Ute Wehrle ist gebürtige Freiburgerin und studierte Touristik-Betriebswirtschaft in Heilbronn. Sie arbeitet als Redakteurin bei einer badischen Tageszeitung und nebenberuflich als Dozentin für Marketing und Werbung.
Dieses Buch ist ein Roman. Handlungen und Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind nicht gewollt und rein zufällig.
© 2014 Emons Verlag GmbH
Alle Rechte vorbehalten
Umschlagmotiv: iStockphoto.com/photoposter
Umschlaggestaltung: Tobias Doetsch
ISBN 978-3-86358-445-0
Originalausgabe
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Für Daria, Gerlinde und Reinhard
Prolog
Er schleppte sich mühsam voran. Jeder Schritt fiel ihm schwer. Als hätte jemand Bleikugeln an seine Fersen gekettet. So ähnlich mussten sich früher Strafgefangene gefühlt haben, schoss es ihm durch den Kopf. Er zog seine blauen Leinenschuhe aus, die er sich auf dem Nachtmarkt in Hua Hin gekauft hatte. Er spürte den feinen, immer noch warmen Sand unter seinen nackten Füßen.
Die Nacht war sternenklar, kein Windhauch war zu spüren. Trotz der tropischen Temperaturen stand ihm der kalte Schweiß auf der Stirn. Verflixt. Er hatte keine Ahnung, was mit ihm los war. Am liebsten hätte er sich einfach hingelegt, so elend fühlte er sich.
Reiß dich zusammen, ermahnte er sich. Nur noch ein paar hundert Meter, dann würde er sein kleines Hotel erreichen. Aus der Ferne hörte er die Bässe dröhnen, die sich in das Rauschen des Meeres mischten. Die Strandparty, die er vor zwanzig Minuten ziemlich abrupt verlassen hatte, schien auch noch weit nach Mitternacht in vollem Gange zu sein. Kein Wunder. Die meisten Partygäste hatten schließlich Urlaub. Früh aufstehen musste hier keiner. Er hingegen wollte nur schleunigst in sein Bett.
Ihm war es ein Rätsel, wieso er sich so grottenschlecht fühlte. Sein Herz raste, sein Mund war trocken wie eine Steinwüste, obwohl er den ganzen Abend literweise Cola in sich hineingeschüttet hatte.
Einer seiner Schuhe, die er in der Hand trug, fiel ihm in den Sand. Er ließ ihn liegen. Ihm fehlte die Kraft, sich danach zu bücken.
Plötzlich spürte er, dass sein Magen rebellierte. Zitternd blieb er stehen, ehe er sich übergab. Himmel, er konnte sich nicht erinnern, dass ihm jemals so übel gewesen war. Als das Würgen endlich aufhörte, ließ er sich erschöpft in den Sand fallen. Er schaute zum Himmel, wo die Sterne kaleidoskopartig durcheinanderwirbelten und den Vollmond umtanzten. Ihm wurde schwindelig. Er schloss die Augen.
Dabei war es ein toller Abend gewesen. Freunde hatten ihn zu einer Vollmondparty am Strand eingeladen. Die thailändische Insel Ko Samui war für ihr rauschendes Nachtleben bekannt. Dunkel erinnerte er sich, dass er – ganz entgegen seiner Gewohnheit – ausgelassen getanzt hatte, obwohl er Techno-Musik sonst nichts abgewinnen konnte. Trotzdem war er ausgesprochen gut drauf gewesen, fast schon überdreht.
Lisa hätte die Party bestimmt auch gefallen. Schade, dass sie schon abgereist war. Doch er würde sie schließlich in ein paar Wochen in Freiburg wiedersehen. Das hatten sie ausgemacht, als er sich auf dem kleinen Flughafen von ihr verabschiedet hatte. Und er würde seine Zeit, die ihm hier noch vergönnt war, ausgiebig genießen, bevor sein Studium an der Freiburger Universität begann. Einerseits freute er sich darauf, andererseits wurde er immer unsicherer. Er fragte sich, ob es wirklich eine gute Idee gewesen war, ausgerechnet Volkswirtschaft zu belegen. Sein Freund Dominik hatte ihn erwartungsgemäß ausgelacht, als er ihm von seinen Plänen erzählt hatte, und irgendetwas von vorprogrammierter Spießerkarriere gemurmelt. Aber der hatte ja mit Zahlen noch nie etwas anfangen können, wie sich unglücklicherweise beim Abitur herausgestellt hatte. Seine schlechte Mathe-Note hatte ihm den ganzen Durchschnitt versaut. Wahrscheinlich wollte er deswegen unbedingt Journalist werden. Vermutlich war das nicht mal die schlechteste Idee; bei Aufsätzen hatte Dominik schon immer eine bemerkenswerte Phantasie an den Tag gelegt.
Vielleicht hätte er sich selbst mit der Wahl seines Studienfachs einfach länger Zeit lassen sollen. Es gab auch noch andere Dinge im Leben als Arbeit und Karriere. Das wurde ihm immer bewusster, seit er in Bangkok aus dem Flugzeug gestiegen war. Hier in Thailand fühlte er sich wesentlich entspannter als zu Hause. Er hatte auf seiner Reise viel erlebt. Besonders beeindruckt hatte ihn sein Besuch im Elefanten-Camp in der Nähe von Chiang Mai. Den Tieren schien es hier gut zu gehen. Die durften sich zur Begeisterung der Touristen sogar kreativ ausleben. Er hatte ein Bild, auf dem sich rotblaue Farbkleckse abwechselten, erstanden, das eine schon etwas ältere Elefantendame mit ihrem Rüssel gemalt hatte. Das tierische Kunstwerk wies starke Ähnlichkeit mit einem zeitgenössischen Gemälde auf, mit dem sich seine Tante für teures Geld das Wohnzimmer verschandelt hatte. Er würde das Bild, das er sorgfältig in seinem riesigen Rucksack verstaut hatte, seinem Vater schenken, wenn er wieder zu Hause war. Aber vorher musste er zurück in sein Hotel.
Langsam kämpfte er sich wieder hoch und brachte erneut ein paar Meter hinter sich.
Auf der Party heute Abend hatte er jede Menge interessante Leute kennengelernt, die aus den unterschiedlichsten Gründen auf Ko Samui lebten. Besonders sympathisch fand er das schwedische Ehepaar, das auf der Insel hängen geblieben war. Der Mann hatte vorher in der Marketingabteilung eines Pharmakonzerns gearbeitet, seine Frau als Grafikerin in einer Werbeagentur. Beide hatten gut verdient. Bis sie die Nase voll hatten von dem ganzen Stress. Vor zwei Jahren hatten sie hier eine Tauchschule für Touristen eröffnet. Damit kamen sie finanziell offensichtlich ganz gut über die Runden. Die beiden hatten ihm angeboten, bei ihnen als Tauchlehrer einzusteigen. Ein reizvoller Gedanke, aber er hatte trotzdem abgewinkt.
