DR. AUG. RITTER V. REUSS
PROFESSOR DER AUGENHEILKUNDE
AN DER UNIVERSITÄT IN WIEN
OPTISCHE TÄUSCHUNGEN
UND ILLUSIONEN, SOWIE IHRE URSACHEN
Aus zwei Vorträgen entstanden
Mit Abbildungen
Neu herausgegeben von
Klaus-Dieter Sedlacek
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TOPPBOOK “WISSEN UND WIRKEN” BD. 10
Der österreichische Augenarzt August von Reuss entstammt einer Ärzte- und Gelehrtenfamilie. Er studierte an der ehrwürdigen Karls-Universität Prag und an der Universität Wien. In Wien promovierte er als Chirurg. Er verfasste 76 wissenschaftliche Arbeiten und zahlreiche augenärztliche Aufklärungsschriften. Nach Reuss sind die Reuss Farbtafeln benannt, mit deren Hilfe früher der Grad der Farbenblindheit festgestellt wurde.
Inhaltsverzeichnis
Titelseite
Der Autor
I. Reize des Sehorgans
II. Optische Illusionen
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Impressum
Die Bedeutung der Empfindungen, die uns durch unseren Gesichtssinn vermittelt werden, erkennen wir nur durch unseren Verstand, so wie dies auch bei allen anderen Sinnesempfindungen der Fall ist. Der Blindgeborene, der plötzlich sein Sehvermögen erhält, wird mit seinen Gesichtsempfindungen so lange nichts anzufangen wissen, als er sie nicht durch Zuhilfenahme seiner anderen Sinne zu deuten verstehen gelernt hat. Nur durch die Erfahrung gelangen wir zu einer Vorstellung von der Beschaffenheit der gesehenen Körper, indem wir sie durch Bewegungen der Augen oder unseres Kopfes von verschiedenen Seiten betrachten, sie betasten u. s. w.; und wir werden diese genaue Kontrolle nicht mehr nötig haben, wenn wir sie einige Male vorgenommen haben und dadurch in die Lage gesetzt sind, uns aus der Erinnerung ein Urteil über die Beschaffenheit eines Objektes zu bilden, sobald uns dessen Bild durch unser Sehorgan aufs Neue vermittelt wird. Wir werden hiebe aber unter besonderen Verhältnissen gewissen Täuschungen des Gesichtssinnes unterliegen, wir werden Gesichtseindrücke erhalten, welchen nicht das gewohnte Objekt zu Grunde liegt, wir werden Dinge sehen, die nicht da sind, oder wir werden die wirklichen Objekte sehen, aber sie falsch deuten.
Ich will heute nur von einer Anzahl derartiger Täuschungen sprechen, da die mir zugemessene Zeit zu kurz ist, um den Gegenstand vollständig abzuhandeln.
Wir sind gewohnt, alle Empfindungen unseres Sehorganes als von Gegenständen herrührend zu betrachten, welche sich außer unserem Auge befinden. Wir nehmen aber eine Anzahl Dinge wahr, die sich innerhalb unseres Auges befinden, sind jedoch, wenn wir nicht darüber belehrt werden, geneigt, sie nach einem ganz anderen Orte zu versetzen. Gestatten Sie mir, Ihnen einige dieser sogenannten entoptischen Wahrnehmungen vorzuführen.
Sehen wir gegen eine diffus erleuchtete Fläche, den Himmel, eine helle Wand, in das Okular eines Mikroskops, oder auch gegen ein weißes Blatt Papier, so bemerken wir häufig kleine, in der Luft schwebende Körperchen, welche herumfliegenden Insekten ähneln; man nennt sie auch fliegende Mücken, mouches volantes. Es sind, wenn wir sie genauer betrachten, einzelne Kreise mit hellerem Zentrum, manchmal noch mit einer lichteren Einfassung, oder es sind zahlreiche solche Kreise perlschnurartig aneinander gereiht, oder zu unregelmäßigen, mit feineren Körnern und Fasern untermischten Gruppen verbunden, oder sie stellen helle Bänder oder auch Stücke eines durchsichtigen, verschieden gefalteten Schleiers dar; bei Bewegungen des Auges wirbeln sie in die Höhe, schießen, wenn das Auge ruhig gehalten wird, noch eine Weile fort und senken sich dann langsam, verschwinden zum Teile langsam aus dem Gesichtsfelde oder bleiben an einer bestimmten Stelle desselben ruhig sitzen. Sie sind mikroskopisch kleine Körperchen (Zellen, Körner, Membranen), die sich im Glaskörper befinden und auf die Netzhaut ihren Schatten werfen. Kaum fehlen sie in irgend einem Auge, werden aber meist nur unter besonderen Beleuchtungsverhältnissen gesehen, die ich bereits angedeutet habe. Sehr leicht kann sie sich Jedermann sichtbar machen, wenn er durch ein feines Loch in einem Kartenpapiere gegen den hellen Himmel oder eine Flamme sieht. Bemerkt sie Jemand zufällig, der ihre Bedeutung nicht kennt, wird er leicht in einige Aufregung versetzt, er wendet ihnen von nun an besondere Aufmerksamkeit zu, zählt sie, zeichnet sie allenfalls auf und merkt, dass sie sich bei erhöhtem Aufmerken stets vermehren, bis er endlich in der Furcht zu erblinden zum Arzte kommt. Dieser kann ihn jedoch vollkommen beruhigen. Die fliegenden Mücken sind im Allgemeinen ohne jede Bedeutung; sie werden ganz übersehen, wenn man nicht an sie denkt; exerziert man aber dadurch seine Netzhaut auf sie ein, dass man ihnen unverdiente Aufmerksamkeit schenkt, so können sie eine sehr lästige Erscheinung werden. Eine Netzhaut, welche durch vieles Arbeiten angestrengt, überreizt ist, oder welche einem sehr nervösen Individuum angehört, wird auch die Mücken viel leichter sehen als eine andere; am besten ist es, wenn man sie nicht beachtet oder bei überreizten Augen diesen eine Zeitlang Ruhe gönnt.
