BASTEI ENTERTAINMENT
Vollständige E-Book-Ausgabe
der beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgabe
Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG
© 2015 by Bastei Lübbe AG, Köln
Verlagsleiter Romanhefte: Dr. Florian Marzin
Verantwortlich für den Inhalt
Titelbild: Manuel Prieto/Norma
E-Book-Produktion:
César Satz & Grafik GmbH, Köln
ISBN 978-3-8387-5698-1
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Ich warte auf dich, McGill!
1
Als die schwarze Nacht über dem weiten Land und den Seven-Sisters-Hills liegt, weil am Himmel die Sterne verborgen bleiben, da vermag McGill die Rinderfährte nicht mehr sehend zu verfolgen.
Dafür aber kann er sie gewissermaßen mit der Nase wittern, weil die kleine Herde den Staub des trockenen, weiten Landes aufwirbelte, der sich noch lange in der Luft hält, bevor er sich endlich senkt und die Luft wieder klar und rein wird.
Doch selbst wenn der Staub in der schwarzen Nacht nicht in der Luft schwebte, McGill ist sich schon seit dem Nachmittag darüber klar, wo die Fährte enden wird.
Eine halbe Stunde später reitet er aus der Schwärze der Seven Sisters Hills hinaus auf die Ebene, auf der die Schwärze jetzt wie ein unerforschliches Geheimnis liegen würde, wenn … ja, wenn dort draußen nicht ein paar Lichter wären.
McGill hält seinen grauen, narbigen Wallach an. Und plötzlich ist alles ganz einfach.
Er weiß, dass sein langer Ritt zu Ende ist.
Denn die Lichter gehören zum Endpunkt einer Nebenlinie der Union Pacific. Es ist nur eine kleine Nebenlinie, die zum großen Schienenstrang führt. Sie endet hier bei einem kleinen Verladebahnhof.
Und so weiß er, dass dort seine Rinder verladen werden sollen, wahrscheinlich noch in dieser Nacht.
Er reitet wieder an, und es ist nun ein bitterer Zorn in ihm. Er hasst Rinderdiebe, so genannte Rustler. Sie sind für ihn nicht weniger schlimm als Pferdediebe.
In weiser Voraussicht beginnt er nun auf der Ebene einen weiten Bogen zu schlagen, denn er weiß, dass er nicht auf der Fährte seiner Rinder zu den Lichtern kommen darf. Er muss aus einer völlig anderen Richtung kommen.
Er wird sich der kleinen Verladestation von Norden her nähern, so als käme er von Cheyenne.
Er reitet also ein Stück nach Norden, und als er dann nach Süden abbiegt, da sieht er wieder die Lichter der Station und dahinter die geheimnisvolle Kette der Seven Sisters Hills vor sich, aus der er ja auf der Fährte kam. Die Nacht wurde etwas heller und damit auch alle Dinge, die sich gegen den Himmel abhoben.
Er reitet auf einem von Radfurchen und Hufspuren geprägten Weg, welcher wirklich von Cheyenne her kommen mag. Doch genau weiß er es nicht. Es hat sich in diesem Land seit dem Bau der Union Pacific eine Menge verändert. Und auch die gewaltigen Büffelherden, deren Hufe alle anderen Fährten und Wege löschten, sind nicht mehr vorhanden. Nur ihre Knochen liegen überall und bleichen in Sonne, Wind und Regen.
Er fragt sich, wen er dort bei der kleinen Station wohl vorfinden wird. Kennt er die Viehdiebe? Stand er vielleicht schon in Arapaho mit ihnen dann und wann an der Bar oder saß mit ihnen am Spieltisch? Was dann?
Er findet keine Antwort auf diese Frage. Und so reitet er weiter und weiter.
Als er nahe genug ist, hört er das Gebrüll seiner Rinder aus einem Corral. Es ist gewiss ein Verladecorral, von dem aus man die Rinder direkt in die Viehwaggons treiben kann. Er weiß, die Tiere sind nach dem gnadenlosen Treiben – sie müssen von den Treibern vorwärtsgeprügelt worden sein – nervös und deshalb wild. Die ohnehin auf der Heimatweide schon halb wilden Longhorns wittern Unheil.
Und so brüllen sie.
McGill reitet langsam im Schritt, erreicht den Schienenstrang zwischen zwei Schuppen und überquert ihn.
