Bibliographische Information der Deutschen Bibliothek:
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EDITION

NORDNORDWEST

„Missing Magdalena“ ist 2010 unter dem Titel „Die Babysitterin“ bei Thienemann erschienen.

© 2015 Angela Gerrits

Wiedergabe des Werks ganz oder auszugsweise

nur mit Genehmigung der Autorin

Books on Demand GmbH

Covergestaltung: Christine Kleicke

unter Verwendung von Fotomotiven von www.iStockphoto.com

3282047/solarseven; 5900734/teekaygee; 9987371/shironosov;

9633796/fredrocko

ISBN 978-3-7386-9708-7

Mann lag tot in seiner Wohnung

Wallheim/Geißendorf. Ein etwa 35-jähriger Mann ist gestern früh tot in seiner Wohnung in Geißendorf aufgefunden worden. Eine Nachbarin hatte den Mann, der möglicherweise einem Gewaltverbrechen zum Opfer gefallen ist, gegen Mittag entdeckt. Die Wohnungstür war angelehnt, Spuren eines gewaltsamen Eindringens in die Wohnung gibt es laut Polizeiangaben nicht. Die Ermittler der zuständigen Mordkommission gehen deshalb nach eigenen Angaben davon aus, dass das Opfer dem Täter oder den Tätern selbst die Tür geöffnet hat. In der Wohnung des Toten wurden eine Babytragetasche und Babykleidung gefunden, obwohl nach Aussagen mehrerer Nachbarn in dem Mehrfamilienhaus, in dem sich die Tat ereignet hat, nicht bekannt war, dass der Mann ein Kind hatte. Offensichtlich hatte er gerade Vorbereitungen für eine größere Reise getroffen, denn ein Koffer lag halb gepackt auf seinem Bett. Weitere Details wurden zunächst nicht bekannt.

1

„Wenn die Bewerbung zurückkommt, ist es immer eine Absage“, warf ihr Vater ihr lapidar vor die Füße.

Er nahm Zoë die restliche Post ab, überflog sie, zerriss den Spendenaufruf eines Kinderhilfsdorfes und schlurfte ins Wohnzimmer.

„Vielen Dank, das weiß ich selbst!“, konterte Zoë genervt.

Sie ging in ihr Zimmer zurück und öffnete den dicken Umschlag. Sie überflog das Anschreiben.

„... und wünschen Ihnen für Ihre Zukunft alles Gute.“

Die Mappe sah unberührt aus. Wie letztes und vorletztes Mal. Guckten sich die Saftsäcke ihre Bewerbung nicht einmal an?

Zoë zerknüllte den Brief und schleuderte die Mappe quer durch den Raum.

Es war die siebte Absage. Zwei Bewerbungen um eine Lehrstelle zur Groß- und Außenhandelskauffrau liefen noch.

Groß- und Außenhandelskauffrau klang irgendwie gut, fand Zoë, obwohl sie nicht genau wusste, was man damit anfangen konnte, aber irgendeinen Bürojob würde sie mit solch einer Ausbildung schon bekommen. Hauptsache, du machst was!, lag ihr Vater ihr in den Ohren. Hauptsache, du machst endlich was und sitzt nicht nur hier rum! Und liegst uns nicht länger auf der Tasche, lautete der Subtext, aber so weit war es noch nicht gekommen, dass er ihn auch aussprach.

Die ersten Wochen nach ihrer mittleren Reife hatte sie noch so eine Art Schonfrist gehabt, ihre Mutter hatte sie in Schutz genommen und bei jeder Gelegenheit, beim Tratsch über den Gartenzaun oder an der Kasse im Supermarkt, stolz vom erfolgreichen Schulabschluss ihrer Tochter erzählt.

Seit ein paar Tagen nahm sie Zoë nicht mehr in Schutz, sondern schwieg. Aber sie blieb dabei nicht einfach stumm, sondern seufzte auf eine entsagungs- und leicht vorwurfsvolle Art.

Zoës Vater hatte seine Stelle bei einem Fleischgroßhändler vor einem Jahr verloren und sollte in wenigen Tagen für einen Hungerlohn bei einem Callcenter anfangen.

Das war lächerlich. Zoë stellte sich ihren Vater in einem Großraumbüro vor, in dem er mit hundert anderen armen Würstchen zwischen Stellwände gepfercht um die Wette telefonierte. Die Vorstellung war absurd.

