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Buch

»Wer mit Kleinkindern verreist und nicht gerade, sagen wir mal, an die Ostsee, in den Harz oder die Eifel fährt, stößt auf Erstaunen, Verwunderung, mitunter Unverständnis, aber auch auf ganz viel Zuspruch. Zu Hause, aber auch unterwegs.

Knapp zwei Monate lang bereisten wir Argentinien und Chile mit einem kleinen Abstecher nach Uruguay. Dann ging es sechs Wochen nach Neuseeland, sechs weitere nach Australien und schließlich, um den langen Rückflug zu unterbrechen, noch für ein paar Tage nach Singapur. Fünf Monate lang rund um den Globus.

Wir reisten per Flugzeug, per Schiff, mit Zügen und Bussen, im Mietwagen und im Wohnmobil. Wir nächtigten in Jugendherbergen und luxuriösen Hotels, im Wagen, bei Fremden auf dem Sofa, in einer Mietwohnung und in einer traditionellen Strohhütte der südamerikanischen Mapuche-Indianer. Wir haben einen argentinischen Kindergeburtstag besucht, sind in Hobbitlöcher gekrochen und bekamen unerwartet Besuch von einer zwei Meter langen Riesenechse. Und während all dieser Erlebnisse stellten wir immer wieder fest: Eine Weltreise mit einem Baby und einer Vierjährigen, das geht. Sogar ganz wunderbar.«

Autorin

Die Journalistin Alexandra Frank, geboren 1976, lebt und arbeitet in Hamburg. Seit mehr als zehn Jahren schreibt, bloggt und fotografiert sie für verschiedene Magazine, Tageszeitungen und Agenturen, u.a. für den ­Spiegel, Spiegel online, National Geographic, Stern, Geo Saison, Welt am Sonntag und die Deutsche Presseagentur. Ihre Wahlheimat Hamburg verlässt die zweifache Mutter gelegentlich gerne, um rund um die Welt zu reisen und darüber zu berichten.

Alexandra Frank

Vier um die Welt

Vom Abenteuer,
mit Kindern rund um
den Globus zu reisen

Hinweis:
Jede Familie reist anders, zumal um die Welt.

Die Ratschläge in diesem Buch wurden von der Autorin mit ihrer
Familie sorgfältig erwogen und geprüft.

Alle Angaben erfolgen jedoch ohne Gewähr oder Garantie

seitens der Autorin oder des Verlags.

1. Auflage

Originalausgabe März 2015

Wilhelm Goldmann Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Copyright © 2015 der Originalausgabe
by Wilhelm Goldmann Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH

in Kooperation mit SPIEGEL ONLINE GmbH 2015, Hamburg

Umschlaggestaltung: UNO Werbeagentur, München

Umschlagfotos: Alexandra Frank

Layout: Theresa Koch

KF · Herstellung: Str.

ISBN: 978-3-641-14379-4

www.goldmann-verlag.de

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Für meinen Mann,
meinen liebsten Reise- und Alltagsgefährten.

Für meine Kinder,
die mir die Augen – und das Herz –
für neue Dinge geöffnet haben.

Für meine Eltern,
die mir die Reiselust und so vieles andere
mit auf den Lebensweg gegeben haben.

Inhaltsverzeichnis

Sind Flip-Flops Schuhe?

Oder: Was muss man vor der Reise bedenken?

Aller Anfang ist leicht – Stadturlaub in Buenos Aires

Oder: Was verändert sich, wenn man nicht mehr zu zweit, sondern mit Kindern verreist?

Stranddepressionen in Uruguay – ein Kapitel in vier Akten

Oder: Wie kann man es allen Familienmitgliedern recht machen?

Ab in die Pampa!

Oder: Hunger, Pipi, Langeweile – logistische Herausforderungen beim Reisen mit Kindern

Quer durch die Anden

Oder: Bus, Bahn, Schiff – Können Familien mit öffentlichen
Verkehrsmitteln reisen?

Weben, tanzen, Feuer schüren: Zu Gast bei den Mapuche in Chile

Oder: Was bringt die Reise eigentlich den Kindern?

Verloren, beraubt, beklaut

Oder: Wie geht man mit unvorhersehbaren Situationen um?

