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Stefanie Ritzmann

Beate Rygiert

WEGLAUFEN?
GEHT NICHT!

Ein erzähltes Leben

Mit einem Vorwort von Carmen Würth

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INHALT

Ein ganzer Mensch

Frühe Jahre

Ende einer Kindheit

Zeit der Verliebtheit

Zeit, zu rebellieren

Die Entdeckung der Freiheit

Die Erfüllung eines großen Traums

Dunkle Jahre

»Die Zeit stellt Trennwände auf«

Auf eigenen Rädern

Was wirklich zählt

Gemeinsam sind wir stärker

Epilog Wie Phönix aus der Asche

Dank

Meiner lieben Omi!

Ihr Lebensmotto

»Mach das Beste draus!«

ist auch meines.

Was wäre wenn?

Anstatt Räder: Beine!

Anstatt Lenkrad: Arme!

Und dann?

Stefanie Ritzmann

Sehr geehrte, liebe Frau Ritzmann,

Ein Vorwort für Ihre Lebensgeschichte zu schreiben, ist fast unmöglich.

Mein Herz jubelt und weint – so sehr kann ich mit Ihnen fühlen, da ich seit über fünfzig Jahren durch meinen Sohn Menschen wie Ihnen so nahe bin.

Ihre Geschichte ist von Anfang bis Ende unglaublich, und doch sind Sie, liebste Stefanie Ritzmann, ein wunderbares Beispiel dafür, was ein Mensch vermag, solange er ein Ziel hat.

Ich freue mich mit Ihnen und Ihren »Kampfgenossen« über die hohe Auszeichnung unseres Landes Baden-Württemberg, die Ihnen zuteilwurde. Herzliche Gratulation.

Das, was Sie ausmacht, liebe Frau Ritzmann, als etwas sehr Besonderes, sind Ihre strahlenden Augen, Ihre ehrliche Freundlichkeit, die aus Ihrem so liebenswerten Gesicht spricht. Warum ist dies so selten? So sehr würde ich mir wünschen, dass es mehr Menschen wie Sie in unserer sogenannten gesunden Gesellschaft gäbe.

Mit Ihrer Kraft.

Mit Ihrer Energie.

Mit Ihrem unsagbaren Durchhaltevermögen und Ihrer großen Liebe zum Leben. Mit einer warmherzigen Umarmung grüße ich Sie und wünsche Ihnen weiterhin all das, was Sie sich wünschen für Ihre Arbeit.

Ihre Carmen Würth

Ein ganzer Mensch

Wenn man mich als Kind fragte, was ich werden wollte, dann antwortete ich: »Hundert!«

Das brachte die einen zum Lachen, die anderen zum Kopfschütteln, und so manchen brachte es in Verlegenheit. So wie meine ganze Existenz viele Menschen in Verlegenheit brachte. Die Ärzte sagten, Kinder wie ich hätten keine hohe Lebenserwartung. Ob wir das Erwachsenenalter erreichen könnten, darüber waren sie sich nicht einig. Hundert werden zu wollen war vor diesem Hintergrund eine Provokation. Und es war der Ausdruck meines unbändigen Lebenswillens.

Als ich am 29. Februar 1960, einem Schalttag, in einem Krankenhaus in Osnabrück auf die Welt kam, geriet die Geburtenstation in Aufruhr. Meine damals erst einundzwanzigjährige Mutter, die sich auf ihr erstes Kind sicherlich gefreut hatte, bekam mich gar nicht erst zu sehen. Das war in jenen Zeiten nicht völlig ungewöhnlich. Dass Mutter und Kind auch nach der Geburt eine Einheit bilden und es daher wichtig ist, sie beieinander zu lassen, damit sie die enge körperliche und emotionale Bindung, die sie in den neun Monaten der Schwangerschaft aufgebaut haben, in der äußeren Welt fortsetzen und verfestigen können, war damals noch wenig bekannt. Ich weiß weder, wann meine Mutter mich zum ersten Mal zu Gesicht bekam, noch, wie sie auf meinen Anblick reagierte.

Dass er ein Schock für sie war, ist anzunehmen. Ich war zwar ein ausgesprochen hübsches Baby, das mit großen, strahlend blauen Augen interessiert in die Welt blickte. Mit meinen goldenen Locken sah ich aus wie ein kleiner Engel. Doch ansonsten schien nichts mit mir zu stimmen: Die Arme viel zu kurz, weder Ellbogen noch Daumen. Mein rechtes Bein zwar länger als das linke, doch beide nicht so lang, wie sie sein sollten. Die Füße waren nach innen gedreht. Und lange dachte man, ich hätte gar keine Hüfte.

Meine Mutter hatte von ihrem Arzt das Medikament Contergan verschrieben bekommen. Wie viele dieser winzigen Tabletten sie gegen ihre Schwangerschaftsbeschwerden genommen hatte und wann, ist mir nicht bekannt. Heute weiß man, dass es eine große Rolle spielte, in welchem Schwangerschaftsmonat das Gift in den Körper gelangte. Über Umwege ist die kleine, hübsche Metallschachtel mit dem praktischen Schiebedeckel, die mein Schicksal besiegelte, in meinen Besitz gelangt. Noch immer klebt das Preisschild der Apotheke darauf, 1,70 D-Mark kostete das Schlafmittel, das laut Werbung der Firma Grünenthal »so harmlos wie Zuckerplätzchen« sein sollte. Die Schachtel ist leer, mein jüngerer Bruder hat die verbliebenen Tabletten, entsetzt wie er über diesen Fund aus dem Nachlass meines Vaters war, spontan weggeworfen.

