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Im Black Box-Nebel beobachtet ein vulkanisches Forschungsteam den Entstehungsprozess dreier Protosterne. Durch die starke Ybakra-Strahlung treten irreparable Nervenschädigungen bei den in Kältetruhen schlafenden Teammitgliedern auf. Der Hilferuf des Vulkaniers Grake erreicht die Enterprise erst nach zehn Jahren.

 

Auf dem Forschungsasteroiden im Black Box-Nebel muss Captain Kirk dann feststellen, dass sich das Bewusstsein der seit zehn Jahren dort arbeitenden Vulkanier dramatisch verändert hat. Ihr Wille wird von einer fremden Macht gelähmt, die die Forscher zur Durchsetzung ihrer eigenen Ziele missbraucht. Die Vulkanier nennen diese Macht Corona. Sie stammt aus der Anfangszeit des Universums und hat nur einen Wunsch: die chaotischen Energieverhältnisse aus der Periode kurz nach dem Urknall wiederherzustellen.

 

Als auch noch Spock und eine junge Reporterin, die an Bord der Enterprise an der Mission teilnimmt, unter den Einfluss Coronas geraten und das Raum-Zeit-Kontinuum sich zu verändern beginnt, übernimmt das neue elektronische Überwachungssystem für Notfälle die Enterprise. Ohnmächtig muss Captain Kirk mit ansehen, wie sein Schiff einen eigenen Willen entwickelt und sich selbständig macht.

 

Über das Buch

Widmung

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

 

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GREG BEAR

 

 

 

CORONA

 

Star Trek

Classic

 

 

 

 

WILHELM HEYNE VERLAG

MÜNCHEN

 

 

 

 

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www.diezukunft.de

 

 

 

Für den Saloon

Prolog

 

Von Horizont zu Horizont spannte sich ein Himmel, der in einem dunklen purpurnen Ton glühte. Hier und dort zeigten sich faserige Streifen aus milchigem Weiß und leuchtendem Grün. T'Prylla spürte das Knirschen äonenalter Steine unter ihren Stiefeln – das einzige Geräusch, abgesehen von dem leisen Zischen ihres Atmens und dem verhaltenen Summen der in den Raumanzug integrierten Mechanismen. Sie hatte die Station verlassen, um eine Zeitlang allein zu sein, um den Aufgang der neuen und kaum ein Jahr alten Sonnen zu beobachten.

Station Eins war auf einem Asteroiden am Rande des Black Box-Nebels errichtet worden. Die Mannschaft bestand aus T'Prylla, ihrem Mann Grake, ihren beiden Kindern und zwei Forschungsassistenten namens Anauk und T'Kosa. Eigentlich hätte man noch dreißig weitere Personen zur Besatzung zählen müssen, aber jene Freiwilligen ruhten in den Kältezellen der Hibernation, was eine übermäßige Belastung der begrenzten Basis-Ressourcen verhinderte. Es handelte sich um Spezialisten, deren Fachgebiete von Astrophysik bis zu Raummedizin reichten. T'Prylla war auf Vulkan einst eine sehr angesehene Physikerin gewesen, trotz ihres recht jungen Alters von erst sechzig Jahren. Dann aber hatte sie sich mit der Vulkanischen Akademie der Wissenschaften überworfen, indem sie unorthodoxe Methoden der logischen Analyse verwendete – was ihr einen Häresie-Vorwurf einbrachte –, und sie entschied sich für diese Art von Exil, um eine Konfrontation mit noch ernsteren Folgen zu vermeiden.

Vermutlich würde man ihr die Schuld für alles geben, was geschehen war. T'Prylla dachte an die wichtigen Entdeckungen, die sie gemacht hatte – leider nicht rechtzeitig genug, um die Hibernanten zu retten, die bereits so gut wie tot waren. Sie wusste jetzt mehr über die Ybakra-Strahlung als irgendein anderer Gelehrter, doch ihr schwindelte, als sie versuchte, die Konsequenzen abzuschätzen. Und dann die vielen anderen Erkenntnisse, die sie wahrscheinlich niemals der Außenwelt mitteilen konnte …

Vor achtundvierzig Stunden hatte Grake eine Normalraum-Botschaft gesendet, die von ihnen beiden gemeinsam vorbereitet worden war. Sie hoffte, dass ihre Kinder nichts davon ahnten. Mit jedem Tag wurden sie stärker und eigensinniger, geleitet von einer Kraft, die weder T'Prylla noch ihr Mann Grake verstanden. Die Macht, die die beiden Kinder sowohl über ihre Eltern als auch die Station hatten, musste zumindest als beunruhigend bezeichnet werden. Menschen wären sicher bereits der Panik nahe gewesen.

Jetzt blieb ihnen nichts anderes übrig, als einfach abzuwarten. In zehn Jahren mochte die Nachricht eine Föderationsboje weit jenseits des Einflussbereiches der Nebelstrahlung erreichen. Die Relaisboje würde die Worte Grakes und den wissenschaftlichen Bericht wesentlich schneller weiterleiten, per Subraum-Kommunikation. Und einige Tage später …

T'Prylla schüttelte den Kopf, wollte sich keinen trügerischen Hoffnungen hingeben. Sie dachte kurz an ihren fernen Verwandten Spock, der als Wissenschaftsoffizier an Bord eines Raumschiffes der Föderation arbeitete. Was hätte Spock an ihrer Stelle unternommen? Mit ziemlicher Sicherheit würde sich keine Gelegenheit mehr für sie ergeben, ihn besser kennenzulernen. Zwar floss auch menschliches Blut in den Adern Spocks, doch er war immer als Beispiel dafür angeführt worden, wie weit es ein Vulkanier bringen konnte.

Das Glühen am Horizont wurde heller. Der Asteroid drehte sich der Quelle ihres neuen Wissens entgegen, der Ursache ihrer Probleme – den jungen Sternen.

