cover image

Paul Heyse

Die Pfadfinderin

Novelle

Paul Heyse

Die Pfadfinderin

Novelle

Veröffentlicht im Null Papier Verlag, 2019
1. Auflage, ISBN 978-3-962811-49-5

null-papier.de/509

null-papier.de/katalog

Dan­ke

Dan­ke, dass Sie sich für ein E-Book aus mei­nem Ver­lag ent­schie­den ha­ben.

Soll­ten Sie Hil­fe be­nö­ti­gen oder eine Fra­ge ha­ben, schrei­ben Sie mir.

 

Ihr
Jür­gen Schul­ze

Newslet­ter abon­nie­ren

Der Newslet­ter in­for­miert Sie über:

htt­ps://null-pa­pier.de/newslet­ter

Die Pfadfinderin

Ich war den gan­zen Tag ein­fach durch die lang ge­streck­ten Tä­ler ge­wan­dert, un­ter ei­nem ver­dros­se­nen, blei­far­be­nen Herbst­him­mel, zwi­schen dunklen, un­ab­seh­li­chen Fich­ten­wäl­dern, in de­nen sich we­nig Le­ben­di­ges reg­te, als hie und da ein paar schweig­sa­me alte Leu­te an ei­nem Koh­len­mei­ler, oder Holz­knech­te, die das Flö­ßer­ge­schäft be­sorg­ten und eben­falls nicht red­se­lig auf­ge­legt wa­ren. Auch der Fluss, der mich An­fangs mit mun­te­rem Rau­schen be­glei­tet hat­te, floss end­lich trä­ger und mür­ri­scher, als habe er ge­merkt, dass wir Zwei uns nicht ver­stän­di­gen konn­ten. So war ich froh, als er ge­gen Abend eine star­ke Bie­gung mach­te und in einen wei­ten, la­chen­den Tal­grund ein­lenk­te, wo links und rechts auf den Hän­gen, die in brei­ten Stu­fen hin­an­stie­gen, hel­le Laub­bäu­me im letz­ten Ta­ges­lich­te stan­den und klei­ne Ge­höf­te über­all zer­streut aus den Wie­sen her­vor­sa­hen. Tie­fer hin­ab schi­en ein großes Dorf sich um einen al­ten Her­ren­sitz zu la­gern, aber so von den Wip­feln der Kas­ta­ni­en- und Nuss­bäu­me über­ragt, dass selbst der Kirch­turm da­hin­ter ver­schwand. Die Luft, die in der feuch­ten Enge der Schlucht be­klom­men und streng ge­we­sen war, mil­der­te sich hier plötz­lich. Es wur­de mir auf ein­mal leicht ums Herz, und ich stand un­will­kür­lich still, um all das Er­freu­li­che, das da vor mir aus­ge­brei­tet war, erst im Gan­zen zu ge­nie­ßen, eh’ ich es Stück für Stück in Be­sitz nahm.

Zur Lin­ken, etwa drei­ßig Schritt von der Stel­le, wo der Fluss sich wen­det, lag eine große Schnei­de­müh­le, der ge­gen­über sich ein Häu­schen be­fand, et­was grö­ßer und schmu­cker als die ge­wöhn­li­chen Bau­ern­häu­ser, zu­mal durch einen Blu­men- und Obst­gar­ten ver­schönt, wie er in die­sen Ge­gen­den nicht häu­fig ge­fun­den wird. Zwi­schen Haus und Müh­le lief die Land­stra­ße durch, und von der Müh­le aus führ­te ein ho­her Steg auf das an­de­re Ufer, wo große Holz­vor­rä­te, schon ge­schnit­te­ne Stäm­me und Flöß­holz, sehr or­dent­lich bei ein­an­der auf­ge­schich­tet la­gen. Die Rä­der schie­nen vor Kur­zem ge­stellt zu sein, vom Dorf her­auf läu­te­te das Ave­ma­ria und aus dem un­tern Ge­schoss des Hau­ses drang ein Sum­men und Mur­meln, wie wenn dort vie­le ver­sam­mel­te Men­schen vor dem Nachtes­sen das üb­li­che Ge­bet her­sag­ten.

