Inhalt
Provence, August 1963: Auf dem Weg nach Hause wird der kleine Christian überfallen und getötet. Sein Mörder wird nie gefaßt. Dominic Fornier, der mit den Ermittlungen betraut war, hatte stets gehofft, das Verbrechen aufklären zu können. Und nun, nach über dreißig Jahren, scheint die Chance gekommen. Er hört von Eyran, einem Jungen aus England, der von seltsamen Träumen heimgesucht wird. Eyran sieht wogende Weizenfelder und einen kleinen Jungen, der ihm etwas mitteilen möchte. Außerdem spricht er in Trance Französisch – in einem Dialekt jener Gegend, in der Christian ermordet wurde. Skeptisch, aber dennoch fasziniert besucht Fornier den Jungen – und hofft, der Wahrheit endlich auf die Spur zu kommen …
Autor
John Matthews war 26, als sein Debütroman »Basinkasingo« zum Bestseller wurde. Seither hat er Krimis, Actionromane, Gerichtsthriller, zwei Drehbücher und ein Jugendbuch geschrieben. Seine Bücher wurden in 12 Sprachen übersetzt, und sein bisher größter Erfolg, »Das vergessene Kind«, wurde von der Times in die Top Ten der besten Gerichtsthriller aller Zeiten gewählt.
Mehr von John Matthews:
Stadt in Angst. Historischer Kriminalroman
( Auch als E-Book lieferbar)
JOHN MATTHEWS
Das vergessene
Kind
Roman
Aus dem Englischen
von Christine Frauendorf-Mössel
Die Originalausgabe erschien 1998
unter dem Titel »Past Imperfect«
bei Michael Joseph, a division of the Penguin Group, London.
September 2014
Copyright © der Originalausgabe 1998
by John Matthews
Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2000
by Wilhelm Goldmann Verlag, München,
in der Verlagsgruppe Random House GmbH
Gestaltung des Umschlags: UNO Werbeagentur München
Umschlagfoto: TIB/Pete Turner
Redaktion: Viola Eigenberz
BH · Herstellung: Str.
ISBN: 978-3-641-14767-9
www.goldmann-verlag.de
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PROLOG
Provence im Juni 1995
Drei Gestalten gingen den holprigen Weg am Stoppelfeld entlang. Zwei Männer und ein elfjähriger Junge.
Der ältere der beiden Männer, Dominic Fornier, war Ende Fünfzig; von kräftiger Gestalt, knapp einen Meter achtzig groß, mit braunem, kurzem Haar und grauen Schläfen. Gut zwanzig Meter weiter haben wir die beste Aussicht, überlegte er, und sein Blick schweifte prüfend über die sonnengebleichte, endlose Fläche des abgeernteten Weizenfeldes. Seine Augen waren von einem sanften Braun und leicht mandelförmig, was dem Blick eine gewisse Schärfe verlieh: wissende Augen, Augen, die zuviel gesehen hatten.
Der jüngere Mann, Stuart Capel, war etwas kleiner und schlanker, mit hellbraunem, fast blondem Haar. Mit Mitte Dreißig zeigten sich die ersten Sorgenfalten deutlicher als üblich, während er blinzelnd in das gleißende Sonnenlicht über dem Feld sah. Dominic bemerkte die leichte Ähnlichkeit zwischen Stuart und dem Jungen; wenn auch das Haar des Jungen eine Nuance heller war und sich einige wenige Sommersprossen auf Nasenrücken und Backen abzeichneten. Es war ein jungenhaft fröhliches Gesicht, aber Dominic spürte noch immer Reserviertheit, eine gewisse Distanziertheit in dem Jungen, die den Schmerz und die Narben der vergangenen Monate verrieten.
Die Erde knirschte unter ihren Schritten, als sie stehenblieben und Stuart fragte: »Hier? Hier ist es also passiert?«
»So ungefähr.« Dominic streckte den Arm aus. »Vielleicht fünf Meter weiter links.«
Stuart starrte auf die bezeichnete Stelle im Feld und empfand gar nichts. Die Stoppeln waren nach der Ernte im Frühsommer gut dreißig Zentimeter nachgewachsen, und der Ort mutete einfach nur still und unheimlich an. Nirgends zeigte sich auch nur die geringste Spur jener Ereignisse, die sie jetzt zu diesem Fleckchen Erde getrieben hatten. Was hatte er erwartet? Er wandte den Blick zur Seite und sah in die jungen Augen mit dem verschleierten Blick, den er mittlerweile so gut kannte. Es war nicht der Schimmer eines Wiedererkennens darin zu lesen. Wie üblich ließen diese Augen wenig oder gar nichts erkennen, solange der Junge bei vollem Bewußtsein war. Vermutlich begannen die gespenstischen Schatten aus den Randbereichen seiner Träume jetzt allmählich zu verblassen. Wachsende Akzeptanz? Stuart war sich nicht sicher.
