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Dargestellte Personen auf den Titelbildern stehen mit dem Roman in keinem Zusammenhang.
ISBN: 978-3-74091-397-7
Alexander von Schoenecker war müde, aber in bester Laune. Sein Antrag auf der landwirtschaftlichen Tagung war angenommen worden, und die Sitzung hatte glücklicherweise nicht allzu lange gedauert. Denn gerade an diesem Tag lag ihm daran, einen gemütlichen Abend mit Denise zu verbringen. Es war schließlich der Jahrestag ihrer Hochzeit.
Alexander lächelte, weil es ihm vorkam, als sei es erst gestern gewesen, dass er die bildschöne junge Witwe heimgeführt hatte, die für seine beiden verwaisten Kinder zur innig geliebten zweiten Mutter geworden war. Ihm selbst aber war ihr Sohn aus erster Ehe, Dominik, inzwischen so ans Herz gewachsen, als wäre er sein eigen Fleisch und Blut. Ja, es war tatsächlich schon eine Reihe von Jahren her, dass er Denise geheiratet hatte, denn auch ihr gemeinsamer Sohn Henrik drückte nun bereits die Schulbank.
Der einsame Mann hinter dem Steuer seines Wagens warf einen Blick auf seine Armbanduhr. In einer knappen halben Stunde würde er daheim sein auf Gut Schoeneich! Er holte tief Atem, vergewisserte sich, dass die Straße frei war, und gab mehr Gas, um die Zeit etwas zu verkürzen.
In Bachenau sah Alexander ein paar Bekannte und winkte ihnen freundlich zu, ohne anzuhalten. Ich bin verliebt wie damals, belächelte er sich selbst. Ich kann es kaum erwarten, endlich meine Denise in die Arme zu schließen.
Der kleine Ort blieb hinter ihm zurück. Felder und Waldstücke säumten nun die Landstraße. Als er an einer Waldwiese vorüberkam, verlangsamte er unwillkürlich die Fahrt, weil sich ihm dort ein besonders reizendes Bild bot. Vielleicht hätte er nicht so gebannt hingeschaut, wenn es sich nicht um ein Kind gehandelt hätte. Kinder aber waren Denises Lebensinhalt. Auf Sophienlust – dem Gut, das unweit von Gut Schoeneich lag – bot sie heimatlos gewordenen Kindern oder solchen, die in Not geraten waren, Geborgenheit und Schutz. Sophienlust war eigentlich ihrem Sohn Dominik als Erbe von seiner Urgroßmutter Sophie von Wellentin zugefallen. Aber Denise verwaltete den schönen Besitz und hatte das Vermächtnis der Erblasserin getreulich zu erfüllen gewusst. ›Das Haus der glücklichen Kinder‹ nannte Nick das Kinderheim Sophienlust gern. Obwohl noch Gymnasiast, fühlte er sich doch schon für Gut und Kinderheim mitverantwortlich.
Ja, und hier auf der Wiese spielte ein Kind! Ein ganz besonders reizendes Kind in einem gelben Kleidchen. Sein Spielzeug war ein großer blauer Luftballon. Es sah aus, als wäre das kleine Mädchen vom Himmel heruntergekommen.
Die Kleine schien die Welt vergessen zu haben. Sie tanzte und sprang glückselig mit dem Ballon umher, sodass Alexander von Schoenecker das Herz aufging. Erstaunlich erschien ihm allerdings, dass das Kind ganz allein war. Weit und breit konnte er keinen Erwachsenen erblicken.
Alexander fuhr noch langsamer und hielt schließlich an. War das kleine Mädchen vielleicht aus Sophienlust fortgelaufen? Von hier führte ein Waldweg hinüber nach Sophienlust. Es wäre immerhin denkbar. Doch nein, er hatte dieses kleine Mädchen noch nie gesehen. Aber er erkannte, obwohl im Kinderheim ein ständiges Kommen und Gehen herrschte, die kleinen Heimbewohner doch recht genau.
Alexander von Schoenecker fühlte sich trotzdem für das kleine Ding verantwortlich. In einer Stunde würde es hier im Wald dunkel sein. Wohin gehörte das Kind?
Eine Weile wartete er. Die Kleine beachtete ihn nicht. Sie spielte fröhlich und unbekümmert. Dann schien sie müde geworden zu sein, denn sie setzte sich ins Gras, wobei sie die Schnur des Ballons fest mit der kleinen Hand umklammerte.
»Hallo, kleines Mädchen, bist du ganz allein hier?«, rief Alexander ihr vom Wagen aus zu.
Das Kind schaute zu ihm auf, freundlich, ohne Verwunderung.
»Ja, ich bin allein. Die böse Tante ist fortgefahren.«
Alexander stieg aus. »Kommt deine Tante wieder zurück, um dich zu holen? Sollst du auf sie warten?«
Ratlosigkeit zeigte sich deutlich auf dem süßen Gesichtchen. »Ich weiß nicht.«
Alexander schätzte das Alter des Kindes auf knapp drei Jahre. Es war ein besonders entzückendes Persönchen.
»Was hat denn die Tante gesagt?«, setzte der Mann das Verhör geduldig fort.
»Gar nichts.«
»Hm – aber sie hat dir den Luftballon geschenkt?«, versuchte Alexander es auf andere Weise.
Eifriges Nicken.
»Und was war dann?«
»Sie ist weggefahren. Mit ihrem Auto.«
»Aber sie kann dich doch nicht allein im Wald gelassen haben. Wie heißt du überhaupt?«
Das waren offensichtlich zu viele Fragen auf einmal. Das Kind sah ernst und nachdenklich aus, gab jedoch keine Antwort.