In­dem ich so in Se­hen und Hö­ren ver­sun­ken eine Wei­le ras­te­te, in je­ner an­ge­neh­men Be­täu­bung, in der sich nach lan­ger An­stren­gung die Sin­ne zu sam­meln und aus­zu­ru­hen pfle­gen, fühl­te ich plötz­lich einen herz­haf­ten Schlag auf mei­ne Schul­ter und sah, mich er­staunt um­wen­dend, ei­nem al­ten Be­kann­ten ins Ge­sicht, der mir frei­lich schon lan­ge aus der Kun­de ge­kom­men war. Und da ich ihn über­dies nie in sol­chem Auf­zug ge­se­hen hat­te, wie er hier, gleich­sam aus dem Bo­den ge­wach­sen und dazu ge­hö­rig, sich dar­stell­te, brauch­te ich ei­ni­ge Se­kun­den, bis mir sein Name von den Lip­pen sprang und mei­ne Hand sich mit der sei­ni­gen in ei­nem freund­schaft­li­chen Druck be­geg­ne­te.

Vor mehr als zehn Jah­ren hat­ten wir uns häu­fig ge­se­hen, man­che Stun­de mit ein­an­der ver­schwatzt, über lus­ti­ge und ernst­haf­te Din­ge un­se­re Mei­nun­gen ge­tauscht und, da wir sehr ver­schie­de­ne Küns­te trie­ben, Je­der dem An­dern von dem Sei­ni­gen mit­ge­teilt. Er hieß Dok­tor Wen­de­lin, war um ein gut Stück äl­ter als ich und sah noch ver­wit­ter­ter aus, als An­de­re in Sei­nen Jah­ren, da er sich nie ge­schont und un­ter man­chem Him­melss­trich durch Müh­sal, Man­gel und Ge­fah­ren al­ler Art durch­ge­schla­gen hat­te. Denn er konn­te die Na­tur­wis­sen­schaf­ten, de­nen er sich ge­wid­met hat­te, vor Al­lem Zoo­lo­gie und Bo­ta­nik, nicht wie so man­cher An­de­re sess­haft hin­ter Bü­chern und Samm­lun­gen be­trei­ben. Kaum einen Win­ter lang hielt er es an Ei­nem Orte aus, kaum so lan­ge, um die Er­geb­nis­se sei­ner For­schun­gen in ei­ni­gen Auf­sät­zen nie­der­zu­le­gen; als­dann riss es ihn wie­der auf, und er muss­te wan­dern. Sei­ne Fach­ge­nos­sen spra­chen mit be­son­de­rem Re­spekt von ihm, als Ei­nem, dem über­all, wo er mit dem Wan­der­stab an­klopf­te, eine neue un­ge­ahn­te Quel­le der Er­kennt­nis sprin­ge, und be­dau­er­ten nur, dass er sich nie ent­schlie­ßen kön­ne, ein grö­ße­res zu­sam­men­hän­gen­des Werk zu schrei­ben oder einen Lehr­stuhl zu be­stei­gen. An­de­re wie­der ga­ben ihm dar­in Recht, dass er tat, wozu er am meis­ten taug­te: Wege zu Su­chen, An­re­gun­gen aus­zu­streu­en, ge­ra­de da, wo man schon ab­ge­schlos­sen zu ha­ben wähn­te, ein neu­es Pfört­chen auf­zu­ma­chen. Und da er auch sonst et­was Un­welt­läu­fi­ges hat­te und »Eu­ro­pens über­tünch­te Höf­lich­keit nicht kann­te« oder zu be­ob­ach­ten ver­schmäh­te, hat­ten ihm sei­ne Freun­de den Na­men »Pfad­fin­der« oder »Le­der­strumpf« an­ge­hängt, den er sich ganz wohl ge­fal­len ließ, und mit dem auch ich ihn be­grüß­te. Er hat­te ihn nie bes­ser ver­dient, als jetzt, wo er plötz­lich aus ei­nem weg­lo­sen Dickicht zur Sei­te her­ab­ge­schneit, wie ein Vet­ter Rü­bezahls hin­ter mir stand, die hohe, et­was ha­ge­re Ge­stalt in ei­nem grau­en Kit­tel und kur­z­en le­der­nen Knie­ho­sen, gel­ben Ka­ma­schen und mäch­ti­gen Na­gel­schu­hen, einen aus­ge­wa­sche­nen und ver­bo­ge­nen Stroh­hut auf dem brau­nen Kraus­kopf, des­sen Lo­cken schon merk­lich ins Graue spiel­ten, der Bart un­ge­scho­ren und un­ge­pflegt. Doch wa­ren die blau­en Au­gen, zu­mal wenn er plötz­lich die halb ge­senk­ten Li­der öff­ne­te und Je­mand schalk­haft oder ernst­haft an­blitz­te, von ei­nem Ju­gend­glanz, der wohl auch noch ei­nem Mäd­chen ge­fähr­lich wer­den moch­te, und wenn er lach­te, sah man die wei­ßen Zäh­ne, noch alle un­ver­sehrt, durch den an­ge­grau­ten Bart Schim­mern.