Sechs Monate. Es kam Stuart viel länger vor, als vor seinem geistigen Auge die alptraumhafte Odyssee vorüberflimmerte, die sie letztendlich hierher geführt hatte. Und jetzt, mit dem laufenden Prozeß, würde so vieles von den Ereignissen der nächsten Tage und Wochen abhängen. War es das, worauf er gehofft hatte, als er Dominic Fornier bat, sie zu diesem Weizenfeld zu führen: auf einen Schlußstrich unter das Kapitel eines Lebens, daß die Gespenster der Vergangenheit sich endlich zur Ruhe begaben?
Rechts vom Feldweg standen Pinien und dichtes Buschwerk an einer Böschung, die steil zu dem kleinen Flüßchen abfiel. Stuart hörte das leichte Plätschern des Wassers vor dem sanften Rauschen des Windes, der über das Feld strich.
Es kam ihm in den Sinn, daß, welchen Schmerz und welche Qual er auch empfunden hatte, es für Dominic Fornier noch viel schlimmer gewesen sein mußte. Der Fall hatte über dreißig Jahre lang Forniers Leben überschattet. Hatte ihn vom jungen Gendarmen bis zum Chefinspektor begleitet, war von einem Fall aus der Provinz zu einem der bedeutendsten und faszinierendsten der Kriminalgeschichte Frankreichs geworden. ›Der Prozeß des Jahrzehnts‹ lautete die Schlagzeile in Le Monde. Gleichermaßen hatte er wohl Forniers Familienleben beherrscht.
Dominic hob den Blick vom Feld in die Ferne und auf das Dorf Taragnon. Bräunliches, getrocknetes Blut auf den ausgeblichenen Halmen. Das Gesicht geschwollen und entstellt. Dominic erschauderte. Die Bilder waren nach all den Jahren noch immer von schaudernder Lebendigkeit.
Das Feld und die Aussicht sind gleich geblieben, dachte Dominic, aber alles andere hat sich verändert. Alles. Wie oft hatte er in den vergangenen dreißig Jahren in ebendiesem Feld gestanden? Hatte nach Hinweisen und den fehlenden Puzzlestücken seines eigenen Lebens geforscht? Alles wie damals. Das letzte Mal, als er hier gewesen war, im letzten Frühjahr, hatte er geweint; geweint um die vergeudeten Jahre, um die Familie und die geliebten Menschen, die es längst nicht mehr gab, hatte geweint um die eigene und Taragnons verlorene Unschuld. Wie damals.
Einen Moment lang glaubte er sogar wieder die Glöckchen der Ziegen zu hören. Doch so sehr er sich auch anstrengte, er konnte schließlich nur das ferne Läuten der Kirchenglocken von Bauriac ausmachen, die zur Morgenandacht riefen … die zahllosen Gottesdienste im Lauf all der Jahre, die Taufen, Hochzeiten … Beerdigungen …
Dominic biß sich auf die Lippen. Er spürte mit den Erinnerungen erneut die Tränen aufsteigen und wandte sich halb von Stuart und dem Jungen ab, während diese das stumme Panorama der Felder und die üppig grünen provençalischen Hügel im Hintergrund in sich aufsogen. Als der Schmerz dieser Bilder ihm zuviel wurde, schloß er die Augen und murmelte leise und atemlos: »Oh, Gott, bitte vergib mir!«
1
Kalifornien im Dezember 1994
Felder von Gold. Verbrannter Weizen unter heißer Sonne.
Eyran fühlte den warmen Luftzug auf der Haut, während er zwischen den Halmen hindurchrannte, berauscht von der eigenen Geschwindigkeit, diffus die vorbeifliegenden und vor ihm zurückschnellenden Ähren wahrnahm, die gegen seine Beine und Schenkel peitschten. Es war England. Er wußte es instinktiv, obwohl es keine eindeutigen Landmarken in seinem Traum gab, die ihm Gewißheit verschafft hätten. Das Feld, in dem er früher in England gespielt hatte, lag auf einem Hügel, zog sich hinab zu einem kleinen Wäldchen, das sich in eine Senke schmiegte. Genau dort befanden sich einige seiner Lieblingsverstecke. Ein weiteres Weizenfeld erhob sich sanft dahinter und ging schließlich in Kohl-, Mais- und Haferfelder über. Ein farbenfrohes Flickwerk aus Grün und Gold, das sich träge bis zum Horizont hinstreckte.
