Uwe Krüger, geboren 1964 und aufgewachsen in der Mainmetropole, hat sich schon früh für das Leben unter Wasser interessiert. Folgerichtig studierte er in Frankfurt Zoologie, Hydrologie, Mikrobiologie und Botanik und arbeitete anschließend mehrere Jahre für einen weltweit agierenden Zierfischgroßhandel. Heute wohnt er mit seiner Familie im Grünen und beobachtet das Treiben der Großstadt von den Gipfeln des Odenwaldes. Beruflich ist er als Marketing-Manager tätig, und in seiner Freizeit angelt er Fische und neue Ideen für ein Buch.
Der Blog zum Buch: www.aquacrime.wordpress.com
Dieses Buch ist ein Roman. Handlungen und Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind nicht gewollt und rein zufällig.
© 2013 Hermann-Josef Emons Verlag
Alle Rechte vorbehalten
Umschlagmotiv: Istockphoto.com/instamatics
Umschlaggestaltung: Tobias Doetsch
eBook-Erstellung: CPI – Clausen & Bosse, Leck
ISBN 978-3-86358-279-1
Originalausgabe
Quellenangaben:
Dylan Thomas: »Windabgeworfenes Licht«. Herausgegeben von Klaus Martens, aus dem Englischen von Erich Fried, Curt Meyer-Clason u. a., München 1992.
Loren Eiseley: »The Night Country«. Deutschsprachiges Zitat aus William H. Calvin: »Der Strom, der bergauf fließt«. München 1994.
Robert Louis Stevenson: »Dr. Jekyll und Mr. Hyde«. Aus dem Englischen von Harald Raykowski, München 1983.
John Steinbeck: Deutschsprachiges Zitat aus William H. Calvin: »Der Strom, der bergauf fließt«. München 1994.
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Für Rita und Edmund,
ohne die nichts wäre, wie es ist.
Prolog
Geh nicht gelassen in die gute Nacht,
Brenn, Alter, rase, wenn die Dämmerung lauert;
Im Sterbelicht sei doppelt zornentfacht.
Dylan Thomas
Martin Paschke presste sein faltiges Gesicht so lange an die Scheibe, bis er sich selbst in einen Fisch verwandelte und zusammen mit Blaustreifenschnappern und flaschengrünen Demoisellen durch fünftausend Liter Meerwasser glitt. Dabei hielt er ein Auge auf die Netzmuräne gerichtet, die nur scheinbar gelangweilt das schuppenschwänzige Treiben aus der Deckung einer alten Weinamphore betrachtete. Die schlaffe Haut des alten Mannes mit den unzähligen Altersflecken und den kalkweißen Bartstoppeln unterschied sich selbst auf den zweiten Blick kaum von der Tarnfärbung der Muräne.
Stunde um Stunde konnte Paschke so vor einem der riesigen Becken kauern, Wahrnehmung und Empfinden abgeschirmt, konzentriert auf die sprudelnde Bewegung des Wassers, das Strömen des Sauerstoffs und die Aktivitäten der kleinen und größeren Flossenträger.
Bei manchen Fischen, die er schon lange kannte, konnte er den Bruchteil einer Sekunde vor der eintretenden Aktion erahnen, ob das Tier pfeilschnell einen frechen Schwarm Jungfische maßregeln, einen besonders aufdringlichen Konkurrenten per Flankenbiss in die Schranken weisen oder einfach nur herzhaft gähnen würde – fast immer lag Paschke mit seiner Voraussage richtig.
Die Muräne schob sich aus ihrer Amphorenfestung und schlängelte sich an der Scheibe hoch. Martin Paschke bückte sich nach seiner Jacke und zog einen in Zeitungspapier eingewickelten Klumpen gefrorenes Rinderherz hervor. Er ließ die Jacke sinken und ging in Richtung des Technikraums, wo er die einzelnen Großaquarien von oben erreichen konnte. Er freute sich auf den Moment, wenn er die Handvoll Fleisch ins Wasser tauchen und sich die Muräne auf das Futter stürzen würde, während er mit den Fingern über den schlanken, weichen Körper des Geschöpfes streicheln würde.
Er schlurfte zur Treppe, zog sich an einem speckigen Handlauf hoch und erstarrte.
Die Tür stand einen Spalt offen, die Raumbeleuchtung war eingeschaltet. Ein Mann, den er nicht kannte, balancierte breitbeinig auf den Rändern eines der Quarantänebecken und stieß mit einem herdplattengroßen Kescher immer wieder in das aufspritzende Wasser. Schließlich presste er den Kescher gegen das Glas und zog das Netz mitsamt der Beute über den Rand. Ein Spatelwels von beachtlicher Länge, der es locker mit Paschkes Lieblingsmuräne aufnehmen konnte, klatschte auf den Boden und verdrehte die kleinen Augen. Nur eine Sekunde später wandte sich der Mann um.
»Verdammt, was tun Sie hier?«
Paschke dachte, dass er es war, der diese Frage hätte stellen müssen. Er tastete nach seinem Handy, bis ihm einfiel, dass es in seiner Jacke sein musste, die vor dem Muränenbecken lag. Verzweifelt machte er einen Schritt nach vorne, schüttelte die Fäuste und brüllte: »Bleiben Sie stehen, sonst rufe ich die Polizei!«
»Das würde ich an Ihrer Stelle schön sein lassen!«
Der Mann zog etwas hinter seinem Körper hervor und richtete es auf sein Gegenüber. Paschke starrte in die tiefschwarze Öffnung eines Pistolenlaufs. Er drehte sich um und rannte los, stockte einen Moment, als er die Tür erreichte, wartete auf die Kugel, die kommen musste, dann war er draußen in der Dunkelheit des nächtlichen Gebäudes. Keuchend stolperte er die Treppe zu den Terrarien hinauf. Er hoffte, dass er seinen Heimvorteil nutzen und im Finstern entwischen konnte.
Martin Paschke hatte Angst. Er hielt inne und lauschte: Grillen zirpten. In dem Käfig hinter ihm kroch etwas durch das Laub. Dann Schritte, die sich näherten. Er bog in einen der Seitengänge, wo die tropischen Würgeschlangen untergebracht waren. Hier war es deutlich wärmer als unten in der Fischhalle. Hinter einer gewaltigen Monstera-Pflanze, deren Luftwurzeln einen hölzernen Vorhang bildeten, versteckte er sich. Wassertropfen sammelten sich auf seiner Haut. Er wischte sich mit dem Handrücken übers Gesicht, inhalierte Blutgeruch. In seiner Faust steckte immer noch der Klumpen Rinderherz. Er hielt den Atem an und starrte auf das rote Licht der Notbeleuchtung. Wartete.
Dann sah er den Schatten. Der Mann hatte die Waffe immer noch in der Hand. An der Abzweigung blieb er stehen.
»Ich weiß, dass Sie hier sind. Kommen Sie raus, und ich erkläre Ihnen alles!«
Paschke duckte sich hinter den Vorhang aus Luftwurzeln, atmete flach und schluckte feuchte, exkrementgeschwängerte Luft. Etwas kratzte in seinem Hals.
Die dunkle Gestalt hob witternd den Kopf, drehte sich in alle Richtungen.