Er trug einen leich­ten Tor­nis­ter auf dem Rücken, eine schwe­re Blech­kap­sel an der Sei­te, einen der­ben Stock mit blan­kem Stahl­ham­mer in der Faust.

Nach­dem wir die ers­ten Fra­gen und Ant­wor­ten über un­ser Wo­her und Wo­hin ge­wech­selt hat­ten, wo­bei ich na­tür­lich be­stimm­te­re Aus­kunft ge­ben konn­te als er, der ewi­ge Wan­de­rer, der »Un­be­haus­te, der Flücht­ling ohne Rast und Ruh«, sag­te er, in­dem er mit sei­nem Ham­mer nach dem Dorf hin­un­ter­zeig­te:

Wenn es Ih­nen dar­um zu tun ist, Fo­rel­len zu es­sen und sie in ei­nem zwei­fel­haf­ten Dei­des­hei­mer schwim­men zu las­sen, so ge­hen Sie dort hin­un­ter, wo sie Bei­des so gut und teu­er ge­nie­ßen kön­nen, wie nur ir­gend in ei­nem Post­wirts­hau­se hie­si­ger Ge­gend. Aber da Sie vor Zei­ten mehr auf Men­schen als auf Fi­sche ver­ses­sen wa­ren, lade ich Sie ein, hier ganz in der Nähe vor­lieb zu neh­men. Das Häu­schen, das Sie dort ne­ben der Sä­ge­müh­le se­hen, ge­hört Leu­ten, bei de­nen ich seit lan­gen Jah­ren ziem­lich gut an­ge­schrie­ben bin, und die ken­nen zu ler­nen wohl der Mühe wert ist. Ich habe ei­gens um ih­ret­wil­len die­sen Um­weg ge­macht; ob­wohl für mei­ne Zwe­cke nicht eben viel da­bei her­aus­schaut, da ich die­sen Win­kel ken­ne, wie mei­ne Ta­sche, und mit Al­lem, was hier kreucht und fleucht, von Ur­groß­el­tern her ver­traut bin. Aber sie wür­den glau­ben, ich sei ge­stor­ben oder ver­dor­ben, wenn ein Jahr ver­stri­che, ohne dass ich ein­mal wie­der die Bei­ne un­ter ih­ren Tisch streck­te, und auch mir selbst wür­de et­was feh­len. – Ma­chen Sie nur kei­ne Um­stän­de. Als gu­ter Freund ei­nes gu­ten Freun­des wer­den Sie bei die­sen wa­cke­ren Men­schen sehr will­kom­men sein, und in der Gast­stu­be dro­ben, wo ich un­ter­ge­bracht wer­de, steht im­mer ein zwei­tes Bett. Auch dass Sie ein Ket­zer sind, braucht Sie nicht zu küm­mern. Denn es wird zwar eben da drin­nen kräf­tig ge­be­tet, und im Zim­mer oben hängt ein Weih­kes­sel, aber die Haus­frau selbst ist kei­ne Ka­tho­li­kin, und dass ich selbst ein hal­ber Hei­de bin, hat un­se­re Freund­schaft nie ge­stört.

Mit die­sen Wor­ten schritt er mir vor­an auf das Haus zu, in dem ge­ra­de das Sum­men der Be­ten­den ver­stumm­te, und öff­ne­te ohne an­zu­klop­fen die Tür.

Gu­ten Abend mit ein­an­der! sag­te er. Ist’s er­laubt ein­mal wie­der vor­zu­spre­chen und noch einen Gast mit­zu­brin­gen?

Herr­gott, der Ge­vat­ter! rief eine tie­fe Frau­en­stim­me, die das Si­gnal zu ei­nem lus­ti­gen Cho­rus aus Mäd­chen- und Män­ner­keh­len gab. Im nächs­ten Au­gen­blick sah ich mei­nen Freund von ei­nem bun­ten Ge­tüm­mel hem­därm­li­ger Ge­stal­ten um­ringt, die von ih­ren Sit­zen auf­ge­stan­den wa­ren und den al­ten Haus­freund mit freund­schaft­li­chem Un­ge­stüm be­will­komm­ten.