Mir ist nicht bekannt, ob meine Eltern den Zusammenhang zwischen diesem Medikament und meiner Behinderung sofort erkannten, leider sprachen wir nie über diese Dinge. Doch ich gehe davon aus, dass mein Vater etwas ahnte, warum sonst sollte er das Pillendöschen überhaupt aufbewahrt haben? Ich kann nur vermuten, dass meine Ankunft das gesamte Lebenskonzept meiner Eltern auf den Kopf stellte. Ob meine Mutter mich in den ersten Tagen und Wochen nach der Geburt nicht sehen wollte oder ob man es ihr schlichtweg nicht erlaubte, weiß ich nicht. Ich wurde nie gestillt. Und vermutlich nahm mich damals niemand in die Arme außer einer Säuglingsschwester, um mich professionell zu versorgen.

Mein Vater erzählte mir später, ein Arzt habe ihm damals gesagt: »Ihre Tochter wird nicht lange lebensfähig sein.« Er habe jedoch entgegnet: »Sie wird mich noch überleben.«

Ich wertete dies immer als ein Zeichen, dass er mich in sein Herz geschlossen hatte. Auch wenn es offenbar nicht in Frage kam, dass ich das Kinderzimmer, das zuhause ganz sicherlich liebevoll vorbereitet worden war, je beziehen sollte. Für ein Kind wie mich war kein Platz in der Welt meiner Eltern. Rund zwei Wochen nach meiner Geburt brachte man mich in ein Säuglingsheim. »Nach Hause« kam ich Zeit meines Lebens nur zu Besuch.

Es folgten Zeiten, in denen ich mich fragte, warum das so sein musste. Und doch gelangte ich schließlich zu der Erkenntnis, dass es für uns alle das Beste war, für mich vielleicht noch mehr als für die Familie. Warum, das wird sich im Verlauf meiner Erzählung zeigen.

Wann mir bewusst wurde, dass ich eines der rund 5.000 »Contergan-Kinder« bin, die in Deutschland zwischen 1957 und 1961 geboren wurden, weiß ich nicht mehr. Lange Zeit habe ich nur gesehen, dass ich anders bin. Die Hände sind anders, die Beine sind anders – nur meine Träume und Wünsche sind genau dieselben wie die aller Menschen.

Was in den ersten Monaten meines Lebens mit mir geschah, darüber kann ich nur Vermutungen anstellen, es wurde nirgendwo dokumentiert, und wenn doch, sind die Unterlagen verloren gegangen. Ich schreibe auf, was mir erzählt wurde und woran ich mich erinnere. Sicher ist, dass ich nicht im Haus meiner Eltern lebte. Meine Eltern übergaben mich in die Obhut eines privaten Säuglingsheims in Sendenhorst bei Münster, das einen ausgezeichneten Ruf hatte.

Dabei hatte ich großes Glück: Die Adoptivtochter der Direktorin, eine gelernte Kinderkrankenschwester, schloss mich sofort in ihr Herz und kümmerte sich in besonderer Weise um mich. Gisela übernahm in den folgenden Jahren die Rolle einer Ziehmutter und fühlte sich für mich und mein Schicksal verantwortlich. So griff sie immer wieder ein und überschritt mitunter ihre Kompetenzen, zum Beispiel, als ich irgendwann während meines ersten Lebensjahres Giselas Pflege entzogen wurde und in ein Münsteraner Krankenhaus kam, wo man eine »Sammelstelle« für contergangeschädigte Kinder eingerichtet hatte, um das Phänomen unserer besonderen und ganz und gar individuellen Behinderungen genauer zu untersuchen. So klein ich damals auch war, so habe ich aus dieser Zeit doch ein recht klares Erinnerungsbild, wie eine Momentaufnahme: Ich sehe mich in einer langen Reihe von Kinderbetten liegen, vor uns eine hohe Glasfensterfront.

»Ich hab dich dort herausgeholt«, erzählte mir Gisela später. »Zwar gegen den Willen deines Vaters, aber ich konnte das einfach nicht mit ansehen. Ihr wart dort Versuchsobjekte, keiner kümmerte sich um eure Entwicklung.«

Sie holte mich zu sich nach Hause, und tatsächlich bekam sie riesigen Ärger mit meinem Vater.

Glücklicherweise begegnete ich in meinem Leben immer wieder Menschen, die sich meiner annahmen und mich förderten, allen voran Gisela. Sie war damals kaum älter als meine Mutter, und doch scheute sie den Kampf mit meinem Vater nicht, der sich ihrer Meinung nach viel zu schnell mit dem Urteil abfand, dass mir mit meinen kurzen Armen und Beinen ein »normales« Leben nicht möglich sein würde. Gisela dagegen forderte und förderte mich, wo es nur ging, und zwar sowohl, was die Beweglichkeit meines Körpers anbelangte, als auch, was meine geistige Entwicklung betraf.

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Nicht unterkriegen lassen

Als ich zum Kleinkind heranwuchs, wusste Gisela zunächst nicht, ob ich in der Lage sein würde, ohne Hilfe zu sitzen und das Gleichgewicht zu halten, denn meine Hüfte war nicht ganz ausgebildet, und im Falle eines Sturzes konnte ich mich mit meinen kurzen Armen nicht abfangen. Darum ließ sie ein Gestell konstruieren, das aussah wie ein runder Mini-Laufstall auf Rädern. Dieser kleine Laufstall war gerade so hoch, dass ich mich mit meinen Händen am oberen Rand festhalten konnte. Und dort hinein setzte mich Gisela. Mit dieser Hilfe lernte ich nicht nur zu sitzen, sondern begann auch bald, mich auf meinen Pobacken voran zu bewegen, den Laufstall mit mir schiebend.

