ALAN DEAN FOSTER
AUCH KEINE TRÄNEN AUS KRISTALL
Roman
WILHELM HEYNE VERLAG
MÜNCHEN
EINS
ZWEI
DREI
VIER
FÜNF
SECHS
SIEBEN
ACHT
NEUN
ZEHN
ELF
ZWÖLF
DREIZEHN
VIERZEHN
FÜNFZEHN
SECHZEHN
EPILOG
Zum Verfasser
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Es ist hart, eine Larve zu sein. Zuerst ist da gar nichts. Und dann wächst aus dem Nichts ganz langsam und stufenweise ein unbestimmtes, unsicheres Bewusstsein heran. Die Wahrnehmung der Welt stellt sich nicht als ein Schock ein, sondern als eine graue Unvermeidbarkeit. Die Larve kann sich nicht bewegen, kann nicht sprechen. Aber denken kann sie.
Seine ersten Erinnerungen befassten sich ganz natürlich mit dem Pflegehort: einer kühlen, schwach beleuchteten Kammer kontrollierter Bewegung und beträchtlichen Lärms. Unter der sanft gewölbten Decke unterhielten sich Erwachsene mit seinen Mitlarven. Und mit der Wahrnehmung seiner Umgebung stellte sich das Erkennen des Ichs und eines Körpers ein: einer knotigen, eineinhalb Meter langen zylindrischen Masse aus fleckigweißem Fleisch.
Durch einfache, noch nicht vollkommene Larvenaugen nahm er hungrig die beschränkte Welt in sich auf. Erwachsene, Geräte, Wände, Decke und Boden. Seine Gefährten, die Krippe, in der er lag. Und alles das war weiß und schwarz oder ein Grauton dazwischen. Das war alles, was er wahrnehmen konnte. Farbe war ein geheimnisvolles, unvorstellbares Reich, zu dem nur Erwachsene Zugang hatten. Von all den Fremdartigkeiten der Existenz beschäftigte ihn am meisten der Gedanke, was wohl blau, was gelb sein mochte – der Geschmack des ihm vorenthaltenen Spektrums.
Die Erwachsenen, die den Pflegehort verwalteten und sich um die Jungen kümmerten, waren darin geübt. Sie hatten von Generationen von Jungen dieselben Fragen gehört, Fragen in derselben Reihenfolge, die immer wieder gestellt wurden. Und doch waren sie stets geduldig und höflich. Und so gaben sie sich redlich Mühe, ihm zu erklären, was Farbe sei. Die Worte hatten keine Bedeutung, weil es keine Bezugspunkte gab, keine geistigen Landmarken, auf die sich eine Larve beziehen konnte. Es war so, als versuchte man die Sonne zu beschreiben, die die Oberfläche des Planeten erwärmte, hoch, ganz hoch oberhalb des unterirdischen Pflegehorts. In seiner Vorstellung war die Sonne ein hell leuchtendes Etwas, das ein intensives Fehlen von Dunkelheit produzierte.
Er wuchs heran, und die Helfer ließen zu, dass er sich in seiner primitiven, sich aufbäumenden wurmähnlichen Art und Weise bewegte. Pfleger bewegten sich geschäftig in dem Hort, geschäftige Erwachsene, denen die Gabe echter Beweglichkeit verliehen war. Lehrmaschinen murmelten den Lernbegierigen ihre endlosen Litaneien zu. Gelegentlich kamen auch andere Erwachsene zu Besuch, darunter auch ein Paar, das sich ihm gegenüber als seine eigenen Eltern identifizierte.
Er verglich sie mit seinen Gefährten, die wie er unruhige weiße Massen waren, die in stumpfen, schwarzen Augen und dünnen Mundschlitzen endeten. Wie er die Erwachsenen doch um ihre sauberen Linien und ihre reifen Körper beneidete, die vier kräftigen Beine, die Fußarme darüber, die entweder als Hände oder als drittes Beinpaar dienten, und die zarten Echthände darüber.
Und echte Augen hatten sie auch, die Erwachsenen. Große, aus vielen Facetten zusammengesetzte Augen, die wie eine Ansammlung strahlender Juwelen leuchteten (für ihn in hellem Grau, obwohl er wusste, dass sie orange und rot und golden waren, was auch immer das sein mochte). Sie waren seitlich an den glänzenden, herzförmigen Köpfen angeordnet, an denen ein Paar federartiger Antennen wippte, völlig weiß. Die Antennen faszinierten ihn ebenso wie all seine Gefährten. Die Erwachsenen pflegten ihnen zu erklären, dass diese Antennen für zwei Sinne zuständig waren: den Geruchssinn und den Fazz-Sinn.
Das Fazzen verstand er; die Fähigkeit nämlich, die Anwesenheit bewegter Gegenstände durch Wahrnehmung der Luftverdrängung zu entdecken. Aber was man unter ›Geruch‹ verstand, blieb ihm völlig verschlossen, ebenso wie Farbe. Und so kam es, dass er sich außer Armen und Beinen auch verzweifelt Antennen wünschte. Er sehnte sich verzweifelt danach, komplett zu sein.
Die Pfleger waren geduldig und hatten volles Verständnis für derartiges Sehnen. Antennen und Glieder würden mit der Zeit kommen. Und bis dahin gab es viel zu lernen.
Sie lehrten ihn Sprache, obwohl Larven höchstens zu einem primitiven Keuchen und Stöhnen fähig waren, mehr konnten sie mit ihren flexiblen Mundteilen nicht zustandebringen. Es bedurfte harter Kiefer und ausgewachsener Lungen und Kehlen, um die eleganten Klick- und Pfeiftöne zu erzeugen, in denen sich Erwachsene miteinander verständigten.
Aber immerhin konnte er ein wenig sehen und hören und in begrenztem Maße sprechen. Aber ohne Farben war der Gesichtssinn unvollkommen, und fazzen und riechen konnte er überhaupt nicht. Als Ausgleich erklärten ihm die Lehrer, dass kein Erwachsener auch nur annähernd so gut fazzen und riechen konnte wie die primitiven Vorfahren der Thranx, damals, als die Rasse noch ohne Intelligenz viel tiefer in den Eingeweiden der Erde wohnte, als sie es heute tat, als es noch kein künstliches Licht gab und damit der Fazzsinn und der Geruchssinn notwendigerweise viel wichtiger als der Gesichtssinn waren.
Er hörte zu und verstand, aber das machte seine Enttäuschung nicht geringer. Dann kroch er auf Wurmart über die Übungsstrecke, weil sie darauf bestanden, dass er sich bewegen musste. Aber dabei war ihm die ganze Zeit bewusst, was für ein blasser Schatten echter Beweglichkeit das doch war. Oh, wie enttäuschend das alles war!
Larvenjahre waren Lernjahre. Fast außerstande, sich zu bewegen, unfähig zu riechen oder zu fazzen und kaum imstande, sich zu unterhalten, aber mit ausreichendem Gesichts- und Gehörsinn ausgestattet, verfügte eine Larve über genügend Fähigkeit zum Lernen.