Warum er denn unbedingt wieder nach Deutschland zurückwolle, hatte ihn der blonde Mann lachend gefragt. Ja, warum eigentlich? Ihm war spontan keine Antwort eingefallen. Um nicht weiter nachdenken zu müssen, hatte er sich wieder in die tanzende Menge gestürzt – hüpfend wie ein Gummiball, da er keine Ahnung hatte, wie er sich zu diesen synthetischen Klängen bewegen sollte. Auf Drängen seiner Eltern hatte er zwar eine Tanzschule besucht. Doch mit Foxtrott und Tango konnte er hier herzlich wenig anfangen. Dann doch lieber Gummiball, das fiel bei den Verrenkungen, die die meisten auf der Tanzfläche hinlegten, am wenigsten auf. Zu seinem Erstaunen bemerkte er, wie er immer übermütiger wurde. So gut drauf wie heute Abend war er nicht einmal beim Abi-Ball gewesen.
Eine sommersprossige Engländerin mit bemerkenswert hübschen Beinen hatte ihn den ganzen Abend angeflirtet. Sie war ihm immer mehr auf die Pelle gerückt. So, wie sie ihn anhimmelte, wäre er beinahe schwach geworden.
Doch dann spürte er, wie ihm plötzlich schlecht wurde. Er hatte sich schleunigst verabschiedet, um sich auf den Heimweg zu machen. Schließlich wollte er nicht vor der ganzen Meute seinen Mageninhalt ausleeren.
Er musste erneut stehen bleiben. Wenn das so weiterging, war er die ganze Nacht unterwegs, bis er sein Hotel erreichte. Vor seinen Augen begann sich eine Palme wild zu drehen. Er fühlte sich wie im Vollrausch. Dabei hatte er keinen Tropfen Alkohol getrunken. Sein Herz raste wie ein Formel-1-Fahrer kurz vor dem Ziel. Er atmete tief durch und versuchte, sich zusammenzureißen. Die paar Meter, die ihn von seinem Bett trennten, musste er einfach schaffen. Sicher hatte er etwas Falsches gegessen. Wer weiß, wie alt die Garnelen waren, die er in sich hineingeschaufelt hatte. Oder sollte es am Ende gar ein Virus sein, den er sich eingefangen hatte?
Er kämpfte sich weiter durch den Sand. Das kleine Strandhotel, in dem er seit zwei Wochen wohnte, rückte langsam, aber sicher näher.
Verdammt. Er unterdrückte einen Aufschrei. Die Zinken eines kleinen Sandrechens, den ein Kind am Strand vergessen hatte, bohrten sich in seinen nackten Fuß. Er hätte am liebsten geheult. Mit letzter Kraft ging er weiter. Nur noch ein paar Meter, dann hatte er es geschafft.
Völlig erschöpft schloss er sein bescheidenes Zimmer auf und warf sich auf das schmale Bett. Seine Jeans und sein T-Shirt ließ er an. Ihm war kalt. Verschwommen nahm er wahr, wie der Ventilator an der Zimmerdecke seine Runden drehte. Das gleichmäßige Geräusch beruhigte ihn. Bevor er die Augen schloss, sah er zwei kleine Geckos, die an der weiß getünchten Decke hingen. Gut so. Die possierlichen Tierchen würden dafür sorgen, dass ihn die Mücken nicht auffraßen. Er hatte keine Kraft mehr, das Moskitonetz an dem verrosteten Nagel aufzuhängen. Morgen früh würde es ihm sicher wieder besser gehen. Ganz bestimmt.
1
Die Boeing rollte nach dreizehn Stunden Flugzeit langsam auf der Landefläche des Züricher Flughafens aus. Es war ein ruhiger Flug ohne Turbulenzen gewesen. Dennoch war der Pilot mehr als erleichtert, als er den Flieger endlich verlassen konnte. Als er ausstieg, atmete er tief durch.
Er hatte schon alles Mögliche transportiert. Selbst Pferde hatte er schon quer über den Erdball zu Wettrennen geflogen. Aber an diese Art von Fracht, mit der er die letzten Stunden im Flugzeug verbracht hatte, konnte er sich einfach nicht gewöhnen.
Es war nicht die erste Leiche, die im Laderaum seiner Maschine befördert wurde. Manche Menschen traten ihre allerletzte Reise ausgerechnet im Urlaub an. Und deren sterbliche Überreste mussten in die Heimat zurückgebracht werden. Aber gerissen hatte er sich um solche Flüge nie. Nicht dass er abergläubisch gewesen wäre, das war nicht der springende Punkt. Es ging ihm einfach an die Nieren, wenn er einen Toten an Bord hatte. Besonders, wenn er so jung war wie der, den er jetzt nach Zürich gebracht hatte. Armer Kerl. Der hatte nicht viel von seinem Leben gehabt.
Der Pilot passierte eiligst die Kontrollen. Heute Abend würde er etwas mit seiner Freundin unternehmen, Jetlag hin oder her. Vielleicht Kino. Und vorher gut essen gehen. Lieber jetzt das Leben genießen. Es konnte so schnell zu Ende sein. Er versuchte, den Sarg aus seinem Gedächtnis zu verbannen. Der Pilot griff zum Handy. »Schatz, ich bin gelandet. Mach dich schick, wir gehen nachher aus. Ciao.« Eine Antwort wartete er erst gar nicht ab. Es war höchste Zeit, dass er nach Hause kam.
***
Hans Zuber wartete währenddessen in einem etwas abseits gelegenen Raum im Flughafengebäude. Gedankenverloren zupfte er an einer Sonnenblume, die er in der Hand hielt. Er war allein gekommen. Seine Frau hatte sich mit Schlafmitteln vollgepumpt, um wenigstens für ein paar Stunden der Realität zu entfliehen. Er nahm es ihr nicht übel. Im Gegenteil. Er hätte es nicht geschafft, ihr jetzt Halt zu geben. Er konnte es selbst noch immer nicht begreifen, dass er hier auf dem Züricher Flughafen saß, um auf die Ankunft von Uwe zu warten. Dessen Heimkehr hatte er sich weiß Gott anders vorgestellt.
Auf einen Seelsorger hatte er verzichtet. Der konnte ihm auch nicht helfen. An ein Leben nach dem Tod hatte er noch nie geglaubt. Fast bedauerte er, dass ihm dieser Trost jetzt versagt blieb. Doch er war zeit seines Lebens ohne Glauben ausgekommen, warum sollte er jetzt damit anfangen?
Eine junge Stewardess, deren getupftes blaues Halstuch leicht verrutscht war, fasste ihn besorgt am Arm. »Schaffen Sie das?«, fragte sie mitfühlend. Hans Zuber nickte nur. Neben ihm wartete der Leichenbestatter darauf, dass der Sarg endlich eintraf, um ihn an seinen endgültigen Bestimmungsort zu bringen.
Regungslos sah Zuber zu, wie zwei Männer eine längliche Kiste aus dem Flugzeug trugen. »Wir kümmern uns um alles Weitere«, versicherte der Bestatter. Zuber hörte ihn nicht. »Bringt den Sarg ins Mortuarium«, flüsterte die Stewardess den Trägern zu. Diesen Ort hatte die Flughafenleitung eigens für solche traurigen Anlässe einrichten lassen. »Und lasst den Mann dann bitte allein.«
Die Stille in dem lichtdurchfluteten Raum war wohltuend, strahlte fast schon etwas Freundliches aus. Zuber saß auf einem Stuhl und betrachtete regungslos den grauen Sarg. Da lag also jetzt Uwe drin. Sein Sohn, der vor drei Monaten freudestrahlend seine Reise nach Thailand angetreten hatte.