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Schnell wie der Blitz im Sackkleid

»Irgendwann war dir das aber zu dumm«, erzählte mir Gisela stolz. »Eines Tages sah ich dich ganz allein auf dem Boden herumrutschen, und das Ding lag in der Ecke. Wie du da rausgekommen bist, war mir lange ein Rätsel.«

Mit meinen kurzen Armen war es mir nicht möglich gewesen, das Gestell über meinen Kopf zu heben. Doch die senkrechten Verstrebungen waren weit genug voneinander entfernt, dass ich mich hindurchzwängen konnte.

Laufen konnte ich mit meinen ungleich langen Beinen und den nach innen gedrehten Füßen nicht. Meine Fähigkeit aber, auf dem Hosenboden sitzend eine Pobacke nach der anderen nach vorne zu schieben und mich so fortzubewegen, perfektionierte ich mit der Zeit und entwickelte darin eine unglaubliche Geschwindigkeit und Geschicklichkeit: Wie ein geölter Blitz flitzte ich auf meinem Popo durch die Gegend.

Damit ich mich nicht so schmutzig machte, wenn ich wie ein Wischmopp über den Boden fegte, bekam ich eine Art Sackkleid, dessen Saum unten zugenäht war. Ich war begeistert, darin rutschte es sich nämlich noch viel besser. Irgendwann fand ich heraus, dass ich noch schneller war, wenn ich im Bedarfsfall hoppelte wie ein Hase, was ich mit großem Vergnügen tat. Dafür spannte ich meine Gesäßmuskeln fest an und katapultierte mich Stück für Stück voran.

»Egal wie«, pflegte Gisela zu sagen, »es ist wichtig, dass du lernst, dich selbst fortzubewegen. Du musst so selbstständig wie möglich werden. Schließlich willst du nicht in allem von anderen Menschen abhängig sein, oder?«

Nein, das wollte ich nicht. Von klein auf steckte in mir der Ehrgeiz, so weit wie möglich alles alleine hinzukriegen. Wenn ich etwas in die Hand nehmen wollte, dann rutschte ich hin und beugte mich so weit vor wie nötig. Auch ohne Daumen war ich ziemlich geschickt mit meinen vier Fingern, und wenn es sein musste, konnte ich mich stundenlang mit der Lösung eines Problems beschäftigen und herumprobieren, wie ich einen Gegenstand am besten anpacken konnte.

Das war nicht immer einfach. Wenn beispielsweise eine Flasche zu fest zugedreht war, nahm ich meine Zähne zur Hilfe. Da war ich nicht die einzige: Viele contergangeschädigte Menschen haben auf diese Weise ihre Zähne ruiniert, und auch ich musste mir das bald abgewöhnen.

Ohne Daumen einen Zeichenstift zu halten, ist in der Tat eine Herausforderung. Ich stellte fest, dass es mir mit der linken Hand besser gelang als mit der rechten. Stundenlang übte ich Schönschrift, das war mir enorm wichtig – auch wenn ich eingestehen muss, dass meine schönste Schrift meinem eigenen Ideal weit hinterherhinkt. Mit einer Schere umzugehen lernte ich dagegen schnell. Und doch übte ich lange, um möglichst gerade Schnitte hinzukriegen.

Schon als Kleinkind war es mir wichtig, alles so gut zu bewerkstelligen wie Menschen ohne Behinderung. Darum lehnte ich speziell konstruierte Hilfsmittel auch instinktiv ab. Einmal brachte mir Gisela einen gebogenen Löffel mit, dessen Stiel um 90 Grad abgewinkelt war.

»Damit kannst du leichter essen«, meinte sie.

Ich schaute mir das Teil an und warf es dann in die Ecke. Ich wollte mit demselben Besteck essen wie meine Familie. Ich wollte ihnen zeigen, dass ich das alles genauso gut konnte wie sie. Ich übte und übte, bis ich mich auch mit Suppe nicht mehr bekleckerte.

Heute ist mir klar, dass ich es ganz besonders meinem Vater zeigen wollte. Mit jedem noch so kleinen Fortschritt wollte ich beweisen, dass ich trotz meiner Behinderung ein vollwertiger Mensch war, mit dem man sich zeigen konnte ohne sich schämen zu müssen. Mit jedem Bild, das ich malte, mit jedem Buchstaben, den ich in Schönschrift übte, mit jeder Blume, die ich aus Papier ausschnitt und jeder Flasche, die ich zu öffnen lernte, wünschte ich mir seine Anerkennung.

Einmal schenkte er mir ein Malbuch.

»Aber nicht über die Linien hinaus«, wies er mich streng an. Sein Wort war für mich Gesetz. Viele Stunden verbrachte ich damit, das ganze Buch in den schönsten Farben auszumalen – aber niemals mit dem Stift über die vorgegebenen Umrisslinien hinweg zu fahren. Bei meinem nächsten Besuch zuhause zeigte ich es ihm: »Schau mal, Vati! Ist das gut so?«

Er sah sich das Malbuch flüchtig an und nickte.

»Ja«, sagte er, »das hast du gut gemacht.«

Und doch hatte ich nie das Gefühl, dass meine Anstrengungen so gewürdigt wurden wie ich es mir wünschte. Hatte er denn nicht bemerkt, welch eine Leistung das für mich war? Natürlich ahnte ich damals auch noch lange nicht, dass es mir eigentlich um seine Liebe ging.

