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Teil I

VIER TAGE IN DEMMIN

Fluss ohne Brücken

»Wir erreichten gegen Morgen wieder eine Stadt. Demmin.«

Ganz am Ende der schnurgeraden Allee löste sich der Umriss eines mächtigen Kirchturms aus der Dämmerung. Die Fluchtlinien der Chaussee und das Spalier der Ahornbäume lenkten den Blick auf die Turmspitze, die sich nadelfein in die Höhe reckte. Ein Scherenschnitt vor zartrosa Himmel, wie mit dem Rasiermesser in Seidenpapier geritzt. Schlank und wuchtig, filigran und fest zugleich. Zum ersten Mal fanden Irene Brökers Augen Halt in der Gleichförmigkeit des Tieflandes. Sie musste nur weiter direkt darauf zusteuern.

Irene Bröker war 23 Jahre alt, stammte aus Stettin und war mit ihrer Familie auf der Flucht. Von der Familie war jetzt, Ende April 1945, nicht mehr viel übrig. Ihr Mann Werner-Walter galt seit letztem Herbst als vermisst. Ihre Eltern, den Schwiegervater und die Schwägerin hatte sie am Tag zuvor in Anklam, einem der vorüberziehenden Durchgangsorte, nach einem Fliegerangriff aus den Augen verloren. Der Kutschwagen der Eltern war mit gebrochenem Rad liegen geblieben, während sie mit dem Auto im dichten Strom der Fahrzeuge, Menschen und Pferde einfach aus dem Ort hinausgeschoben wurde. Sie hatte ihre Verwandten danach nicht wiederfinden können. Nur Holger war jetzt noch bei ihr. Ihr kleiner Sohn Holger, zwei Jahre alt. Ihn durfte sie nun nicht mehr aus ihrer Nähe lassen.

Aber ganz alleine waren die beiden nicht, denn in Löcknitz, ein paar Kilometer westlich von Stettin, hatten sich ihnen ein älterer Arzt und dessen Frau angeschlossen. Wie viele Frauen, hinter denen ein bis dahin geordnetes Leben gelegen hatte, entwickelte Irene Bröker in dieser Lage eine erstaunliche Überlebensklugheit. Dazu gehörte, ihre Gefühle bis auf das Nötigste einzufrieren. Außerdem die Fähigkeit, in fremden Menschen den Verbündeten zu finden. Dr. P., wie Irene Bröker den Arzt in ihren Aufzeichnungen nennt, wurde für sie die wichtigste Stütze in den Tagen, die ihnen bevorstanden. Sogar für den Moment, in dem sie das Überleben vielleicht gar nicht mehr wünschen würde, hatte sie Vorsorge getroffen. An einer Schnur um den Hals trug Irene Bröker ein wasserdichtes Beutelchen bei sich.

Gegen Morgen kamen sie also nach Demmin. Für sie nur ein weiterer gleichgültiger Name auf dem Fluchtweg. Die Stadt um den ziegelroten Kirchturm, der die Landschaft weitum dominierte, barg für Irene Bröker keine Erinnerungen und keine Bedeutung. Das Ziel ihres Marsches lag irgendwo weit im Westen, dort, wo die russischen Soldaten nicht hinkämen.

Die Schrecken der Wintertrecks, der Kampf gegen den Schneesturm auf eisglatten Wegen, die Frostnächte lagen weit zurück. Strahlendes Frühlingswetter beherrschte die zweite Aprilhälfte und versetzte die Natur in Vorpommern in einen unwiderstehlichen Aufbruch. Junges Grün stand auf den Wiesen und in den Bäumen, auf warme Tage folgten mildkühle Nächte. Regen fiel nur noch vereinzelt. Zusammen mit vielen anderen waren Irene Bröker und das Ärztepaar die Nacht über stockend vorangekommen. Als sie am Morgen mit ihrem Wagen den östlichen Rand von Demmin erreichten, waren sie mit ihren Kräften am Ende.

In einem Sandweg blieben wir dann stecken und mußten einige Gepäckstücke liegen lassen, um weiter zu kommen. Viele, viele Werte lagen schon an den Straßenrändern und Wiesen. Wir blieben in Demmin am Stadtrand in einer größeren Villa neben dem Friedhof. Die Bewohner des Hauses waren in der Nacht auf die Fluchtstraße gegangen. Wir konnten vor Erschöpfung nicht mehr weiter und gönnten uns eine Nacht zum Ausruhen.

Hinter ihr lagen durchwachte Nächte, unterbrochen nur von gelegentlichem Sekundenschlaf in der Kühle am Wegrand, wenn der Treck gerade stockte. Sie hatte darüber jedes Zeitgefühl verloren. Sie sehnte sich nach einem Ort zum Ausruhen. Die Station Demmin sollte nicht mehr sein als ein Innehalten zum Verschnaufen. Aber der Ort war ein Nadelöhr. Drei Flüsse lagen auf dem Weg nach Westen.

Ein paar hundert Meter weiter, in der Reit- und Fahrschule des Wehrkreises II Stettin, ehedem eine preußische Kavallerie-Kaserne, hatte die Einheit des Wehrmachtssoldaten Gustav Adolf Skibbe Quartier bezogen. Er war spät in diesen Krieg geraten. Skibbe war vor 53 Jahren im westpreußischen Elbing auf die Welt gekommen. Wenn der Volkssturm der alten Männer und Hitlerjungen das letzte Aufgebot war, dann zählte er im besten Fall zum vorletzten. Bis vor wenigen Monaten hatte er hoffen können, den Krieg bei seiner Familie zu überstehen. Doch das Sieb, mit dem die Armee im Zuge der totalen Mobilmachung die zivile Bevölkerung nach Lückenfüllern durchkämmte, wurde immer engmaschiger, bis auch Skibbe darin hängen blieb. Im Dezember 1944 rückte er ein, knapp zwei Monate darauf ging seine Geburtsstadt Elbing in einem verbissenen Endgefecht unter. Die folgenden Wochen verbrachte er jenseits von jedem Kampfgeschehen meist rund um Berlin und, seit dem 14. März, in Demmin. Der Krieg bestand für ihn in dieser Phase aus Warten, Schleppen und Herumstehen auf zugigen Bahnsteigen: »Elende Nacht, wehe Füße«, er spürte sein Alter und seine Knochen, »gottseidank bekam ich in Oranienburg Einlagen«.

In seinem Kriegstagebuch, einer schmalen Kladde, notierte Skibbe in knappen Stichworten seine Etappen, sein körperliches Befinden und, bei seltenen Anlässen, seine Gefühlsverfassung. Die große Kriegslage würdigte er mit kaum einer Zeile. Noch weniger die Politik. Seine Familie hatte er vier Wochen zuvor zum letzten Mal gesehen.

In Demmin richtete sich seine Einheit in der früheren Ulanenkaserne in der Jarmener Straße ein. Hier bekam er viel zu tun. Seinen Andeutungen zufolge ging es dabei um das Warten und Reparieren von Maschinen. Ihm entging nicht die nervöse, ahnungsvolle Stimmung, die die Menschen in der Stadt, Bewohner wie Flüchtlinge, in diesen Tagen Mitte März erfasst hatte. Auch nicht ihr wachsendes Misstrauen gegen die Truppe, die sie verteidigen sollte:

Alles drunter + drüber. Strohsäcke mit Holzwollefüllung besorgt, im Hinterzimmer schlafen wir, 3 Mann. Möller, Schink und ich. Sehr primitiv. Bevölkerung wegen der Überfüllung der Stadt sehr zurückhaltend, fast kopflos.

