Wie der Islam die Schulen verändert
Bericht einer Lehrerin
ISBN 978-3-200-05875-0
eISBN 978-3-200-05946-7
© Edition QVV, Wien 2018
Edition QVV ist ein Verlag der Quo Vadis Veritas Redaktions GmbH
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Umschlaggestaltung und Satz: Sophie Gudenus
Grafiken: Caterina Krüger
Lektorat: Lucia Marjanović
Druck und Bindung: Neografia
Besuchen Sie uns im Internet: www.qvv.at und www.addendum.org
Vorwort
Einleitung
Warum ich nicht mehr schweigen kann
Wie sich der Unterricht verändert hat
Diktierte Moral
Islamischer Religionsunterricht
Kleidungspolizei
Gefangen in der Familie und im Glauben
Sprachlosigkeit
Zwangsverheiratung
Gewalt
Jugendamt
Stadtschulrat
Fortbildung
Lehrergewerkschaft
Was Lehrer brauchen
Nachwort
Zahlen, Daten, Fakten
Glossar
Susanne Wiesingers Bericht ist ein mutiger Beitrag, um die Öffentlichkeit auf Probleme aufmerksam zu machen, die sich täglich in österreichischen Schulen abspielen. Zwar werden Diskussionen um österreichische Bildungsthemen häufig sehr kontrovers geführt, wenn es um Lehrermangel, das Ausbleiben finanzieller Investitionen oder die finanzielle Ausstattung von Schulen geht, aber Fragen des gesellschaftlichen Miteinanders in einer multikulturellen Welt werden oft ausgeklammert. Die Lehrerin Susanne Wiesinger bietet mit ihrem Buch einen Debattenbeitrag an, denn sie hat gemerkt, dass der Islam die Alltagswelt vieler muslimischer Schülerinnen und Schüler in Österreich sehr stark dominiert. In den Schulen herrscht ein Wertekonflikt, muslimische Schülerinnen und Schüler lehnen Werte wie z.B. die Gleichberechtigung der Geschlechter immer häufiger ab. Sie nehmen nicht am Schwimmunterricht oder an Theatervorstellungen teil, weil es angeblich gegen islamische Werte verstößt. Oftmals erschwert das nur gebrochen gesprochene Deutsch einen Dialog und eine Diskussion über diese Themen.
Entscheidend ist, wie wir als Gesellschaft mit diesen Problemen umgehen wollen. Werden sie verschwiegen und nehmen wir kulturelle Konflikte in den Schulen billigend in Kauf, dann lassen wir nicht nur Lehrpersonal damit im Stich, sondern vor allem Schülerinnen und Schüler und überhaupt ganze künftige Generationen.
Der Islam ist als Religion in den letzten Jahrzehnten zunehmend politisiert worden und wird von vielen Muslimen als eine normative Grundlage für Gesellschaften gesehen und gelebt. Insbesondere Menschen aus dem arabischen Raum haben oft für eine säkulare Staatsordnung kein Verständnis, weil sie es gewohnt sind, gesellschaftliche Normen aus dem Koran abzuleiten. Viele dieser politischen Normen des traditionell-konservativen Islam stehen aber in einem Konflikt zu unseren westlichen Werten wie Gleichberechtigung der Geschlechter oder Religionsfreiheit. Viele Muslime fühlen sich daher hin- und hergerissen zwischen dem Islam, der ihnen in den Moscheen vorgepredigt wird, und den gesellschaftlichen Normen der Mehrheitsgesellschaft. Dabei müssen Islam und sogenannte westliche Werte nicht im Widerspruch zueinander stehen. Wenn man genau hinschaut, geht es nämlich um universelle Werte der modernen, offenen Zivilgesellschaft: Werte, die weltweit aus vielen Revolutionen, Reformen und Freiheitskämpfen hervorgegangen sind. Vor allem meinen wir das individuelle Selbstbestimmungsrecht und die Freiheit, wenn wir heute von sogenannten westlichen oder modernen Werten sprechen.
Wir müssen es schaffen, der nächsten Generation zu vermitteln, dass diese Werte unsere Gesellschaft in Europa zusammenhalten und hier seit vielen Jahrzehnten Frieden garantieren. Diese Werte, die auch in der Europäischen Menschenrechtskonvention und den nationalen Verfassungen niedergeschrieben sind, müssen alle, die hier leben wollen, einhalten. Eine Gesellschaft ohne einen gemeinsamen Wertekonsens driftet zwangsläufig auseinander.