Es gibt aber noch andere ganz ähnliche Erscheinungen, die aber weniger leicht gesehen werden. Blickt man längere Zeit auf eine stark erhellte Fläche, z. B. auf Schnee, so bemerkt man eine Unmasse feiner kreisförmiger Schatten, welche auch bei ruhiger Haltung der Augen im Gesichtsfeld sich äußerst lebhaft bewegen und dabei deutlich bestimmten Bahnen folgen. Es sind dies die Blutkörperchen, welche sich in den Adern der Netzhaut bewegen.
Aber auch diese Blutadern selbst kann man sehr schön zur Ansicht bringen. Wenn man gegen einen dunklen Hintergrund sieht, z. B. durch die geöffnete Tür in ein finsteres Zimmer und nun seitlich vom Auge, aber recht nahe an demselben, ein Licht hin und her bewegt, oder noch besser die Strahlen eines Lichtes mittelst eines Brennglases auf dem Weißen des Auges konzentriert, so sieht man das ganze Gesichtsfeld plötzlich rötlichbraun erleuchtet und auf diesem Grunde äußerst zierlich verästelte baumförmige schwarze Linien. Dies sind die Blutadern der Netzhaut. Man sieht sie für gewöhnlich nicht, weil die Schatten, welche sie auf die Netzhaut werfen, stets an dieselben Stellen fallen; bringt man aber diese Schatten durch eine ungewöhnliche Beleuchtung an andere Stellen, so gelangen sie zur Wahrnehmung. Man wird deutlich sehen, wie die Stämme dieser Baumfiguren alle gegen eine seitwärts gelegene Stelle hinlaufen, die Stelle, welche dem Eintritte des Sehnerven entspricht, von der wir gleich sprechen werden. Sie ist schwer zu beobachten, weil sie, wenn wir auf dieselbe zu sehen bestrebt sind, stets seitlich entflieht. An der Stelle, auf welche wir gerade sehen, befinden sich wenig Gefäße, ja eigentlich gar keine, wie man bequemer bei anderen Beobachtungsmethoden sehen kann. Blickt man durch ein mit einer Nadel gestochenes Loch in einem Kartenpapiere gegen eine Lampenkugel, so bemerkt man bei ruhiger Haltung der Karte die beschriebenen mouches volantes, macht man aber rasche Bewegungen mit der Karte, so sieht man auf dem hellen Grunde ein äußerst zierliches Netzwerk, in welchem man leicht die Netzhautgefäße wiedererkennen wird, nur kommen hier die feineren Verästlungen zur Anschauung, und man wird leicht die vollkommen gefässlose Stelle im Zentrum erkennen, welche der Stelle des direkten Sehens entspricht und eine äußerst zierliche chagrinartige Zeichnung besitzt.
Die Netzhaut, eine äußerst kompliziert gebaute, aus vielen Schichten bestehende Membran, hat in der äußersten derselben die Endigungen der Sehnervenfasern, mit welchen wir eigentlich sehen. Die Blutgefäße jedoch, welchen wir eben unsere Aufmerksamkeit schenkten, liegen in einer viel weiter nach innen gelegenen Schicht, welche von den Lichtstrahlen passiert werden muss, ehe sie zu der äußersten, der sogenannten Stäbchenzapfenschicht gelangen. Es ist einleuchtend, dass dort, wo die Blutgefäße liegen, keine Lichtstrahlen zur Zapfenschicht gelangen können, weil erstere undurchsichtig sind; an diesen Stellen ist eigentlich das Auge blind. Wir haben jedoch keine Ahnung hiervon, weil wir eben an diese Blindheit, an diese Lücken im Sehfeld gewohnt sind. Es gibt aber noch eine Stelle von viel größerer Ausdehnung, an welcher wir blind sind, diejenige nämlich, an welcher der Sehnerv in unser Auge eintritt. Dort befinden sich keine Nervenendigungen, keine Stäbchen und Zapfen und mit dieser Stelle haben wir daher auch keine Lichtempfindung. Kleben wir uns eine runde Scheibe weißen Papieres von etwa zwei Zentimeter Durchmesser auf ein Stück matten schwarzen Papieres oder auf einen schwarzen Stoff und sehen wir mit dem rechten Auge bei verschlossenem linken in etwa 30 Zentimeter Entfernung auf einen gut markierten Punkt, der vom Zentrum der Scheibe ungefähr 70 Zentimeter nach links und fünf Millimeter nach oben gelegen ist, so fällt die weiße Scheibe gerade in das Bereich des blinden Fleckes und ist, da wir sie nicht sehen, vollkommen verschwunden.