Buchinfo
Der unglaubliche Ritt durchs australische Outback
Australien, 1861. Der 16-jährige Stallbursche Ray träumt davon, mit seinem Lieblingsrennpferd Archer am ersten Melbourne Cup teilzunehmen. Doch niemand glaubt an ihn. Wie durch ein Wunder schafft er es, den Gestütsbesitzer zu überzeugen. Eine lange, gefährliche Reise beginnt, die Ray und Archer 500 Meilen durchs Outback führt. Sie müssen nicht nur gegen Hunger, Hitze und Verletzungen ankämpfen, sondern auch gegen Diebe, die es auf das kostbare Rennpferd abgesehen haben und vor nichts zurückschrecken …
Autorenvita
© Axel Schulten
Astrid Frank, 1966 in Düsseldorf geboren, studierte Biologie, Germanistik und Pädagogik. Bereits während ihres Studiums arbeitete sie als Rezensentin und als Lektorin für mehrere deutsche Verlage und machte außerdem eine Ausbildung zur »Zoobegleiterin des Kölner Zoos«. Nach dem Studium arbeitete sie ein halbes Jahr in einer Buchhandlung und als freie Lektorin und Übersetzerin. Seit 1998 schreibt sie Romane für Kinder und Jugendliche. Astrid Frank lebt mit ihrer Familie in Köln.
www.astridfrank.de
Das Rennpferd galoppiert mit seiner Lunge,
es kämpft mit seinem Herzen,
aber es gewinnt mit seinem Charakter!
Federico Tesio, 1869–1954, italienischer Pferdezüchter
In der Traumzeit lag die ganze Erde im Schlaf.
Nichts wuchs. Nichts bewegte sich.
Alles war ruhig und still.
Oodgeroo
Ray strich Emily unbeholfen über die blonden Locken. Er traute sich kaum, sie anzuschauen. Als fürchtete er sich vor ihren Tränen.
»Du wirst sehen«, sagte er und versuchte, Zuversicht und Gelassenheit in seine Stimme zu legen, »es dauert nicht lange und wir können wieder zusammen sein.«
Emily bemühte sich tapfer zu nicken, aber das machte es für Ray nur noch schwerer. Der kleine Engel versuchte seinetwegen stark zu sein. Emily wollte es ihm leicht machen! Und zeigte ihm dabei nur noch deutlicher, wie alleingelassen sie sich fühlte.
»Es ist bestimmt toll in Melbourne«, fuhr Ray fort. »Du wirst sehen …« Er merkte, dass er sich wiederholte. »Ich komme dich bei Tante Amy besuchen, sobald ich kann.«
Jetzt bohrte Emily ihre großen runden blauen Augen in seine und zog lautstark die Nase hoch. »Versprichst du es?«
Ray versuchte zu lächeln. »Ich verspreche es.«
»Und wo wirst du wohnen?«
Ray zog die Schultern hoch. Ja, wo würde er wohnen? Jedenfalls nicht bei Tante Amy, die nur Platz für 8-jährige blond gelockte Engel hatte, aber nicht für 16-jährige mit erstem Bartwuchs. Auch dann nicht, wenn beide Kinder ihrer verstorbenen Schwester waren. Oder vielleicht gerade deswegen nicht. Tante Amy machte wenigstens keinen Hehl daraus, dass sie Ray seine Ähnlichkeit mit seiner Mutter vorwarf. Warum das allerdings so war, darüber konnte Ray nur spekulieren. Er ahnte aber, dass sich Tante Amy als Kind immer zurückgesetzt gefühlt hatte, dass sie davon überzeugt gewesen war, weniger geliebt zu werden als ihre kleine Schwester. Und da Emily mehr dem Vater mit seinem sanften Wesen ähnelte als der Mutter, die immer dickköpfig gewesen war, hatte er jetzt die schlechteren Karten.
»Ich werde schon etwas finden«, antwortete er schließlich. »Mach dir meinetwegen keine Sorgen.«
In diesem Augenblick trat Tante Amy aus dem Haus, Emilys kleinen Koffer in der rechten Hand, der alles enthielt, was das Mädchen besaß. Hinter ihr zog der Reverend Father Smith die Haustür ins Schloss und verriegelte sie anschließend sorgfältig. Er drückte mehrfach gegen das morsche Holz, um sich zu vergewissern, dass sie auch wirklich verschlossen war. Schließlich würde das Haus jetzt voraussichtlich für einige Zeit leer stehen und sollte nicht zum Ziel für Randalierer oder Obdachlose werden.
Ray widerstand dem Impuls, sich auf den Reverend zu stürzen und ihm den Schlüssel aus der Hand zu reißen. Den Schlüssel zu seinem Zuhause. Er würde es nie wieder betreten. Andere Menschen würden kommen und in dem kleinen Haus wohnen. Eine Mutter, ein Vater, zwei Kinder vielleicht. Ein Junge und ein Mädchen. So wie es früher auch bei ihnen gewesen war.
»Emily, mein Schatz.« Tante Amy beugte sich ein wenig zu dem Mädchen hinunter. »Es wird Zeit. Du musst jetzt in die Kutsche steigen.« Sie versuchte, Emily am Ärmel ihres dünnen Kleidchens mit sich zu ziehen, doch Emily entwand sich ihrem Griff und schlang ihre Ärmchen um Ray.
Ray spürte ihre Tränen an seiner Schulter, als er Emily in die Luft hob und fest an sich drückte. Er schloss die Augen, um Tante Amys Blicken zu entgehen, die ihn mit hochgezogenen Augenbrauen musterte, als täte er etwas Verbotenes. »Mach’s gut, mein kleiner Engel«, flüsterte er seiner Schwester ins Ohr.