In dieser Wertedebatte dürfen wir die Lehrerinnen und Lehrer an den Schulen nicht alleine lassen. Dieses Thema betrifft uns als Gesellschaft. Susanne Wiesinger bietet mit ihrem Erfahrungsbericht einen guten Einstieg in eine Debatte, die schon lange überfällig ist. Sie beschreibt, was sie erlebt hat, und zeigt Lösungsmöglichkeiten auf, um den Herausforderungen in der Schule zu begegnen. Es ist ein mutiges Buch in einer Zeit, in der wir Mut sehr gut gebrauchen können.
Seyran Ateş, Berlin, August 2018
Seyran Ateş ist Rechtsanwältin und politische Aktivistin. Unter anderem setzt sie sich für die strafrechtliche Verfolgung von Zwangsehen ein. Ateş ist Mitbegründerin der Ibn-Rushd-Goethe-Moschee in Berlin, die für einen liberalen Islam steht, der weltliche und religiöse Macht voneinander trennt. Seither erhält sie viele Morddrohungen und steht deshalb unter Polizeischutz.
Mein erster Kontakt mit Susanne Wiesinger war im Februar 2018, telefonisch. Wir recherchierten für die Plattform Addendum zum Thema islamische Kindergärten, als wir den Hinweis bekamen, dass sich eine Lehrerin große Sorgen über den zunehmenden Einfluss des Islam an Wiener Schulen machte. Obwohl wir zu diesem Zeitpunkt primär den vorschulischen Bereich im Blick hatten, wollte ich mich mit Susanne Wiesinger unbedingt austauschen.
Bei unserem ersten Telefonat war sofort zu spüren, dass sie ihre Geschichte schon sehr lange mit sich herumtrug. Sie musste nicht nach Worten suchen. In Gedanken hatte sie alle Ereignisse und Entwicklungen, die sie beunruhigten, schon lange vorher beschrieben. Im Gespräch kamen sie alle nacheinander an die Oberfläche.
Sie erzählte mir in einer Mischung aus emotionaler Betroffenheit und sachlicher Analyse von Vorfällen mit muslimischen Schülern und der Machtlosigkeit der Lehrer im Umgang mit dem Islam. Vorsichtig und zurückhaltend, geradezu abtastend. Noch wusste sie nicht, ob sie mir trauen wollte oder konnte. Für sie stand viel auf dem Spiel. Nie zuvor hatte eine sozialdemokratische Lehrergewerkschafterin und langjährige Personalvertreterin die Probleme mit dem Islam in der Schule öffentlich ausgesprochen. Diese Vorsicht sollte uns in all unseren Gesprächen, die wir bis zur Veröffentlichung dieses Buches führten, begleiten. Bedenken hatte sie immer. Doch ihre Entscheidung stand fest: Sie konnte und wollte nicht mehr schweigen.
Ich wollte unbedingt mehr über Susanne Wiesinger und ihre Geschichte erfahren. Als TV-Journalist dachte ich sofort daran, ihre Erfahrungen filmisch festzuhalten. Wir einigten uns – nach vielen Anläufen – darauf, unseren Austausch in den nächsten Tagen vor der Kamera fortzusetzen. Voraussetzung war meine Zusicherung, nichts ohne ihre Zustimmung zu veröffentlichen. Diese Vereinbarung legte den Grundstein für unsere Zusammenarbeit. Sie gilt bis heute. Es war von Anfang an klar, dass Susanne Wiesinger die Deutungshoheit über ihre Geschichte behalten sollte. Ich half ihr lediglich, diese zu erzählen. Sie bestimmte stets den Zeitpunkt, den Inhalt und die Art und Weise der Veröffentlichung.
Unser erstes Interview dauerte fast fünf Stunden und wurde immer intensiver. Ich brauchte am Ende kaum noch Fragen stellen. Es war, als redete sie sich die Erfahrungen der letzten Jahre von der Seele, als durchlebte sie die jeweilige Situation noch einmal. Susanne Wiesingers Worte ließen mich schockiert zurück. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass diese Probleme so viele Jahre lang einfach ignoriert worden waren.