Uwe hatte nach dem Abitur erst mal gejobbt, um sich das nötige Geld für diese Reise zu verdienen. Er hatte es sich in den Kopf gesetzt, vier Monate auszusteigen, bevor sein Studium begann. Er hatte schon immer davon geträumt, nach Thailand zu reisen. Während seine Freunde mit fünfzehn die »Bravo« oder den »Kicker« lasen, verschlang sein Sohn Reiseführer und Bildbände über das asiatische Land.
Zuber ging ein Hit aus den Siebzigern durch den Kopf: »We had joy, we had fun, we had seasons in the sun.« Ja, seasons in the sun, die hatte Uwe gehabt. Und mit seinem Leben bezahlt.
Zuber erinnerte sich, wie er vor drei Monaten seinen Sohn an den Flughafen gebracht hatte, wie aufgeregt Uwe gewesen war. Auf dem Rücken trug er einen riesigen Rucksack. Die ganze Familie stand in der Abflughalle, als sich Uwe noch einmal umdrehte und ihnen grinsend zuwinkte, bevor er mit den anderen Touristen im Flugzeug verschwand. Uwes kleine Schwester heulte Rotz und Wasser, als der Flieger am Himmel verschwand.
Jetzt war Uwe wieder in der Heimat angekommen. Nicht braun gebrannt und voller Urlaubserinnerungen, sondern tot in einer Metallkiste. Und niemand wusste genau, was auf Ko Samui eigentlich passiert war.
Hans Zuber hatte den Wunsch seines Sohnes verstehen können, für ein paar Monate auszusteigen. Sogar mehr als das. Er selbst arbeitete seit dreißig Jahren bei einer Bank in Freiburg. Mit achtundzwanzig Jahren hatte er geheiratet, kurz danach kam Uwe auf die Welt, ein paar Jahre später sein Schwesterchen Maja. Zuber war zwischenzeitlich zum Bankdirektor aufgestiegen, verdiente anständig und hatte das Haus fast abbezahlt.
Klar, Urlaub hatten er und seine Frau auch immer gemacht. Am liebsten an der Nordsee, weil seine Frau keine Hitze vertrug. Weiter weg hatten sie es nie geschafft. Erst wegen der Kinder. Und später hatte es sich irgendwie nicht mehr ergeben. Alles in allem ein gutes Leben. Dennoch bekam Zuber mit fortschreitendem Alter zunehmend das Gefühl, etwas verpasst zu haben. Deswegen war es ihm auch so wichtig gewesen, dass sein Sohn wenigstens ein klein wenig von der Welt zu sehen bekam, bevor sein Volkswirtschaftsstudium begann. Er selbst hatte diese Gelegenheit ein für alle Mal verpasst.
»We had joy, we had fun …« Die Melodie ging Zuber nicht mehr aus dem Kopf. Spaß hatte Uwe gehabt, zumindest hatte er das in seinen E-Mails geschrieben. Er hatte stets Fotos mitgeschickt. Erst von Bangkok, der Stadt der Engel, wo sich die Abgase der unzähligen Autos mit dem Duft der Räucherstäbchen vermischten. Später waren es weiße Strände, an denen sein Sohn das Leben offensichtlich in vollen Zügen genoss. An ein Foto erinnerte sich Zuber besonders gut: Uwe, der vom Rücken eines Elefanten aus grinsend in die Kamera winkte.
Nach ein paar Wochen waren die Mails seltener geworden. Die letzte Nachricht hatte Uwe aus einem Internetcafé auf Ko Samui geschickt. Toll sei’s dort, schrieb er. Ein Traum. Und wahnsinnig nette Leute habe er kennengelernt. Die seien echt cool, besonders eine junge Frau, die dort in einem Hotel als Animateurin arbeitete. Zubers Frau war sich sicher, dass ihr Sohn sich verliebt hatte.
Es sollte die letzte Mail sein, die sie von Uwe erhielten. Tage später hatten sich die thailändischen Behörden mit Hans Zuber in Verbindung gesetzt und lapidar mitgeteilt, dass sein Sohn tot sei. Uwe war in einem drittklassigen Hotel von einem Angestellten leblos in seinem Zimmer aufgefunden worden. »Herz-Kreislauf-Versagen aufgrund von Drogenmissbrauch« war von der thailändischen Polizei als Todesursache angegeben worden. Ausgerechnet Uwe, der sich höchstens mal ein Bier genehmigt hatte.
Hans Zuber knetete die Sonnenblume so fest in seinen Händen, dass der schwere Kopf abbrach. Gelbe Blütenblätter landeten auf dem sauber geputzten Boden. Er bemerkte es nicht einmal.
Zuber stand auf und ging zur Tür.
»Sie können den Sarg jetzt mitnehmen«, sagte er mit fester Stimme zu dem wartenden Bestattungsunternehmer, während er langsam in Richtung Parkplatz ging. Bevor er losfuhr, legte er eine CD ein. »We had joy, we had fun.« Für seinen Sohn Uwe war das Leben ein sehr kurzer Spaß gewesen.
2
Die Stadt Freiburg erlebte den heißesten Sommer seit Jahrzehnten. Seit Tagen zeigte das Thermometer nur noch Temperaturen um die zweiunddreißig Grad an. Die Sonne brannte vom Himmel herab, als ob sie von der Solarbranche bestochen worden wäre. Wer nicht arbeiten musste, suchte in den hoffnungslos überfüllten Freibädern nach Abkühlung. Kleinkinder pinkelten um die Wette in das brühwarme Becken; Bademeister fielen nach Feierabend vor lauter Stress in komatöse Zustände. Eisverkäufer machten das Geschäft ihres Lebens.
Auch in den städtischen Krankenhäusern herrschte Hochkonjunktur, denn nicht jeder Kreislauf hielt diesen Temperaturen stand. Dieser Hitzewelle waren selbst die Bewohner der sonnenverwöhnten Stadt im Südwesten Deutschlands nicht gewachsen.
Das Leben in Freiburg plätscherte tagsüber träge vor sich hin. Jeder versuchte, sich so wenig wie möglich zu bewegen, um keine unnötigen Schweißausbrüche zu riskieren. Ventilatoren gab es schon lange nicht mehr in den Geschäften. Die Dekolletés der Damen rutschten immer tiefer, während sich die Rocklänge immer mehr Richtung Bauchnabel verschob. Was sich nicht in jedem Fall als optischer Vorteil für die Trägerin erwies. Selbst in den Banken sah man von der Krawattenpflicht für die männlichen Angestellten großzügig ab.
Seit Tagen erwachte Freiburg erst nach Sonnenuntergang. Die Nachtschwärmer zogen in Scharen durch die Innenstadt. Im berüchtigten Bermudadreieck in der Fußgängerzone, wo sich eine Kneipe an die andere reihte, herrschte Abend für Abend Hochstimmung. Studenten stritten sich mit Touristen um freie Plätze in den Straßencafés, Kellner gerieten in Atemnot bei dem Versuch, alle Bestellungen aufzunehmen.
Erst weit nach Mitternacht wurde es ruhiger in den Straßen. Selbst die ausdauerndsten Kneipengänger hatten sich auf den Heimweg in ihre überhitzten Wohnungen gemacht. Nach und nach erloschen die letzten Lichter hinter den Fenstern.