Er war ein besonders wissbegieriger Student, der alles in sich aufnahm und begierig nach mehr verlangte. Seine Lehrer und Pfleger waren zufrieden, ebenso wie die Lehrmaschine, die an seiner Krippe befestigt war. Er meisterte Hoch- und Nieder-Thranx, obwohl er keines von beiden richtig sprechen konnte. Er lernte Physik und Chemie und die Grundlagen der Biologie und damit auch, wie gefährlich jede Wasserfläche war, die tiefer als sein Thorax war, wo die Atemlöcher der Erwachsenen saßen. Ein erwachsener Thranx konnte auf dem Wasser treiben, aber nicht lange, und wenn Wasser in den Körper eindrang, dann sank er. Schwimmen war ein Talent, das primitiven Geschöpfen mit Innenskeletten vorbehalten war.
Man lehrte ihn Astronomie und Geologie, obwohl er den Himmel oder die Erde nie gesehen hatte, weil er doch unter der Oberfläche lebte. Der Pflegehort war elegant gefliest und vertäfelt. Andere Teile von Paszex, seiner Heimatstadt, waren mit Plastik, Keramik, Metallen oder Steinplatten verkleidet. In den antiken Höhlen des Planeten Hivehom, wo die Thranx sich entwickelt hatten, gab es noch Tunnels und Kammern zu sehen, die mit echter ausgewürgter Zellulose und Körperstuck verkleidet waren.
Man studierte auch Industrie und Ackerbau. Die Geschichte lehrte, wie die geselligen Arthropoden, die man als die Thranx kannte, die Herrschaft über Hivehom angetreten hatten und sich an die Existenz oberhalb und auch unterhalb der Oberfläche angepasst und sich schließlich auf andere Welten ausgebreitet hatten. Schließlich und endlich wurde auch über Theologie diskutiert, und die Larven trafen ihre Wahl.
Und dann ging es weiter zu komplizierteren Themen, während ihr Geist heranreifte. Sie befassten sich mit Biochemie, Nukleonik, Soziologie und Psychologie und den Künsten, darunter auch Jurisprudenz. Besonderen Spaß machte ihm die Geschichte der Weltraumfahrt, die Berichte über die ersten zögernden Flüge zu den drei Monden Hivehoms in schwerfälligen Raketen, die Entwicklung des Posigravityantriebs, der Schiffe durch den Abgrund zwischen den Sternen trieb. Und schließlich die Errichtung von Kolonien auf Welten wie Dixx und Everon und Calm Nursery. Und er lernte von dem blühenden Handel zwischen Willow-wane, seiner eigenen Koloniewelt, und Hivehom und den anderen Kolonien.
Wie er sich doch danach sehnte, nach Hivehom zu reisen, als er davon lernte! Die Mutterwelt des Volkes, Hivehom! Was für ein magischer, geheimnisvoller Name. Seine Pfleger lächelten über seine Erregung. Es war ganz natürlich, dass er dorthin reisen wollte. Schließlich wollte das jeder.
Und doch zeigte sich noch etwas mehr auf seinen Profilkarten: ein Undefiniertes Sehnen, das die Larvenpsychologen verblüffte. Vielleicht hing es mit seinem ungewöhnlichen Ausschlüpfen zusammen. Die normalen vier Eier hatten nicht je ein männliches und ein weibliches Paar hervorgebracht, sondern drei weibliche und ein männliches Wesen.
Die Sorge der Psychologen war ihm bewusst, aber er selbst kümmerte sich nicht sehr darum. Er konzentrierte sich ganz drauf, soviel wie möglich zu lernen, und stopfte seinen Verstand bis zum Bersten mit den Wundern der Existenz voll. Während diese seltsamen Erwachsenen etwas von ›Unschlüssigkeit‹ murmelten und ›mangelnde Bereitschaft zu tatkräftigem Handeln‹, arbeitete er sich durch die Lernprogramme und milderte ihre Besorgnis mit seiner außergewöhnlichen Wissbegierde.
Weshalb die nur nicht begreifen konnten, dass er sich nicht für ein bestimmtes Thema interessierte? Ihn interessierte alles. Aber das begriffen die Psychologen nicht, das beunruhigte sie. Und seine Familie beunruhigte es auch, weil ein Thranx an der Schwelle zum Erwachsensein stets weiß, was er oder sie zu tun vorhat – später. Verallgemeinerungen schaffen kein Leben.
Eine Weile dachten sie, er könnte vielleicht vorhaben, Philosoph zu werden; aber seine allgemeinen Interessen galten speziellen Dingen, nicht abstrusen Spekulationen. Nur die Tatsache, dass er ungewöhnlich hohe Erkenntnisse erzielte, hinderte sie daran, ihn aus dem allgemeinen Pflegehort zu entfernen und ihn in einen für geistig zurückgebliebenen Larven bestimmten zu verlegen.
Und er studierte immer weiter und lernte, dass Willow-wane eine wunderbare Welt mit bequemen Sümpfen und Niederungen war, eine Welt der Hitze und der Feuchtigkeit, ganz ähnlich dem Klima, das im Pflegehort herrschte. Eine richtige Gartenwelt, deren Pole frei von Eis waren und deren riesige Kontinente dichte Dschungel trugen. Willow-wane war sogar noch sympathischer als Hivehom selbst. Er konnte wirklich von Glück reden, dort geboren zu sein.
Seinen Namen kannte er von Anfang an. Er war Ryo aus der Familie Zen, aus dem Clan Zu, aus der Wabe Zex. Letzteres war ein Überbleibsel aus primitiven Zeiten, denn jetzt gab es nur noch Städte und Cities, keine echten Wagen mehr.
Und da war noch mehr Geschichte. Die Information beispielsweise, dass die Entwicklung der wirklichen Intelligenz gleichzeitig mit der Entwicklung der Fähigkeit des Eierlegens in allen Thranx-Frauen gekommen war. Man brauchte also keine spezialisierte Königin mehr. Und diese neuentwickelte biologische Flexibilität verlieh den Thranx gegenüber anderen Arthropoden einen natürlichen Vorteil. Trotzdem erwiesen die Thranx immer noch einer Ehren-Clanmutter ihren Respekt, ein Nachklang sozusagen des biologischen Matriarchats, das einst die Rasse beherrscht hatte. Das war Tradition. Und Tradition liebten die Thranx über alles.
Er erinnerte sich sehr wohl an den Schock, den es für ihn bedeutet hatte, als er das erste Mal von den AAnn gehört hatte, einer raumfahrenden intelligenten Rasse, geprägt durch Berechnung Schlauheit und Aggressivität. Dieser Schock kam nicht etwa von ihren Fähigkeiten, sondern vielmehr von der Tatsache, dass diese Geschöpfe Innenskelette, eine lederartige Haut und flexible Körper besaßen. Sie bewegten sich wie primitive Dschungeltiere, aber an ihrer Intelligenz bestand nicht der leiseste Zweifel. In der wissenschaftlichen Gemeinschaft der Thranx hatte die Entdeckung zu großer Verblüffung geführt. Schließlich hatte bis dahin das Postulat gegolten, dass kein Wesen, das nicht über ein schützendes Exoskelett verfügte, in der Evolution lange genug überleben konnte, um wahre Intelligenz zu entwickeln. Die harten Schuppen der AAnn verliehen ihnen Schutz, und einige waren der Ansicht, dass ihre geschlossenen Kreislaufsysteme einen Ausgleich für das Fehlen eines Exoskeletts bildeten.