Aber das sagte sie ihm nicht, denn den Job hatte ihre Mutter ihm vermittelt, die dort schon mehrere Jahre arbeitete, und bei ihr hatte sie sich den Job immer gut vorstellen können. In jedem Fall stand für Zoë fest, dass sie nicht im Callcenter landen wollte. Sie wollte etwas aus ihrem Leben machen.

Die neuerliche Absage traf sie unerwartet hart. Dieser Dr. Bloch, an den sie ihre Bewerbung gerichtet hatte, hatte sich ihre Unterlagen bestimmt nicht einmal richtig angesehen. Vielleicht hatte er sie erst gar nicht zu Gesicht bekommen, vielleicht waren sie vorher aussortiert worden von irgendeiner stutenbissigen Sekretärin, der Zoë zu hübsch war mit ihrem schmalen Gesicht, den großen dunklen Augen und den langen glatten, fast schwarzen Haaren. Darauf hatte sie schon der Bewerbungstrainer hingewiesen, dass gutes Aussehen von Nachteil sein könne, je nachdem, in wessen Hände die Bewerbung zuerst gerate.

Ja und? Was sollte sie tun? Sollte sie sich eine hässliche dickglasige Brille aufsetzen oder einen Sack über den Kopf ziehen? Irgendwo hatte sie gelesen, dass junge mittelhübsche Frauen die besten Aussichten auf eine Ausbildungsstelle hätten, wenn sie über gute bis sehr gute Noten, einen Migrationshintergrund und eine leichte, für die Ausbildung unerhebliche Behinderung verfügten. Das fand Zoë zynisch. Sie hatte sich mit Patrick, ihrem Ex, darüber unterhalten, aber schließlich hatte er nur die Schultern gezuckt und gesagt: Wozu willst du eine Ausbildung machen? Traust du mir nicht zu, dass ich eine Familie ernähren kann? Kurz darauf hatten sie sich getrennt.

Zoë hatte keine Lust mehr, Bewerbungen zu schreiben. Es war sinnlos. Immer waren die Stellen gerade schon besetzt, immer hatte man gerade eben vor einer Minute schon jemand anderem die Zusage gegeben. „... bedauern wir, Ihnen keine bessere Nachricht geben zu können.“

Bla bla.

Zoë ging übel gelaunt in die Küche, kochte Kaffee und blätterte den Wallheimer Stadtanzeiger nach Jobs durch:

Mitarbeiter/ in Service Center, lukrative Tätigkeit in den Nachmittags/Abendstunden, Nebenverdienst von zu Hause, Telefonieren so viel Sie wollen, nette Tresenkraft gesucht, Babysitterin ...

Tresenkraft, das wäre vielleicht was für den Übergang, bis ich was Richtiges habe, dachte Zoë. Was mochte das sein, Tresenkraft? In der Kneipe arbeiten vielleicht. Bier zapfen und Wein einschenken. Das konnte doch so schwierig nicht sein.

„Bist du verrückt? Was glaubst du, was die Leute reden, wenn du plötzlich in der Kneipe anfängst!“, zischte ihre Mutter empört. „Und dann, wo Papa niemals in die Kneipe geht. Was glaubst du, wie froh ich darüber bin!“

„Aber Mama, es geht doch nur ums Geldverdienen, nur für eine Zeit, bis ich eine Lehrstelle hab.“

„Kommt nicht infrage. Meine Tochter arbeitet nicht in der Kneipe. Ich verbiete es dir. Hier, was ist damit, wenn du unbedingt jobben willst?“ Ihre Mutter hielt ihr die Babysitter-Anzeige unter die Nase.

„Ich kann kleine Kinder nicht ausstehen“, sagte Zoë. „Das weißt du genau. Kleine Kinder stinken und schreien, die gehen mir auf die Nerven.“

„Tja, dann ...“ Ihre Mutter nahm sich einen Kaffee und trank ihn im Stehen. „Ich muss los.“

„Kannst du mir zwanzig Euro geben?“

Zoës Mutter schüttelte den Kopf.

„Bitte, Mama, zehn!“

Zoës Mutter nahm ein paar Münzen aus ihrem Portemonnaie und reichte sie ihr. „Wir wissen nicht, wo uns der Kopf steht, Zoë. Erst kommt der Wagen nicht durch den TÜV, dann geht die Waschmaschine kaputt, wir können uns nicht mal mehr die laufenden Kosten ...“

„Ja, Mama! Ich weiß!“

Zoë schnappte sich die Zeitung und ging in ihr Zimmer.