Zuhause fühlte ich mich bei Gisela im Säuglingsheim, hier verbrachte ich den Großteil meiner ersten fünf Lebensjahre. Zwar war auch Gisela keine Frau, die vor Herzlichkeit sprühte, sie war eher zurückhaltend und kühl, Umarmungen waren nicht ihre Sache. Ich vermisste es nicht, denn wie kann man etwas vermissen, das man nicht kennt? Zärtlichkeiten war ja auch ich nicht gewohnt. Auch innerhalb meiner Familie erlebte ich äußerst selten körperliche Berührungen. Ich kann mich an genau zwei Situationen erinnern, in denen mein Vater mich in seinen Armen hielt – und das war, weil er mich tragen musste.

Deutlich in Erinnerung habe ich zum Beispiel eine Situation, in der mich mein Vater aus dem dunklen Treppenhaus des »alten Hauses«, das seit Generationen meiner Familie gehörte, in das warme Licht der Küche trug. Das »alte Haus«, wie wir es nannten, befand sich im Zentrum von Ibbenbüren und beherbergte außer uns auch den Zeitungsverlag unserer Familie. Auch Omi, die Mutter meines Vaters, lebte hier, im Gegensatz zu »Anderomi«, wie wir meine Großmutter mütterlicherseits nannten. Die wohnte zwar ebenfalls in Ibbenbüren, jedoch in ihrem eigenen Haus.

Rund ein Vierteljahr nach meiner Geburt wurde meine Mutter erneut schwanger und brachte am 2. März 1961 meine Schwester zur Welt. Ich kann mir vorstellen, dass diese zweite Schwangerschaft keine einfache Zeit für meine Mutter war. Sicherlich war die Erleichterung groß, als meine Schwester ohne Behinderung geboren wurde. Umso entsetzlicher muss das Leid gewesen sein, als das Baby sich noch im Krankenhaus mit Meningitis ansteckte.

»Das war sehr schlimm für deine Eltern«, erzählte mir meine Tante, die Schwester meines Vaters, und das glaube ich ihr aufs Wort.

Es war sicherlich eine Zeit des Bangens, vielleicht auch eine Zeit des Haderns mit dem Schicksal. Die erste Tochter behindert – würde die zweite die Hirnhautentzündung überleben? Und wenn ja, würde sie unter Folgen zu leiden haben? Ebenfalls behindert sein?

Während ich unter Giselas Obhut lernte, mich fortzubewegen und mit meinen kurzen Armen die Welt zu erobern, während Gisela mehr und mehr zu meiner Bezugsperson wurde und meine geistige Entwicklung förderte, fürchtete man in meinem Elternhaus um das Leben der Zweitgeborenen.

All dies habe ich erst vor kurzem erfahren, denn wie schon erwähnt: Über die wirklich wichtigen Dinge des Lebens wurde in unserer Familie nicht gesprochen. Dies empfand ich als eherne Regel, die man auf keinen Fall brechen durfte. Und darum getraute ich mich auch nie, Fragen zu stellen. Heute aber, wo ich meine Geschichte erzählen möchte, komme ich um diese Fragen nicht mehr herum.

Wie lange meine Schwester zwischen Leben und Tod schwebte, weiß ich nicht. Das Wunder geschah, sie erholte sich und wurde wieder gesund. Die Angst, dass die Hirnhautentzündung Folgeschäden hinterlassen könnte, schwebte sicherlich noch weiter über unserer Familie. Wie wächst man als kleines Mädchen auf, das immer wieder verstohlen beobachtet wird, ob nicht vielleicht doch »etwas geblieben« ist? Ob es sich auch richtig entwickelt oder etwa hinter Gleichaltrigen »zurückbleibt«? Wie geht man damit um, wenn die Eltern bei jedem schulischen Fehlschlag denken: »Also doch …«?

Ob es sich so verhalten hat, weiß ich nicht, es ist nichts weiter als eine Vermutung.

Und wie geht man als junge Mutter mit derartigen Schicksalsschlägen um? Wie reagiert man als Frau eines angesehenen Unternehmers in einer Kleinstadt auf das Gerede der Leute angesichts meiner Behinderung, die ja nicht naturgegeben, sondern durch ein Medikament verursacht worden war? Wie verkraftet man den Zwiespalt, sich über ein gesund geborenes, zweites Kind zu freuen und zugleich tief verzweifelt zu sein über dessen lebensbedrohenden Erkrankung? Und wie belastend waren diese Jahre für die noch junge Ehe meiner Eltern?

Es gibt Paare, die unter solch schwierigen Umständen auseinandergehen. Nicht so meine Eltern. Im Gegenteil: Meine Schwester war acht Monate alt, als meine Mutter zum dritten Mal schwanger wurde. Am 23. August 1962 kam mein Bruder Robert zur Welt, und ich nehme an, dass die Freude über den männlichen Erben groß war in unserer Familie. Robert war außerdem ein gesundes Kind, und mit Sicherheit war das eine große Erleichterung für meine Eltern.

Ich habe mich lange gefragt, wie es kam, dass zwischen mir und meiner Mutter nach meinem Empfinden nie ein herzliches Verhältnis wachsen konnte, warum ich sie als distanziert und kühl erlebte, auch wenn sie stets freundlich zu mir war und nie ein böses Wort fiel. Sie hat sich immer vorbildlich verhalten und getan, was sie konnte. Und doch fühlte ich, wenn sie mich versorgte, nie Zärtlichkeit in ihren Berührungen. Je mehr ich mich aber mit den Geschehnissen während der ersten Jahre nach meiner Geburt beschäftige, je mehr ich dazu bereit bin, mich in ihre Situation zu versetzen oder es zumindest zu versuchen, desto mehr Ahnung bekomme ich davon, wo die Wurzeln für ihr Verhalten mir gegenüber liegen könnten.

