Cover

Gesellschaftsentwürfe und Sozialismus

Erich Fromm
(2016j)

Als E-Book herausgegeben und kommentiert von Rainer Funk[1]

Erstveröffentlichung als E-Book 2016 unter dem Titel Gesellschaftsentwürfe und Sozialismus in der Edition Erich Fromm bei Open Publishing, München.

Die E-Book-Ausgabe der einzelnen Beiträge dieses Sammelbandes orientiert sich an den von Rainer Funk herausgegebenen und kommentierten Textfassungen in der Erich Fromm Gesamtausgabe in zwölf Bänden,München (Deutsche Verlags-Anstalt und Deutscher Taschenbuch Verlag) 1999.

Die Zahlen in [eckigen Klammern] geben die Seitenwechsel in der Erich Fromm Gesamtausgabe in zwölf Bänden wieder.

Copyright © als E-Book 2016 by The Estate of Erich Fromm. Copyright © Edition Erich Fromm 2016 by Rainer Funk.

Impressum

E-Book-Ausgabe 2016
Edition Erich Fromm erschienen bei Open Publishing Rights GmbH, München
© 2016 Erich Fromm;
für diese digitale Ausgabe © 2016 The Estate of Erich Fromm
für die Edition Erich Fromm © 2016 Rainer Funk
Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.
Titelbildgestaltung: Sarah Borchert, München
ISBN 978-3-95912-199-6

Der Herausgeber

herausgeber

Rainer Funk (geb. 1943) promovierte über die Sozialpsychologie und Ethik Erich Fromms und war von 1974 an Fromms letzter Assistent. Fromm vererbte dem praktizierenden Psychoanalytiker Funk seine Bibliothek und seinen wissenschaftlichen Nachlass. Diese sind jetzt im Erich Fromm Institut Tübingen untergebracht, siehe www.erich-fromm.de.

Darüber hinaus bestimmte er Funk testamentarisch zu seinem Rechteverwalter. 1980/1981 gab Funk eine zehnbändige, 1999 eine zwölfbändige „Erich Fromm Gesamtausgabe“ heraus. Die Texte dieser Gesamtausgabe liegen auch der von Funk mit editorischen Hinweisen versehenen „Edition Erich Fromm“ als E-Book zugrunde.

Der Autor

autor

Erich Fromm, Psychoanalytiker, Sozialpsychologe und Autor zahlreicher aufsehenerregender Werke, wurde 1900 in Frankfurt am Main geboren. Der promovierte Soziologe und praktizierende Psychoanalytiker widmete sich zeitlebens der Frage, was Menschen ähnlich denken, fühlen und handeln lässt. Er verband soziologisches und psychologisches Denken. Anfang der Dreißiger Jahre war er mit seinen Theorien zum autoritären Charakter der wichtigste Ideengeber der sogenannten „Frankfurter Schule“ um Max Horkheimer.

1934 emigrierte Fromm in die USA. Dort hatte er verschiedene Professuren inne und wurde 1941 mit seinem Buch „Die Furcht vor der Freiheit“ weltbekannt. Von 1950 bis 1973 lebte und lehrte er in Mexiko, von wo aus er nicht nur das Buch „Die Kunst des Liebens“ schrieb, sondern auch das Buch „Wege aus einer kranken Gesellschaft“. Immer stärker nahm der humanistische Denker Fromm auf die Politik der Vereinigten Staaten Einfluss und engagierte sich in der Friedensbewegung.

Die letzten sieben Jahre seines Lebens verbrachte er in Locarno in der Schweiz. Dort entstand das Buch „Haben oder Sein“. In ihm resümierte Fromm seine Erkenntnisse über die seelischen Grundlagen einer neuen Gesellschaft. Am 18. März 1980 ist Fromm in Locarno gestorben.