Die Tage verstrichen mit viel Arbeit, »ohne wesentlich bemerkenswertes«. Skibbe konzentrierte sich auf seine Maschinen und genoss ansonsten die schönen Frühlingstage. Im Osten der Stadt hoben Frauen und Schüler kilometerlange steile Panzergräben aus und errichteten Panzersperren mit Holzpfählen, während zwischen ihnen die nicht mehr abreißenden Flüchtlingstrecks in dichten Trauben in die Stadt drängten. Die Rote Armee, die ihren Vorstoß nach Vorpommern begonnen hatte, trieb sie wie eine Bugwelle vor sich her.

Marie Dabs, gebürtige Demminerin, Tochter eines Schiffskapitäns und Ehefrau des Pelz- und Herrenartikelhändlers Walter Dabs, kannte sich aus mit Flüchtlingen. In mehreren Wellen waren sie seit Februar durch die Stadt gezogen, einige schlüpften unter bei Verwandten, andere bekamen vom Quartieramt Zimmer oder einen Platz im Massenlager zugewiesen. Die meisten zogen weiter nach Westen, doch an ihre Stelle rückten bald die nächsten. Marie Dabs lebte mit ihren Kindern Nanni und Otto seit der Einberufung ihres Mannes allein in ihrer Wohnung hinter dem Laden in der Luisenstraße. Das Quartieramt wies ihr eine ältere Flüchtlingsdame aus dem Memelland zu, die sich fortwährend beschwerte und die Küche mit Beschlag belegte. »Ihr Braten und Brutzeln, meistens abends, nahm kein Ende.« Sie stellten ihr Ottos Kinderzimmer zur Verfügung, das sie in kurzer Zeit verwohnte. Als die Frau nach einer Weile zusammen mit ihrer Tochter weiter nach Westen zog, besetzten zwei junge Schwestern aus einer anderen Flüchtlingsfamilie Nannis neu eingerichtetes Mädchenzimmer.

Mit ihren 42 Jahren war Marie Dabs von klein auf an ein Leben im bürgerlichen Milieu der kleinen Kreisstadt gewöhnt. Auf einem kunstvoll komponierten Porträtfoto spricht ihr Mienenspiel unter sorgfältig gesteckter Frisur vom Stolz auf ein erfolgreiches Leben. Nun musste sie dieses mit wildfremden Menschen aus dem Osten teilen. Das Schicksal der Geflohenen vor Augen, quälte sich Marie Dabs mit der Frage, was ihnen selbst bevorstand. Mehrmals rang sie sich zu dem Entschluss durch, mit den Kindern die Stadt zu verlassen. Die befreundete Gutsbesitzerfamilie Hansen bei Flensburg drängte sie per Telegramm, doch zu ihnen zu kommen. Die Koffer waren gepackt. Aber Marie Dabs ließ sich durch Behördenvertreter und Offiziere dazu überreden, zu bleiben und ihren Laden nicht zu schließen, denn das Geschäft mit den Militäreffekten und Ordensdekorationen, das sie mit offizieller Genehmigung neben dem Pelzhandel betrieb, erfuhr in diesen Wochen einen außergewöhnlichen Schub. Ein Wehrmachtsgeneral kaufte ihr die ganze Ordenskiste leer, da ihm selbst, wie er erklärte, in den vielen Kämpfen die Orden ausgegangen seien. Marie Dabs konnte spüren, wie nahe ihr die Front rückte.

Sie ließ sich jedoch wiederum beruhigen, als der Polizeioberst von Demmin ihr versprach, im Fall einer Flucht ihre Familie persönlich in Sicherheit zu bringen. Bis dahin jedoch müsse sie im Gegenzug Frau und Kind eines befreundeten SS-Offiziers in ihrer Wohnung unterbringen. An diesen Strohhalm wollte sie sich klammern. Immer noch vertraute Marie Dabs den Amtsträgern des Regimes mehr als ihrer inneren Stimme.

Obgleich sie bei allen Mahlzeiten unsere Gäste waren, gab mir der hohe SS-Offizier keinerlei Rat. Doch die vielen Trecks, die durch unsere Straßen gen Westen zogen und die Schiffe mit Flüchtlingen im Hafen mußten uns ja zu denken geben. Ich hoffte fest auf das Versprechen unseres Polizei-Oberst, der uns ja zusammen mit seiner Frau und Tochter in Sicherheit bringen wollte!

Den Krieg kannten die Demminer bis dahin nur aus den Berichten in der Zeitung, dem Rundfunk und der Wochenschau. Oder aus Erzählungen anderer. Zwar trieben die Sirenen des Fliegeralarms sie ab und zu in die Keller, aber die Bomberverbände flogen stets weiter, nach Stettin oder Berlin. In bestimmten Nächten konnten die Bewohner aus ihren Dachfenstern heraus am östlichen Horizont den Glutschein des brennenden Anklam sehen. Ein paar Mal hatte die US-Bomberflotte den nur zehn Kilometer östlich gelegenen Militärflugplatz Tutow angegriffen. Aber auf Demmin selbst war nie eine einzige Bombe gefallen. Eine Insel mitten im Krieg.

Ursula Strohschein, die mit ihren Eltern in der Luisenstraße nicht weit vom Pelzgeschäft Dabs in der Altstadt wohnte, war kurz zuvor von einem Besuch in der Ruinenwüste des völlig zerbombten Hamburg in ihre Heimatstadt zurückgekehrt. Nach diesen Eindrücken, die schwer auf ihrer Seele lagen, gab ihr der Anblick der unversehrten Stadt wieder einen Augenblick lang Luft zum Atmen und Hoffen. »Nicht nur Wiedersehensfreude, es war auch eine Wohltat.« Die Bürgerfassaden mit den Ziergiebeln und Sprossenfenstern, die alten Fachwerkhäuser, die Turmstraße mit dem Pulverturm und dem Luisentor dahinter, die sacht fließende Peene konnten das Gefühl erwecken, dass die Zeit vielleicht einfach an Demmin vorübergehen würde.

 

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1 – Marktplatz, Rathaus und St.-Bartholomaei-Kirche in Demmin vor 1945

Ursula war jedoch weder dumm noch taub noch blind. Sie wusste, was sie gesehen hatte in Hamburg. Sie kannte die Berichte der Soldaten, die auf Heimaturlaub gekommen waren, und jener, die jetzt in Demmin Stellung bezogen hatten. Sie kannte das Schicksal der Flüchtlinge, deren Städte und Dörfer die Russen erobert hatten und die jetzt noch zahlreicher als zuvor hereinfluteten. Es waren stachelbärtige alte Männer mit verbeulten Hüten, gebeugte Großmütter, hohläugige junge Frauen mit Kopftüchern und Hetze im Blick, Kinder mit rotzverschmierten Nasen und stinkenden Hosen. »Vollgestopft mit Fremden«, so beschreibt Ursula Strohschein das Demmin dieser Tage. Sie schoben sich in stockenden Kolonnen aus Pferdefuhrwerken, Handkarren und Kinderwagen durch die Straßen. Oben drauf hatten sie zu schwankenden Türmen gestapelt, was ihnen von Haus und Hof geblieben war. Bettdecken und Kissen, Wäschekörbe, Koffer, Rucksäcke, verkeilt und mit Schüren festgezurrt. Eine Elendsprozession, die der Druck der heranrollenden Front in die Straßen, auf die Plätze und Wiesen der Stadt spülte. Ende April wussten die Quartiermeister der Partei nicht mehr, wohin mit ihnen. Alle Wohnungen und Schulen waren überbelegt, ebenso die Gutshöfe und Gehöfte im Umland. Wer jetzt kein Dach hatte, blieb im Treckwagen und verbrachte die Nächte auf der Straße. Die Demminer, bis dahin Zuschauer, mussten sich selbst die Frage stellen: bleiben oder gehen?

