Ein Phantasiestück

Pan und die Geheimräte

Als der große Gott Pan lange genug tot gewesen war, da dachte er sich, es möchte wohl an der Zeit sein, wieder lebendig zu werden. Denn die Götter, da sie keine Übermenschen sind, sondern eben Götter, sind mitleidig. Also ward Pan lebendig aus Mitleiden.

Irgendwo tauchte er auf und wandelte umher. Es war auf einer kleinen Insel in einem kleinen See. Niemand sah ihn dort außer zwei Dichtern, die auf einem Kirschbaum saßen wie schmausende Spatzen. Es war ein Dicker und ein Dünner. Der Dicke sprach: Ich wünschte, die Welt wäre so drall wie diese schwarzen Kirschen.

Der Dünne aber, der manchmal kosmophantasierte, stopfte sich ein ganzes Büschel wachsgelber ins Maul, gab einen Sprühregen von Kernen von sich und bemerkte: Was weißt du von der Welt!? Wer weiß, ob sie nicht ein Kirschbaum ist und unsre Erde eine Kirsche dran?

Aber der Dicke schüttelte sein rundliches Haupt, daß die Kirschgehänge an seinen Ohren schwermassiv baumelten, und sagte nichts als: Madig!

Das, mein Dicker, erwiderte der Dünne, überlasse dem Urteil der Götter. Sie, nicht wir, sitzen im Baume und essen.

Und der Dicke, der der schwarzen zu viele gegessen hatte, entgegnete milde: Seien wir fromm und wünschen wir, daß sie sich den Magen nicht verderben.

Scilicet: an uns, bemerkte der Dünne.

Pan hörte das Gespräch und amüsierte sich darüber so sehr, daß er laut lachte.

Wenn aber Götter lachen, erschrecken die Menschen, und so fuhren denn die beiden Dichter ratsch den Baum hinab ins Gras, genau zu Füßen des Gottes.

Himmel! sagte der Dicke, als er aufschaute: Bist du nicht jener Pan, von dem die Zeitgenossen sagen, er sei tot?

Der Dünne aber, skeptischer und schon wieder mutig, fühlte die Bocksbeine über sich an und meinte: Es wird eine Imitation sein.

Da mußte der Gott zum zweiten Male lachen, und so gewaltig schwankte sein Bauch zum Moll-Donner seines Mundes, daß der Dünne wieder Angst kriegte und etwas leise bemerkte: Nein, das Lachen läßt sich nicht imitieren.

Und beide Dichter sanken in die Kniee, hoben die Arme in lieblichem Schwunge auf und beteten etwas Anapästisches.

Schon gut, sagte der Gott. ich sehe, daß ihr bessere Menschen seid, und es ist mir angenehm, daß ich just zwei Dichtern zuerst begegne. Auch freue ich mich, daß ich euch bei so freundlicher Beschäftigung und auf einem Baume sitzend traf. Aber: wo habt ihr eure Mädchen? Denn ich hoffe, daß ihr verliebt seid.

Wir sind es! riefen beide Dichter gleichzeitig. Unsere Mädchen baden dort hinten im Schilfe.

In diesem Augenblick hörte man helles Gelächter vom See her.

Die Mädchen scheinen lustig zu sein, bemerkte der Gott, der sich mit übereinandergeschlagenen Beinen im Grase niedergelassen hatte.

Sie sind es! riefen beide Dichter wie aus einem Munde.