E-Book-Ausgabe 2020

© Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2004, 2009, 2013

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Umschlaggestaltung: Agentur IDee

Umschlagmotiv: © Roland and Sabrina Michaud / akg-images

E-Book-Konvertierung: Arnold & Domnick, Leipzig

ISBN 978-3-451-82028-1

ISBN (Taschenbuch) 978-3-451-03247-9

Inhalt

Titelseite

Impressum

Inhalt

Zur Einstimmung

Einführung

Das Paradies suchen – Energie aktivieren

Das Paradies liegt neben dir – Perspektivenwechsel

Wir können uns das Leben zum Paradies machen – Vom Umgang miteinander

Im Paradies ist alles da – Großzügigkeit und Gastfreundschaft

Stolpersteine gibt es auch im Paradies – Den Weg nicht verlieren

Sich auf den Weg machen – Zur Weisheit finden

Eine Seligpreisung auf dem Weg

Der Autor

Zur Einstimmung

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Erst das Ziel, dann der Weg

Wer das Ziel kennt, kann entscheiden, wer entscheidet, findet Ruhe, wer Ruhe findet, ist sicher, wer sicher ist, kann überlegen, wer überlegt, kann verbessern.

(Aus dem Orient)

Einführung

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Erstmals kehrte ein Sohn, der an der Universität Philosophie studiert hatte, nach Hause zurück. Der Vater bereitete ihm einen herzlichen Empfang und ein gutes Essen. Wein wurde getrunken, und der Vater sagte: »Was hast du an der Universität studiert, mein Sohn?«

»Philosophie!«

»Und was ist sie dir nütze, die Philosophie?«

»Oh, die Philosophie ist zu vielem nütze«, erwiderte der junge Mann. »Nimm zum Beispiel diesen gebratenen Hahn. Für gewöhnliche Menschen ist es nur ein gewöhnlicher, ein konkreter Hahn. Für uns Philosophen jedoch sind es zwei Hähne, ein konkreter und ein abstrakter Hahn.«

»Ich hätte nicht gedacht, dass die Philosophie so nützlich ist«, sagte der Vater darauf. »Gut, machen wir es so: Ich esse den konkreten Hahn, und du verspeist den abstrakten.«

Menschen haben unterschiedliche Wertvorstellungen und -maßstäbe. Sie prägen unser Leben und sind oft Ursache für Missverständnisse. Sie hängen ab vom Alter, vom Geschlecht, von persönlichen Erfahrungen, der Ausbildung, der sozialen Schicht, der sozialen Umgebung, der philosophischen, weltanschaulichen oder religiösen Einstellung, der politischen Meinung und der situationsabhängigen Stimmung. Verschiedenen Menschen ist Unterschiedliches wichtig: Man misst etwas an seinem Geldwert, an seinem Seltenheitswert, an seinem Gebrauchswert, an seinem Prestigewert oder an seinem Gefühlswert. Diese Unterschiede führen oft auch zu zwischenmenschlichen Konflikten. Besonders anfällig für solche Konflikte sind Menschen, die feste Wertmaßstäbe besitzen, sie für unwandelbar halten und dann mit Menschen konfrontiert werden, die andere Wertmuster vertreten. Weiterhin entstehen Probleme dort, wo Wertmaßstäbe innerhalb sozialer Beziehungen im Wandel begriffen sind. Wir stehen diesen unterschiedlichen und sich ändernden Bewertungen oft hilflos gegenüber und setzen unsere Ratlosigkeit nicht selten in Aggression um. Es geht also darum, flexibel zu reagieren, zu den eigenen Vorstellungen eine überraschende Perspektive zu gewinnen, von der auch die anderen Menschen profitieren.

Ein 40-Jähriger, der eine 20-Jährige geheiratet hat, auf die Frage, ob sich der Altersunterschied nicht störend bemerkbar mache: »Keineswegs. Wenn ich meine Frau anschaue, fühle ich mich zehn Jahre jünger. Wenn meine Frau mich anschaut, fühlt sie sich zehn Jahre älter. Also fühlen wir uns beide wie dreißig.«

Erfahrungen zeigen, dass sich unsere Probleme, Konflikte und Schwierigkeiten – bei genügend Aufmerksamkeit und genauer Beobachtung – im Wesentlichen vermeiden oder zumindest behandeln oder beheben lassen. Ist das nicht möglich, so liegt das zuerst und zunächst an unserer inneren Einstellung: Sie hindert uns, die Probleme, die aus der Umwelt auf uns zukommen, objektiv zu sehen. Die Folge: Wir können Enttäuschungen aus unserem persönlichen Bereich oder aus unserer weiteren Umgebung nicht angemessen verarbeiten, entwickeln Schuldgefühle oder stellen den anderen als Sündenbock hin.

