ISBN: 978-3-95573-086-4
1. Auflage 2014, Bremen (Germany)
© 2014 Klarant UG (haftungsbeschränkt), 28355 Bremen, www.klarant.de
Titelbild: Unter Verwendung des Bildes 159334235 von Mayer George (shutterstock).
Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf - auch auszugsweise - nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.
Der Regen passte zum Anlass. Er platschte auf die Schirme, die über den Köpfen der Trauergäste aufgespannt, ein buntes Dach bildeten. Um die Füße der Trauernden bildeten sich kleine Seen und die Soutane des Priesters war durchweicht. Einer der Messdiener versuchte einen Schirm über den Gottesmann zu halten. Da der Knabe aber mehr als einen Kopf kleiner war als der Priester und er diesem mehrfach die Enden der dünnen Streben in die Wange gestochen hatte, hatte es dem Priester schließlich gereicht. Er hatte den Schirm mit einer ungeduldigen Geste weggestoßen und stand nun schutzlos im Regen, während der kleine Messdiener tapfer versuchte, wenigstens das Gebetbuch vor dem Schauer zu schützen.
Julia bekam von all dem nichts mit. Ihr Sohn Roman und Schwiegertochter Nadine hakten sie unter, als sie an das offene Grab traten. Aber es war nur Julias Körper, der da stand. Ihr Geist weigerte sich beharrlich, die Tatsachen zu akzeptieren. Dieser Sarg, den die Träger gerade heruntergelassen hatten und auf dessen Deckel nun die Blumen fielen, die sie, Roman und Nadine mitgebracht hatten, hatte nichts mit ihr zu tun. Es war ganz und gar unmöglich, dass da ihr Jochen lag! Er war natürlich, wie jeden Tag, arbeiten und er würde nachher, wie jeden Abend, nach Hause kommen, und dann würde er sie fragen, wie ihr Tag gewesen war und sie würde ihm von dieser merkwürdigen Beerdigung erzählen.
Nein, Jochen war nicht tot. Nicht er, der vor Gesundheit, Lebenslust und Lebenskraft nur so strotzte. Der jeden Mittwoch zum Squash ging, gerne wanderte und immer für ein Späßchen zu haben war. Nein, so ein Mensch fiel nicht einfach vor dem Bankschalter um und war tot!
Rein mechanisch trat sie, flankiert von Sohn und Schwiegertochter, endlich von dem Grab zurück, ging ein paar Schritte zur Seite und sah zu, wie nun ein Trauergast nach dem anderen herantrat, um Blumen oder drei Schäufelchen Erde in die Grube zu werfen. Anschließend kamen sie zu der Familie, um zu kondolieren. Sie schüttelte Hände, nickte, dankte, ließ sich umarmen, alles ohne dabei etwas zu empfinden. Das war nicht so, die hier stand, das war eine andere, mit der Julia absolut nichts zu tun hatte. Irgendwann würde sie neben Jochen aus diesem Alptraum erwachen, ihn zärtlich wachküssen und die Wärme seines Körpers genießen, der sich an sie schmiegte.
Nein, Jochen war nicht tot!
Sie merkte nicht, dass ihr die Tränen über die Wangen liefen.