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Veröffentlicht im Carlsen Verlag
September 2013
Erstmals erschienen im Thienemann Verlag, 1994
Copyright © 2006, 2013 Carlsen Verlag GmbH, Hamburg
Umschlagbild: Martina Badstuber
Umschlaggestaltung: formlabor
Corporate Design Taschenbuch: bell étage
Satz und E-Book-Umsetzung: Dörlemann Satz, Lemförde
ISBN 978-3-646-92493-0

Alle Bücher im Internet unter
www.carlsen.de

Familiensitzung

Familiensitzungen fangen bei uns immer damit an, dass Mama ein paar Chipstüten aufmacht und in Schalen schüttet. Wir stehen alle auf, damit wir näher dran sind. Und wenn Mama sagt: »Jetzt könnt ihr anfangen«, stopfen wir uns erst mal ordentlich Chips rein. Bis die Schale leer ist und einer schreit: »Die Sofie frisst die meisten!«

IllustrationDann sagt Mama immer: »Das heißt nicht frisst, das heißt isst.« Mama will nämlich, dass wir ordentlich sprechen. Nur bedenkt Mama nicht, dass das Wort »essen« bei Sofie nicht stimmt. Sofie frisst nämlich wirklich. Nicht nur Chips. Auch Sahnepudding und Schokoladentorte. Wenn die Chips aufgefr… auf sind, legt Papa immer seine doppelte Denk- und Kummerfalte ein und eröffnet die Sitzung.

Dieses Mal geht es um unser neues Haus. Klar. Wir wollen oder müssen uns nämlich ein neues Haus kaufen, weil unser altes Haus zu klein ist, weil wir nämlich ein neues Kind kriegen. Und wir müssen sowieso raus wegen des Vermieters. Und jetzt haben wir ein Haus gefunden, ein Traumhaus, echt. Das war gestern. Und heute wollen wir das alles besprechen.

Doch da schreit Teddy los. Ben hat sich hinter seinem Sessel Chipsreserven angelegt und er will Teddy natürlich nichts abgeben. Teddy brüllt.

Papas doppelte Denk- und Kummerfalte wird dunkel. Das Gesicht wirkt zornig, aber Mama lächelt – sie hat ihr Traumhaus! – und da redet Papa weiter.

Also: Wir werden nicht allein sein in unserem neuen Haus. (Papa holt tief Luft.) Eine alte Dame, die jetzige Besitzerin, wird weiterhin dort wohnen bleiben. »Wir kaufen das Haus auf Rentenbasis«, sagt Papa.

»Was ist auf Rentenbasis?«, frage ich.

»Ist das so was wie eine Raketenbasis?«, fragt Ben und zählt: »Fünf, vier, drei … Der Count-down läuft! Wir starten!« Und schon versucht er auf Luckis Schulter zu steigen. Lucki wird sauer.

»Lass den Quatsch«, sagt Papa und seine doppelte Denk- und Kummerfalte wird fast bedrohlich. »Auf Rentenbasis heißt, es wohnt eine Dame in ihren Zimmern in der ersten Etage und wir zahlen ihr monatlich einen bestimmten Betrag, solange sie lebt.«

»Das finde ich unfair!«, rufe ich.

»Nein, nein«, Mama lächelt, »das ist überhaupt nicht unfair. Das Haus ist enorm teuer – und es gehört ihr schließlich. Es ist ihr Haus. Aber für sie ist es zu groß und zu teuer. Es muss nämlich einiges repariert werden. Das alles können auch wir nur bezahlen, wenn sie dort wohnen bleibt. Dann ist das Haus für uns nämlich billiger, als wenn wir es ganz kaufen würden. Dann kann sie es schaffen und dann können wir es schaffen.«

»Das ist aber lieb von ihr«, sagt Ben, »dass sie uns da wohnen lässt.«

»Dann wohnt also die Rentenbasis mitten zwischen uns?«, fragt Lucki.

»So ist es«, sagt Mama. »Und das ist unser Problem.«

»Ist die nett?«, fragt Teddy.

»Wir haben sie noch nicht kennengelernt«, sagt Mama. »Ich hoffe aber, dass bald alles geregelt ist.« Mama schaut besorgt auf ihren dicken Babybauch.

»Und wenn das eine Hexe ist?«, fragt Ben.

»Dann hexen wir zurück«, sage ich. Aber mir ist gar nicht so wohl zu Mute. Denn so eine Rentenbasis mitten im Haus, das ist schon was. Und ich stelle mir die Rentenbasis vor, eine Mischung aus Drache, Hexe, Oma und lieber Frau.

»Vielleicht ist sie wie die Zicke«, sagt Lucki. Die Zicke ist unsere Nachbarin zur Linken. Sie heißt eigentlich Frau Cäcilie Zicke. Papa will nicht, dass wir sie Zicke nennen, aber sie meckert immer mit uns und er nennt sie selbst so, wenn er wütend ist.

