, alles Heil, alles Eingehen in Gott mit sich. Groß ist die Teschubah, denn sie heilt die Welt. Groß ist die Teschubah, denn sie reicht bis zum Thron der göttlichen Herrlichkeit. Groß ist die Teschubah, denn sie bringt die Erlösung näher.

Durch seine Versenkung in Gott vergegenwärtigt der Mensch in sich selbst die All-Erlösung und beschleunigt sie dadurch auch äußerlich. Die kosmische Erlösung geschieht, wenn die ganze Vielheit der himmlischen und irdischen Wesen ausgewirkt und erschöpft ist; da beginnt das »Große Jubeljahr«, die letzte Welterlösung. Das ist die letzte Phase des Zimzum, der Rückzug oder die Umkehr aller Umkehrungen, die Zusammenziehung der ganzen kosmischen Ausdehnung in ihre unerschaffene, göttliche Mitte. Da findet alles einwohnende geistige Licht seine jenseitige, unendliche Klarheit wieder, und aller irdische und himmlische Stoff geht wieder in den Urstoff ein, in den ‚Höchsten Äther‘, Awira ilaah, der selber ewig in der Höchsten Wesenheit, Kether, aufgelöst ruht. Das ist die Rückkehr des Spiegelbildes zur Wirklichkeit des Gespiegelten, die Heimkehr des Abbildes in das Urbild, das Eingehen des Sinnbildes in seinen Sinn, die Wiedervereinigung des Erschaffenen mit seinem Schöpfer. Das scheinbar Andere ist nichts mehr anderes als das Eine ohne das Andere.“ So weit das Zitat von Leo Schaya.

Ez ha-Chajîm – so heißt der Baum des Lebens im Garten Eden. Der kabbalistische Lebensbaum schenkt der Menschheit erkenntnisreiche Früchte aus dem Paradies der jüdischen Geheimlehre. Das umfangreiche Mysterium wurde im Wesentlichen dafür geschaffen, die Thora zu erklären. Als Thora bezeichnet das Judentum den Pentateuch, das sind die fünf Bücher Mose. Darin offenbart der Allerhöchste sein Wesen und seine Absicht.

Das 1. Buch Mose, Genesis, enthält die Urgeschichte der Schöpfung und führt weiter zu den Stammvätern Abraham, Isaak und Jakob.

Das 2. Buch Mose, Exodus, handelt von dem Auszug der Iraeliten aus Ägypten.

Das 3. Buch Mose, Leviticus, erklärt im Wesentlichen die Opfer- und Reinigungsgesetze.

Das 4. Buch Mose, Numeri, berichtet von den Problemen des Volkes auf der vierzigjährigen Wüstenwanderung.

Das 5. Buch Mose, Deuteronomium, enthält die Grundlagen der Zehn Gebote, den ausführlichen Hintergrund des Dekaloges.

Die hebräische Thora ist nur in Konsonanten geschrieben, da die Vokale IAO dem Schöpfer selbst vorbehalten bleiben. Durch Einfügung der Vokale ändern sich Text und Sinn, deshalb studiert der Kabbalist die Thora in spezieller Weise. Allen Buchstaben entsprechen Zahlenwerte. In der Gematria werden die Zahlenwerte eines Wortes in theosophischer Addition auf einen Nenner gebracht und mit anderen verglichen. Im Notarikon vergleicht der Rabbiner die Anfangs- Mittel- und Endbuchstaben eines Wortes und zieht Schlüsse daraus. Die nächste Lesart heißt Temurah, hier philosophiert man über weite Verbindungen von Worten innerhalb des Textes und erkennt festgeschriebene Strukturen.

Der aus dem Erdenschlummer erwachte Mensch studiert die Heilige Schrift auf vierfache Weise und wohnt schon zu Lebzeiten in dem geistigen Paradies. Der Begriff Paradies mit den Konsonanten PRDS, bedeutet Erkenntnis Gottes. Als Leitfaden zum Studium der Thora ziehen die Hebräer diese vier Buchstaben heran. Die Letter Peh wird als Peschat, die Einfachheit, gelesen und meint die Betrachtung der äußeren Bedeutung. Resh steht für Remes, die Andeutung, und untersucht den vielfachen Sinn hinter den Wörtern. Daleth ist Derasch, die Darlegung, und erlaubt eigene Interpretationen, die ohne religiöses Hintergrundwissen allerdings streng verboten sind. Gemäß der jüdischen Konsequenz im Umgang mit Überlieferungen darf nicht jeder Mensch der Thora eigene Auslegungen hinzufügen. Wird hier eine Lockerung eingeführt, sind aus jüdischer Sicht Tür und Tor für Fehlinterpretationen geöffnet. Samekh meint Sod, Geheimnis, und setzt die Weisheit der Überlieferung voraus, die dazu führt, die heilige Tradition unantastbar zu machen.