Unruhe und Angst geisterten durch die alte Hansestadt. »Was wird aus Demmin?«, fragte meine Tante, die in dem schönen Bürgerhaus am Markt 22 wohnte, den dort einquartierten Bannführer der HJ. »Wir verteidigen Demmin!« war seine stramme Antwort. Wir, das waren einige Hitlerjungen und Volkssturmmänner. Der Herr Bannführer eilte nach oben, zog sich um und verschwand.

Am Samstag, dem 28. April, machte Dr. Wilhelm Damann einen Rundgang durch die Stadtknabenschule in der Frauenstraße, den tiefroten Backsteinbau mit dem spitzen Dachreiter. Damann war selbst Lehrer gewesen, nach dem Machtantritt der Nationalsozialisten aber aus dem Dienst entfernt worden. In der roten Schule war der Unterricht, wie überall in der Stadt, eingestellt. Die Wehrmacht hatte darin ein Lazarett eingerichtet, in dem Verwundete und Sterbende die Gänge belegten. In der Aula, in der sich sonst angehende Erwachsene in feierlicher Steifheit mit Lebensweisheiten zum Abschlusszeugnis erbauen ließen, schnitten Ärzte jetzt den angehenden Erwachsenen Kugeln und Splitter aus dem Fleisch und sägten ihnen Arme und Beine ab. Heute jedoch sah Wilhelm Damann vom Gang aus, wie die Aula von Verwundeten geräumt wurde. Wer von ihnen nicht in einem Lastwagen oder requirierten Möbelwagen unterkam, für den blieb nur der Platz in einem Pferdefuhrwerk. Als Damann vor die Tür auf die Frauenstraße trat, war diese voller deutscher Soldaten, die alle Richtung Peenebrücke strebten. Gegen diesen Strom kämpften sich Menschen mit Kartons und Taschen, die sie in den geöffneten Magazinen und Depots der Armee mit Lebensmitteln vollgestopft hatten. »Die Auflösung war im Gange.«

Die Wehrmacht machte kein Geheimnis daraus, dass sie die Stadt aufgeben und hinter sich die Brücken nach Westen sprengen würde. Es war die letzte Gelegenheit für alle Zweifler und Schwankenden, sich auf die Flucht zu machen. Andere hatten sich auf diesen Moment längst vorbereitet. Die Spitzen der NSDAP und ihrer Organisationen, der Landrat, Bürgermeister, Gymnasialdirektor, die Vertreter von Behörden und Verwaltung ließen zurück, was sie ohnehin nicht retten wollten. Vom Pelzgeschäft der Marie Dabs zum weitläufigen Marktplatz waren es nur ein paar Schritte.

Ich lief zum Rathaus, um unseren Polizei-Oberst zu sprechen, der mir ja das Versprechen gab. Aber was ich da vor dem Rathaus erleben mußte, war für mich unvorstellbar. Auf einem Lastwagen saß unsere gesamte Polizei und neben dem Wagen stand der Polizei-Oberst, bereit, auf den Wagen zu steigen. Er rief mir zu: »Wollen Sie mit, dann steigen Sie auf!« Ich habe fassungslos dagestanden, keines Wortes mehr mächtig.

Ohne die Kinder – niemals! So musste Marie Dabs dem Wagen hinterhersehen und damit ihrer letzten Hoffnung, Demmin rechtzeitig zu verlassen. Zwei Dinge brachen in diesem Augenblick über sie herein. Da war der Verrat des Polizeiobersten, auf dessen Versprechungen sie bis zum Schluss blindlings vertraut hatte. »Unvorstellbar« war dieser Bruch deshalb, weil ja nicht nur der Polizeioberst auf den Lastwagen sprang, sondern auch die anderen Polizisten ihrer Heimatstadt, die sie beschwatzt hatten zu bleiben. Sie dachte auch an jenen hohen SS-Offizier, dessen Frau und Kind bei ihr wohnen durften, der gelegentlich von irgendwoher bei ihnen zum Abendessen hereingeschneit war, der wenig sagte, aber vieles wusste, und der mitsamt seiner Frau eines Tages weg war. Und dann war da der General der Wehrmacht, der die ganze Ordensauslage leergekauft und ihr geschworen hatte: »über die Oder kommen die Russen nicht!« Ihn hatte sie nie wieder zu sehen bekommen. Und all die Leute aus der Partei, Ottos Jungvolkführer, der Ortsgruppenleiter, hatten Hoffnung verbreitet, hatten von Flucht nichts wissen wollen und waren doch selber geflohen.

Schlimmer als der Verrat dieser Leute aber war, dass sie, Marie Dabs, ihnen allen eher hatte glauben wollen als sich selbst. »Ich ahnungsloser Mensch.« Ihre leichtgläubige Dummheit, ihr kraftloses Abwarten erschreckten sie selbst. Obwohl sie gespürt hatte, was um sie herum geschah und dass es ums Leben ging, hatte sie sich immer wieder beschwichtigen lassen und die Wahrheit vor ihrer Ladentür gelassen. Bis es zu spät war. Von da ab durchzieht der Vorwurf, vor sich und ihren Kindern versagt zu haben, ihren Bericht als wiederkehrendes Motiv. »Warum tat ich es nicht? Warum bin ich nicht abgefahren, als Hansens mir das Telegramm schickten? Ich habe alles verkehrt gemacht, und das grausige Schicksal nahm seinen Lauf.«

Bestürzt ging sie zurück ins Pelzgeschäft und rief die Kinder zu sich. Gemeinsam packten sie ihr Fluchtgepäck. Ein Handkoffer mit Lebensmitteln, Kognak, Zigaretten als Tauschware. Ein größerer Koffer für bessere Kleidung, ein Daunenbett und die beiden Fotoalben der Kinder. Wertsachen, die sie nicht mitnehmen konnten, die Orden und Ehrenzeichen aus dem Geschäft, versteckten sie im Keller. Dann verteilten sie ihre Sachen auf den Gepäckträgern der Fahrräder. Auch jetzt vergaß Marie Dabs nicht, dass sie die Frau des Pelzhändlers war. »Ich hatte mein dunkelgraues Kostüm und eine rotweiße Hemdbluse und ein Paar derbe Schuhe an und meine beiden Pelzmäntel über dem Arm.« Ein letzter Blick in die vertrauten Räume, die weißlackierten Ladenschränke, die Kleiderstangen mit den Oberhemden, Krawatten und Mützen. Der Pelzraum mit dem weißen Schrank, darin die Pelzmäntel und Muffs.