Neuseeländische Couchgeschichten und eine alte Liebe

Oder: Ein paar Worte zu Unterkünften und Reiserhythmus

Unter Quarantäne

Oder: Was macht man, wenn unterwegs ein Kind krank wird?

Oh Kauri-Baum, oh Kauri-Baum!

Oder: Wie verbringt man Weihnachten in der Ferne?

Zu Gast bei Drachen, Hobbits und Feen

Oder: Wie verkauft man dem Nachwuchs typische Erwachsenen-Highlights kindgerecht?

Auf Klischeesuche durch Australien

Oder: Offen sein für Neues – auch Eltern können von Kindern lernen

Flüge, Finanzen, Firlefanz – ein Blick in den Blog und den Block

Oder: Wie unterschiedlich Erwachsene und Kinder eine Reise wahrnehmen

Der Wombat und ich

Oder: Feste Rituale im Urlaub? Jein!

Boutiquebummel mit Babychino in der australischen Provinz

Oder: Warum es gut sein kann, sich einfach mal treiben zu lassen

Meuterei auf der Bounty

Oder: Großstadturlaub mit Kindern? Die Mischung macht’s

Shoppen, schlemmen, schlummern: Eine Woche Singapur

Oder: Wie man aus einem Verlegenheitsstopp ein Vergnügungsziel macht

Wieder daheim!

Oder: Was bleibt von einer Reise übrig, wenn die Souvenirs verstaut sind und die Wäsche gewaschen ist?

Und noch ein bisschen Service

Oder: Tricks und Tipps beim Reisen mit Kindern

Sind Flip-Flops Schuhe?

Oder: Was muss man vor der Reise bedenken?

»Ihr wollt was?«, fragte B., ein kinderloser Freund. »Eine Weltreise machen?«

»Mmh.«

»Und die Kinder?«

»Die lassen wir hier.«

»Waaas?«

»War ein Scherz«, sagte ich. »Die kommen natürlich mit.«

»Ist das nicht viel zu gefährlich?«

»Stell dir vor, in den Ländern, die wir bereisen, gibt es auch Kinder«, erwiderte ich nur und wechselte das Thema.

Wer mit Kleinkindern verreist und nicht gerade, sagen wir mal, an die Ostsee, in den Harz oder die Eifel fährt, der bekommt eines ganz gewiss: Ratschläge und Kommentare.

Gut, wir wollten etwas länger wegfahren, und unsere geplanten Reiseziele lagen nicht gerade um die Ecke: Zwei Monate wollten wir Argentinien und Chile bereisen, mit einem kleinen Abstecher nach Uruguay. Außerdem standen sieben Wochen Neuseeland, weitere anderthalb Monate Australien und schließlich, um den langen Rückflug zu unterbrechen, noch eine knappe Woche Singapur auf dem Programm. Einen Winter lang. Rund um den Globus – mit einem sechs Monate alten Baby und einem vierjährigen Kind.

Eine Weltreise ist ein Traum, den viele Menschen hegen. Die meisten davon erfüllen ihn sich nie. Bei einigen scheitert es am Geld. Bei vielen an der Zeit. Und bei nicht wenigen schlichtweg am Mut, wirklich eines Tages die Sachen zu packen und einfach loszufahren.

Als ich ungefähr so alt war wie meine Tochter heute, brachte mir meine Tante eine Marionette mit. Auf dem hölzernen Kopf waren schmale, schwarz umrandete Augen und ein kirschroter Kussmund gemalt. Die Puppe trug ein weites, mit Pailletten besticktes Kleid und hatte lange, dünne Beine, die mit Silberfäden umwickelt waren. Wenn man sie an ihren durchsichtigen Fäden durch die Luft laufen ließ, machte sie eigenartige Bewegungen. Sie erinnerte mich an die Feenwesen aus meinen Kinderbüchern. »Diese Marionette«, erzählte mir meine Tante, »stammt aus Indonesien.« Sie begann, mir von Indonesien zu erzählen: von prachtvollen Tempeln, duftendem Essen, dem bunten Treiben auf den Straßen.

