Es war Dienstagnachmittag. Herr Daume saß in seinem Wohnzimmer am Schreibtisch und rückte noch einmal das Namensschild zurecht, auf das er in großen Druckbuchstaben
FTZGRLD. TASCHENBIER
geschrieben hatte. Alles war bestens vorbereitet, heute musste es gelingen!
Den ganzen Vormittag in der Schule hatte Herr Daume ungeduldig auf diesen Nachmittag gewartet, hatte vor lauter Aufregung ein Malzbonbon nach dem anderen gelutscht, zur Nervenberuhigung. Endlich, endlich war es so weit!
Gerade hatte er das kleine, grüne Fläschchen aus dem Eisfach des Kühlschranks geholt und festgestellt, dass die Flüssigkeit darin gefroren war. Obwohl ihn die Kälte auf der Haut schmerzte, hielt er das Fläschchen eine Weile mit beiden Händen umfasst, um es zu erwärmen. Dann ließ er ungefähr acht Tropfen in ein halbes Glas Wasser fallen, nahm das Glas in die Hand, schüttelte es und hustete zweimal.
Nichts geschah.
Herr Daume stellte das Glas ab und hustete noch einmal, diesmal ziemlich laut.
Die Tür öffnete sich, Frau Blümlein streckte den Kopf herein und fragte unsicher: »War das schon gehustet, Herr Daume?«
Herr Daume bekam einen zornroten Kopf, beherrschte sich aber und sagte ganz sanft: »Frau Blümlein, Sie sind so liebenswürdig, mir zu helfen …«
»Aber für Sie opfere ich doch gern meinen freien Nachmittag, Herr Daume«, antwortete sie und errötete ebenfalls, wenn auch nicht vor Zorn. Frau Blümlein war Sekretärin in der Schule, an der er als Sportlehrer arbeitete, und außerdem eine seiner vielen Bewunderinnen. Nur zu gerne hatte sie »ja« gesagt, als er sie um den kleinen Gefallen bat.
»Trotzdem muss ich Sie aber bitten, sich an unsere Absprache zu halten, Frau Blümlein«, fuhr Herr Daume fort. »Sie sollen mich nicht ›Herr Daume‹ nennen. Wenn ich huste, öffnen Sie die Tür und fragen: ›Darf ich Ihnen eine Tasse Kaffee bringen, Herr Taschenbier?‹ Das ist doch nicht schwierig, oder?«
»Schwierig nicht, aber offen gestanden etwas seltsam«, sagte sie. »Wo Sie doch sonst nie Kaffee trinken, Herr Daume – ich meine: Herr Taschenbier.«
»Sie sollen ja nur fragen. Ich kann dann immer noch ›nein, danke‹ sagen.« Herr Daume wurde etwas ungeduldig. »Jetzt gehen Sie aber und reagieren bitte das nächste Mal schneller, ja?«
»Schneller, ja, Herr Daume«, antwortete sie, schloss die Tür und zog sich in den Flur zurück.
»Herr Taschenbier!«, schrie er ihr nach. »Ta-schen-bier!«
Ob sie wohl auch an seinem Verstand zweifelte wie gestern der Beamte auf dem Einwohnermeldeamt? Der hatte ihn so merkwürdig angeschaut, dass Herr Daume schon befürchtete, er würde gleich nach dem Amtsarzt rufen. Dabei hatte sich Herr Daume doch nur erkundigt, ob es prinzipiell möglich wäre, seinen Namen zu ändern.
Herr Daume seufzte tief. Die Sache mit dem Fläschchen war wirklich zu einer fixen Idee geworden, die sich kaum noch beherrschen ließ. Ständig sah er dieses rothaarige Wesen im Taucheranzug vor sich, das über ihn gelacht hatte und ebenso plötzlich verschwand, wie es aufgetaucht war. Nachts träumte er sogar schon davon. Er konnte kaum noch an etwas anderes denken. Das war sogar untertrieben. Eigentlich dachte er ununterbrochen daran.
Wie hatte das Ganze eigentlich angefangen?
Mit diesem gepunkteten Hund, der plötzlich nicht mehr da war. Nein, eigentlich schon früher, mit den verschwundenen Frühstückstellern.
Herr Daume war mit der Klasse 4a eine Woche im Schullandheim gewesen, zum Skifahren. Dort hatten sich Dinge ereignet, die schlichtweg unerklärlich waren.