Nacheinander kletterten sie am Firmament empor, große und abgeflachte Gebilde in rötlichem Glanz, unregelmäßig geformte Lichtflecken. Es handelte sich um eine Dreier-Gruppe, um Plasma-Kondensationen aus Staub und Gas. Die Gravitationskräfte hatten sie in einen Orbit um ein gemeinsames Schwerkraftzentrum gezwungen. Ihre Masse verdichtete sich, bis die Temperatur in ihrem Innern so hoch wurde, dass es zu einer nuklearen Reaktion kam, zur Fusion von Wasserstoffatomen, in der Helium entstand.

Die letzte Phase der stellaren Geburt – die Verwandlung dichter Staub- und Gasmassen in echte Protosterne – dauerte nur einen Monat. Und das überraschte die Wissenschaftler. Normalerweise erforderte ein solcher Vorgang wesentlich mehr Zeit. Die Entdeckung großer Masse-Anomalien, deren Einfluss bis in den Subraum reichte, erfolgte zu spät, und man rechnete auch nicht mit einer derart intensiven Ybakra-Strahlung. Die daraus resultierenden Interferenzen verhinderten die Subraum-Kommunikation, und daraufhin ließen sich Nachrichten nur noch per Richtstrahl übermitteln, mit gewöhnlichen, lichtschnellen Signalen.

»Mutter.«

T'Prylla drehte sich so rasch um, wie sie es aufgrund des Raumanzuges und der niedrigen Gravitation vermochte. Sie sah ihren Sohn Radak. Er war erst fünf Jahre alt, sogar noch zu jung für das erste vulkanische Reiferitual, das Ka nifoor. In seinen Zügen kam ruhige Zufriedenheit zum Ausdruck.

»Mutter, wir wissen, was Vater getan hat.«

Mit einem knappen Wink forderte er sie auf, ihm zu folgen, und sie kehrten zur Station Eins zurück. T'Prylla wusste, dass es bei der einen Nachricht bleiben würde.

Und auf die Antwort mussten sie mindestens zehn Jahre lang warten.

Kapitel 1

 

Rowena Mason stand reglos am Fenster der Transportkapsel. Sie hatte ihr ganzes Leben auf Yalbo verbracht, einem kleinen Planeten, der sich nun wie eine orangefarbene Murmel unter ihr drehte. Jene Welt war in erster Linie für ihre Raumdocks und die Bergbaukolonien bekannt; kaum jemand dachte an ihre natürliche Schönheit. Doch als Mason jetzt auf die marmorierte Planetenkugel hinabblickte, glaubte sie, niemals etwas Prächtigeres gesehen zu haben. Gelber Wolkendunst zog über das loh- und rosafarbene Erling-Massiv hinweg und ließ bernsteinfarbene Schatten in den Schluchten und Tälern entstehen, in denen ihre Familie seit drei Generationen lebte und arbeitete. Rowena Mason hatte noch nie eine Reise in die Außenwelt unternommen, und selbst Holobilder konnten es nicht mit der Art von Realität aufnehmen, die sich nun ihren Blicken darbot.

Die Transportkapsel näherte sich einem großen Raumdock, einem gewaltigen, spinnenwebartigen und fragil wirkenden Gerüst aus zylindrischen Streben und stählernen Querträgern. Einige der langen Scheinwerferbatterien waren bereits ausgeschaltet, und die Wartungstechniker verließen die U.S.S. Enterprise. Nach Erhalt der Auftragsunterlagen hatte sich Rowena Mason gründlich über die Enterprise informiert. Es handelte sich bei ihr um das erste große Raumschiff, das mit einem Warp-Antrieb ausgestattet worden war, und ihre Mission bestand darin, unbekannte Sonnensysteme zu erforschen. Auf den Planeten der Föderation – und selbst bei den Klingonen und Romulanern – gab es kaum jemanden, der nicht schon einmal ihren Namen gehört hatte.

Das Achterdeck der Enterprise schien der einzige ruhige Ort an Bord des Schiffes zu sein. Die Offiziere und anderen Besatzungsmitglieder waren bereits eingetroffen, und während die Startvorbereitungen liefen, landeten im Hangar weitere Shuttles mit Ausrüstungsgütern. Rowena Mason verließ die Transportkapsel, schritt durch einen langen Korridor und wusste nicht genau zu bestimmen, an welcher Stelle sie die Enterprise betrat.

Ein junger Offizier vom Raumdock begrüßte sie, ein schmalgesichtiger Junior-Lieutenant. Mason atmete erleichtert auf, als sie sah, dass sie es mit einem Menschen zu tun hatte. Bei Starfleet neigte man dazu, bei der Zusammenstellung von Raumschiffbesatzungen krasse physiologische Unterschiede zu vermeiden. Die Mannschaften wurden zu einzelnen, relativ homogenen Gruppen zusammengefasst, und im Falle der Enterprise lautete die entsprechende Klassifizierung: humanoide Sauerstoffatmer. Für nicht-humanoide Spezies gab es andere Schiffe, die gemäß ihren körperlichen Bedürfnissen gestaltet waren. Aus diesem Grund brauchte Mason nicht damit zu rechnen, zum Beispiel einer Meduse zu begegnen – als Kind hatte sie Albträume von solchen Wesen gehabt –, aber es war durchaus möglich, dass sie an Bord der Enterprise auf Vulkanier oder Andorianer traf. Bei dieser Vorstellung empfand sie ein diffuses Unbehagen.

Sie holte ihre Beglaubigungskarte hervor, und der Offizier lächelte höflich und schob sie in den Prüfscanner seines Pultes. »Habe ich die Erlaubnis, das Schiff betreten zu dürfen?«, fragte Rowena Mason, die nicht genau wusste, welche Verhaltensweise man von ihr erwartete.

