Seit vielen Jahren wird versucht, die Preisentwicklung von Gütern und Dienstleistungen zu messen, doch die Ergebnisse lassen eine Menge zu wünschen übrig. Angesichts der Komplexität und des bemerkenswerten Wandels des Untersuchungsgegenstands stehen Statistiker und Ökonomen vor der Frage, wie Inflation richtig gemessen werden kann. Gleichwohl werden Ergebnisse produziert, und – noch entscheidender – weltweit von Regierungen und Entscheidungsträgern als Grundlage für wichtige Beschlüsse herangezogen, die das Leben von vielen Millionen Menschen beeinflussen.
Allerdings sind Kennzahlen wie der Verbraucherpreisindex mit enormen Problemen behaftet, sodass sie Preisentwicklungen nicht zuverlässig abbilden können. Die Währungen, auf denen solche Preisindizes basieren, leiden unter einer stetigen Entwertung, weil Regierungen den Wert ihrer Währungen mindern, wodurch sie in der Bevölkerung an Glaubwürdigkeit verlieren. Die Indizes selbst werden in ihrer Zusammensetzung ständig verändert, weil die Statistiker versuchen, das im steten Wandel begriffene Konsumverhalten richtig abzubilden. Das führt natürlich dazu, dass ein Index aus einem bestimmten Jahr aus anderen Waren und Dienstleistungen zusammengesetzt sein wird als ein Index aus einem anderen Jahr – es ist ungefähr so, als würde man Äpfel mit Birnen vergleichen. Noch wichtiger ist jedoch, dass solche Statistiken nicht die realen Auswirkungen auf den Lebensstandard der Menschen abbilden, da die Preise langsamer steigen als die Einkommen. Das bedeutet, dass wir im Endeffekt statt Inflation eine Deflation erleben.
Es gibt eine ganze Reihe langfristiger Entwicklungen, die einen unaufhaltsamen deflationären Trend antreiben. Technologische Innovationen – von der Robotik bis zur Gentherapie – wirken sich auf alle Aspekte unseres Lebens aus. Durch den Fortschritt der Kommunikationstechnik erhalten und verarbeiten wir Informationen in einer Geschwindigkeit und Menge, wie es in der Menschheitsgeschichte noch nie dagewesen ist. Durch künstliche Intelligenz verändert sich die Fertigung von Grund auf, ebenso wie die Produktion und Verteilung von Nahrungsmitteln. Jedes Jahr werden über eine Milliarde Smartphones verkauft, sodass sie heute selbst in den entlegensten Regionen der Welt allgegenwärtig sind. Ihre Leistungsfähigkeit stellt selbst die größten Computer, die 20 Jahre zuvor entwickelt wurden, weit in den Schatten. Man könnte sagen, dass die Menschheit heute das Mooresche Gesetz (allgemein gesagt: Die Prozessor-Leistung für Computer verdoppelt sich alle 2 Jahre) hautnah erlebt, da die Gesellschaft von den anhaltenden Produktivitätssteigerungen exponentiell profitiert.
Weil alle Regierungen den Wert ihrer Währungen ständig mindern, sind die Inflationsraten gestiegen und in manchen Fällen in eine Hyperinflation ausgeartet. Der generelle ökonomische Konsens besagt, dass ein bisschen Inflation – vielleicht so um die 2 Prozent – eine gute Sache sei, weil das theoretisch zu mehr Wirtschaftswachstum führt; zu viel Inflation sei jedoch schlecht, weil sie den Menschen ihren Alltag erschwert, was zu politischen Unruhen führen kann. Das ist die Theorie, der die meisten Ökonomen bis heute anhängen.
Dabei wird jedoch außer Acht gelassen, dass nicht allein die Inflationsraten gestiegen sind, sondern auch die Einkommen. Darüber hinaus hat der technische Fortschritt zu fallenden Preisen bei einer breiten Palette von Waren und Dienstleistungen geführt. Das Ergebnis ist Deflation. Im Verhältnis zu den Einkommen sind die Preise von Waren und Dienstleistungen nicht gestiegen, sondern gefallen – und sie fallen weiter. Daher geht es uns – ganz unabhängig davon, was die Inflationsstatistiken uns sagen mögen – besser als früher, und wir werden auch in Zukunft unseren Lebensstandard verbessern, da die Einkommen schneller steigen als die Kosten der Dinge, die wir brauchen, und der Dienste, die wir in Anspruch nehmen.