Ich, an der Tür un­be­ach­tet zu­rück­ge­blie­ben, hat­te Muße, mir den Ort und die Men­schen dar­in zu be­trach­ten. Es war ein sehr großes, vier- oder gar fünf­fenst­ri­ges Zim­mer mit nied­ri­ger De­cke, sau­ber weiß ge­tüncht und nach Art der Wirts­stu­ben mit we­ni­gen Mö­beln aus­ge­rüs­tet. An der Fens­ter­sei­te stand ein lan­ger Tisch, um den etwa ein Dut­zend Dienst­leu­te, Män­ner und Dir­nen, um zwei rie­si­ge Schüs­seln sa­ßen, und wei­ter aßen, ohne sich, nach dem ers­ten Um­bli­cken und Köp­fe­zu­sam­men­ste­cken, um die frem­den Gäs­te wei­ter zu küm­mern. An der Ofen­sei­te, an ei­nem klei­ne­ren Tisch, hat­te die Fa­mi­lie des Haus­herrn ge­ses­sen, der Sä­ge­mül­ler, ein statt­li­cher Mann in den bes­ten Jah­ren, die Frau, von der noch wei­ter die Rede sein wird, drei hoch­ge­wach­se­ne bäu­er­lich ge­klei­de­te Töch­ter, dem Va­ter mit ih­ren der­ben rot­wan­gi­gen Blond­köp­fen wie aus den Au­gen ge­schnit­ten, etwa von neun­zehn bis fünf­zehn Jah­ren, wäh­rend ein schlan­ker Kna­be am Ende des Ti­sches, der an et­was Künst­li­chem ge­schnitzt und das Es­sen noch nicht be­rührt hat­te, mit großen brau­nen Au­gen, die der Mut­ter ge­hör­ten, den frem­den Gast an­starr­te. An der ein­fa­chen Nacht­kost, ei­nem Mehl­schmar­ren und Bir­nen­schnitz, hat­ten noch ein paar Män­ner Teil ge­nom­men, von de­nen ich aber, da kei­ne Vor­stel­lung Statt fand, nichts zu sa­gen weiß, als dass sie mir wie Ge­schäfts­leu­te, Ge­trei­de- oder Holz­händ­ler, vor­ka­men und sich auch gleich nach dem Es­sen emp­fah­len.

Rich­tig! hör­te ich jetzt mei­nen Freund mit sei­ner kräf­ti­gen Stim­me la­chen. Noch im­mer die al­ten Nacht­fal­ter, die kei­ne Ker­ze an­zün­den, so lan­ge sie noch den Mund fin­den kön­nen. Es mag beim Es­sen sein Gu­tes ha­ben, da­mit Keins dem An­dern die saf­ti­ge­ren Schnitz vor dem Löf­fel weg­fischt. Aber wenn alte Freun­de nach Jahr und Tag sich wie­der­se­hen, Wet­ter auch! da will ich’s hell ha­ben, dass man sich die Fal­ten im Ge­sicht zäh­len und se­hen kann, ob der Vor­rat sich ge­mehrt hat. Ist mir’s doch eben pas­siert zu der Zenz Toni zu sa­gen, was eine Schan­de ist für einen recht­schaf­fe­nen Ge­vat­ter.

Das jüngs­te Mäd­chen war schon bei den ers­ten Wor­ten hin­aus­ge­lau­fen und brach­te jetzt ein bren­nen­des Licht aus der Kü­che her­ein. So! sag­te der alte Freund, nun seh’ ich doch erst, dass du seit vorm Jahr die Kin­der­schuh aus­ge­tre­ten hast, Chris­tel. Und wie sieht’s heu­er aus mit dem Ko­chen? Schau, da ist ein frem­der Herr, der gern einen Eier­ku­chen von dei­ner Fa­brik es­sen möch­te, und wenn du ein paar Schin­ken­schnit­te dar­an tä­test, wür­de er auch nicht böse sein, denn er ist ein Städ­ter und den gan­zen Tag mar­schiert, und ich fürch­te, um eu­ern schö­nen Schmar­ren ist’s ihm nicht zu tun. Lie­be Ge­vat­te­rin, wenn Sie noch ein Bi­schen rücken, so kann er zwi­schen uns Bei­den sit­zen.