Vorwort in: Edward Bellamy „Looking Backward“

(Foreword in: Edward Bellamy „Looking Backward“)

(1960f)[2]

Besonders unter den jungen Lesern dieses Buches[3] werden sich nur wenige darüber klar sein, dass Edward Bellamys Looking Backward eines der bemerkenswertesten Bücher ist, die jemals in Amerika veröffentlicht wurden. Dabei war es, was seine Popularität betrifft – nach Onkel Toms Hütte [von Harriet Beecher-Stowe, 1853] und Ben Hur [von Lew Wallace, 1880] um die Jahrhundertwende das beliebteste Buch, das in vielen Millionen von Exemplaren in den Vereinigten Staaten gedruckt und in über zwanzig Sprachen übersetzt wurde. Aber dass es zu den drei größten Bestsellern seiner Zeit gehörte, bedeutet noch wenig im Vergleich zu dem geistigen und emotionalen Einfluss, den dieses Buch nach seiner Veröffentlichung im Jahre 1888 hatte. Es regte das utopische Denken so sehr an, dass von 1889 bis 1900 in den Vereinigten Staaten sechsundvierzig weitere utopische Romane neben einer ganzen Anzahl in Europa erschienen. Drei bekannte Persönlichkeiten, Charles Beard, John Dewey und Edward Weeks, die unabhängig voneinander eine Liste der fünfundzwanzig einflussreichsten, seit 1885 erschienenen Bücher aufstellten, setzten alle Bellamys Werk auf den zweiten Platz, während sie Das Kapital von Karl Marx (MEW 23-25) an die erste Stelle setzten.(Vgl. J. H. Franklin, 1938, sowie E. Sadler, 1944.)

Von besonderer Bedeutung ist der Einfluss, den dieses Buch auf Männer wie John Dewey, William Allen White, Eugene V. Debs, Norman Thomas und Thorstein Veblen hatte. (Vgl. J. Schiffman,1956, S. XXXV[4], sowie S. Bowman,1958.) Es ist kaum [V-274] übertrieben, wenn man behauptet, dass sich das Leben einiger dieser Männer und vieler anderer durch die Lektüre von Bellamys Buch änderte. Nicht nur eine Reihe von Intellektuellen wurde von ihm beeinflusst – es gehört auch zu den wenigen Büchern, die je veröffentlicht wurden, welche fast unmittelbar nach ihrem Erscheinen eine politische Massenbewegung hervorriefen. 1890 und 1891 schossen hundertfünfundsechzig „Bellamy Clubs“ überall in den Vereinigten Staaten aus dem Boden, die sich für Diskussion und Verbreitung der in Looking Backward verkündeten Ziele engagierten. Die „Populist-Party“, die auf ihrem Höhepunkt in den Vereinigten Staaten über eine Million Stimmen bekam, war weitgehend von Bellamys Ideen beeinflusst und bekam viele ihrer Stimmen von dessen Anhängern.

Der Einfluss von Looking Backward ist weitgehend auf den bemerkenswerten Weitblick dieses Buches, auf seine treffende Kritik an der Gesellschaft des neunzehnten Jahrhunderts und auf seinen ansprechenden Stil zurückzuführen, doch erklärt das allein noch nicht seinen Erfolg. In den neunziger Jahren war Amerika aufgeschlossen und bereit für Visionen von einer „guten Gesellschaft“. Während Romane aus dem Zwanzigsten Jahrhundert, die wie Aldous Huxleys Brave New World (1946) oder George Orwells 1984 (1949) ein Bild der Zukunft zu zeichnen versuchen, eine entmenschlichte Gesellschaft beschreiben, die von einer hypnotisierenden Massensuggestion oder vom Terror beherrscht wird, waren die Amerikaner gegen Ende des neunzehnten Jahrhunderts gewillt und in der Lage, an eine Gesellschaft zu glauben, welche die Versprechungen und Hoffnungen, die der gesamten westlichen Tradition zugrunde liegen, erfüllen würde.

Gehört Looking Backward als fiktiver Roman auch ganz zur amerikanischen Tradition, so enthält er doch wie alle Utopien charakteristische Elemente der westlichen Zivilisation. Während die jüdisch-christliche Tradition viele grundlegende religiöse und ethische Ideen mit den anderen humanistischen Weltreligionen gemeinsam hat, ist die Utopie fast ausschließlich ein Erzeugnis des westlichen Geistes.