Ein durchschnittlicher Arbeitnehmer muss heute weniger Stunden arbeiten als ein Kollege vor 20 oder 50 Jahren, um sich einen neuen Kühlschrank oder ein TV-Gerät leisten zu können – und außerdem bekommt er heute ein technisch sehr viel besseres Produkt. Bei einer durch Sachwerte gedeckten Währungsordnung würde es unter solchen Umständen zu fallenden Preisen und Deflation kommen; nur durch die dramatische Ausweitung der Geldmenge scheinen die Preise gestiegen zu sein. In einem solchen Umfeld ist es schwieriger geworden, die Preisentwicklung vorherzusehen, da es in einem Teilreservesystem keine Anreize gibt, genau die Menge an Geld zu produzieren, die benötigt würde, um die Preise stabil zu halten.
Willkommen in der wunderbaren Welt der Deflation!
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KAPITEL 1
Was ist eigentlich Inflation?
»Inflation ist eine Methode, um den Menschen ihren Wohlstand zu nehmen, ohne die Steuern offen erhöhen zu müssen. Sie ist die universellste aller Steuern.«
Thomas Sowell, Senior Fellow an der
Hoover Institution, Stanford University
Inflation ist ein Währungsphänomen, das extremen Schwankungen unterliegt, und zwar infolge von Veränderungen – zumeist Vergrößerungen der Geldmenge –, die von den ausgebenden staatlichen Instanzen vorgenommen werden. Inflation wird gemessen anhand der Anzahl der Währungseinheiten, die benötigt werden, um ein Produkt oder eine Leistung zu kaufen. Wenn eine Person feststellt, dass sie heute mehr Währungseinheiten braucht, um das gleiche Produkt wie gestern zu kaufen, dann würde sie sagen, sie sei ein Opfer der Inflation geworden.
Hin und wieder wird Inflation mit einem Luftballon verglichen, der expandiert, wenn er aufgeblasen wird – ganz ähnlich wie Preise expandieren, wenn Inflation auftritt. Sie kann sich auf ein bestimmtes Objekt auswirken oder auf eine ganze Kategorie von Objekten.
Es wurden verschiedene ökonomische Theorien entwickelt, um Inflation zu erklären. Ökonomen in der Tradition von Keynes folgen der Idee, dass Inflation entsteht, wenn die Gesamtnachfrage nach Waren und Dienstleistungen das Angebot übersteigt. Die Monetaristen meinen dagegen, dass bei einem Überangebot an Geld das überschüssige Geld eine Inflation der Preise von Vermögenswerten, Gütern und Leistungen erzeugt. Eine dritte Theorie besagt, dass Inflation entsteht, wenn eine Regierung durch zu hohe Staatsausgaben sämtliche Ressourcen in Anspruch nimmt.
Viele bekannte Ökonomen und Politiker haben sich – aus sehr unterschiedlichen Perspektiven – zum Phänomen Inflation geäußert. Hier einige Zitate:
Es ist unschwer zu erkennen, dass die Meinungen über Inflation sehr weit auseinandergehen und oft widersprüchlich sind. Doch ein grundsätzlicher Konsens besteht: Inflation ist eine Maßzahl, die sich aus der Aufzeichnung der Preisänderungen einer großen Vielfalt von Waren und Dienstleistungen ergibt. Um diesen Prozess zu vereinfachen, wird ein Index berechnet, der die Preisänderungen insgesamt reflektiert. Dann wird angenommen, dass dieser Index das allgemeine Preisniveau repräsentiert. Der Verbraucherpreisindex (VPI) ist der wichtigste Index; er misst die Veränderungen der Preise von Jahr zu Jahr, da angenommen wird, dass er die Auswirkungen von Preisänderungen auf die gesamte Bevölkerung abbildet. Eine solche Maßzahl ist natürlich eine enorme Vereinfachung.
