Johann Nestroy: Das Haus der Temperamente. Posse mit Gesang in zwei Akten
Neuausgabe mit einer Biographie des Autors.
Herausgegeben von Karl-Maria Guth, Berlin 2016.
ISBN 978-3-8430-6706-5
Dieses Buch ist auch in gedruckter Form erhältlich:
ISBN 978-3-8430-2424-2 (Broschiert)
ISBN 978-3-8430-7895-5 (Gebunden)
Die Sammlung Hofenberg erscheint im Verlag der Contumax GmbH & Co. KG, Berlin.
Entstanden 1837. Erstdruck in: »J. Nestroy: Gesammelte Werke«, elfter Band, Herausgegeben von V. Chiavacci und L. Ganghofer, Stuttgart (Bonz), 1890-1891. Uraufführung am 16.11.1837, Theater an der Wien, Wien.
Der Text dieser Ausgabe folgt:
Johann Nestroy: Gesammelte Werke. Ausgabe in sechs Bänden, Wien: Verlag von Anton Schroll & Co., 1962.
Die Paginierung obiger Ausgabe wird in dieser Neuausgabe wortgenau mitgeführt und macht dieses E-Book auch in wissenschaftlichem Zusammenhang zitierfähig. Das Textende der Vorlagenseite wird hier durch die Seitennummer in eckigen Klammern mit grauer Schrift markiert.
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind über http://www.dnb.de abrufbar.
Herr von Braus, ein reicher Privatmann.
Robert, sein Sohn.
Walburga, seine Tochter.
Herr von Fad, ein reicher Privatmann.
Edmund, sein Sohn.
Agnes, seine Tochter.
Hutzibutz, Kleiderputzer.
Schlankel Barbier und Friseur.
Herr von Trüb, ein reicher Privatmann.
Guido, sein Sohn.
Irene, seine Tochter.
Herr von Froh, ein reicher Privatmann.
Felix, sein Sohn.
Marie, seine Tochter.
Isabella, deren Stubenmädchen.
Herr von Sturm,
Herr von Schlaf,
Herr von Schmerz,
Herr von Glück, Partikuliers aus Straßburg.
Frau von Korbheim.
Herr von Finster,
Frau von Nachtschatten, Verwandte des Herrn von Schmerz.
Jakob, Diener des Herrn von Sturm.
Nanette, Stubenmädchen,
Susanne, Köchin, bei Herrn von Braus.
Babette, Stubenmädchen,
Gertraud, Köchin,
Cyprian, Bedienter, bei Herrn von Fad.
Lisette, Stubenmädchen,
Brigitte, Haushälterin,
Margareth, Köchin, bei Herrn von Trüb.[6]
Theres, Köchin,
Sepherl, Küchenmagd, bei Herrn von Froh.
Nadl, ein Schneider.
Leist, ein Schuster.
Doktor Krims.
Doktor Krams.
Blinker,
Weger,
Stern, Hausfreunde bei Froh.
Vier Notare, Ballgäste, männliche und weibliche Dienerschaft.[7]
Die Handlung spielt zu gleicher Zeit in zwei Zimmern des ersten und in zwei Zimmern des zweiten Stockes in einem und demselben Hause.
Die Stellung der vier Wohnungen, vom Publikum aus angenommen, ist folgende:
Im Verlaufe des Stückes sind alle Links und Rechts vom Schauspieler aus angenommen.[8]
Cholerisch: Ein Wohnzimmer des Herrn von Braus im oberen Stockwerke rechts, eine Mittel- und eine Seitentüre. Im Hintergrunde rechts ist ein praktikabler kleiner Ofen. Die Malerei des Zimmers ist hochrot gehalten.
Phlegmatisch: Ein Wohnzimmer des Herrn von Fad im oberen Stockwerke links, eine Mittel- und eine Seitentüre. Im Vordergrunde ein Stickrahmen, die Malerei des Zimmers ist lichtgelb gehalten.
Melancholisch: Ein Wohnzimmer des Herrn von Trüb im untern Stockwerke rechts, eine Mittel- und eine Seitentüre. Im Vordergrunde rechts eine Staffelei mit einem halbvollendeten Bilde, links ein Tischchen und Stuhl. Die Malerei des Zimmers ist grau mit dunkler Verzierung, so düster als möglich gehalten.