Auch im Stadtgarten herrschte endlich Ruhe. Kein Stern war zu sehen, die Silhouette des Mondes war von einer Wolke verdeckt, die aussah wie ein kleiner Kugelfisch. Die gewaltigen Bäume wirkten in der Dunkelheit wie friedliche Riesen, die in tiefen Schlaf verfallen waren. Die Enten auf dem Teich hatten ihre Köpfe ins Gefieder vergraben; nur ein Erpel, der nicht schlafen konnte, hatte die Augen geöffnet. Der Glockenschlag des Freiburger Münsters durchbrach die nächtliche Stille. »Dong. Dong. Dong.« Drei Uhr nachts. Die Enten ließen sich davon nicht aus der Fassung bringen und dösten friedlich weiter.
Plötzlich zuckte ein kleiner Lichtstrahl durch den Park, der übermütig über die Wiese tanzte und vier dunkel gekleideten Gestalten den Weg wies. Sie schoben schweigend Schubkarren vor sich her, die an der Seite den Aufdruck »Eigentum der städtischen Gärtnerei« trugen. Die etwas unförmige Ladung, die das seltsame Quartett transportierte, war unter schwarzen Folien versteckt. In einem Fall jedoch nicht sorgfältig genug: Ein weißer Arm ragte aus der Plastikumhüllung. Die dazugehörige Hand, deren Nägel rot lackiert waren, schleifte über die Grashalme der ausgetrockneten Wiese, auf der sich Stunden später wieder Freiburgs Sonnenanbeter versammeln würden. Zumindest diejenigen, die das Glück hatten, am Montag nicht zur Arbeit, zur Schule oder an die Uni gehen zu müssen.
Das Quaken einer Stockente durchbrach die Stille der Nacht. Eine der Gestalten, der Statur nach ein groß gewachsener Mann, zuckte zusammen. »Was war das?« Er bekam keine Antwort.
Die seltsame Gruppe machte vor einer hohen Buche halt, deren Äste weit ausladend über den Weg ragten. »Hier fangen wir an«, flüsterte eine Stimme, die offensichtlich einer Frau gehörte. Niemand widersprach ihr. Sie griff nach einem Seil, das sie in einer Plastiktüte verpackt hatte, und reichte es an eine der dunklen Gestalten weiter.
»Leg ihr das um den Hals und zieh sie hoch. Und pass auf, dass du den Knoten richtig machst. Nicht dass sie uns noch herunterfällt.«
Der Mann folgte wortlos der Aufforderung und fingerte im Schein der Taschenlampe an dem Seil herum. Die Frau kicherte boshaft.
»Schade, dass wir nicht dabei sind, wenn hier der Rummel morgen früh wieder losgeht. Bei dem Anblick wird bestimmt einigen der Spaß vergehen, unseren Stadtgarten zu bevölkern und ihren Müll abzuladen. Und jetzt müssen wir uns beeilen, damit wir fertig werden, bevor hier noch jemand aufkreuzt.«
In der angrenzenden Mozartstraße näherte sich ein Auto, das plötzlich langsamer wurde. Die vier hielten inne. Zeugen konnten sie nun wirklich nicht gebrauchen. Doch das Fahrzeug entfernte sich, ohne anzuhalten.
»Auf geht’s. Da vorne machen wir weiter. Der Baum ist prima.« Die Frau schien es gewohnt zu sein, den Ton anzugeben. Die anderen folgten ihr. »So. Und jetzt hoch damit.«
Ihre Begleiter machten sich gehorsam an die Arbeit. Während einer noch etwas ungeschickt mit dem Seil hantierte, durchbrachen plötzlich kreischende Mädchenstimmen die Nacht. Ein brasilianischer Sänger schickte ein beherztes »Nossa« hinterher.
»Geht’s noch?« Die Frau sprang erschreckt zurück. Sie hatte gerade noch einen Schrei unterdrücken können. Einer ihrer Begleiter fummelte aufgeregt in seiner Hosentasche.
»Sorry, ich hab vergessen, mein Handy auszustellen. Den Klingelton hat mir meine Frau draufgeladen. Sie macht gerade einen Zumba-Kurs«, entschuldigte er sich, bevor der Sommerhit abrupt verstummte. Der Mann warf einen Blick auf das Display. Die Nummer war ihm unbekannt. »Da hat sich bestimmt irgendein besoffener Idiot verwählt«, meinte er.
»Beeilt euch. Wir haben nicht ewig Zeit.« Die Frau hatte ihre Fassung wiedergewonnen.
Nach einer Stunde hatten die vier ihr geheimnisvolles Treiben beendet. Sie verschwanden schleunigst. Die leeren Schubkarren ließen sie zurück. Schließlich handelte es sich dabei um städtisches Eigentum.
Der immer noch hellwache Enterich kratzte sich mit seinem Schnabel entspannt am Bürzel. Offensichtlich hatten die nächtlichen Parkbesucher anderes im Sinn gehabt, als harmlose Wasservögel zu belästigen. »Dong. Dong. Dong. Dong.« Vier Uhr in der Früh. Die Nacht hatte kaum Abkühlung gebracht. Das Thermometer zeigte immer noch über zwanzig Grad an.
3
Oberstudienrat Fritz Weiß, Mathematiklehrer am Rotteck-Gymnasium Freiburg, sollte sich an diesem sonnigen Montagmorgen um acht Uhr erneut sehr einsam im Klassenzimmer fühlen. Mit dem Anstieg der Temperaturen nahm die Anzahl der Schüler, die den Unterricht besuchten, rapide ab. Irgendwie lohnte es sich nicht mehr, zur Schule zu gehen, spätestens ab zwölf Uhr war hitzefrei. Und in ein paar Wochen begannen eh die Ferien.
»Hast du eigentlich Bock auf Mathe? Oder sollen wir lieber etwas anderes unternehmen?«, fragte der angehende Abiturient Sascha seinen Mitschüler und besten Freund Tom. Sie hatten sich wie immer morgens getroffen, um gemeinsam zur Schule zu gehen.
»Wenn du mich jetzt schon so fragst, nein.« Toms Antwort kam nicht wirklich überraschend. Den Drang, mathematischen Geheimnissen auf die Spur zu kommen, hatten die beiden sechzehnjährigen Pennäler seit Beginn ihrer hoffnungsvollen gymnasialen Laufbahn noch nie verspürt. Und bis zum Abi waren es schließlich noch ein paar Tage hin. Überhaupt. Wer brauchte schon Algebra und Geometrie?
»Chillen wir stattdessen im Stadtgarten?«, schlug Sascha hoffnungsvoll vor.
»Geht klar.« Die beiden Jungs schlenderten gemütlich nebeneinander her.
»Aber vorher schauen wir noch bei Starbucks vorbei. Ich brauch erst etwas zum Wachwerden. Ich zahl auch.« Tom konnte sich diese Großzügigkeit leisten. Er hatte am Wochenende mal wieder im »Schlappen« gejobbt. Und da er sowohl über strahlend blaue Augen als auch über einen gut trainierten Oberkörper verfügte, konnte sich sein Trinkgeld, das er hauptsächlich von den weiblichen Gästen bekam, durchaus sehen lassen.
Trotz der frühen Morgenstunde herrschte schon lebhafter Betrieb in einem der beliebtesten Kaffeetempel Freiburgs. Unter den Besuchern waren bemerkenswert viele Jugendliche. Die meisten Plätze waren bereits besetzt. Offensichtlich waren Sascha und Tom heute nicht die Einzigen, die keine Lust auf Bildung verspürten. Die beiden stellten sich geduldig in der langen Warteschlange an.