»Soll ich dich mitnehmen?«, schlug Alexander vor. »Ich weiß ein Haus, in dem viele Kinder wohnen. Da ist bestimmt Platz für dich. Oder sucht dich deine Tante dann?«
»Die Tante ist böse«, verkündete das namenlose kleine Ding. »Ich mag sie nicht.«
»Wir können einen Zettel schreiben, wo du zu finden bist«, überlegte Alexander halblaut. »Du darfst nicht allein hierbleiben, wenn es dunkel wird.«
»Ich … ich mag gern zu den Kindern«, sagte die Kleine stockend. »Die Tante soll mich nicht mehr holen. Sie mag mich nämlich auch nicht.«
Alexander von Schoenecker sah auf die Uhr und stellte fest, dass er nun schon eine Menge Zeit geopfert hatte. Immerhin wollte er keinen Fehler machen und nahm sich vor, zunächst noch eine Viertelstunde zu warten. Länger würde ein verantwortungsbewusster Erwachsener das Kind gewiss nicht allein auf der kleinen Wiese lassen.
Alexander nahm einen Zettel aus seiner Aktenmappe und schrieb in deutlich lesbaren Buchstaben darauf, dass das Kind mit dem blauen Luftballon im Kinderheim Sophienlust Unterkunft gefunden habe.
Neugierig schaute die kleine Dame zu. Alexander klappte das Handschuhfach im Wagen auf und fand darin eine angebrochene Tafel Schokolade. Das Kind aß alles hungrig auf. Offenbar hatte es schon längere Zeit keine vernünftige Mahlzeit bekommen. Bei näherem Hinschauen erwies sich auch das gelbe Kleidchen als nicht vollkommen sauber.
Wer mochte die sogenannte böse Tante sein? War es denkbar, dass sie das Kind mit dem Luftballon absichtlich hier zurückgelassen hatte?
Die Erfahrungen auf Sophienlust hatten den Gutsherrn von Schoeneich gelehrt, dass es in dieser Hinsicht die seltsamsten und traurigsten Dinge gab. Trotzdem vermochte er sich an diesem schönen Abend nicht recht vorzustellen, warum eine Frau diesem reizenden Kind einerseits einen Luftballon zum Geschenk macht, es aber andererseits schutzlos im Wald zurückließ. Doch das Wort von der ›bösen Tante‹ stimmte ihn nachdenklich.
Die gesetzte Frist war verstrichen. Alexander befestigte seinen Zettel kunstvoll und gut sichtbar an einem Baum, der mitten in der Wiese stand. Wer immer das Kind suchte, musste auf die Nachricht aufmerksam werden.
»Kommst du mit?«, fragte er und lächelte die Kleine aufmunternd an. »Es wird dir bestimmt gefallen.«
Der blonde Kopf nickte.
»Du darfst hier neben mir sitzen. Es ist nicht weit. Deine Tante wird dich abholen, wenn sie kommt.«
»Sie soll nicht kommen.«
Das hörte sich sogar ein bisschen ängstlich an.
Alexander ließ den Wagen an. Er war zu der Überzeugung gekommen, dass er hier weitere Nachforschungen doch nicht anstellen konnte. Das musste er seiner Frau, der Polizei oder anderen Berufenen überlassen.
»Du hast ein feines Auto«, piepste seine Beifahrerin. »Fahren wir weit? Mit der bösen Tante sind wir sehr lange gefahren. Ich habe sogar geschlafen.«
»Nein, wir sind gleich da. Aber du darfst später noch mal mit mir spazieren fahren, wenn du willst.«
»Ich mag schon gern.« Ein strahlender Blick aus den großen Kinderaugen belohnte ihn für sein Angebot.
Etwa zehn Minuten später hielten sie vor dem schönen Herrenhaus von Sophienlust. Ein Mädchen mit lustigen Sommersprossen im Gesicht lief eilig auf den Wagen zu, knickste artig und sagte: »Tag, Onkel Alexander.«
»Tag, Pünktlich. Eigentlich müsste man schon sagen, guten Abend. Habt ihr schon gegessen?«
Das Mädchen hieß eigentlich Angelina Dommin. Aber sogar die Lehrer in der Schule riefen es Pünktchen.
»Ja, ich wollte gerade noch einmal zum Stall. Wir sind heute Nachmittag auf den Ponys geritten, und ich habe etwas vergessen.«
»Ist Frau Rennert in der Nähe?«
»Ich kann sie holen!« Nun erst entdeckte Pünktchen das Kind im Auto. »Bringst du uns ein kleines Mädchen, Onkel Alexander? Das hat nicht mal Nick gewusst. Der ist nämlich schon drüben in Schoeneich, weil es bei euch doch heute ein Festessen geben soll.«
Alexander schmunzelte. »Stimmt genau, Pünktchen. Diese kleine Dame habe ich zufällig unterwegs aufgelesen. Vielleicht wird sie wieder abgeholt. Aber ich wollte sie nicht allein auf der Wiese im Wald lassen.«
»Nein, das geht nicht. Es wird ja bald dunkel.« Pünktchen schaute zum Himmel empor und rannte dann ins Haus, um die Heimleiterin zu rufen.
Frau Rennert erschien, umringt von einer Schar von Kindern. Die Nachricht, dass ein kleines Mädchen im Heim Einzug halten sollte, hatte sich natürlich sofort herumgesprochen.
Frau Rennert nahm die Kleine auf den Arm. Scheu, aber doch mit deutlichem Zutrauen legte sich der blonde Kopf gegen ihre mütterliche Schulter.
»Bist du müde?«, fragte die Heimleiterin verständnisvoll.
»Ja, aber ich will meinen Luftballon mit ins Bett nehmen.«
»Natürlich nimmst du ihn mit.« Frau Rennert strich dem Kind liebevoll über das wirre Haar. »Was sonst noch ist, können wir morgen besprechen, Herr von Schoenecker.«
Alexander hatte ihr in ein paar knappen Sätzen geschildert, wie er zu seinem Findling gekommen war.
»In Ordnung, Frau Rennert. Ich erzähle es meiner Frau. Sie wird sich morgen früh um das kleine Fräulein kümmern. Sollte sich allerdings noch heute Abend jemand melden, dann rufen Sie uns bitte an. Ich werde auch der Ordnung halber bei der Polizei anklingeln. Es wäre immerhin denkbar, dass wir einen kleinen Ausreißer aufgegriffen haben, der verzweifelt gesucht wird.«
Pünktchen knickste wieder, die anderen Kinder winkten fröhlich.
Alexander von Schoenecker fuhr langsam davon, über die vor ein paar Jahren erbaute Straße hinüber nach Schoeneich, wo Denise und die beiden Jungen ihn schon sehnsüchtig erwarteten.