Paschke spürte den Klumpen in seiner Hand. Es fühlte sich an, als hätte das aufgetaute Herz zu schlagen begonnen. Hinter dem Insektarium gab es einen Notausgang. Falls er es bis dahin schaffte, konnte er vielleicht entwischen und Hilfe holen.
Der Schatten des Mannes näherte sich, blieb stehen, schlich weiter. Er war ganz nah. Noch drei Meter und der Mann hatte ihn erreicht. Zwei Meter. Noch einen Schritt und er würde Paschke entdecken. Verzweifelt hob er den Arm und schleuderte den Futterbrocken in das offene Becken der Wasserschildkröten, wo er laut klatschend aufschlug. Der Schatten zuckte zusammen, fuhr herum und lief auf das Geräusch zu. Paschke rannte in die andere Richtung.
Er war alt und nicht in Form, aber er hätte es trotzdem geschafft, wenn er nicht auf halber Strecke ausgerutscht und hingefallen wäre. Noch bevor er sich aufrappeln konnte, packte ihn der Mann an den Schultern und zog ihn an sich. Paschke schrie und trat mit dem Knie gegen den Unterleib des Angreifers, der ächzte und losließ. Ohne nachzudenken, stürzte sich Paschke auf ihn. Seine Hände umklammerten den Hals seines Gegners. Paschke drückte zu, spürte das knorpelige Gewebe der Atemröhre unter seinen knotigen Händen, fühlte die Kraft des Mannes, der sich wie ein Aal in seinen Fäusten wand. Paschke wusste, dass der Verlierer des Kampfes die Arena nicht lebend verlassen würde. Er schob alle Bedenken beiseite und drückte fester. In diesem Moment spürte er das kalte Metall der Waffe an seiner Stirn.
»Aufhören, du Narr!«, japste der Mann.
Paschke erstarrte. Seine Hände zitterten. Langsam lockerte er den Griff, merkte gleichzeitig, dass er sich in die Hose gemacht hatte. Ohne den Mann aus den Augen zu lassen, wankte er ein paar Schritte zurück. Da ertasteten seine Hände hinter seinem Rücken etwas Hartes. Ein faustdicker Stein. Er zog daran, es knirschte leise. Von draußen ertönte das Maunzen eines Pfaus, einige Paviane antworteten kreischend. Paschke umklammerte den Stein und schleuderte ihn gegen die Stirn des Mannes, doch der duckte sich, und der Brocken verfehlte sein Ziel.
Paschke rannte um sein Leben. Nach wenigen Schritten prallte er mit dem Bauch gegen eine Barriere. Noch bevor er realisieren konnte, wogegen er gelaufen war, wurde er gepackt und herumgewirbelt. Paschke trat zu, doch der Mann packte seinen Fuß und schob ihn nach hinten. Seine Hände suchten Halt, griffen ins Leere. Während er nach Hilfe schrie, stürzte er rückwärts über die Absperrung.
Der Schmerz des Aufpralls explodierte in seinem Kopf, nahm ihm aber nur für Sekunden die Besinnung. Vor ihm bewegte sich ein meterlanger Holzstamm. Paschke erstarrte, als ihm klar wurde, wo er sich befand.
Das Reptil schob seinen massigen Körper näher. Neugierig. Witternd. Hungrig. Paschke starrte in zwei gelbgrüne Augen, deren schmale, senkrechte Pupillen ihn kalt taxierten.
Das Letzte, woran Martin Paschke dachte, bevor ihm ein fürchterlicher Schmerz die Besinnung raubte, war die Frage, warum er nicht auch dieses Tier in seine intime Zwiesprache mit einbezogen hatte.
Teil 1
Die klassischen Hauptsätze der Thermodynamik, vereinfacht:
1. Du kannst nicht gewinnen.
2. Du kannst nicht unentschieden spielen.
3. Du kannst das Spiel nicht verlassen.
Anonym
1
Barmer stellte sich breitbeinig in den Flur, zerrte die Kiefer zu einem Bulldoggengrinsen auseinander und platzierte seinen Spruch wie eine Tretmine: »Der Sebald steht im Wald, er hat es nicht geschnallt. Die Kleine macht ihn nass, sie schnappt sich seinen Pass.«
Barmer zwinkerte mit den Augen, deutete eine Verbeugung an und verschwand ohne eine Antwort abzuwarten in einem der Zimmer des Polizeipräsidiums.
»Arschloch«, murmelte Kriminalhauptkommissar Klaus Sebald, während er die Tür zu seinem Büro öffnete. Er kramte eine Dose Kaffee hervor, goss Wasser in die Kaffeemaschine und ließ sich an seinem Schreibtisch nieder. Finster starrte er auf die Maserung im Holz. Der Geruch des überbrühten Pulvers zerrte Galle in seinen Mund. Er öffnete die oberste Schublade, schob die Sig Sauer beiseite und suchte nach einer Kopfschmerztablette. Er fühlte sich wie ein Seemann, den man im Ausguck vergessen hatte. Es war nicht oder nicht nur der Apfelwein, der ihm so zusetzte und den er – obwohl er es eigentlich besser hätte wissen müssen – »wenn schon, dann im Original«, also unverdünnt, getrunken hatte. Und es war auch nicht diese grauenhafte lokale Spezialität »Handkäs mit Musik«, ein halb roher Käse, der mit Zwiebelsud und trockenem Brot gereicht wurde. Es war die Niederlage, die Enttäuschung, die polizistenpeinliche Aktion.
Gestern war sein freier Abend gewesen, und er hatte seiner jüngsten Bekanntschaft imponieren wollen. Bei Apfelwein und zünftigem Essen wollte er sich von seiner charmant-vertraulichen Seite zeigen, und eine Zeit lang ging das auch gut. Dachte er zumindest. Hätte er ihr gebeichtet, dass er ein Bulle sei, hätte sich die Dame wahrscheinlich nicht getraut. Aber seine bisherigen Erfahrungen bei der offenen Beantwortung der Frage nach seinem Beruf waren wenig ermutigend, und so manch verheißungsvoller Abend verpuffte wie die Zigarette danach, bevor es ein Davor gegeben hatte. Wer wollte schon mit einem Bullen ins Bett, der bei Rot nicht über die Straße geht und armen Rentnern, die ihren Kleinwagen ins Halteverbot stellten, einen Strafzettel verpasst? Also hielt er lieber den Mund! Aber diesmal wäre ihm eine Menge Ärger erspart geblieben, wenn er frühzeitig klargemacht hätte, auf welcher Seite des Gesetzes er stand. Immerhin waren fünfhundert Piepen ein unverschämter Preis für einmal Pinkeln im Stehen. Als er von der Toilette zurückkam und in den Garten des Apfelweinlokals zurückstolperte, war seine Dame für die Nacht verschwunden. Mit ihr seine geliebte Lederjacke und die Brieftasche mit Geld und Ausweis. Natürlich war von der Frau weit und breit nichts mehr zu sehen, und niemand wusste, wohin sie verschwunden war. Er wankte aus dem Lokal, um draußen nach ihr zu suchen, wurde aber von einem kräftigen Kellner zurückgehalten und der Zechprellerei beschuldigt. Niemand glaubte ihm, dass er selbst der Geprellte war, und es fehlte nicht viel, und er hätte den unfreundlichen Ober aus dem Weg geboxt. Schließlich rief der Dicke die Polizei. Da ihn die Kollegen nicht kannten, landete das Protokoll in seiner Personalakte.