Dass ihre Geschichte, die wir in mehreren Video-Interviews auf der Rechercheplattform addendum.org veröffentlichten, für Aufsehen sorgen würde, hatte ich vermutet. Dass sie international diskutiert und in Österreich eine so intensive Debatte über die Rolle des Islam im Klassenzimmer auslösen würde, hätte ich nicht geglaubt. Doch Susanne Wiesinger traf mit ihren ehrlichen Worten den Nerv der Zeit. Die Kritik aus der roten Lehrergewerkschaft und dem Stadtschulrat war entsprechend heftig. Gerechnet hatte Susanne Wiesinger damit, aber wohl nicht in dieser Art und Weise, schließlich hatte sie viele Jahre mit den Kollegen eng zusammengearbeitet und ihre Gedanken regelmäßig in Sitzungen und Gesprächen geäußert. Dass dies dort ignoriert oder verharmlost wurde, gab letztendlich den Ausschlag für den Schritt an die Öffentlichkeit.
Der Preis, den sie für diesen Schritt zahlt, ist hoch. Bis heute. Besonders auch im privaten Umfeld. Viele ihrer Bekannten, meist bürgerliche Linke, verstehen nicht, warum sie diese Kritik äußert. Linke Kreise werfen ihr vor, rechts und islamophob zu sein. Man meidet sie und möchte nicht einmal mehr über die unterschiedlichen Standpunkte diskutieren. Sie würde zu sehr polarisieren. Ihre früheren Gewerkschaftskollegen haben den Kontakt zu ihr abgebrochen. Wenn es dann doch einmal zu einem Gespräch kommt, dann nur, um ihr mitzuteilen, sie solle sich nicht weiter zu Gewerkschaftsthemen oder dem Islam in der Schule äußern. Sie möge endlich still sein. Sie merke nicht, dass sie von Addendum manipuliert, instrumentalisiert und ausgenutzt werde.
Susanne Wiesinger ist überzeugt: Nur wenn wir die Probleme und Herausforderungen mit muslimischen Schülern anerkennen, können wir zu konstruktiven Lösungen kommen. Dass sie mit ihrer Wahrnehmung nicht allein ist, habe ich in den vielen Gesprächen mit anderen Lehrern erfahren. Viele bestätigten die angesprochenen Probleme im Klassenzimmer. Im Unterschied zu Susanne Wiesinger scheuen sie davor zurück, öffentlich zu sagen, was ist.
Dass ihr Vorstoß für sie persönlich Nachteile hat, ist ihr bewusst. Trotzdem steht sie zu allen ihren Aussagen. Seit wir einander kennen, hat sie nie etwas zurückgenommen, obwohl der moralistische Druck, der in den vergangenen Monaten auf sie ausgeübt worden ist, enorm war. Ihr Arbeitgeber, der Stadtschulrat, beobachtet jeden ihrer Schritte genau. Der Schutz der Lehrergewerkschaft ist weg. Es ist, als ob alle nur darauf warten würden, dass sie einen (dienstrechtlichen) Fehler macht.
Als Gewerkschafterin und Sozialdemokratin, so der Konsens, dürfe man über die Probleme mit muslimischen Schülern nicht so offen sprechen. Und wenn, dann auf keinen Fall mit einem Medium wie Addendum. Denn dieses werde von einem Milliardär finanziert, der, so der Vorwurf, nur das „rote“ Wien und die Gewerkschaft zerstören wolle. Man dürfe ihm und seinen Medien nicht trauen. Susanne Wiesinger tat – und tut – es trotz aller Warnungen dennoch.
Entstanden ist daraus schließlich dieses Buch. Es ist ihre ganz persönliche Geschichte, ihr Erfahrungsbericht aus über einem Vierteljahrhundert als Lehrerin und Gewerkschaftsfunktionärin und zuletzt als Personalvertreterin.
Das mediale Rampenlicht hat sie nie gesucht. Am liebsten wäre ihr gewesen, man hätte die Probleme mit dem Islam schulintern in den Griff bekommen. Auch wenn ihre Kritiker sich nicht davon abhalten lassen werden, weiter überwiegend über die Person Susanne Wiesinger zu diskutieren, wären wir als Gesellschaft gut beraten, den Blick in die zahlreichen Klassenzimmer unserer Brennpunktschulen zu richten. Denn dort entscheidet sich die Zukunft tausender muslimischer Schüler in Österreich. Wir sollten sie – und die anderen Lehrer – nicht noch länger enttäuschen.