Im Moment des Aufbruchs rannte ihnen die jüngste Tochter von Herrn Feindt entgegen, dem Kinobetreiber aus der Nachbarschaft. Ihr Vater hatte nach einem Herzanfall im Sterben gelegen. Keiner hatte ihm helfen können. Frau Feindt und die drei Töchter ließen den Toten schließlich in der Wohnung zurück und flohen Richtung Kummerower See. Währenddessen schoben Marie, Nanni und Otto Dabs ihre Fahrräder im Strom der Flüchtenden und Soldaten über die Kahldenbrücke am Hafen.

Am selben Tag notierte Gustav Skibbe in sein Kriegstagebuch, dass seine Einheit den Standort aufgeben würde. Kein Endkampf in Demmin. Die Wehrmacht räumte sämtliche Positionen. Skibbe bekam zu seiner Freude ein zusätzliches DKW-Fahrzeug, »zwecks Absetzung«. Nach einer Nacht ohne Schlaf fuhr er zum Heeresverpflegungslager, wo die Liquidierung des Stützpunktes in vollem Gange war. Überall aufgebrochene und leergeräumte Kisten. Fleisch. Zigarren. Schnaps. Soldaten und Zivilisten schleppten Säcke mit Kartoffeln und stangenweise Zigaretten davon, blafften und brüllten sich an, rissen sich die Beute aus den Händen und droschen aufeinander ein. »Mord. Totschlag.« Skibbe packte, was er kriegen konnte für sich und seine Leute. Kein geordneter Rückzug, sondern »fluchtartiges Absetzen«. Die ersten Tiefflieger, die ersten Toten. So kam der Krieg schließlich doch nach Demmin. Es war der 29. April.

Muttis Geburtstag. Welche schwermütigen Gedanken schweifen hinaus. Unser Büro wird geräumt unter Fliegerbeschuß, Tiefflieger, verschiedene Tote unter den Flüchtlingen. Hochbetrieb, eine Armee flutet zurück, ein grausiges Schauspiel. Nachts Verlagerung nach der Hafenbrücke, niemand soll heraus aus Demmin.

Die kampflose Räumung der Stadt hatte ihren Preis. Die Menschen wurden schutzlos dem Feind übergeben. Kein Bewohner, kein Flüchtling sollte mehr die Stadt nach Westen verlassen, um das Heer auf seinem Rückzug nicht zu behindern. Die Soldaten begannen ihren Rückzug über die Peene. Anschließend wollten sie die Brücken in die Luft sprengen.

Irene Bröker und ihre Gefährten hatten sich für ihre Fluchtpause den schlechtesten Moment ausgesucht. Der Erholungstag in der verlassenen Villa am Friedhof, in der sie sich eingerichtet hatten, wäre ihnen beinahe zum Verhängnis geworden. Häuserkontrolle durch die Waffen-SS, Suche nach Männern, Drückebergern, Verrätern. Dr. P. gelang es im letzten Moment, sich unter dem Bett zu verstecken. Die »Kettenhunde« mit dem großen Metallschild auf der Brust sahen sich nur flüchtig um.

Das Telefon ging plötzlich im Hause nicht mehr. Es war merkwürdig still geworden. Wir wollten weiterziehen und hofften, daß nach der Häuserkontrolle niemand mehr auftauchen würde, der uns in die Gräben schicken konnte, die rund um die Stadt angelegt waren.

Gerade als sie ihre Koffer wieder in das Auto stopften, kamen ein paar Frauen vorbei und erzählten, dass die SS die Brücken gesperrt habe. Jetzt spürte Irene Bröker auf einmal die Kälte im Magen. Sie verfluchte die Militärs, dass sie die Hauptstraßen nach Westen für ihr Kriegsgerät reserviert hatten. So hatten sie hinter Stettin auf verstopften Nebenwegen schräg nach Norden in Richtung Ostsee ziehen müssen. Wären sie geradeaus nach Westen gefahren, so glaubte sie, hätten sie heute schon in Mecklenburg sein können, wo sie die Engländer vermuteten. In Sicherheit. »Wir aber saßen Ende April wie in einer Falle in Demmin fest.«

Demmin, das »Dreistromland«. Die Stadt drängt sich wie eine Halbinsel an das Ostufer der Peene, die sich hier zu einer Schleife ausbeult. Sie kommt von den Hügeln der Mecklenburgischen Schweiz und schlängelt und windet sich noch weitere fünfzig Kilometer durch die Vorpommersche Ebene bis zur Ostsee. Die Peene ist keine reißende Wilde. Ihr Ufer liegt in Demmin kaum zwei Meter über dem Meeresspiegel. Ihr Gefälle ist sacht, ihr Fließen träge. Bei anhaltend starkem Ostwind gibt sie irgendwann nach und strömt bergauf. Aus der Luft betrachtet, umfasst die Peene in einem halbkreisförmigen, schwarzgrünen Bogen die Demminer Altstadt, die darüber auf einer kleinen Anhöhe liegt. Der Marktplatz mit dem freistehenden Rathaus in der Mitte, die stolze Backsteinkirche St. Bartholomaei, das Luisentor mit seinem Treppengiebel. Im Verlauf dieses Bogens münden zwei Zuflüsse in die Peene, von links die Trebel, von rechts die Tollense, beide ebenfalls stark mäandernde Flüsschen. In und um Demmin bilden Peene, Trebel und Tollense ein schwer überschaubares Netz von Seitenarmen und Torfkanälen, Becken und Gräben, Teichen und Sumpfwiesen. Seiner Lage an diesem Drei-Flüsse-Kreuz mit Wasserstraße zur Ostsee verdankte die Kreisstadt einmal eine gewisse Bedeutung als Seehafen. Die Lagerspeicher aus Rotklinker können es mit dem Kirchturm aufnehmen.

 

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2 – Demmin von der Peene aus

Demmin, Dreistromland, Ende April 1945. 15 000 Einwohner. Einige tausend Flüchtlinge. Die Brücken von den eigenen Soldaten abgesperrt, zur Sprengung bereit. Aus der Luft betrachtet, schnitt das schwarzgrüne Band der Peene die Fluchtwege nach Westen ab. Aus der Luft betrachtet, war zu erkennen: Sie saßen alle in der Falle.

Seit dem 25. April war die 65. Armee der Zweiten Weißrussischen Front von Stettin aus unterwegs auf ihrer letzten Etappe durch Vorpommern und Mecklenburg-Strelitz bis zur Demarkationslinie zu den Westalliierten. Ihr Auftrag lautete, innerhalb von 14 Tagen das deutsche Territorium nördlich von Berlin bis zur Linie Demmin–Malchin–Waren zu erobern. Dabei trafen sie auf die dahinschmelzenden Reste des XXXII. Armeekorps, eine zu großen Teilen aufgeriebene Division flämischer SS-Legionäre und ein paar Volkssturmeinheiten von erbärmlicher Gestalt. Diese Streitkräfte waren zwar längst nicht mehr in der Verfassung, die sowjetischen Panzer und Einheiten zurückzuschlagen, doch sie verwickelten sie immer wieder in Gefechte und brachten ihnen spürbare Verluste bei, sodass die sowjetischen Soldaten keinerlei Anlass hatten, das Kämpfen und Töten etwa als beendet anzusehen. Sie verschärften sogar noch einmal das Tempo ihres Vormarsches, um den sich zurückziehenden Deutschen nicht den Atem zu lassen, an der Küste der Ostsee nochmals eine Verteidigungslinie aufzuziehen.

