Gedichte von Natalie

Erstmals erschienen im Jahr 1808
Umschlaggestaltung, Überarbeitung:
Daniel Neuner
1. Auflage 2015

 

Widmung

Der liebenswürdigen Prinzessin

Fanny Reuss

zu Köstriz

gewidmet

von der Verfasserin

Sesostris

Im Triumph, nach mühevollen Tagen,

Kehrt Sesostris heim aus blutiger Schlacht.

Könige, die seine Fesseln tragen,

Mehren seines Zuges stolze Pracht;

Denn gespannt an hohen Siegeswagen,

Hat sie ihres Überwinders Macht.

Unvermögend, seinem Trotz zu fliehen,

Müssen sie ihn statt der Rösser ziehen.

 

Tiefgebeugt, und in sich selbst gekehrt,

Wanken sie dahin im finstern Gram.

Ach, dass er ihr Leben, so entehret,

Nicht zugleich mit Thron und Zepter nahm!

Seiner Diener Hohn, den niemand wehret,

Schärfet noch der Unterjochten Scham,

Und sie senken die ergrimmten Blicke,

Fluchend ihrem feindlichen Geschicke.

 

Einer wendet nur sein Haupt zur Seite,

Lächelt still mit wehmutsvoller Lust.

Ihm verletzt das schmähliche Geleite

Frecher Spötter nicht die Felsenbrust.

Nimmer mit sich selbst im bangen Streite,

Bleibt er seiner Würde sich bewusst,

Und des Rades ewig gleicher Schwung

Füllt sein Auge mit Beruhigung.

 

Und man hört Sesostris stolz ihn fragen:

Warum bleibt Dein Mut stets gleich und groß?

Schmachvoll zieh ich Deinen Siegeswagen,

Spricht der König – Schande ist mein Los.

Doch dies Rad hilft mir mein Elend tragen

Und erhält mich in der Hoffnung Schoß.

Gleich dem Glück hat mich sein Gang belehret,

Dass sich oben schnell nach unten kehret.

 

Da ergriffen schreckende Gewalten

Rau den Sieger, der so trotzig war;

Und er lässt den Zug des Wagens halten

Und steigt ab. Vor seiner Völkerschaar

Reichet er dem tiefgekränkten Alten

Seine Rechte zur Versöhnung dar.

Wohl vergänglich, spricht er, ist das Glück

Darum nimm die Krone nun zurück!

Beim Abschied

Wirst Du in der Ferne mein gedenken,

Wenn die Welt geräuschvoll Dich zerstreut?

Wirst Du oft mir stille Stunden schenken,

Der Erinnerung unsres Glücks geweiht?

 

Wird kein neues Band mir Dein Vertrauen,

Keines Deine Liebe mir entziehen?

Kann ich ganz auf Deine Treue bauen,

O so nimm mein Herz auf ewig hin!

 

Immer bleibt es zärtlich Dir ergeben,

Auch wenn nie mein Blick Dich wiedersieht.

Wenn getrennt von Dir mein trübes Leben

Wie ein Seufzerhauch vorüber flieht.

 

Ach so viele heucheln nur Gefühle

Einer nie gekannten Innigkeit;

Und in dem zerstreuenden Gewühle

Endet schnell der Schwur der Ewigkeit.

 

Darum will ich nicht Dir Treue schwören,

Aber fest und liebend halt' ich sie,

Und die Zukunft soll Dir ewig lehren

Deiner Freundin Herz vergisst Dich nie.

Der Liebende an eine verwelkte Blume

Diese Blume – ach sie kam von ihr!

Auch verwelkt noch ist sie heilig mir.

Längst sind ihre Farben hingeschwunden,

Wie die Seligkeit vergangener Stunden

Aber dennoch bleibt sie heilig mir,

Diese Blume – denn sie kam von ihr.

 

Tausend blühen schimmernd jetzt im Hain

Farbe und Duft erfüllt ihr kurzes Sein

Aber mich reizt ihre Schönheit nicht,

Wenn nicht ihre Hand sie für mich bricht.

Längst verblichene Blume, Du allein

Sollst mir Weihgeschenk des Frühlings sein.

 

Tränen trüben schwellend meinen Blick,

Denk' ich an den schönen Tag zurück,

Wo sie Dich im Morgenthau mir pflückte,

Und ich zärtlich an mein Herz Dich drückte.

Teure Blume – mein entflohenes Glück

Kehrt wie deine Farbe nie zurück!

Heimweh

Was zieht uns aus der Fremde bunten Kreisen

Zur Heimat hin mit stürmischer Gewalt,

Als ginge ewig dort in sanften Gleisen

Der Strom des Glücks, der sonst uns nirgends wallt?