Jan Thies, Wien, August 2018
Am 7. Jänner 2015 verübten zwei Islamisten einen Anschlag auf die Redaktion der Satirezeitschrift Charlie Hebdo in Paris. Elf Menschen wurden dabei getötet. Weltweit gingen Menschen auf die Straße und bekundeten ihre Solidarität mit den Opfern mit dem Spruch „Je suis Charlie“. Politiker aus aller Welt verurteilten den Anschlag.
Nicht so meine Schüler.
Viele meiner Schüler feierten die Attentäter wie Helden. Die Opfer spielten für sie keine Rolle. An diesem Tag wurde mir bewusst, wie stark der konservative bis fundamentalistische Islam unsere Schüler beeinflusst, wie sehr diese Religion die Gedanken der Kinder beherrscht. Ich erkannte, wie weit die Mehrheit in der Schule von den Werten, die wir Lehrer ihnen zu vermitteln versuchten, entfernt war.
Die Ursachen für diesen Terroranschlag waren für viele Schüler in der Politik Israels und der USA zu suchen – und besonders in der Beleidigung des Propheten Mohammed durch Karikaturisten. „Wer den Propheten beleidigt, hat den Tod verdient. Wir Muslime müssen uns gegen den Westen verteidigen. Niemand darf unseren Propheten lächerlich machen. Wir sind dadurch alle beleidigt und müssen die Ehre unseres Propheten verteidigen.“ Das waren nur einige von vielen Aussagen, die mich nachdenklich bis beunruhigt zurückließen.
Viele Mädchen haben geweint. Sie hatten Angst, dass ich sie jetzt nicht mehr mögen würde, weil sie Muslime sind. Die Jungen gingen mit der Situation vollkommen anders um: Sie waren wütend, gereizt und aggressiv. Doch je länger wir mit den Jugendlichen diskutierten und versuchten, auf sie einzuwirken, umso mehr stellten sie ihre islamistischen Sympathien und Theorien infrage. Zumindest für den Moment. Am Ende blieb meist die Vorstellung: Das waren keine Muslime wie wir. Denn wir tun so etwas nicht.
Dieses Erlebnis führte mich zu der Frage: Woher kommt die ablehnende und aggressive Haltung dieser Jugendlichen gegenüber unserer Gesellschaft? Eigentlich wollen diese Kinder ja zu uns gehören und die Freiheiten unseres westlichen Lebensstils genießen. Aber sie können nicht. Es gibt eine Kraft, die sie zurückhält, die stärker ist als alles andere: ihr muslimischer Glaube. Er kontrolliert und lenkt sie.
Ich konnte diese Vorfälle nicht mehr als bedauerliche Einzelfälle abtun. Es ging nicht mehr. In meiner Schule hatte sich etwas Grundlegendes verändert, und ich empfand ein wachsendes Unbehagen bei dem Gedanken, dass der Islam für viele Schüler das Wichtigste in ihrem Leben geworden war. Religiöse Gebote und Verbote beherrschten ihr Denken. Sie gehorchten ihrem Glauben. Alles andere musste sich unterordnen. Die Religion hatte unsere Schule im Griff. Das ging so weit, dass diese Schüler mit unserer Kultur nichts zu tun haben wollten, sie hassten und sie immer mehr auch aktiv bekämpfen wollten. So wie die Charlie-Hebdo-Terroristen, die genau deswegen von ihnen bewundert wurden.
Die Anschläge von Paris waren bei uns in der Schule noch sehr lange Thema. Im Lehrerzimmer diskutierten wir intensiv und emotional miteinander, besonders über die Reaktionen unserer Schüler. Sosehr alle über die ausdrücklichen Sympathiebekundungen entsetzt waren, wirklich überrascht war niemand. Die Veränderungen in den Jahren zuvor waren zu offensichtlich. Viele muslimische Schüler und deren Eltern hatten eine immer fundamentalistischere und radikalere Richtung eingeschlagen.
Viele meiner Kollegen hatten die Veränderung auch gespürt, wagten dennoch nicht offen darüber zu sprechen. Bis heute scheuen sich viele Lehrer, Kritik am Islam zu üben. Der Grund des Schweigens liegt in einer Verwechslung von Akzeptanz und Toleranz sowie der Sorge, als überfordert und islamophob diffamiert zu werden.