»Kommst du bald und holst mich nach Hause?«
Ray räusperte sich, um die Tränen zurückzuhalten. »Ja, ich komme bald«, antwortete er endlich und ignorierte absichtlich den zweiten Teil von Emilys Frage. Wie gern hätte er ihr gesagt, dass er sie bald, ganz bald nach Hause holte. Aber es gab kein Zuhause mehr. Er wusste ja nicht einmal, wohin er selbst gehen sollte. Das Haus, in dem sie bislang gewohnt hatten, gehörte ihnen nicht. Nicht mehr. Es würde verkauft werden, um die Schulden zu bezahlen, die Rays und Emilys Vater angesammelt hatte. Falls jemand es haben wollte, denn es war nicht gerade in allerbestem Zustand.
Das Kutschpferd schnaubte und Tante Amy stieß ungehalten die Luft aus. »Jetzt wird es wirklich Zeit, Liebes«, sagte sie und zupfte an Emilys Arm.
Ray setzte seine kleine Schwester auf den Boden und sah zu, wie sie sich von Tante Amy widerwillig und stolpernd zur Kutsche zerren ließ, den Blick unverwandt zurück auf ihn gerichtet. Er versuchte zu lächeln, obwohl ihm nicht im Geringsten danach zumute war. Viel lieber hätte er Tante Amy zur Seite geschubst, Emily geschnappt und wäre mit ihr davongelaufen.
Aber wohin?
Der Reverend hob Emily in die Kutsche und half anschließend Tante Amy hinauf, die sich dicht neben das Mädchen setzte und den Arm um es legte. Es sah nach einer beschützenden Geste aus und doch diente sie wohl mehr dem Zweck, Emily am Fortlaufen zu hindern.
Der Kutscher schnalzte mit der Zunge und das Kaltblut setzte sich langsam in Bewegung, während der Reverend neben Ray trat und ihm tröstend eine Hand auf die Schulter legte.
Ray sah der Kutsche hinterher, bis sie in einer Staubwolke hinter der nächsten Wegbiegung verschwunden war. Erst dann wurde ihm bewusst, dass sich Tante Amy noch nicht einmal von ihm verabschiedet hatte.
Dann erwachte eines Tages die Regenbogenschlange …
und drängte sich durch die Erdkruste …
Oodgeroo
Ray scharrte mit den Füßen im Sand. Den Kopf hielt er gesenkt, nachdem die beiden chinesischen Mädchen, die ihn zuvor aus sicherem Abstand beobachtet hatten, verschwunden waren. Die größere der beiden war etwa in Rays Alter gewesen und Ray hatte sie trotz ihrer Andersartigkeit – oder womöglich auch gerade deswegen – sehr hübsch gefunden. Die zweite hatte ihn an Emily denken lassen, denn sie war wie seine kleine Schwester ungefähr acht oder neun Jahre alt gewesen und hatte die ganze Zeit albern gekichert. Dann hatte die Kleinere plötzlich die Hand der Größeren ergriffen und sie mit sich davongezogen, bevor Ray Gelegenheit gehabt hätte, sie anzusprechen. Allerdings hätte er sich das ohnehin nicht getraut. Vielleicht waren die zwei auch Geschwister gewesen? So wie er und Emily?
Neben ihm auf dem staubigen Boden stand sein Koffer, in dem alles Platz gefunden hatte, was ihm geblieben war. Viel war es nicht. Zwei Unterhosen, zwei Paar mehrfach gestopfte Strümpfe, ein Unterhemd, das bereits löchrig war, sein gutes Hemd und eine Ersatzhose. Die verblasste Fotografie, die Mum, Dad, ihn und Emily als Baby zeigte, hatte er seiner Schwester mitgegeben. Als Erinnerung.
Er hob kurz den Kopf und blickte zu den zwei Männern, die einige Meter entfernt von ihm standen und sich leise unterhielten. Ab und zu schaute einer von ihnen zu Ray hinüber.
Der Reverend stand mit dem Rücken zu ihm. Ray konnte am Zucken seiner Schultern sehen, dass er wild mit den Händen gestikulierte, während er auf den anderen Mann einredete. Der andere hingegen rührte sich kaum. Ab und zu hob er seine Hand, um sich am Kinn oder am Hals zu kratzen. Ansonsten stand er stocksteif da und hörte sich scheinbar geduldig an, was der Reverend ihm zu sagen hatte.
Das Klappern von Hufen ließ Ray aufhorchen. Er wendete den Kopf und blickte dem jungen Mann hinterher, der einen großrahmigen rotbraunen Hengst mit schwarzer Mähne und Schweif und schwarzen Fesseln an ihm vorbeiführte. Ray lächelte dem anderen freundlich zu – er schien ungefähr in seinem Alter zu sein –, doch der Fremde verzog nicht eine Miene. Vielmehr beeilte er sich nun noch mehr, an Ray vorbeizukommen.
Wenn es dem Reverend nicht gelang, Mr de Mestre zu überreden, Ray als Stallburschen aufzunehmen, dann würde er sich Gedanken darüber machen müssen, was weiter mit ihm geschehen sollte. Vielleicht konnte er sein Glück auf den Goldfeldern suchen?
»… guter Junge … wird fleißig arbeiten.« Der Wind trug die Wortfetzen zu Ray hinüber. Aber er wusste ohnehin, was der Reverend sagte: dass Ray kein Zuhause mehr hatte. Dass nach dem Tod der Mutter vor vielen Jahren nun auch der Vater verstorben war. Dass die Tante in Melbourne nur über Platz für Rays kleine Schwester Emily verfügte. Dass Ray nicht wusste, wo er hinsollte, wenn Mr de Mestre ihn nicht bei sich aufnahm …
Ray fühlte sich wie ein Bittsteller. Dabei wollte er doch nur eine Arbeit, die ihm ein Dach über dem Kopf und eine warme Mahlzeit am Tag verschaffte. Er wandte sich ab, als er merkte, dass Mr de Mestre ihn musterte. Die Blicke des Mannes waren ihm unangenehm. Als fürchtete er, einer Prüfung nicht standhalten zu können.