Ein Jahr später brachte sie mir von einer Reise ein rotes Portemonnaie mit, das mit Perlen bestickt war. Ein Mitbringsel aus Kenia. Es folgten ein T-Shirt aus Australien, ein Täschchen aus Hongkong, eine Kette aus Alaska. Dazu gab es Erzählungen, denen ich als Kind gebannt gelauscht habe. Meine Tante war ihrer Zeit weit voraus. Seit den Sechzigerjahren ist sie als alleinreisende Frau immer wieder aufgebrochen, um Länder rund um den Erdball zu besuchen. Nicht am Stück, aber jedes Jahr erneut. Sie war nicht besonders reich und nicht besonders mutig. Sie hat Ferientage und Lohn gespart, um sich ihren Traum zu erfüllen. Und schwärmt noch heute davon.

Mag sein, dass mich das geprägt hat. Vielleicht auch die eigenen Reisen mit meinen Eltern – quer durch Europa, abseits von Ferienanlagen und Familienhotels. Ich entsinne mich an Versteckspiele mit einheimischen Kindern in der Toskana, mit denen ich mich blendend verstanden habe, ohne ein Wort Italienisch zu sprechen. An die Familie in der Türkei, die uns mit in die Berghütte des Opas nahm, wo wir auf Teppichen saßen und süßen Tee schlürften. An süße Törtchen in Griechenland und Eselritte in Ungarn. Auf jeden Fall weiß ich noch heute, dass Reisen für Kinder etwas Wunder­bares sein kann. Doch das sieht nicht jeder so:

»Wenn ihr meint, das verantworten zu können«, hieß es aus der Verwandtschaft.

»Und die langen Flüge?«, aus dem Bekanntenkreis.

»Dafür ist die Elternzeit ja nicht gerade gedacht«, murrte der Kollege.

Doch, erwiderten mein Mann und ich, genau dafür. Um als Familie gemeinsam Zeit zu verbringen. Um dem Alltagsstress zu entfliehen und ganz füreinander da zu sein. Um gemeinsam zu erleben, wie unser Baby seine ersten Schritte macht und unsere vierjährige Tochter die Welt entdeckt, bevor sie in die Schule kommt. Zu Hause würde immer einer von uns arbeiten.

Natürlich sind wir nur in Länder gefahren, die wir für gesundheitlich unbedenklich hielten. In einem Tempo, das den Kindern angepasst war. Und mit Verkehrsmitteln, die die eigenen Nerven schonten. Eine Tour nach Süddeutschland mit dem Auto wäre mit unserem Kind, das sich im Wagen alle zehn Minuten wegen Reiseübelkeit übergibt, anstrengender als ein Nachtflug, bei dem es friedlich schläft. Dennoch – das hatten wir uns schon vor der Reise vorgenommen: Kein Flug, der länger als eine Nacht dauert. Kein Ort, an dem gefährliche Krankheiten lauern. Keine Tour, die wir nicht abbrechen oder unterbrechen können, wenn es zu viel wird. Und daran haben wir uns auch gehalten.

Und das Elterngeld?

Klar, erklärte ich dem Kollegen, sicherlich macht das die Sache leichter. Wie alle Familien konnten auch mein Mann und ich es 14 Monate in Anspruch nehmen, um uns ganz dem Baby zu widmen. Je nach Verdienst bekommt man vom Staat zwischen 300 und 1800 Euro im Monat. Dieses Geld ist dafür da, um die laufenden Kosten zu decken, während man nicht arbeitet, sondern sich um den Nachwuchs kümmert. Für die Miete und für Nahrungsmittel, für Kleidung und Spielzeug und all das, was man im Leben so braucht. Wofür man das Geld ausgibt und wo man sich um das Baby kümmert, ist jedem selber überlassen.

Letztlich ist es doch egal, ob man damit einen Coffee to go in Bayreuth oder einen Matetee in Buenos Aires bezahlt. Es in Windeln aus einem deutschen Drogeriemarkt oder aus einer australischen Shoppingmall investiert. Eine Hütte im Hunsrück oder eine Hazienda in Honduras mietet. Die Elternzeit schenkt Eltern Zeit. Zeit mit ihrem Nachwuchs. Und, ja, Zeit, um sich einen Traum zu verwirklichen. In unserem Fall: Eine Weltreise mit unseren Kindern.