»Erlaubnis erteilt, Mister Mason. Willkommen an Bord der Enterprise

Auch daran musste sie sich noch gewöhnen: Indem man sie mit ›Mister‹ ansprach, brachte man ihr einen Respekt entgegen, der für gewöhnlich auf weibliche und männliche Offiziere beschränkt war.

»Danke. Ich möchte meine Ankunft so rasch wie möglich dem Nachrichtendienst der Föderation mitteilen. Und noch etwas: Kann ich mit dem Quartiermeister sprechen?«

»Mit dem Quartiermeister? Oh, ich verstehe: Sie haben einen militärischen Ausdruck verwendet. Es tut mir leid. An Bord dieses Schiffes gibt es keinen Quartiermeister. Alle Unterkünfte werden vom Bordcomputer zugewiesen. Nun, Ihre Eskorte dürfte in einigen Minuten eintreffen. Sie sind ein wenig spät dran.«

»Ich weiß«, erwiderte Rowena. Noch vor sechs Stunden hatte sie an ihrer Abhandlung gearbeitet, bei der es um die im zweiundzwanzigsten Jahrhundert erzielte Fortschritte im Hinblick auf die quantenmechanische Elektrodynamik ging. Das war das Hauptfach ihres Studiums an der kleinen Universität für Geisteswissenschaften auf Yalbo. Trotz der Tätigkeit für den NDF gelang es ihr, ihrem akademischen Ehrgeiz ausreichend Zeit zu widmen. Rowenas Eltern hielten nicht viel von ihrem Studium; sie hätten es vorgezogen, dass sie dem Beispiel ihres Vaters folgte und als Filialleiterin in die Dienste der Unionsgesellschaft Seltene Erden trat. Aufgrund der Entscheidung Rowenas, das Studium fortzusetzen, strich ihre Familie alle finanziellen Zuwendungen. Sie begann damit, als freiberufliche Autorin Artikel für den Nachrichtendienst der Föderation zu verfassen, um nicht auf den verhassten Studentenzuschuss angewiesen zu sein. Nach und nach arbeitete sie sich hoch, und schließlich wies man ihr einen der beiden Redakteursposten im NDF-Büro Yalbos zu. Den anderen bekleidete ihr Chef, ein bärbeißiger Westentaschen-Philosoph namens Evanric, der meinte, die Weisheit für sich gepachtet zu haben.

Um die Einnahmen aus dem Bergbau zu verbessern – und die chronisch unterbeschäftigten Schürfer und Prospektoren nicht entlassen zu müssen –, fungierte die Kolonie Yalbo als Wartungs- und Nachschubbasis für die Föderation. Es erregte ziemliches Aufsehen, als die Enterprise die Order erhielt, an die Wartungsstation im Orbit Yalbos anzulegen. Es ging dabei um eine neue Installation an Bord. Rowena Mason hatte sich aus der planetarischen Perspektive mit allen Aspekten dieser Angelegenheit befasst. Als der NDF Evanric darum bat, seine Mitarbeiterin für einen Auftrag in der Außenwelt freizugeben, hätte Mason natürlich ablehnen können. Andererseits aber begrüßte sie die Möglichkeit, ihren Erfahrungshorizont zu erweitern, und immerhin war sie Reporterin. Von solchen Leuten erwartete man, dass sie im Zentrum des allgemeinen Geschehens standen. Das Schreiben von theoretischen Aufsätzen für irgendeine Provinzuniversität gehörte nicht zu den Aufgabenbereichen einer ambitionierten Berichterstatterin. Wenn der NDF ihre bisher eher trivialen Artikel für gut genug hielt, um ein derartiges Anliegen an sie heranzutragen, so handelte es sich dabei um eine Chance, die es zu nutzen galt. Außerdem war sie, abgesehen von Evanric, die einzige abkömmliche Reporterin, und ihr Chef bezeichnete sich selbst als zu alt und zu träge.

»Zu Anfang könnte es ein ziemliches Durcheinander geben, Mister Mason«, sagte der Decksoffizier. »Die Enterprise befindet sich seit zwanzig Tagen im Dock, und während dieser Zeit kam es zu umfangreichen Wartungs- und Instandsetzungsarbeiten. Darüber hinaus wurden neue Gerätschaften installiert.«

»Deshalb bin ich hier«, meinte Rowena Mason.

»Um uns auf die Finger zu sehen, während es drunter und drüber geht?«

Aha, dachte sie. Wie immer befürchtet das Militär die Einmischung der Presse. »Nein. Um über die neuen Monitore zu berichten, über das Verhalten der Besatzung. Um festzustellen, wie die Enterprise reagiert.« Sie lächelte.

Der Junior-Lieutenant erwiderte das Lächeln. Was für eine Disziplin, dachte Mason sarkastisch. Er offenbarte nicht das geringste männliche Interesse an dem neuen weiblichen Besatzungsmitglied. Korrekt und in jeder Beziehung höflich – bis auf die eine Frage, die ihre Absichten betraf.

»Mister Mason?«, erklang die Stimme einer Frau.

Angesichts der ungewohnten Anrede brauchte sie einige Sekundenbruchteile, um zu begreifen, dass sie gemeint war. Sie fragte sich, ob sie ständig annehmen würde, jemand wende sich an ihren Vater. Als sie sich umdrehte, fiel ihr Blick auf eine verblüffend hübsche Frau, die eine rote Borduniform trug und in der Kabine des Achterdecklifts stand. »Ich bin Lieutenant Uhura«, sagte sie, trat vor und streckte die Hand aus. »Kommunikationsoffizier. Da wir dann und wann zusammenarbeiten, hielt es Starfleet für angebracht, dass wir eine Unterkunft miteinander teilen.«

Mason zwinkerte. Kein Wunder, dass der Decksoffizier kein Interesse an ihr gezeigt hatte. Zeichneten sich alle in Diensten Starfleets stehende Frauen durch eine so deprimierende, exotische Schönheit aus?