[9] Sanguinisch: Ein Wohnzimmer des Herrn von Froh im untern Stockwerke links, eine Mittel- und eine Seitentüre. Im Vordergründe links ein Tisch, mit einem Teppich behangen. Die Malerei des Zimmers ist himmelblau oder rosenrot gehalten.[10]
(Cholerisch) Nanette, Susanne, dann Schneider Nadl und Schuster Leist
(Phlegmatisch) Babette, Gertraud, dann Cyprian
(Melancholisch) Lisette, Margareth, dann Doktor Krims und Doktor Krams
(Sanguinisch) Sepherl, Theres, dann Blinker, Weger und Stern
Introduktion
Cholerisch.
NANETTE, SUSANNE mit einem Küchenzettel in der Hand.
Neun Uhr ist's, und man weiß noch nicht,
Was heute wegen dem Speisen g'schicht,
Der Sohn vorn Haus trifft heut' noch ein,
Da wird wohl große Tafel sein.
Phlegmatisch.
BABETTE, GERTRAUD mit einem Küchenzettel in der Hand.
Neun Uhr ist's usw. usw.
Melancholisch.
LISETTE, MARGARETH mit einem Küchenzettel in der Hand.
Neun Uhr ist's usw. usw.
[10] Sanguinisch.
SEPHERL, THERES mit einem Küchenzettel in der Hand.
Neun Uhr ist's usw. usw.
Phlegmatisch.
CYPRIAN aus der Seitentüre kommend.
Der gnädige Herr raucht jetzt Tobak,
Ist nicht zu sprechen vormittag.
Was 'kocht wird, ihn nicht kümmern tut,
Es soll nur viel sein und recht gut.
Melancholisch.
DOKTOR KRIMS, DOKTOR KRAMS aus der Seitentüre kommend.
Es bleibt dabei, Konsilium,
Der Zustand bringt am End' ihn um,
Wir dringen auf Konsilium.
Sanguinisch.
BLINKER, WEGER UND STERN unter der Seitentüre und in dieselbe zurück.
Adieu, Freund Froh, wir gehn,
Auf fröhlich Wiedersehn!
Ganz vortretend.
In aller Fruh' Champagner schon
Das bleibt halt schon der schönste Ton!
Cholerisch.
NADL, LEIST der erste einen neuen Frack, der andere ein Paar neue Stiefel tragend, laufen aus der Seitentüre heraus.
Heut' is mit dem Herrn wieder gar nix zu reden,
Er fahrt einem an wie der Hund an der Ketten,
Über all's is er gleich in der Höh',
Wir gehn ihm nimmer in d' Näh'.[11]
NANETTE UND SUSANNE.
Das Beste ist für jetzt, Sie gehn,
Adieu, adieu, auf Wiedersehn!
NADL UND LEIST.
Das Beste ist für jetzt, wir gehn,
Adieu, adieu, auf Wiedersehn!
Alle zur Mitteltüre ab.
Phlegmatisch.
BABETTE UND GERTRAUD.
Das Beste ist für jetzt, wir gehn,
Adieu, adieu, auf Wiedersehn!
CYPRIAN.
Ich werd' ein wenig schlafen gehn,
Adieu, adieu, auf Wiedersehn!
Alle zur Mitteltüre ab.
Melancholisch.
LISETTE UND MARGARETH.
Die Herren wollen jetzt schon gehn,
Empfehl' mich schön, auf Wiedersehn!
DOKTOR KRIMS UND DOKTOR KRAMS.
Das Beste ist für jetzt, wir gehn,
Adieu, adieu, auf Wiedersehn!
Alle zur Mitteltüre ab.
Sanguinisch.
SEPHERL UND THERES.
Die Herren wollen jetzt schon gehn,
Empfehl' mich schön, auf Wiedersehn!
BLINKER, WEGER, STERN.
Jetzt ist es Zeit, wir wollen gehn,
Adieu, adieu, auf Wiedersehn!
Alle zur Mitteltüre ab.[12]
(Cholerisch) Braus
(Phlegmatisch) Fad
(Melancholisch) Trüb
(Sanguinisch) Froh
Melancholisch.