Dabei sind die Hinweise auf diesen religiösen Wandel nicht zu übersehen. Viele unserer Schüler entglitten uns zunehmend in die Welt des Glaubens. Wir konnten sie dorthin nicht begleiten. Zurückhalten konnten wir sie auch nicht. Die Gräben zwischen uns wurden größer, und wir kamen immer weniger zu ihnen durch. Jeder weitere islamistische Terroranschlag erhärtete den Verdacht: Immer mehr muslimische Schüler haben Verständnis für diese Gräueltaten. Die Sympathien für die Attentäter sind stärker als das Mitleid mit den Opfern.
Lehrer und Schüler leben in zwei völlig verschiedenen Welten, die nicht miteinander vereinbar sind. Und wir Lehrer haben das akzeptiert. Was bleibt uns anderes übrig? Wir haben nicht mehr die Kraft, gegen dieses religiöse Gedankengut unserer Schüler anzukämpfen. Es ist zu stark. Wir sind zu schwach.
Der Stadtschulrat (SSR) für Wien machte sich offenbar zum Zeitpunkt der Pariser Anschläge noch keine großen Sorgen über die Radikalisierung junger Muslime in Österreich. Frankreich sei ein anderes Land mit einer anderen Geschichte und zum Glück nicht einmal ein Nachbarland Österreichs. Bei uns schien, zumindest für den SSR und die Wiener Stadtpolitik, Integration zu funktionieren. Natürlich gab es Beispiele gelungener Integration. Man konzentrierte sich allerdings nur auf diese und übersah dabei die immer größer werdenden Brennpunkte. Als Sozialdemokratin war auch ich jahrelang davon überzeugt gewesen, dass Integration in jedem Fall gelingen müsste. Es braucht nur genügend Ressourcen und die Akzeptanz der österreichischen Mehrheitsgesellschaft. Diese Einschätzung teile ich heute nicht mehr. Schon damals sprach ich meinen Dienstgeber und die Lehrergewerkschaft auf das Thema „Politischer Islam in der Schule“ an. Bei beiden stieß ich über Jahre auf Unverständnis und Desinteresse. Oft auch auf Kritik und Ablehnung.
Nachdem sich die Anschläge in Europa, wie auch die Vorfälle mit radikalisierten Jugendlichen an Schulen gehäuft hatten, fanden dann schließlich doch einige Veranstaltungen zur Deradikalisierung an Schulen statt. Ich war mit keiner wirklich zufrieden. Die vortragenden Referenten vermittelten mir stets den Eindruck, das Problem nicht verstanden zu haben: „Ändert euch und akzeptiert die Welt, in der eure Schüler leben, wie sie ist. Dann wird Integration gelingen.“ Eine realitätsfernere und naivere Meinung konnte man nicht haben. Ich sollte akzeptieren, dass diese Jugendlichen die religiösen Gesetze unseren weltlichen vorziehen? Ich sollte mich damit abfinden, dass Mädchen nicht schwimmen gehen dürfen und mit Einsetzen ihrer Periode in einer Moschee nach einem passenden Ehemann gesucht wird? Ich sollte zusehen, wie muslimischen Schülern unser kulturelles Leben vorenthalten wird, weil es in den Augen ihrer Eltern harām (religiös verboten) ist?
Einwände vonseiten der Lehrer, die Probleme bei der Integration könnten auch an den Familien und muslimischen Communitys liegen, wurden mit der moralischen Überlegenheit der Vortragenden weggewischt. „Lehrer müssen mehr Selbstreflexion betreiben. Die Türken sind ein stolzes Volk. Das Fasten im Ramadan ist wichtig für Muslime.“ Derartige Aussagen veranlassten mich, bei den Deradikalisierungs-Experten in unseren Seminaren nicht unbedingt Verständnis zu erwarten. Also versuchte ich mein Glück im privaten Umfeld.
Doch auch meine Freunde und Bekannten, allesamt bürgerliche Linke, zeigten wenig Interesse an diesen Entwicklungen. Sie wollten nicht glauben, was ich ihnen erzählte. Ich versuchte in einigen Gesprächen zu erklären, dass muslimische Schüler nicht nur im Internet, sondern sehr wohl auch in ihren konservativen Moscheen und Verbänden bei uns in Österreich radikalisiert werden. Diese Gespräche über Integrationsprobleme führten meist zu Vergleichen mit der katholischen Kirche oder zu positiven Berichten über Reisen durch muslimische Länder, natürlich aus der Jugendzeit. Der beste Beweis für gelungene Integration war dann letztendlich der Brunnenmarkt in Wien, ein türkischer Straßenmarkt, wo man so schön Kaffee trinken und billig einkaufen kann. Angesichts dieser Ignoranz zog ich mich auch im privaten Umfeld immer weiter zurück. Bis heute ist es mir unverständlich, warum Linke den konservativen Islam verteidigen. Jahrelang haben dieselben Linken die katholische Kirche – zu Recht – kritisiert und ihre Anhänger abfällig als „Kerzlschlucker“ bezeichnet.