»Lieutenant Uhura ist Ihre Eskorte, Mister Mason«, erklärte der junge Offizier.

»Ja, ich verstehe, vielen Dank.« Sie schüttelte Uhura die Hand und folgte ihr in den Lift. »Mein Gepäck …«

»Wird gleich im Hangar eintreffen«, sagte der Decksoffizier. »Machen Sie sich keine Sorgen: Wir kümmern uns um alles.«

»Hoffentlich«, sagte Rowena Mason leise. »In den Koffern befinden sich auch zwei tragbare NDF-Recorder, und wenn die beschädigt werden … Ich würde vier Jahre brauchen, um sie zu bezahlen.«

Als sich die Lifttür schloss, musterte Uhura die Reporterin kurz. Das Lächeln der dunkelhaarigen Frau wirkte offener als das des jungen Offiziers. »Wollen Sie einen Bericht über die neuen Monitore der Enterprise schreiben?«

»Ja. Aber ich interessiere mich auch für die neuen medizinischen Geräte.«

»Sieht ganz danach aus, als stünde uns wieder eine heiße Sache bevor. Vermutlich kommen wir überhaupt nicht zur Ruhe. Wissen Sie, Starfleet macht uns ganz schön Dampf. Selbst wenn es nur darum geht, irgendwelche neuen Dinge zu erproben – Abwechslung gibt es meistens genug. Und das wird vermutlich auch diesmal der Fall sein.«

»Ich weiß nicht, ob ich auf ein richtiges Abenteuer vorbereitet bin«, gestand Rowena ein. Sie freute sich auf den Aufenthalt an Bord, darauf, alles zu beobachten und anschließend einen guten Artikel zu schreiben. Doch andererseits: Die Erfahrungen mit den Bergleuten auf Yalbo hatten sie gelehrt, dass ›Abenteuer‹ nichts anderes war als eine beschönigende Umschreibung für ernste Verletzungen und sogar Tod. »Wird man mich in irgendeiner Außenstation oder in einer Starbase absetzen, wenn es zu einem Notfall kommt?«

»Von wegen! Bestimmt ist dem Captain daran gelegen, dass Sie alles miterleben, vom Anfang bis zum Ende. Wenn Starfleet Monitore will und der Föderation an einer Unterstützung durch die Presse gelegen ist, so wird er dafür sorgen, dass in dieser Hinsicht nichts schiefgeht. Auf Biegen und Brechen. Warten Sie's nur ab. Allein über Captain Kirk könnten Sie ein ganzes Buch schreiben.«

»Sie bewundern ihn wohl, was?«

»Ob ich ihn bewundere? Meine Güte, er ist der Captain. Wahrscheinlich gibt es niemanden an Bord, der nicht bereit wäre, ihm sogar in den Gravitationsschlund eines Schwarzen Lochs zu folgen.«

»Und was hält er von Journalisten?«

»Keine Ahnung. Ich jedenfalls freue mich, Sie an Bord begrüßen zu können. Meine Wohnflächenquote ist ebenso erhöht worden wie die Lebensmittelzuteilung, damit ich Ihnen gegenüber als Gastgeberin auftreten kann – solange ich dadurch meine Pflichten nicht vernachlässige. Außerdem befindet sich meine Unterkunft in der Offizierssektion, und das bedeutet Bequemlichkeit und Platz genug für zwei Personen, sogar eine gewisse Privatsphäre.«

»Hört sich an, als sprächen Sie von einer Luxuskabine an Bord eines Passagier-Liners.«

Uhura schüttelte den Kopf. »Wie ich eben schon sagte, Mister Mason …«

»Nennen Sie mich Rowena.«

»Nun gut: Rowena. Wie ich eben schon sagte: Ich glaube kaum, dass uns Zeit genug bleiben wird, irgendwelchen Luxus zu genießen.«

»Quartiersabteilung für Junior-Offiziere«, formulierte die Sprachprozessor-Stimme des Lifts. Die beiden Türsegmente glitten mit einem leisen Zischen auseinander, und Rowena Mason sah einen langen Korridor mit grauweißen Wänden. Die hier und dort darin eingelassenen Schotten wiesen rote Konturen auf.

»Willkommen zu Hause, Teuerste«, sagte Uhura und führte ihre Begleiterin durch den Gang.

Kapitel 2

 

»Jim, ich schwöre dir: Wenn es meine Absicht gewesen wäre, Rechtsanwalt zu werden, hätte ich an der Tharsis-Universität studiert und mich später in die Starfleet-Abteilung für Innere Angelegenheiten versetzen lassen.« Dr. Leonard McCoy verzog das Gesicht und schüttelte den Kopf. »Zehntausend neue Regeln und Vorschriften.«

»Es ist doch nur eine Überwachungseinrichtung, Pille.«

»In mir verstärkt sich das Gefühl, gar nicht mehr am richtigen Platz zu sein. Zuerst werden meine Instrumente verändert, und dann heißt es, ein Computer könne wesentlich besser operieren als ein menschlicher Chirurg. Bin ich etwa Elektriker oder Programmierer? Und jetzt behauptet man, die Krankenabteilung eines Raumschiffes habe ›das Potenzial, soziale Unruhen heraufzubeschwören‹.« Die letzten Worte sprach er ganz langsam aus und versah sie mit einer besonderen Betonung. Seine Augen traten ihm ein wenig aus den Höhlen, als er Captain James T. Kirk ansah und auf dessen Antwort wartete.

Kirks nachsichtiges Grinsen war fast ebenso übertrieben wie der Verdruss des Bordarztes. »Dahinter steckt die gleiche Politik wie bei den Föderationsmonitoren: Man will verhindern, dass du zu einem Gott wirst, Pille.«

McCoy atmete mit einem scharfen Zischen aus und machte damit deutlich, dass er kein Verständnis für den Humor seines Freundes hatte.