So rollten ihre schweren Panzer und Schützenpanzerwagen zügig in Richtung Nordwesten, über die Landstraßen und Wiesen, die wegen der vielen Bäche und Kanäle schwer zu befahren waren. Sie kamen durch kleine und kleinste vorpommersche Ortschaften. Altentreptow. Letzin. Alt Teterin. Hohenmocker. Dort, im Ortsteil Sternfeld, verbrachte die vorderste Brigade die Nacht. Am nächsten Tag sollten die Rotarmisten Demmin einnehmen und dem Feind unverzüglich weiter Richtung Nordwesten nachjagen. So lautete ihre Aufgabe am Morgen des 30. April.

Krieg ohne Grenzen

Die sowjetischen Soldaten kämpften bis zu diesem Moment seit drei Jahren und zehn Monaten, genauer seit 1409 Tagen in einem Krieg, den ihnen das nationalsozialistische Deutschland am 22. Juni 1941 aufgezwungen hatte. Der ganze Ostfeldzug war unter der Losung »Kreuzzug gegen den Bolschewismus« von vornherein konzipiert als Vernichtungskrieg gegen eine minderwertige Rasse, nämlich den sowjetischen Untermenschen. Noch ehe der erste Schuss fiel, hatte die deutsche Führung eine Reihe von völkerrechtsrechtswidrigen Weisungen an die Truppe ausgegeben, die Verbrechen gegen gegnerische Soldaten, Gefangene und Zivilisten nicht nur grundsätzlich förderten, sondern sogar forderten. Schon deshalb wurde dieser Kampf von Anfang an auf beiden Seiten mit einem Ausmaß an Brutalität und Erbarmungslosigkeit geführt, das in der Geschichte kein Vorbild kannte. Hinter der bis zu 1600 Kilometer langen Frontlinie betrieben die Einheiten der SS währenddessen planmäßige Mordaktionen und die industrielle Vernichtung von erklärten »Volksfeinden«. Mit Beginn des Rückzugs 1943 fackelten schließlich im Rahmen des »Verbrannte Erde«-Befehls die Soldaten der deutschen Wehrmacht im Osten tausende Städte, Dörfer und Felder nieder.

Vom ersten Tag an forderte der Russlandfeldzug beispiellose Verluste. Waren dies auf deutscher Seite im Durchschnitt täglich rund 2100 Tote, so starben demgegenüber Tag für Tag mehr als 14 100 Sowjets. Getötete Soldaten, verhungerte Kriegsgefangene, ermordete Zivilisten. Bis Ende April 1945 waren mindestens 20 Millionen Menschen sowjetischer Nationalität umgekommen. Von der Hand jener Deutschen, deren Städte und Dörfer die Rotarmisten nun ihrerseits überrollten. Solche Zahlen waren diesen wohl kaum geläufig, aber jedem Einzelnen von ihnen war klar geworden, dass die Deutschen aufgebrochen waren, um ihn entweder als Sklaven in ein Lager oder als Leiche in eine Grube zu werfen. Jeder von ihnen hatte Anlass zu Rache und Vergeltung, zu Hass- und Triumphgefühlen. Viele hatten Angehörige, Familie, Kinder und Freunde verloren und waren zudem seit 1941 ununterbrochen im Einsatz ohne einen Tag Urlaub. Nach 1409 Tagen Vernichtungskrieg waren sie an der Schwelle des Sieges angelangt. »Die Zeit ist gekommen, die faschistische Bestie endgültig zu vernichten, damit sie niemals mehr unsere Heimat mit einem neuen Krieg bedrohen kann.«

Zweihundert Kilometer südlich von Demmin sahen die Soldaten von der Ersten Weißrussischen Front am 30. April dieses Ziel buchstäblich vor ihren Augen. Sie begannen an diesem Morgen in Berlin den Sturm auf den Reichstag, auf dem die sowjetischen Kommandeure rechtzeitig zur Moskauer Siegesparade am 1. Mai die rote Fahne mit Hammer und Sichel flattern sehen wollten. Panzer, Sturmgeschütze, Haubitzen und Raketenwerfer feuerten ununterbrochen ihre Salven auf den Reichstag und in das Regierungsviertel, in dem sich noch an die 10 000 versprengte Menschen zusammendrängten. Das war es, was in der Herzkammer des Dritten Reiches von seiner Elite übrig geblieben war. Ein wild gemischter Haufen von zu allem entschlossenen Verteidigern und verzweifelten Hilfstruppen, von Waffen-SS-Männern, Hitlerjungen und Volkssturmleuten, Regierungsbeamten und Parteivertretern. In einem Bunker tief unter der Reichskanzlei bereitete sich inzwischen der Führer und Reichskanzler Adolf Hitler mit seinem Hofstaat auf seine eigene Weise auf den letzten Akt vor.

In der Nacht zuvor hatte er mit Blick auf die Nachwelt seiner Sekretärin ein politisches und ein privates Testament diktiert. Darin brachte er seine Sicht der Welt zu Papier, wie er sie während der vergangenen Jahre in endlos kreisenden Monologen wieder und wieder seiner Umgebung auseinandergesetzt hatte. Sein Ringen um den Frieden. Die Schuld des internationalen Judentums an Krieg und Zerstörung. Der Verrat der eigenen Leute. Dann kam er auf das bevorstehende Ende seines Reiches zu sprechen, und hier mischte sich in seine Hymne der Rechtfertigung die Angst vor der Rache des Gegners.

Ausserdem will ich nicht Feinden in die Hände fallen, die zur Erlustigung ihrer verhetzten Massen ein neues, von Juden arrangiertes Schauspiel benötigen. Ich hatte mich daher entschlossen, in Berlin zu bleiben und dort aus freien Stücken in dem Augenblick den Tod zu wählen, in dem ich glaube, dass der Sitz des Führers und Kanzlers selbst nicht mehr gehalten werden kann.

Den alliierten Gegnern Auge in Auge gegenüberzutreten, mit ihnen über einen Waffenstillstand zu verhandeln, womöglich eine Kapitulation zu unterzeichnen, das alles war für Hitler unvorstellbar. Sich gar den siegreichen Sowjets auszuliefern war schlimmstmögliche Schmach und furchterregende Strafe zugleich. Ebenso wenig kam infrage, dass er sich aus dem brennenden Berlin absetzte, um im Süden oder Westen Deutschlands in eine wie auch immer geartete Gefangenschaft zu gehen. Niemals hätte ihn der Gedanke gestreift, sich für seine zwölf Jahre als Führer und Kriegsherr des Deutschen Reiches vor einem Gericht, vor den Alliierten, vor der Welt oder vor den Deutschen selbst zu verantworten. Noch weniger kam ihm in den Sinn, sich seinem eigenen Gewissen zu stellen.

