Mikael Engström

Kaspar, Opa und der Monsterhecht

Aus dem Schwedischen von Birgitta Kicherer

Mit Bildern von Peter Schössow

dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, München

Über Mikael Engström

Mikael Engström, geboren 1961, begann seine Schriftstellerlaufbahn mit Erzählungen für jüngere Kinder. »Brando« und »Ihr kriegt mich nicht« wurden für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert. »Kaspar, Opa und der Monsterhecht« ist das erste Kaspar-Abenteuer für Kinder, wurde u. a. mit dem »Luchs« der ZEIT und Radio Bremen ausgezeichnet.

 

Peter Schössow, geboren 1953 in Hamburg, gehört zu den wichtigsten Bilderbuchkünstlern in Deutschland. Für seine Arbeiten wurde er u. a. mehrfach mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis, dem Troisdorfer Bilderbuchpreis, von der Stiftung Buchkunst und dem Art Directors Club Deutschland ausgezeichnet.

Über das Buch

Hätte der Außenborder von Opas Boot nicht den Geist aufgegeben und hätte die Zeitung nicht einen Angelwettbewerb ausgeschrieben mit einem sensationellen Preis für den, der den schwersten Hecht an Land zieht, dann hätten Kaspar und Opa einfach weiter Barsche angeln und ihre Holzpferdchen schnitzen können. Geht aber nicht.

Kaspar muss nämlich alles daran setzen, den Monsterhecht zu fangen – um Opa zu retten. Der plant nämlich ernsthaft zu mogeln. Und das geht natürlich gar nicht.

Impressum

2017 dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, München

© 1997 Mikael Engström (Text)

© 2015 Carl Hanser Verlag München (Illustrationen)

Titel der Originalausgabe:

›Kaspar – Atomragnar och Gäddkungen‹

(Rabén & Sjögren, Stockholm 1997)

Published by arrangement with Rabén & Sjögren Agency

Alle Rechte der deutschsprachigen Ausgabe:

© 2015 Carl Hanser Verlag München

Umschlagillustration und -gestaltung: Peter Schössow

 

Das Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist nur mit Zustimmung des Verlags zulässig. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

 

eBook-Herstellung im Verlag (01)

 

eBook 978-3-423-43226-9 (epub)

ISBN der gedruckten Ausgabe 978-3-423-62661-3

 

Ausführliche Informationen über unsere Autoren und Bücher finden Sie auf unserer Website www.dtv.de/ebooks

ISBN (epub) 9783423432269

Ein schöner Abend, um Barsche zu angeln

Großvater und Kaspar saßen in der Küche und schnitzten Holzpferdchen. Großvater trank Bier und Kaspar Orangenlimonade. Kaspar war fast sieben und wohnte bei seinem Großvater in einem kleinen Dorf in Dalarna, einer Landschaft mitten in Schweden. Großvater hatte seine hellgraue Kappe auf, die vorn am Schirm, wo er sie beim Auf- und Absetzen anfasste, ganz braun war vom Schnupftabak an seinen Fingern. Unterm Rand der Kappe quollen seine Haare hervor wie graues Moos. Er hatte eine Brille auf der Nase und einen Lederschurz voller Messerkerben über den Knien. Großvater sah sanft und freundlich aus, und das war er auch meistens. Er war die Ehrlichkeit in Person, Kaspar hatte ihn noch nie lügen gehört. Das konnte Großvater wahrscheinlich gar nicht.

Eigentlich sollten alle Häuser in Großvaters Dorf rot sein, rot mit weißen Ecken. Aber Großvaters Haus war grau und verwittert. Irgendwie war er nie dazu gekommen, es anzustreichen. Kaspars Eltern reisten durch die Welt und halfen armen Menschen in armen Ländern, das war ihre Arbeit. Sie versuchten, das Elend der Welt etwas weniger elend zu machen. Weniger Krieg und Hunger, mehr Frieden und Essen. Kaspar konnte sich kaum noch daran erinnern, wie seine Eltern aussahen. Nur daran, dass sein Vater groß war und seine Mutter klein. Großvater behauptete, sie wären verrückt.