TRÜB im Schlafrock, mit verschränkten Armen aus der Seitentür e tretend. Heute also soll ich ihn wiedersehn, meinen Sohn, den Erstgebornen der so früh verblichenen Gattin! Stellt sich, tief seufzend, vor das auf der Staffelei befindliche Bild.
Sanguinisch.
FROH kommt, fast tanzend, aus der Seitentüre, ebenfalls im Schlafrock. Mein Bub kommt z'ruck, das is a Passion. Ein Mordkerl muß er worden sein in die drei Jahr', wenn er seinem Vater nachg'rat't. Stellt sich vor den Spiegel und richtet sich die Halsbinde wohlgefällig zurecht.
Phlegmatisch.
FAD im Schlafrock und mit langer Pfeife aus der Seitentüre tretend. Also heut' kommt er, der Edmund! Wenn er nicht kommt, is's mir auch recht. Wenn sich die Kinder nicht nach Haus sehnen, is es ein Zeichen, daß's ihnen gut geht. Setzt sich in den Lehnstuhl und schmaucht.
Cholerisch.
BRAUS im Schlafrock, mit Ungestüm aus der Seite tretend. Wo er nur so lange bleibt, der Teufelskerl! Um acht Uhr hätt' er schon hier sein können, das Donnerwetter soll so einem Sohn in die Rippen fahren, den das kindliche Herz nicht mit gebührender Eilfertigkeit in die väterlichen Arme treibt! Nimmt eine auf dem Tisch befindliche Zeitung und geht, selbe hastig durchblätternd, unruhig auf und ab.
[13] Sanguinisch.
FROH. Einen Rivalen wird er haben an mir, einen tüchtigen, wenn er sich an eine anmacht. Übrigens, das hat Zeit bei ihm. Meine Tochter muß unter die Hauben, ein Mädl kann nie zeitlich genug heiraten; ein junger Springinsfeld hingegen wie mein Sohn, dem kommt 's Hauskreuz immer noch z' früh'. Zieht an einer auf dem Tische liegenden Violine eine abgesprungene Saite auf.
Phlegmatisch.
FAD. Wenn nur der Bräutigam meiner Tochter schon da wär', wär' mir lieber, mir g'fallt 's Madl nimmer in der Ledigkeit. Schmaucht ruhig fort.
Cholerisch.
BRAUS. Die Galle läuft mir über, so oft ich die Angekommenen lese. Alles kommt an, nur mein verdammter Jugendfreund aus Straßburg nicht. Ein saumseliger Bräutigam verdient, daß man ihm Raketen in die Ohren stecke, die ihm hineinfahren bis ins kalte Herz und seinen morschen Gefühlszunder in Feuer und Flammen setzen.
Melancholisch.
TRÜB. Bald wird meine Tochter der Ehe Band umschließen. Mögen die Rosen, die es ihr bringt, länger blühen, als sie dieser blühten auf das Bild zeigend. die, selbst noch eine blühende Rose, hinwelken mußte in Grabesnacht! Setzt sich an die Staffelei und malt an dem Bilde seiner verstorbenen Frau.[14]
(Cholerisch) Der Vorige, Walburga
(Phlegmatisch) Der Vorige,
(Melancholisch) Der Vorige,
(Sanguinisch) Der Vorige, Marie
Sanguinisch.
MARIE aus der Seitentüre rechts in einem eleganten Negligé kommend. Na, wie g'fall' ich Ihnen in dem Anzug, Papa?
FROH. Sauber, bildsauber, bist ganz mein Ebenbild!
Cholerisch.
BRAUS in die Seitentüre rufend. Walburga! He! Walburga!
Sanguinisch.
MARIE. Schöne Mädln sind halt im Negligé am schönsten. Schad', daß die Mode nicht aufkommt, daß man im Negligé auf 'n Ball geht; da sehet man doch, was schön und was wild ist.
Cholerisch.
BRAUS sehr böse. Walburga, hörst du nicht –?
WALBURGA aus der Seitentüre kommend. Da bin ich, weiß nicht, warum der Papa gar so schreit!
BRAUS. Wenn du ein andermal nicht den Augenblick kommst, wenn ich rufe, so soll –
WALBURGA heftig. Ich war im dritten Zimmer drin, das ist mein Zimmer! Ich bin ohnedem eine rasche Person, aber bis man durch drei Zimmer kommt –
BRAUS. Still! Geht heftig auf und ab.