Ihm blieb der Selbstmord. Eine Alternative konnte es nach diesem Leben zwischen tiefer Erniedrigung und äußerster Machtentfaltung nicht geben. Nicht wenige hatten ihm diesen Schritt seit langem vorhergesagt. »Der potentielle Selbstmörder par excellence«, so hatte ihn einer, der vor ihm geflohen war, schon Jahre zuvor eingeschätzt. Keiner wusste das besser als Hitler selbst, der sich für den Fall, dass seine Pläne scheitern sollten, konkret mit Selbstmordfantasien und -techniken beschäftigt und dies auch gelegentlich kundgetan hatte. Nach seinem Scheitern konnte es kein Weiter geben. Nicht für ihn, aber auch nicht für sein Volk, denn dieser Untergang musste total sein. So schloss er sein politisches Testament mit dem Aufruf, weiterzukämpfen in dem Bewusstsein, »dass die Übergabe einer Landschaft oder einer Stadt unmöglich ist«. Sein eigener Selbstmord bedingte für Hitler die Vernichtung Deutschlands. Je länger er das Erste herauszögerte, desto näher kam er dem Zweiten.

Über kaum eine historische Abschiedsvorstellung ist so viel berichtet worden wie über die Geschehnisse am 30. April 1945 im Führerbunker, jenen dreißig Räumen über zwei Ebenen in fünf Meter Tiefe. Über sämtlichen Erinnerungen des Telefonisten, der Sekretärin, des Adjutanten, des Chauffeurs, des Kammerdieners, des Berlin-Befehlshabers, des Kapitänleutnants, des Reichsjugendführers, des Oberwachtmeisters schwebt der Widerspruch eines epochalen Ereignisses, nämlich dem Verglühen des Tausendjährigen Reiches in der Kulisse eines engen, feuchtklammen Bunkers, dessen Atmosphäre dem bombastischen Charakter des Regimes Hohn sprach. Die Zimmer waren vollgestellt mit einem wahllosen Arrangement an Tischchen, Sesseln und schmalen Sofas. Der Versuch, die grauen, kalten Bunkerwände mit Korbsesseln und buntem Teppich zu beleben, steigerte die bedrückende Stimmung, die aber gipfelte in einem übergroßen Ölgemälde Friedrichs des Großen, der mit seinem traurigen Blick das kleine Arbeitszimmer des Führers vollkommen beherrschte.

Adolf Hitler hatte sich aufgegeben. Der Rücken gebeugt, das Gesicht fahlgelb, der Blick getrübt, der Arm zitternd, der ganze Mensch in sich zusammengefallen. Trotzdem war er noch immer das zentrale Kraftfeld der wenigen Quadratmeter unbesetzten Deutschen Reiches. In den frühen Morgenstunden des 30. April, kurz nach Mitternacht, begann er ein ausgedehntes Abschiedszeremoniell, indem er Dutzenden von Bediensteten und Wachmännern, Krankenschwestern und Ärzten per Handschlag seinen Dank aussprach. Mancher antwortete noch mit den tausendfach hergebeteten Phrasen von Treue, Endsieg und Heil. Gegen sieben Uhr hörte er den letzten Lagebericht des Berliner Stadtkommandanten, der den Fall der Stadt binnen 24 Stunden unausweichlich kommen sah. Während das Feuer der sowjetischen Artillerie immer neue Detonationswellen durch den Bunker jagte, besprach er sich mit seinem persönlichen Adjutanten.

Ich möchte nicht, daß meine Leiche von den Russen in einem Panoptikum ausgestellt wird. Günsche, ich verpflichte Sie noch einmal ausdrücklich, unter allen Umständen dafür zu sorgen, daß so etwas nicht geschehen kann.

Ein herrlicher Frühlingstag begann am 30. April zweihundert Kilometer weiter nördlich in Vorpommern. Sonnig, strahlend und frisch. Die Männer der deutschen Wehrmacht kümmerten sich nur um ihren eigenen Rückzug. Die Lazarette waren evakuiert, Depots und Lager geräumt oder geplündert. Die Soldaten, die noch nicht abmarschiert waren, standen größtenteils jenseits der Altstadt am Westufer der Peene. »Nachts nicht geschlafen – die wievielte Nacht jetzt schon?« Nun bekam Gustav Skibbe zu spüren, wie ihm die Front auf den Leib rückte. Sie kam als ein ungeheures Energiefeld auf ihn zu, als eine finstere Welle von Druck und Lärm.

Nach der Ruhe der letzten Wochen war seine Einheit vor zwei Tagen mit dem Befehl zum Stellungswechsel schlagartig in Betriebsamkeit versetzt worden, mit Kommen und Gehen und Laufen und Schreien. Skibbe war froh um jeden Auftrag, den er mit seinem neuen DKW erledigen konnte.

Bei Tagesanbruch rollte er über die Landstraße. Er querte die Peene über die Meyenkrebsbrücke am nördlichen Stadtrand und fuhr ein paar Kilometer die Torfkanäle und Sumpfwiesen des Trebeltals entlang. Vorbei an ein paar Gehöften, an gedrungenen Häusern. Vorbei an der Dorfkirche von Wotenick bis zum Örtchen Nossendorf. Was für eine Erleichterung, nach dem Geruch von Panik und Verzweiflung, der sich in Demmin verbreitet hatte, die Nase in den Fahrtwind zu halten. In Nossendorf bunkerte er Sprit für die bevorstehende Absetzung Richtung Dargun und Rostock. Keiner konnte sagen, wohin es am Ende gehen würde. Ziele gab es nicht mehr, nur Fluchtpunkte. Doch um die Hauptausfallstraße nach Westen zu erreichen, musste er zuvor den ganzen Weg zurück. Über die beiden Brücken, die gerade zur Sprengung eingerichtet wurden.

War Demmin in den Wochen zuvor mehr und mehr mit Menschen vollgelaufen, so leerte sich nun die Altstadt wie auf einen allgemeinen Befehl. Ursula Strohschein beobachtete es mit wachsendem Unbehagen. »Zur gleichen Zeit verließen viele, viele zu Fuß, mit und ohne Handwagen oder mit den rar gewordenen Autos die Stadt über die Kahldenbrücke.« An die verbliebenen Bewohner teilten ein paar Soldaten im Magazin noch Konservenbüchsen aus, ehe sie über die Kahldenbrücke davonmarschierten. Jeder sah zu, wie er nachhause kam. Die Straßen waren bald verlassen. Keine Soldaten mehr, wenige Flüchtlinge, auch kaum mehr Demminer.

Ursula stand mit den anderen Bewohnern ihres Hauses unschlüssig und in dumpfer Erwartung auf dem Hof herum. Ihnen wurde klar, dass ihnen niemand beistehen würde. Es wirkte nicht beruhigend, dass selbst die russischen und polnischen Zwangsarbeiterinnen, die in einem Hofgebäude gegenüber in der Luisenstraße untergebracht waren, ebenso viel Angst vor den russischen Soldaten hatten wie sie selber. Draußen auf der Straße konnte Ursula niemanden sehen. Ihr Blick streifte über die Fassaden der Häuser. Sie fragte sich, ob sie wohl alle leer waren. In der Baustraße um die Ecke war keiner mehr außer im Pfarrhaus der evangelischen Gemeinde. Drüben bei den alten Kessels sah sie ein weißes Bettlaken aus dem Fenster hängen.

Unser Nachbar Stoldt, langjähriger Stadtrat und zuletzt stellvertretender Bürgermeister unserer Stadt, verabschiedete sich mit seiner Frau von uns. Mir kofferbepackten Fahrrädern wollten sie Richtung Westen. »Haben Sie bitte ein Auge auf unsere Wohnung«, bat er noch.