Mr de Mestre betrachtete den jungen Mann eingehend, den der Reverend ihm in den höchsten Tönen anpries. Und was er sah, gefiel ihm nicht. Der Junge war schmächtig, seine Kleider schlackerten um seinen unterernährten Körper. Und war er für einen 16-Jährigen nicht viel zu klein? Das Gesicht wirkte blass unter den lockigen dunklen Haaren und die ebenfalls dunklen Augen in dem ausgemergelten Gesicht mit den viel zu deutlich hervortretenden Wangenknochen erschienen ihm wie große tiefe Teiche.
»Was ich suche, ist ein Stallbursche«, sagte er. »Jemand, der kräftig anpacken kann und körperliche Arbeit nicht scheut.«
»Ray kann arbeiten«, entgegnete der Reverend. »Und er hat ein Händchen für Pferde.«
Mr de Mestre schwieg, während seine Augen auf Ray ruhten. Er war in Nöten, seit zwei seiner Stallburschen gemeinsam zu den Goldminen abgewandert waren, in der Hoffnung auf schnellen Reichtum. Doch er bezweifelte, dass dieser hagere Kerl genügend Kraft hatte, den ganzen Tag lang Ställe auszumisten, Schubkarren zum Misthaufen zu fahren und dort zu entleeren, die Stallgasse zu säubern, die Pferde zu striegeln, ihre Hufe auszukratzen und sie auf die Weide zu bringen, Heu für die Pferde heranzuschaffen, die Weidezäune auszubessern und was sonst noch alles anfiel.
»Geben Sie ihm eine Chance«, sprach der Reverend weiter. »Ich versichere Ihnen, dass Ray Sie nicht enttäuscht.« Er seufzte. »Mr de Mestre. Alles, was Ray braucht, ist ein Dach über dem Kopf und etwas zu essen. Einen Ort, an den er gehört. Der Junge hat alles verloren, was er zu verlieren hatte. Seine Mutter, seinen Vater, seine Schwester … sein Zuhause. Er hat nichts und niemanden mehr. Was haben Sie schon zu verlieren? Für einen Teller Suppe am Tag und einen Platz im Stroh bekommen Sie eine Arbeitskraft!«
Mr de Mestre schwieg immer noch.
»Ich mache Ihnen einen Vorschlag«, fuhr Reverend Smith fort. »Nehmen Sie ihn für 14 Tage bei sich auf. Und wenn Sie danach immer noch glauben, er eigne sich nicht als Stallbursche, komme ich zurück und hole ihn ab.«
»Und wohin bringen Sie ihn dann?«
Der Reverend zuckte mit den Schultern und schüttelte gleichzeitig den Kopf. »Ich weiß es nicht«, antwortete er.
Mr de Mestre strich sich die Haare aus dem Gesicht. Die Vorstellung, dass der Junge niemanden hatte, an den er sich wenden konnte, gefiel ihm nicht. Mit 16 war man vielleicht kein Kind mehr, aber man war weiß Gott auch noch nicht alt genug, um sich mutterseelenallein durchs Leben zu schlagen. Jedenfalls sah er das so. »Also gut«, sagte er schließlich. »14 Tage. Danach sehen wir weiter.«
Der Reverend nickte und streckte Etienne de Mestre die Hand entgegen. »Abgemacht«, sagte er. »In 14 Tagen komme ich wieder.«
Mr de Mestre grunzte mürrisch, während er die Vereinbarung mit einem Handschlag besiegelte.
Der Reverend wandte sich zu Ray um und winkte ihn herbei.
Ray hob seinen Koffer hoch und beeilte sich, zu den zwei Männern hinüberzugehen. Sein Herz schlug ihm bis zum Hals. Wie hatte sich Mr de Mestre entschieden? Würde er ihm eine Chance geben zu beweisen, was er konnte? Durfte er bleiben? Wenn nicht, musste er wohl oder übel auf der Straße übernachten. Nun, zumindest besaß er nichts, was man ihm stehlen konnte.
»Ray, das ist Mr de Mestre«, sagte der Reverend, sobald Ray neben ihm stand. »Er hat eingewilligt, dich zur Probe zu nehmen. Du kannst vorerst hierbleiben.«
Ein Lächeln huschte über Rays Gesicht. »Ich danke Ihnen, Sir«, sprudelte es aus ihm hervor. »Ich danke Ihnen.«
»Danke nicht mir«, antwortete Mr de Mestre, »danke lieber dem Reverend. Er hat sich ganz schön für dich ins Zeug gelegt. Wenn auch nur die Hälfte von dem stimmt, was er gesagt hat, dann bist du so etwas wie ein Fleisch gewordener Engel.«
Der Reverend lachte und Ray spürte, wie ihm das Blut in den Kopf stieg und seine Wangen rötete.
»Auf jeden Fall werde ich mich bemühen, Sie nicht zu enttäuschen«, erwiderte er leise und mit gesenktem Kopf.
»Schön, schön«, antwortete Mr de Mestre zerstreut und winkte den Jungen herbei, der kurz zuvor bereits Rays Weg gekreuzt hatte und nun ohne den rotbraunen Hengst auf dem Rückweg zu den Weiden war, um ein weiteres Pferd zu holen und in den Stall zu führen. »Nick, komm doch mal her!«, rief er ihm zu.
»Sir?«, sagte Nick, sobald er bei ihnen war. Ray würdigte er dabei keines Blickes, doch dem Reverend nickte er zum Gruß wortlos zu.
