2. Auflage

Covergestaltung: Petra Gutkin

Text Copyright © 2015 Petra Gutkin

Bildrechte: © lassedesignen - Fotolia.com

Projektmanagement und Marketing: Gilon Gutkin

Herstellung und Verlag:

Books on Demand GmbH, Norderstedt

ISBN 978-3-8482-3772-2

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Inhaltsverzeichnis

Wie Phönix aus der Asche

Freddy programmiert und entwickelt Apps. Und das mittlerweile so erfolgreich, dass er sich nach kurzer Zeit seinen Traumwagen leisten kann.

Einen schwarzen Chevy-Van. Importiert aus den USA und ausgestattet mit allem erdenklichen Schnickschnack.

Als der Wagen mit einem Frachter in Bremerhaven eintrifft, holt er ihn nach den obligatorischen Umrüstungsarbeiten persönlich ab.

Kurz darauf lädt er mehrere Freunde ein, um gemeinsam ein verlängertes Wochenende in der Eifel zu verbringen.

Besagter Van parkt also gerade vor einem exklusiven Einfamilienhaus. Freddy, ein charmanter Frauenschwarm wie er im Buche steht: über eins achtzig gewachsen, drahtige Figur, dunkle halblange Haare, hockt zusammen mit Simon, Angie, Nicole und Stefan auf den super bequemen Captain-Chairs dieses fahrbaren American way of life. Sie diskutieren darüber, welche sechs CD’s in den Wechsler eingelegt werden sollen.

Nachdem die letzte CD in dem Audiogerät verschwunden ist, öffnet sich die weiße Haustür, und Jessica verlässt in Jeans und hellem T-Shirt das elterliche Wohnhaus. Sie zerrt einen Trolley hinter sich her, um ihn im hinteren Teil des Wagens bei den übrigen Gepäckstücken zu verstauen. Die hübsche Blondine mit den hüftlangen Haaren setzt sich neben Nicole und belegt somit einen Fensterplatz.

Nicole streicht sich mit den Fingern ihre dunklen, kurzen Haare aus der Stirn.

„Na toll, jetzt bin ich der Blondinenfraktion ausgeliefert“, stellt sie mit einem heiteren Blick auf Jessica zu ihrer rechten und auf Angie zu ihrer linken fest.

Angie hat ihre schulterlangen blonden Haare zu einem jugendlichen Pferdeschwanz zusammengebunden, den sie jetzt mit einem eifrigen Kopfnicken zum Hüpfen bringt.

Jessica begrüßt kurz die Freunde: „Hey Leute!“, und zu Freddy im Kommandoton: „Freddy, fahr los.“

Freddy: „Was soll der Stress? Wir haben Zeit.“

Jessica: „Meine ältere Schwester ist hier und zickt rum, weil ich nicht mit will auf ihr blödes Konzert. Also fahr endlich los, bevor sie ihre Drohung wahr macht und mich gleich aus dem Auto holt.“

Stefan, der seine kurzen, dunkelblonden Haare wild in alle Richtungen gestylt hat, seufzt: „Das fängt ja gut an“, und begrüßt die zuletzt Eingestiegene: „Hi Jessica. Willkommen an Board. Bitte klappen sie ihre Tische hoch und stellen sie ihre Rückenlehne senkrecht.

Es geht los.“

Jessica bleibt eine Antwort schuldig und schaut angespannt zu ihrem Elternhaus, als ob sie ernsthaft erwartet, dass ihre Schwester jeden Moment zur Tür raus kommt.

Sanft blubbert der Achtzylinder Richtung Autobahn.

Coole Musik spielt, Cola und Chips machen die Runde und alle genießen die Fahrt in diesem rollenden Wohnzimmer, indem sich alle Insassen bequem ausbreiten können.

Nach ungefähr zweieinhalbstündiger Autofahrt verlassen sie die Autobahn.