Nichts. Keine Tablette in Sicht. Sebald stöhnte und griff sich an den Kopf. Mühsam stand er auf, schüttete den Kaffee in einen Becher, trank einen Schluck und warf sich wieder auf seinen Stuhl. Er fuhr den Computer hoch und loggte sich bei Interpol ein. Als Suchwörter probierte er: Frau, Trickbetrügerin, Touristen. Den zeitlichen Rahmen begrenzte er auf die letzten zwölf Monate. Das System spuckte neunhundertdreiundvierzig Namen aus. Er seufzte und klickte sich durch die Details.
Nach einer halben Stunde erfolgloser Suche klingelte das Telefon: die Nummer seines Chefs. Sebald nahm ab. »Ja?«
»Sebald? Können Sie sich nicht normal melden?«
Sebald schwieg. Was war normal?
»Kommen Sie mal rüber in mein Büro!«
»Jetzt gleich?«
»Wenn Sie dazu in der Lage sind!«, schnauzte der Major zurück, und Sebald fand, dass die Stimme seines Chefs ziemlich genau in der Mitte zwischen Spott und Zorn balancierte. Noch! Im Hörer klickte es, dann ertönte das emotionslose Freizeichen.
Das Ziehen in der Magengegend wurde stärker.
So, jetzt wusste der Major also auch Bescheid. Auf die Abfuhr hätte er gerne verzichtet. Wie die meisten seiner Kollegen nannte Sebald den Chef gerne »Major Tom«, wegen der vielen Himmelfahrtskommandos, die er vergab. Thomas Meinhart war seit mehr als zehn Jahren Leiter des Frankfurter Polizeipräsidiums, und er kannte die Stadt und ihre Menschen mit allen Stärken und Schwächen. Sebald wusste, dass der Major ihm wohlgesonnen war, doch an diesem Morgen war seine schlechte Laune schon am Telefon unüberhörbar.
Sebald richtete sich auf und stapfte los.
Zu seiner Überraschung war der Chef nicht alleine im Büro. Barmer stand grinsend im Raum und blickte auf Glotzkes gestikulierende Hände, die anschaulich unterstrichen, wovon er gerade redete. Sebald atmete erleichtert auf. Major Tom war zwar ein ewiger Nörgler und Perfektionist, aber er würde ihn nicht vor Kollegen herunterputzen!
»Na endlich. Kommen Sie rein, Sebald! Dr. Glotzke von der Spurensicherung kennen Sie ja.«
Meinhart machte eine kurze Pause, um den Männern Gelegenheit zu geben, sich zuzunicken. »Dr. Glotzke ist hier, weil wir vor einer Stunde einen Anruf vom Frankfurter Zoo bekamen. Dort wurden heute Morgen die Überreste eines Menschen gefunden …« Er machte eine Pause und schaute ernst in die Runde. »Und zwar im Krokodilgehege.«
Er fixierte Sebald über den Rand seiner Lesebrille und wartete auf eine Reaktion. Sebald schwieg und hob die Brauen.
»Die Kollegen von der Spurensicherung sind schon vor Ort, aber ich möchte, dass Sie sich zusammen mit Herrn Barmer und Dr. Glotzke persönlich um die Sache kümmern. Ich erwarte diszipliniertes Arbeiten und einen lupenreinen Bericht.«
Obwohl Sebald das Büro lieber gleich als später verlassen hätte, rang er sich zu einer Frage durch.
»Wer hat angerufen? Der Direktor?«
»Nein. Einer seiner Mitarbeiter. Kurt Klein.«
Der Major stand auf und öffnete die Tür.
»Also dann, meine Herren, an die Arbeit! Besprechung heute Nachmittag um fünfzehn Uhr.«
Barmer und Glotzke verließen das Büro. Sebald war dicht hinter ihnen, aber nicht schnell genug.
»Herr Sebald, auf ein Wort noch!«
Er zögerte, drehte sich langsam um und blickte dem Major in die Augen.
»Ja, Chef?«
Er betete, dass seine Alkoholfahne die Halbwertszeit eines explodierenden Chinakrachers hatte. Major Tom rümpfte die Nase, und Klaus Sebald wusste, dass sein Gebet nicht erhört worden war.
»Noch so etwas wie gestern Abend und Sie finden sich als Verkehrspolizist in der Innenstadt wieder.«
Sebald zögerte kurz, überdachte eine schnelle Antwort in der Art wie »Sie wissen doch, dass ich nichts lieber täte, um diesem Büromuff zu entgehen«, überlegte es sich jedoch anders, nahm Haltung an und murmelte ein »Alles klar, Chef!«. Dann verließ er das Büro seines Vorgesetzten.
Draußen warteten Glotzke und Barmer, die sich amüsierte Blicke zuwarfen. Schweigend gingen sie in den Hof zu den Dienstwagen. In der warmen Vormittagsluft tanzte ein Schwarm Mücken. Eine Biene torkelte über ihre Köpfe. Der Tag versprach wieder heiß zu werden. Sebald war froh, dass er das kurzärmlige Hemd trug. Er trat nach einem Kieselstein, hörte, wie Barmer nach ihm rief, und beeilte sich, ins Auto zu kommen. Er ließ sich neben Glotzke auf dem Rücksitz nieder, der damit beschäftigt war, seine Ausrüstung zu überprüfen. Als sie losfuhren, lehnte sich Sebald ans Fenster, schloss die Augen und malte sich aus, wie die blonde Betrügerin – eingewickelt in seiner Lederjacke – sich selbst befriedigte. Die Vorstellung erregte ihn so sehr, dass ihm ein Stöhnen entfuhr und Glotzke – die Lautäußerung missverstehend – ihm eine Plastiktüte in die Hand drückte.
2
Der halbe Tierpark war abgesperrt. Bulldozer und Planierraupen gruben sich durch das Gelände, schoben Sand und Steine übereinander und schaufelten zukünftige Wassergräben in den Untergrund. Der Zoo war Großbaustelle, und man konnte unmöglich mit dem Wagen direkt vor das Exotarium fahren. Als aufwendige Verschönerung und zwecks Verwirklichung moderner Haltungsmethoden schuf man neue, größere Gehege.
Glotzke hatte Schlagseite, er schleppte seinen schweren Ausrüstungskoffer mit sich herum. Alle paar Meter blieb er stehen und schüttelte die Hand aus. Barmer wirkte grimmig und auf ungewohnte Weise nachdenklich. Allein Sebald genoss den Spaziergang, hatte plötzlich »Killing Me Softly« im Ohr. Kopfschmerzen und Kater hatten sich verdrückt.
Sebald dachte an den vergitterten, türgroßen Spiegel im Menschenaffenhaus mit dem seltsamen Schild: »Hier sehen Sie das gefährlichste Säugetier der Welt, den Homo sapiens.« Als Kind stand er oft davor, begriff nicht, dass er selbst damit gemeint war, wunderte sich nur, warum seine Mutter hinter ihm wissend ihr eigenes Spiegelbild anlächelte. Lange Zeit hielt er diesen Käfig für ein großes Geheimnis, stellte sich eine Bestie hinter dem Spiegel vor, dessen Gefährlichkeit so groß war, dass man ihren Anblick den Zoobesuchern nicht zumuten konnte.