All diese Dinge studierte er und nahm sie in sich auf. Und doch war er unruhig, weil auch er wusste, dass von all den Insassen des Pflegehorts, die vor der Herauskunft standen, er der einzige war, der sich nicht für eine Laufbahn entscheiden, sein Lebenswerk auswählen konnte.
Rings um ihn trafen die Gefährten seiner Kindheit ihre Wahl und waren daher zufrieden, als die Zeit naherrückte. Dieser wollte Chemiker werden, jener Wartungsingenieur und der in der Krippe gegenüber von Ryo wollte den Beruf eines öffentlichen Dienstleisters ergreifen. Und wieder ein anderer entschied sich für Nahrungsmanagement.
Nur er konnte sich nicht entscheiden, wollte sich nicht entscheiden und entschied sich auch nicht. Er wollte nur immer noch mehr lernen, mehr studieren.
Und dann stand keine Zeit mehr zum Studieren zur Verfügung. Da war nur noch Zeit für eine persönliche Aufwallung von Furcht. Sein Körper war seit Monaten im Wandel begriffen, und da gab es immer wieder ein inneres Zittern und Zucken. Er hatte gespürt, wie sich in ihm Veränderungen vollzogen, wie seine Haut, sein ganzes Wesen von einer seltsamen Spannung ergriffen waren. Ein Drang hatte ihn überkommen, das Bestreben, sich nach innen zu wenden, nach außen zu explodieren.
Die Pfleger versuchten ihn, so gut sie konnten, drauf vorzubereiten, ihn zu beruhigen, ihm alles zu erklären und ihm immer wieder die Chips zu zeigen, die er so oft studiert hatte. Und doch war das Bild, das er vor sich auf dem Bildschirm sah, klinisch und fern, und es fiel ihm schwer, eine Beziehung zwischen diesem Bild herzustellen und dem, was sich im Innern seines Körpers vollzog. Alle Chips, alle Informationen der ganzen Welt konnten einen nicht auf die Realität vorbereiten.
Und noch schlimmer waren die Gerüchte, die in der Dunkelheit während der Schlafzeit zwischen den Insassen des Pflegehorts hin und her wanderten, dann, wenn die Erwachsenen nicht zuhörten. Schreckliche Geschichten von schlimmen Verformungen, von Monstrositäten, die man von ihrem Leid erlöste, ehe sie Gelegenheit bekamen, sich selbst im Spiegel zu sehen. Und von anderen ging die Rede, dass man ihnen das Überleben erlaubte, ihnen sozusagen ein Leben als Objekte wissenschaftlichen Studiums gestattete, abgeschlossen von ihrer Umwelt.
Die Gerüchte wuchsen und vermehrten sich ebenso schnell, wie sich in seinem Inneren die Veränderungen vollzogen. Die Pfleger und Ärzte kamen und gingen und beobachteten ihn intensiv. Und alles das drückte sich in einem einzigen Wort aus, all das Geheimnisvolle, das Schreckliche, das Wunderbare:
METAMORPHOSE
Es war ein Vorgang, dem man nicht ausweichen konnte, dem man nicht entging, etwas wie der Tod. Die Gene diktierten es, und der Körper gehorchte. Die Larve konnte es nicht verzögern.
Er hatte diesen Vorgang immer wieder studiert, mit einer Eindringlichkeit, wie er sie noch nie für etwas anderes aufgewendet hatte. Er sah sich die Aufzeichnungen an und staunte über die Umformung. Was, wenn der Kokon falsch gesponnen war? Was, wenn er zu schnell reifte und nur halb geformt aus dem Kokon platzte, oder – schlimmer noch – zu lange wartete und erstickte?
Die Pfleger bemühten sich, ihn zu beruhigen. Ja, irgendwann einmal waren all diese schrecklichen Dinge geschehen, aber jetzt waren schließlich die ganze Zeit ausgebildete Ärzte und Metamorphose-Ingenieure anwesend. Die moderne Medizin konnte schließlich jeden Fehler kompensieren, den der Körper vielleicht beging.
Der Tag rückte heran, und er hatte bereits vier Tage nicht mehr geschlafen. Sein Körper war von Nervosität geplagt, bereit zum Platzen. Unbegreifliche Gefühle quälten ihn. Er und die anderen, die bereit waren, wurden aus der Pflegestätte entfernt. Verwirrte jüngere Larven blickten ihnen nach und einige riefen ihnen Grüße hinterher.
»Wiedersehen, Ryo … Komm nicht mit acht Beinen raus!« – »Ich seh’ dich dann als Erwachsenen wieder«, rief ein anderer. »Komm zurück und zeig uns deine Hände«, rief ein dritter. »Sag uns, was Farbe ist!«
Ryo wusste, dass er nicht in den Pflegehort zurückkehren würde. Wenn man ihn einmal verlassen hatte, gab es keinen Grund mehr, in ihn zurückzukehren. Er würde dann einer anderen Form des Lebens gehören, es sei denn, er entschied sich dafür, als Erwachsener im Hort zu arbeiten.
Er sah zu wie der Pflegehort zurückfiel, während seine Palette gemeinsam mit den anderen den langen Mittelgang hinunterglitt. Der Hort, sein vertrautes Weiß und Grau, seine Krippen und mit ihnen die einzigen Gefährten, die er je gehabt hatte, sie alle verschwanden hinter einer dreigeteilten Türe.
Er hörte, wie jemand etwas schrie, und erkannte dann, dass er das selbst gewesen war. Das Ärztepersonal beruhigte ihn.
Dann fand er sich in einem großen Saal mit hoher Decke, einer Kuppel aus leuchtender Dunkelheit, perfekt abgestimmter Feuchtigkeit und Temperatur. Er konnte sehen, wie die anderen Paletten in der Nähe abgestellt wurden, so dass sie einen Kreis bildeten. Seine Freunde ringelten sich im schwachen Schein von Speziallampen.
Auf der nächsten Palette lag ein weiblicher Thranx namens Urilavsezex. Sie gab ein Geräusch von sich, das gute Wünsche und Freundschaft ausdrückte. »Endlich ist es soweit«, sagte sie. »Nach all den Jahren. Ich … ich weiß nicht, was ich tun oder wie ich es tun soll.«
»Ich auch nicht«, antwortete Ryo. »Ich kenne die Aufzeichnungen, aber woher weiß man, wann der exakte Augenblick da ist. Woher weiß man, wann die Zeit stimmt? Ich will keine Fehler machen.«
»Ich … ich fühle mich so seltsam. So als … als müsste ich …« Da hörte sie auf zu reden, denn wie durch einen Zauber kam plötzlich Seide aus ihrem Mund. Fasziniert starrte er sie an, während sie sich ans Werk machte und ihr Körper sich in einer Art und Weise verkrümmte, wie er das bald nicht mehr können würde. Scharf abgeknickt, hatte sie ganz unten an ihrem Körper angefangen und arbeitete sich jetzt schneller auf ihren Kopf zu.
Eine Schicht feuchter Seide über der anderen wölbte sich rings um ihren Körper auf und verhärtete bei der Berührung mit der Luft. Jetzt konnte er nur noch ihren Kopf sehen. Die Augen begannen zu verschwinden. Rings um ihn hatten auch andere zu arbeiten angefangen.