Was bedeutet in diesem Zusammenhang das Wort „Utopie“? Es hat zwar seinen historischen Ursprung in Thomas Morus’ Utopia (1516), doch heute begreift man eine Gesellschaft dann als utopisch, wenn der Mensch in ihr eine solche Vollkommenheit erlangen kann, dass er ein soziales System errichten kann, das in Gerechtigkeit, Vernunft und Solidarität gründet. Diese Vision hat ihren Ursprung in den messianischen Vorstellungen der alttestamentlichen Propheten. Ihr Kerngedanke ist, dass der Mensch, nachdem er seine ursprüngliche, vorindividuelle Einheit mit der Natur und seinen Mitmenschen verloren hat (wie dies symbolisch in der Geschichte vom Sündenfall und der Vertreibung aus dem Paradies zum Ausdruck kommt), anfängt, seine eigene Geschichte zu gestalten. Der Akt des Ungehorsams war ein erster Akt der Freiheit. Er wird sich seiner selbst als eines abgesonderten Individuums und seiner Abgetrenntheit von der Natur und allen anderen Menschen bewusst. Diese Erkenntnis ist der Anfang der Geschichte; aber die Geschichte hat Zweck und Ziel: dass der Mensch, getrieben von seiner Sehnsucht nach neuer Einheit mit der Natur und seinen Mitmenschen, seine humanen Fähigkeiten zu Liebe und Vernunft so vollkommen entwickelt, dass er schließlich eine neue Einheit, eine neue Harmonie mit der Natur und den Menschen erreicht. Er wird sich dann nicht länger abgetrennt, allein und isoliert [V-275] fühlen, sondern er wird sein Einswerden mit der Welt, in der er lebt, erfahren; er wird sich in seiner Welt wahrhaft zu Hause und nicht länger als Fremdling fühlen. Nach Vorstellung der Propheten ist es der Mensch, der seine Geschichte schafft; weder Gott noch der Messias ändern seine Natur oder „erlösen“ ihn. Er selbst wächst, entfaltet sich und wird zu dem, was er seiner Anlage nach ist. Dieser neue Zustand der Gesellschaft wird als die „Messianische Zeit“ bezeichnet.

Die Messianische Epoche kennzeichnet das Ende des Kampfes zwischen Mensch und Mensch und zwischen Mensch und Natur. Universaler Friede und Gerechtigkeit gelten, und die Grenzen zwischen den Völkern werden aufgehoben sein, wie der Prophet Micha (4,3-5) formuliert:

Er spricht Recht im Streit vieler Völker,
er weist mächtige Nationen in die Schranken.
Dann schmieden sie Pflugscharen aus ihren Schwertern
und Winzermesser aus ihren Lanzen.
Man zieht nicht mehr das Schwert, Volk gegen Volk,
und übt sich nicht mehr für den Krieg.
Jeder sitzt unter seinem Weinstock
und unter seinem Feigenbaum,
und niemand schreckt ihn auf.
So hat der Mund des Herrn der Heere gesprochen.
Denn alle Völker gehen ihren Weg,
jedes ruft den Namen seines Gottes an;
wir aber gehen unseren Weg im Namen Jahwes
unseres Gottes für immer und ewig.

Das messianische Denken war geschichtliches Denken: Die Brüderlichkeit aller Menschen sollte durch die eigenen Anstrengungen des Menschen innerhalb der Geschichte erreicht werden. Im Christentum wurde diese Sicht zu einer rein spirituellen und nicht-historischen Erlösung verengt. Für das mittelalterliche Denken ist Erlösung vor allem etwas, das sich nicht in geschichtlicher Zeit, sondern erst jenseits der Geschichte, in einer eschatologischen Zukunft ereignen wird.