Auf dem Flachbildschirm, integriert über der riesigen Windschutzscheibe, läuft ice age 4. Angie und Simon, der neben Freddy sitzt, schlummern friedlich, als Freddy bemerkt:

„Laut Navi sind noch vierzig Minuten zu fahren.“

Die Straßen werden schmaler. Von der breiten Bundesstraße wechseln sie auf Landstraßen, bis sie an einem grünen Ortsschild mit gelber Inschrift und gelbem Rand vorbeifahren, welches darauf hinweist, dass dieser Ort nur aus dieser einen Durchgangsstraße besteht und das sie am Ziel angekommen sind.

Sie halten an einem typischen Bauernhaus, welches einige Meter neben der Landstraße steht. Die Beschreibung passt auf das Gehöft, die Freddy per E-Mail vom Vermieter der Jagdhütte bekommen hat.

Er steuert den Van durch zwei Schlaglöcher auf das Grundstück, wovon die Schlafenden aufwachen.

Müde nuschelt Simon: „Was ist? Warum halten wir?“

Simon steht Freddy in Sachen charmanter Frauenschwarm in nichts nach. Ebenfalls über eins achtzig, durchtrainierte Figur, die leicht lockigen dunkelblonden Haare kurz geschnitten, scheint er der Traum aller Schwiegermütter zu sein.

Freddy springt aus dem Wagen und Angie erklärt: „Hier bekommen wir den Schlüssel für die Jagdhütte.“

Die Freunde beobachten, wie Freddy die zwei Steinstufen mit einem Schritt hochhüpft und an die verzierte Eichentür pochen will. Mitten in der Bewegung hält er inne um sich zu bücken. Er schiebt einen Stein zur Seite und hält einen heftgroßen Briefumschlag in der Hand. Nach einem kurzen Blick darauf kehrt er zum Van zurück.

Während er den Umschlag aufreißt sagt er:

„Wahrscheinlich ist niemand da“, und entnimmt dem Umschlag zwei Schlüssel mit je einem Anhänger und einer Wegbeschreibung.

Freddy liest kurz und murmelt: „Eine Wegbeschreibung, auf der auch die Koordinaten aufgeschrieben sind. Cool, das erleichtert die Sache.“

Er füttert das Navi mit den angegebenen Koordinaten und eine freundliche Frauenstimme flötet die ersten Kommandos.

Nun sind alle sehr gespannt. Freddy ist aufgefordert, den großen Wagen zu wenden. Sie fahren ein Stück den gleichen Weg zurück, um ungefähr zwei Kilometer weiter nach links in einen unbefestigten Waldweg einzubiegen. Souverän meistert der Van den Waldweg, bis eine Lichtung den Blick auf die alte Jagdhütte preisgibt.

Sie wurde mit Holzbalken erbaut, die mittlerweile eine grüne Patina aufweisen. Die Fenster sind mit hölzernen Fensterläden verschlossen. Ein Schornstein auf dem Dach deutet auf den offenen Kamin hin, weswegen die Hütte bei Freddy in die engere Auswahl geraten ist.

Freddy hatte vor einiger Zeit im Internet nach einer geeigneten Unterkunft für diesen Trip gesucht. Der E-Mailkontakt mit dem Vermieter der Jagdhütte war eher dürftig. Und dass das Geld für die Mietdauer in bar vor Ort gezahlt werden sollte, machte Freddy stutzig. Doch es scheint ja alles zu klappen.

Mit ihrer Rückseite grenzt die Hütte an den Waldrand. Die Front- und Seitenfenster versprechen einen ungetrübten Blick über die tennisplatzgroße Lichtung, auf die sich die letzten Sonnenstrahlen verirren.

Die seitlichen Wagentüren öffnen sich und die Freunde verlassen die bequemen Sitze.

Simon reckt sich ausgiebig.