Ein älterer Mann meinte:

»Wie oft habe ich mich zum Narren gemacht,

nur um zu beweisen, dass ich kein Idiot bin!«

Wir können lernen, mit Missverständnissen auch positiv umzugehen. Gerade im Verhältnis zwischen den Generationen zeigt sich die Relativität der Werte. Besonders deutlich wird dies, wenn Erwachsene einem Kind etwas schenken, was sie selbst für sehr wertvoll halten, das Kind aber ein anderes, billigeres Spielzeug lieber mag.

Eine 32-jährige Mutter erzählt zum Beispiel von erheblichen Dissonanzen mit ihren Schwiegereltern. Diese überhäufen das Enkelkind seit Jahren mit Spielzeug: »Ich weiß nicht, wohin mit den Spielsachen. Die denken gar nicht daran, etwas Praktisches wie Kleidungsstücke zu schenken. Das macht mich wahnsinnig.«

Bei Nachfragen wird deutlich, dass der Schwiegervater während der Kindheit seines Sohnes im Krieg war und nicht mit ihm spielen konnte. Dies versuchte er nachzuholen, indem er seinem Enkel Spielzeug schenkte. Das Spielzeug hat also für Mutter und Schwiegervater verschiedene Bedeutung: für die eine bedeutet es eine Belastung und für den anderen eine Entlastung.

Macht man sich solche Ursachen klar, dann kann man die Dinge mit anderen Augen sehen.

Lehrer: »Du hast in deiner Hosentasche sechs Euro. Einen Euro verlierst du. Was hast du dann?«

Schüler: »Ein Loch in der Hosentasche.«

Lerne zu unterscheiden zwischen eigenen und fremden Motiven. Schließe nicht von dir auf andere, sondern frage nach den Motiven.

Wir wollen in diesem Buch versuchen, auf folgende Fragen einzugehen:

Ein wichtiger Ansatz zu meiner Arbeit als Psychotherapeut ist, die intuitiven Gedanken des Orients mit den neuen Methoden des Okzidents zu verbinden. Geschichten und Lebensweisheiten werden gezielt im Beratungsprozess eingesetzt.

Sie machen deutlich, wie wir von anderen Kulturen lernen können durch Geschichten, Lebensweisheiten und Humor. Sie sind wie eine Oase der Entspannung.

Humor ist die Fähigkeit,

heiter zu bleiben, wenn es ernst wird.

In diesem Buch stelle ich Ihnen einige Beispiele aus diesen Begegnungen vor. Denjenigen, die sich für eine umfassende Darstellung von Geschichten und der Positiven Psychotherapie interessieren, empfehle ich das Buch »Der Kaufmann und der Papagei« und »Es ist leicht, das Leben schwer zu nehmen, aber schwer, das Leben leicht zu nehmen« und »Klug ist jeder, der eine vorher, der andere nachher« sowie »Wenn du willst, was du noch nie gehabt hast, dann tu, was du noch nie getan hast«.

Wenn ein Arzt seinen Patienten gute Geschichten erzählt,

dann braucht er halb so viel Narkosemittel.

(Sauerbruch)

Frau Vera Hickmann, Diplom-Pädagogin, danke ich für die sorgfältige Schreibarbeit und Anregungen. Herrn Kollegen und Mitarbeiter Dr. med. Arno Remmers und meinem Sohn Dr. med. Hamid Peseschkian bin ich für die kritische Durchsicht des Manuskriptes dankbar. Meine Frau Manije Peseschkian hat mir bei der Entwicklung der Geschichten viel geholfen. Dieses Buch wurde von Dr. Karin Walter vom Verlag Herder angeregt und betreut, die mir immer wieder half, das richtige Maß zu finden.

Es ist nicht wenig Zeit, was wir haben,

sondern es ist viel, was wir nicht nützen.

Das Paradies suchen – Energie aktivieren

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Es gibt keinen Fahrstuhl zum Glück.

Man muss die Treppe nehmen.

Dem Glück auf die Sprünge helfen

Wir können eine Eisenstange benutzen, um daraus eine gewisse Zahl Hufeisen herzustellen. Durch den Verkauf kann man eventuell den eingesetzten Betrag vervierfachen.

