Für MLMK

Alles mit Toni

Ich heiße Rosa. Und denk mal nicht, dass meine beste Freundin Lila heißt, das wäre ja superalbern. Nein, sie heißt Toni und wohnt im Haus nebenan.

Toni und ich haben ziemlich oft die gleichen Haargummis in den Zöpfen, die mit den Erdbeeren, die ich von ihr zum Geburtstag bekommen habe. Tonis Haare sind schokoladenbraun, und meine sind honiggelb. Im Kindergarten sitze ich beim Mittagessen neben Toni, und wenn ich Geburtstag habe, darf sie mich reinholen und mir die Krone aufsetzen. Bei Toni zu Hause gibt es Pfannkuchen und Schokokekse (nicht Obst und Karotten wie bei uns). So eine Freundin ist das Tollste, was einem passieren kann.

»Jaaahaaa!«, rufe ich aus meinem Zimmer.

Zu Biber sage ich: »Nicht traurig sein, deinen Holzpudding bekommst du später, ich muss jetzt runter zu meiner allerbesten Freundin.«

Mein Kuschelbiber sieht mich mit seinen niedlichen schwarzen Knopfaugen an. Biber hat sehr lange, schlabberige Arme und Beine, und an den Händen und Ohren hat er so bunten Blümchenstoff. Ich kenne Biber schon mein ganzes Leben, also seit mehr als 6 Jahren. Biber versteht alles und macht immer das, was ich auch gerade mache. Wenn mir zum Beispiel schlecht ist, weil ich zu viele Schokokekse gegessen habe, dann ist Biber auch schlecht, weil er zufällig zu viel Holz geknabbert hat.

»Bis gleich, Biber«, sage ich und laufe nach unten.

»Wollt ihr nicht ein paar Karotten haben? Die sind frisch vom Markt«, ruft Mama uns hinterher, als Toni und ich uns kurz darauf zusammen in mein Zimmer verkrümeln wollen.

Toni nimmt Mama höflich die Schale mit den geschnittenen Karotten ab. Sie guckt mich dabei an und lacht, aber nur ein bisschen, sodass Mama es nicht sieht.

Toni dreht ihren einen Zopf in den Fingern, das tut sie immer, wenn sie überlegt.

»Hm, vielleicht können wir spielen, dass Biber unser Kind ist und er krank im Bett liegt?«, sagt sie dann.

»Nein!«, rufe ich direkt. »Biber ist nicht krank, sondern total gesund!«

Wir beide schauen Biber an, der brav neben der Karottenschale sitzt. Dann schauen wir uns an. Hier stimmt doch was nicht!

»Hast du das auch gesehen?«, frage ich Toni leise. »Hat der jetzt gerade eine Karotte gekaut, oder bin ich bekloppt?«

Toni guckt mich ein bisschen komisch an, aber dann sagt sie: »Du bist bekloppt. Kuscheltiere können keine Karotten essen.«

Danach sagt erst mal keiner von uns was.

»Ist dein Ted zu Hause? Sollen unsere Tiere auch in die Schule kommen? Dann könnten wir Schultüten basteln und Einschulung spielen!«, sage ich.

Bei dem Wort »Einschulung« wird mir etwas mul

»Wir dürfen die Tiere dann auch gar nicht mehr mitnehmen, in der Schule gibt es sicher keinen Spielzeugtag, oder?«, fragt Toni leise. Wieder dreht sie einen ihrer Zöpfe in den Fingern.

»Nee, ganz sicher nicht. Aber das wollen wir bestimmt auch gar nicht mehr, weil wir dann ja schon groß sind«, erkläre ich. Meine Stimme klingt wie die von Mama, das wird Toni beruhigen.

Toni nickt, aber so richtig froh sieht sie nicht aus.

»Komm, wir gehen schaukeln«, sage ich schnell, und Toni nickt.

Wir lassen Biber in meinem Zimmer sitzen und rennen in den Garten. Zum Glück haben wir 2 Schaukeln, das ist auch dringend nötig fürs Schaukelgeschichtenerzählen. Schaukelgeschichten sind wahre Geschichten, aber wenn man will, darf man sich Quatsch dazu ausdenken. Der andere ruft einfach ganz laut »Stopp!«, wenn er merkt, dass etwas erfunden ist.

»… und dann waren wir in Frankreich am Strand. Und als ich gerade richtig weit draußen mit Papa schwimmen war, hat mich was in den Fuß gebissen, das hat total gepiekt. Weißt du, was das war? Eine Meerjungfrau! Sie …«

»Stopp!«, rufe ich ganz laut.

Toni schaut mich erstaunt an. »Was ist denn daran bitte nicht echt? Glaubst du das etwa nicht?«

Ich schüttle den Kopf und lache, aber Toni sieht richtig wütend aus.

»Das stimmt wirklich! Papa hat die Meerjungfrau auch gesehen! Sie hat ganz kurz aus dem Wasser geguckt, und plötzlich ist sie weggeschwommen!«

»Das glaubst du ja wohl selbst nicht!«, rufe ich jetzt auch ein bisschen sauer. »Ich frage deinen Papa, ob das stimmt!«

»Mach doch!« Toni zieht eine Grimasse. »Außerdem musst du das gerade sagen … Von wegen, Biber hat eine Karotte

»Aber das hat er doch wirklich!«, rufe ich. »Echt, ich habe ganz genau gesehen, wie er gekaut hat! Du doch auch, oder?«

»Quatsch mit Soße«, sagt Toni nur. »Außerdem muss ich jetzt nach Hause.« Sie springt von der Schaukel und läuft einfach weg, zu ihrem blauen Haus.