Zuerst hatten morgens zehn Teller mit dem vorbereiteten Frühstück gefehlt. Sie waren spurlos aus der Küche verschwunden, obwohl alle Fenster fest geschlossen waren und die Tür fest verriegelt. Für diesen Vorfall hätte man sich vielleicht noch eine natürliche Erklärung denken können. Ein Dieb hatte einen Nachschlüssel benutzt und Teller und Essen gestohlen. Wenn es auch äußerst merkwürdig war, dass man die leeren Teller wenig später unter dem Lehrertisch gefunden hatte. Keiner wusste, wie sie dahin gekommen waren.
Aber dann war die Sache mit dem Hund passiert. Und dafür gab es wirklich keine natürliche Erklärung.
Einer von Herrn Daumes Schülern, Martin Taschenbier, hatte plötzlich einen Hund bei sich im Zimmer gehabt. Das war doppelt merkwürdig. Zum einen deshalb, weil niemand vorher diesen Hund gesehen hatte und er auch nicht mit Martin ins Schullandheim gekommen sein konnte. Bei der Hinfahrt war eindeutig kein Hund im Bus gewesen. Merkwürdig war auch der Hund selbst. Er hatte ein weißes Fell mit dunklen Punkten. Aber die Punkte waren nicht dunkelbraun oder schwarz wie zum Beispiel bei einem Dalmatiner. Nein, sie waren dunkelblau!
Der gepunktete Hund schien alles zu verstehen, was Martin sagte, und konnte die unwahrscheinlichsten Kunststücke ausführen, machte einen Kopfstand und marschierte auf den Vorderbeinen durchs Zimmer.
Herr Daume hatte sofort erkannt, dass dies kein normaler Hund sein konnte. Damals hatte er noch angenommen, das Tier sei aus einem Zirkus entwichen. Inzwischen hatte er einen ganz anderen Verdacht.
Jedenfalls hatte er dem Hund seinen Gürtel als Leine um den Hals gelegt, um ihn in einen Schuppen hinter dem Schullandheim zu bringen. Martin Taschenbier hatte ihn begleitet, und es schien Herrn Daume, als habe Martin dem Hund etwas zugeflüstert. Im selben Augenblick spürte Herr Daume, wie die Leine in seiner Hand leicht wurde und schlaff nach unten hing. Der Hund war weg. Von einer Sekunde zur anderen spurlos verschwunden. Er konnte sich nicht losgerissen haben und davongerannt sein, denn dann hätte ihn Herr Daume sehen müssen. Aber der große Platz vor dem Haus war vollständig leer. Der Hund war und blieb verschwunden und ließ sich auch später nie mehr blicken.
Herr Daume hatte damals ernsthaft an seinem Verstand gezweifelt. Martin Taschenbier hatte ihn auch ganz merkwürdig angeschaut. Eigentlich gar nicht so, als ob er Herrn Daume für verrückt hielt. Eher so, als ob er etwas wisse, aber das Geheimnis für sich behalten wolle.
Der nächste Vorfall war mindestens genauso verwirrend. Und wieder war dieser Martin Taschenbier beteiligt.
Eines Nachmittags hatten die Schüler eine seltsame Spur im Schnee entdeckt. Umrisse von zwei Füßen, die mindestens einen halben Meter lang waren. Es schien so, als sei da ein riesiges Wesen barfuß durch den Schnee gestapft.
Herr Daume war mit einer Gruppe der mutigsten Schüler den Spuren des geheimnisvollen Schneemenschen gefolgt. Unterwegs war auch Martin Taschenbier zu ihnen gestoßen. Und obwohl Martin sonst zu den Ängstlichsten und Vorsichtigsten der Klasse gehörte, hatte er sich an die Spitze der kleinen Expedition gesetzt. Er war sogar ein Stück vorausgerannt. Ganz so, als wolle er noch vor allen anderen dem Schneemenschen entgegentreten.
Alle hatten dann gesehen, wie Martin auf der Kuppe eines Hügels stehen blieb, und hatten gehört, dass er etwas hinunterrief.