Wenn wir aber dieselbe Eisenstange zur Weiterverarbeitung geben und sie schließlich in einer Mechanikerwerkstatt für die Herstellung von Nadeln landet, können die Produkte um das Fünfzigfache des Ursprungspreises Gewinn bringen.

Dient die Eisenstange aber als Ausgangsprodukt für feine Uhrfedern einer Schweizer Uhrenmanufaktur, kann sich der Wert tausendfach steigern.

Der Wert unserer Zeit, die wir im Leben zur Verfügung haben, ist mit der Eisenstange vergleichbar. Es kommt darauf an, was für ein Endprodukt wir mit unserem Energieaufwand im Leben anbieten.

Energiereserven finden

Nach dem Sinn des menschlichen Lebens zu fragen, heißt auch, nach seinem Ursprung und nach seinem Ziel zu fragen. In diesem Zusammenhang fragen wir uns auch immer wieder neu: Was ist das Wesen des Menschen? Ist er gut oder böse? Ist er in seinen Entscheidungen frei? Gibt es eine Erfüllung für seine Sehnsucht nach Glück? Hat er Einfluss auf das Schicksal der Menschheit? Ist mit dem Tod alles zu Ende?

Manche Menschen fallen gerade dadurch auf, dass sie sich auf sich selbst zurückziehen und auf die Zuwendung und das Mitgefühl der anderen warten. Sie befinden sich in der Rolle des Nehmenden, ohne dass sie selbst in der Lage wären, zu geben. Oft sind sie zu erschöpft dazu. Hinter dieser Erschöpfung verbirgt sich eine nicht unerhebliche Selbstheilungstendenz: Man vermeidet äußere Anforderungen und erreicht dadurch eine vorübergehende Stabilisierung des inneren Zustandes. Auf den ersten Blick erscheint ein solcher Mensch tatsächlich »energiearm«. Häufig fehlt es ihm sogar an der Kraft, seine täglichen Belange zu ordnen. Doch auch diese seelische Befindlichkeit, in der zusätzliche Anstrengungen vermieden werden, erfordert einen relativ großen Energieaufwand. Zeichen dafür sind die Zeit, die ein Mensch aufbringt, um über sein Problem nachzugrübeln, mit anderen über seine Krankheit zu sprechen, und die Verbissenheit, mit der er Schuldgefühle, festgefahrene Haltungen und Überzeugungen verteidigt. Oft kann es helfen, sich ein paar einfache Fragen zu stellen, um neue innere Energiequellen zu finden.

Lass dich nicht gehen, gehe lieber selbst.

Kräfte richtig einsetzen

Ein König musste einen wichtigen Posten besetzen. Um den richtigen Mann dafür zu finden, stellte er den Hofstaat auf die Probe. Kräftige und weise Männer umstanden ihn in großer Menge.

»Ihr weisen Männer«, sprach der König, »ich habe ein Problem, und ich möchte sehen, wer von euch in der Lage ist, dieses Problem zu lösen.« Er führte die Anwesenden zu einer Tür mit einem riesengroßen Türschloss, so groß, wie es keiner je gesehen hatte. Der König erklärte: »Hier seht ihr das größte und schwerste Schloss, das es in meinem Reich je gab. Wer von euch ist in der Lage, das Schloss zu öffnen?«

Ein Teil der Höflinge schüttelte nur verneinend den Kopf. Einige, die zu den Weisen zählten, schauten sich das Schloss näher an, meinten aber, dass die Aufgabe für sie zu schwierig sei. Als die Weisen sich so geäußert hatten, war sich auch der Rest des Hofstaates einig, dass dieses Problem unmöglich zu lösen sei. Nur ein Wesir ging an das Schloss heran. Er untersuchte es mit Blicken und Fingern, versuchte, es auf die verschiedensten Weisen zu bewegen, und zog schließlich mit einem Ruck daran. Und siehe, die Tür öffnete sich. Sie war nur angelehnt gewesen und das Schloss nicht ganz zugeschnappt. Es bedurfte nichts weiter als des Mutes und der Bereitschaft, dies zu begreifen und dann beherzt zu handeln.

Der König sprach: »Du wirst die Stelle am Hof erhalten, denn du verlässt dich nicht nur auf das, was du siehst oder was du hörst, sondern setzt selbst deine eigenen Kräfte ein und wagst, etwas auszuprobieren.«