Etwas wallte in ihm auf, und er glaubte, er müsse sich übergeben. Doch das brauchte er nicht. Das war nicht sein Magen, der da plötzlich zu arbeiten begonnen hatte, sondern andere Drüsen und Organe. Da war ein Geschmack in seinem Mund, gar nicht schlecht, sondern frisch und sauber. Er knickte ab und fing mit der Seide zu arbeiten an, die in einem gleichmäßigen Fließen aus ihm herauskam, so als hätte er schon hunderte Male gesponnen.
Er spürte keinerlei Beengung, eine Furcht, die Leuten, die unterirdisch heranreiften, ohnehin unbekannt war. Und der Kokon wuchs, bedeckte jetzt bereits seinen Mund und seine Augen. Die obere Kappe verengte sich über seinem Kopf. Sie war beinahe geschlossen, als ein Paar Echthände durch die Lücke hereingriffen. Schnell, abgestimmt auf seine Mundbewegungen, um sich nicht in der sich verhärtenden Seide zu verfangen, hielten sie ein Rohr, das sich gegen seine Stirn drückte.
Jetzt zogen sich die Hände zurück. Da war jetzt nichts mehr, worauf er sich konzentrieren konnte, es galt jetzt nur, fertigzumachen, die Arbeit abzuschließen. Dann war der Kokon vollständig, und das Beruhigungsmittel, das man ihm injiziert hatte, vereinigte sich mit seiner physischen Erschöpfung und senkte ihn in den Schlaf. Ein unbestimmter, schwächer werdender Teil seines Selbst wusste, dass er drei Jahreszeiten lang schlafen würde …
Aber es war gar nicht lang. Nur ein paar Sekunden, und da trat er bereits in verzweifelter Intensität um sich.
Raus!, dachte er hysterisch. Ich muss raus! Er fand sich eingeschlossen, gefangen, von etwas Hartem eingeengt, das nicht nachgab. Er stieß und trat mit ganzer Kraft um sich. So schwach war er, so schrecklich schwach. Und doch – da war ein kleiner Riss.
Die Erkenntnis verstärkte seine Entschlossenheit, und er trat kräftiger zu, stieß mit den Händen nach und begann an den Stücken zu zerren, die vor ihm auseinanderplatzten. Das Gefängnis rings um ihn war dabei, sich aufzulösen. Er pfiff triumphierend, trat mit allen vier Beinen zu – und lag plötzlich frei und erschöpft auf einem weichen Boden.
An seinem Thorax pulsierten die acht Tracheen schwach und sogen Luft ein. Er drehte den Kopf auf die Seite, blickte auf und benutzte seine Echthände, um die Feuchtigkeit wegzuwischen, die immer noch an seinen Augen klebte.
Dann ergriffen ihn andere Hände, drehten ihn herum, halfen ihm. Antiseptische Tücher wischten über seine Augen, und ein scharfer, durchdringender Pfefferminzgeruch umfing ihn. Eine Stimme sagte besänftigend: »Jetzt ist alles vorbei. Entspannen Sie sich, Sie brauchen sich nur zu entspannen. Überlassen Sie es Ihrem Körper, zu Kräften zu kommen.«
Instinktiv wandte er sich der Stimme zu, als die letzten Reste des Gespinsts vor seinen Augen weggewischt wurden. Ein männlicher Thranx blickte auf ihn herab. Sein Chiton war von tiefem Purpur, er musste also ziemlich alt sein.
Die Erkenntnis überkam ihn wie eine Woge. Purpur. Der Chiton des Erwachsenen war purpurn, und Purpur war eine Farbe, die man ihm beschrieben hatte. Und jetzt wusste er, was das war, und das Keramikmuster in der Stirn des Arztes zeigte einen silbernen Streifen, den zwei goldene Streifen kreuzten, und seine Ommatidia waren rot, mit gelben Zentralbändern, und sie leuchteten im Licht des Raumes und … und … Es war wunderbar.
Er blickte an sich hinab, seinem schlanken Körper, dem segmentierten Leib, den vier glitzernden Flügeln deckten, den rudimentären Flügeln darunter, den vier kräftigen, gegliederten Beinen zu seiner Linken. Er hob eine Echthand, berührte sie mit einer Fußhand und wiederholte dann die Bewegung mit dem anderen Paar und führte schließlich die vier Sätze aus je vier Fingern zusammen.
Rings um sich hörte er unsicheres Klicken und Pfeifen, während fremdartige Stimmen sich darum bemühten, sich zu artikulieren. Jemand brachte ihm einen Spiegel, und Ryo blickte hinein. Ein schöner blaugrüner Erwachsener sah ihn an. Noch feucht, aber bereits trocknend, der herzförmige Kopf war etwas zur Seite gelegt. Cremeweiße Federantennen bewegten sich leicht und erfüllten ihn mit den eigenartigsten Empfindungen. Das waren Gerüche: voll, dunkel, würzig, leuchtend, Vanille. Die Gerüche seiner metamorphosierten Freunde, die Gerüche des Postkokonraumes. Er wusste, dass er nicht ein paar Minuten oder Sekunden geschlafen hatte, sondern mehr als ein halbes Jahr; dass sein Körper sich verändert hatte, gereift war, sich aus einem schwabbeligen, kaum bewussten weißen Ding in einen herrlich stromlinienförmigen Erwachsenen verwandelt hatte.
Er versuchte seine Beine an sich heranzuziehen und fand zu beiden Seiten Hände, die ihm beim Aufstehen behilflich waren. »Ganz ruhig … nicht übereilen!«, sagte ihm eine Stimme.
Als er schließlich aufrecht stand, drehte er sich zur Seite und entdeckte ein breites Fenster. Auf der anderen Seite stand eine Schar erregter reifer Thranx. Ryo erkannte die Markierungen von zweien: seinem Erzeuger und dessen Dame.
Das waren nicht länger freundliche, graue Gestalten. Jetzt war da Farbe! Offensichtlich erkannten sie ihn, denn sie machten grüßende Bewegungen. Er erwiderte sie und erkannte, dass er jetzt über die Mittel dazu verfügte.
Die Hände ließen ihn los. Er stand jetzt für sich da, auf allen vieren, den Leib hinter sich ausgestreckt. Thorax und B-Thorax nach oben geneigt, mit dem Kopf darüber. Er sah sich über die Schultern um, blickte an seinem Körper hinab und sah dann zu Boden. Vorsichtig trat er von dem weichen Polster auf den härteren Ring außerhalb. Dann ging er mit prüfenden Schritten langsam im Kreise.
»Sehr gut, Ryozenzuzex.« Das war die Stimme des Arztes, der seine Herauskunft überwacht hatte. »Ganz langsam! Der Körper weiß selbst, was er zu tun hat.«
Rings um Ryo holten seine Gefährten probeweise tief Luft, säuberten ihre Augen, erprobten Beine und Finger, und Frauen wackelten mit ihren leuchtenden Legestacheln, streckten sie aus und zogen sie wieder ein.
Ich kann gehen, dachte er entzückt. Ich kann Farben sehen. Er nahm den Druck der Luft rings um sich wahr, und sein Gehirn sortierte aus, was das zu bedeuten hatte. Ich kann fazzen und riechen, und ich kann immer noch hören. Er dankte denen, die ihm geholfen hatten, und staunte darüber, wie klar seine Sprache war; scharfes Klicken, herrlich modulierte Pfiffe – all die Feinheiten von Niederthranx. Jahre des Studiums zahlten sich jetzt aus.