Nicole schaut auf ihr Handy und stöhnt: „Kein Empfang. Na toll!“

Jessica kramt sofort nach ihrem Smartphone und kann Nicoles Feststellung nur bestätigen:

„So ein Mist!“

Freddy, der einen Schlüssel aus dem Umschlag fischt, wirft munter ein: „Na ja, wir wollten doch ein wenig Abenteuer. Das beginnt also jetzt - ohne Netz und doppelten Boden.“

„Witzig“, bemerkt Nicole wenig begeistert.

Freddy steuert auf die billige Holztür mit Glaseinsatz zu, die einen Wintergarten verschließt. Dieser wurde nachträglich vor den eigentlichen Hauseingang gebaut. Die eins zwanzig hohen Holzwände des Wintergartens, mit Glasaufsätzen, die bis zum verlängerten Dach der Hütte reichen, bedecken die komplette Front.

Scheppernd fällt die Tür hinter Freddy zu.

Simon hat zwischenzeitlich beide Flügel der hinteren Wagentür geöffnet: „Hey, Stefan, hilf mir ausladen.“

Sowohl Stefan, als auch Angie, treten hinter den Wagen.

Nicole und Jessica laufen auf der Lichtung umher und testen, ob die Smartphones nicht doch in irgendeinem Winkel Empfang haben.

Freddy steckt denselben Schlüssel in das Schloss der eigentlichen Haustür, die im Gegensatz zur Wintergartentür einen stabilen Eindruck macht.

Überraschend leise lässt sie sich öffnen. Der Blick durch die halb aufgeschobene Tür ins Innere verrät erst mal nichts. Wegen der geschlossenen Fensterläden ist es stockdunkel.

Freddy drückt das schwere Türblatt weiter auf, so dass diffuses Licht durch die Wintergartenfenster fast bis zur Hälfte des Raumes dringt. Er greift um beide Ecken, um einen Lichtschalter zu finden. Fehlanzeige. An eine Taschenlampe hat er sowieso nicht gedacht und sein Smartphone liegt noch im Auto.

Na ja, es wird ja wohl nicht so schwer sein, den Weg zum Fenster zu gehen, um die Läden zu öffnen.

Langsam bewegt er sich nach links, in die Richtung, in der er das Fenster vermutet.

Seltsamerweise dringen die Geräusche der Freunde nicht bis hierher vor. Plötzlich nimmt er irgendwas war. Ein Rascheln? Ein Kratzen?

Dann geht alles sehr schnell: Ein grausam krächzender Schrei durchdringt die unheimliche Stille. Er stößt mit seinem rechten Schienbein an die Ecke eines Couchtisches, so dass ein fast unerträglicher Schmerz durch seinen Körper jagt. Instinktiv greift er zu seinem Bein und weicht damit einem Angriff aus, der auf seinen Kopf abzielte.

Schützend reißt er die Arme hoch und fällt dabei neben dem Tisch zu Boden. Der schwarze Angreifer flieht durch die geöffnete Tür und knallt vor eine Glasscheibe des Wintergartens.

Jessica, die gerade genau vor dieser Scheibe steht, weil sie immer noch mit ihrem Handy beschäftigt ist, schaut erschrocken hoch und sieht, wie eine Krähe voll vor die Scheibe knallt. Dabei verrenkt sich der Hals des Vogels seltsam und er fällt mit einem letzten Flügelzucken zu Boden, wo er regungslos liegen bleibt.

Jessica stößt einen hysterischen Schrei aus, auf den die anderen erschrocken reagieren.

Simon und Stefan rennen durch die Wintergartentür und weiter in den kaum erhellten Raum, wo Stefan mit Freddy zusammenprallt.

„Mann, verdammt. Was soll der Scheiß?“, brüllt Stefan.

Simon reißt sein Handy aus der Jeanstasche und schaltet es ein. Die Umrisse einer Sitzgruppe und des Couchtisches werden sichtbar.

Das Licht reicht aus, um zu sehen, dass sich außer den Dreien kein weiterer Mensch hier befindet. Simon geht zum Fenster, öffnet es, um sofort danach den Fensterladen aufzudrücken. Endlich ist der komplette Raum in helles Licht getaucht.

