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Jörg Juretzka

TAXIBAR

Jörg

JURETZKA

TAXIBAR

Kriminalroman

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Von Jörg Juretzka liegen bei Rotbuch außerdem vor:

Freakshow (2.Aufl. 2011)

eISBN 978-3-86789-585-9

1. Auflage
© 2014 by BEBUG mbH / Rotbuch Verlag, Berlin
Umschlaggestaltung: Buchgut, Berlin
Umschlagabbildung: iStockphoto /AudiDelaCruz

Ein Verlagsverzeichnis schicken wir Ihnen gern:
Rotbuch Verlag
Alexanderstraße 1
10178 Berlin
Tel. 01805 / 30 99 99
(0,14 Euro/Min., mobil max. 0,42 Euro/Min.)

www.rotbuch.de

INHALT

PROLOG

INHALT

FÜR CORA UND VERENA

Speziellen Dank an
The Detroit Cobras
für »Cha Cha Twist«

Sämtliche Figuren dieses Romans
sind frei erfunden.

»You love our music, but you hate our guts.«
Gogol Bordello

PROLOG

Sollten sie mich packen, sollte man mich verhaften, überführen, anklagen und vor Gericht stellen, der strafverschärfende Umstand ›Vorsatz‹ wäre wohl nur schwer zu leugnen. Wie sonst war die Anschaffung eines Ganzkörper-Maleranzugs zu erklären, der Kauf einer Skimaske sowie stabiler Gummihandschuhe, das Anfertigenlassen eines Nachschlüssels, und, nicht zu vergessen, der Diebstahl der Tatwaffe in einem örtlichen Steakhouse? Einzeln für sich alles harmlos genug, doch in Kombination mit einem Tötungsdelikt ergaben sie das Bild einer genau und zielführend geplanten Tat. Vorsatz, wie gesagt. Höchststrafe.

Doch es war mir egal. Scheißegal.

»Nein!«, schrie Homer Simpsons Stimme von der Tür her.

Oha, da kam er hereingewankt, regennass und verschwitzt: Yeah-Yeah-Yeah, der letzte Beatnik. Rüschenhemd, Schlaghose, braune Lederslipper mit Schnalle obendrauf. Mittlerweile mehr Haare in den Ohren als auf dem Kopf verblieben, aber immer noch den Rhythmus im Blut, wenn man das Zucken seiner Hände als Indiz nahm.

»Spät dran«, bemerkte ich mit einem Blick auf die Uhr. Immerhin hatten wir schon nach sieben. »Was darf’s denn sein?« Als ob Yeah-Yeah-Yeah nicht immer nur ein und dasselbe orderte.

»Jä-Jä-Jä…«, begann er und brach ab, als von draußen der scharfe, abhackte, unmissverständliche Knall eines Schusses hereindrang, gefolgt von noch einem und noch einem in präzisen, kalt kontrollierten Abständen. »…germeister«, vervollständigte Yeah-Yeah-Yeah seine Bestellung. »’n Doppelten. Und ohne Eis.«

Ich wartete.

»Wegen meinem Magen.«

Dann erst stellte ich das hohe, schmale Glas vor ihn hin und schraubte den Verschluss von der Flasche. Wie jeden Morgen.

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Ich sah den Hubschrauber, noch bevor ich ihn hörte. Der Lichtkegel seines Suchscheinwerfers schwankte von Norden her über den nächtlichen Strand wie der Rüssel eines Tornados, die helle Scheibe am unteren Ende immer in Nähe der Wasserlinie. Raus aufs Meer, zurück auf den Sand und wieder raus auf die weißschäumende Brandung. Dann kam, mit dem Licht, auch das dröhnende Flap-Flap-Flap der Rotorblätter immer näher.

Mein Herz pochte bis hoch in den Hals. Ich wusste, wonach sie suchten. Ich saß drauf.

Okay, ich saß auf meiner ausgebreiteten Lederjacke, doch darunter, hastig halb im Sand verbuddelt, hockte ich auf einem Paket. Format wie etwa zwei Schuhkartons nebeneinander, gut und gern 20 Kilo schwer. Dick mit Styropor ummantelt, zusammengehalten von zig Windungen Klebeband. Um es schwimmfähig zu machen. Ein Päckchen also, das von vornherein dazu konzipiert schien, von Bord eines Schiffes geworfen zu werden. Etwas ungewöhnliche Art der Anlandung, sollte man meinen.

Klar bemerkten sie mein Lagerfeuer.

Was tun, wenn man sich mitten in der Nacht im Zentrum des Interesses eines Suchscheinwerfers wiederfindet? Ich hob nicht den Kopf, blinzelte nicht ins Licht, winkte oder gestikulierte nicht. Stattdessen nahm ich Struppi zwischen die Knie und legte ihm die Hände über die Augen als Schutz vor den aufgewirbelten Sandkörnern und Funken. Nur ein Tourist in der Vorsaison. Nur ein Tourist, der die Ruhe sucht. Nur ein Tourist auf Abschiedsreise mit seinem todkranken Hund.

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»Wie üblich, nichts gehört, nichts gesehen«, vermutete Hufschmidt und setzte sich auf einen Barhocker.

»Gehört schon«, widersprach ich und fragte mich, wie um alles in der Welt ich den Blödmann möglichst rasch wieder loswerden könnte.