Auch darüber staunte er, dass seine vier Kiefer sich elegant gegeneinander bewegten, während er Geräusche schieren Vergnügens von sich gab. Nur eines belastete sein Glück: sein Körper war vollkommen, aber seine Zukunft war das nicht, denn er hatte immer noch nicht die leiseste Ahnung, was er eigentlich mit sich selbst anfangen wollte.
Schließlich geriet er irgendwie in die Agrikultur, weil es ihm Freude bereitete, endlich nach oben gehen zu können, und ganz im Gegensatz zu seinen höchst geselligen Mitbürgern bereitete es ihm Vergnügen, außerhalb der Stadt zu arbeiten.
Er ertränkte seine persönliche Unsicherheit und seine Verwirrung in Arbeit. Von seinem Clan angetrieben, nahm er sich eine intelligente und energische Frau namens Falmiensazex als Vorgefährtin. Langsam entwickelte sich sein Leben zu einer behaglichen, vertrauten Routine. Sein Clan und seine Familie hörten auf, sich über ihn Sorgen zu machen, und die alte, nagende Unschlüssigkeit verblasste immer mehr, bis sie fast ganz vergessen war.
Es war Halbtag des Malmrep, der dritten der fünf Jahreszeiten von Willow-wane, und die Zeit des Hochsommers. Das Wetter war reich an Feuchtigkeit, und die Hitze lag in der Luft.
Ryo las die Konsole ab. Zwei Assistenten begleiteten ihn auf seiner Expedition in den Dschungel. Sie sollten prüfen, ob es dort eine Möglichkeit gab, zweitausend Bexamin-Lianen zu pflanzen.
Er hatte lange und geduldig mit dem lokalen Rat von Inmot verhandelt, der es vorgezogen hätte, das neu entwässerte und gerodete Land mit Ji-Büschen zu bepflanzen. Ryo bestand darauf, dass eine größere Vielfalt wünschenswert sei und dass Bexamin-Lianen, die kleine, harte, ockerfarbene Beeren produzierten, sich am besten für die Pflanzung eigneten.
Die Beerenfrucht war wertlos, aber sie enthielt einen Kern, den man zermahlen und mit Wasser und einem Proteinzusatz vermischen und zur Herstellung eines wunderbar süßen Sirups benutzen konnte, der fast genauso nahrhaft war, wie er schmeckte. Aber die fünfzehn Meter langen Lianen brauchten mehr Pflege als Ji-Büsche. Trotzdem sprach sich der Rat mit drei zu zwei Stimmen für seinen Vorschlag aus.
Ryo war sich voll bewusst, wie viel vom Erfolg seiner Pflanzung abhing. Ein Misserfolg würde zwar seinen guten Ruf in der Company nicht zerstören, aber eine gute Bexamin-Ernte würde ihn deutlich fördern. Ob ein solch großer Triumph nun eine gute Idee war oder nicht, das wusste er nicht. Aber in anderen Richtungen schien er ohnehin keine Fortschritte zu machen, und so dachte er, könnte er ebenso gut in der Hierarchie der Company aufsteigen.
»Bor, Aen«, sagte er zu seinen beiden Helfern, die beide älter als er waren, »holen Sie die Sichtgeräte heraus! Wir werden in dieser Richtung vermessen.« Er wies mit seiner rechten Fußhand und Echthand nach links in nördlicher Richtung.
Sie reagierten auf seine Anweisung, indem sie die Instrumente auspackten und sie an den entsprechenden Halterungen anbrachten, die seitlich an dem Kriecher befestigt waren. Ryo vergewisserte sich, dass auch die Stecher ausgepackt und einsatzbereit waren, für den Fall nämlich, dass sie auf Errilis stießen.
Aber während sie die Instrumente mit Energie versorgten, kam nichts aus dem dichten Unterholz, um sie anzugreifen. Minuten verstrichen, und Bor war gerade damit beschäftigt, eine Reflexmarke aus ihrem Behälter zu holen, als ihn eine Explosion auf das Deck des Kriechers warf. Die Wucht der Explosion war so stark, dass die dünneren Bäume nach Osten gebogen und Lianen und Schlingpflanzen von ihren Zweigen gerissen wurden. Dass Ryo nicht umgeworfen wurde, hatte er nur der Tatsache zu verdanken, dass er sich an der Steuersäule festhielt.
In der sich anschließenden Stille lagen sie alle drei benommen da und wussten nicht, was die Erschütterung zu bedeuten hatte. Dann erhob sich von den erschreckten Dschungelbewohnern eine wilde Kakophonie heulender, kreischender und schnatternder Geräusche, als die sich ihrerseits von ihrem Schock erholten.
Drei spreizfüßige Inwicep-Vögel rannten an dem Kriecher vorbei, und ihre riesigen, meterbreiten, mit Schwimmhäuten versehenen Füße berührten das Sumpfwasser kaum, während sie ihre Hälse parallel zur Wasserfläche ausgestreckt und die dünnen, blauen Schwänze hinten weggereckt hielten, um das Gleichgewicht zu bewahren.
»Spitze Stachel!«, murmelte Bor. »Was war das?« Und wie um seine Frage zu unterstreichen, ertönte jetzt eine zweite Explosion, weniger urwelthaft klingend, aber immer noch kräftig genug, um die Baumwipfel erzittern zu lassen.
Beide Assistenten sahen Ryo an, als könnte er ihnen eine Erklärung liefern; aber der konnte auch nur nach Süden starren, in die Richtung, aus der sie gekommen waren, und verwirrt gestikulieren. »Keine Ahnung. Das klingt ja fast, als ob der Generator-Nexus in die Luft geflogen wäre.«
»Ein Zusammenstoß im Transportterminal vielleicht«, mutmaßte Aen.
»Unmöglich«, entgegnete Bor mit einer beruhigenden Geste. Er war der Älteste der drei. »Eine solche Katastrophe wäre nur möglich, wenn der Monitor für den nördlichen Kontinentalsektor zusammenbrechen würde. Und selbst in dem Fall kann ich mir nicht vorstellen, dass ein Zusammenstoß von Transportmoduln zu einer solchen Explosion führen würde.«
»Das würde davon abhängen, was sie geladen haben«, sagte Ryo, »aber ich bin Ihrer Ansicht. Eher der Reduzierkomplex im Süden der Stadt, wo der Teibstoffalkohol destilliert wird.«
Aen pflichtete bei. »Am besten fahren wir schnell zurück und sehen, ob wir helfen können. Vielleicht ist in den Bauten Feuer ausgebrochen.«
»Ich habe Clan-Verwandte, die in der Reduzieranlage arbeiten.« Bor war genauso beunruhigt wie seine Freunde.
»Ich auch«, fügte Aen hinzu.
Ryo ließ den Motor des Kriechers an. Breite Außenketten drehten sich in entgegengesetzter Richtung. Das Fahrzeug machte auf der Achse kehrt, und dann steuerte Ryo es polternd auf dem Weg zurück, den sie sich durch den Dschungel gebahnt hatten. Von den Flanken des dahinrasenden Fahrzeugs spritzten Wasser und Saft aus zerdrückten Blättern und Pflanzen auf, während Bor und Aen sich bemühten, ihre Instrumente wieder zu verstauen.