Die schöne Frau mit dem dunklen Haar und den wundervollen braunen Augen, die Nick von ihr geerbt hatte, schmiegte sich mit glücklichem Lächeln an ihres Mannes Brust.
»Ich habe unterwegs an dich gedacht, Liebste«, raunte er ihr ins Ohr. »Es ist immer noch wie am ersten Tag – nein, es ist sogar noch schöner geworden.«
»Wir haben inzwischen große Kinder, Alexander«, meinte Denise lachend.
»Und drüben in Sophienlust mal wieder ein neues kleines Kind«, fiel er ein, indem er den Arm zärtlich um ihre schlanke Taille legte.
»Ein neues Kind?«, fragten Nick und Henrik wie aus einem Mund.
»Ja, ich erzähle euch bei Tisch, wie sich die Sache zugetragen hat. Ihr könnt aber auch mitkommen, wenn ich jetzt beim Polizeirevier anrufe.«
In der Diele wartete Andrea.
»Bist du auch gekommen? Das ist eine Überraschung, Kind. Hast du Hans-Joachim mitgebracht?«
»Natürlich, Vati. Er geht eben noch beruflichen Pflichten im Kuhstall nach. Aber er wird gleich hier sein.« Andrea, Alexanders Tochter aus erster Ehe, war seit einiger Zeit mit dem Tierarzt Dr. Hans-Joachim von Lehn verheiratet.
»Fehlt nur Sascha, um die Familie vollzählig zu machen«, stellte Denise mit mütterlichem Stolz fest.
»Der steckt in irgendeiner Zwischenprüfung«, sagte Andrea. »Wir haben ihn gestern in Heidelberg angerufen. Er findet das Studentenleben zurzeit gar nicht lustig, weil er zu viel pauken muss.«
Es verging eine ganze Zeit, ehe die Familie sich endlich um den großen Tisch versammeln konnte. Das Telefongespräch mit der Polizei gab Anlass zu vielen Fragen, von denen Alexander die meisten nicht beantworten konnte, weil sein blonder Schützling nicht viel gesagt hatte.
»Für heute müssen wir es dabei bewenden lassen, dass es ein Kind mit einem blauen Luftballon ist. Vielleicht finden wir morgen mehr heraus«, beendete der Gutsherr die fruchtlosen Mutmaßungen, die sofort angestellt wurden.
»Vielleicht stellt sich alles als harmlos heraus«, meinte Denise. »Doch ich werde das Kind nicht eher hergeben, als bis ich weiß, warum es von einer bösen Tante spricht.«
Nick nickte mehrmals nachdrücklich. »Sehr richtig, Mutti. Man weiß nie, was dahintersteckt.«
Die Erwachsenen lächelten verstohlen über den Eifer des Jungen, der ein bisschen altklug wirkte. Doch niemand ließ ihn das merken, denn Nicks Eingreifen hatte sich schon oft als nützlich und segensreich erwiesen. Manchmal fand er den Kontakt zu einem fremden, verschüchterten Kind leichter als die Großen. Auch Henrik war inzwischen so vernünftig geworden, dass er sich hin und wieder eines Heimkindes annahm. Denise mochte jedenfalls auf die tatkräftige Hilfe ihrer Söhne nicht mehr verzichten, auch wenn sie manchmal über das Ziel hinausschossen.
Martha hatte mit dem Festessen wahrhaftig ein Meisterwerk vollbracht. Im Allgemeinen behauptete Nick, dass Marthas Schwester Magda drüben in Sophienlust nicht zu übertreffen sei – doch heute hatte er keine Zeit, solche Vergleiche anzustellen. Denn er war intensiv damit beschäftigt, die leckeren Genüsse zu vertilgen. Beim Vanille-Eis, das mit dampfend heißer Himbeersoße gereicht wurde, seufzte er nur einmal hingebungsvoll. Sonst verhielt er sich mucksmäuschenstill.
Nach dem Essen rief Denise in Sophienlust an. Sie erfuhr von Schwester Regine, dass das fremde Kind gebadet worden sei und nun bereits fest schlafe. Der Luftballon sei am Bett festgebunden worden.
Schulterzuckend kehrte Denise in den Kreis ihrer Lieben zurück. »Nichts Neues«, erzählte sie. »Die Kleine schläft. Sie hat nichts mehr gesagt. Wahrscheinlich war sie zu müde.«
Alexander füllte die Gläser.
»Kriege ich auch etwas?«, bat Nick.
»Ich auch!«, fiel Henrik ein.
»Jeder ein bisschen. Aber denkt daran, dass Wein müde macht. Morgen ist nämlich ein ganz normaler Schultag«, entschied der Vater.
»Ich bin älter als Henrik, also muss ich mehr bekommen als er. Als ich so klein war, habe ich überhaupt keinen Alkohol trinken dürfen«, beschwerte sich Nick.
Hans-Joachim von Lehn, der verliebt die Hand seiner jungen Frau hielt, nickte seinem jugendlichen Schwager versöhnlich zu. »Gönne doch dem Kleinen mal was, Nick. Bist doch sonst nicht so.«
Nick ergab sich in sein Schicksal, registrierte dann aber mit Genugtuung, dass sein Vater ihm ein ganzes Glas einschenkte, während Henrik sich mit einem Schlücklein begnügen musste. Es gab also doch noch Gerechtigkeit auf der Welt!
Es wurde ein fröhlicher Familienabend. Gegen zehn Uhr brachen die von Lehns auf. Als ihr Wagen in der Dunkelheit verschwunden war, schickte Denise ihre Söhne energisch zu Bett.
Die Kinder waren so erzogen, dass sie den Eltern hin und wieder ein ungestörtes Beisammensein gönnten. Sie wussten ja, wie stark ihre Mutter durch das Kinderheim und ihr Vater durch die Leitung der beiden Güter beansprucht waren.
Alexander machte eine neue Flasche auf und setzte sich in einen bequemen Sessel. Auf dem Kaminsims flackerten zwei Kerzen. Es war still und heimelig im Gutshaus.