»Kann die Rentenbasis nicht zu Opa ziehen?«, überlegt Ben. »Opa nimmt die bestimmt auf Rentenbasis.« Ben meint unseren Opa mit dem Globus, der früher Lokomotivführer war.

»Das glaube ich nicht«, sagt Papa, »die Dame möchte in dem Haus bleiben, in dem sie schon immer gewohnt hat.«

Danach ist zunächst Schweigen.

»Und Opa würde sich auch schön bedanken«, murmelt Mama schließlich.

»Also ist sie doch eine Hexe!«, rufe ich.

»Nein«, lacht Mama. »Aber die beiden kennen sich doch gar nicht. Und dafür sind sie einfach zu alt.« Unser Opa ist schon sehr, sehr alt. Er ist fünfundachtzig.

»Und wie alt ist die alte Dame?«, fragt Sofie.

Das weiß keiner.

»Können wir die Rentenbasis denn mal kennenlernen, bevor wir entscheiden?«, fragt Lucki.

»Zurzeit geht das leider nicht«, sagt Papa. »Sie ist im Augenblick bei ihrer kranken Cousine und pflegt sie.«

»Dann können wir ja auch das Haus nicht kaufen.«

»Doch«, sagt Papa. »Ich werde zu ihr fahren und alles mit ihr besprechen.«

»Ich fahre mit«, verkündet Ben.

»Ich auch!«, rufe ich.

Aber Papa schüttelt den Kopf. »Das geht dieses Mal leider nicht. Die Frau trifft ja der Schlag, wenn wir alle bei ihr antanzen. Ihr werdet sie noch früh genug kennenlernen.«

»Du nimmst aber meinen Fotoapparat mit und meinen Kassettenrekorder«, sage ich.

»Ich will die aber sehen«, ruft Ben.

Aber es nützt nichts. Für uns bleibt die Rentenbasis erst einmal ein Geheimnis. Als Trost bekommen wir noch zwei Tüten Chips von Mama.

Abends im Bett überlegen Ben und ich, wie die Rentenbasis wohl ist.

»Und wenn sie nun eine ganz, ganz schreckliche Frau ist? Mit großen gelben Zähnen, Hakennase und verlausten Haaren? So eine richtige Hexe?«, flüstert Ben im Bett über mir.

»Wenn sie uns alle verzaubert? Wenn sie uns wie Hänsel und Gretel droht? Wenn sie immer keift wie die Zicke?«, flüstere ich. »Wenn sie Tag und Nacht keine Ruhe gibt?« Ich habe Angst.

Ich träume von einem schrecklichen Drachen. Ich werde wach, schweißgebadet, ich schreie.

Ben springt aus seinem Bett. Er beruhigt mich, er tröstet mich. Ich erzähle ihm von meinem Traum. Aber er hat auch so eine furchtbare Angst.

Wir müssen uns Klarheit verschaffen. Wir müssen herauskriegen, wer die Rentenbasis ist, wie sie ist. Wir werden vorgehen wie Detektive. Wir teilen alle Häuser im Umkreis unseres neuen Hauses in Bezirke auf, Detektivbezirke. Wir werden im neuen Haus an der Tür der Rentenbasis Fingerabdrücke nehmen. Wir werden die Nachbarn befragen, vorsichtig, lieb. Auch misstrauisch, detektivisch.

Um keine Zeit zu verlieren, fertigen wir mitten in der Nacht ein Phantombild an. Phantombilder sind Bilder, die man zeichnet, um aus allem, was man weiß, eine Vorstellung von der gesuchten Person zu bekommen. Das macht die Polizei auch, wenn sie jemanden sucht.

Wir malen der Rentenbasis eine kleine Hakennase und Dauerwellen. Die haben fast alle Omas. Dann malen wir ihr ein ganz schreckliches Räuberauge und ein sehr liebes Omaauge, weil wir ja noch nicht wissen, ob sie böse oder gut ist. Ans Kinn male ich eine Warze wie bei einer Hexe und Ben malt ihr einen weißen runden Spitzenkragen wie bei einer lieben Oma. Als Name schreiben wir »XY Rentenbasis« unter das Bild. Wir werden unser Phantombild bei jeder neuen Erkenntnis verändern. Wir sind sehr zufrieden und schlafen etwas beruhigter ein.

Illustration

Am nächsten Nachmittag verteilen wir Bens gesamte Detektivausrüstung auf uns beide. Gummihandschuhe müssen wir uns noch aus Papas Praxis besorgen, Detektivpulver ist auch nicht mehr genug da. Da nehmen wir eben die schwarze Farbe aus dem Malkasten und zerbröseln sie. Nach den Hausaufgaben wollen wir die Ermittlungen aufnehmen. Aber erst muss Ben zum Judo. Als er zurückkommt, zeigt er mir drei neue Griffe, die er gelernt hat. Wer weiß, vielleicht müssen wir die ja sehr bald anwenden.