Als sie den Rand des Dschungels erreichten, erwartete sie ein neuer Schock. Zwei große Shuttle-Fahrzeuge von seltsamer, mehrflügeliger Konstruktion standen dort ganz in der Nähe der Zugangsstraßen zur Pflanzung. Sie hatten beim Landen einige gepflegte Felder mit Weoneon und Asfi aufgewühlt.
Der Flughafen lag südlich von Paszex, und das war eine Tatsache, die Ryo nicht mit der Anwesenheit der zwei fremden Schiffe auf diesen vertrauten Feldern in Einklang bringen konnte. Während er noch überlegte, stieß ihn der ältere Bor ziemlich unsanft vom Steuer weg und lenkte den Kriecher hastig wieder in den Schutz des Dschungels zurück.
Das schien Ryo aus seiner Starre zu lösen, wenn er auch verwirrt blieb. »Ich verstehe nicht. Ist da irgend etwas passiert? Sind die deshalb nicht im Hafen gelandet …?«
Bor ließ ihn nicht ausreden. Jetzt war keine Zeit für Höflichkeit.
»Das sind keine Thranx und auch sonst niemand, der uns freundlich gesinnt ist. Das sind AAnn-Shuttles. Erinnern Sie sich nicht aus der Lernzeit daran? Irgendwo um Willow-wane muss ein AAnn-Kriegsschiff im Orbit sein.«
Bors Worte erinnerten Ryo schlagartig an einen Teil seiner Ausbildung.
Mächtig, bösartig und raffiniert – das waren die Worte, mit denen man die raumfahrenden, endoskelettalen AAnn am besten beschrieb. Ihre Sternsysteme lagen auf der galaktischen Ebene weiter außen als die Thranx-Welten. Obwohl es nie zu einer Kriegserklärung zwischen den beiden Rassen gekommen war, kam es gelegentlich zu ›Fehlern‹ seitens einzelner AAnn-Kommandanten, die ›ihre Befugnisse überschritten‹. So formulierten es die AAnn in ihren Entschuldigungen wenigstens immer.
Da die Zentralregierung auf Hivehom sich in solchen Dingen immer sehr pragmatisch verhielt, führten diese Irrtümer nie zu größeren Feindseligkeiten. Solche isolierten Zwischenfälle waren unangenehm, aber selten katastrophal. Aus diesem Grunde zog es der große Rat vor, auf diplomatischem Wege gegen solche Zwischenfälle zu protestieren.
Für die drei empörten Individuen auf dem Kriecher war diese Politik natürlich keineswegs beruhigend – ein ungewöhnlicher Zustand für Leute, die gewöhnlich großen Respekt vor der Obrigkeit hatten.
Doch es lag nahe, dass die drei kein Verständnis für die Diplomaten hatten. Schließlich konnten sie nur zwei Invasionsfahrzeuge erkennen, die sorgsam gepflegte Felder zerstört hatten, und im Hintergrund schwarze Rauchsäulen, die wie Gespenster über Paszex aufstiegen.
»Wir müssen etwas tun.« Ryo starrte hilflos zwischen den Bäumen hindurch. Von den Feldern her war das Zischen von Energiewaffen zu hören, in das sich dis Knattern von Thranx-Stechern und gelegentlich ein bösartiges arrrumpf! explodierender Granaten mischte.
»Was können wir tun?« Bors Tonfall drückte ruhige Hinnahme aus. »Wir haben keine …« Er brach plötzlich ab, und seine Augen funkelten wie Diamanten. »Doch, wir haben Waffen!«
Ryos Hände zogen den größten Stecherkarabiner aus dem Halfter. Er brauchte alle vier dazu. »Bor, Sie fahren den Kriecher. Aen, Sie kümmern sich um die Navigation und halten nach den AAnn Ausschau.«
»Verzeihung«, wandte Aen ein, »aber gemäß unserer jeweiligen Position wäre es meine Aufgabe zu fahren, die Bors zu schießen und die Ihre zu navigieren.«
»Der Rang ist hiermit durch die Umstände aufgehoben.« Ryo überprüfte den Ladezustand des Karabiners. Er war voll. »Ich erteile Ihnen hiermit den Befehl, nicht auf den Rang zu achten.«
»Wenn Sie wünschen, dass ich den Rang ignoriere, können Sie mir das auch nicht befehlen«, argumentierte sie geschickt. Bor beendete die Auseinandersetzung, indem er den Kriecher aus dem Dschungel heraus in das Asfi-Feld lenkte, dessen Gewächse bis an den Rand ihrer Kabine reichten. Bald sahen sie rings um sich nur noch reife, gelbe Schoten, die sich gerade anschickten, von ihren grünschwarz gestreiften Stielen abzufallen.
Aus Richtung der Stadt waren immer noch Lärm und Schusswechsel zu hören. Das war ganz natürlich. Und auch vielversprechend, dachte Ryo. Die Invasoren, die, ohne viel Widerstand vorzufinden, in einer ungeschützten Kolonialregion gelandet waren, würden wenig bewaffneten Widerstand erwarten. Ganz sicher nichts so Absurdes wie einen Gegenangriff.
Ryo gab Bor Anweisungen, den Kriecher zu den geparkten Shuttles zu lenken. Wie sehr er sich jetzt einen Energiekarabiner gewünscht hätte! Damit würde man wesentlich mehr gegen Maschinen ausrichten können, denn die Stecher waren in erster Linie für den Einsatz gegen Lebewesen entwickelt worden.
Sie arbeiteten sich ziemlich nahe an die Shuttles heran und fanden keine Waffen vor. Die Shuttles waren die ersten echten Weltraumfahrzeuge, die Ryo je gesehen hatte. Paszex und Jupiq, ja selbst Zirenba waren zu klein, um einen Raumhafen zu besitzen. Es gab dort lediglich Start- und Landebahnen für weniger starke Suborbitalfahrzeuge.
Auf Aens Vorschlag lenkte Bor den Kriecher scharf nach links und damit von dem freigelegten Weg herunter. Jetzt arbeiteten sie sich rücksichtslos zwischen den dichten Reihen von Asfi-Stängeln durch. Früchte und Stängel flogen nach allen Richtungen davon.
Normalerweise führte solches Verhalten zu einem strengen Verweis, aber unter den gegebenen Umständen machte Ryo sich über die möglichen gesellschaftlichen Konsequenzen keine Gedanken. Und dann stand plötzlich und völlig unerwartet ein einzelnes Geschöpf unmittelbar vor ihnen etwas rechts von dem sich schnell bewegenden Kriecher.
Der AAnn war damit beschäftigt, seine Notdurft zu verrichten, und das plötzliche Auftauchen des Kriechers erschreckte ihn. Er stolperte über seine kurzen Hosen und knurrte etwas Unverständliches.
Die kräftig entwickelten Kiefer waren mit scharfen Zähnen gefüllt. Ein Paar schwarzer, einzel-linsiger Augen musterte sie von ganz oben an den zwei Kopfseiten. Hinten krümmte sich ein Schwanz. Die großen, mit Klauen besetzten Füße waren mit etwas bekleidet, das an stählerne Gamaschen erinnerte. Zu den kurzen Hosen trug die Kreatur ein gleichfarbiges Hemd und einen Helm mit einem aufgepflanzten Büschel elektronischer Sensoren.