Das Feld in seinem Traum jedoch lag auf flachem Gelände, und Eyran rannte hindurch und sah sich verzweifelt nach all jenen vertrauten Landmarken um: dem hohlen Baum im Hain, wo er ein Baumhaus gebaut hatte, dem kleinen Bach, der aus Richtung der Broadhurst Farm in das Wäldchen floß – wo Sarah manchmal mit ihrem Labrador spazierenging. Das Feld, das sich jetzt vor ihm ausbreitete, verlief hartnäckig auf ebenem Niveau, egal wie schnell er auch rannte und wie viele Halmreihen er durchpflügte. Die Linie des blauen Horizonts über dem Gold blieb gerade. Dabei verließ ihn nie das Gefühl, daß sich die Umgebung ändern würde, wenn er nur weiterlief, daß er irgendwann die vertraute Senke mit dem Wäldchen sehen mußte. Und er wurde schneller, eine unermüdliche Energie trieb ihn weiter. Dann wechselten mit einem Mal die Konturen. Direkt vor sich sah er etwas, das die Kammlinie eines Hügels zu sein schien. Und auch die Stellung der Sonne hatte sich verändert. Ihr Licht stach ihm in die Augen und kam näher, immer näher … blendete den Hügel vor ihm aus, dann den Horizont. Sie versengte den goldenen Weizen zu einem gleißenden Weiß und brannte in seinen Augen wie ein Blendspiegel.
Eyran wachte mit einem Schlag auf, als das Licht in seinen Augen schmerzte. Er sah aus dem Autofenster direkt in Scheinwerfer, die von einer Seite auf ihn gerichtet waren, jedoch abschwenkten, als der Wagen nach links abbog. Er erkannte keinerlei vertraute Anhaltspunkte in der Landschaft, obwohl er wußte, daß sie eine gute Strecke zurückgelegt haben mußten, seit sie ihre Freunde in Ventura verlassen hatten. Er hörte seinen Vater etwas über die Kreuzung murmeln, an der sie zum Highway Nummer 5 nach Oceanside und San Diego kommen sollten, dann knisterte Papier, als seine Mutter auf dem Beifahrersitz vergeblich versuchte, die Karte an der richtigen Stelle auseinanderzufalten. Die Fahrt des Wagens verlangsamte sich, während der Vater in Abständen immer wieder auf die Karte blickte.
»Ist das die Auffahrt, wo es nach Anaheim und Santa Ana geht, kannst du das erkennen?« fragte Jeremy. »Vielleicht sollte ich anhalten.«
»Ja, vielleicht. Ich bin eben nicht so gut im Kartenlesen.« Allison wandte sich halb dem Rücksitz zu. »Ich glaube, Eyran ist sowieso wach. Er hat morgen Schule. Wäre gut, wenn er noch etwas schläft.« Allison drehte sich um und strich sanft über Eyrans Schläfe.
Unter der beruhigenden Berührung schloß Eyran die Augen. Doch als die Mutter ihre Hand zurückzog und er merkte, daß sie wieder geradeaus sah, schlug er instinktiv die Augen auf und starrte auf ihren Hinterkopf, fixierte ihr goldblondes Haar, bis alles vor ihm verschwamm. Er wünschte sich die Wärme des Weizenfelds und des Traums zurück.
Allison bemerkte, wie Jeremy krampfhaft das Steuerrad umfaßte, als er über ein berufliches Problem sprach. Er blinzelte, als sich seine Augen an das schwindende Licht der Abenddämmerung anpaßten. Wegweiser nach Carlsbad und Escondido tauchten auf.
Allison sah verstohlen noch einmal zu Eyran hin. Er war wieder eingeschlafen, doch sie entdeckte Schweißperlen auf seiner Stirn, und der Kragen seines Hemds war feucht. Sie zog seine Decke ein Stück hinunter. Es war Anfang Dezember, und das Wetter war noch mild mit Temperaturen zwischen zwanzig und fünfundzwanzig Grad. Zwei Wochen bis zu den Schulferien und der Reise nach England, wo sie nur wenige Tage nach ihrer Ankunft Stuart und Amanda sehen würden. Ein Teil ihres Bewußtseins plante bereits: wie oft Helena während ihrer dreiwöchigen Abwesenheit nach dem Haus sehen sollte, welche frischen Lebensmittel sie ihr im Kühlschrank ließ, Kleidung, Packen, welche dicken Mäntel mitgenommen werden sollten.