Viele Jahrhunderte lang blieb die prophetische Vision einer guten Gesellschaft verborgen – bis zu jener entscheidenden Epoche in der westlichen Geschichte, die mit der Renaissance ihren Anfang nahm, als der Keim rationalen und theoretischen Denkens, der von Griechenland nach Europa gelangt war, aufbrach. Nach Jacob Burckhardt (1928) war die Renaissance die Zeit, in welcher der Mensch die Natur und das Individuum entdeckte, die Zeit, in der eine neue Naturwissenschaft begründet wurde, in der er sich seiner eigenen Kraft und seiner Fähigkeit bewusst wurde, die Natur durch die Kraft seines Denkens zu verwandeln. Ein neues Machtgefühl entstand, und der Mensch begann, sich als der potenzielle Herr der Welt zu fühlen. An diesem Punkt trafen sich zwei Tendenzen der westlichen Zivilisation: die prophetische Vision von der guten Gesellschaft als Ziel der Geschichte und der griechische Glaube an Vernunft und Wissenschaft. So wurde die Idee der Utopie wiedergeboren – die Idee, dass der Mensch die Fähigkeit besitzt, sich selbst zu wandeln und eine neue Welt [V-276] aufzubauen, die von einer gerechten, vernünftigen Gesellschaft bevölkert sein würde, eine Welt, in der Gerechtigkeit, Liebe und Solidarität verwirklicht würden. Jede Epoche – die Renaissance, die englische Revolution, das Zeitalter der Aufklärung und das neunzehnte Jahrhundert – schuf eine eigene Utopie. (Vgl. M. L. Berneri, 1950.) Das neunzehnte Jahrhundert entwickelte eine neue Form utopischen Denkens, die sich von der herkömmlichen, künstlerischen Form unterschied. Es entstanden Schriften, die die messianische Idee in philosophische und soziologische Gedanken umsetzten. Fourier, Robert Owen, Kropotkin, Hegel und Marx sind die wichtigsten Vertreter dieser neuen Form wissenschaftlich-utopischen Denkens. Auf diesem Boden entstanden die amerikanischen Utopien – auch Bellamys Looking Backward.

Edward Bellamy, der Autor dieser klassischen amerikanischen Utopie, wurde 1850 in einer traditionsreichen New-England-Familie geboren. Die Vorfahren väter- wie mütterlicherseits waren Geistliche, die sich durch ihre unkonventionelle und unabhängige Art auszeichneten. (Vgl. J. Schiffman, 1956, S. XI ff.) Sein Großvater mütterlicherseits musste sein Pfarramt aufgeben, das er in Salem (Massachusetts) ausübte, weil er sich den Freimaurern angeschlossen hatte. Sein Vater verlor nach vierunddreißig Dienstjahren seine Kanzel in Chicopee Falls. Edward Bellamy wurde zwar im calvinistischen Glauben erzogen, doch hielt er nicht lange an ihm fest. Nach einer Europareise kehrte er den Lehren der Kirche den Rücken und arbeitete an Gedanken über die „Unmenschlichkeit des Menschen gegen den Menschen“. Nach einem juristischen Examen wurde er aus dem Wunsch, an der Veränderung der Gesellschaft mitzuwirken, Journalist. Mit zweiundzwanzig Jahren hielt er seine erste Rede über die „Barbarei der Gesellschaft“. Ausgehend von der christlichen Lehre, von der Idee der Liebe zum Menschen und der menschlichen Solidarität schrieb er mit vierundzwanzig Jahren The Religion of Solidarity (1874), ein Werk, das zu seinen Lebzeiten nie veröffentlicht wurde. Aufgrund seines schlechten Gesundheitszustandes, der auch zu seinem frühen Tod mit achtundvierzig Jahren führte, musste er seine redaktionelle Tätigkeit aufgeben und arbeitete fortan als freier Schriftsteller. Mit sechsunddreißig Jahren begann er an Looking Backward zu schreiben, das 1888 erstmals im Druck erschien. Auch als er schon landesweit berühmt geworden war, verlor er doch nie seine tiefe Bescheidenheit und Demut, seine bedingungslose Hingabe an seine Ideale und seine Liebe zu den Menschen. Trotz seiner Krankheit und trotz wirtschaftlicher Schwierigkeiten ließ er sich die Vorlesungen zur Verbreitung seiner politischen Ideen nicht bezahlen.

Welcher Art ist die Gesellschaft, die Bellamy in Looking Backward beschreibt? Ihm schwebt eine Gesellschaft vor, die weniger durch technische Erfindungen als durch eine vernünftige Organisation soviel produzieren kann, dass jedermanns Bedürfnisse befriedigt werden. Die Menschen besitzen nicht unbegrenzte Mengen an Gütern, und sie werden nicht dazu angeregt, immer mehr zu konsumieren. Wenn sie zum Beispiel Reisen machen wollen, müssen sie sich damit abfinden, dass sie weniger für ihre Wohnung oder ihre Kleidung ausgeben können, aber keinem fehlt die Grundlage für ein würdiges, reiches menschliches Leben. Jeder bekommt gleichviel Geld, ohne [V-277] Rücksicht darauf, wie viel Arbeit er leistet. Jeder hat Anspruch auf ein gesichertes Leben, nicht weil er sich hier und dort besonders hervortut, sondern einfach, weil er ein Mensch ist.

