Mein Freund Emil, von dem ich nicht leugnen kann, daß er ein Dichter ist, also eigentlich keinen Anspruch darauf hat, für sehr glaubwürdig genommen zu werden, trat an einem sehr kalten Tage in mein Zimmer und sprach: »Wenn du mir jetzt, unbeschadet deines verwünschten Teatotalertums, einen steifen Grog brauen läßt, will ich dir, nobel und schreibfaul wie ich bin, eine Geschichte schenken.«
»Den Grog,« erwiderte ich, »sollst du haben, aber könntest du ihn nicht vielleicht ohne Geschichte trinken? Ich möchte dir nämlich gerne meine letzten vierundachtzig Übungssonette vorlesen.«
»Nein,« sagte Emil, »das geht nicht. Erstens, weil ich selber berufsmäßig Sonette mache, und zwar bessere als du. Zweitens, weil Sonette und Grog zusammen passen wie Ananas und Sardellenbutter. Und drittens, weil ich diese Geschichte jetzt durchaus erzählen muß.«
»Dann allerdings,« lautete meine Entscheidung, »wird sich die Geschichte schwer vermeiden lassen.«
Der Grog kam, Emil kostete ihn, erklärte, daß er zwar etwas fadenscheinig, für den Ort seiner Herkunft aber ganz wacker sei, und begann:
»Zürich, Hauptstadt des gleichnamigen Kantons, an der Limmat und dem Züricher See gelegen, erfreut sich, wie du weißt, eines eidgenössischen Polytechnikums und einer kantonalen Universität. Dies war, wie ich vor nun fast zwanzig Jahren meinem Vater erklärte, der Grund, weshalb ich einen unwiderstehlichen Drang empfand, mich dorthin zu begeben. Mich in den schönen Wissenschaften auszubilden, war mein Bestreben. In den schönen Wissenschaften schlechthin, nicht in einer Spezialdisziplin, welche auch immer es sein mochte. Mein aufs Universelle gerichteter Geist hätte es als schnöde Fesselung empfunden, wenn ich ihm zugemutet hätte, nur an einer und nicht an allen Brüsten jener Alma mater zu saugen. Wer weiß, meine liebe Seele, dachte ich mir, ob du immer so umfassend bestrebt sein wirst, und ließ ihr den Willen. Die Folge war, daß meine Kollegienhefte sich zu einer Ragoutschüssel gestalteten, auf der sich Kostbrocken aus den unglaublichsten gelehrten Garküchen vereinigten, und daß ich mir für alle Zeit den wissenschaftlichen Magen, wenn ich so sagen darf (du darfst nicht, erklärte ich), verdarb. Dies das eine, negative Resultat. Das andere, positive, ist von einer, wie ich ohne weiteres gestehe, schmählichen Dürftigkeit. Nur zweierlei ist mir im Gedächtnis geblieben. Erstens aus dem collegio logico der himmelschreiende Satz: Alle Berliner sind Dichter; nun war Homer ein Berliner; also war Homer ein Dichter. Was der Herr Professor damit beweisen wollte, habe ich vergessen, weil er selber erklärte, es sei etwas Selbstverständliches, aber die gräßliche Zwangsvorstellung, daß Homer ein Berliner gewesen sei, ist mir geblieben, und ich habe noch heute zuweilen melancholische Zustände davon. Die andere Frucht meiner gelehrten Studien in Zürich besteht darin, daß ich über die verschiedene Art der Behaarung bei den verschiedenen Rassen der Erde in einer so eingehenden Weise unterrichtet bin, daß man es schon anstößig nennen muß. Wahrscheinlich hätte ich auch das vergessen, wie alles andere, wenn in jenem unpassenden Kolleg nicht ein über alle Begriffe schönes Mädchen neben mir gesessen hätte.