Vielleicht war ihre Distanziertheit die Außenwirkung eines Selbstschutzes, den sie sich in diesen schweren Jahren zulegen musste, um an ihrem Schmerz nicht zu zerbrechen? Vielleicht war es ihr nur so möglich, ihre Rolle als Ehefrau und Mutter weiter auszufüllen, indem sie ihr Herz nicht zu sehr an uns Kinder hängte, deren Gesundheit und Leben sie als so zerbrechlich erleben musste? Und nicht zuletzt: Vielleicht war es ihr wie Gisela einfach nicht gegeben, ihre Liebe und die Zärtlichkeit, die sie empfand, zu zeigen?

So kam es, dass außer meinen Geschwistern, die mich von klein auf von meinen Besuchen nicht anders kannten und mit kindlicher Unbefangenheit mit meiner Behinderung umgingen, Omi die einzige war, die mir zuhause das Gefühl gab, in Ordnung zu sein, so, wie ich war. Ich liebte sie heiß und innig, und die schönsten Erinnerungen sind mit ihr verbunden. Ganz besonders genoss ich es, wenn sie mich und meine Geschwister badete.

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Unterwegs auf vier Rädern

»Hör mal, Omi«, sagte ich dann oft, »ich hab im Heim ein neues Lied gelernt. Willst du es hören?« Und dann trällerte ich es ihr vor. Ich hatte eine glockenhelle Stimme, in der Wärme des Wassers, in dem wir alle nacheinander gebadet wurden, fühlte ich mich schwerelos und frei, ich plantschte nach Herzenslust, wir lachten viel miteinander und hatten eine Menge Spaß. Danach packte Omi jeden von uns in ein großes Badetuch, setzte uns an den Küchentisch und servierte Grießbrei mit Himbeersirup. Das waren Momente des Glücks und eine Ahnung von der Geborgenheit, die ich sonst selten hatte.

Omi fuhr mich auch im Kinderwagen in Ibbenbüren spazieren, da kannte sie keine Scheu. Anfang der 1960er-Jahre war der Umgang mit behinderten Menschen noch nicht so aufgeklärt wie heute, das Dritte Reich war erst seit gut fünfzehn Jahren Vergangenheit und die Vorstellung vom »Unwerten Leben« saß noch in allerhand Köpfen fest. Es gab in der Stadt ein weiteres Contergan-Kind, einen kleinen Jungen. Mitunter trafen wir ihn und seine Mutter, und während die Erwachsenen miteinander plauderten, schoben sie unsere Kinderwagen nebeneinander. Da saßen wir, der Junge und ich, und starrten einander wortlos an.

Dann schob mich Omi weiter zum Aasee, wo wir von Ferne ein paar Enten sahen. Sie machte »Pieeele piele piele«, und zu meiner großen Freude kamen sie in Scharen angeschwommen, obwohl wir gar kein Brot dabeihatten. Ich hatte einen solchen Spaß, dass wir immer wieder hingingen und das nächste Mal auch ein paar Brotkanten mitnahmen.

Im »alten Haus« gab es noch eine verlässliche Größe, nämlich »Tanti«. Sie war schon das Kindermädchen meines Vaters gewesen und gehörte fast zur Familie. Wenn wir nach dem Essen unsere Mittagsruhe halten mussten, brachte stets sie uns zu Bett und steckte die Decke sorgsam um uns fest.

»Deckt euch nur recht schön zu«, sagte sie dann jedesmal. »Und wenn ihr aufwacht, schauen wir mal, wer von euch die wärmsten Füßchen hat.«

Das war so schön kuschelig, und gerne wollte ich stets die wärmsten Füße haben, damit sie zufrieden war. Noch heute höre ich manchmal im Halbschlaf ihre Stimme, die wissen will, ob ich es auch schön warm habe.

Mit Tanti verbinde ich auch eine Geschichte, die wir wieder und wieder von ihr hören wollten. Die ältere Dame hatte eine wunderbare Art, diese Geschichte immer aufs Neue zu variieren und spannend zu machen. Und das Schönste war: Wir alle kamen darin vor:

»Es war einmal im tiefsten Winter«, so höre ich noch heute Tantis Stimme, »als ein Vater seine drei Kinder mit auf den Weihnachtsmarkt nahm. Die Kinder wohnten mit ihren Eltern am Rande eines Waldes, und da alles tief verschneit war, spannte der Vater seine zwei Pferde vor den Schlitten. Die Mutter packte die drei Kinder warm ein, und so wurden sie auf den Schlitten verfrachtet. Hei, wie war das herrlich, als sich der Vater auf den Kutschbock setzte und die Pferde in Trab verfielen. Genauso wie der Schlitten waren auch sie über und über mit Glöckchen behängt, das klingelte so fein, während sie durch die Winterlandschaft dahinglitten.

Als ihr endlich in der Stadt ankamt, packte euch der Vater aus den dicken Wolldecken, und los ging es zum Weihnachtsmarkt. Da war ein Karussell, und sofort wollte jeder von euch damit fahren.

›Wo willst du denn einsteigen, Robert?‹, fragte der Vater.«

Und in diesem Moment wartete Tanti tatsächlich ab, was sich mein Bruder Robert aussuchte. Es war ein magischer Moment, denn Geschichte, Fantasie und Wirklichkeit vermischten sich. Wir waren selbst mitten in der Geschichte angelangt, und schienen alles genau so zu erleben, wie Tanti es beschrieb.