Schon während der Schwangerschaft überlegten wir begeistert, wohin wir denn fahren könnten. Zuerst war die Liste lang. Seit dem Studium träumten mein Mann und ich von einer Weltreise. Doch nach und nach sortierten wir aus: Zu hoch gelegen (Bolivien), Malariagefahr (halb Asien und Afrika), zu teuer (Japan), zu viele Zwischenlandungen (exotische Inseln im Pazifik), zu kalt um die Jahreszeit (Kanada), zu gefährlich (ganz viele Länder).

»Wenn mal was ist mit den Kindern«, sagte mein Mann, »wäre es gut, wenn wir uns problemlos verständigen können.« Russland flog von der Liste.

Wir wägten Herzenswünsche gegen praktische Überlegungen ab. Mich zog es in die Metropolen, meinen Mann in Naturschutzgebiete. Die Große forderte Kängurus, das Baby nur die mütterliche Brust, die – wie ich einwarf – in warmen Gebieten besser zugänglich wäre. Am Ende stand eine Reiseroute, die im besten Fall allen etwas bot – und die möglichst stressfrei zu bereisen
war.

Kaum standen die Ziele fest, legte ich neue Listen an – bis mein Schreibtisch über und über mit gelben Zetteln beklebt war. Mit großer Befriedigung strich ich Dinge durch.

Punkt 1: Mit der Kinderärztin sprechen

Die Kinderärztin horchte das Baby ab, ich räusperte mich verlegen. Vorsichtig erläuterte ich ihr unsere Pläne und hielt ihr die Impfpässe der Kinder hin. Sie ist ein burschikoser Typ. Keine Frau, die ein Blatt vor den Mund nimmt. Ich erwartete zumindest einen strengen Blick oder einen Kommentar wie von einigen Verwandten, Bekannten und Kollegen. Aber sie nickte mir nur zu.

»Super Idee, so eine Reise«, sagte sie. »Sie sollten mit dem Baby Afrika und die Tropen meiden, den Rest der Welt finde ich okay.« Auf einem Zettel notierte sie mir ein paar Mittel, die in die Reise­apotheke gehören. Die Liste war erstaunlich kurz: Fiebersaft, Schmerzzäpfchen, ein Mittel gegen Durchfall. Dazu Verbandszeug, Desinfektionsspray und Pflaster. All das, was ich auch zu einem Wochenendtrip an die Ostsee mitnehmen würde. »Und wenn ein Kind wirklich einmal einen Infekt bekommt«, beruhigte sie mich, »haben die vor Ort oftmals viel wirksamere Medikamente.« Zum Schluss strich sie dem Baby über den Kopf und verriet mir, dass sie selber auch vor einigen Jahren mit Mann und Kleinkindern eine große Reise unternommen hatte: ein Jahr Neuseeland und Australien. Sie zeigte mir ein Foto auf ihrem Schreibtisch. Darauf liefen zwei kleine Mädchen lachend am Strand entlang. Sie sahen sehr glücklich aus.

Abends strich ich Punkt 1 auf der Liste durch und beschloss, allen Bedenkenträgern von dem Kinderarztbesuch zu erzählen.

Punkt 2: Flüge buchen

Die junge Frau im Reisebüro trug lila Haare und einen Nasenring. Ein wenig erstaunt blickte sie von meinem Mann und mir auf den Kinderwagen und wieder zurück. Es war ein Spezialreisebüro. Eines, das vorwiegend Around-the-World-Flugtickets verkaufte. Mehrheitlich an junge Leute, die gerade die Schule hinter sich gebracht hatten oder ihr Studium für eine Weile unterbrechen wollten. Familien gehörten anscheinend nicht zum Stammpublikum.

Wir glichen unsere Wunschroute mit den Ticketangeboten ab. Around-the-World-Tickets sind erheblich preiswerter als einzelne Flüge. Allein ein Hin- und Rückflug nach Argentinien kann je nach Saison gut und gerne 1300 Euro kosten. Wenn man Student ist und eine vorgegebene Route wählt, führt einen das Around-the-World-Ticket ab rund 1400 Euro einmal um den Erdball – ausgedehnte Zwischenstopps auf vier Kontinenten inklusive. Wir waren aber keine Studenten mehr, außerdem bestanden wir auf unserer Wunschroute. Preiswerter als Einzelflüge war das Ticket trotzdem. 2300 Euro zahlten wir für jeden Erwachsenen. Das Kind erhielt einen Rabatt, für das Baby mussten wir nur Steuern und Gebühren bezahlen. Gleichzeitig bestellten wir ein Bassinet vor, ein eigenes Bettchen im Flugzeug, das an die Trennwand zwischen Business und Economy Class gehängt wird. Darin kann das Baby nächtigen – wie ein Businessreisender.