Nach dem obligatorischen Frage-und-Antwort-Spiel, ohne das kein Kunde im Starbucks an seinen Cappuccino kam – »groß, mittel oder klein? Mit einer einfachen oder doppelten Portion Espresso? Mit oder ohne Zucker? Mit oder ohne Schokostreusel?« –, verließen die beiden Mathematikverweigerer den Coffeeshop mit zwei Pappbechern in der Hand und machten sich Richtung Stadtgarten auf. Sie überquerten den Karlssteg, unter dem sich wie immer zahllose Autos durchquälten.
»Setzen wir uns zum Donald Duck?«, fragte Tom, als sie den Stadtgarten betraten. Sascha nickte. Ihm war jeder Platz recht. Hauptsache, es war kein Klassenzimmer.
Besagter Donald Duck war die steinerne Figur eines wackeren Erpels, die mitten im Teich stand. Das Federvieh hatte einst im Zweiten Weltkrieg vor dem Bombenangriff gewarnt und damit einigen Freiburgern das Leben gerettet, die sich dank seines aufgeregten Geschnatters rechtzeitig in den nahe gelegenen Luftschutzbunker im Schlossberg retten konnten. Als Dank wurde der Ente für ihr heldenhaftes Verhalten ein steinernes Ehrenmal im Stadtgarten gesetzt. Ob die Geschichte tatsächlich stimmte, wussten die beiden Schüler nicht. Aber Saschas Oma hatte sie ihnen oft genug erzählt. Und die musste es schließlich wissen.
Der Stadtgarten war an diesem sonnigen Montagmorgen noch menschenleer. Auf der großen Wiese, wo nachmittags Mütter mit ihren Kindern Ball spielen und damit die halb nackten Sonnenanbeter nerven würden, war noch niemand zu sehen. Auch Vertreter der akademischen Szene machten sich rar – die waren um diese frühe Uhrzeit in Freiburgs Stadtbild genauso häufig anzutreffen wie Königspinguine an der Copacabana. Es schien also alles in bester Ordnung zu sein.
Doch an diesem Morgen störte etwas die Idylle. »Siehst du, was ich sehe? Oder ist das eine Fata Morgana? Wäre doch möglich bei der Affenhitze.« Tom schaute Sascha durch seine schwarz getönte Sonnenbrille fragend an. An einem der alten Bäume baumelte etwas, das dort definitiv nicht hingehörte.
Die beiden Jungs näherten sich neugierig. Das Objekt entpuppte sich als Schaufensterpuppe, bekleidet mit grasgrünen Bermudas, einem ausgewaschenen gelben T-Shirt und einer Spielzeug-Plastikkamera um den Hals. Sie war mit einem Strick an einem Ast aufgeknüpft worden.
»Äh?« Sascha fehlten die Worte. Die beiden betrachteten verblüfft die seltsame Puppe, deren grellrot bemalte Fingernägel im krassen Gegensatz zu ihren weißen Plastikhänden standen. Dabei entdeckten sie die grüne Papptafel, die ihr jemand auf die Brust geheftet hatte. »Wir haben genug von euch Touristen. Macht euren Lärm und Dreck woanders. ›Die Freiburger‹«, las Tom laut vor.
»Du liebe Zeit. Da hängen noch mehr von der Sorte.« Sascha deutete mit dem Zeigefinger auf eine alte Eiche. Dort schaukelte eine Plastikblondine mit gelbem Sonnenhut verträumt vor sich hin. Irgendjemand hatte sie in ein billiges Blümchenkleid gesteckt, das schon lange aus der Mode gekommen war. Sie trug ebenfalls ein Schild um den Hals. Auch weiter hinten hing eine Puppe an einem Ast. Sie richtete ihren starren Blick auf die Enten, die ungerührt auf dem Teich ihre Runden drehten.
Sascha fand den Anblick überhaupt nicht lustig. Er wandte sich etwas verunsichert an seinen Mitschüler. »Hast du eine Ahnung, was das soll?«
Tom zuckte mit den Achseln. »Wer weiß? Möglicherweise hat sich hier ein Künstler ausgetobt. Die haben oft verrückte Ideen. Vielleicht ist das so eine Art Installation. Es gibt ja auch Leute, die Bäume mit Plastikfolien verhüllen.« Toms Eltern hatten ihm Fotos von einer Kunstaktion in der Fondation Beyeler in Riehen gezeigt, wo das Künstlerpaar Christo und Jeanne-Claude einhundertachtundsiebzig Bäume mit Plastikfolien verhüllt hatte. Tom mochte die Bilder. Ganz im Gegensatz zu dem, was er jetzt vor Augen hatte. Die Szenerie wirkte geradezu unheimlich. Die Puppen sahen sehr, sehr echt aus. Wie Menschen eben.
Den beiden Gymnasiasten war die Sache äußerst suspekt, auch wenn sie es nicht zugegeben hätten. Wie üblich traf Tom eine Entscheidung: »Komm, lass uns lieber von hier verschwinden. Sonst heißt es wieder, wir waren das.« Die beiden verließen eiligst den Stadtgarten, ohne sich noch einmal umzudrehen.
»Und was machen wir jetzt?«, erkundigte sich Tom, immer noch unternehmungslustig. So leicht ließ er sich nicht aus der Fassung bringen.
Doch Sascha war die Lust auf die große Freiheit vergangen. »Lass uns lieber in Mathe gehen. Sonst hängt uns unser Oberstudienrat auf, wenn wir gar nicht mehr erscheinen.« Er pfefferte entschlossen seinen leeren Becher in einen Papierkorb. »Jetzt müssen wir uns nur noch etwas einfallen lassen, warum wir zu spät und ohne Hausaufgaben auftauchen.«
Tom grinste und rückte seine Sonnenbrille zurecht. »Wir sagen einfach, wir hätten mit Puppen gespielt und dabei die Zeit vergessen. Das glaubt er uns bestimmt.«
4
Während kurz darauf städtische Mitarbeiter, die von einer empörten Stadtgartenbesucherin verständigt worden waren, schleunigst die Puppen von den Bäumen holten, griff Magdalena Schulze-Kerkeling bei der Erziehung ihres Sohnes mal wieder zum äußersten Mittel.
»Matthäus, du weißt genau, dass ich mich nicht wohlfühle, wenn du zu anderen Kindern Mistkäfer sagst.« Jedes Wort wurde von ihr so überdeutlich artikuliert, dass es auch alle anderen Anwohner der Spielstraße mitbekamen. Ob sie wollten oder nicht. Matthäus, Ursache besagten Unwohlseins, zeigte sich nur mäßig beeindruckt. Im Gegensatz zu einer älteren Dame, die den Dialog, der sich auf der Straße abspielte, interessiert verfolgte, während sie im Vorgarten eifrig braune Blättchen von ihren Rosen entfernte.
»Wir haben das doch erst gestern ausdiskutiert, dass böse Wörter negative Schwingungen verursachen«, versuchte Magdalena Schulze-Kerkeling erneut ihr Glück, an die Gefühle ihres Sprösslings zu appellieren. Der Zehnjährige, der eine viel zu große Brille trug, zeigte den Kindern auf dem Spielplatz noch einmal entschlossen den Stinkefinger, bevor er seiner Mutter widerwillig hinterhertrabte. Kreischende Kleinkinder gingen Matthäus einfach auf die Nerven. Er nervte lieber selbst. Bevorzugt Erwachsene, die sich leichtsinnigerweise in seiner Nähe aufhielten.