Sie konnte die Jammerei ihrer Mutter nicht mehr ertragen. Sie musste dringend hier raus. Und sie brauchte Geld. Einfach so. Zum Leben. Um ins Kino zu gehen. Um sich ihre Zeitschrift kaufen zu können. Einen neuen Lippenstift. Und um den Eintritt ins Mixx zu bezahlen, der einzigen Disco im Ort, auch wenn sie seit der Trennung von Patrick nicht mehr dort gewesen war. Sie wollte wenigstens die Möglichkeit haben, tanzen zu gehen.

Sie rief die Babysitter-Nummer an.

Inhaltsverzeichnis

2

„Hello?“, meldete sich eine Frau am anderen Ende.

„Hallo, hier ist Zoë Müller, ich rufe wegen der Anzeige an.“

„Ja?“

Zoë zögerte. „Wegen der Anzeige. Babysitter gesucht. Sind Sie das nicht?“

„Doch, das ist richtig.“

Die Frau sprach mit amerikanischem Akzent. Sie klang genervt.

Zoë hatte keine Erfahrung mit Bewerbungsgesprächen am Telefon. Sie versuchte, sich an irgendetwas Hilfreiches zu erinnern, das der Bewerbungstrainer ihr geraten hatte.

Die Frau am anderen Ende der Leitung wartete penetrant, dass Zoë etwas sagte.

„Oder ist der Job schon weg?“

„Nein, der ist noch nicht weg. Ich habe mich noch nicht entschieden.“

„Das heißt, es gibt mehrere Bewerberinnen?“

„Ja, natürlich.“

Ja, natürlich gab es mehrere Bewerberinnen. Was für eine dumme Frage. Die Frau verunsicherte sie.

„Wie alt bist du denn? Du klingst so jung.“

„Siebzehn. Fast.“

„Hast du denn schon Erfahrung als Babysitter?“

„Klar“, log Zoë.

„Gut. Wann kannst du kommen?“

„Von mir aus sofort.“

„Okay. Hagedornstraße einundzwanzig. Das letzte Haus. Dann also bis gleich.“ Sie legte auf.

Zoë irritierte die Wortkargheit der Frau. Sie kannte nicht mal ihren Namen. Die ist seltsam, da fahr ich nicht hin, hätte sie gerne ihrer Mutter erzählt, doch die war schon wieder im Callcenter. Jeden Morgen um neun fing sie an. Seit acht Jahren war sie noch nicht einmal zu spät gekommen. Nie hatte sie sich krankgemeldet, selbst wenn sie stark erkältet gewesen war. Noch nicht einmal, als Zoë mit Masern im Bett gelegen hatte, war sie zu Hause geblieben. Eine Nachbarin, die alte Frau Endrussat aus dem ersten Stock, hatte nach ihr gesehen. Nee, Mama, hätte sie ihrer Mutter gerne gesagt, da geh ich nicht hin, die klingt arrogant, und was ich verdiene, hat sie auch nicht gesagt.

In diesem Moment rief ihre Mutter sie an.

„Ich erreiche deinen Vater nicht. Wo kann er denn sein? Guckst du bitte mal? Er soll gleich vorbeikommen, er kann heute schon anfangen. Und jetzt erreiche ich ihn nicht. Guck mal, ob sein Handy irgendwo liegt.“

Zoë wusste nicht, wo ihr Vater steckte. Manchmal ging er spazieren, einfach um den Block, dann war er meist schnell wieder da. Manchmal ging er auch in den Stadtpark oder trank im Einkaufszentrum einen Kaffee, seit er arbeitslos war. „Andere Arbeitslose gucken“, nannte er das. Er hatte sein Handy tatsächlich auf der Kommode im Flur vergessen.

Zoë erzählte ihrer Mutter von dem Telefonat wegen des Babysitter-Jobs.

„Hagedornstraße klingt gut“, antwortete sie. „Das ist mitten im Speckviertel. Wie alt ist denn das Kind?“

„Keine Ahnung.“

Nicht mal das hatte die Frau ihr erzählt. Sie wusste praktisch nichts.