»Dreimal ›Peng‹ «, bestätigte Yeah-Yeah-Yeah, was Hufschmidt ignorierte.

»Aber nichts gesehen«, beharrte er.

Statt einer Antwort wies ich nur stumm mit dem Kinn auf die Fensterfronten, die beide wie die Eingangstür bis weit über Kopfhöhe mit blickdichter Milchglasfolie beklebt waren. Wohlüberlegt und sinnvoll. Denn erst mal gibt es draußen wenig zu bestaunen – das eine Fenster würde nur geparkte Taxen zeigen und dahinter eine Fußgängerüberführung aus Graffiti-verziertem Beton, das andere geparkte Taxen vor dem Hintergrund der fensterlosen Fassade einer Automaten-Spielhalle. Und zweitens waren die Aktivitäten innerhalb der TaxiBar oft genug nicht unbedingt für das Auge der draußen herumschlurfenden Öffentlichkeit bestimmt. Hinzu kam, dass mich der Verdacht plagte, der eine oder andere meiner Gäste könnte bei zu viel Tageslichteinstrahlung erblinden, wenn nicht zu Staub zerfallen.

»Immerhin wäre es ja möglich, dass die Tür offengestanden hat«, meinte der Kommissar mit typischer Hartnäckigkeit, worauf ich nur den Kopf schüttelte. Nicht zuletzt aus den gerade genannten Gründen besitzt die Eingangstür einen kräftigen Öldruckschließer. Der es, nebenbei, erschweren soll, nach einem Griff in die Kasse oder ins Flaschenregal erfolgreich das Weite zu suchen. Wir haben hier solche Gäste, von Zeit zu Zeit. Dies ist immerhin Eppinghofen, Mülheims Bahnhofsviertel.

»Und was genau hast du also gehört?«, fragte Hufschmidt in einem Ton resignierter Bitternis. Er schien zum Bleiben entschlossen.

Es gibt Instinkt-Ermittler, smarte, wandlungsfähige Detektive mit intuitivem Gespür für die Fälle, die sie bearbeiten, und es gibt Sitzfleisch-Ermittler, die sturheil und unbeweglich vor sich hinprockeln, und wir alle dürfen jetzt mal raten, zu welcher Sorte Kommissar Hufschmidt wohl gehört.

»Dreimal ›Peng‹ «, wiederholte Yeah-Yeah-Yeah, nur um weiterhin ignoriert zu werden.

»Es fallen also drei Schüsse, direkt vor deiner Kneipe, und da bist du nicht rausgerannt, um nachzuschauen, was da los ist?«

»Doch, natürlich. Sofort. Ich habe den Schützen gesehen, erkannt, fotografiert, und dann hab ich noch gerufen: ›Jetzt seien Sie doch vernünftig und lassen Sie die Waffe fallen‹.«

Hufschmidt ließ das einen Moment im Raum stehen, bevor er »Haha« sagte.

»Drei Schüsse«, nahm ich jetzt den Faden wieder auf, denn irgendwie musste ich diese Befragung zu einem Ende führen, »gefolgt vom Schlagen einer Autotür.« Ich griff mir ein Glas und begann, es zu polieren. »Dann sprang ein Motor an und ein Wagen fuhr davon.«

Hufschmidt grunzte, löste seinen Blick von mir und ließ ihn durch die Bar wandern. »Habt ihr hier auch richtigen Kaffee, oder nur so’n Rattengift aus Filtertüten?«

Ich machte einen Schritt beiseite, um ihm freien Blick auf die Lavazza-Kaffeemaschine zu ermöglichen, nebst der noch von meinem Vorgänger handbeschrifteten Karte, die von Café au Lait über Latte Macchiato bis Cappuccino eigentlich alles bot, was mittlerweile erwartet wird. Wenn man einmal großzügig darüber hinwegsieht, dass die Zubereitung in der TaxiBar unausweichlich dieselbe bleibt, scheißegal, was bestellt wird: Kaffee in eine Tasse prötscheln lassen, heiße Milch dazu, Spritzer Schaum drauf, fertig.

»Und was weiter?«, fragte Hufschmidt, unentschlossen, was die Kaffeeauswahl anging. »Und lass dir verdammt noch mal nicht jede Antwort einzeln aus der Nase ziehen, Kryszinski.«

»Dann bin ich raus, habe den Toten in gekrümmter Haltung auf dem Boden liegen sehen, bin wieder rein und hab euch und ’nen Notarzt gerufen.«

»Den Toten«, echote Hufschmidt, wie er wohl hoffte, vielsagend.

»Ja, den Toten«, bestätigte ich nach einem tiefen Atemzug. »Ein Mann, dessen halbes Hirn über Hauswand und Gehsteig geblasen wurde, ist für mich tot. Da brauche ich nicht noch hinzugehen und mich in warmen Tönen nach seinem Befinden zu erkundigen.«

»Du hast das Opfer gekannt«, mutmaßte Hufschmidt, in nach wie vor unentschiedener Betrachtung der Kaffeekarte. Würde man ihn für schwul halten, wenn er einen Latte bestellte?

»Flüchtig«, bestätigte ich.