Sanguinisch.
FROH. Den Anzug hätt'st du dir aufsparen können zum Empfang deines Bräutigams.
MARIE. Was Bräutigam, lassen wir das, Papa!
FROH. Nicht mehr lang, in wenigen Tagen is Hochzeit, und dann wird's gehen – Spielt einen Straußischen Walzer auf der Violine.
[15] Cholerisch.
BRAUS. Du wirst heiraten!
WALBURGA. O ja, das hoff' ich, denn ich bin kein Geschöpf zum Sitzenbleiben.
BRAUS. Wirst den heiraten, den ich will!
WALBURGA. Wenn er mir aber nicht g'fällt?
BRAUS. Er gefällt mir, wiewohl ich ihn so viele Jahre nicht gesehen, denn er ist mein Jugendfreund Sturm.
WALBURGA. Der Sturm wird keine Flamme anfachen in meinem Herzen, ich nehm' ihn nicht!
BRAUS. Du mußt!
Sanguinisch.
FROH. Aber wie g'schieht dir denn? Du stehst ja ganz ruhig? Das ist das erste Mal, wenn du einen Deutschen hörst!
MARIE. Weil ich ihn mit einem Bräutigam tanzen soll, und wenn's nicht der is, den ich will –
FROH. Es is der, den ich will, mein alter Kamerad Glück, den ich seit meinen Studentenjahren nicht mehr zu Gesicht kriegt hab'.
MARIE. Nimm sich der Papa in acht, da könnt's geschehn, daß ich mit einem andern davontanz'.
FROH. Untersteh dich!
MARIE. Da wird's dann gehn – Singt denselben Deutschen und tanzt herum.
Cholerisch.
BRAUS. Ich dulde keinen Widerspruch!
WALBURGA. Wenn auch mein Mund schweigt, so widerspricht mein Herz!
BRAUS. Ich werd' ihm das Maul stopfen, diesem Herzen!
Sanguinisch.
FROH. Wie das Mädl tanzt, das is eine Pracht! Mir geht's in die Füß'! Walzt mit ihr, indem sie den Deutschen singt und er ihr singend akkompagniert, eine Tour herum und in die Seitentüre ab.
[16] Cholerisch.
WALBURGA. Der Zwang ist ungerecht!
BRAUS grimmig. Auf dein Zimmer oder –
WALBURGA. Ich gehe, aber –
BRAUS. Marsch, sag' ich!
WALBURGA geht, sich gewaltsam unterdrückend, in die Seitentüre ab.
BRAUS folgt ihr grimmig nach.[17]
(Cholerisch) (Bühne frei)
(Phlegmatisch) Der Vorige, Agnes
(Melancholisch) Der Vorige, Irene
(Sanguinisch) (Bühne frei)
Phlegmatisch.
FAD ist vorher langsam aufgestanden und ruft in die Seitentüre. Agnes!
AGNES nach einer Pause, von innen. Gleich!
FAD wartet an der Türe.
Melancholisch.
TRÜB malend. Nach neunzehn Jahren sind mir ihre Züge noch so frisch im Gedächtnisse, daß ich imstande bin, ihr Bild zu malen. Zum Bild. Auch deine Wünsche sind mir unvergeßlich, sie sind mir ein heiliger Befehl.
IRENE tritt weinend aus der Seitentüre. O, mein Vater!
TRÜB. Du weinst, Irene?
IRENE. Wundert Sie das? Sehen Sie mich nicht täglich weinen?
TRÜB. Hat dein Schmerz heute einen besonderen Grund?
IRENE. Ist nicht der Schmerz der tiefste, welcher grundlos ist?
Phlegmatisch.
FAD ruft wieder. Agnes!
AGNES. Gleich!
FAD wartet an der Türe.
[17] Melancholisch.
TRÜB. Laß heute der Freude Sonnenblick durch der Tränen Nebelschleier dringen, dir winkt ein Myrtenkranz.
IRENE. Um meinen Sarg zu zieren!
TRÜB. Nein, als Brautschmuck schlinget er sich in dein Haar!
IRENE. Und wer –?