»Ich bin sehr glücklich, Liebste. Komm zu mir!« Er zog Denise auf seine Knie, und sie schmiegte sich an ihn und ließ sich von ihm küssen.
»Vielen Dank für jeden Tag, den du mir geschenkt hast, Denise.«
»Bin ich es nicht, die dir zu danken hat, Alexander? Mein Leben war einsam geworden, bevor du kamst. Auch kannte ich nichts als harte Arbeit, bevor die große Erbschaft kam. Ich hatte die Sorge um Nick und musste das teure Heim für ihn bezahlen. Aber schlimmer als die Arbeit war die ständige Trennung von meinem kleinen Jungen. Doch dann wurde plötzlich alles anders. Wir konnten in Sophienlust beisammen sein. Trotzdem …«
»Nun, wir haben uns doch gleich am ersten Tag kennengelernt«, warf Alexander ein.
»Ja, Liebster, aber damals hatte ich nicht den Eindruck, dass aus uns einmal das glücklichste Paar der Welt werden sollte.«
»Du hast mein Leben reich gemacht, Denise. Sascha und Andrea bekamen endlich wieder eine Mutter. Ich glaube kaum, dass sie sich im Internat so entwickelt hätten, wie es hier geschehen ist. Meine kleine Andrea – jetzt ist sie schon selbst Ehefrau und in vieler Hinsicht bemüht, dir zu gleichen.« Er lächelte in väterlichem Stolz. »Und Sascha ist fast schon ein Mann geworden. Heutzutage haben viele Eltern Sorgen mit ihren studierenden Söhnen. Bei Sascha stimmt alles, weil du ihm den richtigen Weg gewiesen hast.«
»Warum stellst du dein Licht unter den Scheffel, Alexander?« Denise schlang die Arme fester um den geliebten Mann. »Du bist für deine Kinder ein Vorbild. Das ist es, was den jungen Menschen von heute leider oft genug fehlt. Nicht mit Moralpredigten erzieht man, sondern mit dem vorgelebten Beispiel.«
»Du darfst mich nicht so über den grünen Klee loben, Isi. Das bringt mich in Verlegenheit. Außerdem könnte ich jedes Wort zurückgeben, denn es passt auf dich weit mehr als auf mich.«
Sie plauderten mit gesenkten Stimmen von der Vergangenheit, der Gegenwart und ein wenig auch von der Zukunft. Dazu tranken sie vom besten Wein aus dem Keller und bemerkten kaum, wie die Stunden verstrichen. Endlich brach Denise auf.
»Wir müssen schlafen gehen, Alexander. Wein macht müde, und morgen ist wieder ein Tag. Das hast du vorhin zu den Buben gesagt.«
Der Mann legte die Lippen auf die seiner Frau. »Heute, Isi – denn Mitternacht ist längst vorüber. Gehen wir nach oben.«
Wenig später erlosch das letzte Licht im Gutshaus von Schoeneich.
*
Am nächsten Abend machte Nick, der als zukünftiger Besitzer von Sophienlust auch dort ein eigenes Zimmer besaß, in dem er übernachten durfte, wenn er dazu Lust hatte, wieder einmal von diesem Sonderrecht Gebrauch.
»Ich bleibe heute hier, Mutti, wenn es dir recht ist«, teilte er seiner Mutter mit, die in Sophienlust mit Frau Rennert das große Wirtschaftsbuch durchgesehen hatte.
»Gut. Bist du mit den Schulaufgaben fertig?«
»Nur in Englisch habe ich noch etwas durchzulesen. Das kann ich heute abend machen, wenn die Kleinen schlafen.«
Denise lächelte verständnisvoll. »Vorher möchtest du dich also mit den Kleinen beschäftigen? Schwester Regine wird dir für deine Unterstützung dankbar sein.«
Nick bekam rote Ohren. »Vielleicht sagt sie mir, wie sie heißt, Mutti.«
Natürlich meinte Nick die kleine Fremde mit dem blauen Luftballon, den er ihr nach dem Mittagessen, das er ebenfalls in Sophienlust eingenommen hatte, wunderbar prall aufgeblasen hatte, sodass er wieder aussah wie neu. Nick hatte es sich in den Kopf gesetzt, etwas über das Kind herauszufinden, und seine Mutter ließ ihn gewähren. Er hatte ein erstaunliches Geschick im Umgang mit großen und kleinen Kindern, obwohl das bei einem Jungen in seinem Alter recht ungewöhnlich war.
»Versuch’s, Nick. Ich habe heute früh ein bisschen mit ihr gespielt. Sie ist freundlich, aber schüchtern. Es kommt mir so vor, als hätte sie nicht viel Berührung mit anderen Menschen gehabt. Auf der Polizei liegt keine Suchmeldung vor, und der Zettel, den Vati geschrieben hat, ist nicht fortgenommen worden.«
»Bis jetzt haben wir noch bei jedem Kind herausgekriegt, woher es kommt und wie es heißt. Ich setze sie nachher auf ein Pony. Das macht ihr bestimmt Spaß.«
»Sie ist noch sehr klein, du musst vorsichtig sein.«
Nick trollte sich. Denise aber ging durchs Haus, um hier und da nach dem Rechten zu sehen. Die größeren Kinder saßen über ihren Schulaufgaben. Sie erledigten diese teils in ihren eigenen Zimmern, teils aber auch in einem großen Raum. Überall wurde ›Tante Isi‹ mit strahlenden Gesichtern begrüßt. Pünktchen wollte ihr unbedingt die letzte Klassenarbeit in Deutsch zeigen, in der das begabte Mädchen eine blitzblanke Eins bekommen hatte.
Denise nahm das Aufsatzheft und begann zu lesen. Es handelte sich um eine Tiergeschichte. Da war Pünktchen natürlich in ihrem Element gewesen. Denn Tiere spielten im Leben der Sophienluster Kinder eine wichtige Rolle – nicht nur die Tiere, die zum Gutsbetrieb gehörten, oder die Ponys, auf denen sie reiten durften, sondern auch Kleintiere aller Art, die persönliches Eigentum der Kinder waren. Habakuk, der sprechende Papagei, der im Wintergarten residierte, war im Laufe der Jahre zu einer gewichtigen Persönlichkeit des Heims geworden. Die genaue Zahl von Hunden, Katzen, Meerschweinchen, Wellensittichen, Kanarienvögeln, Goldhamstern und Kaninchen, die zum Heiminventar gehörten, war Denise nicht immer bekannt.