Mit dem Familienticket in der Hand verließen wir das Reisebüro. Wir würden im Oktober losfliegen und erst im Frühjahr zurückkehren.

Zu Hause köpfte mein Mann eine Flasche Sekt, und ich zückte den Stift. Punkt 2 meiner Liste: erledigt.

Punkt 3: Unterkünfte vorbestellen

Halberledigt.

Reisen ist Geschmackssache. Ich habe Freundinnen, die sich stets in luxuriöse All-inclusive-Hotels einquartieren und dort sehr entspannt ihren Urlaub verbringen. Für mich persönlich jedoch ein Graus – und auf einer halbjährigen Reise nicht finanzierbar.

Als mein Mann und ich noch Studenten waren, haben wir in den Semesterferien einen Last-minute-Flug gebucht, unsere Ruck­säcke geschnappt und sind losgeflogen. Vor Ort haben wir uns dann treiben lassen und spontan geschaut, wo wir abends unterkommen konnten. Hat immer geklappt.

Ein einziges Mal haben wir uns spontan für eine Pauschalreise in die Türkei mit Halbpension entschieden. Mein Mann sollte zwei Wochen später einen neuen Job beginnen, vorher wollten wir noch einmal für zehn Tage ins Warme. Das Angebot war günstig. Am ersten Tag war noch alles in Ordnung. Am zweiten Tag fühlten wir uns bedrängt, zum Abendessen ins Hotel zurückkehren zu müssen, weil man’s halt bezahlt hatte. Am dritten Tag nervte es uns, für einen Ausflug so weit fahren zu müssen, weil wir an unsere Unterkunft gebunden waren. Am vierten Tag beschlossen wir: Das ist nicht unsere Art von Urlaub. Für einen Städtetrip mag das gehen, aber nicht, wenn man einem touristischen Dorf entkommen möchte, um etwas von Land und Leuten zu sehen.

Nach der Geburt unserer ersten Tochter gingen wir im Urlaub – genau wie in allen Bereichen des Lebens – Kompromisse ein. Die ersten Ferien verbrachten wir in Deutschland. Den zweiten Urlaub auf Zypern. Dann wagten wir uns bis nach Thailand vor. Vor der Reise plagte mich das Gewissen: Was ist, wenn das Kind in der Ferne krank wird? Was, wenn wir keine Unterkunft finden und das nörgelnde Kind nachts durch die Straßen schleppen müssen? Was, wenn es – blond und niedlich – entführt wird?

Ich kann mich leider sehr gut in Schreckensszenarien hineinsteigern, besonders nachts. Aber: Das betrifft nicht nur das Reisen. Wie jede Mutter fürchte ich Unfälle, Krankheiten, Pädophile. All das kann mein Kind theoretisch treffen – im Urlaub, aber auch zu Hause.

Dennoch: Ganz so sorglos wie als Studenten lassen wir uns heute im Urlaub nicht mehr treiben. Kinder brauchen einen gewissen Rhythmus, feste Schlafzeiten, regelmäßiges Essen. Deshalb beschlossen wir, es wie auf unseren bisherigen Reisen mit Kind zu machen: Wir buchen normalerweise vor der Reise Hotels oder Wohnungen für die jeweiligen Ankunftsorte. Vor Ort sehen wir, wie es weitergeht und reservieren ein paar Tage im Voraus die Unterkunft für die nächste Station. Wenn es uns gefällt oder wir eine Pause brauchen, verlängern wir. Wenn nicht, ziehen wir weiter. Das ist das Stück Freiheit, das wir uns bewahren wollen.

Nach und nach arbeiteten wir alle Punkte unserer To-do-Liste ab. Manche waren lästig (Versicherungen abschließen), manche schnell erledigt (Pflanzen den Nachbarn aufs Auge drücken), andere brauchten Zeit (die Wohnung frei räumen und für ein halbes Jahr vermieten). Eine Woche, bevor es losging, stand nur noch ein unscheinbares, aber besonders tückisches Wort auf der To-do-Liste, ganz und gar nicht erledigt.