»Wir dürften in einer Stunde zu Hause sein«, sagte Jeremy. »Soll ich von meinem Handy aus Helena anrufen?«
»Wie du willst. Sie wollte was vorbereiten. Allerdings kommen wir vierzig Minuten früher als angekündigt.«
Jeremy sah zur Seite, als ein Lastwagen mit Anhänger vorbeiraste. Sein Blick schweifte automatisch zum Tachometer: 90 km/h. Der Lastwagen mußte über 120 fahren. Er schüttelte kurz den Kopf.
Er sah weder das Motorrad, das vor dem Lastwagen ohne Vorwarnung die Spur wechselte, noch den plötzlichen Schlenker, den der Lastwagenfahrer machte, um dem Motorrad auszuweichen. Das erste, was er registrierte, war eine träge Schlingerbewegung des Anhängers, der plötzlich seitwärts ausbrach und sich von der Zugmaschine löste.
In diesem Augenblick schien die Zeit stehenzubleiben. Es war wie eine Momentaufnahme aus einem Film: die Straße, die Bäume, die Hinweistafeln am Straßenrand und die Werbeflächen, der graue Himmel der Abenddämmerung, die Landschaft, die noch vor kurzem an ihnen vorbeigeflogen war, erstarrt. Und dann, mit dem nächsten Wimpernschlag, flog der Anhänger auf sie zu.
Jeremy trat heftig auf die Bremse und riß das Steuer herum … ohne jedoch etwas verändern zu können. Er stöhnte laut auf. »Oh … Jesus!« Er trat noch fester auf die Bremse, kurbelte das Steuerrad in die entgegengesetzte Richtung, weg von dem großen, grauen Block, der unbeirrt auf sie zuraste, bis er die Windschutzscheibe und sein Blickfeld vollständig ausfüllte und die Motorhaube des Jeeps eindrückte.
Er hörte Allison schreien, als der Jeep beim Aufprall abrupt zur Seite wegkippte, und fühlte einen brennenden Schmerz in Magengegend und Rippen, der ihm die Luft nahm, als die Windschutzscheibe zerbarst und die Glassplitter wie Flocken in einem Schneesturm um sie herumwirbelten. Dann spürte er eher Taubheit als Schmerz, als der Motorblock in die Fahrerkabine geschoben wurde, sein rechtes Bein knapp über dem Kniegelenk abtrennte. Der Jeep überschlug sich mehrmals, so daß Himmel, Straße und Grasbankette karussellgleich um ihn kreisten. Dann war nur noch Dunkelheit.
Er erinnerte sich, daß er später noch einmal aufwachte. Er hörte Stimmen, wenn auch nur gedämpft und undeutlich. Als er versuchte, den Blick zu fokussieren, schienen die Leute weit weg zu sein, obwohl er deutlich den Arm eines Mannes erkennen konnte, der sich über ihn beugte und seinen Körper berührte. Das Atmen machte ihm Mühe. Jeder Atemzug klang gurgelnd, als habe er warmes Wasser verschluckt, und ein brennender Schmerz erfaßte seinen Magen und ein Bein. Er mußte eine ganze Weile so gelegen haben, gab sich zeitweise fast erleichtert der willkommenen Bewußtlosigkeit hin, wußte jedoch irgendwie, daß der Schmerz seine einzige konkrete Verbindung zum Leben war.
Er formte den Namen ›Eyran‹ mit den Lippen, aber der Mann an seiner Seite reagierte nicht, und Jeremy konnte die eigene Stimme nicht hören.
Als sie ihn endlich hochhoben, die Lichter flüchtig zur Seite zuckten, verstummten die Stimmen, und er versank erneut in tiefer Bewußtlosigkeit.
Stuart Capel sah auf die Uhr: 22 Uhr 40 – 14 Uhr 30 in Kalifornien. Als er seinen Bruder Jeremy das erste Mal angerufen hatte, hatte sich nur der Anrufbeantworter eingeschaltet. Daher hatte er sich vorgenommen, es am Nachmittag noch einmal zu versuchen.