Später hatte Martin behauptet, er habe nicht gerufen, sondern vor Überraschung aufgeschrien. Dabei glaubte Herr Daume schon damals, so etwas wie »Wünsche« oder »wünschen« verstanden zu haben. Er vergaß es aber wieder, weil sich erst mal alle Schüler um ihn drängten und mit ihm zusammen das Wunder bestaunten. Die Spuren hörten plötzlich auf. Und da der Schnee um die Spuren herum völlig glatt und unberührt war, gab es keine andere Erklärung als die, dass der Schneemensch an dieser Stelle durch die Luft davongeflogen war.
Es sei denn, er wäre auf die gleiche Art verschwunden wie tags zuvor der gepunktete Hund.
Und wie nach dem Verschwinden des Hundes hatte Martin Taschenbier wieder diesen schwer zu beschreibenden, fast schuldbewussten Gesichtsausdruck gehabt und war dem Blick von Herrn Daume ausgewichen.
Von da an wusste Herr Daume: All diese merkwürdigen, unerklärlichen Vorfälle hatten etwas mit Martin Taschenbier zu tun. Und er beschloss, der Sache auf den Grund zu gehen.
Das ließ sich leichter vornehmen als ausführen. Wie sollte er es beginnen?
Herr Daume kannte Martin Taschenbier als unauffälligen, nicht besonders sportlichen Schüler, der bei Mannschaftsaufstellungen immer als einer der Letzten gewählt wurde. Alles in allem ein ganz normaler Junge ohne ungewöhnliche Fähigkeiten.
Ob er vielleicht irgendeinen magischen Gegenstand besaß, einen wundermächtigen Ring oder einen Zauberstab? Herr Daume verwarf diesen Gedanken sofort wieder. Wie kann ich solchen Unsinn auch nur eine Sekunde lang glauben, sagte er sich. Wir leben schließlich in einer realen Welt mit Computern, Tiefkühlkost, Frühstücksfernsehen und geregelter Müllabfuhr. Da ist kein Platz für Magier oder Hexenmeister.
Aber er konnte nicht verhindern, dass sich der Gedanke immer tiefer in ihn einfraß. Hatte Martin Taschenbier vielleicht doch irgendetwas Besonderes, Geheimnisvolles oben in seinem Zimmer?
Er musste sich Gewissheit verschaffen.
Am Donnerstagabend sah er Martin zufällig unten im Flur stehen und telefonieren. Das war eine gute Gelegenheit, Martins Zimmer unauffällig zu inspizieren. Er eilte nach oben und öffnete die Tür. War da nicht soeben etwas Rötliches im Schrank verschwunden? Die Schranktür bewegte sich noch. Aber ehe Herr Daume nachsehen konnte, was sich hinter der Tür verbarg, hörte er Martin Taschenbier die Treppe hochkommen. Hastig verließ er das Zimmer, schloss die Tür und ging an Martin vorbei nach unten. Während er die Treppe hinunterstieg, dachte er: Weshalb muss ich eigentlich ein schlechtes Gewissen haben und mich heimlich aus Martins Zimmer schleichen? Schließlich bin ich ein Lehrer und habe das Recht, im Zimmer meiner Schüler nachzusehen, ob alles in Ordnung ist. Gleichzeitig spürte er aber, dass es besser war, wenn er Martins Geheimnis heimlich und unauffällig zu ergründen versuchte. Es würde sich bestimmt noch eine bessere Gelegenheit bieten.
Die Gelegenheit ergab sich am Samstag, dem Tag der Abreise. Merkwürdigerweise war Martin schon eine halbe Stunde vor der Abfahrtszeit zum Bus gegangen und hatte dort Platz genommen. Herr Daume ging hoch in das Zimmer, in dem Martin Taschenbier eine Woche lang gewohnt hatte, und schaute sich um. Schrank und Schreibtischschublade waren leer, das Bett war abgezogen, das Laken und der Bezug lagen zusammengeknüllt am Boden, es gab nichts Besonderes zu entdecken.
Aber unten in der Halle stand der kleine Handwagen, auf dem später die Koffer zum Bus gefahren wurden. Und auf dem Wagen stand ein erstes, einzelnes Gepäckstück, Martins Koffer. Herr Daume guckte sich um. Er war allein, die anderen Schüler und seine Lehrerkollegen packten noch ihre Sachen. Schnell öffnete er den Verschluss und klappte den Koffer auf: schmutzige Wäsche, ein Buch mit dem Titel »Skifahren leicht gemacht«, eine blaue Socke, eine braune Socke, ein Mäppchen mit Schreib- und Malstiften und da – was war das? Ein Fläschchen, auf dessen Oberfläche blaue Punkte im Licht der Deckenlampe hell funkelten. Es trug die Aufschrift »S.R.Tr.«. Ob das der Schlüssel zu Martins Geheimnis war?