Blaulicht flackerte, grellbunte Wetterjacken oder weiße Overalls oder dunkle Gestalten unter den schwarzen Halbmonden aufgespannter Regenschirme schimmerten, angestrahlt vom Licht eines Scheinwerfermastes durch die Milchglasfolie. Autotüren schlugen, Motoren brummten heran oder davon, wurden angeworfen oder abgestellt. »Nein!« schrie Homer wieder und wieder, während ein verstörter Kollege des Toten nach dem anderen hereinkam, mir einen fragenden Blick zuwarf, einen Bogen um Hufschmidt machte, mit den andern die Köpfe zusammensteckte und – »Nein!« – wieder rausging. Aufgescheucht, aufgebracht, verängstigt.

Genau wie ich. Nur mit dem Unterschied, dass sie sich frei bewegen konnten, während ich hier hinterm Tresen festhing und diesem ermittlungstechnischen Genie Rede und Antwort stehen musste.

»Wo ist eigentlich Menden?«, fragte ich. Vom Hauptkommissar vernommen zu werden, ist keinen Deut angenehmer, eher im Gegenteil. Menden hat noch nie etwas von der Prämisse der Unschuldsvermutung gehört, und dementsprechend fühlt man bei jeder seiner Fragen die kalte Acht sich einen Klick enger um die Handgelenke schmiegen. Doch zumindest stellt es eine Herausforderung dar. Es mit Hufschmidt zu tun zu haben, ist im Vergleich dazu nichts als ein laffer, nervtötender Zeitvertreib.

»Wie flüchtig?«, fragte Hufschmidt anstelle einer Antwort, riss sich von der Kaffee-Karte los und starrte nun wieder mich an.

Ich wusste für einen Moment nicht, wo wir stehen geblieben waren, weshalb mir darauf nicht mehr einfiel als ein »Hä?«

»Wie flüchtig kanntest du den Toten, verdammt noch mal?«

Er würde jeden Augenblick einen Espresso ordern, ich war mir sicher. Hufschmidt ist zwanghaft um ein hetero-maskulin-hartes Image bemüht. Wahrscheinlich fürchtet er, wegen seines Hangs zu Hamsterbacken und genereller Babyspeckigkeit nicht richtig ernst genommen zu werden. Was mich anging, mühte er sich umsonst. Selbst wenn er vor meinen Augen rostige Nägel mit der flachen Hand einschlagen, warmes Wasser trinken und dann Eiswürfel kacken würde, ich könnte ihn niemals ernstnehmen.

»Gast«, antwortete ich. »Genannt: Geronimo. Taxifahrer.« Was ich nicht sagte, war ›Nachbar‹. Ich hatte meine Gründe.

»Taximord«, vermutete Hufschmidt, stierte abwartend, und ich musste mich zusammenreißen, ihn nicht anzuschreien.

»Zu Beginn der Frühschicht«, sagte ich und hörte meinen Geduldsfaden zirpen wie die Drähte eines Eierschneiders unter der Nagelfeile. »Mit vermutlich ganzen fünfzehn Öcken Wechselgeld in der Tasche. Aber sicher doch.«

Mal davon abgesehen, dass ich ziemlich genau wusste, warum Geronimo nicht erschossen worden war, hatte ich zum wahren Grund nur Vermutungen. Unter anderem eine von der dumpf würgenden Sorte. Ich musste hier raus.

Yeah-Yeah-Yeah winkte mit seinem Glas, also schenkte ich ihm nach, und er schob mir ein paar Münzen rüber, bevor er den Kräuterfusel an die Lippen hob und inhalierte. »Das war kein Raub«, sagte er dann. »Das war eine Hinrichtung.«

Hufschmidt sah ihn kurz und angewidert an und wandte sich dann wieder an mich, die Miene unverändert. »Was verschweigst du mir?«, grollte er, und endlich, endlich kam mir eine Idee.

»Einen Kofferraum voll Waffen«, gestand ich, als ob es mir schwerfiele. »Hieb, Stich, Schuss. Und Explosiv.«

Hufschmidt stand mit einem Ruck. »Explosiv? Du verarschst mich.«

»Nein.«

Und »Nein!«, echote Homer.

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Das ›Tac, tac, tac‹, das mich weckte, kam von der Mündung einer Maschinenpistole, die gegen das Seitenfenster meines Toyotas geklopft wurde. Unmissverständlich, unwiderstehlich, wenn auch ein wenig knapp bemessen, was menschliche Wärme anging. Ich gähnte, strich meinem knurrenden Hund über das stachelig aufgerichtete Nackenhaar, schälte mich aus meinem Schlafsack, zog den Verriegelungsknopf hoch und überließ es einem der gut und gern zwölf Kampfanzugträger draußen, die Tür zu öffnen. Kühle Meeresluft und das fahle Licht eines viel zu frühen Morgens schlugen mir entgegen. Auf einen nicht zu missdeutenden Wink mit der MP hin stieg ich aus und nahm Struppi auf den Arm, ehe er sich in eine der dunkelblau uniformierten Waden verbeißen konnte. Seit dem Moment unserer Begegnung, also seit ich ihn aus dem Tierheim geholt hatte, legte er mir gegenüber einen enormen Beschützerinstinkt an den Tag. Anzahl, Gattung und Bewaffnung der Gegenseite furzegal. Er besitzt eine feine Antenne für Bedrohungslagen, und das offen auf Einschüchterung abzielende Auftreten der Beamten fiel für ihn in diese Kategorie.