»Das hier ist …«
»Ray, Sir, mein Name ist Ray.«
»Also, das hier ist Ray. Zeig ihm doch bitte den Schlafboden und nimm ihn anschließend mit in den Stall, um ihm alles zu erklären.«
»Aber …«
»Ja?«
»Soll das heißen …«
»Ray wird Antonys Platz einnehmen. Er arbeitet ab jetzt hier.«
Nick verzog das Gesicht zu einer Grimasse.
»Hast du damit irgendein Problem?«
»Nein, Sir, natürlich nicht«, erwiderte Nick und wies Ray mit einer knappen Kopfbewegung an, ihm zu folgen.
Ray stieg die schmale Leiter hinauf und stellte seinen zerschlissenen Koffer in der Ecke auf dem Heuboden ab, die der andere ihm wortlos wies. Der Boden war so niedrig, dass er sich bücken musste, wenn er nicht mit dem Kopf gegen einen der vielen Holzbalken stoßen wollte. Auf dem Weg zum Schlafboden hatte er versucht, mit Nick ins Gespräch zu kommen, doch der hatte sich nicht einmal die Mühe gemacht, ihm zu antworten. Jetzt stand er auf einer der obersten Stufen der Leiter und beobachtete Ray aus zusammengekniffenen Augen.
»Was willst du hier?«, fragte er, als sich Ray zu ihm umwandte.
»Arbeit«, antwortete Ray. »Was sonst?«
»Bild dir ja nicht ein, du könntest dich bei Mr de Mestre einschleimen, klar?« Nick funkelte den Neuen wütend an. »Hier im Stall habe ich das Sagen und sonst keiner, klar?«
Ray zog überrascht die Augenbrauen hoch.
»Du tust, was ich dir sage, klar?«
»Klar«, antwortete Ray und wich unwillkürlich einen Schritt zurück. »Keine Bange, ich will hier niemandem was wegnehmen.«
»Das kannst du auch gar nicht. So wie du aussiehst, schaffst du es ja nicht mal, einen Futtersack hochzuheben. Geschweige denn, ein Pferd zu reiten.«
Ray antwortete nicht, um den anderen nicht weiter zu erzürnen. Es wäre vermessen gewesen zu behaupten, dass er ein guter Reiter war. Denn weder hatte er viel Erfahrung vorzuweisen noch jemals die Gelegenheit gehabt, sich mit anderen zu messen. Aber ganz gewiss gab es nichts auf der Welt, was er lieber tat.
Schon als 5-Jähriger hatte er auf dem Pferd seiner Mutter gesessen. Und wenn er sich zurückerinnerte, dann kam es ihm manchmal so vor, als wären die Ausritte auf dem Apfelschimmel die glücklichsten Momente seiner Kindheit gewesen. Mit acht hatte er sich zum ersten Mal allein auf den Weg gemacht. Er hatte Applepie gesattelt und war mit ihr querfeldein geritten. Die Strafpredigt seines Vaters, die er sich nach seiner Rückkehr am Abend anhören durfte, würde er sein Leben lang nicht mehr vergessen. Er hatte nicht daran gedacht, jemandem Bescheid zu sagen, und seine Eltern waren in heller Aufruhr gewesen, weil sie ihn nirgends finden konnten.
Als seine Mutter vor vier Jahren gestorben war, hatte Rays Vater Applepie verkauft. Sie konnten es sich nicht leisten, ein Pferd zu ernähren, das nicht gebraucht wurde. Und nach Mums Tod brauchte es niemand mehr.
Sich von Applepie zu trennen, war Ray unglaublich schwergefallen. Erst der Verlust des Pferdes schien dem damals 12-Jährigen die Tragweite des Todes seiner Mutter begreiflich zu machen. Tagelang hatte er seinen Vater angefleht, Applepie behalten zu dürfen. Behielte er sie, war es fast so, als wäre ein Teil seiner Mutter noch bei ihm. Aber sein Dad hatte immer nur traurig den Kopf geschüttelt und wieder und wieder beteuert, dass sie es sich nicht leisten konnten, die Stute zu behalten – jetzt, nachdem Mutter tot war und die Kosten für den Unterhalt des Pferdes nicht mehr mit ihrer Arbeit erwirtschaftete.
Rays Mutter Lilly war Hebamme gewesen. Umso makaberer erschien es Ray, dass sie während der Geburt ihres eigenen dritten Kindes gestorben war. Der Junge war zu früh gekommen. Viel zu früh. Weder er noch Lilly hatten es überlebt. Seine Mutter war verblutet, weil es niemanden gab, der ihre Blutung stoppen konnte.
Die Nachbarn hatten hinter vorgehaltenen Händen gemunkelt, dies sei Gottes Strafe gewesen, weil Lilly noch während der Schwangerschaft zu ihren Patientinnen geritten war. Und zwar nicht im Damensitz, wie es sich ihrer Meinung nach gehörte, sondern breitbeinig wie ein Mann.
Aber Lilly hatte immer beteuert, dass es ihr unmöglich sei, im Seitsitz zu galoppieren, ohne vom Pferd zu fallen. Und sie war geritten wie der Teufel persönlich. Ray musste schmunzeln, als er jetzt daran zurückdachte.
»Bist du fertig? Dann zeige ich dir den Stall und die Pferde.« Ohne eine Antwort abzuwarten, stieg Nick die steile Leiter wieder hinab und Ray beeilte sich ihm zu folgen.
Während Nick mit weit ausholenden Schritten voraneilte, ruhte Rays Blick auf seinem Rücken. Der Stalljunge strahlte von der äußersten Haarspitze bis zu den Zehen Ablehnung aus und Ray hätte gerne gewusst, woran das lag. Er schien zu fürchten, der Neue wolle ihm irgendetwas streitig machen. Aber Ray hatte nicht die geringste Ahnung, was das sein sollte.