Es waren nur noch zwei oder drei Wochen hin, und es gab so viel zu planen. Er hatte Jeremy und seine Familie fast zwei Jahre nicht gesehen. Über Weihnachten, wenn sie kamen, hatte er zehn Tage frei. Das einzige Problem war, daß er nicht mehr wußte, ob sie am 16. oder am 23. eintreffen würden. Der überkorrekte Jeremy hatte ihn vor fast einem Monat angerufen, ihm detailliert Flugnummern, Daten und Zeiten durchgegeben. Irgendwie waren zwar die Flugnummer und die Ankunftszeit auf seinem Telefonnotizblock gelandet, aber nicht das Datum. Und dummerweise verkehrte derselbe Flug mit derselben Nummer allwöchentlich am selben Tag zwischen Amerika und England.
Wenn er Jeremy danach fragen mußte, würde das sicher einen Kommentar provozieren. Er würde einen Rüffel einstecken müssen, der alles sagte: Ich bin organisiert, was man von dir nicht behaupten kann, ich habe Erfolg, weil ich organisiert bin, du erntest Mißerfolge, weil du nicht organisiert bist. Jeremy, der Pedant. Jeder Schritt seines Lebens war peinlich genau dokumentiert und geplant. Von der Universität in Cambridge, der Ausbildung und Zulassung als Strafanwalt in London, der Wiederholung der Examina in den Vereinigten Staaten bis zu den Monaten in Boston als Sprungbrett für eine Kanzlei in San Diego.
Stuarts Leben und berufliche Karriere standen in krassem Gegensatz dazu. Dem raketenförmigen Aufstieg in den Achtzigern als Mediendesigner folgte der Absturz. Zwei Trennungen von Partnern und Ende der Achtziger die Beinahe-Pleite. In den letzten Jahren hielt er sich gerade so über Wasser. Methodisches Planen war nie Stuarts Stärke gewesen, und fast all seine Auseinandersetzungen mit Jeremy kreisten um dasselbe Thema: Jeremy versuchte ihn zu planvollem Arbeiten zu überreden, während Stuart dagegenhielt, daß so etwas in seinem Metier nicht funktionierte. Die ganze Diskussion würde dann unweigerlich beim Thema Eyran enden.
Stuarts letzter Ausweg war regelmäßig der Vorwurf an Jeremys Adresse, er würde Eyrans Leben in einem Maß vorausplanen, daß Eyran ersticken mußte. Stuart fühlte eine verwandte Seele in seinem Neffen, eine Neugier und einen Lebenshunger, der Jeremy fremd war und den er immer zu unterdrücken versuchte, indem er das Leben seines Sohnes in von ihm vorbestimmte Bahnen lenkte. Jeremy liebte Eyran, aber er begriff nicht, wie wichtig es war, dem Kind eine gewisse Freiheit, zumindest die Möglichkeit einer eigenen Entscheidung, zu geben.
Beim letzten Zusammentreffen vor fast zwei Jahren war Stuart mit seiner Familie nach Kalifornien gereist. Während des Aufenthalts war er prompt ins Fettnäpfchen getreten, weil er Eyran auf seine alten Freunde in England angesprochen, ihn ermutigt hatte, ihnen eine Karte zu schreiben oder ihnen ein kleines Souvenir aus dem Zoo von San Diego zu schicken. Jeremy hatte ihm nur einen strafenden Blick zugeworfen und ihm später erklärt, daß ihnen Eyrans Heimweh schwer zu schaffen gemacht habe und der Junge seine englischen Freunde offenbar sehr vermisse. Erst in den letzten Monaten habe er sich besser eingelebt und sie nicht mehr erwähnt.
Später in diesen Ferien hatte Jeremy Stuarts Feuereifer, auf dem Gebiet der Multimedia-Produktionen zu expandieren, eine kalte Dusche verabreicht, und es war zu einem Wortgefecht gekommen. Stuart hatte Risiken eingeräumt, jedoch argumentiert, daß es in kreativen Berufen ohne Unwägbarkeiten nicht gehe. Aber wie immer war Jeremy nicht zu bekehren gewesen; Stuart hätte ebensogut einem Klempner das Werk von Picasso erklären können.
Stuart nahm sich vor, diesmal bei der Begegnung mit dem Bruder geistige Minenfelder zu vermeiden.
Er wählte Jeremys Nummer, aber es meldete sich nur Helena, das mexikanische Hausmädchen, und erklärte ihm, daß die Familie nicht zu Hause sei. »Sie sind in den Norden gefahren und wollen erst am Abend wieder hier sein. So gegen neun Uhr. Sollen sie zurückrufen?«
»Nein, ist schon in Ordnung. Ich stell mir früh den Wecker und versuch’s noch einmal.«
Stuart stellte den Wecker auf 6 Uhr 30 – 22 Uhr 30 kalifornischer Zeit. Er trommelte mit den Fingern auf den Hörer, nachdem er aufgelegt hatte. Eine seltsame Unruhe erfaßte ihn. Er schob das Telefon hastig von sich und gab seiner Nervosität und der Vorfreude auf den Besuch des Bruders die Schuld.