»Mit dem Elend der Welt wird man nicht fertig. Niemand ist jemals mit dem Elend der Welt fertig geworden. Das ist wie mit dem Wetter. Das hört auch nie auf. Gutes Wetter wird zu schlechtem Wetter, und schlechtes wird zu gutem«, sagte er.

»Versteh ich nicht, Opa«, sagte Kaspar.

»Kaum verschwindet das Elend irgendwo, taucht es anderswo als neues Elend wieder auf. Darum ist es wie das Wetter, das auch nicht aufhört. So meine ich das.«

Auf der Arbeitsbank standen frisch geschnitzte Pferdchen und verströmten einen gelben Duft. Den fertigen Pferdchen sah man sofort an, welche Kaspar gemacht hatte und welche Großvater. Kaspars Pferdchen wurden meistens o-beinig, schiefbeinig und x-beinig. Manche hatten auch ein Hohlkreuz, und andere wurden zu dünn. Keins sah aus wie das andere, weil er an manchen Stellen zu viel wegschnitzte und an anderen zu wenig. Trotzdem war Großvater mit Kaspar zufrieden.

»Die Pferde müssen nicht alle gleich sein«, sagte er. »Die Spannung liegt im Unterschied. Immer alles schön brav und ordentlich machen, das ist nur was für ängstliche Gemüter. Im Originellen steckt eine ganz eigene Freiheit. Das Ungewöhnlichste kann zugleich das Schönste sein.«

Großvater sprach oft in Rätseln. Aber sonst war er eigentlich ganz normal.

Viele von Kaspars Pferdchen waren so verschnitzt, dass man sie nicht zum Bemalen geben konnte, und Großvater hatte sie auf ein eigenes Regal oben knapp unter den Dachbalken gestellt. Dort standen die Hinkebeine und die Krummen, die Mageren und die Geschwollenen. Es war das Regal der Klepper.

»Das da sind wenigstens Pferde mit Inhalt und Sinn«, sagte Großvater über das Regal.

»Ich find deine trotzdem am schönsten«, sagte Kaspar. »Glatt und alle schön gleich.«

»Meine sind langweilig und eintönig, weil sie nur dem Broterwerb dienen. Deine dagegen könnte man als Kunst bezeichnen«, sagte Großvater und deutete mit dem Messer nach oben, wo sie standen.

Meine, dachte Kaspar, könnte man als Murks bezeichnen.

Zehn Pferdchen hatte Großvater inzwischen geschnitzt, Kaspar zwei, und eins davon war ein Klepper geworden. Es hatte einen viel zu großen Kopf und zwei spindeldürre Hinterbeine. Großvater stellte es auf das Klepperregal.

Großvater lebte davon, Holzpferdchen zu schnitzen. Meistens schnitzte er an die hundert davon, bevor er sie im Dorfladen ablieferte, bei Atom-Ragnar. Dafür erhielt er dann ein Sümmchen, das fürs Nötigste reichte, für Lebensmittel, Schnupftabak und Bier. Atom-Ragnar verkaufte die Pferdchen hinterher mit doppeltem Gewinn an die Bemaler, aber das kümmerte Großvater nicht. Er fand es bequem, dass er die Pferdchen bloß zum Dorfladen zu bringen brauchte, um Geld zu verdienen. Das genügte ihm. Die Bemaler verkauften die roten Pferdchen dann wieder mit doppeltem Gewinn zurück an alle möglichen Dorfläden, auch an den von Atom-Ragnar zum Beispiel. Und die Dorfläden verkauften die Pferdchen wieder mit doppeltem Gewinn an Touristen, damit die sich nach dem Urlaub erinnerten, wo sie überhaupt gewesen waren.