Als Ansprechpartner für meine Schulprobleme blieben nur noch Familienmitglieder und engste Freunde. Am nächsten waren mir aber immer meine Lehrerkollegen. Nur sie verstanden, was wirklich an Brennpunktschulen passiert. Nur sie bekamen mit, unter welchem furchtbaren Druck viele unserer muslimischen Schüler stehen und wie zerrissen sie sind. Nur mit meinen Kollegen konnte ich auch die schlimmsten Ereignisse besprechen; manchmal zynisch und desillusioniert. Lange Zeit hielt ich mich an die Vorgabe des Dienstgebers und sprach in der Öffentlichkeit nicht über die Probleme an Wiener Schulen. Die Amtsverschwiegenheit schob ich ehrlich gesagt nur vor. Der Hauptgrund war die Sorge, in die Nähe von rechtskonservativen Parteien gerückt zu werden. Einerseits entspricht das nicht meiner politischen Haltung. Andererseits könnte das zusätzliche Isolation im beruflichen wie im privaten Leben bedeuten. Das wollte ich unbedingt vermeiden. Also schwieg auch ich lange Zeit.
Mein gesamtes Erwachsenenleben stand ich dem linken Rand der Sozialdemokratie nahe. Ich empfand die Aussicht, in die Nähe einer rechten Partei gerückt zu werden, als bedrohlich. Und so besprach ich Probleme nur mehr mit Kollegen, die mit ähnlichen Situationen an ihren Schulen konfrontiert waren. Wir diskutierten zum Beispiel die Motivation von Schülern, Wildschweine zu quälen und zu töten und die verharmlosende Reaktion ihrer Eltern. Wir unterhielten uns darüber, warum unsere Schüler den Ehrenmord an einer afghanischen Schülerin verteidigten, und warum Mädchen meinten, ihre Familie müsste sie töten, wenn sie einen Christen heiraten. Natürlich suchte ich in vielen Fällen auch das Gespräch mit meinem Dienstgeber. Leider nur mit geringem Erfolg. Dies machte die Arbeit mit vielen unserer Schüler nicht unbedingt einfacher.
Als ÖVP und FPÖ im Dezember 2017 an die Regierung kamen, wurde der Druck des Stadtschulrats, der Gewerkschaft, und auch der moralische Druck des privaten Umfelds, nicht über Integrationsprobleme – schon gar nicht von Flüchtlingskindern – zu sprechen, noch einmal erhöht. Meine Frustration darüber war, ehrlich gesagt, manchmal größer als jene über die neue Regierung.
Anfang Jänner 2018 ging ich zur Abschlusskundgebung der großen Demonstration gegen die neue türkis-blaue Regierung auf dem Heldenplatz in Wien. Als Sozialdemokratin kritisierte ich den geplanten Abbau im Sozialsystem, das war meine Hauptmotivation hinzugehen. Ich lauschte einer Rednerin, die uns Demonstranten aufforderte, unsere Körper schützend vor alle Moscheen zu werfen. Tosender Applaus um mich herum! Frauen mit netten Transparenten riefen spontan: „Wir werden Kopftuch tragen!“
Ich war in diesem Moment wie erstarrt und fühlte mich wirklich einsam. Ich musste die Demo fluchtartig verlassen. Natürlich darf kein Mensch aufgrund seiner Religionszugehörigkeit diskriminiert werden. Meine Gedanken waren aber auch: Würden diese jubelnden Demonstrantinnen ihre Körper auch vor Moscheen werfen, mit deren Hilfe meinen Schülerinnen ein Ehemann vermittelt wird? Werfen sie den Körper auch vor jene Moscheen, die den Koran über unsere Verfassung stellen, die unsere Jugendlichen daran hindern, sich in die österreichische Gesellschaft zu integrieren? Wirft eigentlich irgendjemand von diesen aufgeklärten und toleranten Linken seinen Körper vor ein Mädchen, dem mit Mord gedroht wird, wenn es aus starren patriarchalen Familienverhältnissen ausbrechen will?