In der Boxengasse herrschte angenehmes Dämmerlicht. Rays Augen brauchten eine Weile, um sich daran zu gewöhnen, doch Nick schien nicht die Absicht zu haben, ihm diese Zeit zu gewähren.
»Das ist Blueberry«, sagte er, während er an der ersten Box vorbeieilte. Weder hielt er an, um Ray die Chance zu geben, das Pferd näher zu betrachten, das ihm gezeigt worden war, noch schien er Ray Gelegenheit geben zu wollen, ihm irgendeine Frage zu dem Rappen zu stellen. Stattdessen lief er bereits an der nächsten Box vorbei. »Hier steht normalerweise Sunny, die ist aber noch auf der Weide, das hier ist Boxer, der Fuchs dort heißt Fox. Er ist das beste Pferd im Stall. Und daneben steht Cloudy …«
Ray blieb vor Cloudy stehen und betrachtete die Stute, die ihn entfernt an Applepie erinnerte. Auch Cloudy war ein Apfelschimmel, aber Ray erkannte auf Anhieb, dass erheblich mehr Vollblut durch ihre Adern floss.
»… diese Box gehört Misery, die ist noch mit Sunny auf der Weide, und das hier ist Vagabond.« Nick wandte sich zu Ray um, der stehen geblieben war und sich nun beeilte, zu dem anderen aufzuschließen. Kaum hatte er ihn erreicht, rannte Nick auch schon wieder los, während Ray den kastanienbraunen Hengst vor sich musterte. »Das ist Archer, die Dampflok, und der letzte in dieser Reihe ist Rainbow.«
Ray versuchte sich seine Verwirrung nicht anmerken zu lassen. Nick hatte ihm die Pferde so schnell vorgestellt, dass er Mühe hatte, sich alle Namen zu merken. Jetzt blieb er vor der Box des rotbraunen Hengstes stehen und betrachtete ihn. Das Pferd war recht groß und hatte eine auffallend kräftige Nacken- und Halspartie und eine muskulöse Brust.
»Den hier hast du eben an mir vorbeigeführt, stimmt’s?« Ray wandte sich zu Nick um, der einige Schritte entfernt lässig an der Wand lehnte und ihn mit vor der Brust verschränkten Armen musterte. Jetzt nickte er schwerfällig, als gäbe er Ray nur ungern recht.
»Und wieso nennst du ihn Dampflok?«
»Das wirst du schon merken, wenn du ihn das erste Mal rennen siehst.«
Ray wandte sich wieder zu dem Junghengst um und strich ihm behutsam mit einer Hand über die Blesse an seiner Stirn. »Hallo, Archer«, sagte er, »mein Name ist Ray.«
Das Pferd stieß ein wohliges Schnauben aus und rieb seine Nüstern an Rays Hand.
»Wenn ihr mit eurer gegenseitigen Vorstellung fertig seid«, ertönte Nicks sarkastische Stimme aus dem Hintergrund, »dann kannst du schon mal anfangen, die Boxen auszumisten.« Und er warf Ray ohne Vorwarnung eine Mistgabel zu, die dieser in letzter Sekunde auffing, bevor sie mit den spitzen Zinken voran auf seinen Füßen landete.
Ray begann mit Sunnys und Miserys Boxen, solange die zwei Stuten noch auf der Weide waren. Sorgfältig hob er die Einstreu mit der Heugabel hoch, schüttelte die trockenen Anteile heraus und sammelte den Dung auf der bereitgestellten Schubkarre. Der beißende Geruch des Pferdeurins stieg ihm in die Nase, doch er beachtete ihn nicht. Er war froh, dass Mr de Mestre ihm eine Chance gab, und er wollte alles dafür tun, um hierbleiben zu können. Wenn er nur fleißig genug arbeitete und ein wenig Geld verdienen konnte, dann würde er es vielleicht auch eines Tages schaffen, Emily zurück nach Hause zu holen. Natürlich musste er dafür erst einmal eine Bleibe für sie beide finden, die er bezahlen konnte, und Emily musste ein wenig älter sein, damit sich die Nachbarn nicht ihre Münder darüber zerrissen, dass so ein kleines Mädchen nicht in die alleinige Obhut ihres Bruders gehörte. So wie sie es bis jetzt getan hatten. Aber vielleicht in zwei oder drei Jahren …
Die eintönige Arbeit gab Ray die Möglichkeit, seinen Gedanken nachzuhängen. Und er hatte viel, worüber er nachdenken konnte. Heute war es genau eine Woche her, dass sein Vater beerdigt worden war. Reverend Smith hatte eine schöne Grabrede gehalten: Robert Grayfield hatte ein achtbares und gottesfürchtiges Leben geführt und war seinen beiden Kindern Raymond und Emily ein liebender und treu sorgender Vater gewesen. Erst recht nach dem viel zu frühen Tod seiner ehrbaren Gattin Lilly, mit der er nun in Gottes Reich wieder vereint war. Und so weiter und so weiter.
Emily hatte mit versteinertem Gesicht neben Ray gestanden und irgendein Kinderlied vor sich hin gesummt. Als wollte sie um jeden Preis verhindern, etwas von dem mitzubekommen, was der Reverend erzählte. Einige Nachbarinnen, die an der Zeremonie teilnahmen, schüttelten darüber missbilligend den Kopf. Doch Ray legte seiner kleinen Schwester demonstrativ den Arm um die Schultern und funkelte die gehässigen Frauen giftig an. Sollte es ja eine wagen, etwas Böses zu Emily zu sagen! Dann würde sie es mit ihm zu tun bekommen. Wenn Emily ein Lied summen wollte, um ihre Trauer zu bewältigen, dann war das ihr gutes Recht! Und er – Ray – würde dafür sorgen, dass die 8-Jährige auf ihre eigene Weise damit fertig wurde, nach der Mutter nun auch noch den Vater verloren zu haben.