Dr. Martin Holman, mit vierunddreißig Jahren einer der jüngsten der drei leitenden Notfallmediziner in Oceanside, hörte das erregte Stimmengewirr eine Sekunde, bevor die Türen zur Notaufnahme und Unfallstation aufflogen. Sein Blick fiel auf zwei Tragen, die in unterschiedliche Teile der Notaufnahme gerollt wurden, und er richtete seine Aufmerksamkeit unwillkürlich auf den Jungen.
»Was haben wir da?«
»Unfallopfer. Zehn Jahre alt. Kopfverletzungen. Das Schlimmste scheinen aber die Quetschungen im Brustbereich zu sein. Zwei gebrochene Rippen. Vermutlich auch das Brustbein.« Die Meldung des Sanitäters kam atemlos und gehetzt, während die Trage vor einer Liege angehalten wurde.
»Irgendwann bei Bewußtsein gewesen?« fragte Holman.
»Nein. Besinnungslos, seit wir ihn eingeladen haben. Wir mußten ihn künstlich beatmen. Außerdem hat er viel Blut verloren. Kriegt eine Plasmainfusion. Das übliche. Trotzdem sind während der letzten Minuten auf dem Transport Blutdruck und Puls gefallen. Bei der letzten Messung lag die Pulsfrequenz bei achtundvierzig.«
»Okay. Heben wir ihn rüber und machen ihn fertig. Eins … zwei!« Sie hoben den Jungen im Gleichtakt auf den Operationstisch. Holman rief zwei Schwestern und den Assistenzarzt, Garvin, um den Patienten an die Überwachungsmonitore anzuschließen: Puls, Atmung, Venen- und Arteriendruck. Innerhalb einer Minute waren sämtliche Werte abrufbar, und ein Piepton veranschaulichte für Holman die Puls- und Herzfrequenz. Trotzdem war der Notfallmediziner alarmiert. Der Blutdruck lag bei 98 zu 56, der Puls war bei 42 und fiel stetig … 40. Etwas stimmte nicht.
»Mehr Plasma!« schnarrte Holman Garvin an. »Haben wir die Blutgruppe?«
»0 positiv.«
Holman gab einer Schwester die Anweisung, eine Bluttransfusion vorzubereiten, dann sah er wieder nach dem Jungen. Der Puls blieb bei erhöhter Blutplasmazufuhr einige Sekunden bei vierzig stabil, dann fiel er auf achtunddreißig ab. Holman geriet in Panik. Gegen dreißig war alles vorbei. Das Leben des Jungen hing an einem seidenen Faden.
Er untersuchte ihn hastig – der notdürftige Brustverband war blutdurchtränkt, der Junge hatte diverse Gesichts- und Schädelfrakturen – und forschte nach den Ursachen. Der Blutverlust war hoch, aber die Plasmainfusion hätte das ausgleichen müssen. Er ging um die Liege, tastete den Schädel des Jungen ab und leuchtete mit einer Taschenlampe in seine Pupillen. Keine Reaktion. Vermutlich hatte er innere Verletzungen. Holman konnte jedoch rein äußerlich keine gefährliche Schwellung im Schädelbereich feststellen, die der Grund für die gegenwärtigen Probleme hätte sein können.
»Sechsunddreißig!« meldete Garvin erregt.
Dann fiel Holman auf, daß die Brust verschoben wirkte und sich die eine Lungenhälfte nicht ausdehnte. Vermutlich steckte eine gebrochene Rippe in einem Lungenflügel.
Er nickte der Schwester eindringlich zu: »Trachealkanüle! Legen Sie eine Pleuradrainage.«
Holman schnitt den Brustverband auf und führte langsam die Kanüle, einen hohlen Metalltubus mit angeschliffener Spitze, zwischen Eyrans Rippen hindurch und in seinen linken Lungenflügel. Dann steckte er einen dünnen Plastikschlauch auf die Kanüle, und auf sein Zeichen stellte die Schwester die Pumpe an. Diese begann Blut aus der Lunge abzusaugen.