„Guck es dir mal an. Absagen kannst du immer noch. Und wenn du Hilfe brauchst, rufst du mich an. Hauptsache ...“

„Ich mach was, ich weiß.“

Ihre Mutter ging ihr auf die Nerven. Sie konnte doch auch nichts dafür, dass sie nichts fand. Und in eine andere Stadt, vielleicht sogar in ein anderes Bundesland zu ziehen, wie es die Frau vom Arbeitsamt ihrem Vater nahegelegt hatte, um seine Chancen auf einen neuen Job und auch ihre auf eine Lehrstelle zu verbessern, kam weder für sie noch für ihre Mutter infrage.

Zoë wollte auf keinen Fall aus Wallheim weg. Sie war hier geboren, sie war hier zur Schule gegangen, und ihre Freundinnen lebten hier, sogar wie sie in der Vogelsiedlung, Zoë in der Fasanenstraße, Lotte und Rosi im Kiebitzweg. Als kleine Mädchen hatten sie auf dem Rasen zwischen den langgezogenen dreistöckigen Häusern gespielt. Später waren sie in eine Klasse gekommen und hatten sich seitdem nie mehr getrennt. Sogar die Eltern waren miteinander befreundet. Obwohl Zoë schon lange weder Lottes noch Rosis Eltern bei sich zu Hause gesehen hatte. Kein einziger Grillabend auf dem Balkon, dabei war der Sommer schon fast zu Ende. „Wir müssen sparen“, hatte ihr Vater ihr auf ihre Nachfrage etwas ruppig erklärt.

Er war immer wütend in letzter Zeit. Kein Wunder, dass niemand Lust hat, mit ihm zu grillen, dachte Zoë, obwohl sie natürlich nachvollziehen konnte, dass er schlecht gelaunt war, denn man hatte ihm übel mitgespielt. Man hatte ihn einfach von einem Tag auf den anderen vor die Tür gesetzt mit fadenscheinigen Begründungen, dabei hatte er nur einen Betriebsrat gründen wollen in dem Unternehmen, in dem er seit fast siebzehn Jahren arbeitete. Zoë verstand nicht, wieso das ein Kündigungsgrund sein sollte, wenn er sich für die Interessen der Kollegen einsetzte. Sie war auch schon zweimal Klassensprecherin gewesen und hatte deswegen keine Nachteile bei den Lehrern gehabt, im Gegenteil, sie war in ihrem Ansehen gestiegen, als sie merkten, dass sie außer gut aussehen auch noch die Anliegen ihrer Mitschüler gut vortragen konnte. Aber ihr Vater war überzeugt davon, dass sein Engagement für die Kollegen der wahre Grund für seine Kündigung war und nicht seine angeblich mangelnde Zuverlässigkeit.

Dennoch war sie der Meinung, dass ihr Vater seine Wut nicht an ihr auslassen musste. Es gab seither kaum noch ein nettes oder gar aufmunterndes Wort von seiner Seite. Ständig zog er dieses Gesicht. Wenn man ihm zuhörte und beobachtete, wie er schlaff und gedrückt durch die Wohnung schlich, konnte man den Mut verlieren, überhaupt irgendetwas mit seinem Leben anfangen zu wollen. Als wäre alles, was er hatte, nichts. Als wäre auch sie nichts.

Zoë fuhr mit dem Fahrrad ihrer Mutter zur Hagedornstraße. Ihr eigenes Rad hatte einen Platten, und sie war zu faul gewesen, es zu reparieren. Insgeheim hatte sie gehofft, dass ihr Vater es flicken würde, zumal er jetzt sehr viel Zeit hatte. Aber auch zu solch kleinen Gefälligkeiten, die früher selbstverständlich gewesen waren, war er offenbar nicht mehr bereit.

Die Siedlung, in der sie lebte, war knapp drei Kilometer von der kleinen Altstadt entfernt. Direkt dahinter begann das sogenannte Speckviertel, das genauso groß war wie die Vogelsiedlung, das aber nur höchstens ein Drittel so viele Einwohner hatte, weil es aus lauter Villen bestand, die von großen Gärten umgeben waren. Zoë war selten hier gewesen. In der Grundschule hatte sie ein paar Monate lang eine Freundin gehabt, die in einer der Villen lebte. Zoë war zu ihrem Geburtstag eingeladen gewesen und hatte sich die ganze Zeit gefragt, wo all die Verwandten des Mädchen abgeblieben seinmochten, die in diesem großen Haus wohnten. Wieso zeigten sie sich nicht an einem so wichtigen Tag? Bis ihre Mutter ihr erklärte, dass das Haus nur von dem Mädchen und seinen Eltern bewohnt wurde. So viel Platz!, hatte Zoë voller Neid gedacht. Wozu braucht man so viel Platz? Sie hatte das Mädchen nie wieder besucht und es auch nicht zu sich nach Hause eingeladen, weil sie sich davor fürchtete, erklären zu müssen, wieso sie nur eine Dreizimmerwohnung hatten, und die gehörte noch nicht mal ihnen.