Zehn Tage, dachte Ray. Vor zehn Tagen war sein Vater während des gemeinsamen Frühstücks einfach von seinem Stuhl gekippt und tot auf dem Fußboden liegen geblieben. Ohne jede Vorwarnung. Ohne jedes Anzeichen. Und mit einem Mal, von einer Sekunde auf die andere, war alles anders. War sein bisheriges Leben vorbei. Ausgelöscht.
Ray stützte sich auf die Forke und wischte sich den Schweiß von der Stirn, bevor er in seine Augen rinnen konnte. Die Arbeit war anstrengend. Das überraschte ihn zwar nicht, dennoch fühlte er sich über alle Maßen erschöpft. Seine Hände zitterten und sein Herz raste. Er wusste, dass er etwas zu essen und zu trinken gebraucht hätte, aber selbstverständlich konnte er niemanden darum bitten. Er konnte sich Nicks hämisches Gesicht gut vorstellen, wenn er bereits nach dem Ausmisten von zwei Boxen eine Pause einlegen würde, obwohl er noch sieben Boxen vor sich hatte. Nein, diese Genugtuung würde er dem anderen nicht gönnen. Und auch Mr de Mestre sollte nicht glauben, Ray wäre zu schwach für diesen Job. Er musste auf die Zähne beißen. Um jeden Preis.
Ray schob die bereits gut gefüllte Schubkarre aus der gesäuberten Box und band Blueberry an einem Haken auf der Boxengasse fest, um sich an das nächste Stallabteil zu machen.
Es war nicht so, dass er Probleme mit körperlicher Arbeit hatte. Im Gegenteil. Oft hatte er seinem Vater geholfen, der als Schnitter bei der Getreideernte arbeitete oder zur Schafschur angestellt wurde und auch sonst jeden Job annahm, den man ihm anbot, um die Schulden nicht ins Unermessliche wachsen zu lassen. Was aber im Lauf der Zeit trotzdem geschehen war. Meistens waren diese Jobs mit harter körperlicher Arbeit verbunden gewesen. Aber in den letzten Tagen hatte Ray nicht nur zu wenig Schlaf abbekommen, auch seine Mahlzeiten waren äußerst unregelmäßig gewesen. Nachts wälzte er sich in seinem Bett hin und her, von Albträumen geplagt, und tagsüber fand er vor lauter Sorgen um seine und Emilys Zukunft nicht die nötige Ruhe zum Essen. Außerdem hatte er stets das Bild seines tot auf dem Boden liegenden Vaters vor Augen und hörte wieder und wieder Emilys entsetzten Aufschrei.
»Hi!«
Ray zuckte zusammen, als er die Stimme hinter seinem Rücken vernahm. Er hatte niemanden kommen hören und als er sich jetzt umwandte und sich einem jungen Mann gegenübersah, brauchte er eine Weile, um sich zu sammeln.
»Ich bin Tom«, sagte der Fremde und streckte Ray eine kräftige, große Pranke entgegen, der man ansah, dass sie zupacken konnte.
»O … hi.« Ray ergriff die ihm dargebotene Hand und schüttelte sie. »Mein Name ist Ray.«
»Hi, Ray, was machst du hier?«
»Ich … äh … ich arbeite hier. Mr de Mestre hat mich als Stalljungen angestellt.«
»Das ist gut«, antwortete Tom. »Wir können jede helfende Hand gebrauchen.«
Ray musterte den anderen. Er schien etwas älter zu sein als er selbst. Ray schätzte ihn auf Mitte zwanzig. Tom war groß und auf eine sonderbare Weise gut aussehend. Sein Gesicht war kantig und die viel zu große Nase stach schief daraus hervor. Auf seinem Kinn zeigte sich der Schatten eines Bartes, als hätte Tom heute Morgen vergessen sich zu rasieren, und verlieh ihm einen verwegenen Ausdruck. Aber vor allem war er freundlich. »Arbeitest du auch hier?«
Tom nickte. Dann fiel sein Blick auf die Schubkarre, auf der sich der Mist bereits gefährlich hoch türmte. »Ich bring dir mal die Schubkarre weg, okay? Vor Archers Box steht noch eine kleinere. Nimm die solange.«
»Danke«, sagte Ray und fühlte sich augenblicklich besser. Endlich traf er jemanden, der freundlich zu ihm war. Er hatte schon Sorge gehabt, dass er sich alleine mit Nick herumschlagen musste, aber Toms Anwesenheit gab ihm neuen Mut, was die Zukunft betraf. Vielleicht würde es hier doch nicht so schlimm werden, wie er zunächst befürchtet hatte.
Es war keineswegs so, dass Ray an Luxus gewöhnt gewesen wäre. Und doch wälzte er sich trotz seiner Erschöpfung am Abend auf seinem Heulager hin und her und fand keine Position, in der ihm ein Einschlafen möglich schien. Zu viel Neues war an diesem Tag auf ihn eingeströmt und auch jetzt noch dachte er an die freundliche dicke Köchin, die ihm beim Abendessen mit einem Augenzwinkern einen zweiten Teller aufgefüllt hatte, nachdem er den ersten in weniger als einer Minute geleert hatte. Auf jeden Fall hatte der Eintopf köstlich geschmeckt und er durfte so viel davon essen, wie er wollte!
Jetzt schickte der Mond seine silbernen Strahlen durch das kleine Dachfenster mitten in sein Gesicht und erhellte den Scheunenboden gerade so weit, dass Ray Nicks Silhouette am anderen Ende wahrnehmen konnte.