So war Pünktchens Aufsatz über einen hartherzigen Bauern, der einen Wurf junger Katzen hatte ertränken wollen, ein kleines Meisterwerk geworden. Die vier Kätzchen wurden in Pünktchens Erzählung glücklicherweise in letzter Minute auf dramatische Weise gerettet. Der Junge, der die Tierchen aus dem Wasser fischte, wurde als Held geschildert und hatte deutliche Ähnlichkeit mit Pünktchens geliebtem großen Freund Nick. Denn Pünktchen war einst als unglückliches kleines Kind von Nick aufgefunden worden und hing seitdem mit echter, verehrungsvoller und manchmal sogar ein wenig eifersüchtiger Liebe an ihm.
Die kleinen Katzen in Pünktchens Klassenaufsatz führten den Leser in vier gänzlich verschiedene Familien, wo sie – wie hätte es anders sein können? – nur Segen stifteten. Vielleicht war die Erzählung ein wenig idealisiert, doch Denise freute sich, dass Pünktchen die positiven Seiten des Lebens aufzuzeigen versuchte. Sogar das Tierheim, das Andrea und Hans-Joachim von Lehn für kranke Tiere gegründet hatten, erschien in abgewandelter Form in Pünktchens Aufsatz.
»Fein hast du das gemacht, Pünktchen«, lobte Denise das Mädchen und gab ihr das Heft zurück. Dann ging sie weiter.
Im Park spielte Schwester Regine mit den Kleinsten. Das neue Kind hockte im Sand und backte Kuchen, sorgsam und mit noch ungeschickten Händchen. Der Luftballon war an der Rückenlehne einer Bank festgebunden.
»Tante Isi«, sagte das Kind leise, als Denise ihm über das weiche Haar strich, das frisch gewaschen war und in der Sonne glänzte wie Silber.
»Ja, mein Kleines? Wer bekommt denn die vielen guten Kuchen?«
»Die liebe Tante.«
War die ›liebe‹ und die ›böse‹ Tante ein und dieselbe Person? Denise seufzte. Es war schwer, ja, fast unmöglich, aus einem so kleinen Kind genaue Angaben über Herkunft und Namen herauszufragen. Um den kleinen Findling nicht zu verschüchtern, drang sie nicht weiter in das Kind und überließ alle Nachforschungen zunächst Nick.
Eben überlegte Denise, ob noch mehr in Sophienlust zu tun sei, als Isabel im Laufschritt in den Park kam. »Tante Isi, Telefon! Tante Ma schickt mich.« Damit meinte das Mädchen Frau Rennert, die von den Heiminsassen, ob groß oder klein, Tante Ma genannt wurde.
Denise eilte leichtfüßig auf das Herrenhaus zu. Dass sie früher einmal Tänzerin gewesen war, ließ sich nicht verleugnen. Ihr Gang wirkte leicht und schwebend, ihre Haltung aufrecht und stolz.
Im Büro reichte ihr Frau Rennert den Hörer. »Maria Berger«, sagte sie dabei.
Maria Berger war eine Verwandte von Frau Rennert. Als Waise war sie einstmals kurz in Sophienlust beheimatet gewesen. Jetzt war sie glückliche Ehefrau von Horst Berger, einem reichen Großindustriellen.
»Was gibt es?«, erkundigte sich Denise.
Maria brachte ihr Anliegen vor, nachdem sie sich zunächst vergewissert hatte, dass es in Sophienlust allen gut ging.
»Natürlich machen wir das, Maria«, antwortete Denise ohne Besinnen. »Wann möchte Frau von Rettwitz denn kommen? Je eher, desto besser. Du weißt ja, dass Sophienlust auch in Not geratenen Erwachsenen Heimstatt sein soll.«
Frau Rennert sah Denise fragend an, als diese schließlich den Hörer niederlegte. »Mir hat sie nichts erzählt, Frau von Schoenecker.«
»Es ist kein Geheimnis, Frau Rennert. Maria wollte es wohl nicht zweimal auseinandersetzen. Sie hat Freunde, eine Familie von Rettwitz, die von einem sehr traurigen Schicksal betroffen worden sind. Ihr einziges Töchterchen Renata ist im Alter von gut zwei Jahren an Hirnhautentzündung gestorben. Das war für die jungen Eltern ein schlimmer Schlag.«
»Schrecklich«, warf die warmherzige Heimleiterin ein. »Aber dann können wir für das Kind doch nichts mehr tun.«
»Nein, nein – es handelt sich um die Mutter, Isolde von Rettwitz. Sie leidet unter schweren Depressionen und kann den Verlust des Kindes nicht überwinden. Ihr Mann verspricht sich nun von einem Milieuwechsel Besserung und Heilung. Außerdem erwägt er, eventuell eines unserer Kinder zu adoptieren. Weitere Kinder kann das Paar nämlich aus Gründen, die mir nicht bekannt sind, nicht haben.«
»Natürlich nehmen wir die Dame gern auf«, erklärte Frau Rennert. »Das Zusammenleben mit unserer fröhlichen Schar wird sie ihre Depressionen sicher bald vergessen lassen.«
Denise nickte nachdenklich. »Hoffentlich, Frau Rennert. Falls es ihr für den Anfang hier in Sophienlust zu lebhaft zugehen sollte, werde ich sie nach Schoeneich einladen.«
Denise reichte der Heimleiterin zum Abschied die Hand und verließ das Herrenhaus von Sophienlust. Als sie schon im Wagen saß, sah sie Nick, der das fremde Kind an der Hand zu den Ponyställen führte. Der blaue Luftballon war wieder einmal mit von der Partie.
Ob ihr Sohn etwas herausfinden würde?