Insgesamt führen die genannten sieben Lesarten zu der strenggläubigen Auslegung, dass die Thora unmittelbar von Gottes Hand gegeben wurde, sonst könnte sie in den Wörtern nicht derart logisch konstruiert und strukturiert sein. In der initiatischen Tradition verstehen wir jedoch, dass alles Erschaffene in großen Zügen demselben Ablauf folgt. Demnach folgt auch jeder Mythos und jede Heilige Schrift gewissen Grundmustern. Die Ähnlichkeit untereinander kann nur jene Menschen in Staunen versetzen, die solche Strukturen noch nicht überall zu entdecken vermochten. Die Schöpfung und damit auch alles Erschaffene folgt stets denselben Grundsätzen, im Kleinen wie im Großen. Es gibt die himmlische Einheit, den stufenweisen Fall in die Vielheit und die Rückkehr in die Einheit über dieselben Stufen, die der Fall vorgegeben hat. Wie von Zimzum und Teschubah, von Einkörperung in die physische Welt und Heimkehr in die geistige Welt, gesprochen wird, so lässt sich dasselbe auch mit anderen Worten beschreiben. Den Sturz der Schöpfung aus der Einheit in die Vielheit nennen wir Involution, weil sich die Seele in ihrer Inkarnation mit Stoff einhüllt, gleichsam verwickelt. In der Genesis heißt es sinnbildlich, Adam und Eva bedeckten sich mit Fellen, als sie das Paradies verlassen hatten.

Im Anfang, im Garten Eden, glich der Stoff einem transparenten Schleier, durch den Adam Kadmon, der erste Mensch, noch auf seinen Schöpfer blicken konnte. Durch ihre Fleischwerdung verliert die Seele den paradiesischen Zustand. Je dichter der Stoff die Seele umgibt, umso weniger nimmt sie Anteil an den oberen Welten der Heiligkeit. Erst in der Evolution enthüllt sich die Seele wieder. Am dunkelsten unteren Punkt ihrer Verhüllung begehrt die Seele, sich allmählich loszusagen von der Knechtschaft der Materie und ent-wickelt sich im wahrsten Sinne des Wortes, indem sie schichtweise ihre Bindung an den Stoff auflöst. Wenn allerdings die Unerfahrenen davon hören, so glauben sie, sich von allem Besitz und jeglichem Wohlleben absondern zu müssen und streben einer verfrühten Bedürfnislosigkeit entgegen. Darin liegt ein grober Fehler der Neuankömmlinge in den Hallen der Weisheit. Denn ein extremer Mangel an Besitz schränkt das Erdenleben sehr ein. In der Armut gelangen das Handeln und das Reagieren in die Ohnmacht. In dem Dogma der Lösung aus stofflichen Banden geht es vielmehr darum, sich an seinem Besitz freuen zu können, ohne von der Grobstofflichkeit besessen zu sein. In der sichtbaren Welt zu wohnen, ihr jedoch nicht allein zu gehören, darin liegt ein guter Anfang der Heimkehr in den kosmischen Ursprung. Es sollte dem Initiierten möglich werden, auch im Wohlstand die innere Anbindung an den Allerhöchsten durch Arbeit und Verehrung aufrecht zu erhalten.

Auch wenn die Genesis mit der Erschaffung der Welt in sieben Tagen wissenschaftliche Kriterien unerfüllt lässt, so offenbart sie dennoch die schönste Form, wie Gott die Schöpfung zu der Seinen macht. In bildhaften Metaphern erfährt der Mensch etwas von seinem Ursprung und seiner Absonderung von der paradiesischen Einheit, was im Allgemeinen Sündenfall genannt wird. Im Garten Eden standen zwei Bäume: Der Baum des Lebens, Ez ha-Chajîm, und der Baum der Erkenntnis von Gut und Böse, Ez had-da tôb wâ râ. Das Verbot von dem Baum der Erkenntnis zu essen, bezog sich auf den Verlust des ewigen Lebens im Paradies. Da jedoch der Mensch sich bereits als Adam und Eva seiner beiden Anteile, dem männlichen und dem weiblichen, bewusst geworden war, musste die Schlange diese Teilung noch vorantreiben.

In der gesamten Schöpfung kehrt nichts in die Einheit zurück, das nicht vorher am äußersten Punkt der Verdichtung angekommen ist. Als Konsequenz einer keimenden Dualität erfolgte die Vertreibung aus dem Paradies. Dies klingt wie eine Strafe, wäre da nicht die Erteilung des Freien Willens als Geschenk Gottes an den Menschen. Das größere Unglück für Adam und Eva hätte darin bestanden, im Garten Eden auch noch die Früchte von dem Baum des ewigen Lebens zu essen. Dann hätten sie für immer halbbewusst im Paradies verweilen müssen und würden nicht in den Schoß der Gottheit heimkehren können.

Wegen der genossenen Frucht von dem Baum der Erkenntnis, kann der Mensch auf seinem langen Weg durch die Stufen der Schöpfung tatsächlich erkennend werden und eines Tages aus Freiem Willen den Entschluss fassen, zu Gottvater zurückzukehren. Für diesen Rückweg schuf die jüdische Mystik den Lebensbaum, der in der Literatur kurz Etz Chaim genannt wird und die Emanationen der Gottheit in strukturierter Ordnung aufzeigt. Zu seiner größten Herrlichkeit ersteht der Baum des Lebens in der christlichen Offenbarung des Johannes auf. Dort bildet er neben Gott selbst den Mittelpunkt des Neuen Jerusalem. In der siebten Seligpreisung heißt es: „Selig, die gewaschen haben ihre Kleider, damit ihnen zuteil wird ein Recht an dem Baum des Lebens und sie einziehen zu den Toren der Stadt.“ (Offb 22,14)