Herr Daume schraubte den Verschluss ab. Das Fläschchen enthielt eine klare Flüssigkeit, durchsichtig wie Wasser. In diesem Augenblick hörte er, wie weiter hinten im Flur eine Tür aufgestoßen wurde. Schnell schraubte er den Verschluss wieder auf die kleine Flasche, steckte sie in seine Jackentasche, warf den Kofferdeckel zu und ließ den Verschluss einschnappen.
Frau Rummler, die Klassenlehrerin der 4b, kam durch die Halle auf ihn zu.
»Ach, Fitzgerald, wie gut, dass Sie schon unten sind«, rief sie, als sie ihn da stehen sah. »Sind Sie so liebenswürdig und helfen mir beim Tragen? Mein Koffer ist ziemlich schwer.«
»Aber natürlich, Hedwig. Geben Sie her! Kein Problem für einen durchtrainierten Sportler«, sagte Herr Daume, nahm ihr den Koffer ab und stellte ihn neben den von Martin Taschenbier auf den Wagen.
Die Heimfahrt im Bus kam Herrn Daume ungewöhnlich lang vor. Er konnte es kaum erwarten, wieder zu Hause zu sein.
In seiner Junggesellenwohnung setzte er sich gleich an den Küchentisch, hielt das Fläschchen gegen das Licht und untersuchte es gründlich.
Ohne die leuchtend blauen Punkte hätte es ausgesehen wie ein Medizinfläschchen aus der Apotheke. Die Buchstaben »S.R.Tr.« auf dem Etikett waren nicht gedruckt wie üblich, sondern handgeschrieben. Was mochten sie bedeuten? »Tr.« stand wahrscheinlich für »Tropfen«.
Herr Daume drehte den Verschluss auf, schüttelte das Fläschchen und roch daran. Die klare Flüssigkeit schien völlig geruchlos zu sein. Ob es einfach nur Wasser war?
Herr Daume ging zum Küchenschrank, nahm ein Trinkglas heraus, füllte es am Wasserhahn bis zur Hälfte, träufelte dann einige Tropfen aus dem Fläschchen ins Glas, schüttelte es und beobachtete es genau. Weder verfärbte sich das Wasser noch bildeten sich irgendwelche Schlieren, die entstehen, wenn eine ölige Flüssigkeit mit Wasser vermischt wird.
Ob er das Glas austrinken sollte? Was aber, wenn die Flüssigkeit irgendein Gift enthielt? Was, wenn sie scheußlich schmeckte, den Rachen verätzte oder in Wirklichkeit ein starkes Abführmittel war?
Herr Daume beschloss, die Flüssigkeit vorerst unberührt auf dem Tisch stehen zu lassen und ins Bett zu gehen. Am Montag würde er das Fläschchen mit in die Schule nehmen und es von einem seiner Kollegen prüfen lassen, von Herrn Lauge, dem Chemielehrer. Der konnte vielleicht feststellen, woraus die Flüssigkeit bestand.
Das schien ihm eine gute Idee zu sein. Er öffnete den Kühlschrank und stellte das Fläschchen ins Tiefkühlfach. Gut gekühlt würde sich die Flüssigkeit bis Montag auf jeden Fall halten.
Dann ging er zu Bett, konnte aber lange keine Ruhe finden. Schließlich schlief er doch ein und hatte grässliche Albträume von blau gepunkteten Hunden, die ihn verfolgten, mit scharfen Zähnen nach ihm schnappten und sich in seine Kehle verbeißen wollten. Er rannte um sein Leben. Mehr als einmal fuhr er nach Luft ringend aus dem Kissen hoch.
Da er vergessen hatte, den Wecker auszustellen, wurde Herr Daume in aller Frühe vom Weckerklingeln aus tiefstem Schlaf gerissen. Er war durstig und hatte einen trockenen Mund. Schlaftrunken taumelte er in die Küche. Auf dem Tisch stand ein Glas Wasser. Herr Daume gähnte tief, griff nach dem Glas, ohne daran zu denken, was es enthielt, gähnte noch einmal und trank es gierig aus.