»Vierunddreißig!« meldete Garvin. Und Holman murmelte atemlos: »Komm schon … Komm schon!« Bis dahin war es ein guter Tag gewesen, mit vorwiegend leichten Verletzungen. Er hatte gehofft, seinen Dienst gegen Mitternacht ohne weitere Komplikationen beenden zu können. Stirb mir jetzt nicht!
Holman sah ängstlich zwischen der Kanüle und der Pumpe hin und her. Es war ein Wettrennen mit der Uhr. Er hoffte, daß ausreichend Blut aus den Lungen gesaugt werden konnte, um Blutdruck und Atemtätigkeit zu stabilisieren, bevor der Puls zu weit abfiel. Aber dann sackte der Blutdruck auf 92 zu 50, und Garvin meldete einen Puls von 32 – um sich nur Sekunden später auf 30 zu korrigieren. Holman merkte mit wachsender Panik, daß er dabei war, das Rennen zu verlieren.
Garvins Schrei »Herzfrequenz wird langsamer!« und der Herzstillstand des Jungen folgten auf dem Fuß. Auf dem Monitor des EKGs war nur noch eine Null-Linie zu erkennen.
Holman hatte der Schwester bereits ein Zeichen gegeben und drängte jetzt: »Defribrillieren!«
Garvin brachte die Elektroden in Position, doch Holman hielt abwehrend eine Hand hoch und zählte die Sekunden aus – sechs …sieben … Es war ein genau kalkuliertes Spiel. Holman wußte, sobald das Herz wieder zu schlagen begann, würde frisches Blut in die Lunge gepumpt. Jede weitere Sekunde würde ihm eine größere Chance geben, die Lunge zu reinigen und den Zustand zu stabilisieren. Zehn … elf … Garvin sah ihn ängstlich an, den eintönigen Piepton des Monitors unheilvoll im Nacken – dreizehn … vierzehn … »Okay! Los!«
Holman trat zurück, als Garvin den Strom anstellte. Der Stromstoß ließ den schmalen Körper heftig zucken.
Er blieb ohne Wirkung. Der Puls verlief noch immer in einer Null-Linie auf dem Bildschirm … neunzehn … Holman preßte die Kiefer aufeinander. Panische Angst, das falsche Timing gewählt zu haben, die Elektroden zu lange ausgeschaltet gelassen zu haben, befiel ihn. Einundzwanzig Sekunden hatte das Herz jetzt nicht geschlagen. Er beugte sich über den Jungen, drückte eine Hand fest auf seine Brust und begann mit einer Herzmassage. Alles war blutverklebt. Bei gebrochenen Rippen und Brustbein fürchtete Holman, nicht den notwendigen Druck ausüben zu können. Achtundzwanzig … neunundzwanzig …
Noch immer nichts! Der Piepton war eine penetrante, ärgerliche Erinnerung an ihr Unvermögen. Holman brauchte den Monitor gar nicht erst anzusehen. Er machte Garvin ein Zeichen. »Stell das Ding noch mal an!«
Ein weiterer Stromstoß durchzuckte den jungen Patienten, ohne ein Pulssignal hervorzurufen. Holman befürchtete das Schlimmste. Er beugte sich zur nächsten Massage über den Kinderkörper; die Hände glitschig von Blut auf der schmalen, zerbrechlichen Brust, versuchte er mit jedem Stoß Kontakt aufzunehmen, forderte stumm und flehentlich ein Lebenszeichen. Schweißperlen bildeten sich auf seiner Stirn. Es waren erst wenige Minuten vergangen, seit man den Jungen hereingerollt hatte, und die Nerven des Arztes lagen blank, er kämpfte, das Zittern seiner Hände unter Kontrolle zu bringen, den Rhythmus der Massage zu halten … dreiundvierzig … vierundvierzig. Wenn er den Jungen jetzt verlor, bezweifelte er, für die restliche Dienstzeit einem anderen Patienten gegenübertreten zu können.
Trotzdem wußte er, daß wenig Hoffnung bestand. Noch ein Wiederbelebungsversuch, und das war es. Zu diesem Zeitpunkt war der Junge dann fast eine volle Minute klinisch tot.
Weizenfelder, sanft im Wind wogend.