»In der Wiehre verstehen sie es einfach hervorragend, mit Kindern umzugehen«, murmelte Katharina Müller, die nicht zum ersten Mal auf ihrem Balkon unfreiwillige Zeugin dieser einfühlsamen Erziehungsmethoden wurde, vor sich hin. Gegenüber ihrer Wohnung befand sich zu ihrem großen Leidwesen ein Kinderspielplatz. An den verzogenen Bälgern, die sich dort lautstark mit ihren Sandschäufelchen auf die Köpfe schlugen, hätte sich selbst die RTL-Super-Nanny die Zähne ausgebissen.
Besagter Stadtteil, in dem Katharina seit einigen Jahren lebte, war selbst in der Ökostadt Freiburg, die sich mit dem Titel »Green City« schmückte, berüchtigt. Er zeichnete sich neben prächtigen und völlig überteuerten Altbauwohnungen vor allem durch einen überdurchschnittlich hohen Bewohneranteil an Akademikern, kompromisslosen Veganern, militanten Nichtrauchern und Grünen-Wählern aus. Was wiederum im Widerspruch zu den alten VW-Bussen stand, mit denen Katharinas Nachbarn ungerührt die Umwelt verpesteten. Gegen den gewaltigen CO2-Ausstoß halfen auch die aufgepinselten Sonnenblumen nichts, mit denen der Lack der verrosteten Familienkutschen verziert war. Die Wiehre war eben eine kleine Welt für sich.
Übertroffen an Ökospießertum wurde der Stadtteil nur noch vom Freiburger Vauban-Viertel, das kollektiv mit Nahwärme den Winter überstand. Eine Kollegin, die auf Wohnungssuche war, hatte Katharina erzählt, dass sie in der dort neu gebauten Solarsiedlung ein halbwegs erschwingliches Appartement hätte mieten können. Vorausgesetzt, sie wäre bereit gewesen, ihr Auto zu verkaufen. Die Kollegin hatte dankend abgelehnt und war mit ihrem weißen Alfa Romeo vor so viel Umweltbewusstsein geflüchtet.
Magdalena Schulze-Kerkelings Blick wanderte nach oben. »Ah, Katharina! Gut, dass ich dich sehe. Kannst du heute Abend zu mir kommen? Du hast doch bestimmt nichts vor.« Magdalena redete einfach weiter, bevor Katharina protestieren konnte. »Offensichtlich hast du ja schon wieder frei.« Ihre Nachbarin kicherte. »So gut wie du wollte ich es mal haben. Ich würde meine Vormittage auch gern auf dem Balkon verbringen. Kein Wunder, dass du immer so braun bist. Aber vergiss nicht: Zu viel Sonne gibt Falten.«
Katharina grummelte leise vor sich hin. Was wusste schon Magdalena Schulze-Kerkeling von Katharinas Arbeitsalltag. Sie hatte am Wochenende in der Redaktion Dienst geschoben und feierte heute ihre Überstunden ab. Katharina war nicht bekannt, dass ihre Nachbarin einer geregelten Arbeit nachging. Vielmehr verbrachte Magdalena die meiste Zeit damit, völlig überflüssige Ratgeber zu lesen, die so vielversprechende Titel wie »So spreche ich mit Engeln« trugen. Erst kürzlich schwärmte Magdalena von einem Seminar, das ihr endlich die Augen geöffnet habe. Was hatte sie darüber noch mal erzählt? Katharina versuchte, sich zu erinnern. Richtig, der Mensch unterscheide sich nur durch sein Bewusstsein von Steinen. Für diese Erleuchtung hatte ihre Nachbarin fünfhundert Euro bezahlt. Woher sie das Geld nahm, war Katharina ein Rätsel. Sie wusste nur, dass Magdalena gelegentlich in einem kleinen Geschäft in Freiburg jobbte, dessen Sortiment hauptsächlich aus Heilsteinen, ätherischen Ölen und ähnlichem Unsinn bestand. Vermutlich kam das Geld, mit dem sie Freiburgs Esoterikszene unterstützte, von Matthäus’ Erzeuger, den noch nie jemand gesehen hatte.
Bevor Katharina eine pampige Antwort geben konnte, plapperte Magdalena Schulze-Kerkeling munter weiter. »Da du offensichtlich nicht arbeiten musst, hilfst du mir bestimmt gern bei den Vorbereitungen für unser Nachbarschaftsfest. Bei dem tollen Wetter können wir uns doch am Samstagabend gemütlich im Garten zusammensetzen.« Katharina zuckte entsetzt zusammen. Doch Magdalena war nicht mehr zu bremsen. »Das wird richtig toll, wenn wir uns alle besser kennenlernen. Schließlich sind wir Nachbarn.« Magdalena schaute erwartungsvoll zu Katharina hoch. Aus irgendeinem unerfindlichen Grund hatte es sich die alleinerziehende Mutter in den Kopf gesetzt, die Schwingungen in der Straße positiv zu beeinflussen.
Katharina stöhnte innerlich auf. Die Frau hatte einfach zu viel Zeit, um sich so einen Blödsinn auszudenken. Als sie das letzte Mal zu einem Besuch bei ihr genötigt worden war, war ihr nicht klar gewesen, dass diese mit ihren verrückten Freundinnen geplant hatte, den Sommer stimmungsvoll zu begrüßen. Allerdings nicht mit einem Grillfest wie normale Menschen, sondern mit einem Tanz in weißen, wallenden Gewändern. Das Spektakel fand zur großen Freude der Studenten, die nebenan im Wohnheim hausten, im Garten statt. Die angehenden Akademiker bereicherten die sphärischen Klänge, zu denen die Damen elfengleich die Arme Richtung Vollmond streckten, mit fetziger Rockmusik. Was wiederum die Tänzerinnen empfindlich aus dem esoterischen Takt brachte. Beide Parteien schieden in dieser sternenklaren Nacht nicht als Freunde. Daran konnte auch gutes Zureden der hinzugerufenen Polizeibeamten nichts ändern.
Gut, ein Nachbarschaftsfest konnte wohl kaum solche Formen wilder Ekstase annehmen, hoffte Katharina. Ganz sicher war sie sich aber nicht.
»Okay, ich schaue bei dir vorbei. Viel Zeit habe ich aber nicht. Wäre es gegen zwanzig Uhr in Ordnung?« Es war.
»Herr Österreicher hat ebenfalls versprochen, dass er bei der Planung hilft«, setzte Magdalena noch eins drauf. »Den kennst du doch. Ihr habt ja schon beruflich miteinander zu tun gehabt. Mit dem müsstest du dich eigentlich gut verstehen.«
Was angesichts der Tatsache, dass Katharina und Markus Österreicher, der eine alte Luxusvilla in der Wiehre sein Eigen nannte, schon seit geraumer Zeit kein Wort mehr miteinander wechselten, doch sehr optimistisch war. Denn Katharina, die sich ihren Lebensunterhalt als Journalistin beim Regio-Kurier, einer kleinen Freiburger Zeitung, verdiente, hatte schon einige Zusammenstöße mit dem stadtbekannten Schauspieler hinter sich gebracht. Sie hielt ihn für einen aufgeblasenen Wichtigtuer, der sein Spießertum unter seiner stets schwarzen Kleidung und hinter hohlen Sponti-Sprüchen verbarg. Abgesehen davon war er als Darsteller völlig talentfrei. Und dieser Meinung hatte sie in einem ihrer Artikel über einen seiner zwischenzeitlich eher seltenen Bühnenauftritte deutlich Ausdruck verliehen. Was ihr Österreicher bis heute nicht verziehen hatte. Seither strafte er die Vertreterin der schreibenden Zunft, von der er sowieso nichts hielt, mit Nichtachtung.