Ich hatte eigentlich die Douane, also den Zoll erwartet, doch die Jungs hier waren große, kurz- oder kahlgeschorene Typen von auffällig ähnlichem Körperbau – ypsilonförmig, mit breiten Schultern und schmalen Hüften, als würden sie nach Figur gecastet – von der CRS, der kasernierten Eingreiftruppe der französischen Polizei.

Ich hielt Struppi also gut fest, denn die CRS gilt als reizbar und wenig zimperlich.

Ohne mein Einverständnis abzuwarten, rissen sie sämtliche Türen und Hauben auf und filzten meinen Wagen, wie ich es seit den drogenseligen Tagen meiner Jugend nicht mehr erlebt hatte.

Drei Mann blieben dicht bei mir, ungefähr eine Handbreit näher, als es komfortabel gewesen wäre, also vom Gefühl her so, wie wenn einem an der Supermarktkasse einer in den Nacken atmet. Der Älteste der drei, offensichtlich der Kommandant der Einheit, grau, aber fit und außerordentlich markig, einer von denen, die ständig die Zähne zusammengebissen halten und vor dem Spiegel den bohrenden Blick üben, fragte mich auf Französisch, ob mir letzte Nacht irgendetwas aufgefallen sei.

Ich spielte kurz mit dem Gedanken, sie auf eine falsche Fährte zu schicken und einen suchend über den Strand kurvenden Pick-up zu erfinden, doch dann wurde mir klar, dass die Hubschrauberbesatzung in dem Fall die Reifenspuren gesehen haben müsste. Deshalb beschränkte ich mich auf »Helicopter« und ließ jede weitergehende Befragung an der Sprachbarriere scheitern. Man steht schnell blöd da, wenn man sich allzu clever anzustellen versucht.

Eine von wüstem Knurren, Zähnefletschen und Schnappen begleitete Visitation meines Leibes später durften Struppi und ich uns ein paar Schritte entfernen.

Wir gingen in die Dünen, die den Parkplatz umgaben und ihn vom Strand trennten. Mit einiger Befriedigung registrierte ich, wie schön der ruppige Wind der letzten Nacht überall den Sand geglättet hatte. Nirgendwo Spuren, weder von Fuß noch Pfote. Selbst ich hätte ums Verrecken nicht mehr sagen können, wo das Paket verbuddelt war.

Wir traten an den Rand der Düne. Das Kommando war anscheinend mit meinem Auto fertig und nun dabei, den Strand abzusuchen. Sie drifteten auseinander, stießen spitze Stangen in den Sand, vor allem rings um die Steine meines Lagerfeuers, wirkten aber lustlos, was verständlich war angesichts der Weitläufigkeit des Areals und ihrer doch eher bescheidenen Anzahl. Mir fiel auf, dass sie, anstatt mit System vorzugehen, eher planlos herumstocherten. Und sich die ganze Zeit dabei unterhielten. Immer wieder blickte der eine oder andere dabei zu mir hoch. Oder den frühmorgendlich menschenleeren Strand hinunter. Dann wieder zu mir. Es war, als ob sie sich darauf zu einigen versuchten, ja regelrecht dazu hochschaukelten, mich noch mal in die Mangel zu nehmen, nur diesmal richtig, und scheiß auf die Sprachbarriere.

Struppi knurrte und knurrte.

Es war Zeit, höchste Zeit zu gehen.

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»Warum hast du ihm das gesagt?«, wollte Yeah-Yeah-Yeah wissen, kaum dass Hufschmidt aus der Tür war. »Das mit den Waffen.«

»Weil es wahr ist«, sagte ich und griff zum Handy. »Und weil Hufschmidt, nervig und klotzköpfig wie er ist, trotzdem wissen soll, womit er es zu tun hat. Außerdem kann die Aussage Geronimo ja nun wirklich nicht mehr schaden.«

Ich drückte ›H‹ und ließ wählen.

»Hab ich dich geweckt?«, fragte ich, als sich am anderen Ende jemand meldete.

»Klar«, kam die, na, leicht genervte Antwort. »Hundert Meter vom Haupteingang entfernt hieven sie Mordopfer in den Zinksarg, und der Hausmeister macht ein Nickerchen.«

Ich sagte: »Generalschlüssel, Wasserpumpenzange, Seitenschneider und äh, Entlüfterschlüssel.«

»Alles am Mann. Worum geht’s?«

»Heizkörper entlüften.«

»Aber sicher. Ich komm rum.«

Seit Fred Neumann mir mal geholfen hatte, einen toten Junkie aus der Toilette der Bar runter in die Tiefgarage zu schleifen, waren wir beide für ihn Komplizen, verschworen in irgendetwas, das noch der genaueren Definition harrte.

Der Tote war der Dritte in einem unglückseligen Vierteljahr gewesen, und ich hatte es ganz einfach satt, jedes Mal vom Drogendezernat behandelt zu werden, als ob ich ihnen persönlich die Spritze gesetzt hätte.

Ich ging nach hinten, wo Bian-Tao dabei war, die Küche zu putzen, und bat sie, für eine halbe Stunde die Theke zu übernehmen.