Die Sonne stand am klaren Himmel. Die deutschen Verbände, darunter auch die SS, hatten die Innenstadt verlassen. Die angekündigten Volkssturmeinheiten ließen sich nirgendwo blicken. Der Verkehr war zum Erliegen gekommen. Nur aus der Ferne drang ein mahlendes, rasselndes Geräusch herüber, darunter lag ein tieferes Grollen. Für die Dagebliebenen gab es nichts mehr zu tun als zu warten. Die Zeit nach der zwölfjährigen Herrschaft Adolf Hitlers begann in Demmin mit einem kurzen Stillstehen der Welt. Wer noch in der Stadt war, hatte Zeit, sich zu fragen, ob es klug gewesen war, zu bleiben.

Im Geschäft für Pelze und Herrenartikel herrschte an diesem Morgen Betriebsamkeit. Marie Dabs war tags zuvor mit den Kindern und ihrer Angestellten Martha bis zum Gutshof einer Freundin im Stadtteil Deven am westlichen Ufer der Peene gelaufen. Als sie ankamen, war das Gut voller deutscher Soldaten, die ihr angeboten hatten, ihre beiden Kinder, »Nanni, blond, 19 Jahre, Otto, 15 Jahre«, mitzunehmen. Wieder ließ sie die Gelegenheit verstreichen. »Hätte ich das doch nur getan! Aber sollte ich sie in die Ungewißheit mitgeben?« Nach einer ruhigen Nacht im Stroh des Gutskellers fasste sie wieder Mut. Sie und Nanni schlugen sich gegen den Strom von Soldaten und Flüchtlingen durch bis zur Hafenbrücke. Dahinter erwartete sie beklemmende Leere. Sie gingen über das Pflaster der ausgestorbenen Altstadt. In der Nacht hatte Marie Dabs den Plan gefasst, ihre Wohnung gegen Beschuss sicher zu machen. Sie nahmen die großen Gemälde von den Wänden und stellten sie hinter die Sofas. Die Teppiche rollten sie auf. Wasser gab es schon nicht mehr, aus der Ferne drang Geschützdonner an ihre Ohren. Da bekamen sie es mit der Angst. Jetzt nur noch weg.

Nanni ließ ihr Rad an einer Hauswand stehen, nahm mich an die Hand und sagte nur immer: »Komm schnell, schnell!« Und als wir so eben die Kahldenbrücke, über die wir hinweg mußten, passiert hatten, wurde sie gesprengt, ebenso die zweite Peenebrücke und die Tollensebrücke. Das war das schreckliche Verhängnis für unsere so geliebte und schöne Stadt Demmin.

Drei massive Detonationen zerrissen die Stille und setzten dem Frieden in der Stadt ein Ende. Bis weit in die Dörfer ringsum waren diese ersten Explosionen des Tages zu hören. Gleichzeitig kam das Mahlen und Rasseln der sowjetischen Panzer näher, die zum südlichen und östlichen Stadtrand vorrückten. Für die Menschen waren diese Explosionen das Signal, sich in die Keller zu verkriechen. Manche schleppte noch einen Koffer mit Wechselkleidung, Ausweisen, Wertsachen und einem kleinen Vorrat nach unten, als könnten sie sich unter der Erde dem Geschehen entziehen. Alle rechneten mit schweren Kämpfen.

In den Kellern der Stadt sammelten sich im Halbdunkel Notgemeinschaften, die das Kriegsende zusammengewürfelt hatte. Kinder und Mütter, Tanten und Großeltern, junge Frauen und alte Männer. Zu den Familien stießen Freunde und Verwandte, deren Häuser keine Keller hatten. Dazu kamen die Flüchtlinge aus dem Osten, die die NSDAP in Demminer Heimen einquartiert hatte. Im Lagerkeller der Familie Strohschein hinter dem Luisentor saßen ein paar der Zwangsarbeiterinnen vom Hofgebäude gegenüber. Mancherorts drängten sich zwanzig oder mehr Personen, die sich untereinander kaum kannten. Die jüngeren Frauen hätten vieles drum gegeben, unsichtbar zu werden, aber ihnen blieb nur die Maskerade, deren Kenntnis mit den Geschichten über den sowjetischen Vormarsch zu ihnen gelangt war. Sie beschmierten ihre Gesichter mit Ruß, malten sich mit verkohlten Holzstäbchen Krähenfüße und Falten um die Augen, umwickelten ihre Gesichter mit zerschlissenen Kopftüchern. Alt, hässlich, unscheinbar, wenn schon nicht unsichtbar. Manche hielten ein Kind auf dem Schoß.

Aber nicht alle Demminer verkrochen sich unter der Erde. Einige hatten beschlossen, der Einnahme der Stadt und dem Ende ihrer Welt zuvorzukommen. Der 27-jährige Haupttruppführer beim Reichsarbeitsdienst Lothar Büchner war schon tot, noch ehe russische Soldaten zu seinem Haus in der Jahnstraße vordringen konnten. Er hatte sich erhängt, genauso wie seine Ehefrau und deren Schwester, Mutter und Großmutter. Zuvor jedoch muss er oder eine der Frauen es auf sich genommen haben, dem dreijährigen Kind Georg-Peter die Schlinge um den Hals zu legen. Ähnliches geschah im Haus des 71 Jahre alten Geschäftsführers der Allgemeinen Ortskrankenkasse Bewersdorff. Bevor er, seine Frau und die erwachsene Tochter sich erhängten, starben auf dieselbe Weise die beiden Enkelkinder, zwei und neun Jahre alt. Die junge Frau des Wehrmachtoberleutnants war alleine mit ihrem Kind, das drei Jahre alt war. Irgendwie brachte sie den Willen auf, dem Jungen einen Strick um den Hals zu schlingen und ihn daran aufzuhängen, bevor sie mit sich dasselbe tat. Erhängt haben sich in diesen Stunden noch ein alter Polizist und seine Frau. Erhängt hat sich die Ehefrau eines Polizeihauptwachtmeisters. Erhängt haben sich ihre zwei erwachsenen Töchter. Nur die Frau und die Tochter des Gutsbesitzers von Demmin-Waldberg auf der westlichen Peeneseite und ein 47-jähriger Tischler wählten einen anderen Weg. Sie schossen sich in den Kopf.

Diese 21 Selbstmorde – wenn man den Tod der Kinder entsprechend dem juristischen Sprachgebrauch als »erweiterten Selbstmord« gelten lässt – sind in den Sterbebüchern des Demminer Standesamtes verzeichnet. Die plötzliche Häufung unter dem Datum des 30. April 1945 weckt beim Leser die Ahnung, dass sich an diesem Tag noch vor dem Einmarsch der Roten Armee in Demmin Beispielloses in Gang setzte. Die 21 Selbstmorde waren der Auftakt.