Kirk schritt an den neuen Instrumentenkonsolen der umgebauten Krankenabteilung entlang. Starfleet hatte die Geräteeinheit der Transporterunfall-Rekonvaleszenz schon einige Monate vor der Rückkehr der Enterprise vor ihrer letzten Mission nach Yalbo bringen lassen – zusammen mit den neuen Monitoren, die sowohl für die Brücke als auch die Krankenstation bestimmt waren. »Wenn ich mir dauernd von einem neuen Überwachungssystem auf die Finger sehen lassen muss, warum sollte es dir dann anders ergehen?« Kirk blieb stehen, drehte sich zu McCoy um und deutete auf einen zwei Meter langen Zylinder, der mit einer klaren, grünen Flüssigkeit gefüllt war. »Wenn es dich tröstet: Mir ist das alles ebenfalls ein bisschen zuviel. Dieses Ding hier …« Er schüttelte den Kopf. »Früher hätte man in dem TUREK ein regelrechtes Wunder gesehen. Jetzt aber … Wenn es zu einem Transporterunfall kommt, dann braucht man nur …« Er brach kurz ab und sah den Bordarzt an. »Eigentlich eine tolle Sache! Man speist die letzte Memorialstruktur in die Maschine ein und kann auf diese Weise ein entsprechendes Duplikat herstellen. Das bedeutet: Es wird nicht mehr zu Todesfällen durch fehlerhaft funktionierende Transporter kommen, Pille.«

»Der Apparat könnte zu einem Albtraum werden.«

»Ja, das wäre durchaus möglich. Ein verrückter Arzt, der in den memorialen Speicherbänken herumstöbert, die von unterschiedlichen Passagieren stammenden Aufzeichnungen vereint und sie in die Turek-Einheit gibt, um völlig neue Menschen entstehen zu lassen – eine grässliche Vorstellung. Aber gerade deshalb gibt es die medizinischen Monitore und die neuen Vorschriften.«

Kirk wusste natürlich, dass McCoy nur Dampf ablassen wollte. Seine Abscheu gegenüber technischen Innovationen und neuen Behandlungsmethoden, die dazu dienten, Leben zu bewahren und sowohl physische als auch psychische Deformationen zu verhindern – das war alles nur eine Maske, hinter der er daranging, seine bisherigen Erfahrungen als Arzt neu zu ordnen und dem veränderten Instrumentarium anzupassen. Kirk nahm das theatralische Gebaren hin und nutzte es zu einem freundschaftlichen Spott. »Tja, Pille, ohne das neue Reglement kämst du vielleicht auf den Gedanken, dir deine eigene Krankenschwester zu schaffen. Sie wäre …«

»Du Sexist«, brummte McCoy.

Kirk ließ sich davon nicht beirren. »Sie wäre knapp eins siebzig groß, von vollendeter Gestalt, klug und so zahm wie ein Kitzvogel von Tau Ceti Vier. Und sicher würdest du sie auf der Stelle heiraten, wodurch Starfleet einen der besten Schiffsärzte verlöre.«

McCoy schien nicht so recht zu wissen, wie er darauf reagieren sollte. Erst lächelte er zaghaft, und dann verfärbten sich seine Wangen, so als stünde er kurz vor einem Schlaganfall. Schließlich machte er Anstalten, einen längeren Vortrag über die Moral und Ethik eines Mediziners zu beginnen. Kirk atmete erleichtert auf, als das Interkom summte. Er betätigte die Taste und meldete sich. »Achterdeck an Captain Kirk. Hier spricht Wellman, Captain. Mister Mason ist an Bord, und ihr Gepäck wurde bereits verstaut.«

»Warum erstattet man dir deshalb extra Bericht?«, fragte McCoy verwundert.

»Danke, Mister Wellman«, antwortete Kirk dem diensthabenden Offizier. »Machen Sie das Achterdeck dicht und nehmen Sie ihren üblichen Dienst wieder auf.« Er schaltete das kleine Gerät aus, und als er sich umdrehte, schnitt er eine kurze Grimasse. »Wir haben eine Reporterin an Bord der Enterprise, Pille. Von jetzt an werden wir auf Schritt und Tritt beobachtet und belauscht. Hüte deine Zunge.«

»Ich bin in jeder Hinsicht ein Kavalier«, versicherte McCoy.

»Sie ist hier, um festzustellen, wie wir auf die Monitoren reagieren, und soweit ich weiß, möchte sie auch einen Artikel über die neue Ausstattung der Krankenstation schreiben.«

»Ich habe nichts zu verbergen«, sagte der Bordarzt und vollführte eine großmütige Geste. »Abgesehen von meinen Zweifeln.«

Kirk betätigte die Interkom-Taste. »Das Quartier Lieutenant Uhuras«, wies er den Computer an. »Folgende Nachricht soll dort hinterlegt werden: Ich bitte Mister Mason – nein, Miss Mason –, mir beim heutigen Abendessen in der Offiziersmesse am Tisch des Captains Gesellschaft zu leisten. Darüber hinaus entrichte ich ihr meine besten Grüße.«

»Ich wusste gar nicht, dass du so galant sein kannst, Jim«, sagte McCoy, und ein angedeutetes Lächeln umspielte seine Lippen.

Kapitel 3

 

Die Mannschaftsunterkünfte an Bord der Enterprise waren zwar sauber und komfortabel, zeigten jedoch unübersehbare Abnutzungserscheinungen. Die zurückliegenden Instandsetzungsarbeiten hatten sich auf Modernisierungen beschränkt; niemand fand Zeit, sich um das Dekor zu kümmern.