Mit der Zeit hatte er den Homo sapiens, den weisen Menschen, und seine schlechten Seiten zur Genüge kennengelernt. Vielleicht war das einer der Gründe, warum er Polizist geworden war: um als Großwildjäger das bösartige Säugetier Mensch zu erlegen. Er kannte viele Kollegen, die diese Lust am Jagen in sich spürten und nicht selten sehr gute Polizisten waren. Unsympathisch waren ihm allerdings die Hetzer, die Ungeduldigen, die ein schnelles Ergebnis suchten und für die der erste Verdächtige meistens auch der Schuldige war. Barmer, das wusste Sebald, war so ein Typ, und er überlegte, ob ihn der Major mit Absicht zusammen mit Barmer losschickte. Er beschloss, sich auf keinen Fall provozieren zu lassen, und war froh, dass Kollege Glotzke dabei war.
Sie bogen jetzt schweigend um die Ecke und erblickten das rautenförmige, denkmalgeschützte Gebäude, an dessen Vorderfront eine Meereslandschaft aus bunten Mosaiksteinen prangte. Sebald kannte das Haus aus seiner Kindheit, und eine aufgeregte Neugier wie vor dem Treffen mit einem guten alten Bekannten überkam ihn.
Der Eingangsbereich war mit rot-weiß gestreiften Plastikbändern abgesperrt. Drei Personen standen davor, die sich lautstark unterhielten. Barmer nickte ihnen zu und legte los.
»Polizei. Guten Tag. Wir wurden angerufen wegen des – nennen wir es vorerst – Unglücksfalls.«
»Guten Morgen«, erwiderte ein älterer Herr in einem braunen, etwas schäbigen Trenchcoat. »Ich bin der Direktor des Zoologischen Gartens, und dies sind meine Mitarbeiter Kurt Klein, Tierpfleger und Leiter der Vivaristik, und der Kurator des Exotariums, Dr. Schlenk. Wir können uns das wirklich nicht erklären. Die ganze Angelegenheit ist mir sehr unangenehm. Wir werden uns selbstverständlich dafür einsetzen, dass das entsprechende Tier umgehend eingeschläfert wird. Ich kann Ihnen aber versichern, dass für unsere Besucher zu keinem Zeitpunkt ein Risiko bestand.«
Sebald überlegte, ob man ein Krokodil überhaupt einschläfern konnte wie einen altersschwachen Hund oder eine Katze. Er hielt diese Vorstellung für ziemlich abwegig und fragte sich, ob die kurzen Pfeile aus Blasrohren, die er aus diversen Tierfilmen kannte und mit denen Wölfe, Raubkatzen und sogar Nashörner erfolgreich betäubt werden konnten, die hartgeschuppte Reptilienhaut durchdringen würden. Skeptisch schaute er den Direktor an.
»Vielleicht können Sie uns erst einmal erzählen, was eigentlich passiert ist!«
»Ja, natürlich, aber das übernimmt besser Herr Klein. Er hat das Opfer entdeckt.«
Kurt Klein zuckte ermattet mit den Achseln. Er begann stockend zu sprechen und versuchte das Zittern in seiner Stimme unter Kontrolle zu bekommen. »Ich war heute etwas später an meinem Arbeitsplatz, da mein Wagen nicht ansprang. Wie jeden Morgen machte ich einen Kontrollgang durch das Exotarium. Zum Glück war die Kasse noch geschlossen und kein Besucher im Haus. Als ich oben am Krokodilbecken vorbeikam, sah ich …« Er zögerte, und seine fahle Gesichtsfarbe wechselte ins Grüne. Stammelnd versuchte er, das innere Bild in Worte zu fassen. »Da sah ich das rote Wasser im Becken, und zuerst dachte ich noch, das Tier hätte sich irgendwo verletzt, aber dann war da … der Körper oder … was davon übrig war, die zerrissenen Kleider. In einer Ecke lagen die Gedärme. Es war … schrecklich.«
»Und Sie wissen, wer das Opfer ist?«
»Natürlich! Der Martin. Man kann ihn ja noch … erkennen. Wie konnte er nur so leichtsinnig sein!«
Das Entsetzen war ihm deutlich ins Gesicht geschrieben, und Sebald rätselte, ob es möglich war, diese Betroffenheit nur vorzutäuschen. Er hatte in seinem Leben schon viele Menschen kennengelernt, die um sich herum Lügengebäude aus härtestem Stahl aufgebaut hatten, deren rostiger fauler Kern erst mit der Zeit und den richtigen Fragen sichtbar wurde. Auch hier spürte er eine Unaufrichtigkeit hinter den stammelnden Worten des Mannes.
»Wer war dieser Martin?«, fragte er.
»Ein Angestellter von uns, der Nachtwächter Martin Paschke«, antwortete der Direktor anstelle von Klein.
Sebald schob seine Verärgerung darüber, dass nicht der Angesprochene geantwortet hatte, zur Seite und blickte dem Direktor auf die schmalen Lippen.
»Er war auch für die Überwachung der Technik zuständig und erfüllte diese Aufgabe meines Wissens äußerst korrekt«, fügte dieser hinzu.
»Glauben Sie, dass Herr Paschke versehentlich in das Becken gefallen ist?«
Schnell erwiderte der Direktor: »Ausgeschlossen! Die Sicherheit hat bei uns absolute Priorität, und das gilt nicht nur für unsere Besucher, sondern natürlich auch für alle Mitarbeiter, die mit gefährlichen Tieren zu tun haben. Zu solch einem Vorfall kann es meiner Meinung nach nur kommen, wenn jemand vorsätzlich in das Gehege steigt. Deshalb haben wir ja auch die Polizei geholt.«
»Gab es denn einen Grund, warum Paschke dies hätte tun sollen?«, fragte Barmer und ließ die Hand mit seinem Notizblock sinken, auf dem er bisher scheinbar gelangweilt herumgekritzelt hatte. Sebald wusste jedoch, dass er alle anwesenden Personen genau beobachtet und auf jedes Wort geachtet hatte.
»Nun, äh, nicht direkt.«
»Und indirekt?« Barmer lächelte unschuldig und klickte mit seinem Kugelschreiber.
Der Direktor suchte einen Moment nach den passenden Worten, dann sagte er: »Wissen Sie, die meisten Tierpfleger sind auch privat große Tierliebhaber, und viele pflegen in ihrer Freizeit ein Tier oder auch mehrere. Herr Paschke hatte, soviel ich weiß, zwar kein eigenes Haustier, er war aber richtig vernarrt in seine – wie er sie nannte – Anbefohlenen, und es ist durchaus denkbar, dass er in naiver und leichtsinniger Absicht sich … äh, das Krokodil etwas näher ansehen wollte und dabei die vorgeschriebenen Sicherheitsregeln außer Acht ließ.«
Barmer öffnete ungläubig den Mund.
»Sie halten es für möglich, dass das Opfer freiwillig zu dem Krokodil gehüpft ist? Um mit ihm zu spielen?«
»Es ist doch Ihre Aufgabe, herauszufinden, was passiert ist.«
Der Direktor richtete seinen Blick auf den Pfleger, und Sebald bemerkte, wie er seinem Angestellten mit einer kaum wahrnehmbaren Bewegung zunickte. Kurt Klein räusperte sich.