Atom-Ragnar war der Dorfkrämer, der mit allem, was es gab, Handel trieb. Dass er Atom-Ragnar genannt wurde, kam daher, dass er nicht an Atome glaubte. Er schrieb immer wieder Leserbriefe an die Lokalzeitung und erklärte, Atome gebe es gar nicht. Außerdem behauptete er, die Mondlandung der Amerikaner sei ein riesengroßer Bluff gewesen. Er habe die ganze Sache im Fernsehen gesehen, und im Hintergrund habe ein Militärjeep gestanden. Das Ganze sei Lug und Trug. Sonst hatte er eigentlich keine besonderen Ansichten. Sein Leben verbrachte er damit, aus allem Geld herauszuschlagen.

Es ging schon auf den Abend zu, und Großvater rammte die Schnitzmesser mit der Spitze in den Küchentisch. Ein dicker Teppich aus Holzspänen bedeckte den Fußboden. Für heute machten sie Schluss mit dem Broterwerb.

Es war ein schöner Abend, um Barsche zu angeln, fand Großvater, also fuhren sie auf seinem alten schwarzen Fahrrad zum Siljansee hinunter. Kaspar saß auf dem Gepäckträger und streckte die Beine weit von sich, damit seine Füße ja nicht in die Speichen gerieten. Schnell sausten sie an Schafweiden und Wiesen voller Glockenblumen vorbei. Mal war der Fahrtwind kalt, mal war er warm.

Großvater und Kaspar waren Schwarzangler. Das sei vertretbar, sagte Großvater. Alle Fischereirechte am See gehörten nämlich Åhman, und der sei schon reich genug. Aber sie mussten aufpassen, darum angelten sie immer nur abends.

Großvaters Boot lag in der Finkelbucht, ein Ruderboot, das er selbst gebaut hatte. Zusätzlich hatte es einen Außenbordmotor aus dem Jahr 1939, einen luftgekühlten einzylindrigen Bendix-Eclipse aus den USA, der aussah wie ein runder blanker Kochtopf mit einem Seil und einem Propeller. Er leistete drei volle Pferdestärken. Das Starterseil musste man selbst aufwickeln.

Der Motor startete nicht beim ersten Ruck – nicht beim zweiten – nicht beim dritten – und auch nicht beim wer weiß wievielten. Kaspar kam mit dem Zählen nicht mehr mit, und Großvater verging die gute Laune. Er ließ ein paar wohlgewählte Flüche los und zerrte noch ein letztes Mal am Seil. Da hustete der Motor kurz und startete mit einer Wolke aus Rauch. Sie knatterten auf den See hinaus und hinüber zum Grubbelgrund.

Dort bestückten Großvater und Kaspar ihre Haken mit Würmern und saßen dann einfach da, schwiegen und guckten auf die Schwimmer. Nichts geschah. Die Schwimmer wackelten kein einziges Mal, nicht ein winziges bisschen. Aber es war ein schöner Abend.

»Vielleicht steht der Mond verkehrt«, sagte Großvater. »Wenn der Mond verkehrt steht, ist es wie verhext mit der Angelei.«

»Ja, vielleicht steht der Mond verkehrt«, wiederholte Kaspar.

Am Horizont sprühte der Sonnenuntergang. Der Abendhimmel spiegelte sich im See und war dadurch doppelt schön. Großvater hatte eine Schwäche für Schönheit. Er wurde dann poetisch.

»Im Sonnenuntergang liegt das große Geheimnis«, sagte er. »Der verschwenderische Reichtum der Farben. Das ersterbende Licht. Die herankriechenden Schatten. Ich glaube, darin verbirgt sich irgendwo die eigentliche Gnade.« Großvater legte die Angel aus der Hand und fuhr fort: »Im Sonnenuntergang liegt der große, wunderbare Nicht-Sinn. Er spricht nur leider eine Farbensprache, die wir nicht deuten können. Vielleicht könnten wir sonst die ganze Schöpfung verstehen. Im Sonnenuntergang können wir den nicht fassbaren Nicht-Sinn wenigstens erahnen. – Ist doch so, oder?«

Kaspar nahm einen Schluck von der Orangenlimonade, die er mitgebracht hatte, und fand, dass es langsam kalt wurde und die Abendsonne aussah wie immer. Außerdem bissen die Fische nicht an.