TRÜB. Ein Mann, dem schon mein Wort verpfändet ist, seit du geboren. Mein Jugendfreund, mein lang entbehrter Schmerz.
IRENE. Ha, ich Unglückselige! Bedeckt mit beiden Händen das Gesicht.
Phlegmatisch.
FAD ruft wieder. Wenn du jetzt nicht bald kommst, so wart' ich noch a Weil'.
AGNES aus der Seitentüre kommend. Da bin ich schon, Vater!
FAD. Was hab' ich dir denn sagen wollen? Ja, richtig, du wirst die Tag' heiraten.
AGNES. Warum denn?
FAD. Weil's der Brauch is. Setzt sich wieder.
Melancholisch.
TRÜB ist aufgestanden. Du bist überrascht, Irene, das Unerwartete ergreift dich mächtig. Denke, daß es vor mehr als achtzehn Jahren der Wille deiner verblichenen Mutter war; der muß dir heilig sein wie mir.
Phlegmatisch.
FAD. Ich hab' einmal ein' Spezi g'habt, den Schlaf, der hat mein briefliches Wort.
Melancholisch.
IRENE. Ich kann nicht, mein Vater!
TRÜB nach dem Bilde zeigend. Sie hat es gewollt, du mußt![18]
IRENE. O Himmel!
TRÜB. Von dort aus segnet sie diesen Bund. Komm, meine Tochter!
Führt sie langsam in die Seitentüre ab.
Phlegmatisch.
AGNES. Vater, den werd' ich durchaus nicht mögen.
FAD. Mußt ihn mögen!
AGNES. Hör' der Vater auf! Setzt sich zum Stickrahmen.[19]
(Cholerisch) (Bühne frei)
(Phlegmatisch) Die Vorigen
(Melancholisch) Schlankel
(Sanguinisch) Hutzibutz
Melancholisch.
SCHLANKEL tritt während dem Ritornell des folgenden Gesanges zur Mitte ein.
Kaum hebt sich der Tag aus den Federn der Nacht,
Wird frisch gleich die Rond' bei die Kundschaften g'macht.
Ich balbier' und frisier' nach der Mod', das ist g'wiß,
Der Kopf muß was gleich sehn, wenn auch nix drinnen is.
Sanguinisch.
HUTZIBUTZ tritt während dem Ritornell des folgenden Gesanges durch die Mitte ein. Er ist mit Ausklopfstaberl und Bürsten versehen und trägt mehrere Paare frisch geglänzte Stiefel.
Kaum hebt sich der Tag aus den Federn der Nacht,
So heißt's nur geschwind zu die Kundschaften tracht't.
Die Kleider und Stiefel zu putzen, is g'wiß
Das z'widerste G'schäft, was auf dieser Welt is.[19]
Melancholisch.
SCHLANKEL.
Als Friseur is man fertig, eh' man sich umschaut,
D' jungen Herrn trag'n die Haar' jetzt gar schütter anbaut,
Und man glaubt's nicht, wie leicht ein' Balbierer jetzt g'schiecht,
Bei die Bärt' jetzt balbiert man kaum 's Zehntl vom G'sicht.
Ich nimm jeden bei der Nasen, das will schon was sag'n,
Denn mancher tut d' Nasen entsetzlich hoch trag'n.
Wenn ich z' spät komm' und mich ein Herr ausmachen will,
Da streich' i ihm nur d' Seif' ums Maul, gleich is er still.
Sanguinisch.
HUTZIBUTZ.
Durch dick und dünn rennen s' den Madln brav nach,
Uns'reins hat hernach mit die Stiefeln die Plag',
Drum denk' ich oft, wenn ich beim Ausklopfen bin,
Warum steckt der Herr in die Kleider nicht drin?
Melancholisch.
SCHLANKEL.
Der Kopf is das G'wölb' und die Auslag' sind d' Haar',
Drum geht's da auch oft wie bei d' G'wölber, 's is wahr,
Die Auslag' is schön, sie bezaubert den Sinn,
Das is aber auch alles, in G'wölb' is nix drin.
Welcher Stand mit dem meinig'n z' vergleichen' wohl ist!
Ich leb' angenehmer als jeder Kapitalist.
Sanguinisch.
HUTZIBUTZ.
Es gibt keinen Stand, der so unangenehm ist!