»Ich will in dem Polizeiauto sitzen«, sagte Robert andächtig.

»Und ich auf dem Pferd«, rief meine Schwester.

»Ich möchte auf dem Schwan reiten«, sagte ich leise.

Von allen möglichen Tieren schien mir der Schwan am schönsten.

Und so drehten wir uns in unserer Fantasie im Kreise, um uns funkelte die Winterlandschaft des imaginären Weihnachtsmarkts, und als die Runde zu Ende war, riefen wir: »Noch einmal, bitte bitte, noch einmal!«

»Irgendwann aber«, fuhr Tanti in ihrer Erzählung fort, »sagte der Vater: ›Jetzt ist es genug. Es ist schon spät. Seht ihr nicht, dass es schon dunkel geworden ist? Mutti wartet sicher schon auf uns. Wir müssen nach Hause‹.

Und so packte er euch wieder in die warmen Decken, setzte jeden Einzelnen in den Schlitten, und flott ging die Fahrt zurück. Die Lichter der Stadt blieben hinter euch, über euch leuchteten die Sterne so hell und klar. Und dort – habt ihr es gesehen? – zog eine wunderschöne Sternschnuppe ihre Bahn über das Firmament und verglühte.«

Und so ging es weiter, Tanti ließ uns wieder gut zuhause ankommen, wo unsere Mutti bereits mit heißem Kakao auf uns wartete und wir begeistert von unserem Ausflug erzählten.

Die Macht der Imagination, die Tanti mit ihrer Erzählung in uns erweckte, prägte mich tief. Alles war so deutlich, als würde ich es tatsächlich erleben. Es schien mir, als könnte ich die leise Berührung der Schneeflocken spüren, die warmen Decken fühlen, die Silberglöckchen der Pferde hören. Ich saß wirklich auf meinem Schwan und bewegte mich stolz auf seinem Rücken im Kreis, roch die weihnachtlichen Düfte nach Zimt und Lebkuchen, sah die Sternschnuppe, und mit jeder Wiederholung wurde sie klarer und schöner.

Vielleicht wurde mit Tantis immer gleicher Geschichte die Gabe, mich in eine Fantasiewelt zu flüchten, schon damals geweckt. Viele Jahre lang waren fantasievoll ausgedachte Traumwelten die einzige Zuflucht, in der ich Trost und Freude fand.

Im »alten Haus« hatte ich ein eigenes Zimmer oben unter dem Dach mit einer schrägen Wand. Hier schlief ich alleine. Das war ungewohnt, im Heim hatte ich immer andere Kinder um mich herum, und doch mochte ich mein Zimmer, dort fühlte ich mich sicher.

Ich hatte eine Spielecke mit einem kleinen Tisch, hier waren alle meine Spielsachen untergebracht. Zum Beispiel »Schnipp Schnapp«, ein Kartenspiel, das Omi gern mit uns spielte und das ich über alles liebte, konnte ich doch hier sowohl meine rasche Auffassungsgabe wie auch meine Geschicklichkeit demonstrieren. Jeder bekam eine Handvoll Karten, auf denen kindliche Symbole abgebildet waren, zum Beispiel ein Schmetterling, ein Stiefel oder eine Blüte. Wie bei »Memory« gab es von jedem Symbol zwei Karten, und tauchte ein solches Paar auf, rief man ganz schnell »Schnipp Schnapp« und holte sich alle Karten vom Tisch. Meine Geschwister und ich hätten das stundenlang spielen können.

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Omi mit meiner Tante Nanni

In meinem Zimmer gab es sogar ein etwas separiertes Waschbecken, das ich, als ich größer wurde, benutzen konnte, indem ich auf einen Stuhl stieg, was nicht einfach für mich war. Runter ging es immer leicht, da ließ ich mich einfach fallen. Doch schon aufs Bett zu klettern war eine Herausforderung.

Anfangs, als ich noch ein Kleinkind war, schlief ich in einem Gitterbettchen, saß auch sonst viel darin, sang meine Lieder und wiegte mich dazu im Takt, wie es Heimkinder oft tun.

Doch es dauerte nicht lange und ich schaffte es, mich daraus zu befreien. Mich konnte man nicht gefangen halten, das ließ ich nicht zu, es reichte, dass mir meine körperlichen Einschränkungen Grenzen setzen, Gitterstäbe konnte ich nicht auch noch akzeptierten. Über das Geländer zu klettern war mir natürlich nicht möglich, doch ich fand einen anderen Weg, schließlich war ich auf diese Weise schon aus dem Laufstall entkommen: Einer der Stäbe saß locker und ließ sich mit viel Geduld entfernen. Und geduldig war ich, wenn es darum ging, meine Wünsche umzusetzen. Nachdem ich so lange an dem Stab herumgebosselt hatte, bis ich ihn entfernen konnte, war es einfach: Ich ließ mich auf den Boden plumpsen, und schon war ich auf meinem Hosenboden unterwegs.