»Willst du nach Hause?«, fragte Großvater.

»Ja.«

»Dann los! Daheim gibt’s Fischklößchen.«

Diesmal startete der Motor mit dem ersten Ruck. Großvater war sehr überrascht. Er tätschelte den Motor, brummte zufrieden und steuerte auf die Finkelbucht zu. Kaspar kauerte fröstelnd im Bug. Großvater zog seine schwere Lederjacke aus und legte sie ihm über die Schultern. Die Jacke war warm und roch nach Großvater. Der Mond hing wie eine dünne Sichel am Abendhimmel und begleitete sie, als würde er genauso schnell fahren wie Großvaters Boot. Das war erstaunlich. Jetzt sah Kaspar auch, dass der Mond tatsächlich verkehrt stand. Also zum Angeln verkehrt. Darum hatten die Fische nicht angebissen – das war schon erstaunlich.

Plötzlich lief der Motor langsamer, dann hustete er kurz und verstummte mit einem hässlichen Knirschen. Auf dem See wurde es ganz still. Großvater wickelte das Seil ums Schwungrad und versuchte, neu zu starten. Aber das klappte nicht. In dem Motor schien sich nichts mehr zu rühren.

Jetzt verging Großvater die poetische Stimmung.

»Der verdammte Mistmotor ist verreckt! Dabei ist er gerade mal dreißig Jahre alt. Scheißmotor!«

Der See lag blitzblank glänzend im Sonnenuntergang, der genau jetzt am allerschönsten war. Die Farben sprühten über den ganzen Horizont, reichten von zartem Gelbrosa bis zu tiefem Rot. Der Gesundaberg erhob sich davor wie ein dunkelblauer Troll. Doch das sah Großvater nicht. Er hämmerte fluchend auf den Motor ein. Dann gab er auf, setzte sich auf die Ruderbank und begann zu rudern. Die Sonne verschwand. Der Mond leuchtete heller. Es wurde Nacht.

Großvater ruderte, und Kaspar schlief ein.

Ein Wassertroll im Lövtjärn

Freitags ging Großvater immer zum Lövtjärn, einem kleinen Waldsee, um Birger zu besuchen und mit ihm ein Bier zu trinken, das war eine alte Gewohnheit. Heute kam Kaspar mit. Er trug seine krumme Bambusangel über der Schulter, denn im Lövtjärn gab es jede Menge Barsche.

Der Pfad schlängelte sich durch den Birkenwald.

»Birken«, sagte Großvater. »Birken, das sind zahme Bäume, die gehören zum Haus.«

Sie nahmen die Abkürzung über den Hof von Isabell. Isabell war eine schrullige alte Frau, die in einem verfallenen Häuschen mit schiefen Fenstern lebte. Die Bretter, aus denen das Häuschen und seine wackligen Schuppen bestanden, waren von Fäulnis angefressen und schon ganz ausgefranst. Die Luft schien hier kälter zu sein als anderswo, und wer an dem Hof vorbeikam, fühlte sich unbehaglich. Aus dem Häuschen drangen Seufzer und Wehklagen, und direkt vor der Tür, die auf die Wetterseite ging, lag eine tote Möwe. Sie lag schon seit dem Frühjahr dort und wurde immer hohler. Inzwischen war nur noch eine vertrocknete Federhülle übrig – ein leeres Vogelkostüm. Ein Spatz hätte ohne Weiteres hineinkriechen und als Möwe verkleidet davonfliegen können.