Im selben Augenblick gab es einen Knall, gerade so, als hätte jemand neben ihm eine luftgefüllte Papiertüte durch einen Schlag zum Platzen gebracht – und vor Herrn Daume stand ein merkwürdiges, kindgroßes Wesen. Es hatte knallrote Haare, eine Nase, die mehr einem Rüssel glich, das ganze Gesicht voller blauer Punkte und trug einen Taucheranzug mit bunten Ärmelstreifen.
Herr Daume war mit einem Mal hellwach, starrte das Wesen an und stotterte: »Wer … wer bist du denn?«
»Ein Sams, was denn sonst. Dumme Frage«, sagte das rüsselnasige Wesen. »Wie kommst du überhaupt an meine einmaligen, unübertrefflichen Sams-Rückhol-Tropfen? Hast sie wohl unverhohlen gestohlen, was? Die nützen dir aber gar nichts, weil du kein Taschenbier bist, hehehe, sondern nur ein nicht sehr schlauer Tropfen-Klauer. Denn wenn du denkst, dass du jetzt mit meinen Wunschpunkten wünschen kannst und ich dir irgendwelche Wünsche erfülle, dann hast du dich getäuscht, weil ich nämlich geschwinde verschwinde. Du hast mich nie gesehen. Wiedersehen!«
Und fast im selben Augenblick war das merkwürdige Sams-Wesen auch schon wieder aus der Küche verschwunden.
»He, warte, bleib hier!«, rief Herr Daume. »Wie … was …« Er war völlig verwirrt. Wie war dieses Sams-Wesen in die Wohnung gekommen, die Flurtür war doch abgeschlossen. Und wo war es jetzt? Wo hatte es sich so schnell versteckt?
»He, Sams!«, rief er streng. »Komm sofort hierher! Auf der Stelle! Hast du nicht gehört?« Beinahe hätte er hinzugefügt: »Sonst gibt es einen Eintrag ins Klassenbuch!« Der strenge Ton hatte bei seinen Schülern immer gewirkt. Nicht so bei einem Sams.
Aus dem Küchenherd kam ein lautes, spöttisches Lachen. Herr Daume stürzte zum Herd, öffnete die Bratröhre und schaute hinein. Natürlich war sie leer. Dann fing die Stimme auch noch an zu singen, ziemlich laut und ziemlich falsch. Mal klang es so, als käme sie aus der Spülmaschine, dann wieder so, als säße der Sänger im Besenschrank:
»Das Sams, es geht, es bleibt nicht hier.
Ein Sams bleibt nur bei Taschenbier.
Ein Sams, das bleibt doch nicht auf Dauer
bei einem Rückhol-Tropfen-Klauer.
Ein Sams bleibt nur bei Taschenbier,
drum ist es weg … und … nicht … mehr … hier …«
Die letzten Töne wurden immer leiser und verstummten schließlich ganz.
Herr Daume schaute in alle Schränke, in jeden Winkel, hinter den Küchenvorhang, guckte sich im Flur um und legte sich im Schlafzimmer sogar flach auf den Boden, um unters Bett spähen zu können. Doch das Sams war und blieb verschwunden.
Langsam ging Herr Daume zurück zum Küchentisch, setzte sich, stützte den Kopf in die Hand und dachte nach.
Jetzt hatte er also ganz zufällig das Geheimnis von Martin Taschenbier herausgefunden. Martin hatte einen Helfer, ein freches, vorlautes Wesen, das sich »Sams« nannte, Wünsche erfüllen konnte und das erschien, wenn man Tropfen aus dem kleinen, grünen Fläschchen trank. Nun konnte sich Herr Daume auch erklären, weshalb der unsportliche Junge plötzlich so ein rasanter Skifahrer geworden war. Immer der Schnellste im Abfahrtslauf. Martin hatte es sich gewünscht! So einfach war das.