»Ähm, also der Martin war in dieser Hinsicht etwas seltsam veranlagt, nicht direkt pervers oder so, aber auch nicht mehr ganz normal in seiner Tierliebe. Solange er sich unten bei den Aquarien aufhielt, war ja noch alles in Ordnung. Mit einer Glasscheibe dazwischen konnte ja nicht viel passieren. Aber einmal erwischte ich ihn, als er das Terrarium mit den Blauzungenskinks öffnete, sich einen herausnahm und ihm – na ja – so etwas wie einen Kuss gab. Als ich mich näherte und scherzhaft fragte, ob er das auch mit einer Giftschlange machen würde, meinte er tatsächlich: ›Klar, du musst dem Tier nur genügend Zeit lassen, dann kannste auch ein Krokodil streicheln und ’ne Mamba küssen!‹ Vielleicht wollte er das wirklich ausprobieren. Pech nur, dass er sich den wilden Sobek dafür ausgesucht hat.«
Alle drei Polizisten schauten ihn fragend an.
Der Kurator Dr. Schlenk erklärte: »Es handelt sich um Crocodylus niloticus, ein vier Meter langes Nilkrokodil aus dem Zoo von Kairo, das eigentlich als Geschenk des ägyptischen Staatspräsidenten für den New Yorker Tierpark bestimmt war. Da jedoch wichtige Frachtpapiere für den Weiterflug fehlten, wurde er von der tierärztlichen Grenzkontrolle vom Frankfurter Flughafen hierher zur Quarantäne gebracht. Aufgrund des Fluges und der fremden Umgebung war das Tier äußerst gestresst und entsprechend aggressiv. Wir haben es deshalb scherzhaft nach dem ägyptischen Krokodilgott Sobek benannt. Das Reptil sollte nur vorübergehend hier untergebracht werden, bis alle Unterlagen für den Weitertransport komplett sind. Wahrscheinlich kommt eine Weitergabe jetzt nicht mehr in Frage.«
Barmer zündete sich eine Zigarette an und blickte spöttisch auf den Kurator. »Sie sollten froh sein! Ein echter Menschenfresser ist doch eine Attraktion, die nicht jeder Zoo bieten kann.«
3
Bevor sie das Exotarium betraten, öffnete Glotzke den Aluminiumkoffer und verteilte Handschuhe und Plastikfüßlinge. Seine Leute, die vor ihnen eingetroffen waren, waren schon dabei, das untere Stockwerk auszuleuchten, anschließend sollten sie sich nach oben vorarbeiten. Obwohl nichts auf ein Verbrechen hindeutete, hatte Sebald ihn gebeten, gründlich vorzugehen und sicherheitshalber das ganze Gebäude sperren zu lassen, was der Zoodirektor eine überflüssige Maßnahme nannte. Sebald ignorierte seinen Protest, lupfte das Absperrband in die Höhe und wartete, bis einer nach dem anderen darunter durchgekrochen war. Er folgte der Gruppe und suchte nach einem Lied, das »Killing Me Softly« ablösen konnte.
Die Halogenstrahler der Techniker hatten die schummrige Dschungelbeleuchtung in gleißende Helligkeit getaucht. Das Glas der Aquarien wirkte stumpf, und die Bewegungen der Fische dahinter glichen matten Pinselstrichen eines phantasielosen Malers. Sebald war enttäuscht. Bei seinem letzten Besuch war er fasziniert gewesen von der Farbenpracht und ruhigen Lebendigkeit hinter den Glasscheiben, bis er überrascht erkannt hatte, dass seine weibliche Begleitung seine Begeisterung für das aquatische Treiben nicht teilte und sich demonstrativ mit ihrem Handy beschäftigte. Damals waren sie ins Zoocafé geflüchtet, obwohl er sich gerne noch den oberen Teil des Hauses angeschaut hätte. Seitdem besuchte er mit seinen Dates lieber den »King-Kamehameha-Club« mit seiner elitären Eleganz oder als Kontrastprogramm eine der urigen, gemütlichen Ebbelwoi-Kneipen in Alt-Bornheim. Den Zoo strich er aus seiner Liste der »Fisch sucht Fahrrad«-Treffpunkte.
Sebald betrachtete die Aquarien und pfiff das Lied vom gelben Unterseeboot.
Sie folgten den beiden Angestellten die Treppen hinauf zu den Krokodilbecken. Der Direktor entschuldigte sich mit dringender Arbeit und dem Hinweis, dass er selbstverständlich auch weiterhin unterstützend zur Verfügung stehe. Geh du nur!, dachte Sebald und fragte sich, ob der Kerl einfach nur Schiss vor dem hatte, was ihn hier erwartete.
Schließlich erreichten sie eine niedrige Mauer, hinter der sich das geräumige Gehege mit Land- und Wasserteil befand. Die Oberkante der aus Steinen und Zement erbauten Umfassung reichte ihm nur bis zum Bauchnabel, und es war kein Problem, über sie zu springen oder sich tief darüberzubeugen. Natürlich warnten große Schilder vor genau diesen Aktivitäten. Da der Bereich hinter der Absperrung fast zwei Meter tiefer lag, waren die Besucher vor hochschnellenden Echsen geschützt. Ein künstlicher Wasserfall plätscherte aus der mit Lianen und Epiphyten bewachsenen Rückwand in ein kreisförmiges Bassin. Sebald trat näher und erstarrte. Auf der Wasseroberfläche trieben blutige Schlieren und Stofffetzen. In einem Ast hing ein halbes Bein. Der Körper des Mannes, oder was davon noch übrig geblieben war, lag wie ein Schlachtopfer auf einem Baumstamm. Der Bauch war ein einziges blutiges Loch aus zerrissenen Organen, aus dem die Hüftknochen weiß und glänzend herausragten. Sebald spürte, wie ihm die Übelkeit des Morgens wieder hochkroch, und wischte mit dem Ärmel über die Stirn.
Direkt unter ihm lag das Krokodil. Man hatte den Menschenfresser mit einer dünnen Holzwand von seiner nicht beendeten Mahlzeit isoliert. Das Krokodil hielt die Augen halb geschlossen und schien seine Umwelt nicht zu beachten – die Taktik eines erfolgreichen Jägers. Sebald beugte sich nach vorne, konnte aber zwischen den langen Fangzähnen keinerlei Reste von Kleidung oder Menschenfleisch erkennen. Der Hauptkommissar lehnte sich, um besser sehen zu können, noch ein Stück mit dem Oberkörper hinaus, als hinter ihm ein Feuerzeug klickte. Sebald schnellte herum: Dicht hinter ihm stand Barmer und zündete sich seine Kippe an.
»Ein kleiner Stoß, und du landest neben dem Vieh. Geht ganz schnell.«
Die beiden Männer musterten sich stumm. Sebald fragte sich, wohin sie ihre gegenseitige Abneigung noch führen würde. Barmer hatte ihn von Anfang an nicht leiden können. Sebald kam als Seiteneinsteiger von der Uni und war Barmer gleichgestellt, der es jedoch nicht akzeptierte, dass ihm ein Grünschnabel ins Handwerk pfuschte. Besonders unangenehm empfand Sebald die herablassende Aggressivität, mit der sein Kollege ihm manchmal begegnete. Barmer, der erbarmungslose Barbar, so nannte ihn Sebald, wenn sie wieder einmal wegen Nichtigkeiten aneinandergeraten waren. Es war klar, dass sie kurz davor waren, sich gegenseitig die Köpfe einzuschlagen.