Ein dickes Kabel verband eine klobig aussehende Handwaffe mit einer Energieversorgung, die der AAnn um die Hüfte trug. Jetzt wanderte die Mündung herum und deutete auf den heranbrausenden Kriecher.
Die Wut verdrängte alle zivilisierten Gedanken, und Ryo zögerte nie. Wäre er ein gewöhnlicher Arbeiter gewesen, so wäre er jetzt gestorben. Aber in den Sümpfen hatte Ryo sich Reflexe erworben, die den meisten Wabenbewohnern fehlten.
Sein Stecher entlud sich in einem scharfen Knall, und ein winziger elektrischer Funken sprang von seiner Spitze auf die Brust des AAnn hinüber. Der AAnn zuckte zusammen, sprang einen Meter in die Höhe und fiel zuckend zu Boden. Als der Kriecher an ihm vorbeibrauste, bewegte er sich bereits nicht mehr. Erst jetzt wurde Ryo die Ungeheuerlichkeit dessen, was er gerade getan hatte, bewusst. Er hatte mit voller Absicht ein anderes denkendes Geschöpf getötet. Einen Augenblick überkam ihn Benommenheit.
Sie konnten verängstigte, schrille Pfiffe aus der Richtung von Paszex hören. Primitive Instinkte verdrängten in Jahrtausenden der Zivilisation Erworbenes. Die Wabe wurde angegriffen. Ryo war ein Soldat, der die Eingänge verteidigte. Alles, worauf es jetzt ankam, war Verteidigung.
Sie waren inzwischen ziemlich nahe an das erste der beiden Shuttle-Fahrzeuge herangekommen, und Ryo suchte nach einem Teil des Schiffes, der für seine Waffe verletzbar sein mochte. Hätte er einen Energiekarabiner gehabt, so hätte er jetzt damit angefangen, auf das Fahrwerk zu schießen oder den durchsichtigen, halbmondförmigen Abschnitt, der die Steuerkanzel über der Nase kennzeichnete. Aber es handelte sich um Kriegsfahrzeuge, und das bedeutete, dass weder Antennen, noch irgendwelche Motoren freilagen.
Unter der einen Tragfläche standen ein paar bewaffnete AAnn. Sie blickten überrascht auf, als der Kriecher polternd vor ihnen auftauchte. Ryo erschoss einen von ihnen, ehe die anderen sich bewegen konnten. Die Gruppe löste sich plötzlich auf und rannte erschreckt auf die Rampe zu, die vom Boden in das Innere des Shuttle führte.
Ryo erwischte einen zweiten AAnn auf halbem Wege die Rampe hinauf und sah kühl zu, wie das Geschöpf zusammenzuckte und herunterfiel. Einige Energiestrahlen tasteten von den fliehenden Soldaten zu dem Kriecher herüber, aber da sie hastig und ungezielt abgefeuert waren, verfehlten sie ihr Fahrzeug, das von Bor geschickt im Zickzackkurs gesteuert wurde.
Jetzt fuhren sie unter dem Heck des ersten Shuttle durch und polterten auf das zweite zu. Ryo jagte ein paar Schüsse zu den beiden Auspuffdüsen und den Raketenöffnungen dazwischen, in der Hoffnung, auf diese Weise irgendwelche wichtigen Komponenten außer Gefecht zu setzen. Ob seine Schüsse irgendwelche Wirkung zeitigten, konnte er nicht beurteilen.
Inzwischen war bei den Insassen des Fahrzeugs Panik der normalen Reaktionsfähigkeit gewichen. Plötzlich strahlte eine Energieflut vom Bug des zweiten Schiffes herunter. Der Boden vor ihnen und links von dem Kriecher schwärzte sich und begann zu rauchen.
»Wenden! Wenden!«, schrie Aen. Bor reagierte mit ein paar klickenden Geräuschen darauf, die den beiden anderen vermitteln sollten, dass er gehört hatte und etwas verärgert war.
Der Kriecher raste auf den Schutz von ein paar Tettoq-Bäumen zu. Eine zweite Energiewelle verbrannte die Erde an genau der Stelle, wo der Kriecher noch vor wenigen Augenblicken gewesen war.
Andere scharrende mechanische Geräusche erreichten sie. Ryo sah sich um, während sie im Schutz der Tettoq-Stämme verschwanden, und konnte ein paar bewegte Gestalten ausmachen, die auf die Shuttles zurannten. Einige saßen auf einspurigen Maschinen, die je zwei Soldaten trugen. Andere rannten zu Fuß. Alle kamen aus Richtung Stadt.
Jetzt schaltete sich auch das erste Shuttle in das Feuer ein. Strahlen aus beiden Fahrzeugen tasteten nach dem Tettoq-Gehölz, um den fliehenden Feind zu suchen. Einer traf so nahe auf, dass die hintere Gleiskette des Kriechers explodierte. Aber das Fahrzeug hatte bereits im dichten Schutz des Dschungels Deckung gefunden.
Fast zögernd fällte ein letzter Feuerstrahl zwei massive Lugulic-Bäume, die krachend ein Stück links von dem beschädigten Kriecher herunterprasselten und Schlingpflanzen und kleinere Bäume mit sich rissen. Dann erfüllte ein kräftiges, anschwellendes Pfeifen die Luft.
»Sehen Sie, was die machen?«, fragte Bor, der immer noch, so gut er das mit der beschädigten Kette konnte, Ausweichkurs steuerte. Ryo und Aen versuchten zwischen den Bäumen hindurch etwas zu erkennen.
»Sie haben die Rampen eingezogen«, sagte Ryo aufgeregt. »Dem Lärm nach zu schließen, würde ich sagen, dass die sich auf den Start vorbereiten.«
»Aber doch sicher nicht unseretwegen?«
»Wer weiß?« Aens Stimme klang stolzerfüllt. »Überrascht waren die ganz sicher. Vielleicht glauben die, dass ein paar Dutzend von uns mit gefährlicheren Waffen einen Angriff gegen sie vorbereiten.«
»Solche Spekulationen sind doch unziemlich«, murmelte Ryo.
»Die Umstände sprechen dafür«, antwortete sie.
»Andererseits«, warf Bor ein, »könnte ihre Flucht einige Ursachen haben.«
»Und das bedeutet?«, wollte Ryo wissen.
Bor brachte den Kriecher zum Stehen und spähte neben ihnen durch die Wand aus Bäumen. »Entweder haben sie das Böse, das sie unserer armen Wabe zugedacht hatten, bereits vollendet, oder …« – er wies mit einer Echthand zum Himmel – »eines der Kriegsschiffe, das unser System gelegentlich, aber regelmäßig aufsucht, hat von diesem Angriff erfahren und sich genähert.«
Das Pfeifen der Steigdüsen ging in beachtlichen Donner über, und die drei Thranx sahen zu, wie die beiden Fahrzeuge sich ihren Weg durch die frischen Asfi-Pflanzen bahnten, immer schneller wurden, abhoben und allmählich dem östlichen Himmel entgegenstiegen. Von Flugzeugen aus dem fernen Ciccikalk war immer noch nichts zu sehen.