Ich war von Anfang an ein ziemlicher Wildfang. Streiche spielte ich für mein Leben gern. Meine Geschwister fanden das toll, mit mir gab es immer etwas zu lachen. Wenn ich da war, so sagten sie, war ’was los im Haus. Ansonsten war die Atmosphäre in meinem Elternhaus eher streng, ich zumindest empfand eine große Schwere. Darum war ich brav wie ein Lamm, sobald meine Mutter oder gar mein Vater auf der Bildfläche erschienen. Vor meinen Eltern hatte ich einen Riesenrespekt, denn sie wirkten auf mich ungeheuer mächtig. Auch wenn man nie mit mir schimpfte und mich schon gar nicht schlug, fühlte ich, dass es besser war, keinen Ärger zu machen. Mein Platz war in der Küche, nur selten, zum Beispiel an Weihnachten, durfte ich in die »gute Stube.«

Im Vergleich zu den anderen Kindern im Heim war ich nicht sehr oft zuhause. Weihnachten jedoch war für mich der Höhepunkt des Jahres, und mit einer Ausnahme verbrachte ich während meiner Kindheit jedes dieser Lichterfeste in meinem Elternhaus. Besonders schön fand ich auch, dass in diesen Tagen Verwandte zu Besuch kamen, die ich sonst das ganze Jahr über nicht sah.

Im Mittelpunkt des Ganzen stand der Weihnachtsbaum. Meine Eltern besaßen etwas ganz Besonderes, nämlich einen Christbaumständer, der Musik machte und den gesamten Baum um die eigene Achse drehte wie eine gigantische Spieluhr. Dazu benötigte der Baum natürlich viel Platz und wurde in der Mitte eines großen Raumes aufgestellt, und das war bei uns die »gute Stube«, die für uns Kinder nur zu besonderen Feiern geöffnet wurde.

Nur eine rundherum perfekt gewachsene und ordentlich geschmückte Tanne kam da in Frage. Das Schmücken übernahm Omi, die mit jeder Menge Lametta, Kugeln und Kerzen zugange war, bis der Baum nur so glänzte. War es endlich soweit, dann spielte sie auf ihrem Harmonium, das direkt in der Diele vor dem Eingang zur »guten Stube« stand, die altbekannten Lieder. Wir sangen »Stille Nacht« und »Oh du fröhliche«, »Oh Tannenbaum« und »Ihr Kinderlein kommet«, das ganze wunderbare weihnachtliche Repertoire rauf und runter, und mein glockenheller Sopran schwebte über den anderen Stimmen wie der Lichterschein, der aus der noch verschlossenen »guten Stube« drang.

Schließlich wurde die Schiebetür geöffnet, der Baum drehte sich und Omi spielte weiter, während wir hineindurften. Dann bekam mein Bruder seine Eisenbahn oder später eine Carrera-Bahn, die drehte unter dem Baum ihre Runden, und auf einmal legten sich alle bäuchlings zu mir auf den Boden, sogar mein Vater.

So vergingen die Festtage. Wenn meine Eltern nicht da waren, stiftete ich meine Geschwister dazu an, Lametta vom Baum zu zupfen und auf die Schienen der Modelleisenbahn zu legen, um zu sehen, was passierte, wenn sie unter die Räder kamen. Mit den Puppen meiner Schwester konnte ich wenig anfangen, die typischen Jungenspielsachen meines Bruders faszinierten mich weit mehr. Immer fiel mir noch etwas ein, was wir unbedingt ausprobieren mussten, und die Zeit verflog schnell. Zu irgendeinem Fest bekam ich eine große Plüsch-Schildkröte auf vier Rädern, die groß genug war, dass ich mich bäuchlings auf sie legen konnte. Mit meinem längeren Bein stieß ich mich vom Boden ab, und auf diesem fahrbaren Untersatz schoss ich von nun an durch die Wohnung.

»Wenn man die Treppe runterfällt und sich das Genick bricht«, erklärte mir meine Schwester, als ich wieder einmal wie wild unterwegs war, »dann stirbt man«.

Vermutlich hatte Tanti sie auf diese Weise vor der großen Treppe gewarnt, die unsere beiden Stockwerke miteinander verband. Mich beeindruckte das wenn überhaupt, dann nur kurzfristig. Es war einfach zu schön, durch die Flure zu brausen.

Eines Abends gingen meine Eltern aus. Meine Mutter hatte sich wie immer schön gemacht. Ich begleitete die beiden noch bis zur Treppe und sah ihnen nach. Flur und Treppe waren mit einem weinroten Sisalteppich belegt, und als meine Eltern längst weg waren, probierte ich aus, wie weit ich mich am Treppenabsatz vorwagen konnte. Noch ein Stück und noch ein Stück …, bis ich auf einmal das Gleichgewicht verlor und holterdiepolter die gesamte Treppe hinunterstürzte. Da lag ich nun wie ein Käfer auf dem Rücken. Noch spürte ich keinen Schmerz. Dafür sah ich meine Schwester, die sich oben über das Geländer beugte, um zu sehen, was passiert war. Plötzlich erinnerte ich mich an das, was sie übers Treppenstürzen gesagt hatte.

»Sterb’ ich jetzt?«, fragte ich sie.

»Nö!«, war ihre Antwort.

Nachdem das geklärt war, fing ich an zu heulen. Schließlich hatte ich mir an dem rauen Bodenbelag das Gesicht aufgeschürft und mein rechtes, längeres Bein verrenkt. Von meinem Geschrei herbeigerufen, kamen Omi und Tanti angelaufen. Ich wurde aufgehoben, verarztet und liebevoll gehätschelt. Das fand ich dann eigentlich ganz schön. Bei allen Blessuren hatte so ein Treppensturz doch auch manche Annehmlichkeit.

Die Möbel im »alten Haus« waren alle ehrwürdig, dunkel und mächtig, besonders an einen großen Tisch kann ich mich erinnern, der zwischen den gedrechselten Beinen Querverstrebungen hatte. Hier versteckte ich mich gerne. Ich war als Kind sehr zart und dünn und passte eigentlich fast überall hindurch.