Ich hätte auch eine ganze Menge Wünsche, sagte sich Herr Daume. Wichtige Wünsche, nicht solchen Kinderkram wie bei diesem Martin Taschenbier. Zuallererst würde ich mehr Schwung in unseren Rollschuhverein bringen. Ihn sofort umbenennen in Inline-Skating-Klub. Nachwuchsförderung! Schluss mit dem Seniorentanz auf Rollschuhen zu Walzermusik. Mein Klub würde sehr schnell international vertreten sein, wenn ich erst mal Präsident wäre. Wir würden beim Inline-Skating-Cup so manchen Sieger stellen. Die Zeitungsreporter würden mich bestürmen: »Herr Daume, verraten Sie unseren Lesern das Geheimnis Ihres Erfolgs! Wie haben Sie das nur so schnell geschafft? Gewissermaßen von null auf hundert in nur drei Monaten!«
Ich hätte ganz und gar nichts dagegen, so ein Sams zu haben, wirklich nicht. Es hat mich ausgelacht, dieses dummfreche Ding. Hat sich über mich lustig gemacht. Das würde ihm schnell vergehen, wenn ich es in meiner Gewalt hätte, wenn es meine Wünsche erfüllen müsste.
Aber es bleibt nur bei einem Taschenbier, hat es gesagt. Vielmehr gesungen. War unvorsichtig von ihm, das zu verraten, jetzt kenne ich seine Schwachstelle. Sobald man Taschenbier heißt, muss es bleiben. Aber ich heiße nun mal Daume. Ich kann schließlich nicht meinen Namen ändern. Oder doch?
Er hatte mal gehört, dass man auf dem Einwohnermeldeamt einen Antrag auf Namensänderung stellen konnte.
Gestern Nachmittag, am Montag, hatte er sich dann dort vorsichtig erkundigt.
Herr Daume war jetzt noch peinlich berührt, wenn er an die Szene dachte.
»Sie heißen?«, hatte der Beamte gefragt.
»Fitzgerald Daume«, hatte Herr Daume wahrheitsgemäß geantwortet.
»Und Sie möchten also Ihren Namen ändern?«
»Ja, das möchte ich. Vielleicht. Ich bin noch unentschieden. Also, ich …«
»Kann ich gut verstehen, den Namensänderungsantrag«, unterbrach ihn der Beamte. »Ein merkwürdiger Vorname, den Ihre Eltern Ihnen da verpasst haben: ›Fitzgerald‹. Ist wirklich etwas ausgefallen und im deutschen Sprachraum ungewöhnlich. Da könnte man vielleicht ›Fritz Gerhard‹ daraus machen. Klingt irgendwie verständlicher.«
»Nein, nein. Das ist ein Irrtum! Wenn schon, dann würde ich meinen Nachnamen ändern. ›Fitzgerald‹ gefällt mir recht gut«, stellte Herr Daume richtig.
»Ihren Nachnamen?« Der Beamte schaute ihn überrascht an. »Daume ist doch ein leicht zu merkender Name, einfach, einprägsam, kein Spottname wie bei Herrn Stinkfaul, den hatten wir vorigen Monat hier. Bei Nachnamen pflegen wir immer nur einen Buchstaben zu ändern. Jetzt heißt er Tinkfaul, klingt besser. Oder die Frau Kreide-Blaich. Hatte sehr unter ihrem Namen zu leiden. Dabei war sie hübsch braun gebrannt. Hatte ja auch ein Sonnenstudio.«
»Und wie heißt sie jetzt?«, fragte Herr Daume.
»Darf ich nicht verraten. Dienstgeheimnis«, sagte der Beamte. »Haben Sie sich schon Gedanken gemacht, welchen Buchstaben Sie ändern wollen?«
»Es sind insgesamt neun«, antwortete Herr Daume zögernd. »Eigentlich bleiben nur zwei, das a und das e. Ich möchte Taschenbier heißen.«
Der Beamte war daraufhin richtig zornig geworden, hatte gesagt, er lasse sich hier nicht veralbern, hatte Herrn Daume am Arm gefasst und ihn unsanft aus dem Zimmer geschoben.
Im Nachhinein war Herr Daume sogar froh, dass es mit der offiziellen Namensänderung nicht geklappt hatte. Wie hätte er es den Kollegen in der Schule erklären sollen? Wie dem Direktor, Herrn Schelling? Der hätte sich bestimmt über mich lustig gemacht, sagte er sich. Herr Schelling kann mich sowieso nicht leiden und lässt mich das nur zu deutlich spüren. Läuft den ganzen Tag mit irgendwelchen Gedichtbänden unterm Arm herum, führt hochgestochene Gespräche über Literatur des 18. Jahrhunderts im Lehrerzimmer und verachtet sportliche, gut durchtrainierte Menschen. Weil er nämlich eine ganz mickrige Figur hat und dazu noch eine schlechte Körperhaltung. Wie so ein Mensch überhaupt Direktor werden konnte! Wenn man wünschen könnte …
Herr Daume wurde jäh aus seinen Gedanken gerissen.