Die wenigen Male, die sie in diese Ecke der Stadt gekommen war, hatte sie nie einen Menschen auf der Straße gesehen. Die meisten Häuser waren umgeben von hohen Zäunen, uneinnehmbar wie Festungen. Das Haus in der Hagedornstraße einundzwanzig lag verborgen hinter einer weißen Mauer.

Zoë stieg vom Rad.

Etwas über ihrem Kopf surrte. Sie entdeckte eine Kamera neben dem schmiedeeisernen Tor, die ihre Bewegungen zu verfolgen schien. Sie trat ein paar Schritte nach links, die Kamera schwenkte mit. Sie stellte sich direkt vor das Tor. Die Kamera folgte. Noch ehe sie auf den breiten Klingelschalter drückte, ertönte ein anderes Surren, dann sagte eine weibliche Stimme: „Komm rein.“

Zoë drückte das schwere Tor vorsichtig auf in der Erwartung, von großen, wütenden Hunden angefallen zu werden. Doch nichts dergleichen geschah. Es blieb alles still. Das Tor fiel mit einem leisen Klack ins Schloss. Jetzt sah sie das Haus. Es war kleiner, als die riesige Mauer vermuten ließ, und lag in einiger Entfernung vom Tor auf einem großen Rasengrundstück. Die beiden marmornen Säulen rechts und links neben dem Eingang wirkten wie nachträglich hinzugefügt und irgendwie unpassend, fast kitschig. Das Haus selbst war weiß gestrichen, einstöckig und schlicht.

Zoë war enttäuscht, denn es hatte nicht viel Ähnlichkeit mit der imposanten Villa ihrer ehemaligen Mitschülerin. Wozu brauchte solch ein Haus, das an sich nichts Besonderes war, eine so hohe Mauer? Waren die Menschen, die es bewohnten, so ängstlich? Wenn jemand in dieser Gegend in ein Haus einbrechen würde, überlegte Zoë, würde er jedes andere bevorzugen, weil es hier nicht nach besonders viel Geld aussah. Zumindest nicht im Vergleich zur Umgebung. Nein, reich waren die Besitzer wohl nicht, aber vermutlich hatten sie immer noch mehr Geld im Monat zur Verfügung als ihre Eltern im ganzen Jahr. Gut so, dachte Zoë, sollten sie ihr ruhig etwas davon abgeben. Und so schwer konnte es nicht sein, mit einem kleinen Kind klarzukommen. Vielleicht sollte sie es vom Kindergarten abholen und so lange warten, bis die Mutter von der Arbeit nach Hause käme. Oder das Kind ging schon in die Schule und sie, Zoë, überwachte die Hausaufgaben und danach spielten sie zusammen irgendwas. Vielleicht konnten sie sich gemeinsam Kinderfilme ansehen. Sie würde die Zeit schon irgendwie rumbringen. Aber unter zwanzig Euro pro Einsatz läuft nichts, beschloss Zoë, schließlich würde sie hier ihre wertvolle Freizeit verbringen, in der sie sich mit ihren Freundinnen treffen, ihre Lieblingssendungen gucken oder Bewerbungen schreiben konnte. Oder aber sie sollte sowieso nur abends auf das Kind aufpassen, wenn die Eltern ausgehen wollten. Abends kostet mehr, überlegte Zoë, besonders am Wochenende, wenn ihre Freundinnen tanzen gingen.

Die Haustür wurde geöffnet, noch während Zoë den schmalen, gewundenen Kiesweg entlangging.

„Zoë?“, sagte die Frau.

Zoë nickte.

Aus irgendeinem Grund wäre sie am liebsten sofort wieder umgedreht.

Doch da reichte ihr die Frau schon die Hand.

3

Die Frau war mindestens zwei Köpfe größer als sie. Sie hatte dichte, kurze honigfarbene Haare und wirkte sportlich. Vielleicht lag es auch nur an der hellblauen Jogginghose und dem dünnen weißen T-Shirt, unter dem sich ein Sport-BH abzeichnete.

„Ich bin Claudia. Komm rein.“

Zoë war verunsichert. Sollte sie diese fremde Frau duzen? Machte man das in Amerika so, dass man gleich jeden mit Vornamen ansprach?