Es hieß, Isabell leide und darum müsse sie immer so sehr weinen. Sie leide für alle Dummheiten, die andere begangen hätten, weil diese anderen nämlich zu dumm seien, um ihre Dummheiten zu bereuen und dafür zu leiden. Sie leide für sämtlichen Blödsinn, den die Menschen seit Tausenden von Jahren angestellt hätten, und für allen Blödsinn, den die Menschheit in Zukunft noch begehen werde. Isabell weinte und wehklagte, und es klang wie ein Klagegesang aus der Unterwelt. Es hieß, in ihrem Brunnen lebe ein weißer Aal, ein sehr, sehr alter Aal.

»Warum liegt eine tote Möwe vor ihrer Tür?«, fragte Kaspar.

»Wen interessiert schon die abergläubische Alte? Die glaubt an lauter Unsinn, an Wahrzeichen am Himmel und solchen Quatsch«, sagte Großvater.

Bald darauf führte der Pfad auf eine helle Lichtung, dort lag Lisas Haus, ein rotes Haus mit weißen Ecken. Mia, Lisas Mutter, winkte vom Küchenfester aus, bestimmt backte sie gerade. Lisas Vater hieß Sven und arbeitete bei der Eisenbahn. Er war fast nie zu Hause. Wahrscheinlich war die Eisenbahn nicht das Gleiche wie der Kampf gegen das Elend der Welt, aber mit dem Wetter hatte sie auch viel gemeinsam. Wurden irgendwo Schienen repariert, gingen sie anderswo schon wieder kaputt. Das hörte nie auf. Aber Sven schickte seiner Tochter Lisa immer wieder Pakete. Kaspar bekam nie ein Paket von seinen Eltern. Wer mit dem Elend der Welt zu tun hatte, hatte für so was wohl keine Zeit. Mia, Lisas Mutter, war ziemlich rundlich und stand meistens in der Küche und backte Zimtschnecken und Pfannkuchen und solche Sachen.

Lisa kam auf die Haustreppe heraus.

»Wir gehen zum Lövtjärn«, sagte Kaspar. »Kommst du mit? Dann können wir baden.«

»Gern«, sagte Lisa.

Hinter Lisas Haus fing der richtige Wald an. Die Birken verschwanden, dunkle Tannen und knorrige Kiefern reckten sich in den Himmel. Es gab viele Steine und Moos. Die Wurzelteller der umgestürzten Bäume spreizten ihre Wurzeln wie große schwarze Spinnen. Kaspar hielt sich näher an Großvater, natürlich nur ganz unauffällig, damit Lisa es nicht merkte.

Sie merkte es aber trotzdem, und um ihn zu ärgern, rannte sie voraus in den dichten Wald.

»Achtung, hier gibt’s Trolle!«, schrie sie. »Und den bösen Waldmörder!«

Lisa war zwei Jahre älter als Kaspar. Sie hatte lange kastanienbraune Haare und große dunkle Augen, in die man auf keinen Fall zu lange schauen durfte. Das war lebensgefährlich. Kaspar schaute Lisa nie länger als zehn Sekunden in die Augen, allerhöchstens zehn Sekunden, denn danach breitete sich ein Gefühl von wohliger Lebensgefahr im Körper aus, und man bekam heiße Backen. Lisa lächelte bloß und konnte Kaspars Blick endlos lange festhalten. Irgendwie war es dann, als würde er in ihre Augen hineingezogen. Jedenfalls wurde ihm schwindelig, und er kippte fast um. Es war komisch, aber abgesehen davon war sie total in Ordnung. Lisa wollte Polizistin werden. Kaspar wollte so werden wie Großvater.