Verdienst ist eine moralische Frage, und wie viel bei der Arbeit herauskommt, ist eine materielle Angelegenheit. Es wäre eine merkwürdige Logik, wollte man versuchen, eine moralische Frage nach materiellen Maßstäben zu beantworten. (...) Der Anspruch eines jeden Menschen gründet sich auf die Tatsache, dass er ein Mensch ist.

Alle Produktionsmittel befinden sich in den Händen des Staates. Es gibt kein privates Kapital und keine Privatunternehmen. Was und wie viel jeder tut, bestimmt nur er allein. Bellamys „gute Gesellschaft“ strebt nicht nach Luxus und Konsum als Selbstzweck, sondern nach einem guten Leben. Die Arbeit ist frei gewählt, jedoch kein Lebensziel. Mit fünfundvierzig Jahren ist man nicht mehr verpflichtet, zur Wirtschaft des Landes beizutragen, ausgenommen in hochspezialisierten Berufen und Verwaltungsposten, die Freude machen und sehr viel Erfahrung erfordern. Bellamy geht es prinzipiell um ein „völlig freiwilliges“ System, „um das logische Ergebnis der Betätigung der menschlichen Natur unter vernünftigen Umständen“.

In Bellamys Utopie geht es den Menschen nicht nur in materieller Hinsicht besser. Sie unterscheiden sich auch in psychologischer Hinsicht. Statt Streitigkeiten gibt es Solidarität und Liebe unter den Menschen. Prinzipiell nimmt man von anderen nur Dienstleistungen an, die man auch selbst zu leisten bereit ist. Die Menschen sind offenherzig und lügen nicht; die Geschlechter sind völlig gleichberechtigt. Es gibt keinen Grund, den anderen zu betrügen oder ihn zu manipulieren. Kurzum, Bellamy stellt eine Gesellschaft vor, in der die Religion der brüderlichen Liebe und Solidarität verwirklicht ist.

Die Utopie Bellamys wurde häufig angegriffen, und zwar nicht nur – wie zu erwarten – von jenen, die gegen eine sozialistische Gesellschaft waren, sondern auch von vielen, deren Sympathie durchaus einer Gesellschaft gehört, in der es keinen Privatbesitz an Produktionsmitteln gibt und stattdessen Solidarität gelebt wird. Zwei wichtige Einwände scheinen mir durchaus berechtigt.

Der erste und wichtigste Einwand richtet sich gegen das hierarchische und bürokratische Verwaltungsprinzip, das in der Gesellschaft des Jahres 2 000 herrscht. Es handelt sich nicht um wirkliche Demokratie: Wählen darf nur, wer über fünfundvierzig Jahre alt ist und nichts mit der Industrie zu tun hat! Die Verwaltung ist nach den Grundsätzen der Armee organisiert. Zwar sind Geschicklichkeit, Bildung und nachgewiesene Befähigung die Vorbedingungen für einen Aufstieg in dieser Hierarchie, aber es handelt sich trotzdem um eine Gesellschaft, in der die meisten Bürger sich nach den Befehlen der „Industrieoffiziere“ zu richten haben und wo sie kaum eine Chance besitzen, eine eigene Initiative zu entwickeln. Bellamys Staat ist stark zentralisiert. Der Staat besitzt nicht nur die Produktionsmittel, er dirigiert auch sämtliche öffentlichen Tätigkeiten.

Wenn sich diese Kritik schon zu Bellamys Lebzeiten gegen seine Utopie richtete, wie viel gerechtfertigter kommt sie uns heute um die Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts in einer Gesellschaft vor, die sich mehr und mehr zu einer Manager-Gesellschaft entwickelt! Wir haben sowohl in der Sowjetunion als auch in den großen Industriestaaten des Westens die Entwicklung einer Klasse von Managern miterlebt, die nicht die [V-278] juristischen Besitzer der Unternehmen sind, jedoch faktisch die Eigentumsrechte ausüben und nicht der Kontrolle derer unterworfen sind, deren Arbeit sie leiten. Der Einzelne wird immer mehr in ein Zahnrädchen in einem riesigen Verwaltungsapparat, in ein von Bürokraten dirigiertes „Ding“ verwandelt.