Lieutenant Uhuras Unterkunft stellte in dieser Hinsicht eine erfreuliche Ausnahme dar. Die geschmackvolle Ausstattung bestand unter anderem aus farbig gemusterten Wandbehängen, einigen bequemen Kissensesseln, die nicht aus den Mobiliarlagern Starfleets stammten, und einem Sitz, dessen Gestaltung sicherstellte, dass die extrem empfindliche Haut eines Deltaners nicht übermäßig gereizt wurde. Für einen Menschen war es das reinste Vergnügen, darauf Platz zu nehmen. Hier und dort standen Skulpturen, deren Größe von wenigen Zentimetern bis zu einem Meter reichte. Jene Gegenstände verrieten die Sammlerleidenschaft Uhuras, bei der es vor allen Dingen um surrealistische und totemistische Ebenholzarbeiten aus dem modernen Afrika ging.

Rowena machte es sich bei Uhura bequem und befasste sich mit den Schiffsdiagrammen auf dem Videoschirm der Kabine. Als sie die Einladung des Captains zum Abendessen erhielt, blieb ihr gerade noch Zeit genug, sich frisch zu machen.

Die hygienischen Einrichtungen der Enterprise begeisterten sie geradezu: Sie mochten etwa zehn Jahre moderner sein als die üblichen Bäder auf Yalbo. Rowena fragte sich, ob es ihr problemlos gelingen würde, sich nach ihrer Rückkehr wieder an die auf ihrer Heimatwelt herrschenden Verhältnisse zu gewöhnen. Vielleicht – und sie lächelte, als sie sich dieser Wunschvorstellung hingab – stellte der Aufenthalt an Bord dieses Raumschiffes ihre große Chance dar. Vielleicht eröffnete sich ihr dadurch eine bessere Zukunft.

Sie erreichte die Messe und setzte sich ans Ende eines Tisches, der insgesamt sechs Personen Platz bot. Ihr Name leuchtete in geisterhaft grünen Lettern neben dem Besteck aus rostfreiem Stahl und einem leicht welligen Plastikteller. Eigentlich war es gar nicht ihre Art, zu früh zu sein, doch sie hatte die Zeit überschätzt, die sie brauchte, um zu dem großen Saal zu gelangen. Die Beförderungskapsel des Aufzugs – man nannte ihn auch ›Turbolift‹, wie sie sich erinnerte –, bewegte sich mit enormer Geschwindigkeit.

Einige Minuten später kamen die ersten Offiziere. Aufgrund der Bilder, die Uhura ihr gezeigt hatte, erkannte sie Chefingenieur Scott, Steuermann Sulu, den wissenschaftlichen und Ersten Offizier Spock und auch den Computerspezialisten Veblen, der sich um die neu installierten Monitoren kümmerte. An einem anderen Tisch saß ein andorranischer Offizier, ein Navigationsexperte wie viele seiner Artgenossen. Als Mason Spock und den Andorianer sah, versteifte sie sich unwillkürlich. Auf Yalbo gab es keine Extraterrestrier, nur Menschen. Es existierten dort keine einheimischen Lebensformen, und Touristen machten einen weiten Bogen um jene Provinzwelt. Rowena erinnerte sich, dass ihre Eltern ihr Geschichten von Aliens erzählt hatten, die gefährliche Krankheiten einschleppten, die absonderliche und ketzerische Philosophien predigten … Während der Schulzeit hatte sie sich allmählich von solchen Vorstellungen befreien können, doch der verbliebene Rest reichte aus, um Unbehagen in ihr zu wecken.

Zunächst einmal faszinierten sie die spitzen Ohren Spocks, seine strenge Stattlichkeit. Seine Hautfarbe – eine Mischung aus hellem Braun und Lindgrün – empfand sie zwar als verwirrend, doch nicht unbedingt als ungewöhnlich. Sie hatte bereits Menschen von anderen Sonnensystemen gesehen, die ähnlich aussahen. Aber von diesem Eindruck ließ sie sich nicht täuschen. Spock war zur einen Hälfte Mensch und zur anderen Vulkanier. Er setzte sich an den gleichen Tisch, weiter rechts, auf den Stuhl neben Kirk, ihr direkt gegenüber. Während Rowena ihn musterte, nahm Scott links von ihr Platz. Zur Rechten Spocks saß ein untersetzter und jungenhaft wirkender Lieutenant, der sich als Jan Veblen vorstellte.

Kurze Zeit später trat Dr. Leonard McCoy ein. Der Bordarzt wählte den Platz gegenüber Kirk, nickte und bedachte sie mit einem freundlichen Lächeln. »Willkommen an Bord«, sagte er. Mason fand ihn auf Anhieb sympathisch. McCoy erinnerte sie an ihren Vater. Besser gesagt: an den gutmütigen Aspekt ihres Vaters. »Ich hoffe, Sie sind zufrieden mit dem, was Sie hier vorfinden.«

»Ich habe noch nicht sehr viel von der Enterprise gesehen«, erwiderte sie. »Aber es scheint alles in bester Ordnung zu sein.«

»Das Essen hier ist ziemlich gut«, meinte McCoy. »Allerdings sollten Sie darauf verzichten, das zu kosten, wovon sich Mr. Spock ernährt.« Spock bedachte Rowena Mason mit einem kühlen Blick.