Nun sieht er die Station. Zu ihr gehören ein kleiner Store und ein Saloon. Das alles wird umgeben von Magazinen, halb offenen Schuppen, Corrals und etwas weiter entfernt von einem großen Stapel von Bahnschwellen.
Vor dem Saloon stehen einige Sattelpferde.
Im Stationshaus tickt der Telegraf. Er kann es recht deutlich hören, indes er sein Pferd anhält, bewegungslos im Sattel verharrt und in die Runde wittert. Ja, es ist ein Wittern, und vielleicht ist er jetzt eine Art zweibeiniger Wolf, der genau weiß, dass Jäger auf ihn lauern.
Aus dem Stationshaus kommt ein Mann gelaufen, der vor dem Saloon verhält, die Tür öffnet und laut in den Saloon ruft: »Der Zug kommt in etwa einer Stunde!«
Dann kehrt der Stationsmann wieder zum Stationshaus zurück.
John McGill reitet vorwärts, und als er sein Pferd vor dem Saloon neben die anderen Tiere an den Wassertrog stellt, da tritt ein Mann hinter der Hausecke hervor und schnippt die aufsprühende Zigarettenkippe dicht vor McGills Füße.
»Hey«, sagt der Mann dann. »Ziemlich spät noch unterwegs. Kommen Sie von Cheyenne herüber?«
»Es sieht so aus, nicht wahr?« In McGills Stimme ist ein Klang von Spott.
Der Mann kommt nun näher. Im Lichtschein einiger Laternen und der aus den Gebäuden fallenden gelben Barriere betrachten sie sich.
McGill kann wittern, dass der Mann noch stark nach Pferdeschweiß, Staub und Rindern riecht. Und so weiß er, dass es einer der Treiber sein muss, die seine Rinder fast drei Tage und Nächte durch das raue Land vorwärts prügelten.
Ja, dieser Mann stinkt nach Herdenarbeit.
Aber er kennt den Mann nicht, den er nun fragt: »Bekommt man im Saloon auch ein Steak und was sonst noch dazugehört?«
»Gewiss«, murmelt der Mann, wippt auf den Fußsohlen und fragt: »Wohin wollen Sie eigentlich, mein Freund?«
»Nach Süden, einfach nur nach Süden«, erwidert McGill.
Der Mann tritt nun näher an McGills Wallach heran, und es ist klar, dass er sich das Brandzeichen ansehen will.
Aber der Wallach trägt nicht den M-im-Kreis-Brand wie McGills Rinder. McGill war nicht so dumm, auf einem Pferd mit diesem Brand hinter seinen Rindern herzureiten. Dieser Wallach trägt noch den Brand der ehemaligen Texasbrigade.
Und so tritt der Mann wieder zurück bis an die Hauswand und lehnt sich dort dagegen, um sich eine neue Zigarette zu drehen.
McGill aber betritt den Saloon.
Er braucht etwa eine Sekunde, um sich an die veränderten Lichtverhältnisse zu gewöhnen, und er ist in dieser Sekunde voller Sorge.
Doch dann kann er alle Anwesenden im Lampenschein recht gut sehen. Seine Sorge legt sich von einem Atemzug zum anderen, denn weil er keinen der Anwesenden kennt, kann er wohl annehmen, dass er auch ihnen unbekannt ist.
Drei Männer, denen man ansieht, dass sie vor etwa noch einer Stunde Rinder durch raues Land trieben, stehen am Schanktisch. Sie wandten sich dem Eintretenden mit noch halb vollen Gläsern in den Händen zu.
Doch weil ihr Partner draußen den Fremden eintreten ließ, sind sie noch recht sorglos. Man sieht ihnen auch an, dass sie erschöpft und ausgebrannt sind vom harten und langen Treiben.
Der Mann hinter dem Schanktisch aber fragt: »He, Mister, wollen Sie ein Abendbrot? Dann sage ich meiner Frau in der Küche Bescheid.«
»Ja, ein großes Steak, wenn’s geht. Und ein Bier, wenn Sie welches haben«, erwidert McGill und geht zu einem Tisch in der Ecke.
Am Tisch in der anderen Ecke sieht er einen Mann sitzen, der sich das Äußere eines seriösen Geschäftsmannes gibt, also einen Anzug trägt mit Hemd und Krawatte. Auf seinem Kopf sitzt eine zurückgeschobene Melone. Sein Bart ist gepflegt.