Auch Nick schien nicht zur Ruhe zu kommen. Vielleicht war es Rays Anwesenheit, an die er sich erst gewöhnen musste?
»Wo schläft eigentlich Tom?« Ray traute sich die Frage zu stellen, nachdem er bemerkt hatte, dass Nick ebenfalls mit offenen Augen auf die Holzdecke über sich starrte.
»Tom? Der hat schon Frau und Kind. Sie wohnen hinten am kleinen Fluss in einer der Hütten.«
»Und außer ihm und uns hat Mr de Mestre keine weiteren Stallburschen?«
»Anthony und George haben sich aus dem Staub gemacht, um auf den Goldfeldern zu arbeiten. Sie glauben, dass man dort schneller reich werden kann.«
Ray hatte schon davon gehört, dass einige der Diggers, wie man die Goldsucher nannte, binnen kürzester Zeit ein Vermögen gemacht hatten. Und hätte Mr de Mestre ihn nicht bei sich aufgenommen, so hätte er wohl ebenfalls sein Glück in Braidwood oder Victoria gesucht.
Noch immer trafen regelmäßig Schiffe mit Männern aus Großbritannien, Amerika oder China im Hafen von Sydney ein, die von den großen Goldvorkommen gehört hatten. Auch wenn es längst nicht mehr so viele waren wie noch vor einigen Jahren, als täglich mehrere Schiffe an den Küsten vor Anker gingen. Vor allem die Chinesen erwiesen sich als äußerst erfolgreich. Sie arbeiteten in großen Gruppen zusammen oder waren sogar im Auftrag von Unternehmen nach Australien geschickt worden, um dort nach Gold zu schürfen.
Ray dachte an die beiden Mädchen, denen er am Vormittag auf der Straße begegnet war, als Reverend Smith ihn hierher gebracht hatte. Vermutlich kamen sie aus einer dieser Goldsucherfamilien, die sich in und um Braidwood, auch hier in Jembaicumbene, niedergelassen hatten. Und wenn dem so war, dann bestand vielleicht die Chance, sie wiederzusehen. Er wusste, dass die Chinesen meistens unter sich blieben. Sie hatten regelrechte Siedlungen erbaut, in denen sie lebten, ihre eigenen Tempel aufsuchten, um darin zu beten, und sich zum Teil sogar ihre eigenen Gärten angelegt, die die Australier immer wieder in Staunen versetzten. Es waren Gärten ohne Rasen, in denen Brücken über Wasserläufe führten, kleine rot gestrichene Häuser mit spitzen Dächern standen und Steine zu kunstvollen Gebilden formiert wurden.
Die Einheimischen beobachteten die Neuankömmlinge mit zunehmendem Misstrauen. Je mehr von ihnen auftauchten, desto kritischer wurden sie begutachtet. Überfälle auf chinesische Ansiedlungen, Brandstiftung oder gewalttätige Attacken gegen Einzelne gehörten mittlerweile fast zur Tagesordnung. Und das war nur einer der Gründe, warum Ray froh war, unter seinesgleichen bleiben zu können. Er hätte nicht gewusst, was ihn auf den Goldfeldern erwartete. Freundlich und friedlich war die Stimmung dort jedenfalls nicht.
»Wenn Mr de Mestre mich nicht aufgenommen hätte, wäre ich wohl auch unter die Diggers gegangen«, sagte Ray jetzt.
Nick schnaubte. »Und wenn schon. Hier hätte dich keiner vermisst, klar?«
Ray drehte Nick den Rücken zu. Friedlich und freundlich war die Stimmung hier allerdings auch nicht gerade. So viel war ihm tatsächlich klar.
Als Nick am nächsten Morgen an seinen Schultern rüttelte, damit er aufwachte, fühlte sich Ray, als hätte er kein Auge zugetan. Um ihn herum war es noch stockfinster und Ray spürte nach der Nacht auf dem harten Untergrund jeden Knochen seines Körpers. Er nahm sich vor, möglichst bald seine Heumatratze aufzufüllen.
»Wie spät ist es denn?«, wollte er von Nick wissen.
»Zeit zum Aufstehen, klar?«
Ray stöhnte. Aber nur so leise, dass Nick es nicht hören konnte. Er wollte sich nicht mit ihm anlegen, denn er brauchte diesen Job. Und zwar um jeden Preis. Also stand er auf und folgte Nick schweigend zu den Stallungen.
Rays Müdigkeit war in der kalten Morgenluft bereits verflogen, als Nick die Tür zur Boxengasse aufstieß. Das freudige Schnauben der Pferde, die auf ihr Frühstück warteten, steigerte Rays Laune augenblicklich. Er liebte den Geruch der Pferdehaut, der sich über Nacht besonders intensiv ausgebreitet hatte.
»Ausmisten, klar?« Nick drückte Ray die Mistgabel in die Hand. »Wir fangen heute bei Rainbow an.« Er schritt schnurstracks durch die Stallgasse bis zur letzten Box.
Kaum hatte er die Tür zum Stallabteil geöffnet, drängte sich der lebhafte Hengst bereits an ihm vorbei. Nick musste sich mit seinem ganzen Gewicht gegen die Brust des Pferdes stemmen, um es zu stoppen, dann streifte er ihm mit geübten Händen ein Halfter über und band ihn am Putzhaken fest.
»Was stehst du da noch rum? Die Box ist frei, du kannst anfangen, klar?«, schnauzte er Ray an, der am anderen Ende der Stallgasse gewartet und Nick beobachtet hatte.
Ray nahm sich eine der beiden Schubkarren, legte die Mistgabel quer darüber und schob beides zum letzten Stallabteil. In der Zwischenzeit hatte Nick bereits Archer aus seiner Box geholt und band ihn gerade am zweiten Putzhaken fest.