»Dr. McCoy weiß sehr wohl, dass ich die Mahlzeiten in meiner Unterkunft einnehme. Ich bin nur wegen der sozialen Aspekte eines gemeinsamen Abendessens mit meinen Offizierskollegen hier.«

»Ja, unser Spock ist ein ausgesprochen geselliger Bursche«, fügte McCoy hinzu. Spock hob die Augenbrauen, gab aber keine Antwort. Einige Minuten später betrat Kirk den Saal, und als er sich dem Tisch näherte, standen alle Anwesenden in der Messe auf. Rowena folgte dem Beispiel der anderen. Kirk trat auf sie zu und streckte die Hand aus. »Im Namen der Offiziere und der Mannschaft möchte ich Sie offiziell an Bord der Enterprise begrüßen.«

»Es ist mir eine Ehre«, erwiderte die Reporterin. Kirk wirkte auf eine etwas grobe Weise attraktiv. Er mochte etwa fünfundvierzig sein und war in guter körperlicher Verfassung, was ihn um rund acht Jahre jünger erscheinen ließ. Er nahm auf dem Stuhl am oberen Ende des Tisches Platz, und daraufhin setzten sich auch die anderen Offiziere. Ein Robosteward rollte mit einem Stapel Tabletts herbei und verteilte sie, wobei er an Kirks Tisch begann. »Heute Abend«, sagte McCoy, »haben wir das Vergnügen, eine köstliche Hühnersuppe probieren zu können. Das ist eine meiner Lieblingsspeisen.«

»Wir bedauern es, dass wir nicht die Zeit erübrigen konnten, Ihrem Planeten einen Besuch abzustatten und uns dort umzusehen«, sagte der Captain nach einer Weile. »Wir standen ziemlich unter Druck. Unsere letzte Mission war sehr schwierig, und deshalb haben wir die freie Zeit dazu genutzt, uns zu entspannen und neue Kräfte zu sammeln.«

»Nun, eigentlich gibt es auf Yalbo auch gar nicht viel zu sehen«, sagte Rowena Mason. Sie hasste den Namen ihres Heimatplaneten. Als Mädchen hatte sie ihn einfach nur Yellow genannt, eine Bezeichnung, die zumindest als Beschreibung genügte. »Jedenfalls nicht für Touristen oder andere Besucher von der Außenwelt.«

»Allerdings haben Sie fähige Ingenieure und ausgezeichnete Dockanlagen«, warf Scott begeistert ein.

»Nun, unser Raumdock ist das einzige im Umkreis von hundert Parsec. Ich schätze, deshalb bekamen Sie die Order, die Wartungsarbeiten im Orbit Yalbos durchführen zu lassen.«

Kirk nickte. »Wie lange sind Sie schon Journalistin?«

»Seit drei Jahren arbeite ich als fest angestellte Redakteurin. Außerdem bin ich dabei, einen Doktortitel an der humanwissenschaftlichen Universität von Yalbo zu erwerben.« Das klingt so entsetzlich provinziell, dachte sie.

»Sind Sie die einzige NDF-Reporterin Yalbos?«, erkundigte sich McCoy.

»Nein, außer mir gibt es noch meinen Chef«, entgegnete sie. »Er heißt Evanric. Er war einmal …« Mason zögerte. »Es ist ein sehr guter Journalist. Früher hat er in den Bergwerken gearbeitet und bediente dort eine B-S-Maschine, äh, eine Apparatur, die bohrt und sprengt. Ich bekomme meine Anweisungen von ihm. Ich meine: Ich bekam sie von ihm, auf Yalbo. Was meine berufliche Laufbahn anbelangt, habe ich ihm viel zu verdanken.«

»Wir planen einen einwöchigen Testflug«, führte Kirk aus und deutete ein Lächeln an. »Aber Mr. Scott hätte es vermutlich lieber, wenn wir einen ganzen Monat lang unterwegs wären.«

»Diesmal müsste eine Woche genügen, Captain«, sagte Scott und schob sich einen Löffel Suppe in den Mund. »Zum Glück haben die Techniker unsere gute alte Enterprise nicht völlig ausgeweidet, um es uns zu überlassen, alle Einzelteile zusammenzusetzen. Sie nahmen nur einige geringfügige Veränderungen vor.«

»Geringfügige Veränderungen?«, entfuhr es McCoy. »Sie müssten sich mal in der Krankenstation umsehen.«

»Ich nehme an, Sie wissen über die neuen Installationen Bescheid?« Kirk sah Rowena an.

»Wenigstens in groben Zügen. Ich bin hier, um auch die Einzelheiten in Erfahrung zu bringen.«

»Dabei könnte Ihnen Mister Veblen behilflich sein«, sagte Spock. Vor ihm auf dem Tisch stand eine Karaffe mit trübem Wasser. Er schenkte sich ein Glas voll und nippte daran.

»Gewiss.« Veblen nickte. Es handelte sich um einen kleinen und dicklichen Mann, dessen blondes Haar kürzer geschnitten war, als es die Vorschriften verlangten. Er hatte eine große Knollennase und elfenartig schräge Augen. Rowena Mason empfand den Blick seiner grünen Pupillen als durchdringend. Im vergangenen Jahr war er der Enterprise als neues Besatzungsmitglied zugewiesen worden, mit dem Auftrag, alles für den Einbau des Monitorsystems vorzubereiten. Er fungierte erst als Spocks Assistent und dann als Computeroffizier. Zwar sah Veblen nicht gerade wie ein typischer Vertreter der neuen akademischen Generation Starfleets aus, aber im Laufe der Zeit hatte sich Kirk dazu durchgerungen, ihn zu respektieren – widerwillig und trotz vieler nach wie vor bestehender Bedenken. »Die Enterprise ist jetzt mit einem neuen Kontrollsystem ausgestattet. Schon seit Jahren macht sich die Föderation Sorgen in Bezug auf die Kampfkraft der Starfleet-Raumschiffe und eine zumindest denkbare missbräuchliche Anwendung dieser Macht. Das geschieht nicht ganz ohne Grund, wie der Captain bestätigen kann. Nun, es wurden bereits einige Vorsichtsmaßnahmen ergriffen, aber die Monitoren stellen in dieser Hinsicht etwas völlig Neues dar. Es ist vorgesehen, dass sie schließlich alle Funktionen des Schiffes überwachen. Was den Testflug der Enterprise angeht, beschränkt sich die Kontrolle auf zwei der wichtigsten Bordsysteme – die Brücke und die medizinische Abteilung, dort insbesondere die TUREK.«

»Turek?«, fragte Mason.