Wenn wir Inflation definieren wollen, müssen wir die diversen Theorien in Betracht ziehen, die rings um das Konzept entstanden sind. Die »Quantity Theory of Inflation« geht davon aus, dass Inflation durch eine Ausweitung der Geldmenge – oder »monetäre Inflation« – entsteht, doch mittlerweile hat sich gezeigt, dass eine Zunahme der Geldmenge zwar zu höheren Preisen führen kann, aber nicht zwangsläufig muss. Also geht die Suche der Ökonomen nach den Ursachen von Inflation weiter. Eine der Theorien, die sogenannte »Quality Theory of Inflation«, basiert auf den Erwartungen eines Verkäufers, dass er mit einem bestimmten Geldbetrag die gleichen Waren oder Dienstleistungen in der Zukunft wird kaufen können. Wenn ein Verkäufer erwartet, dass er mehr Geld brauchen wird, um in der Zukunft das gleiche Produkt zu kaufen, wird er seinen Verkaufspreis erhöhen.
Eine weitere Erklärung ist die »Demand Pull Inflation« (»Nachfragesoginflation«), bei der steigende Nachfrage durch höhere private und staatliche Ausgaben zu Inflation führt. Es wird angenommen, dass diese Art von Inflation das Wirtschaftswachstum fördert, da die überschüssige Nachfrage in Verbindung mit günstigen Marktbedingungen zu mehr Investitionen und einer Expansion der Wirtschaft führt. Inflation, die infolge eines zurückgehenden Angebots an Gütern und Leistungen auftritt, das zu höheren Rohstoffpreisen führt, wird als »Cost-Push Inflation« (»Kostendruckinflation«) bezeichnet; manchmal wird dafür nach einer Naturkatastrophe, die den Rohstoffnachschub verknappt, auch die etwas dramatischere Bezeichnung »Supply Shock Inflation« verwendet. Dann wäre da noch die »Built-In Inflation« zu nennen, bei der Preise steigen, weil zum Beispiel Lieferanten ihre Preise erhöhen, da die an die Inflationsrate gekoppelten Arbeitsverträge mit ihren Mitarbeitern sie zwingen, die Löhne zu erhöhen. In solchen Fällen spricht man von der »Price/Wage Inflationary Spiral« (»Lohn-Preis-Inflationsspirale«). Und schließlich gibt es noch die »Asset-Price Inflation« (»Vermögenspreisinflation«) – steigende Kurse von Finanzanlagen.
Die Tatsache, dass es so viele Erklärungen für Inflation gibt, zeigt, dass wir die wahren Ursachen von Inflation nicht wirklich kennen. Und das wiederum zeigt, mit welch einer Herausforderung konfrontiert ist, wer Inflation wirkungsvoll bekämpfen will.
Im Jahr 1973 veröffentlichte der Ökonom und Universitätsprofessor Irving Friedman sein Buch Inflation: A Worldwide Disaster (dt. Inflation: das weltweite Übel, München 1974). Darin schreibt er, dass in den 30 vorangegangenen Jahren ein Land nach dem anderen versucht habe, mit dem Problem ständig steigender Preise und Löhne fertigzuwerden. Zwar waren vorübergehende Erfolge zu verzeichnen, doch in der Regel brachten solche Anstrengungen nicht viel. Die betroffenen Regierungen hatten sich immer wieder als unfähig erwiesen, Lösungen zu finden, die politisch und gesellschaftlich akzeptabel waren; stattdessen hatten sie Maßnahmen vorangetrieben, durch die inflationäre Trends verstärkt wurden, was zu der generellen Überzeugung geführt hatte, dass Inflation unvermeidlich sei und eine Regierung inflationäre Trends weder beenden könne noch solle.
In seinem Buch analysiert Friedman die Geschichte der Inflation. Er beschreibt, wie im 16. Jahrhundert die Importe von Gold und Silber aus der Neuen Welt nach Spanien massiv zunahmen und wie es sich auf die europäische Gesellschaft auswirkte, als diese Edelmetalle ihren Weg von Spanien in andere europäische Länder fanden und dort steigende Preise und Zinsen verursachten. Was wiederum dazu führte, dass die Katholische Kirche ihre Stimme erhob, »Wucherzinsen« verdammte und verkündete, was ein »gerechter« Preis sei.