So zum Beispiel auch unter der hölzernen, geschwungenen Armlehne der Küchenbank. Natürlich musste ich meinem Bruder demonstrieren, wie elegant ich mich durch diese kleine Öffnung hindurchschlängeln konnte. Und natürlich musste er es mir auf der Stelle nachmachen. Vielleicht sagte ich auch: »Das schaffst du nie!« und stachelte ihn damit an. Falls das so war, behielt ich leider Recht: Denn obwohl zwei Jahre jünger als ich, war Robert ein kräftiger Kerl. Irgendwie gelang es ihm zwar, seinen Kopf durch die Öffnung hindurch zu schieben, doch dann war Schluss: Seine Schultern waren einfach zu breit.

Das alles wäre ja kein Problem gewesen, hätte er seinen Kopf wieder unter der Armlehne hervorziehen können. Das war aber nicht möglich, seine Ohren waren im Weg. Hatte er die beim Durchschlüpfen offenbar irgendwie »anlegen« können, so boten sie bei der Rückwärtsbewegung Widerstand. So sehr er es auch versuchte, es gelang ihm nicht: Mit brennenden Ohren und dunkelrotem Kopf steckte Robert in der Küchenbank fest.

Irgendwann kamen die Erwachsenen hinzu. Fett wurde geholt, um Roberts Ohren damit einzuschmieren, in der Hoffnung, dass sie dann besser flutschten. Doch da war nichts zu machen. Mein Bruder hatte sich derart verkeilt, dass nur noch eines blieb: Man musste die Armlehne absägen.

Mein Bruder weinte bitterlich, während ich mich unsäglich schuldig fühlte. Hätte ich ihm nicht dauernd vorgemacht, wie leicht ich durch dieses Nadelöhr gleiten konnte, wäre das alles nie passiert. An Schimpftiraden oder Strafen kann ich mich nicht erinnern. Ich glaube, alle waren einfach sehr erleichtert, als Roberts Kopf wieder frei auf seinen Schultern saß und nicht mehr in der Küchenbank feststeckte.

Dort in der Küche aßen wir jeden Tag alle gemeinsam zu Mittag. Dazu kam mein Vater aus dem Verlag, der sich in den unteren Stockwerken des Hauses befand, herauf in die Wohnung. Vor ihm hatte ich großen Respekt, und so empfand ich alles, was er tat, als ungeheuer bedeutsam. Fasziniert beobachtete ich, wie er sich zuerst sorgfältig die Hände wusch und sich dann zu uns an den Tisch setzte. Sein Erscheinen war das Zeichen für uns Kinder, so still zu sein wie möglich. Mein Vater schätzte es nicht, wenn wir bei Tisch zu viel redeten oder gar Blödsinn machten. Ich kann mich nicht erinnern, dass dies je der Fall gewesen wäre, meine Geschwister und ich verstummten augenblicklich, sobald er die Küche betrat.

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Mein Vater mit meinem Großvater Carl

Manchmal sprach er während des Mittagessens mit meiner Mutter, erzählte etwas aus dem Verlag. Oder er fragte uns, wie unser Morgen gewesen sei. Ich legte Wert darauf, mit ganz normalem Besteck formvollendet zu essen, besonders bei der Suppe war es nicht einfach für mich, nicht zu kleckern. Mein Vater strahlte höchstmögliche Korrektheit aus, und ich bin mir sicher, dass ich meinen Hang zum Perfektionismus von ihm geerbt habe.

Auf den Schultern meines Vaters ruhte viel Verantwortung. Nach dem Tod seines Vaters hatte er recht jung die Leitung des Verlagshauses übernommen, das damals in den 1960er-Jahren noch in der Aufbauphase nach dem Krieg steckte.

Bereits 1837 war das Unternehmen als Wochenzeitung gegründet und 1887 von meinem Urgroßvater übernommen worden. Von einem Foto blickt er uns bis heute mit modisch gestutztem Vollbart aus klugen Augen streng und hoheitsvoll an. Unter seiner Leitung expandierte das Unternehmen, aus dem Wochenblatt wurde eine Tageszeitung. War bis dahin jeder einzelne Buchstabe für die Artikel von Hand gesetzt worden, so führte mein Urgroßvater Ende des 19. Jahrhunderts bereits die ersten Setzmaschinen und eine Doppelschnellpresse ein, der bald eine zweite folgte.

Mein Großvater führte das Unternehmen durch die Weimarer Republik bis in die Nachkriegszeit, mit allen Höhen und Tiefen und zwangsläufigen Pausen. Der Neustart nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs war nicht einfach, und doch gelang es, das Familienunternehmen zu konsolidieren und auszubauen. Ein Jahr vor meiner Geburt starb mein Großvater, und mein damals erst dreiundzwanzigjähriger Vater übernahm die Leitung des Verlags. Er übernahm auch rote Zahlen, und sicherlich waren diese Jahre auch in geschäftlicher Hinsicht nicht einfach. Das alles wusste ich damals natürlich nicht, und doch erfasste ich mit dem sicheren Gespür eines Kindes schon früh die angespannte Atmosphäre in meinem Elternhaus.

Die Familie meine Mutter dagegen kam nicht aus Ibbenbüren, sondern war nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs aus der DDR nach Nordrhein-Westfalen geflüchtet. Ich kann mich noch an meinen Urgroßvater Recke erinnern, den Großvater meiner Mutter, der stets nach Zigarren roch. Der hatte mir, als ich noch ganz klein war, einen Teddybären geschenkt, den ich sehr liebte.

Wie haben sich meine Eltern, die aus so unterschiedlichen Gesellschaftskreisen stammten, damals kennengelernt? Diese Frage beschäftigte mich lange.