»Transporterunfall-Rekonvaleszenz«, erklärte hierzu McCoy.

»Wenn die Monitoren zu dem Schluss gelangen, dass die Operationen eines Starfleet-Schiffes nicht den Interessen der Föderation entsprechen«, führte Veblen aus, »übernehmen sie die Kontrolle, bis keine Gefahr mehr droht und sich die Lage normalisiert hat. Die Kommando-Monitoren enthalten die Erfahrungswerte von sechs Starfleet-Kommandanten, denen die Föderation ein überdurchschnittliches Beurteilungs- und Entscheidungsvermögen zuspricht. Bei jenen Surrogaten handelt es sich nunmehr um eine elektronische Persönlichkeitseinheit, zwischen deren Selbstaspekten eine permanente Interaktion herrscht und die alle Befehle des Captains überprüfen …«

»Brücke an Captain Kirk. Hier spricht Uhura. Wir haben gerade eine dringende Nachricht von Starfleet erhalten.«

»Wie üblich«, brummte McCoy.

»Es wird um sofortige Antwort gebeten.«

»Ich bin bereits unterwegs, Lieutenant.« Kirk schob den Stuhl zurück. »Bitte entschuldigen Sie die Unterbrechung. Führen Sie das Gespräch ruhig ohne mich weiter.«

Mason spürte plötzlich, wie es ihr kalt über den Rücken lief.

McCoy schüttelte den Kopf. »Man lässt uns nicht einmal Zeit genug, in aller Ruhe das Abendessen einzunehmen.«

Kapitel 4

 

Kirk brauchte zwei Minuten, um die Brücke zu erreichen, und als er dort eintraf, hatte Uhura bereits den Individualprojektor vorbereitet und auf den Befehlsstand ausgerichtet. Als der Captain in seinem Sessel Platz nahm, öffnete sie den Kom-Kanal, und unmittelbar darauf konzentrierte sich Kirk auf die Nachricht. Das optische Projektionsfeld war einzig und allein auf seine Augen fokussiert, und die akustische Übertragung erfolgte mit Hilfe einer Knochenvibration, so dass nur der Captain die Worte verstehen konnte.

AbUnRau, Priorität Eins, Relaisstation Starbase 19, Capt. James T. Kirk. Ausschließlich für KIRK bestimmt.

»Kirk.«

Er erkannte die Stimme von Admiral Hiram Kawakami, der die Starfleet-Abteilung für unerforschte Raumsektoren leitete.

»Captain, wir haben eine Status-Geometrie-Nachricht aus Oktant 7 erhalten, von der Forschungsstation Eins am Rande des Black Box-Nebels. Die Botschaft war zehn Jahre unterwegs, bevor sie die nächste Kommunikationsboje der Föderation erreichte.«

»Ich dachte, die Station sei längst aufgegeben«, murmelte Kirk.

»Ein Teil der Nachricht ist optischer Natur. Die Übertragung beginnt jetzt, Jim.«

Kirk sah die scharfgeschnittenen Züge eines Vulkaniers, und die grünliche Hautfarbe deutete darauf hin, dass es sich um den Angehörigen einer der alten Familien handelte. Der Mann saß in einem gewöhnlichen Kom-Zentrum. Offenbar war die Einrichtung nicht ganz auf dem neuesten Stand der Technik, und das gab Anlass zu der Vermutung, dass es der Forschungsinstitution an finanziellen Mitteln fehlte. Ein eingeblendeter Schriftzug identifizierte den Vulkanier als Physiker Grake und Ehemann T'Pryllas. T'Prylla war recht bekannt, galt als eine der besten Wissenschaftlerinnen Vulkans. Jim glaubte sich daran zu erinnern, dass sie mit Spock verwandt ist. Aber vulkanische Familienbande zeichneten sich oftmals durch eine verblüffende Komplexität aus.

Grake sprach Hochvulkan, und das winzige Implantat im Halsansatz Kirks sorgte für eine sofortige Übersetzung der Begriffe.

»Wir senden diese Nachricht nur, weil wir fürchten, dass sich eine ernste Krise anbahnt. Die Entwicklung dreier Protosterne im Black Box-Nebel steuert auf die Hauptreihe zu, und die dadurch entstehende Strahlung verhindert eine Subraum-Kommunikation. Dennoch …«

Die Übertragung brach ab, und Kirk vernahm erneut die Stimme Kawakamis.

»Die Mitteilung ist nicht vollständig, aber an die ersten Signale schließt sich ein Hochgeschwindigkeits-Datentransfer an. Die wissenschaftlichen Implikationen erweisen sich als recht interessant. Uns liegen inzwischen weitaus mehr Informationen vor, und auf dieser Grundlage können wir uns eine gute Vorstellung in Bezug auf das Schicksal der Black Box-Station machen. Schalten Sie auf komprimierte Datenaufnahme um, Captain.«

Kirk formulierte einen gedanklichen Befehl und veränderte damit die Justierung des Implantats. Von einem Augenblick zum anderen strömte eine Flut von Angaben und Hinweisen in sein Bewusstsein. Er schnitt eine Grimasse. In gewisser Weise stand er neuen Techniken noch skeptischer gegenüber als McCoy, insbesondere dann, wenn ihre Anwendung zu einem ausgeprägten Chaos hinter seiner Stirn führte. Außerdem bewirkte die Hochgeschwindigkeits-Datenübertragung einen dumpfen Kopfschmerz, was die ganze Sache noch unangenehmer machte. Ein Vorteil aber ließ sich nicht leugnen: Innerhalb weniger Sekunden wusste er um die wichtigsten Fakten Bescheid.