»Du gehst schlafen?«

»Nicht wirklich. Nicht gerade jetzt.«

»Chef, du musst schlafen.«

»Ja«, sagte ich. »Ich denk drüber nach.«

»Und du musst essen, Chef.«

»Später. Bist du sicher, dass du zurechtkommst?«

Sie nickte mit großem Ernst, und ich wusste, ich konnte sie alleinlassen.

Vormittage sind eh meistens ruhig in der TaxiBar. Heute würde noch ein Quantum Schaulustige und Reporter hinzukommen, doch davon abgesehen zapften sich die Taxifahrer ihren Tee selbst, Yeah-Yeah-Yeah trank sein Mandolinenfieber weg und dann noch ein paar für den Heimweg, die eine oder andere Suchtnutte schaute vorbei, um sich auszuruhen und die Luft mit ihren Filterzigaretten zu erfrischen, und dünngesäte Laufkundschaft verlangte nach Kaffeevariationen mit italienischen Namen.

Fred kam, Werkzeugkasten an der Hand, durch die Verbindungstür zum Hausflur in die Küche, ich zupfte zwei Paar Gummihandschuhe aus ihrer Schachtel, winkte ihn sofort wieder mit nach draußen und rief den Aufzug.

»Wir haben maximal dreißig Minuten«, vertraute ich ihm an.

»Wofür?«

»Um Geronimos Bude auf den Kopf zu stellen, bevor die Bullen das tun.«

Er starrte mich an. Fred ›Alfred E.‹ Neumann hasst nichts so sehr wie seinen Spitznamen, und doch besitzt er eine nicht zu leugnende Ähnlichkeit mit der Titelfigur der MAD-Hefte. Sein Haar leuchtet im warmen Ton polierten Kupfers, sein Gesicht ist sprossig wie der Sommer selbst, und seine Lauscher blicken einen immer voll Interesse an, ob man gerade zu ihnen spricht oder nicht. Und obwohl seine Zähne oh ne die markante Spalte in der Mitte auskommen müssen, neigt seine Mimik zu eben jenem Alfred E.’schen Ausdruck, den ich mal ›gutwillig verdutzt‹ nennen möchte.

»Du willst ermitteln«, raunte er und musste sich ein verschwörerisches Augenzwinkern verkneifen.

»Was?« Der Aufzug kam, wir stiegen ein, und ich schüttelte irritiert den Kopf.

»Du willst herauskriegen, wer Geronimo ermordet hat.«

»Was?« Ich drückte die ›6‹, immer noch kopfschüttelnd. »Du bist schließlich Privatdetektiv …«

»Ich war«, unterbrach ich ihn mit Nachdruck. »Und als solcher habe ich in den meist trivialen Angelegenheiten anderer Menschen herumgeschnüffelt. Ermittler, die in Mordfällen tätig werden, heißen Kriminalbeamte. Die sind von staatlicher Seite ausgebildet, ausgerüstet, beauftragt und zur Gewaltanwendung berechtigt. Lauter Sachen, die einem Privatdetektiv abgehen. Und das – vor allem die fehlende Genehmigung, Arschlöcher über den Haufen zu schießen – ist nur einer der Gründe, warum ich den Beruf an den Nagel gehängt habe.«

Hinzu kam, dass mit der Detektei kein Geld mehr zu verdienen war. Der eigentliche Auslöser aufzuhören, war aber der, andauernd mit Menschen aneinanderzugeraten, für die Körperverletzung nicht mehr als eine Art angewandter Gedankenaustausch ist. Wenn du schleichend zu der Überzeugung gelangst, dass eine dieser Begegnungen mit deinem Ableben enden wird, erscheint ein Berufswechsel von Mal zu Mal in immer wärmerem Licht.

Folgerichtig habe ich also eine Kneipe übernommen von einem Typen, den sie niedergestochen hatten und vor deren Tür Leute erschossen wurden.

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»Ja, Scheiße«, entfuhr es mir, was den einen, zu meiner Beobachtung zurückgelassenen CRS-Beamten sichtlich erheiterte. Der Toyota war komplett zerrupft, sein Inhalt über den halben Parkplatz verteilt. Selbst den Teppich, die Türpappen und Teile des Dachhimmels hatten sie rausgerissen. In wütender Hast kramte ich alles zusammen, warf die Sachen in den Kofferraum und auf die Rückbank, knallte Hauben und Türen zu, ging zu dem Bullen und verlangte meine Papiere zurück. Er zupfte sie aus seiner Brusttasche und händigte sie mir gleichmütig aus. Ich schwang mich augenblicklich hinters Lenkrad und weckte die vier Vergaser zu schnorchelndem Leben.

Da fasste sich der Bulle ans Ohr, horchte, runzelte die Brauen, nickte, hob die freie Hand, Finger gespreizt, hielt sie mir entgegen und stellte sich vor den Wagen.

Ich klappte die Sonnenblende runter, unterbrach damit den Sichtkontakt und ließ die Hinterräder Kies sprühen.

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Fred und ich stiegen in der sechsten Etage aus und nahmen die Treppen zur siebten. Die Überwachungskameras sind auf allen 24 Etagen vor der Lifttür angebracht und auf die Länge des Flurs gerichtet. Das Treppenhaus ist dagegen ihr blinder Fleck.

»Gib mir mal den Seitenschneider und halt mir Räuberleiter«, raunte ich und zog mir die Gummihandschuhe über.