Bellamy hat die Gefahren einer Manager-Gesellschaft und der Bürokratisierung nicht erkannt. Er hat nicht gesehen, dass der Bürokrat Dinge und Menschen verwaltet, und mit den Menschen so in Beziehung tritt, als ob es sich um Dinge handelte. Bellamy hat nicht erkannt, dass in einer Gesellschaft, in der der Einzelne nicht verantwortlich an seiner Arbeit beteiligt ist, die wesentlichen Elemente der Demokratie fehlen, und dass es sich um eine Gesellschaft handelt, in welcher der Mensch seine Individualität und Initiative einbüßt. Er sah nicht, dass das bürokratische System schließlich dazu führt, dass Maschinen produziert werden, die sich wie Menschen benehmen, und Menschen, die sich wie Maschinen verhalten. Diese nachdrückliche Forderung einer bürokratischen, zentralisierten Regierung scheint mir tatsächlich die schwächste Stelle in Bellamys Utopie zu sein (ein Irrtum, der in einer anderen wichtigen Utopie, nämlich in News from Nowhere von William Morris (1912) deutlich erkannt und beschrieben worden ist). Allerdings muss man einräumen, dass zu einer Zeit, in der gleichgültige und verantwortungslose Privateigentümer die Produktion leiteten, die Gefahr einer Manager-Klasse noch nicht so deutlich zu erkennen war wie heute, in einer Zeit, in der die Manager die Gesellschaft beherrschen.

Auch ein anderer kritischer Einwand ist nicht ohne weiteres abzutun. Es hat den Anschein, dass Bellamys gute Gesellschaft sich in einem vollkommenen Gleichgewichtszustand befindet, dass es keiner weiteren Entwicklung bedarf, dass es keine Konflikte und menschlichen Probleme mehr gibt, die jenseits der bestehenden Ordnung liegen. Aber auch hier muss man bedenken, in welcher Zeit Bellamy lebte und schrieb. Es war eine Epoche großen Reichtums und großen Mangels, eine Zeit der Verwahrlosung und Armut. Bellamy war nicht in erster Linie Philosoph und Psychologe; ihm ging es um die Abschaffung eben jener Zustände, die dem menschlichen Leben seine Würde und dem Menschen die Fähigkeit nehmen, sich seines Lebens zu freuen. Er wollte zeigen, was das Leben sein könnte, wenn es vernünftig organisiert wäre; doch er kümmerte sich nicht darum, wie die Zukunft des Menschen beschaffen sein würde, nachdem der erste Schritt zu einer wahrhaft humanen Gesellschaft getan war.

Ein dritter kritischer Einwand gegen Bellamy scheint mir weniger gerechtfertigt, da er auf einer mangelnden Kenntnis seiner Ideen zu beruhen scheint, denen er in anderen, zu seinen Lebzeiten nicht veröffentlichten Werken Ausdruck verliehen hat. Diese Kritik hat ein Zeitgenosse folgendermaßen formuliert: „Es ist sicherlich eine neue Idee, dass die Tugend ein Kind des Wohlstands ist.“ Damit wird kritisiert, dass in Bellamys Gesellschaft der materielle Komfort das Hauptlebensziel ist und dass daneben die humane und geistige Entwicklung der Menschen vernachlässigt wird. Heute scheint mir diese Kritik noch mehr Aufmerksamkeit zu verdienen als am Ende des neunzehnten Jahrhunderts.

Die westliche Gesellschaft ist in ihrem Kern materialistisch geworden. Im Gegensatz zum Neunzehnten Jahrhundert, als Sparen noch eine Tugend war, hat das Zwanzigste Jahrhundert den Konsum zu seiner Haupttugend erhoben. Das Lebensziel hat sich [V-279] dahingehend geändert, dass der Konsum von immer mehr und immer besseren Dingen an die Stelle der messianischen Vision von einer Gesellschaft der Solidarität und Liebe getreten ist. Man erweist den traditionellen religiösen Ideen zwar noch seinen Lippendienst, aber diese Ideen sind in Wirklichkeit zu einer leeren Hülse geworden. Nicht die Vervollkommnung des Menschen, sondern die Vervollkommnung der Dinge ist das Ziel unserer gegenwärtigen Gesellschaft, und das in den Ländern des Westens genauso wie im kommunistischen System. Der gut gekleidete, gut ernährte und gut unterhaltene Mensch ist unser Ziel – ein Mensch, der viel hat und viel verbraucht – der aber wenig ist. Viele nachdenkliche Menschen ahnen heute, dass die Massenproduktion, die uns anfangs als Mittel für ein besseres menschliches Leben erschien, inzwischen zu einem Endzweck geworden ist. Wie Emerson sagte: „Die Dinge sitzen im Sattel und reiten die Menschheit.“