Einen Kilometer weiter oben im Wald lag still wie ein andächtiges Auge der See, eingefasst von smaragdgrünen Moorwiesen, aus denen ab und zu ein lustiges gelbes Grasbüschel herausschaute. Birger wohnte in einem Häuschen aus grob gezimmerten Balken und mit einem grün bemoosten Dach am Hang über dem See. Der Schornstein des Häuschens bestand aus einem Blechrohr, das mit Drahtseilen am Boden verankert war. Unten am Ufer lag Birgers Ruderboot am Steg. Auf der hinteren Bank waren drei rostige Reusen aufeinandergestapelt.

»Birger ist komisch«, sagte Lisa.

»Birger ist ein Künstler«, sagte Großvater.

Dann klopften sie an die Tür und traten ein.

»Hallo«, sagte Birger, ohne den Blick zu heben.

Er stand vor einer Staffelei und malte an einem großen Bild. Sein Blick wanderte zwischen dem Bild und dem Fenster hin und her. Jedes Mal, wenn er aus dem Fenster geschaut hatte, veränderte er irgendeine Kleinigkeit an dem Bild, voller Konzentration.

Die Aussicht durch Birgers Fenster war überwältigend. Der ganze See mit seiner geheimnisvollen schwarz glänzenden Oberfläche lag da. Seerosenbuchten und Moorufer breiteten sich aus, und in der Ferne hinterm Wald erhoben sich blaue Berge, alles eingefasst vom Fensterrahmen.

Birger starrte hinaus, schwieg und änderte noch eine Winzigkeit an dem Bild. Sein Gesicht war ziemlich flach, und seine Augen erinnerten an zwei Astlöcher in einem Bretterzaun. Er selbst schien hinter dem Zaun zu stehen und durch die Löcher hindurchzuspähen, erleichtert, dass er nicht auf der anderen Seite sein musste, aber gleichzeitig neugierig darauf bedacht, nichts zu verpassen, was sich dort abspielte.

»Malst du etwa immer noch am selben Bild?«, fragte Großvater.

»Ja«, antwortete Birger langsam. »Letzte Woche dachte ich, es wäre fertig, aber dann war plötzlich so ein heller Schimmer über dem Wasser, den ich vorher noch nie gesehen hatte, und da musste ich doch wieder weitermalen. Wenn sich alles ändert, wird eben auch nichts fertig.«

Kaspar schlich sich hinter Birger, schaute das Bild an und dann zum Fenster hinaus und dann wieder auf das Bild. Da war kein Unterschied. Es war, als wäre das Fenster mit der eingerahmten Aussicht aus der Wand genommen und auf die Staffelei gestellt worden.

»Dann wird das Bild also nie fertig«, bemerkte Großvater.

»Nein«, sagte Birger und sah konzentriert zum Fenster hinaus. »Das wird es wohl nicht.«

Seit zehn Jahren malte Birger schon an dem Bild, und er malte jede noch so kleine Veränderung draußen in der Natur. Wie draußen, so wechselten auch auf seinem Bild die Jahreszeiten. Im Frühling waren die Farben des Gemäldes zurückhaltend und zart, um im Sommer immer lebhafter zu werden. Im Herbst brannte das Bild in goldgelben und roten Tönen. Dann kam das Eis und bedeckte den See. Auch die Sonnenuntergänge mit ihren verschiedenen Farbspielen versuchte Birger auf der Leinwand festzuhalten – um sie am nächsten Tag gegen eine zauberhafte Morgenstimmung mit Dunst überm See auszutauschen. Jede Stunde hatte ihr eigenes Licht und ihre eigenen Schatten und verlieh dem See ein ganz besonderes Funkeln.

Und Birger malte, malte eine Schicht über die andere. Die Jahreszeiten überlappten sich auf dem Bild, Morgen- und Abendstunden, Sonne und Regen – die Farbschicht darauf war dementsprechend dick. Hätte man eine Röntgenaufnahme von dem Bild gemacht, wäre der See darauf hundertfach zu sehen gewesen, aber jedes Mal anders. Und man hätte sehen können, wie die Bäume rings um den See im Laufe der Jahre in die Höhe gewachsen waren.