Katharina resignierte. Gegen ihre überspannte Nachbarin kam sie einfach nicht an. Und für einen Rückzieher in Sachen Gartenfest war es jetzt eh schon zu spät. »Ich freue mich, bis heute Abend«, log Katharina tapfer, während sich Frau Schulze-Kerkeling mit Matthäus, der Katharina beherzt die Zunge herausstreckte, davonmachte.
Vielleicht kann es wirklich nicht schaden, sich mit der Nachbarschaft etwas besserzustellen, dachte Katharina schuldbewusst angesichts der Tatsache, dass sie mit ihren auf dem Balkon gerauchten Zigaretten möglicherweise zum verfrühten Tod der Anwohner durch Passivrauchen beitrug.
Sie wischte sich den Schweiß von der Stirn. Seit Wochen lag jetzt schon diese brütende Hitze über der Stadt. Katharina liebte den Sommer, aber so langsam war es selbst ihr zu viel des Guten. Sie zündete sich noch eine Zigarette an. Zum Glück musste sie heute nicht mehr in die Redaktion. Zum Arbeiten war es schlicht zu heiß.
Bevor sie für den Regio-Kurier in die Tasten griff, hatte Katharina für eine große Schweizer Tageszeitung gearbeitet. Bis sie es einfach nicht mehr aushielt. Denn ihre damalige Chefin, deren Bosheit ihre Dummheit noch erheblich übertraf, ließ nichts aus, um ihr jeden Tag das Leben zur Hölle zu machen. Obwohl sie in der Schweiz mehr als jetzt verdiente, schmiss Katharina das Handtuch und landete beim Regio-Kurier in Freiburg. Das Blatt versuchte ambitioniert, aber mit mäßigem Erfolg mit der ortsansässigen Tageszeitung zu konkurrieren. Zugegeben, Auflage und Anzeigenumsätze waren steigerungsfähig. Aber dafür stimmte das Betriebsklima. Und das war für Katharina wesentlich wichtiger als ein paar Franken mehr im Monat.
Sich von einem Ehemann finanziell abhängig zu machen, war für Katharina nie in Frage gekommen, zumal sie nie den geringsten Wunsch nach Nachwuchs verspürt hatte. Im Gegenteil: Jedes Mal, wenn ihr der kleine Matthäus über den Weg lief, fühlte sie sich in ihrer Entscheidung bestätigt, keine eigenen Kinder in die Welt zu setzen.
Das einzige Wesen, mit dem sie sich als dauerhaften Partner in ihrer Wohnung arrangiert hatte, war ein schwarz-weißer Hase, der im trauten Freundeskreis feierlich bei viel Rotwein auf den phantasievollen Namen »Hasi« getauft worden war. Hasi war das Geschenk eines erfolgreichen Züchters, den Katharina interviewt hatte. Hasi war bei seiner ersten und letzten Zuchtausstellung bei der Disziplin Ohrenmessen durchgefallen, weil die Wertungsrichter seine samtigen Löffel für zu kurz befunden hatten. Katharina bekam deshalb nicht nur interessantes Infomaterial über Hasenzucht, sondern den Hasen mit dem Schönheitsfehler gleich mit in die Hand gedrückt. Immerhin passte Hasi blendend zu ihrer Nachbarschaft: Bei ihm stand ebenfalls nur rein Vegetarisches auf der Speisekarte. Damit hörten die Gemeinsamkeiten allerdings auf, denn ansonsten verhielt sich das Tierchen relativ normal. Was man nun wirklich nicht von allen Wiehre-Bewohnern behaupten konnte.
Katharina zündete sich gedankenverloren noch eine Gauloises an, während sie einen Schluck aus ihrem Kaffeebecher nahm. »Reines Gift«, wie Magdalena Schulze-Kerkeling nicht müde wurde, zu betonen. Auf was für einen Blödsinn hatte sie sich da nur wieder eingelassen? Katharina legte sich seufzend zurück in ihren Liegestuhl und versuchte, den Rest des Nachmittags zu genießen. Sie schlief trotz des Geschreis auf dem Kinderspielplatz selig ein.
***
Kurz vor acht machte sich Katharina missmutig auf den Weg zu ihrer Nachbarin, die zwei Häuser weiter wohnte. Magdalena Schulze-Kerkeling öffnete ihr die Tür. Sie trug trotz der Hitze eine selbst gefilzte bunte Jacke.
»Hallo, Katharina. Schön, dass du da bist.« Ihre Nachbarin, die ihr hennarotes Haar mit einem bunten Tuch zusammengebunden hatte, hauchte ihr links und rechts ein Küsschen auf die Wange. Katharina verzog das Gesicht. Sie hasste diese Art von Begrüßung.
»Würde es dir was ausmachen, deine Schuhe auszuziehen?« Magdalena hielt Katharina, die bereits im Gang stand, am Arm fest. Katharina rollte mit den Augen, zog aber brav ihre Sandalen aus und stellte sie auf einer eigens dafür vorgesehenen Bambusmatte ab. Sie tapste ihrer Nachbarin auf bloßen Füßen hinterher. Aus einer Ecke im Hausflur grinste ihr ein goldener Buddha mit beachtlichem Körperumfang zu. Katharina zog bei seinem Anblick unwillkürlich den Bauch ein.
In der Küche saßen bereits die anderen Organisatoren des Nachbarschaftsfestes an einem runden Holztisch. Trotz des geöffneten Fensters schwebte ein süßlicher Geruch im Raum. Ursache waren zwei entzündete Kerzen, die penetrant nach Zimt und Vanille rochen. Die Küchenwand war mit Engelbildern zugepflastert.
Magdalena bemerkte Katharinas Blick. »Diese lichtvollen Gestalten erfüllen mein Herz und geben mir Ruhe«, schwärmte sie.
Klar, was sonst. Katharina nickte ergeben und setzte sich auf den letzten freien Stuhl.
Neben Markus Österreicher, der bei Katharinas Anblick schmerzhaft das Gesicht verzog, hatten sich zwei lächelnde Damen undefinierbaren Alters niedergelassen. Deren farbenprächtiges Outfit, ebenfalls aus ökologischem Filz, erinnerte Katharina spontan an die Flecklehäs, eine bekannte Freiburger Narrenzunft. Offensichtlich hatte das Duo denselben Filzkurs wie Magdalena besucht. Wenigstens hatte sich Matthäus dankenswerterweise in sein Kinderzimmer verzogen.
»Willst du einen Schluck Roibuschtee? Darin ist garantiert kein Koffein.« Magdalena Schulze-Kerkeling hatte die Kanne schon in der Hand.
Katharina lehnte dankend ab. Tee trank sie nicht mal, wenn sie krank war.
»Also, wir haben uns das Fest am Samstag folgendermaßen vorgestellt«, erklärte die Gastgeberin, nachdem Katharina bei den anderen Platz genommen hatte.