Claudia ging voraus durch ein großes Wohnzimmer mit offener Küche, die durch einen hohen Esstresen vom übrigen Raum abgetrennt war, zu einer breiten geschwungenen Treppe aus Holz.

Zoë war verblüfft über die Größe des Hauses, es hatte auf sie von außen viel kleiner gewirkt.

Sie folgte Claudia in den ersten Stock.

„Zoë bedeutet Leben, oder? Ein hübscher Name“, sagte Claudia. „Du bist keine Deutsche, stimmt’s?“

„Doch“, antwortete Zoë. „Meine Eltern heißen Müller. Das ist der häufigste deutsche Nachname.“

Claudia drehte sich kurz zu ihr um. „Ich dachte nur. Der Name, die dunklen Haare ...“

„Mein Urgroßvater war mit einer Iranerin verheiratet“, erklärte Zoë.

„Und bei dir hat sie sich durchgesetzt, verstehe.“ Claudia öffnete eine der Zimmertüren. „Das ist Magdalenas Reich“, sagte sie.

Zoë betrat zögernd das Zimmer. In der Mitte stand eine mit weißem Tüll verhängte Wiege. An der einzigen Wand ohne Dachschräge stand ein großer weißer Kleiderschrank, gegenüber eine Kommode mit Wickelunterlage. Es roch nach Creme und Babyöl.

„Ein Baby“, sagte Zoë leise. Sie konnte ihre Enttäuschung nur schlecht verbergen.

Claudia lachte. „Ja natürlich ein Baby! Es heißt doch auch Babysitter, oder nicht?“

Zoë versuchte ebenfalls zu lachen, sie nickte, aber sie merkte, dass sie auf ein solch kleines Kind nicht vorbereitet war. Es lag tief vergraben unter einer dicken Daunendecke in seinem Bettchen.

„Die Wiege ist von meinem Mann. Er hat früher darin geschlafen.“

Das Baby blickte Zoë an, als sähe es durch sie hindurch, dann fing es unvermittelt an zu schreien.

„Wie alt ist es, ich meine, sie denn?“

„Fast fünf Monate. Nimm sie mal hoch.“

Das Schreien des Babys klang wütend, es war spitz und durchdringend. Zoë verstand nicht, wie aus einem so winzigen Wesen so laute Töne herauskommen konnten. In der Hoffnung, dass es sich beruhigen würde, griff sie in die Wiege und hob die Kleine vorsichtig hoch. Sie legte eine Hand hinter den Kopf, das hatte ihr Lottes große Schwester beigebracht, kurz nachdem sie ihr erstes Kind bekommen hatte.

Die Kleine schrie in ihren Armen weiter.

„Sie hat die Hosen voll. Da drüben findest du alles. Du hast ja Erfahrung, hast du gesagt?“ Claudia lächelte sie kurz an und verließ das Zimmer.

Zoë war allein mit dem schreienden Baby, dessen Kopf rot war und dessen kleine Fäuste in ihre Richtung ragten. Sie war ratlos. Sie hatte noch nie ein Baby gewickelt. Sie hatte es tausendmal im Vorabendprogramm gesehen, aber sie hatte nicht darauf geachtet, denn die Dialoge, die Intrigen, die Schicksalsschläge standen im Vordergrund, das Baby wickelte sich währenddessen von selbst. Wahrscheinlich hatte die Darstellerin, die die Mutter spielte, sehr lange dafür geübt oder sie hatte selbst ein Kind.

Dann roch sie es. Ihr wurde übel. Die Kleine stank furchtbar. Zoë hielt sie etwas weiter von sich entfernt und legte sie auf den Wickeltisch. Die Kleine schrie und schrie.

Nein, das mache ich nicht, dachte Zoë, den Gestank werde ich nie wieder los, das halte ich nicht aus, für kein Geld der Welt.

In diesem Moment tauchte hinter ihr Claudia wieder auf. „Ist schon etwas länger her, deine Erfahrung?“ Sie lächelte und erwartete offensichtlich keine Antwort. Mit wenigen Handgriffen hatte sie die volle Windel entfernt. Der Gestank schlug Zoë ins Gesicht. Unwillkürlich hob sie die Hand vor die Nase.

„Daran gewöhnst du dich schnell“, sagte Claudia.

Nein, daran gewöhnst du dich nie, dachte Zoë.