*
Achim von Rettwitz kam etwas abgespannt nach Hause, denn es lagen zwei anstrengende Gerichtsverhandlungen hinter ihm. Er hatte sich als tüchtiger Staatsanwalt bereits einen Namen gemacht. Studium, Beruf, dann seine glückliche Ehe mit Isolde – anfangs war alles im Leben des jungen Juristen nach Wunsch gegangen. Die ersten Sorgen waren gekommen, als Isolde bei der Geburt der kleinen Renata fast ihr Leben eingebüßt hatte. Doch das Schicksal hatte es noch einmal gnädig gemeint. Mutter und Kind waren am Ende gesund gewesen. Die Eröffnung des Professors, dass dem Paar weitere Kinder versagt sein würde, hatte damals kaum eine Bedeutung gehabt.
Renata war der Liebling und Abgott der Eltern geworden. Das Glück war vollkommen gewesen, bis diese tückische Krankheit das Kind hinweggerafft hatte.
Seither hockte Isolde apathisch und ohne Tränen neben dem leeren weißen Bettchen. Seither vernachlässigte sie den Haushalt und auch ihr eigenes Äußeres. Selbst an ihrem Mann schien sie keinerlei Interesse mehr zu haben. Achim gab sich alle erdenkliche Mühe, aber nichts fruchtete. Er schlug eine gemeinsame Reise vor, doch Isolde wollte sich nicht von dem verwaisten Kinderzimmer trennen. Er umgab seine Frau mit Liebe und Rücksichtnahme, aber es war, als bemerke sie gar nichts davon.
Auch an diesem Tag fand er die jetzt übliche Situation vor. Isolde hatte ihr schönes dunkles Haar gewaschen, sich aber nicht einmal die Mühe genommen, es aufzustecken. Wie ein ganz junges Mädchen trug sie es lang bis zur Taille. Achim liebte dieses herrliche Haar. Er beugte sich über seine Frau und legte die Lippen auf ihren Scheitel.
»Guten Abend, Isolde. Du siehst wunderschön aus, weißt du das?«
Sie schaute nicht einmal auf. Starr war ihr Blick auf das leere Bettchen geheftet. Müde hob sie die Schultern. »Was ist denn schön an mir?«
»Dein Haar, Isolde. Die heutigen Teenager würden dich um diese Pracht glühend beneiden.«
Isolde von Rettwitz gab keine Antwort.
Ihr Mann seufzte etwas unterdrückt, doch er ließ sich nicht so rasch entmutigen.
»Wie wäre es, wenn wir gemeinsam ausgingen, Isolde? Oder hast du etwas vorbereitet zum Abend? Heute ist Freitag. Morgen und übermorgen habe ich keinen Dienst.« Er bemühte sich, seiner Stimme einen zuversichtlichen Klang zu verleihen.
»Ich war nicht fort, Achim. Vielleicht ist noch etwas im Kühlschrank. Du weißt, dass ich nichts essen mag.«
Das stimmte. Isolde war seit dem Tod des Kindes erschreckend mager geworden.
»Aber ich möchte essen«, wandte er ein. »Ich hatte heute so viel zu tun, dass ich nicht einmal ins Kasino gekommen bin mittags.«
»Das tut mir leid.« Es war eine gleichgültige, höfliche Bemerkung – mehr nicht.
Vor allem diese Gleichgültigkeit war es, die Achim Sorge bereitete. Wie sollte das weitergehen? Der Arzt, mit dem er sich mehrfach beraten hatte, empfahl einen Milieuwechsel, andere Eindrücke und vielleicht zu gegebener Zeit die Adoption eines Waisenkindes. Aber wie sollte er Isolde aus diesem Zimmer wegbekommen, in dem sie die meisten Stunden des Tages verbrachte, manchmal mit dem Lieblingsteddy der kleinen Renata im Arm?
Der Mann legte die Hände auf die Schultern seiner Frau. Seine Finger verfingen sich in ihrem seidigen, glänzenden Haar. »Komm, Liebste, ich möchte mit dir ausgehen. Du musst dein Haar ein bisschen aufstecken und dich umziehen. Ich kann inzwischen einen Tisch bestellen.«
»Ich will nicht, Achim«, wandte sie tonlos ein. »Geh du allein, wenn du hungrig bist.«
»Nein, Isolde. Allein mag ich nicht gehen.«
Er nahm sie bei den Händen und zog sie in die Höhe, obwohl sie sich sträuben wollte. Liebevoll legte er die Arme um sie und küsste sie. Doch ihre Lippen blieben kühl und gaben die Zärtlichkeit nicht zurück.
Wie anders war es früher zwischen ihnen gewesen. Isolde hatte ihn Abend für Abend ungeduldig an der Tür erwartet und sich stets mit einem Jubelruf an seine Brust geworfen. Wie Kinder hatten sie oft miteinander gelacht und gescherzt.
»Isolde – bitte!« Seine Lippen liebkosten ihren Mund, seine Hände streichelten ihren starren Körper. »Ich liebe dich, Isolde. Du darfst über der Trauer um unsere süße kleine Renata das Leben nicht vergessen«, mahnte er und zog sie noch fester an sich.
»Wir werden nie wieder ein Kind haben, Achim.« Tonlos, mutlos, verzweifelt klang es.
»Aber du bist mir geblieben, Isolde. Werden wir beide nicht die Kraft finden, mit unserem Schicksal fertig zu werden? Unsere Liebe muss stark genug sein.«
»Ich habe keine Kraft mehr, Achim. Aber wenn du darauf bestehst, können wir zusammen essen gehen. Ich bin keine gute Hausfrau mehr. Nicht einmal fürs Wochenende habe ich etwas eingekauft.«
»Das können wir morgen Vormittag gemeinsam tun, Isolde.« Es kam ihm vor, als habe er eben einen winzigen Fortschritt erzielt. Er streichelte sie liebevoll. »Weißt du noch? Als wir jung verheiratet waren, haben wir immer samstags Einkäufe gemacht. Das war sehr amüsant.«
»So wird es nie mehr sein, Achim.«
Wenn sie weinen würde, meinetwegen schreien und das Schicksal anklagen – alles wäre besser als diese völlige Teilnahmslosigkeit, dachte er.