Letzter Punkt: Packen

Mein Mann, ein ansonsten liebenswerter, toleranter Mensch, entpuppte sich als Hardliner. Zumindest in Extremsituationen. Die Reise selber, die Flüge, die Entfernungen, mögliche Krankheiten, Zeitumstellung – all das stresste uns nicht. Wir fühlten uns informiert und gut vorbereitet. Nur nicht auf das hier: Das Packen – eine Extremsituation.

»Zwei große Gepäckstücke«, sagte mein Mann.

Gut.

»Nur das Nötigste.«

Ich nickte.

»Ein Rucksack mit unseren Sachen, der zweite für die Kindersachen.«

Auch gut.

»Nur zwei Paar Schuhe pro Nase.«

Ich musste schlucken, aber er hat ja recht: »Gut«, erwiderte ich. »Die Wanderschuhe, die sind auch bei Regenwetter ganz praktisch, außerdem Sandalen und Flip-Flops.«

»Nein«, antwortete mein Mann. »Zwei Paar Schuhe.«

»Ja, ja«, bestätigte ich. »Wanderschuhe und Sandalen. Und dann brauchen wir auf jeden Fall Flip-Flops, so für den Strand, als Hausschuhe oder wenn mal eine Dusche dreckig ist.«

»Das sind drei Paar«, sagte mein Mann, der Hardliner.

»Nein«, belehrte ich ihn. »Flip-Flops sind keine Schuhe. Flip-Flops sind Gebrauchsgegenstände, Utensilien.«

Mein Mann schaute mich versöhnlich an. »Na gut, dann teilen wir uns ein Paar. Aber dafür gibt es für jeden nur zwei lange Hosen, eine davon hast du an.«

Bevor ich Protest einlegen konnte, kam Hilfe aus dem Kinderlager.

»Und Leggings und meine Badelatschen und Teddy«, grölte das Kind. «Was zum Malen, mein Schmetterlingskleid, mein Einhorn.«

Mein Mann, der Ingenieur, versuchte es sachlich: »Wir reden hier über Minimalkonzepte.«

Ich bin weiblich und Rheinländerin. Sachlichkeit ist nicht so mein Ding. »Für jeden Flip-Flops«, sagte ich.

»Mein ganzes Kinderzimmer«, sagte unsere Tochter (sie kommt nach mir).

Meinem Mann galoppierten die Nerven davon. »Auf gar keinen Fall! Ich muss schließlich am Ende wieder den ganzen Kram schleppen.«

Das Baby pupste.

»Windeln, viele Windeln«, sagten mein Mann und ich einstimmig. Wenigstens in dem Punkt herrschte Einigkeit.

Irgendwann war es so weit. Die Taschen waren gepackt – mit dem Nötigsten.

Für das Baby hatten wir ein spezielles Reisebettchen ohne Stangen gekauft, das sich wie ein Klappzelt zusammenfalten ließ und in ein flaches, rundes Täschchen von 30 Zentimetern Durchmesser passt. Für die Große hatten wir Luftballons und Seifenblasen dabei, Schere, Stifte und Kleber. Klopapierrollen und Eierkartons zum Basteln würde es überall geben. Auf dem E-Book-Reader hatten wir Kinderbücher geladen – und Lektüre für uns.

Die Große trug einen Kinderrucksack mit ihrem Lieblings­kuscheltier und Malsachen. Mein Mann und ich schulterten jeweils einen großen Rucksack: Einer war gefüllt mit Kindersachen, der andere mit unseren Anziehsachen. Für das Baby nahmen wir einen Buggy mit Kleinkindaufsatz mit – und die Babytrage. Eine gute Kombi: Denn wenn die Kleine in der Trage sitzt, kann man mit dem Kinderwagen auch die Gepäckstücke transportieren – oder das große Kind kann dort eine Rast einlegen.

Kurz bevor wir zum Flughafen aufbrachen, schmuggelte ich zu den zwei Paar Schuhen doch noch Flip-Flops in den Erwachsenenrucksack. »Das sind Accessoires, keine Schuhe«, redete ich mir schön.

Und dann ging es los.