 

Was löscht in verborgenen, heißen Tränen

Des Lebens Glanz, der düster uns verbleicht,

Wenn still herbei geführt von zartem Sehnen

Das Bild des Vaterlandes uns beschleicht?

 

Es ist das Heimweh, das mit bangen Schmerzen

In fremden Ländern schauernd uns ergreift,

Das nach und nach von dem erkrankten Herzen

Den Blütenschimmer jedes Frohsinns streift.

 

Das zieht uns aus der Fremde schöneren Kreisen

Zum Vaterland mit mächtiger Gewalt,

Und tauscht den Trieb nach Neuheit und nach Reisen

In Wünsche um nach stetem Aufenthalt.

Die Erscheinung

Ist's Dein Schatten, der mit lindem Wehen

Leise oft, und flüsternd um mich schwebt,

Dass mir ahnungsvoll das Herz erbebt

Und mir Tränen in den Augen stehen?

 

Deinen Körper birgt das dunkle Grab;

Doch in lichte, höhere Regionen,

Unter Engeln schwesterlich zu wohnen,

Schwang der Geist sich, welchen Gott Dir gab.

 

Sollt' er liebevoll mir wiederkehren,

Weil er weiß, wie bang ich Dich entbehrt?

Weil mein Herz, von Sehnsucht still verzehrt,

Sich des bitteren Grams nicht kann erwehren?

 

O gib Antwort mir auf diese Frage,

Denn Dein nachtumhülltes Schattenbild

Ohne Deine Rede, sanft und mild,

Weckt nur inniger der Wehmut Klage.

 

Sprich wie sonst, mit freundlichem Vertrauen,

Das Dich wiederum mir näher bringt,

Ach der Schmerz, der jetzt mich tief durchdringt,

Löst sich sonst in schauerliches Grauen.

 

»Fasse Mut, und hebe ohne Tränen

Deine Blicke liebend zu mir auf.

Um zu lindern Dein unendlich Sehnen

Stieg ich aus der Schattenwelt herauf.

 

Sieh, ich bin noch – nimmer kann vergehen,

Was in reiner Unschuld einst gelebt,

Und gestillt in wonnevollen Wehen

Wird der Schmerz, der irdisch uns durchbebt.

 

Warum klagst Du, dass ich früh gesunken,

In der Erde kühlen Mutterschoß?

Vom Entzücken höherer Sphären trunken,

Ist der Himmel Wonne nun mein Los.

 

Denn in Staub zerfallen ist die Hülle,

Die so schmerzvoll meinen Geist umwand;

Doch ihn selbst belohnt des Leidens Fülle

Jetzt mit ewiger Ruh' ein bessres Land.

 

Dass ich noch Dir tröstend wiederkehre,

Ist der Freundschaft Werk, die fest und rein

Uns vereinigte, und sieh, ich ehre

Ihr Gebot auch noch im bessern Sein.

 

Scheiden muss ich, aber stillen Frieden

Statt der bangen Sehnsucht nimm von mir.

Wiedersehen ist uns einst beschieden,

Denn des Lebens Fackel löscht auch Dir.

 

Ruhig sieh zu meiner Gruft hinab,

Denn der Menschheit edelste Gefühle

Werden nicht zu Staub im tiefen Grab

Fest bestehen sie noch am letzten Ziele.  

Trennung

Maienlüfte wehen durch die Haine,

Blüten brechen aus dem Keim hervor;

In der Sonne mütterlichem Scheine

Richtet sich die Pflanzenwelt empor.

Vögel singen in den grünen Zweigen,

Käfer schweben freudig hin und her

Doch aus mir will nicht der Winter weichen,

Und das Herz ist mir erstarrt und schwer.

 

Sonst begrüßte' ich gern das rege Leben,

Das im Lenz sich jugendlich erneut,

Und mit ahnungsvollem, süßem Beben,

Füllte mich des Jahres Erstlingszeit.

Aber jetzt verdunkeln bittre Tränen

Mir die frische, lächelnde Natur,

Und des Busens ungestilltes Sehnen,

Zeigt mir Bilder dumpfer Schwermut nur.

 

Denn der Zauber ist von mir gewichen,

Der mir sonst die öde Welt verklärt.

Ach jetzt dünkt sie leer mir und verblichen,

Nicht mehr ist sie meiner Wünsche wert.

Trennung rief in eine weite Ferne

Meines Lebens einziges, höchstes Glück,

Seitdem traten meiner Hoffnung Sterne

In des Kummers finstere Nacht zurück.

 

Wenn uns schwere Träume oft umfangen,

Mut und Kraft uns lähmend in der Brust,

Stillt der Morgen das erträumte Bangen

Mit des fröhlichen Erwachens Lust;

Und wir lächeln über die Gefahren,

Aufgetürmt von schwarzer Fantasie.

Alle Schrecken, welche wir erfahren,