Die Augen des Feindes

Im Führerbunker in Berlin verkündete Adolf Hitler um diese Mittagsstunde, dass seine Zeit abgelaufen sei und er am Nachmittag mit seiner Frau Eva, die er tags zuvor geheiratet hatte, Selbstmord begehen werde. »Ich selbst und meine Gattin wählen, um der Schande des Absetzens oder der Kapitulation zu entgehen, den Tod.« Hitler hatte nicht nur oft über sein Ende nachgedacht und über die sicherste Methode, sich umzubringen. Im Bunker hielt ein SS-Arzt einen Vorrat von Messingkapseln mit Blausäure parat. Von deren Wirkung hatte er sich zuvor überzeugen lassen, indem er seine Schäferhündin im Garten der Reichskanzlei vergiften ließ. Es durfte einfach nichts schiefgehen bei diesem letzten Schritt. Unter keinen Umständen wollte der Führer den Sowjets lebend in die Hände fallen. Er hatte das Schicksal seines alten politischen Vorbilds Mussolini vor Augen, der nur zwei Tage zuvor in Italien von seinen Feinden hingerichtet und vor einer aufgebrachten Menschenmenge mitten in Mailand an den Beinen aufgehängt worden war. Neben ihm hing seine Geliebte. Nicht einmal als Leiche durfte er also dem Gegner in die Hände fallen. Hitler wollte, dass nichts von ihm übrig bliebe. »Es ist unser Wille, sofort an der Stelle verbrannt zu werden, an der ich den grössten Teil meiner täglichen Arbeit im Laufe eines zwölfjährigen Dienstes an meinem Volke geleistet habe.«

Im Garten der Reichskanzlei sowie im ganzen Regierungsviertel schlugen pausenlos die Granaten der sowjetischen Artillerie ein. Der Kanonendonner wurde immer heftiger. Ringsherum stürzten Wände und Häuser ein. Die ganze Gegend lag in einem dicken, beißenden Dunst von Rauch und Staub. Sandkörner knirschten zwischen den Zähnen. Hitlers Adjutant und sein Chauffeur beeilten sich, für ihren letzten Auftrag kanisterweise Benzin herbeizuschleppen. Währenddessen setzte sich ihr Führer mit Köchin und Sekretärinnen zum Mittagessen. Anschließend verabschiedete er sich von ihnen und seinen übrigen Getreuen, seinem engen Vertrauten Martin Bormann, von Propagandaminister Joseph Goebbels und seiner Frau Magda, von ein paar hochrangigen Militärs. Ein müder Händedruck, ein paar hingemurmelte Worte. Neben ihm stand seine Frau. Hitler trug seine übliche braune Uniformjacke und eine schwarze Hose.

Während die Männer der Ersten Weißrussischen Front ins Herz von Berlin vorstießen, standen ihre Kameraden von der Zweiten Weißrussischen Front vor Demmin. Am frühen Mittag erreichten die ersten Truppen der 30. Panzerbrigade den Süden der Stadt bei dem kleinen Ortsteil Vorwerk, den die Tollense von der Altstadt trennt. Es war eine Streitmacht von 17 schweren Panzern vom Typ IS-122, dazu kamen zahlreiche Schützenpanzerwagen und Selbstfahrlafetten, begleitet von etwa 400 Infanteriesoldaten. Auf den zwanzig Kilometern bis Demmin hatten sie an diesem Tag 805 Gefangen gemacht, 120 Autos und zehn Motorräder erbeutet. Eine Stellung von drei deutschen Flakkanonen, die die gewaltigen Stahlkolosse aufhalten sollte, wurde zusammengeschossen. Die toten Soldaten mit den Kindergesichtern lagen noch Tage später am Straßenrand. Gegen Mittag stauten sich die Panzer am Tollense-Flüsschen, dessen Brücke gesprengt worden war. Sowjetische Pioniere begannen mit dem Bau einer Behelfsbrücke über das keine zwanzig Meter breite Gewässer.

Wenig später stießen die Sowjets auch von Osten über die Reichsstraße Nr. 110 her zwischen den Alleebäumen der Jarmener Chaussee in Richtung Stadtmitte vor. Dort am Stadtrand, in der verlassenen Villa beim Friedhof, wussten Irene Bröker mit dem kleinen Holger, Dr. P. und seine Frau seit dem Morgen, dass ihre Flucht gescheitert war und sie der Vormarsch der Sowjets überrollen würde. »Wir vernahmen aus der Ferne wüstes Geschrei und Schüsse.« Sie durchsuchten Keller und Dachboden vergeblich nach Verstecken. Draußen im Garten stieß Irene unter einem Komposthaufen auf einen ins Erdreich gemauerten Unterstand. Ein schmaler Eingang, verdeckt durch das Grün einer Himbeerhecke.

Als wir Detonationen hörten und später Gewehrfeuer, war allen klar, daß die russische Armee uns eingeholt hatte. Mit einer Decke flüchteten wir zu viert in das Kompostloch. Ich sah im Nachbargarten Beine von Soldaten. Mein Herz hörte ich in den Ohren klopfen.

Sie saß am Anfang des Ganges, eingehüllt vom scharfen Geruch der Gülle und dem Brüllen einer vorrückenden Armee. Der zweijährige Holger, verschreckt durch den Krach und das Flüstern seiner Mutter, machte sich lautstark bemerkbar. Irene sah einen Soldatenstiefel, der vor ihren Augen die Zweige niedertrat. Sie hörte einen Schuss, der dicht neben ihrem Hals ins Erdreich fuhr. Ein einzelner Sowjetsoldat, älteres breites Bauerngesicht, grau-grimmig und zerfurcht, trieb sie mit vorgehaltenem Gewehr aus ihrem Loch. Irene Brökers Flucht vor den Russen war zu Ende. Der Soldat brachte sie zurück in die Villa. In stotterndem Deutsch erklärte er ihr, dass er im Ersten Weltkrieg in deutscher Kriegsgefangenschaft gewesen sei. Immer wieder tauchte er später bei ihnen auf und kümmerte sich um den kleinen Jungen.

Er aber meinte, daß nicht alle Soldaten gut wären, es kämen noch viele und wir sollten uns verstecken. Wir sahen über die Stadt hinweg die russischen Flieger ziehen. Die Stadtmitte war in dichten Rauch gehüllt. Es brannte überall. Als ich aus dem Bodenfenster sah, konnte ich die hoch lodernden Flammen erkennen.

Gerade noch rechtzeitig war es Gustav Skibbe nach seinem Ausflug nach Nossendorf gelungen, mit dem Benzin im Gepäck und dem Herzschlag im Hals auf das Westufer der Peene zu entwischen, ehe seine Kameraden die Brücken gesprengt hatten. In seinem Kriegstagebuch rutschte Skibbes ansonsten sorgfältige Handschrift an dieser Stelle aus den Zeilen, als spürte er dem heißen Kriegshauch nach, der ihn über die Peene hinweg gestreift hatte.

Als wir wieder zur Hafenbrücke kamen, war der Russe vor der Tollensebrücke aus da! Beschuß in Stadt gleichzeitig von Tutow aus. Fluchtartiges absetzen … bis Gnoien.

Es bleibt seine letzte Eintragung zu Demmin. Gustav Skibbe sah die Stadt niemals wieder.

Nachdem Wehrmacht und SS aus militärischem Kalkül heraus Demmin den Endkampf erspart hatten, fassten ein paar Bewohner den Mut, sich über die Drohungen der Fanatiker hinwegzusetzen. Weiße Fahnen, hastig zurechtgemacht aus Stangen, Bettlaken und Handtüchern, hingen aus einigen Fenstern. Eine wehte weithin sichtbar auf dem Kirchturm von St.