Vor dem offenen Kamin liegt ein Teil der Asche des letzten Feuers verstreut.

Zwischenzeitlich haben Angie sowie Jessica und Nicole den Wintergarten betreten. Betrübt schauen sie auf den toten schwarzen Vogel, dessen Gefieder teilweise mit Asche bedeckt ist und dem ein roter Blutfaden seitlich aus dem Schnabel läuft.

Paule I

Paul feiert Geburtstag. Seine Mutter hat ihn wie immer mit einem selbstgebackenen Kuchen verwöhnt, auf dem sie für jedes Lebensjahr eine Kerze steckte. Mittlerweile einundvierzig Stück. Paule ist landläufig als zurückgebliebener Irrer bekannt.

Großgewachsen, mit einer stabilen Statur und den dunklen, kurzen Haaren sieht er auf dem ersten Blick seinem Vater sehr ähnlich. Nur die schmal beieinander stehenden fast schwarzen Augen und die dicken Lippen hat seine Mutter ihm vermacht.

Die stark übergewichtige Schwester seiner Mutter ist zu Besuch sowie einige Damen aus der Kirchengemeinde. Alles in allem eine trostlose Geburtstagsfeier.

Paule, der wie gewöhnlich den blauen Arbeitsoverall seines Vaters trägt, reißt ungeduldig seine Geschenke auf. Er macht keinen Hehl aus seiner Enttäuschung, da nichts davon sein Interesse wecken kann.

Sofie, eine klapperdürre Erscheinung mit rotgefärbten Haaren, wagt es, ihm über den Kopf zu streichen. Eine Spur zu heftig wehrt er sich gegen diese fürsorgliche Geste, indem er ihre Hand mürrisch zur Seite schlägt.

Fass mich nicht an, du Drecksschlampe. Ich knall dich vor die Wand, wie Annes Katze und reiß dir die Eingeweide aus deinem dünnen Kadaver, tickt es in seinem kranken Gehirn.

Sofie überspielt die Situation, indem sie blöde kichert und sich den anderen zuwendet.

Während die Damen sich dem Kuchen und dem alltäglichen Klatsch hingeben, schnappt Paule sein Geschenk vom letzten Jahr und verlässt seine Feier.

Er stellt sich auf seinen silberfarbenen Tretroller, den seinen Vater ihm zum letzten Geburtstag schenkte. Das ist mit Abstand das Tollste, was er in seinem Leben bekommen hat.

Der Roller hat große, dicke Räder, mit denen er gut im Gelände fahren kann. Das ist wichtig, weil Paule es liebt durch den nahen Wald zu stromern und fast jeden Tag einen Abstecher zur Burg zu machen.

Heute will er zur Abwechslung mal wieder zur alten Jagdhütte. Als er über den Waldweg rollt, denkt er wehmütig an seinen Vater. Im Frühjahr hatte ihm seine Mutter erzählt, dass sein Vater für drei Jahre nach Afrika muss, um den armen Leuten beim Bau ihrer Hütten zu helfen. Das klang erst mal plausibel, weil sein Vater gelernter Zimmermann ist. Doch die Nachbarskinder hänselten ihn nun auch mit klangvollen Rufen wie: „Dein Vater ist im Gefängnis! Du bist der Sohn eines Knackis!“

Als er seine Mutter darauf ansprach, wiederholte sie nur, dass sein Vater in Afrika ist.

So weiß er also nicht genau, warum sein Vater im Gefängnis ist. Das ist ihm auch egal. Er vermisst den alten Mann, auch wenn er von ihm oft übers Knie gelegt wurde und den nackten Hintern versohlt bekam. Dann hatte er es wohl auch verdient.

Mittlerweile nähert er sich der Stelle, auf der die Jagdhütte seit Urzeiten steht. Mitten auf der Lichtung macht er einen großen