»Du willst doch nicht etwa das Übertragungskabel durchkneifen, oder?«

»Doch.«

»Mach das nicht. Ich muss dann ein Neues bestellen, das dauert ’ne Woche, und das Anschließen ist eine einzige Fummelei. Hier, nimm Tape und kleb es vor die Linse.«

»Zu spät«, stellte ich fest, bewegte demonstrativ das lose Ende des Kabels und stieg wieder von seinen verschränkten Händen. »Jemand ist uns zuvorgekommen.« Ich sah den Flur hinunter und kaute meine Unterlippe durch. »Vielleicht war das hier doch keine so gute Idee«, bekannte ich und machte einen Schritt zurück ins Treppenhaus.

»Warte! Wenn du nicht ermittelst, wozu willst du dann in Geronimos Wohnung?«

»Um seine Leiche zu fleddern.« Ich fragte mich, inwieweit ich Fred einweihen sollte, und beschloss, gar nicht. Bei Geronimo hatte ich mich auf eine berufsbedingte Verschwiegenheit verlassen können, bei unserem gesprächigen Hausmeister konnte ich das nicht.

»Du willst da einbrechen?«

»Wenn, dann bräuchte ich ja dich und deinen Generalschlüssel nicht.«

»Aber wozu?«

»Fred, mein Junge. Was war Geronimo?«

»Taxifahrer?«

»Unsinn. Er hat den Taxifahrer gemimt. In Wahrheit war er Hehler und vor allem Waffenhändler. Und ich wollte mal einen Blick unter seine Matratze werfen.«

»Aber jetzt willst du nicht mehr?« Fred schien nicht so recht zu kapieren.

Ich deutete hoch zum zerschnittenen Kamerakabel, von da zur Tür Nr. 9, die zu Geronimos Apartment. Er kapierte immer noch nicht.

»Falls die Kamera von dem oder den Typen lahmgelegt wurde, die Geronimo umgebracht haben, und falls die nun da drüben in der Wohnung dabei sind, seine Sofakissen aufzuschütteln, möchte ich nicht derjenige sein, der sie dabei stört.«

»Hm. Wenn es mehrere wären, würde bestimmt einer Schmiere stehen.«

»Trotzdem.« Und scheiß auf meine Zukunft, scheiß auf ein neues Leben? Furcht und Sehnsucht rieben sich in mir, bis die Funken stoben.

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Über den östlichen Horizont zog ein heller Streifen, doch der Rest des Himmels wölbte sich noch in sternengesprenkelter Schwärze, als ich den Toyota auf die D652 lenkte.

Noch hatte ich überhaupt keine Ahnung – halt, stopp. Eine Ahnung hatte ich schon davon, was sich in dem Paket befinden könnte. Nur Gewissheit fehlte.

Die meiste Zeit des Tages und der Nacht hatte ich im Wald zugebracht, versteckt in einem dieser endlosen Pinienforste, die sie hier überall an der südfranzösischen Atlantikküste haben. Alles nur für den Fall, dass die CRS nach mir Ausschau hielt, meiner Ansicht nach eine Fünfzig-zu-fünfzig-Wahrscheinlichkeit, schließlich hatte ich den Bullen nicht angefahren, sondern nur aus dem Weg gescheucht. Trotzdem, man weiß halt nie.

Nach ein paar Kilometern bog ich ab, folgte den Schildern Richtung Mimizan-Plage und erreichte den Parkplatz in den Dünen im allerersten Licht des Morgens. Das Weiß des Styropors war mir ins Auge gestochen, als ich da an meinem nächtlichen Lagerfeuer hockte, abwechselnd in die Glut und raus aufs Meer starrte und mit dem Gedanken fertig zu werden versuchte, dass ich sehr bald schon ohne meinen Hund dastehen würde. Inmitten des mäandernden Schaums der auslaufenden Wogen war das weiße Paket an Land gespült worden, nur um mit der nächsten Welle wieder ins Meer zu wandern und dann erneut auf dem Sand liegen zu bleiben »Komm«, hatte ich zu Struppi gesagt, »das sehen wir uns mal näher an.« Und schon sind wir unter Schwanzgewedel den Strand hinuntergehoppelt und haben es uns geschnappt.

Jetzt hielt ich ihm die Beifahrertür auf, er sprang heraus und wir gingen schnurstracks in die ungefähre Richtung, in der das Paket unterm Dünensand versteckt lag. Während ich mich nach allen Seiten umsah – noch waren wir allein – drückte Struppi sich seinen morgendlichen Haufen aus dem Kreuz, hob das Bein gegen das eine oder andere Büschel Dünengras und machte sich dann ganz von allein daran, den Sand abzuschnüffeln. Sobald er anfing, mit den Vorderpfoten zu scharren, ließ ich mich neben ihm auf die Knie fallen und half mit beiden Händen beim Buddeln.

Es dauerte keine zwei Minuten, und wir hatten sowohl das Paket freigelegt als auch den Beutel mit Struppis derzeitigen Lieblingsleckerchen, den ich aus eben diesem Grund mitvergraben hatte. Rasch zog ich ein Ende Fleischwurst aus der Tasche, schnitt einen Schlitz hinein, in den ich zwei der Leckerchen drückte und dann an meinen Hund verfütterte. Warum die Fleischwurst? Laut Rezept müssen die Tabletten zusammen mit Futter verabreicht werden. Sie machten ihm das Leben trotz Krebs erträglich, und mir kam es manchmal so vor, als ob er den Zusammenhang sehr gut begriffen hätte.