Ich gucke ihr hinterher. Das mit der Meerjungfrau glaube ich ihr ganz sicher nicht. Dann gehe ich ziemlich langsam zurück zu meinem gelben Haus und direkt hoch in mein Zimmer. Biber sitzt immer noch genauso auf dem Boden wie vorhin.

»Biber«, flüstere ich leise und will ihn gerade an mich drücken. Da sehe ich es: Die Schale Karotten neben ihm ist leer.

Biber! Was machst du da?

Am nächsten Tag im Kindergarten laufe ich als Allererstes zu Toni. Ich würde ihr jetzt so gerne das mit Biber erzählen, aber ich traue mich nicht, denn sonst streiten wir uns sicher wieder. Darum bleibt das eben einfach ein Rosa-Biber-Geheimnis.

Toni sitzt mit Lisa in der Puppenecke.

»Ha! Gleiche Haarspangen!«, sagt Toni, als sie mich sieht.

Tatsächlich hat Toni die Blaubeeren drin. Ich gucke erst auf ihre Haarspangen, und danach taste ich nach meinen.

Und dann spielen wir den ganzen Vormittag zusammen. Wir füttern die Puppen und wickeln sie, und später ärgern wir noch ein bisschen die Jungs. Der Tag ist wirklich schön.

 

Vor der Tür stehen schon unsere Mamas. Irgendwie sehen sie so ernst aus, denke ich. Ob sie sich auch gestritten haben, wie Toni und ich gestern?

Mama winkt mir zu. Ich renne zu ihr und rufe: »Maaaaaaamaaaaaaa! Kann Toni heute bei mir schlafen?«

Und Toni rennt zu ihrer Mama und ruft: »Maaaaaaaaamaaaaaaaaa! Kann ich heute bei Rosa schlafen?«

Unsere Mamas gucken sich an und lachen.

»Na, das ist dann wohl eine abgemachte Sache, was?«, sagt Mama zu Mama.

Und dann drückt meine Mama mich ganz fest und sagt: »Klar doch! Ihr zwei Freundinnen!«

Als wir gehen, sagt sie noch: »Sabine, wir telefonieren später in Ruhe, ja?«

Tonis Mama Sabine nickt und winkt uns hinterher.

 

Mama und Emil und ich haben gerade erst fertig Mittag gegessen, als Toni schon vor der Tür steht. Sie hat ihren Ted im Arm und erzählt: »Das Bettzeug bringt Papa später.«

Dann spaziert sie herein, weil das für sie das Nor

»Na, Lila, was gibt’s Neues?«, fragt Emil dann auch direkt.

Toni kichert, den Witz machen sie immer.

»Ich heiße nicht Lila, ich heiße Toni

»Ach, wirklich? Und ich dachte, Rosa und Lila passt viel besser, weil ihr doch auch so gerne rosa Sachen und Barbies mögt …«, sagt er und knufft sie in die Seite.

Toni kichert immer noch. »Gar nicht! Emil Schlemil!«

»Hey, du Frechdachs, ich heiße Emil!«, sagt mein Bruder und tut so, als wäre er böse.

»Sollen wir hoch in mein Zimmer?«, frage ich Toni. Wenn ich mich jetzt nicht schnell einmische, kann das noch ewig so weitergehen.

»Hm, ja, ist guuut«, sagt Toni und steht langsam auf.

»Freust du dich schon auf die Schule, Lila?«, ruft Emil ihr noch hinterher.

»Geht so«, ruft Toni zurück. »Aber ich heiße trotzdem Toni.«

Und dann verschwinden wir nach oben.

Ich nicke. Damit haben wir uns endgültig wieder vertragen.

Wir spielen Kaufmannsladen, bis endlich Tonis Papa mit dem Bettzeug kommt. Das ist immer das Allerbeste, wenn man das Bett bauen kann! Toni und ich holen die Gästematratze aus Emils Zimmer und legen sie vor mein Bett.

Als wir später mit geputzten Zähnen unter unseren Decken liegen, guckt Mama ungefähr noch zwanzigmal rein und sagt: »Jetzt ist aber wirklich Schluss.«

Doch wir kichern noch ein bisschen weiter. Wir haben ja auch ganz viel zu bereden!

Immer wieder sagt eine von uns so was wie: »Am ersten Schultag … was ist, wenn wir den Raum nicht finden?«

Und dann sagt die andere: »Und was ist, wenn wir doch mal Biber oder Ted mitnehmen wollen?«

So geht das ewig weiter.

Als ich irgendwann doch fast eingeschlafen bin, zupft Toni an meiner Bettdecke und flüstert leise: »Rosa! Hörst du das? Was ist das? Ich habe Angst, ich will nach Hause!«

Aber Toni zupft weiter. »Roooosa! Da ist so ’n Geräusch!«

Auf einmal bin ich hellwach und höre es auch – das komische Geräusch.

»Knips nicht das Licht an, vielleicht ist es eine Fledermaus oder so!«, zischt Toni mir zu und kriecht unter meine Bettdecke.

Da hören wir es wieder, dieses Mal richtig laut: »Ritzeratze … Ritzeratze …« Wir klammern uns ganz doll aneinander.

Ich will schnell Biber in meinen Arm nehmen, das hilft immer. Aber wo ist er?

»Biber ist weg!«, flüstere ich jetzt echt erschrocken.