»Und beeil dich diesmal ein bisschen, klar? Wir haben nicht den ganzen Tag Zeit.«
Ray ignorierte das Knurren seines Magens, der lautstark nach Frühstück verlangte, und hievte eine Forke voll Mist nach der anderen auf die Schubkarre. Bevor er sich an Archers Box machte, füllte er frisches Stroh in Rainbows Stallabteil, damit Nick den Hengst im Anschluss an das Striegeln und Auskratzen der Hufe sofort wieder in seine Box zurückführen konnte.
Mit einer gewissen Befriedigung stellte Ray nach der vierten Box fest, dass sie gut Hand in Hand arbeiteten. Wenn Nick mit dem Säubern eines Pferdes fertig war, führte er es in die Box zurück und band schon einmal das nächste Pferd an den Putzhaken, damit Ray ein Stallabteil nach dem anderen ausmisten konnte, ohne warten zu müssen.
Als sie fertig waren und alle Pferde zufrieden ihr erstes Frühstück zwischen den Zähnen zermalmten, stand die Sonne bereits am Himmel und Nick konnte nicht umhin, Ray anerkennend zuzunicken. »Alles klar«, sagte er. Und zum ersten Mal klang das klar nicht nach einer Drohung. »Mal sehen, was Elizabeth heute zum Frühstück gemacht hat.«
Sie wuschen sich die Hände und das Gesicht mit einem Eimer kalten Wassers und begaben sich anschließend auf den Weg zur großen Küche des Gestüts, wo die Köchin bereits mit dampfenden Töpfen auf sie wartete.
Ray schaufelte drei Portionen Porridge mit Bananen und Nüssen in sich hinein, bevor er sich den Teller mit Rührei und saftigem Schinken volllud und einen Kanten frischen Brots dazu aß.
Eins musste man Mr de Mestre lassen: Bei ihm musste niemand hungern. Und nach der schweren körperlichen Arbeit noch vor Sonnenaufgang wusste Ray ein solches Frühstück besonders zu schätzen. Erst als beim besten Willen kein Brotkrümel mehr in seinem Magen Platz gefunden hätte, schob Ray seinen Teller in die Mitte des Tisches und lehnte sich auf seinem Stuhl zurück.
Elizabeth lächelte den schmächtigen Jungen, der sich ihr Essen so gut hatte schmecken lassen, zufrieden an. »Wird auch Zeit, dass du was auf die Rippen kriegst«, sagte sie und stellte Rays Teller auf die Spüle.
Nick sah argwöhnisch zwischen Ray und Elizabeth hin und her, machte es Ray dann nach und schob seinen Teller von sich.
»Wie wäre es, wenn der junge Herr sich bequemen würde, sein Geschirr wegzuräumen?« Elizabeth stemmte die Fäuste in ihre runden Hüften und funkelte Nick von oben herab böse an.
Ray wäre es am liebsten gewesen, der Boden hätte sich unter ihm aufgetan und ihn verschlungen, als er Nicks Blicke auf sich spürte. Es hatte ihm gerade noch gefehlt, dass Nick Zündstoff für seinen Hass auf ihn, den Neuen, bekam!
Zum Glück polterte es in diesem Augenblick vor der Tür und Tom betrat, mit seinem charmanten schiefen Lächeln im Gesicht, ohne anzuklopfen die Küche.
»Elizabeth!«, rief er, als wäre es die erste große Freude seines Tages, der dicken Köchin zu begegnen, und Ray meinte, einen leichten roten Schimmer auf den Wangen der Frau zu sehen. »Hey, Nick, Ray«, fuhr Tom fort, »hab ich mir doch gedacht, dass ich euch hier finde.« Er ging wie selbstverständlich zur großen eisernen Kaffeekanne, die auf dem Kohleofen stand, und goss sich eine Tasse ein.
Elizabeth schien diese Selbstbedienung nichts auszumachen. Im Gegenteil, sie strahlte Tom an und fragte: »Möchtest du noch etwas Porridge?«
Tom winkte ab, während er in seinen heißen Kaffee pustete. »Ich würde gerne, aber leider hat der Boss mich beauftragt, diese beiden Nichtsnutze hier zu holen. Er will mit dem Training anfangen.«
Elizabeth wirkte regelrecht enttäuscht, stellte Ray fest. Offensichtlich hätte sie Tom gerne noch länger um sich gehabt. Eilfertig sprang er auf. Er konnte es kaum erwarten, dem Training der Rennpferde zuzusehen. Welche Aufgaben Mr de Mestre wohl für ihn hatte?
Ray griff nach seiner eigenen Kaffeetasse, um sie am Spülbecken abzustellen, doch Elizabeth nahm sie ihm aus der Hand und sagte: »Ist schon gut, mein Junge, ich kümmere mich darum.«
»Danke, das ist sehr freundlich.«
Nick sah zwischen Ray, der bereits an der Tür stand und wartete, und Tom, der soeben den letzten Schluck Kaffee getrunken hatte und nun Elizabeth seine leere Tasse reichte, hin und her. Dann stand er ebenfalls auf, griff nach seinem Becher und hielt ihn Elizabeth hin, die ihn jedoch nur verständnislos anblickte. Nick wartete einen Augenblick, doch als Elizabeth immer noch keine Anstalten machte, ihm den Becher aus der Hand zu nehmen, murrte er leise und stellte ihn selbst geräuschvoll im Spülbecken ab.
»Wir sollen Archer und Fox holen«, erteilte Tom seine Anweisungen, sobald sie vor den Stallungen standen, »und zur Trainingsbahn bringen. Mr de Mestre erwartet uns dort.«
Ray war aufgeregt. Er heftete sich an Toms Fersen und sah aufmerksam zu, wie er Archer fertig machte.