Wurst verschlungen, Paket unterm Arm, hasteten wir zurück zum Auto, ich startete und schlug sofort eine stramm vom Meer wegführende, östliche Richtung ein.

Nach etwa einer Stunde ungehinderter, zügiger Fahrt bog ich von der Landstraße ab, umrundete eine verlassene Tankstelle, parkte außer Sicht, kramte das Teppichmesser aus dem Handschuhfach, stieg nach hinten um, machte mir etwas Platz und hob das Paket auf die Rücksitzbank.

Was ich bei der nächtlichen Bergung übersehen hatte, war die lange Scharte in einer der sechs Seiten, ganz so, als hätte sie einen Hieb mit der Schiffsschraube abbekommen. Hier setzte ich das Messer an, durchtrennte das Klebeband, schälte es ab, hob die akkurat zugeschnittene Styroporplatte an. Und kam nahe daran, mir nun meinen morgendlichen Haufen aus dem Kreuz zu drücken, spontan und auf der Stelle. Eingelassen in die Unterseite der Platte war ein kleiner schwarzer Kasten, etwa im Streichholzschachtel-Format, und nur für den Fall, dass ich nicht sofort begriff, worum es sich dabei handelte, war er deutlich mit ›GPS Tracker‹ beschriftet.

Mit einem Mal kam mir mein einsamer Parkplatz abseits der Straße nicht mehr so ideal vor. Zu einsam, um es mal klar zu formulieren. Viel zu einsam, um einer Drogengang in die Hände zu fallen.

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Fred sah hoch zur sabotierten Kamera, von da zur Tür Nr. 9, von da auf seine Uhr. Er wog den Kopf hin und her.

»Halbe-halbe?«, fragte er und versuchte sich an einer verschlagenen Miene.

Ich nickte, gespannt, was er wohl vorhatte.

»Komm«, sagte er leise und winkte mir, ihm zu folgen, bevor er die Stimme auf einen normalen Level hob. »Edith, sag ich zu Frau Kranzler, oben aus der zwölften, Edith, sag ich, das ist jetzt das dritte Mal diesen Monat, dass Sie Ihren Duschvorhang runtergerissen haben. Können Sie mir mal verraten, wie genau Sie das immer wieder anstellen?«

»Sie ist wahrscheinlich nur einsam«, mutmaßte ich, und wir passierten Tür Nr. 9 und gingen weiter bis zum Aufzug.

»Das mag ja sein«, sagte Fred und drückte den Rufknopf. »Aber dann soll sie sich eine Katze zulegen oder einen Papagei. Ich hab doch nun wirklich noch was anderes zu tun als …«

Der Aufzug kam, wir stiegen ein und die Tür schloss sich.

»Keine Einbruchsspuren«, sagte Fred, während wir eine Etage nach unten fuhren und wieder ausstiegen. »An der Tür, meine ich. Hast du’s gesehen? Ich glaube nicht, dass da jemand eingestiegen ist.«

Leise schlichen wir die Treppen hoch, zurück in die siebte.

»Fred – was ist, wenn er dem toten Geronimo ganz einfach die Wohnungsschlüssel abgenommen hat?«

»Ah.« Fred saugte an einem Zahn. »Da ist was dran«, bekannte er. »Trotzdem. Wir lassen es drauf ankommen.« Und mit einiger Entschlossenheit griff er hinter sich in seine Handwerker-Latzhose und zog eine schmale pechschwarze Pistole hervor.

Ich war baff. »Du trägst eine Waffe?«

»Ja klar«, sagte er, seinerseits überrascht. »Du etwa nicht? In diesen Zeiten? Mit einem Erschossenen direkt vor deiner Bar? Willst du der Nächste sein?«

Ich habe so meine eigene Theorie zu Schusswaffen und dem vermeintlich erhöhten Schutz, den sie einem bieten, doch war jetzt nicht die Zeit, sie zu verbreiten.

»Also, was ist? Gehen wir rein?«

Zu meinem wachsenden Erstaunen schien mir Hausmeister Fred Neumann dicke Nerven und darüber hinaus nicht übel einen an der Murmel zu haben.

»Ja, aber …«

»Kristof«, zischte er, »meinst du wirklich, ich will für immer Hausmeister bleiben? In diesem Slum? Weißt du, was hier erst mal los ist, wenn die Zigeuner den Laden übernommen haben?«

»Die Zigeuner?«

»Die Wobau hat die erste Sippe in der vierzehnten Etage einquartiert. Das ist – glaub es mir einfach – das ist der Anfang vom Ende.«

»Du übertreibst.«

»Na, wart’s nur ab. Ich hab’s erlebt, in Duisburg. Und wenn du nicht schleunigst was anderes findest, wirst du’s auch erleben. Aber ohne mich.«

Inzwischen hatten wir uns bis zu Geronimos Tür vorbewegt. Fred hielt seine Pistole mit beiden Händen vor der rechten Schulter, Mündung nach oben, während ich, immer hübsch seitlich von der Tür, höflich anklingelte. Bei einem Toten. Wie man das so macht.