Immerhin setzte Achim an diesem Freitagabend seinen starken Willen durch. Isolde wählte ein dunkles Kleid, das ihr leider viel zu weit geworden war. Trotzdem sah sie schön aus, als sie gemeinsam das nette Einfamilienhaus am Stadtrand verließen. Ihr Haar war hoch aufgesteckt und schimmerte wunderbar.
»Ich bin stolz auf dich, Isolde«, flüsterte er ihr ins Ohr, als sie das kleine, exquisite Restaurant in der Innenstadt betraten, wo er einen Tisch hatte reservieren lassen.
Sie antwortete nicht auf das zärtliche Kompliment, sondern schaute starr geradeaus. Verstohlen sah Achim um sich – zu seiner Erleichterung waren keine Bekannten zu erblicken. Für Isolde hätte eine erzwungene Unterhaltung mit Freunden sicherlich eine Qual bedeutet, die er ihr ersparen wollte. Er war schon glücklich, dass es ihm heute gelungen war, sie zu diesem Ausflug in ein Lokal zu überreden.
Beim Essen sprachen sie kaum. Isolde kostete nur wenig von den Gerichten, die ihr Mann bedachtsam für sie ausgewählt hatte. Aber von dem roten Wein trank sie durstig.
»Maria Berger hat mich heute angerufen«, berichtete Achim wie beiläufig, weil er die Sprache schließlich irgendwie auf sein Thema bringen musste.
»So? Geht es ihr gut? Sie hat mir zweimal geschrieben. Aber ich kann mich nicht aufraffen, ihr zu antworten.«
»Bei Bergers ist alles in schönster Ordnung. Maria macht sich Gedanken um dich. Das ist es.«
»Maria meint es gut. Helfen kann sie mir leider nicht. Sie will mich einladen. Aber ich passe nicht in ein fröhliches Haus.«
»Inzwischen hat sie einen anderen Vorschlag gemacht, Isolde.«
»Warum lasst ihr mich nicht in Frieden?«, begehrte sie auf.
»Weil ich dich liebe, Isolde«, erwiderte Achim mit seltsamem Ernst. »Auch ich habe viel verloren mit unserer kleinen Renata. Jetzt möchte ich nicht auch noch dich und deine Liebe verlieren.«
Isolde schwieg. Aus ihrem starren Gesicht war nicht herauszulesen, was hinter ihrer blassen Stirn vor sich ging.
»Maria schlägt vor, dass du aufs Land gehst«, fuhr Achim mutig fort. »Es ist ein ehemaliges Herrenhaus mit dem romantischen Namen Sophienlust.«
Isolde verzog den Mund zu einem winzigen Lächeln. »Sophienlust ist Marias ganze Liebe. Sie spricht oft davon. Aber was soll ich dort? Es ist ein Kinderheim.«
»Nicht nur – es bietet auch Erwachsenen Erholung an. Frau von Schoenecker würde sich freuen, wenn du kämest.«
Isolde schüttelte den Kopf. »Das ist wieder so ein Plan, den ihr in guter Absicht hinter meinem Rücken geschmiedet habt. Marias Brüder sind damals von Pflegeeltern adoptiert worden. Wahrscheinlich soll ich mir in Sophienlust ein Kind auswählen, nicht wahr?«
»So weit sind unsere Überlegungen noch nicht gegangen, Isolde. Maria meinte lediglich, dass Frau von Schoenecker eine Frau sei, mit der du dich vielleicht aussprechen könntest.« Achim ging so diplomatisch wie möglich vor.
»Aussprechen kann ich mich mit keinem Menschen, Achim. Niemand versteht mich.« Wie müde ihre Stimme klang.
»Wenn ich dich nun bitten würde, es mir zuliebe wenigstens zu versuchen, Isolde?« Er legte seine Hand auf die ihre, die kalt war.
»Ich …, ich will es mir überlegen, Achim.«
»Wie lange brauchst du Bedenkzeit?«, drängte er.
»Bis morgen, Achim. Wenigstens bis morgen. Ich …, ich mag Renatas Zimmer nicht verlassen. Warum begreifst du das nicht? Wenn ich dort sitze, ist es manchmal, als lebte sie noch.«
Erschüttert wandte er das Gesicht ab, damit sie nicht sah, wie tief ihn ihre Worte trafen. Arme, arme Isolde! Sie wollte noch immer nicht den Tod des Kindes wahrhaben. Sie klammerte sich an ihre Träume. Das war verhängnisvoll und für ihren Gemütszustand sogar gefährlich.
Nachdem er die Gläser ein letztes Mal gefüllt hatte, brachen sie auf. Es war nicht sehr spät geworden. Am Himmel gingen eben die ersten Sterne auf.
»Schau, Liebste, wie schön«, sagte Achim, als er Isolde über die Straße zum Wagen führte.
»Aber unsere kleine Renata kann die Sterne nicht mehr sehen«, erwiderte sie bitter.
Am späten Abend und in der Nacht gab sich Achim alle Mühe, Isolde zu beweisen, dass er ihre Liebe brauchte und suchte. Sie versagte sie ihm nicht, aber es war, als halte er ein lebloses Wesen in den Armen. Ihre Seele war nicht bei ihm, obwohl ihre Körper eins waren.
»Wirst du nach Sophienlust gehen?«, fragte er leise.
»Wenn du es willst …«
Er zog sie noch einmal zärtlich an sich. »Ja, Isolde, ich bitte dich darum. irgendetwas muss geschehen, sonst gehen wir beide daran zugrunde.«
Hatte sie es selbst gespürt? Hatte sie erkannt, dass sie einander fremd wurden?
»Also gut, ich werde hinfahren. Wenn du möchtest, können wir das Wochenende dazu verwenden.«
»Danke, Isolde.«
*
»Ich finde die Sache höchst kriminell«, platzte Nick heraus.
Alexander von Schoenecker legte die Hand auf des Jungen Schulter. »Was denn, mein Sohn?«, erkundigte er sich.
Nick war soeben mit dem Fahrrad von Sophienlust nach Schoeneich gekommen. Seit zwei Tagen war er nicht mehr zu Hause gewesen, weil er seinen Aufenthalt in Sophienlust für unerlässlich gehalten hatte.