Als sie ihre Beine ausstreckte, traf sie versehentlich das Knie des Schauspielers. Österreicher schleuderte ihr einen wütenden Blick zu. Meine Güte, der Mann war vielleicht empfindlich. Katharina entschuldigte sich höflich, bekam aber keine Antwort. Sie verspürte große Lust, erneut zuzutreten.
Magdalena ließ sich von der schlechten Aura, die sich in ihrer Küche breitzumachen drohte, nicht aus dem Konzept bringen.
»Bei dem schönen Wetter sitzen wir am Samstag natürlich hinten im Garten. Bierbänke und Tische sind bereits organisiert. Und zum Essen gibt’s Tofu, Austernpilze und Salat. Hanna und Monika werden sich darum kümmern.« Sie deutete auf die beiden Damen, die eifrig nickten.
Katharina, die ein gutes Schnitzel durchaus zu schätzen wusste, beschloss jetzt schon, vor dem Fest etwas Ordentliches zu essen. Sie hatte sich bislang weder mit Tofu noch mit Austernpilzen anfreunden können.
Magdalena, die emsig an ihrem Roibuschtee nippte, hatte sich natürlich auch schon Gedanken über das Rahmenprogramm des Festes gemacht.
»Markus Österreicher wird uns mit humoristischen Einlagen unterhalten. Das wird bestimmt lustig.«
Gut, das war zu befürchten gewesen, dass sich der Schauspieler diese Chance nicht entgehen ließ, vor der Nachbarschaft anzugeben, zumal die Anzahl seiner Engagements in den vergangenen Jahren empfindlich zurückgegangen war. Österreicher nickte hoheitsvoll in die Runde, während ihn die beiden Flecklehäs begeistert anstrahlten. Katharina verzog keine Miene. Außer anti-amerikanischen Parolen war von Österreicher sowieso nichts Neues zu erwarten.
»Und mein Matthäus spielt auf der Blockflöte ein Stück von Joan Baez. Er hat schon fleißig geübt.« Magdalena strahlte vor Stolz wie ein japanisches Atomkraftwerk. Bei dieser Ankündigung zuckten selbst die beiden Flecklehäs, die auf Katharina wie siamesische Zwillinge wirkten, zusammen.
Die Gastgeberin spendierte erneut eine Runde Tee. »Frau Jäger hat ebenfalls versprochen, an dem Abend vorbeizuschauen.«
Das war für Katharina schon eher ein Lichtblick, denn Anneliese Jäger, pensionierte Lateinlehrerin, die als Grünen-Stadträtin das Volk vertrat, fiel regelmäßig durch unkonventionelle Meinungsäußerungen auf. So hatte sie allen Ernstes in der jüngsten Gemeinderatssitzung den Vorschlag unterbreitet, in Freiburg die schwarzen Schultafeln durch blaue zu ersetzen. Mit der Begründung, dass die Farbe Schwarz Depressionen bei den Schülern auslösen könnte. Trotz ihrer manchmal grenzenlosen Naivität und Sturheit fand Katharina die Stadträtin nicht unsympathisch. Denn die war dem arroganten Freiburger Oberbürgermeister Norbert Winkler schon öfter kräftig über den Mund gefahren. Schließlich musste die resolute Pensionärin zeit ihres Berufslebens mit pubertierenden Schülern fertig werden. Und diese Fähigkeit, andere zu übertönen, kam ihr jetzt im Gemeinderat durchaus zugute. Wenn sie mal am Reden war, hatte kein anderer eine Chance, das Wort zu ergreifen. Und was sie sich in den Kopf gesetzt hatte, focht Anneliese Jäger eisern durch. Nicht zuletzt war es ihrem Engagement zu verdanken, dass in der Wiehre ein Jugendtreff eingerichtet wurde. Deshalb sah es ihr Katharina auch nach, wenn die verwitwete Stadträtin regelmäßig bei öffentlichen Empfängen unauffällig ein paar Häppchen der kalten Büfetts in ihrer Handtasche verschwinden ließ. Die meisten Mitglieder des Freiburger Gemeinderats sahen eh nicht so aus, als ob sie Opfer einer Hungersnot wären.
»Und jetzt zu dir, Katharina! Kochen kannst du nicht, wie wir alle wissen. Aber du könntest doch vielleicht etwas Schönes über unser Fest schreiben, oder?«, wandte sich Magdalena an Katharina, ohne eine Antwort abzuwarten. »Dann steht in deinem Blatt ausnahmsweise mal was Gescheites drin. Außerdem wär’s schön, wenn du die Einladungen verteilen würdest. Zeit hast du ja dafür.« Katharina nickte ergeben. Magdalena darüber aufzuklären, dass sie sich eher die Finger abhacken würde, bevor sie eine Zeile über dieses Gartenfest schreiben würde, hielt sie für völlig überflüssig. Magdalena hatte schlicht keine Ahnung von Journalismus. Dafür umso mehr von Lachyoga.
Während die Flecklehäs ausführlich den kulinarischen Part des Festes erläuterten, waren in der Küche auf einmal seltsame Geräusche zu sphärischer Musik zu hören.
»Hat der arme Matthäus Blähungen von dem vielen Gemüse, das du ihm immer verabreichst?«, erkundigte sich Katharina scheinheilig bei ihrer Nachbarin. Die sah sie böse an.
»Das ist meine neue CD mit Walgesängen. Die wirken total entspannend. Könntest du ruhig auch mal probieren.« Magdalena Schulze-Kerkeling war mal wieder fassungslos angesichts so viel Ignoranz. »Du rauchst eh viel zu viel, das ist nicht gut für deine Chakren«, fügte sie unerwartet bissig hinzu. Beim blauen Dunst hörte der Spaß bei Magdalena Schulze-Kerkeling endgültig auf. Das war ihrer Meinung nach noch schlimmer als das Verspeisen von toten Tieren in Form von Wurst oder Steaks.
Katharina verzichtete auf eine Antwort und beschloss stattdessen, schleunigst die Flucht zu ergreifen. Für heute hatte sie mehr als genug zu einem friedlichen Miteinander in der Wiehre beigesteuert, befand sie. Abgesehen davon wurde ihr so langsam übel von dem süßlichen Duft, den die Kerzen unentwegt verströmten.
»Ich muss leider gehen«, verabschiedete sie sich eilig bei den Flecklehäs und dem Schauspieler, der sie erneut finster anblickte. Offensichtlich hatte er ihr weder ihre Kritik über seinen Auftritt noch ihren Fußtritt verziehen. Arroganter Blödmann!, schoss Katharina durch den Kopf, als sie die Runde noch einmal gequält anlächelte. Wenigstens nickten ihr die beiden Flecklehäs freundlich zu.
Bevor Katharina endlich ihre Sandalen wieder anziehen durfte, zog sie Magdalena Schulze-Kerkeling noch einmal zurück.
»Matthäus hat ein Geschenk für dich«, flüsterte sie und drückte der verdutzten Katharina einen Aufkleber mit der Aufschrift »Atomkraft? Nein danke« in die Hand. »Mein Sohn hat nämlich festgestellt, dass du die Einzige in der Straße bist, die ohne diesen Aufkleber auf dem Auto herumfährt«, bemerkte sie süffisant, bevor sie die Tür hinter Katharina schloss.