Die Wohnzimmertür ging auf, Frau Blümlein streckte den Kopf herein und sagte mit leichtem Vorwurf in der Stimme: »Soll ich eigentlich noch lange im Flur warten, Herr Dau… äh – Herr Taschenbier? Es ist gleich halb drei. Und für vier Uhr habe ich im Media-Center den Computer-Crashkurs für fortgeschrittene User geordert.«
»Entschuldigung, ich war etwas gedankenversunken«, sagte Herr Daume. »Gleich ist es so weit, halten Sie sich bereit.«
»Ich bin schon die ganze Zeit bereit, Herr Taschenbier«, sagte sie. »Haben Sie’s gehört: Diesmal hab ich’s mir gemerkt, das mit dem falschen Namen.«
»Sehr gut, gemerkt, ja«, antwortete er zerstreut, nickte ihr zu, und Frau Blümlein schloss die Tür von außen.
Herr Daume wartete noch einen Augenblick, dann griff er nach dem Glas, setzte es an die Lippen und nahm einen tiefen Schluck.
Wieder ertönte der dumpfe Knall, und das Sams stand vor ihm im Zimmer. »He! Jetzt werde ich gleich ernsthaft sauer, du trotteliger Tropfen-Klauer. Ich krieg zu viel von diesem Spiel«, schimpfte es gleich los. »Hast du nicht begriffen, was ich dir gesagt habe? Ich will nur bei einem Taschenbier bleiben!«
»Da bist du ja genau richtig«, sagte Herr Daume schnell, hustete zweimal und zeigte auf das Namensschild. »Ich heiße Fitzgerald Taschenbier, wie man hier lesen kann. Ich bin nämlich der Enkel von Herrn Taschenbiers Großvater.«
Die Wohnzimmertür öffnete sich, Frau Blümlein kam herein und fragte: »Möchten Sie einen Kaffee, Herr Taschenbier? Oh mein Gott, was ist das denn?« Sie hatte das Sams entdeckt. »Wie kommt das denn hier herein, ich war doch die ganze Zeit …«
»Hinaus, bitte!«, rief Herr Daume aufgeregt. »Gehen Sie, gehen Sie!«
»Hinaus? Ja, wenn Sie meinen, Herr – äh – Herr Taschenbier, ja«, sagte sie verwirrt und ging.
»Da hast du es gehört«, sagte Herr Daume triumphierend zum Sams. »›Herr Taschenbier‹ hat sie mich genannt.«
»Ja, so hat sie dich genannt, und dann ist sie weggerannt«, bestätigte das Sams. »Trotzdem glaube ich keine runde Sekunde, dass du der Großvater des Onkels von Herrn Taschenbiers Enkel bist. Weil ich dich nämlich kenne. Ich hab dich doch beim Skifahren gesehen, als Martin gewünscht hat, dass ich so aussehe wie er. Du bist kein Taschenbier, du bist der Daume-Pflaume.«
Es ging auf die Tür zu und fing schon wieder an spöttisch zu singen:
»Herr Daume, Herr Daume
ist eine falsche Pflaume.
Herr Daume ist kein Taschenbier,
drum gehe ich und bleib nicht …«
»Halt!«, rief Herr Daume dazwischen. »Ich wünsche, dass du sofort stehen bleibst!«
»Au!« Das Sams schrie auf und blieb wie angewurzelt stehen. »Wieso kannst du mich mit meinen Punkten hier festwünschen, du falscher Taschenbier?« Es fasste sich an die Wange, an die Stelle, wo gerade ein Punkt aus seinem Gesicht verschwunden war und nun ein roter Fleck wie eine Wunde leuchtete. »Oh, jetzt spüre ich es genauestens genau: Du fieser Fitzgerald hast die Sams-Rückhol-Tropfen eingefroren und damit ihre Wunschkraft eiskalt erkältet, grob entfeinert und völlig verallgemeinert.«