»Na, mit der Kleinen, die du gefunden hast, Vati. Das gibt es doch gar nicht, dass man ein Kind im Wald zurücklässt und sich nicht mehr darum kümmert. Wenn ich mir überlege, was ihr hätte passieren können …«
»Glücklicherweise hat Vati sie gefunden und mitgenommen«, erinnerte Denise ihren Sohn, der sich aufgeregt mit den Fingern durch das wellige dunkle Haar fuhr.
»Und die Polizei? Weiß sie vielleicht etwas? Irgendwo muss die Kleine doch vermisst werden. Sie heißt übrigens Micki.«
Denise und Alexander waren überrascht. »Micki? Wie hast du das herausgefunden? Die Polizei tappt noch völlig im Dunkeln. Vielleicht hilft der Name weiter.«
»Carola hat Kuchen ausgeteilt. Plötzlich streckte die Kleine die Hand aus und rief: Micki auch!«, berichtete Nick. »Also heißt sie sicher Micki!«
»Das ist anzunehmen«, stimmte Alexander ihm bei. »Allerdings ist das sicherlich ein Kosename. Wenn man wenigstens den Familiennamen wüsste.«
Nickt lachte ein bisschen. »Wir haben beschlossen, sie Micki Luftballon zu nennen. Heute habe ich ihr einen neuen geschenkt, weil der andere leider das Zeitliche gesegnet hat.«
»Vom Taschengeld gekauft?«, fragte Alexander anerkennend.
»Na klar! Kostet ja bloß zwanzig Cent. Aber ich muss morgen in einen anderen Laden gehen. Sie hatten nämlich nur noch einen einzigen blauen. Aber ihr hättet sehen sollen, wie die Kleine sich gefreut hat. Komisch, dass ihr ausgerechnet die sogenannte böse Tante einen Luftballon geschenkt hat.«
»Bist du der Tantengeschichte ein bisschen auf die Spur gekommen, Sherlock Holmes?«, erkundigte sich Alexander.
Nick rieb sich die Nase. »Ich glaube, es gibt zwei Tanten«, erklärte er nachdenklich, »eine böse und eine liebe. Der Luftballon stammt von der bösen. Das lässt sich Micki nicht ausreden.«
»Sollte man gar nicht annehmen – es sei denn, die böse Tante hat dem Kind den Ballon gegeben, um unbemerkt abfahren zu können. Dann wäre es eine geplante Aussetzung des kleinen Mädchens gewesen«, überlegte Alexander von Schoenecker halblaut.
»Höchst kriminell«, wiederholte Nick, da ihm dieser Ausdruck besonders zu gefallen schien. »Die liebe Tante soll von fremden Männern in einem Kasten fortgetragen worden sein, sagt Micki.«
»Das könnte bedeuten, dass sie gestorben ist«, versetzte Denise kummervoll. »Die Geschichte wird immer rätselhafter.«
»Ich glaube, Micki Luftballon ist ein Waisenkind«, behauptete Nick. »Wir haben sie nach ihrer Mami oder Mutti oder Mama gefragt. Sie schien gar nicht recht zu verstehen, was wir meinten. Genauso ging es mir, als ich von einem Papi redete. Sie findet es in Sophienlust herrlich und will nicht mehr weg, weil so viele Kinder da sind«, beendete Nick nun seinen Bericht.
»Wir behalten das Kind selbstverständlich, falls sich keine Angehörigen finden sollten. Aber ich denke immer noch, dass wir der Sache auf den Grund kommen. Leider ist ein blauer Luftballon kein sehr gutes Erkennungszeichen.« Denise nickte ihrem Jungen zu. »Danke, Nick. Ich glaube, du hast mehr herausgefunden, als uns gelungen wäre.«
Nick setzte ein befriedigtes Gesicht auf. »Das war nichts Besonderes, Mutti. Außerdem hat mir Pünktchen geholfen. Sie findet, dass Micki aussieht wie eine Puppe.«
»Da hat sie so unrecht nicht. Es ist ein besonders niedliches kleines Ding«, sagte Denise fröhlich. »Was mich beschäftigt, ist die Tatsache, dass Micki Luftballon gut genährt und in tadellosem Gesundheitszustand ist. Man hat sie also gewiss nicht vernachlässigt oder schlecht behandelt. Dazu passt die Sache mit der bösen Tante nun wieder gar nicht.«
»Aber Micki würde nicht schwindeln«, wandte Nick ein. »Dazu ist sie noch viel zu klein.«
»Stimmt«, pflichtete Alexander ihm bei. »Die gleiche Überlegung habe ich bereits angestellt, als ich sie mitnahm.«
»Kommt morgen die neue Dame?«, wollte Nick nun wissen. »Das Zimmer ist heute schon geschrubbt worden. Sogar neue Gardinen hat Carola aufgehängt.«
»Ja, Frau von Rettwitz wird wohl morgen im Lauf des Tages eintreffen. Ich wollte mit dir darüber reden, Nick«, äußerste Denise etwas zögernd.
»Ist was Besonderes mit ihr?« Mit wacher Aufmerksamkeit richteten sich die dunklen Augen des Jungen auf seine Mutter.
»Sie hat etwas sehr Trauriges erlebt. Ihre kleine Tochter ist gestorben. Nun wollen wir versuchen, sie in Sophienlust wieder ein bisschen froh zu machen.«
Nicks hübsches Jungengesicht war ernst geworden. »Ich sag’s den anderen, Mutti. Vielleicht mag die Dame Tiere gut leiden. Pünktchen und Isabel könnten mit ihr zu Andrea fahren. Das Tierheim Waldi & Co. ist doch interessanter als ein Zoo.«
»Sicher ist das eine gute Idee, Nick. Wir hoffen sehr, dass Frau von Rettwitz unter den Kindern von Sophienlust wieder fröhlich wird.«
Nick rieb sich schon wieder die Nase und seufzte dazu. »Sie kriegt bei uns vielleicht aber auch neue Sehnsucht nach ihrem eigenen Kind«, orakelte er. »Oder sie nimmt eins mit. Ja, natürlich, so wird es enden. Es ist immer dasselbe. Irgendwann gehen unsere Kinder fort.«