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Hastig klaubte ich den Tracker aus dem Styropor und seufzte auf vor Erleichterung. Wasser tröpfelte heraus. Der Hieb mit der Schiffsschraube hatte das Gehäuse geknackt und das eindringende Wasser die Elektronik lahmgelegt.

Nur so war auch zu erklären, warum das Versteck im Sand der Dünen mehr als 24 Stunden lang unentdeckt geblieben war. Trotzdem stieg ich aus, ging ein paar Schritte und warf das Biest in hohem Bogen in die Mulde eines vorbeifahrenden Baustellen-Lkws.

Zurück im Auto arbeitete ich mich vor zur inneren Hülle, ein stabiles Folienmaterial, unbeschädigt, wie sofort klar wurde, denn es war vakuumisiert und schmiegte sich eng an den körnigen Inhalt. Rundlich körnig, gelblich wie vollgepisste Katzenstreu. Ein kleiner Schnitt, das Paket entspannte sich mit einem Seufzer, und der aufsteigende, gleichermaßen scharfe wie säuerliche Geruch lieferte mir – zusammen mit einer Vielzahl bunter Bilder aus der Zeit, als ich noch lange Haare getragen und Reihen roter Punkte in beiden Armbeugen gehabt hatte – die letzte noch fehlende Bestätigung, worum es sich bei meinem Fund handelte.

Granulat, also. Rocks. Das bedeutet: unzermahlen, ungestreckt, hochkonzentriert, rein. Eine Qualität, wie sie der moderne Junkie nie zu Gesicht bekommt, direkt vom Erzeuger, vermutlich unseren gottesfürchtigen, zauselbärtigen Freunden, den Taliban.

20 Kilo, mindestens. Mein erster, spontaner Gedanke war, mich damit zugrunde zu richten. Mein zweiter, nach Einsetzen eines gewissen Grades von Vernunft, mich daran gesundzustoßen. Dazu musste ich das Paket nur heil nach Hause schaffen, wo ich mich diskret nach einem Käufer umhören konnte. Anschließend würde ich die Wohnung aufgeben, die Kneipe verkauf… ach was, verschenken, den Wagen starten, losfahren und niemals zurückkommen, niemals wieder Tür an Tür mit jemandem wohnen. Einfach nur fahren und fahren und mich irgendwann und irgendwo verlieren. Wie ein Astronaut in einem steuerlosen, langsam in die Unendlichkeit taumelnden Raumschiff.

Wie Major Tom.

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Keine Reaktion auf mein Klingeln, kein Geräusch aus der Wohnung. Fred zog wieder die Rolle Klebeband aus seiner Hosentasche, reichte sie mir, wies mit dem Kinn auf den Türspion. Ich riss ein Stück Tape ab, schlich mich geduckt an der Tür vorbei und klebte, ohne innezuhalten, den Spion zu.

Fred fummelte einen Schlüssel von seinem massiven Bund, drückte ihn mir in die Hand und lehnte sich dann rücklings an die Wand gegenüber der Tür, zielte beidhändig, Arme gestreckt.

Anders als so viele mit Waffen herumfuchtelnde Clowns, die ich im Laufe der Jahre schon hatte erleben dürfen, schien er zu wissen, was er tat.

Ich fädelte – nach wie vor seitlich von der Tür – den Schlüssel ins Schloss, atmete einmal tief durch und drehte ihn um. Einmal, zweimal, zweieinhalbmal, und die Tür schwang nach innen.

»Wir gehen jetzt rein!«, kündigte Fred in gepresstem Tonfall an, machte einen langen Schritt vor und kickte die Tür bis zum Anschlag auf.

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Sie kamen in einem alten Subaru Impreza, sein Auspuff fast so laut wie meiner.

Weil ein halb rotlackierter, halb dem Rostfraß anheimgefallener 77er Toyota heutzutage nicht mehr wirklich als ›unauffällig‹ durchgeht, hatte ich aller Ungeduld zum Trotz die Nacht abgewartet, bevor ich mich auf die Autobahn wagte. Jetzt wuchsen die Zweifel, ob das wirklich so eine gute Idee gewesen war.

Sie kamen mit Standlicht und der angestrengten Unauffälligkeit von nicht wirklich geübten Wegelagerern. Also Augen gen Himmel, unschuldiges Pfeifen, Knüppel hinterm Rücken versteckt, so ungefähr. Auf die Autobahn übertragen hieß das, sie pirschten sich an mein Heck heran, scherten dann aus, zögerten, uneins über die Vorgehensweise, ließen sich wieder zurückfallen und versuchten es nach ein paar Kilometern erneut. Leider bedeutet ungeübt aber nicht gleichzeitig auch ungefährlich.

Ich hielt mein Tempo knapp überm 130er-Limit wie schon die ganze Zeit und wartete ohne jede Begeisterung ihren ersten Schritt ab. Die Autobahn war gerade, flach und ungewöhnlich leer. Sie robbten sich heran. Fünf Mann, wie ich im Rückspiegel ausmachen konnte, alle Blicke auf mich gerichtet. Dunkelhaarig, dunkelhäutig, Südfranzosen, Nordafrikaner, oder aber Südosteuropäer. Schwer zu sagen, und es spielte eigentlich keine Rolle. Straßenräuber sind Straßenräuber, und wenn sie semmelblond und mit Apfelbäckchen daherkommen.