Meiner Seel', ich wär' lieber ein Kapitalist.
[20] Melancholisch.
SCHLANKEL. Auskennen muß man sich in der Welt, das ist die Hauptsach'! Lieber andre balbiern, als selbst balbiert werden, lieber andern zu ein' Weib verhelfen, als selber eins nehmen.
Sanguinisch.
HUTZIBUTZ. Wenn ich vom Stiefelputzen allein leben müßt', wär' es ein reines Elend. Mein Glück is es, daß ich ein extrem pfiffiger Kerl bin, der sich auf andere Art Geld zu verdienen weiß.
Melancholisch.
SCHLANKEL. Jedes Ding hat zwei Seiten, so auch ein Balbierer und Friseur. Wenn man die Sache materiell betrachtet, so ist es ein gemeines Geschäft. Einseifen, abscheren, Haar' brennen, was is das? Wenn man aber darauf reflektiert, daß wir die privilegierten Boten heimlicher Liebe sind, daß wir es sind, die den kleinen augenverbundenen Bogenschützen seine verschlungenen Wege führen auf Erden – wenn man die Sache von der Seite betracht't, so liegt eine ungeheure Poesie in unserm Metier.
Sanguinisch.
HUTZIBUTZ. Vier verschiedene Herren in diesem Haus sind in vier verschiedene Fräulein verliebt. Die Herren reisen fort, adressieren die Liebesbriefe an mich, und ich hab' selten einen über acht Tage im Sack tragen, so hat sich die Gelegenheit ergeben, daß die betreffende Fräul'n ganz allein z' Haus war, und ich hab' ihr dann den Brief zug'steckt, das is halt ein Meisterstück von einer Intrig'.
Melancholisch.
SCHLANKEL. Daß diese Amouren in diesem Haus nicht durch meine Hand gehen, ist ein Mißgriff des Schicksals, der nicht zu ergründen, nicht zu verzeihen ist. Ein[21] Mensch, der in jeder Hand sieben Paar Stiefel tragt, erfrecht sich, Liebesbriefe in Westentaschl zu tragen; ein Mensch, in dessen Kopf es so dunkel ausschaut wie in sein' Wichshäferl, will Intrigen leiten! Der Liebe Zauberstab will er schwingen, statt beim Ausklopfstaberl zu bleiben, schriftliche Herzensgeheimnisse berührt er mit schuhbürstengewohnten Händen, das is ja mehr als ein' Faust auf ein Aug'.
Sanguinisch.
HUTZIBUTZ. Der Balbierer Schlankel macht mir Kabalen hier im Haus.
Melancholisch.
SCHLANKEL. Aber die vier Liebhaber samt ihrem saubern Chargé d'affaires sollen mir's entgelten; wer mich nicht zum Freund sucht, der hat mich als Feind.
Mir steigt die Gall' auf, wenn ich ihn nur seh', dem einen Schur anzutun, das is mir der höchste Genuß.
Sanguinisch.
HUTZIBUTZ. Mir steigt die Gall' auf, wenn ich ihn nur seh', dem einen Schur anzutun, das ist mir der höchste Genuß.[22]
(Cholerisch) (Bühne frei)
(Phlegmatisch) Die Vorigen
(Melancholisch) Der Vorige, Brigitte
(Sanguinisch) Der Vorige, Isabella
Sanguinisch.
ISABELLA aus der Seitentüre kommend. Was tausend, schon da? Ich wär' gar lieber morgen erst kommen! Das is wahr, Seine Sehnsucht nach mir muß ungeheuer groß sein.[22]
HUTZIBUTZ. Bedenk', Bella, das Tratschwetter, und ich hab' neunzehn Paar Stiefel putzt!
ISABELLA. Hör' auf mit solchen Gemeinheiten!
HUTZIBUTZ. Das war eine Arbeit, ich hab' völlig Kopfweh!
ISABELLA. O freilich, so was strengt den Geist weiter nicht an!
Phlegmatisch.
AGNES am Stickrahmen. Werden der Papa nicht ausgehen heut'?
FAD im Schlafsessel schmauchend. Nein, ich hab' zu viel zu tun.
Melancholisch.
BRIGITTE aus der Seitentüre kommend. O, sind Sie da? Na, ich bin froh, mein lieber Herr Schlankel.