Die Ignoranz der Sozialdemokraten in meinem beruflichen Umfeld gegenüber Problemen mit muslimischen Schülern sehe ich rein pragmatisch: Sie wollen wiedergewählt werden und ihre Posten behalten. Deswegen darf es kein Problem geben, für das sie verantwortlich gemacht werden können. Die Ignoranz im privaten Bereich ist dagegen von romantischen Vorstellungen geprägt: Links ist gut, Rechts ist böse. Und wir Linken sind die Retter der Unterdrückten. Hinterfragen ist oft schon zu mühsam. Das Leben soll einfach und schön sein. Beides erhöhte den Druck in mir, über die wirklichen Probleme muslimischer Schüler zu sprechen. Denn für mich gehören sie zu uns, und darum muss sich eine Mehrheitsgesellschaft ihrer Probleme annehmen. Ich bin heute davon überzeugt: Was den betroffenen Kindern und Jugendlichen am meisten schadet, sind falsche Toleranz und Stillschweigetaktik gegenüber dem radikal-konservativen Islam.
Die Schule war einst ein geschützter Raum. Sie war der Ort, an dem Kinder und Jugendliche unterschiedliche Kulturen kennenlernten und sich ziemlich unbeschwert bewegen konnten. Diese Zeiten sind an vielen Schulen vorbei. Endgültig. Das Klassenzimmer ist zu einer Konfliktzone geworden. Immer mehr Schulen gelten aufgrund des prekären sozialen Milieus als Brennpunktschulen. In Favoriten, dem 10. Wiener Gemeindebezirk, gibt es mittlerweile fast nur noch Brennpunktschulen. Dort zeigt sich, wie Integration nicht funktioniert, warum Multikulti scheitert und welche soziale Sprengkraft dieses Versagen birgt.
Wir Lehrer kennen die Gefahren. Denn wir erleben die kulturellen und religiösen Spannungen tagtäglich in der Schule. Wir sind keine Lehrer mehr, wir sind Sozialarbeiter. Lehrer in Brennpunktschulen unterrichten kaum noch. Wir schlichten und verhindern Konflikte. Viele Fähigkeiten und Kompetenzen wie Lesen und Schreiben, die wir lange Zeit für selbstverständlich gehalten haben, sind es nun nicht mehr. Viele Inhalte, die wir noch vor zehn bis 15 Jahren unterrichtet haben, sind aus dem Klassenzimmer so gut wie verschwunden. Der Lehrplan ist für uns zu einer leeren Hülle verkommen. In Schulen mit diesen Problemen kann ihn kaum ein Lehrer erfüllen.
Ich halte viele der islamischen Gebote, Vorschriften und Vorstellungen für archaisch und mit unserer Lebensweise nicht vereinbar. Vom Gegenteil lassen sich kaum noch muslimische Schüler überzeugen. Daher versuche ich dieses Gedankengut, so gut es geht, aus dem Klassenzimmer herauszuhalten. Manchmal ist das nur noch mit militärischer Strenge möglich. Anders lassen sich diese Tendenzen nicht mehr unterdrücken. So wie mir geht es vielen Lehrern an Brennpunktschulen. Wir wollen in der Schule einfach nur in Ruhe unterrichten. Gelingen tut uns das kaum. Unser Problem ist: Die muslimischen Schüler mit einem streng konservativen bis fundamentalistischen Gedankengut bilden mittlerweile die absolute Mehrheit. Wie soll man in einer Klasse mit 25 Schülern 21 Kinder sprachlich und kulturell in unsere Gesellschaft integrieren? Das überfordert jede Lehrkraft. Das kann keiner schaffen. Wohin sollen wir sie auch integrieren? Wir Lehrerinnen sind die Einzigen der österreichischen Mehrheitsgesellschaft, die sie kennen.
Die Folgen dieser homogenen und sehr konservativen muslimischen Schülerschaft sind in den Schulen deutlich zu spüren. Mit normalem Unterricht hat das, was wir dort anbieten können, kaum noch etwas zu tun. Ob Biologie, Deutsch, Musik, Zeichnen, Turnen, Schwimmen oder Geschichte: Die islamischen Gebote und Verbote, gepaart mit desolaten Deutschkenntnissen, haben den Lehrplan für Volks- und Mittelschulen, die mit diesen Herausforderungen konfrontiert sind, de facto abgeschafft.