Dieser letztgenannte Einwand gegen Bellamy unterscheidet sich jedoch von den zuvor erwähnten. Auf diesem Gebiet hat Bellamy Probleme und Gefahren noch nicht gesehen, die sich erst in den folgenden sechzig Jahren voll entwickelt haben. Man kritisiert hier an Bellamy einen flachen Materialismus, der seiner Weltanschauung noch fremd war. Wenn es auch zutrifft, dass er in Looking Backward Männer und Frauen von einem weit höheren psychologischen und geistigen Niveau schildert als es die seiner – oder unserer – Zeit waren, so hat er das doch nicht sosehr in den Vordergrund gestellt, wie er es hätte tun können. Vielleicht fürchtete er, dass eine stärkere Betonung der moralischen und geistigen Aspekte seinen Roman weniger populär machen könnte. Aber worum es ihm in Wirklichkeit ging, kommt in seinen anderen Schriften deutlich zum Ausdruck. Bellamy sah in der Liebe zum Menschen das Wesen der Religion. In The Religion of Solidarity (1874) schreibt er:

Das Hauptmotiv des menschlichen Lebens ist ein Streben, das Leben anderer und das gesamte Leben zu absorbieren, von ihm absorbiert zu werden oder sich damit zu vereinigen... Die Durchführung dieses Gesetzes in den großen und kleinen Dingen, in der Liebe des Mannes zur Frau, zur Menschheit, zur Natur und zu den großen Ideen, welche die Solidarität symbolisieren, prägt schon von jeher das Gewebe der menschlichen Leidenschaft. (...) Als Einzelne sind wir zweifellos auf einen engen Raum im Heute beschränkt, aber als Universalisten sind wir die Erben von Zeit und Raum. (zit. nach J. Schiffman, 1956, S. XVIII.)

Bellamy vertritt eine spirituelle Philosophie, in der das Erlebnis einer vollkommenen Vereinigung das grundlegende Ziel einer nicht-theistischen Mystik ist. Außerdem war Bellamy von der Entwicklungsfähigkeit der menschlichen Seele zutiefst überzeugt. Er glaubte, der Mensch mache in seiner Geschichte eine Entwicklung durch, in der neue seelische Kräfte und Erfahrungen auftauchen, und dass eben diese Kräfte zu seiner Vervollkommnung führen. „Diese Tendenz der menschlichen Seele“, schreibt er in The Religion of Solidarity (1874),

zu einer vollkommeneren Verwirklichung ihrer Solidarität mit dem Universum (...) ist bereits (...) geschichtliche Tatsache. Ich möchte nur darauf aufmerksam machen, dass die sentimentale Liebe zum Schönen und Erhabenen in der Natur, zum Zauber, den die Bergwelt, die See und die Landschaft so mächtig auf den modernen Geist aufgrund eines tiefen Sympathiegefühls ausüben, eine verhältnismäßig neue Entwicklung des menschlichen Geistes darstellt. [V-280]

Die Alten wussten oder sagten zumindest nichts davon. Es ist eine merkwürdige Tatsache, dass man bei keinem klassischen Autor Emotionen und Gefühle findet, die in der modernen Literatur einen so breiten Raum einnehmen. Diese Aufnahmebereitschaft der Seele scheint sich in kaum mehr als einem Jahrhundert entwickelt zu haben. (...) Wenn die Kultur die menschliche Natur innerhalb eines Jahrhunderts so erweitern kann, dann ist es sicher keine bloße Einbildung, wenn man mit einer noch vollkommeneren zukünftigen Entwicklung von subtilen körperlichen Fähigkeiten der gleichen Gruppe rechnet. (Zit. nach J. Schiffman, 1956, S. XVII.)

Bellamys Denken weist unverkennbar eine enge Verwandtschaft mit der großen amerikanischen Tradition eines Whitman, Thoreau und Emerson auf, aber auch mit den Ideen des großen – wenn auch weniger bekannten Denkers Richard M. Bucke (1954