Ob tatsächlich ein Thranx-Kriegsschiff im Orbit eingetroffen und die Flucht ausgelöst hatte, würden sie erst viel später erfahren. Das Echo der Düsen verhallte. Jetzt war da nichts mehr, das darauf hindeutete, dass irgend etwas Außergewöhnliches geschehen war. Nichts außer den schwarzen Rauchwolken, der zermalmten Vegetation auf den Feldern und dem schwachen, widerlichen Geruch von etwas Brennendem.
Paszex war nicht völlig zerstört worden. Einer der natürlichen Vorteile des Lebens unter der Erde liegt darin, dass die meisten Etagen, mit Ausnahme der allerobersten, praktisch undurchdringlich sind, wenn man nicht ganz schwere Waffen einsetzt. Und die Thranx hatten von ihren primitivsten Anfängen an stets unter der Erdoberfläche gelebt.
Trotzdem war beträchtlicher und empfindlicher Schaden angerichtet worden. Abgesehen von der gleichgültigen Vernichtung sorgfältig gepflegter Plantagen und Felder war die Transportstation der Wabe ruiniert. Viele der Lufteinlässe und Ventilationsschlote waren wie trockenes Stroh abgebrannt. Derartige Vernichtung konnte keinerlei militärische Ziele haben; es schien eher, als wäre das um des Vergnügens willen geschehen.
Auch das Kommunikationszentrum der Wabe und ihr Satelliten-Terminal waren vernichtet worden. Aber das Bedienungspersonal hatte vorher noch eine Nachricht nach Zirenba absetzen können. Von dort war der Hilferuf sofort nach Ciccikalk weitergeleitet worden, und von diesem Ort hatte man auch Hilfe herbeigeholt.
Viele waren tot, und jeder Clan hatte jetzt neue Ahnen, die es zu ehren galt. Aber es gab keine Vorwürfe, keine Tage des Jammerns und Wehklagens. Da die Wasserleitungen unversehrt geblieben waren, hatten die Dienstleister keine Mühe, alle Feuer außer den hartnäckigsten zu löschen. Und weil die Dienstleister auch für so vielfältige Funktionen wie die Bewahrung des Friedens und die Beseitigung des Mülls zuständig waren, waren Wiederaufbau und Reparaturarbeiten von Anfang an gut koordiniert.
Die Familien zählten ihre Verluste. Clanmütter stellten Totenlisten auf, und unterdessen wurde intensiv daran gearbeitet, Paszex wieder in Gang zu setzen. Da die AAnn zu beschäftigt oder zu gleichgültig gewesen waren, die Funksatelliten zu zerstören, die auf Synchronbahn stationär über Willow-wane kreisten, konnte der Kontakt mit dem Rest des Planeten einfach dadurch wiederhergestellt werden, dass man über der Stadt tragbare Kommunikationsscheiben aufsteigen ließ.
Ryo interessierten derartige Einzelheiten wenig, während er durch die raucherfüllten Korridore rannte, um Fal zu suchen.
Sie hatte im Pflegehort gearbeitet. Wenn er das gewusst hätte, hätte er sich keine solchen Sorgen um sie gemacht. Aber er wusste nicht, ob sie beim Angriff der AAnn auch an ihrer Arbeitsstelle gewesen war. Ebenso gut hätte sie irgendwo anders in der Wabe sein können. Als er erfuhr, dass sie in Sicherheit und unverletzt war, erleichterte ihn das beträchtlich.
Als die ersten Explosionen zu hören gewesen waren, denen sich gleich darauf die Alarme anschlossen, hatte sie dabei mitgeholfen, die Larven in die Schutzräume des Horts unter der fünften und damit untersten Etage der Wabe zu verlegen. Dort hatten sie und die anderen Pfleger die Kämpfe in vergleichsweiser Sicherheit abgewartet.
Die Schutzräume verfügten über ihre eigene Luftversorgung und Waffen und hätten drei Jahreszeiten lang aushalten können, ohne dass die Invasoren ihre Existenz überhaupt hätten bemerken müssen. Derartige Sicherheitsvorkehrungen für die Jungen rührten noch aus der primitiven Vergangenheit der Thranx. Selbst nachdem sie intelligent geworden waren und sich eine Zivilisation aufgebaut hatten, hatten die Thranx nie vergessen, dass der Schutz der Jungen die wichtigste Voraussetzung für das Überleben eines Volkes ist.
Nach einiger Zeit erfuhr die Stadt, dass das rechtzeitige Eintreffen eines Thranx-Kriegsschiffes tatsächlich den hastigen AAnn-Rückzug bewirkt hatte. Das hinderte freilich Ryo, Bor und Aen nicht daran, allgemein als Helden betrachtet zu werden.
Sie hatten den Tod von wenigstens drei der Banditen herbeigeführt – der lokale Rat konnte sich nicht dazu entschließen, die AAnn dadurch aufzuwerten, dass er sie als Invasoren bezeichnete – und eines der beiden AAnn-Shuttles war von dem Thranx-Kriegsschiff vernichtet worden, ehe es von seinem Mutterschiff aufgenommen werden konnte. Der Thranx-Kapitän hatte den vernichtenden Schuss einem jungen, ungenügend überwachten Artillerie-Offizier zugeschrieben, der anschließend ›einen Tadel erhalten hatte‹. Was Zwischenfälle anging, gab es daher so etwas wie einen Ausgleich. Dennoch waren einige davon überzeugt, dass der Erfolg in Wirklichkeit Ryos entschlossenem Einsatz seines Stechkarabiners zuzuschreiben war. Aber es gab jetzt natürlich keinerlei Möglichkeiten mehr, das zu beweisen, und so lehnten Ryo und seine Gefährten es auch ab, sich dafür feiern zu lassen.
Was den Wabenrat nicht davon abhielt, eine Belobigung für sie zu beschließen. Es ging sogar die Rede von irgendeiner Präsentation in der Hauptstadt. Dazu kam es zwar nie, aber Ryo erfuhr einige Wochen später, dass die dankbare Kolonialregierung ihn für den karminroten Stern nominiert hatte und dass das entsprechende Büro auf Hivehom in Daret die Verleihung gebilligt hätte. Der Stern sollte hinter seiner linken Schulter in seinen Chiton implantiert werden.
Einige militärische und zivile Helden mit großen Leistungen konnten sich rühmen, zwanzig oder dreißig solche Sterne zu tragen, die sie sich im Verlaufe ihrer langen, verdienstvollen Tätigkeit erworben hatten. Einige trugen sogar die begehrte gelbe Sonne. Aber Tausende von Thranx, denen ihre Leistungen hohen Respekt eingetragen hatten, hatten nie auch nur eine einzige solche Ehrung empfangen. Für Ryos Clan war der Orden ein beträchtlicher Coup, wenn auch er ihm nur geringe Bedeutung beimaß. Jeder hätte das gleiche wie er getan, wenn man ihn in die gleiche Lage versetzt hätte. Dennoch, so argumentierte man, war eben er es gewesen, der es getan hatte.
Im Verlauf der folgenden Wochen wurde Nachschub von Zirenba eingeflogen, und Jupiq und Paszex’ andere Schwesterstädte trugen bei, was sie konnten. Als erstes trafen reichliche Arznei- und Lebensmittelvorräte ein, dann aus Ciccikalk Techniker, Baumaterial und komplizierte Ersatzteile.
Die verwüsteten Felder wurden bald für die Neubepflanzung vorbereitet, neue Ventilations- und Abluftschlote wurden gebaut und in Betrieb genommen.