Das Gefälle änderte sich plötzlich und ohne Vorwarnung. Eyran konnte den kleinen Hain am Ende des Feldes erkennen, rannte den Abhang hinunter und darauf zu, während seine Erregung mit jedem Schritt wuchs. Drinnen im Gehölz war es dämmrig und feucht, die Luft war kühler. Er sah sich nach vertrauten Orientierungspunkten um, die ihn zum Bach führen würden, tastete sich seinen Weg durch das Halbdunkel. Einmal glaubte er, sich verlaufen zu haben, dann tauchte unvermittelt hinter einer Baumgruppe der Bach auf. Zuerst war er unsicher, denn er konnte sich nicht erinnern, daß der Bach zuvor an dieser Stelle gewesen war. Als er näherkam, sah er eine kleine Gestalt über den Wasserlauf gebeugt auf den Grund starren. Er meinte Sarah zu erkennen, doch entdeckte er nirgendwo den Hund. Die Gestalt blickte langsam zu ihm auf, und es dauerte eine Sekunde, bis ihm die Erkenntnis kam: Es war Daniel Fletcher, ein Junge aus seiner alten Schule in England, den er Jahre nicht gesehen hatte.
Er fragte Daniel, was er da mache, da dieser sonst nie am Bach spielte, und Daniel murmelte etwas davon, wie friedlich es hier unten sei. »Ich weiß«, stimmte Eyran ihm zu. »Deshalb komme ich ja hierher. Es ist so still. Sarah taucht auch manchmal auf, mit dem Hund.« Dann fiel ihm ein, daß Daniel fast zwei Meilen hinter der Broadhurst Farm wohnte. »Du mußt ja eine Ewigkeit gebraucht haben, um herzukommen. Wissen deine Eltern, daß du hier bist?«
»Nein, wissen sie nicht. Aber das ist egal. Hab sie seit Jahren nicht gesehen.«
»Seit Jahren nicht? Sehr komisch.« Doch dann merkte Eyran, daß Daniel keine Miene verzog. Er blickte erneut sehnsuchtsvoll ins Wasser und Eyran hatte wieder das Gefühl, daß etwas nicht stimmte, daß das alles nicht wirklich, ein Traum war. Und mit einem Mal fiel ihm ein, was nicht zusammenpaßte. Daniel hatte an akutem Asthma gelitten und war mit sechs Jahren nach einer schweren Bronchitis gestorben – ein Jahr, bevor Eyran nach Kalifornien gezogen war. Er erinnerte sich jetzt an den Gedenkgottesdienst in der Schulkapelle. Die ganze Schule war in Tränen aufgelöst gewesen, und alle Jungen, die Daniel wegen seiner körperlichen Schwäche gehänselt hatten, hatten sich plötzlich geschämt. Er sah, wie Daniels Hühnerbrust nach Luft rang, hörte das leise Rasseln seines Atems. Als es in den Büschen knackte und raschelte, fuhr Eyran zusammen. Er nahm sich vor, umzukehren und davonzulaufen, als er plötzlich erkannte, daß es sein Vater war, der durchs Gebüsch trat.
Eyran bekam einen Schreck, weil er seinen Vater nie zuvor im Wäldchen gesehen hatte. Er wußte instinktiv, daß er offenbar zu Hause überfällig war oder etwas Dummes gemacht hatte, und formte automatisch das Wort ›Entschuldigung‹ mit den Lippen.
Sein Vater sah nachdenklich auf Daniel herab, bevor er Eyran zuwinkte. »Du mußt jetzt nach Hause gehen, Eyran, du gehörst nicht hierher.«
Eyran begann sich zu entfernen, bis er merkte, daß sein Vater nicht folgte. Er war bei Daniel am Bachufer zurückgeblieben. »Kommst du nicht mit, Daddy?«
Sein Vater schüttelte bedächtig den Kopf, die Augen traurig und abwesend, und Eyran blickte aus dem Wäldchen auf die Felder und stellte fest, daß es draußen mittlerweile finster geworden war. Wie eine undurchdringliche, schwarze Decke hatte sich Dunkelheit über das Weizenfeld ausgebreitet, das sich bis in endlose Fernen zu erstrecken schien, ohne auch nur eine der hügeligen Konturen aufzuweisen, an denen er sich hätte orientieren können. »Aber was ist, wenn ich mich verlaufe?« bettelte er, kurz bevor sich sein Vater abwandte und in der Dunkelheit des Wäldchens verschwand.
Eyran begann zu zittern und zu weinen. Er fühlte, daß er tun mußte, was der Vater von ihm verlangte – er mußte den Weg nach Hause finden –, obwohl er gleichzeitig verzweifelt zu begreifen versuchte, warum sein Vater ihn in der Dunkelheit alleingelassen hatte. Er wußte, wenn er nur wieder nach Hause gelangen konnte, würde alles gut werden. Doch die Dunkelheit über dem Feld war undurchdringlich und endlos und ohne einen einzigen vertrauten Anhaltspunkt.