Nun trat die Frau auf mich zu, mich zu be­grü­ßen und sich zu ent­schul­di­gen, dass man mich bis­her über­se­hen habe; es sei al­le­mal eine so große Freu­de, wenn der Ge­vat­ter ins Haus kom­me, und eine so sel­te­ne, dass an­de­re Gäs­te dar­über zu kurz kämen, wenn auch nur für die ers­ten zehn Mi­nu­ten. Ich konn­te sie jetzt beim Ker­zen­licht, und wäh­rend sie mir ru­hig ge­gen­über­stand, ge­nau­er be­trach­ten und sah, dass sie zwar nie so ei­gent­lich schön ge­we­sen, aber un­ter die­sen Bau­ern­ge­sich­tern im­mer auf­ge­fal­len sein muss­te durch eine ge­wis­se Fein­heit, die mehr im Blick und Aus­druck lag, als in den Zü­gen. Schön ge­formt war nur die Stirn und der Mund, und wenn sie lä­chel­te, was sel­ten ge­sch­ah und fast nur über ein Scherz­wort des al­ten Freun­des, konn­te sie auf ein­mal ganz ju­gend­lich aus­se­hen, ob­wohl ihr brau­nes Haar schon stark mit Sil­ber­fä­den durch­zo­gen war. Das Ei­gen­tüm­lichs­te an ihr schi­en ihre Stim­me, so weich und sanft bei al­ler Tie­fe, wie es den Alt­stim­men im Re­den sel­ten ei­gen ist. Ge­klei­det war sie ganz wie eine wohl­ha­ben­de Bäue­rin die­ser Ge­gend, nur dass sie kei­ne Hau­be trug, son­dern das Haar mit ei­nem dunklen Ban­de auf­ge­bun­den und durch einen Kamm im Na­cken zu­sam­men­ge­hal­ten.

Jetzt reich­te mir auch der Mann die Hand und nö­tig­te mich an den Tisch. Er ent­schul­dig­te sich, dass er we­der Bier noch Wein uns vor­zu­set­zen habe, nichts als einen En­zian­brannt­wein, den frei­lich Je­der rüh­me. Aber wenn ich kein Lieb­ha­ber sei, wol­le er so­gleich ins Dorf hin­ab­schi­cken, ich sol­le nur sa­gen, was ich zu trin­ken be­geh­re.

Der Kna­be, der, wie ich jetzt sah, an ei­nem ganz sinn­reich kon­stru­ier­ten Mo­dell ei­nes Zug­brück­chens ge­schnitzt hat­te, stand bei die­sen Wor­ten auf und sah mich fra­gend an, um je nach mei­nem Ent­scheid das Ge­wünsch­te her­bei­zu­schaf­fen. Ich ver­bat mir na­tür­lich alle Um­stän­de, nahm mei­nen Ehren­platz zwi­schen der Haus­frau und Freund Le­der­strumpf ein, und kei­ne zehn Mi­nu­ten ver­gin­gen, so war es mir so hei­misch wohl an die­sem Ti­sche, als ge­nös­se ich die äl­tes­ten gast­freund­schaft­li­chen Rech­te.

Das war nun frei­lich vor Al­lem das Ver­dienst des ei­gent­li­chen Gast­freun­des, der mich un­ter sei­ne Fit­ti­che ge­nom­men. Denn die­ser ewi­ge Wan­de­rer ver­stand aufs Treff­lichs­te die Kunst, über­all, wo er nur eine Stun­de ras­te­te, eine Stim­mung von Häus­lich­keit und Be­ha­gen zu ver­brei­ten und alle un­be­que­me Fremd­heit zu ver­ban­nen. Wie viel mehr muss­te es ihm ge­lin­gen, in die­sem Hau­se es sich und An­de­ren wohl sein zu las­sen, da er, wie er sel­ber er­zähl­te, un­ter kei­nem Da­che der Erde so vie­le Näch­te ge­schla­fen hat­te, wie un­ter die­sem – frei­lich nicht in Ei­nem Strich. Es war auch, als sei er ges­tern erst ge­gan­gen, so ge­nau wuss­te er um Al­les Be­scheid, was die­se Leu­te er­lebt hat­ten, so sorg­sam er­kun­dig­te er sich bei je­dem Ein­zel­nen, El­tern und Kin­dern, nach all’ ih­ren großen und klei­nen An­ge­le­gen­hei­ten. Ich er­fuhr, dass eine äl­te­re Toch­ter seit zwei Jah­ren an einen rei­chen Wirt zwei Stun­den ab­wärts ver­hei­ra­tet war und schon einen Bu­ben hat­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­