»Lass die Fluppe lieber aus!«, zischte Sebald, »Glotzke mag’s nicht, wenn man seinen Tatort verunreinigt.«
Barmer lachte auf. »Glaubst du wirklich, das hier ist ein Tatort?« Dabei nickte er in Richtung Krokodilbecken.
»Warum nicht? Nie im Leben steigt einer freiwillig da runter.«
»Und wenn er sich umbringen wollte?«
»Wer will schon so enden?«
»Du hast es doch gehört! War ein komischer Kauz.«
Wie zur Bestätigung zog Barmer an der Zigarette, hielt den Stängel vor sich und betrachtete den aufsteigenden Rauch, als materialisierte sich gerade ein Dschinn vor seinen Augen.
Sebalds Hände schwitzten. »Vielleicht war jemand bei ihm, oder Paschke hat jemanden überrascht.«
Barmer schüttelte den Kopf. »Wohl kaum. Glotzkes Leute haben nichts gefunden, was auf einen Einbruch hindeutet. Entweder war dieser Paschke ein Irrer, der sich den letzten Kick geben wollte und dabei draufging. Oder es war ein Unfall, und der Direktor des Zoos will dem Mann einen Selbstmord andichten, damit niemand so genau nachsieht, ob das Gehege wirklich so sicher ist, wie er behauptet. In beiden Fällen sind wir hier falsch am Platz.«
Barmer drückte seine Zigarette an der Wand aus und steckte die Kippe ein. Er ließ Sebald stehen und schlenderte zu den Technikern, die begonnen hatten, die menschlichen Überreste aus dem Wasser zu klauben. Barmer sagte etwas zu ihnen, und die Männer schauten lachend zu Sebald.
Dreckskerl!, dachte Sebald.
Er war selten einer Meinung mit Barmer, musste aber zugeben, dass die Selbstmordtheorie auf wackeldürren Beinen stand. Möglicherweise gab es wirklich ein Sicherheitsproblem mit dem Gehege, und der Direktor wollte davon ablenken, indem er den armen Paschke selbst für seinen Tod verantwortlich machte.
Sebald sah sich um. Glotzke hockte neben einer Mauer, auf der Kakteen in einem Beet wuchsen. Mit einem kleinen Besen schob er etwas Geröll in einen seiner vielen Plastikbeutel. Er blickte auf und machte Sebald ein Zeichen, näher zu kommen.
»Hier liegt allerhand herum. Kaugummipapier, Eintrittskarten, sogar einen Schnuller haben wir gefunden.«
»Auch Fußspuren?«
»Jede Menge, aber es dürfte fast unmöglich sein, die für uns relevanten – falls es denn überhaupt welche gibt – von denen der vielen Besucher zu unterscheiden.«
»Sonst noch was?«
»Ja. Unten in der Fischhalle liegt eine dunkelbraune Jacke, die wahrscheinlich dem Toten gehörte. Paul hat darin Paschkes Ausweis und ein Handy entdeckt.«
Sebald bemerkte das Duo aus Kurator und Tierpfleger. Schlenk trat auf sie zu und hielt die Hände beschwörend in die Höhe. »Wie lange muss unser Haus denn noch für die Öffentlichkeit geschlossen bleiben?«
Sebald brachte sein Einfältigkeitslächeln zwischen die Lippen, mit dem er leicht unterbelichtet aussah. Der Trick funktionierte so gut wie immer. Seine Gesprächspartner nahmen ihn nicht ernst, entspannten sich, wurden unvorsichtig, wählten ihre Antworten weniger sorgfältig, bis sie schließlich etwas ausplauderten, was sie eigentlich gar nicht sagen wollten.
»Sobald die Kollegen von der Spurensicherung hier fertig sind«, erwiderte er freundlich.
»Und wann wird das sein?«
»Nun, das hängt von Ihrer Kooperationsbereitschaft ab und davon, was die Spurensicherung ergibt. Falls wir nichts Außergewöhnliches finden, können Sie wohl morgen das Exotarium wieder öffnen.«
Die beiden nickten erleichtert, sie waren wohl davon überzeugt, dass nichts Derartiges auftauchen würde.
Sebald wandte sich direkt an den Tierpfleger. »Herr Klein, als Sie heute Morgen hier ankamen, haben Sie irgendetwas Ungewöhnliches bemerkt?«
Klein zog die Nase kraus und kratzte sich am Kopf. »Nein, alles war so wie immer.«
»Die Eingangstür war also verschlossen?«
»Ja.«
»Wer schließt nach Feierabend zuletzt ab?«
»Nun ja, eigentlich Paschke. Während seines Dienstes ist die Tür aber immer abgeschlossen, er ist … er war da sehr gewissenhaft.«
»Wer hat noch einen Schlüssel für den Eingang?«
»Hm, außer uns nur noch der Direktor.«
»Wissen Sie, ob Herr Paschke ein Handy hatte?«
»Ich glaube schon. Das sollte er jedenfalls. Damit er anrufen konnte, falls es Probleme mit der Technik gab.«
»Kam das vor?«
»Höchstens einmal im Jahr. Hatte er das Handy bei sich?«
»Wir haben unten eine Jacke mit Handy gefunden. Ich möchte, dass Sie sich die Jacke ansehen und bestätigen, ob sie Herrn Paschke gehörte.«
»Das hab ich doch schon!«
Sebald sah ihn verdutzt an.
Glotzke räusperte sich. »Das stimmt. Ihr Kollege hat sie ihm vorhin gezeigt.«
»Na dann …« Das war ärgerlich. Barmer hatte ihm nichts davon erzählt. Es konnte den Erfolg ihrer Ermittlungen beeinträchtigen, wenn sie sich nicht besser absprachen. Sebald konzentrierte sich wieder auf die Befragung. »Hatte der Tote eigentlich Verwandtschaft?«
»Paschke war unverheiratet, und es gab auch keine Angehörigen, aber das sollte die Polizei besser wissen als wir.«
Sebald überhörte den leisen Vorwurf in Kleins Bemerkung. »Freunde oder Bekannte?«
»Nicht, dass wir wüssten.«
»Hat er nie irgendetwas Persönliches erzählt?«
»Wissen Sie, wir haben ihn ja nur selten zu Gesicht bekommen, und bei Betriebsfesten war er nie anwesend. Wir haben wirklich kaum Kontakt zu ihm gehabt.«
Sebald ärgerte sich nicht nur über die dürftigen Informationen, sondern vor allem darüber, dass Klein, an den er die Fragen richtete, im Plural antwortete, als versuchte er dadurch von sich selbst abzulenken. »So, aber das mit dem Blauzungenskink haben Sie trotzdem mitbekommen?«
Klein errötete und erwiderte hastig: »Ja, aber nur, weil ich an diesem Abend meine Hausschlüssel im Büro vergessen hatte und das erst bemerkte, als ich vor verschlossener Wohnungstür stand. Also fuhr ich spätabends noch einmal hierher und überraschte ihn mit der Echse.«
Sebald wechselte das Thema. »Wer macht hier eigentlich sauber?«
»Meinen Sie die Gehege oder die Gänge?«
»Beides.«
»Also vor ein paar Jahren hatten wir noch eine Putzfrau – pardon, Reinemachefrau –, die einmal die Woche durchwischte, aber da immer mal wieder junge Spinnen oder Fauchschaben aus den Terrarien entwischten, hielt es keine lange aus. Die Becken werden von uns Pflegern gereinigt, die Gänge putzt einer der Lehrlinge, wenn gerade Zeit ist.«
Sebald schwieg, und der Pfleger nutzte die Pause zu einer Gegenfrage: »Können wir jetzt gehen?«
»Wenn Sie mir noch verraten, wo Sie gestern Nacht waren?«
Kurt Klein wich einen Schritt zurück. »Wollen Sie damit sagen, Sie verdächtigen mich?«
Na endlich redet er einmal von sich selbst, dachte Sebald zufrieden und sagte: »Im Fernsehen erwidert der Kommissar darauf meistens ›Das sind Routinefragen‹. Ich versuche nur, mir ein umfassendes Bild zu machen.«
»Wir waren gestern Nacht zusammen beim Angeln«, mischte sich der Kurator ein.
»Darf ich fragen, wo und wann?«
»Am Main in der Nähe von Miltenberg. Da sind ein paar gute Stellen, wo’s große Zander gibt. Wir sind kurz vor der Dämmerung hingefahren und kamen erst gegen drei Uhr wieder zurück.«
»So spät?«
»Ja, dieser Fisch ist nachtaktiv.«
»Gibt es jemanden, der das bezeugen kann?«
»Dass der Fisch nachtaktiv ist?« Dr. Schlenk grinste.
»Sie wissen, was ich meine.«
»Außer uns war niemand da.«
Er schwieg. Sebald glaubte ihm. Er wollte warten, was Spurensicherung und Obduktion ergaben. Mit diesen beiden Komparsen konnte er sich später noch einmal unterhalten.
»Nun gut, ich denke, das ist alles. Zumindest für den Moment.«
Die beiden murmelten eine Verabschiedung und stapften Richtung Ausgang.
Sebald wartete, bis sie die Treppe erreicht hatten, dann rief er laut: »Herr Klein! Eine Frage noch.«
Kurt Klein prallte gegen eine unsichtbare Wand, drehte sich langsam um, das Gesicht weiß und spitz. »Ja bitte?« Seine Stimme hatte einen dumpfen Klang.
»Und?«
Der Tierpfleger blickte Sebald verständnislos an. »Und … was?«
»Na, hat einer angebissen?«
»Ach so!« Der Mann lächelte. »Ja. Ein schöner Zwanzigpfünder ging uns an den Haken.« Dabei hielt er die Handflächen so in die Luft, dass ein junges Kalb dazwischengepasst hätte, drehte sich um und eilte davon.
Sebald biss sich in die Finger und zog mit den Zähnen die Handschuhe aus. Der Plastikgeschmack war widerlich. Er fragte sich, wovor der Tierpfleger Angst hatte.
4
Die junge Frau erreichte den Grund des Sees, tauchte mit den Händen tief in das modrige Sediment ein, fühlte die Kälte des Schlamms auf der Haut. Um sie herum herrschte dunkle Einsamkeit. Sie schaltete die Stabtaschenlampe ein und ließ den gelben Lichtkegel über den Seeboden wandern. Meterhoher Schlamm aus zerfallenden Pflanzen und Tierleichen, ein Baumgerippe, Blattskelette. Ein kapitaler Spiegelkarpfen ruhte regungslos kaum zwei Armlängen entfernt. Auf dem alterskrummen Rücken glänzten ovale Schuppen wie flache Kristalle, Maul und Kiemendeckel öffneten und schlossen sich in perfekter Synchronisation, pressten das sauerstoffarme Tiefenwasser durch die feinblättrigen Lamellen, von wo der wertvollste Rohstoff der Erde zu Herz, Muskeln, Hirn und Innereien weitergeleitet wurde. Die Taucherin näherte sich behutsam und schob ihre Maske so nah an den Kopf des Tieres, dass sie sich fast in den Schuppen spiegeln konnte. Viele Minuten betrachteten sie sich gegenseitig, argwöhnisch zunächst, später wie Gefährten, die sich nach langer Trennung neu aneinander gewöhnten, um dann zu erkennen, dass sie verlernt hatten, die Gedanken des anderen zu erraten. Plötzlich stülpte der Fisch sein faltiges Maul nach vorne und gähnte. Über seine Rückenflosse breitete sich eine ondulierende Bewegung aus, fast ein Winken.
Die Frau sah auf ihre Uhr. Es war Zeit für den Aufstieg. Sie überschlug die Dauer der Dekompressionspausen und errechnete zweiunddreißig Minuten für den Rückweg. So viel Zeit musste sie sich für den Aufstieg nehmen, wenn sie nicht die Bildung lebensgefährlicher Embolien riskieren wollte. Sie blickte nach oben, und auf einmal überfiel sie ein lähmendes Gefühl der Angst. Im Schein ihrer Lampe erkannte sie eine dünne Blasenkette, die sich neben den größeren wie ein schmales Band nach oben wand und dort nicht hätte sein dürfen. Sie hatte ein Leck. Die Frau spürte, wie die Panik auf sie zuraste, suchte nach einem Ausweg, zwang sich, ruhig zu atmen. Ihr Blick suchte die Anzeige ihres Finimeters. Immer noch halb voll. Das konnte nicht stimmen! Mit einem schnellen Griff drehte sie ihr Jackett vom Rücken und schätzte das Gewicht der Sauerstoffflasche. Sie war zu leicht! Dann entdeckte sie es: Durch einen winzigen Riss im Atemschlauch zwängten sich silberne Luftperlen wie der Rauch einer glimmenden Kerze. Wie lange mochte die Stelle schon undicht sein? Sie zog ihr Tauchermesser und klopfte mit dem Griff auf den Deckel des Manometers. Der Zeiger zitterte drei Sekunden auf der Stelle und drehte dann tief in den roten Bereich. Ihre Luft war so gut wie verbraucht. Die Frau umfasste die undichte Stelle mit Daumen und Zeigefinger, konzentrierte sich auf einen langsamen und ruhigen Atemrhythmus und begann unverzüglich mit dem Auftauchen.
In einer Tiefe von fünfunddreißig Metern machte sie die erste Pause. Laut ihrer Berechnung musste sie hier zwölf Minuten warten, bis sie gefahrlos weiter aufsteigen konnte. Sie gab sich fünf Minuten und tauchte hoch auf fünfundzwanzig Meter. Das war viel zu schnell, um den Stickstoff abatmen zu können, andererseits musste sie jede Minute damit rechnen, dass ihr die Luft wegblieb. Sie starrte in die dunkle Tiefe und nach oben in das warme Glitzern der spiegelnden Oberfläche. Eine Minute später zog sie tief ein letztes Mal am Mundstück, dann war die Flasche leer. Eine fremdartige, absolute Stille umgab sie, und für einen Augenblick war sie fasziniert davon, nur noch ihr Herz und das pulsierende Blut in ihrem Körper zu hören. Sie wusste, dass sie ihren Atem bis zu zehn Minuten anhalten konnte, und sie wollte die Zeit nutzen, um den tödlichen Bläschen Gelegenheit zu geben, aus ihrem Blut zu verschwinden.
Mit einer raschen Bewegung zog sie sich die Tauchermaske vom Gesicht und ließ los. Wie eine geknackte Miesmuschel schaukelte die Maske in die Tiefe. Das kalte Seewasser presste sich an ihr Gesicht, ihre Umgebung verwandelte sich in ein verschwommenes blaugrünes Universum. Sie fragte sich, ob es ihr Schicksal war, an diesem Ort zu sterben.
Nach zehn Minuten konnte sie das Bedürfnis nach Luft nicht länger niederkämpfen. Sie war kurz davor, Wasser einzuatmen. Sie musste auftauchen. Etwas Dunkles, ein riesiger Wels, näherte sich, der eine silbrige Kette hinter sich herzog. Sie kämpfte gegen die Halluzinationen, fingerte an der Schnalle ihres Bleigürtels. Der riesige Raubfisch näherte sich. In ihrer Lunge wühlte ein stechender Schmerz, die Augen brannten. Sie musste jetzt auftauchen. Plötzlich umgab sie ein helles Licht. Sie hatte zu lange mit dem Auftauchen gewartet. Hatte sich zu weit in das Jenseits gewagt. Das Licht flackerte. Noch bevor sie völlig in der Dunkelheit verschwand, sah sie, wie der Fisch sein Maul öffnete, um sie zu verschlingen.
Etwas Festes berührte ihre Lippen. Kalte, trockene Luft strömte daraus hervor. Ihre Zähne verbissen sich darin. Niemals würden sie wieder loslassen. Wenn so das Paradies war, war es ihr recht. Ihre Lungen sogen das trockene, lebensspendende Gas in sich hinein, dehnten sich aus, extrahierten kurz und nahmen einen weiteren tiefen Zug. Wie ein Trinker, der nach langer Abstinenz in den Rausch eintauchte, inhalierte sie den fehlenden Sauerstoff, füllte die Lungen bis zum Bersten und spürte, wie der Stoff ihren Körper durchströmte. Mit der Erholung kam die Erinnerung, mit der Erinnerung setzte der Verstand wieder ein. Die Frau öffnete die Augen und starrte auf den Engel vor sich, den sie für einen Fisch gehalten hatte und an dessen Nabelschnur mit Pressluft sie hing. Der Engel hob seine Hand und bildete mit Zeigefinger und Daumen einen Kreis. Sie erwiderte das Zeichen, deutete auf ihre Unterwasseruhr, streckte alle zehn Finger von sich. Ihr Schutzengel nickte und verharrte so lange an ihrer Seite, bis sie gefahrlos nach oben schweben konnten.
Der Karpfen am Grunde des Sees erwachte aus seiner Mittagsruhe, schob sein Maul in den weichen Schlamm und begann nach Futter zu suchen. Plötzlich zuckte das Tier zurück. Im Schlamm lag etwas Hartes, Unbekanntes. Vorsichtig stupste der Karpfen mit dem Maul dagegen, prüfte mit den empfindlichen Barteln Geschmack und Geruch. Das Tier benötigte nur wenige Sekunden, um zu begreifen, dass das Ding nicht fressbar war. Mit einem kräftigen Flossenschlag entfernte sich der Fisch und hüllte die Taucherbrille in eine Wolke aus Sediment.
5
Der alte Wirt vom Forellenhof am Staffelsee wunderte sich schon lange nicht mehr. Früher ja, da schon, als seine Kinder, kaum volljährig geworden, den Hof verließen, um in der Stadt ihr Glück zu versuchen. Da wunderte er sich, dass sie lieber in einem stickigen Büro vor flimmernden Bildschirmen saßen und sich ihren Rücken und die Augen kaputt machten, statt draußen an der frischen Luft zu arbeiten. Oder als er seine Frau mit dem unappetitlichen Förster vom Nachbardorf im Bett erwischte, da wunderte er sich über ihren schlechten Geschmack und seine Beherrschtheit. Zuletzt hatte er sich – auch schon eine Ewigkeit her – über seine Hilflosigkeit gewundert, als er mitansehen musste, wie sein bester Freund im See ertrank, der einen riesigen Hecht aus dem Netz ziehen wollte, dabei das Gleichgewicht verlor und mitsamt dem Netz in der Tiefe verschwand. Sie hatten zwar fischen, aber nie schwimmen gelernt – als die Taucher seinen Freund endlich fanden, war es zu spät. Sie mussten ihn aus den Schlingen herausschneiden und gaben ihm den toten Körper und den zappelnden Hecht. Da an der Wand hing der bullige Kopf des Mörderfisches, sein zähnegespicktes Maul vom Präparator weit aufgerissen. Ein Kleinkind würde gerade hindurchpassen. Verwundert stellte der Wirt fest, wie viele Jahre dieser Kopf schon auf ihn niederblickte und an die schlimme Vergangenheit erinnerte. Mit Verwunderung stellte er fest, dass er sich heute wunderte. Fast hätte er darüber den Anlass seiner Verwunderung vergessen.
Direkt unter dem abgetrennten Kopf saßen sie. Ein Mann mit einer wunderschönen Frau. Die Frau wirkte erschöpft und hatte um ihre nassen schwarzen Haare ein Handtuch gewickelt, das er ihr aus einem der leer stehenden Gästezimmer geholt hatte. Der Mann war groß und hatte seine langen hellen Haare zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Mit dem Dreitagebart und der etwas zu breiten Nase sah er aus wie Stargeiger David Garrett nach einer durchzechten Nacht. Unter den buschigen Brauen betrachtete er die Frau aufmerksam und prüfend.
Die Frau sah wirklich müde aus. Kam wohl aus dem Ausland, Italien vielleicht oder noch weiter. Sie trug einen dünnen blauen Pullover, der ihr viel zu groß war und ihrem Begleiter gehören musste. Ihre langen braunen Beine steckten in einer bequemen sandfarbenen Baumwollhose, die sie bis über die Knie hochgekrempelt hatte. Neben ihrem Tisch standen eine Tauchflasche und so etwas wie eine Schwimmweste. Der Fischerwirt hatte Ähnliches zuletzt bei den Polizeitauchern gesehen, die seinen verunglückten alten Freund aus dem See zogen. Die Frau trank das Bier, das er ihr hingestellt hatte, mit schnellen, hastigen Zügen aus und lehnte sich entspannt zurück. Für einen kurzen Moment schloss sie zufrieden die Augen. Sie hatte weder Strümpfe noch Schuhe an, und von der Theke aus konnte er ihre feinen Knöchel und die kleinen, fast zarten Füße sehen.
Ihr Begleiter schaute den Wirt an und nickte ihm zu. Der alte Fischer zog die Unterlippe nach vorne, ging einen Schritt zur Seite und zapfte das Bier fertig. Aus der Küche drang der Duft gebratener seefrischer Forellen, gewürzt mit Thymian und Rosmarinkräutern, die seine neue Köchin in dem kleinen Garten hinter dem Haus gepflückt hatte. Er sah ihr dabei gerne zu, heimlich beobachtend, wie sie sich bückte und ihr weiter Rock einen Blick auf ihre vollen Waden freigab. Seitdem seine Frau beim Förster ins Horn blies, wurde er nur noch selten von seinen Kindern besucht.