Der Mann hat noch ein halb volles Bierglas vor sich stehen und trommelt mit den Fingern auf der Tischplatte, so als könnte er seine Ungeduld nicht anders bekämpfen.
Ja, dieser Mann macht für McGill den Eindruck, als säße er auf einer heißen Ofenplatte.
Er hatte offenbar auch gegessen. Denn ein leerer Teller, den er vor sich schob bis in die Tischmitte, lässt darauf schließen.
Es riecht nach Steak und Bratkartoffeln.
Aus der Ferne hört man das Pfeifen einer Lok. Sie muss noch einige Meilen weit entfernt sein mit ihren scheppernden Wagen, denn über die Prärie klingt sogar ein Schuss in dieser stillen Nacht meilenweit.
Die Lokomotive pfeift immer wieder. Wahrscheinlich muss oder will sie irgendwelche Tiere vom Schienenstrang jagen. Es gibt ja auch noch kleine Büffelrudel im Land da und dort, die zu jagen es sich nicht mehr lohnt.
Einer der Männer an der Bar sagt in die Stille: »Da kommt er. He, Mister Miller, da kommt der Zug!« Gemeint ist der Mann in der Ecke, welcher wortlos nickt und dann das Bierglas leert.
»Wollen Sie noch ein Bier, Mister Miller?« So fragt der Mann hinter der Bar.
Aber der Mann mit der Melone knurrt: »Nein, Fargo. Dies ist kein Bier, sondern Affenpisse. Und es würde mir beim nächsten Glas wieder aus den Ohren herauslaufen.«
Als er verstummt, herrscht eine Weile Schweigen. Dann bringt Fargo das Bier zu McGill an dessen Tisch und sagt dabei: »Mister, dies ist gewiss keine Affenpisse. Probieren Sie. Das ist gutes Bier.«
Nach diesen Worten kehrt er wieder hinter den Schanktisch zurück.
»Das Steak kommt gleich«, sagt er von dort.
McGill trank indes einige Schlucke vom Bier.
Da fragt der Wirt: »Na, ist es Affenpisse oder nicht, Mister?«
»Es schmeckt irgendwie nach einem toten Hund«, erwidert McGill.
Die Männer an der Bar – aber auch jener mit der Melone – beginnen zu lachen. Einer spricht dann heiser: »Ja, ich habe das schon mal mit Whiskey erlebt. Das war an der Red-River-Furt in Drawson’s Saloon bei der Fähre. Der Whiskey war gar nicht so schlecht, aber er hatte einen besonderen Geschmack. Und so wetteten sie im Saloon, was für ein Tier wohl im Fass schwimmen würde. Der Wirt nahm dann sogar Wetten an. Und wir setzten auf alle möglichen Tiere – von der Ratte bis zum Skunk. Aber als wir dann das Fass aufmachten, lag ein kleiner Hund drinnen.«
Die drei Viehdiebe lachen nun wiehernd.
Dann aber tönt in der Ferne wieder das Pfeifen der Lok, nun jedoch schon deutlich näher.
Der Wirt bringt das Steak mit Bratkartoffeln aus der Küche zu McGill an den Tisch und knurrt dabei: »Mister, Sie tun mir verdammt Unrecht. In meinem Bierfass schwimmt kein toter Hund.«
Beleidigt kehrt er wieder zu seinem Platz hinter den Schanktisch zurück und beginnt dort Gläser zu putzen, die er aber wahrscheinlich mit dem Tuch schmutziger macht, als sie zuvor schon waren.
McGill beginnt das Steak zu verputzen. Denn er ist angefüllt mit Hunger, der wie ein böses Tier in seinem leeren Magen zu knurren schien.
Und abermals tönt das Pfeifen der Lok.
Einer der drei Viehdiebe wendet sich wieder an den Mann mit der Melone in der Ecke »Nun, Mister Miller. Jetzt zahlen Sie uns endlich aus. Der Zug ist gleich hier. Und wenn wir die Rinder …«
»Wenn die Rinder verladen sind«, unterbricht der Mann mit der Melone ihn, »keine Sekunde früher.« Und er wirft einen forschenden Blick zu McGill herüber.
»He, Mister, woher kommen Sie eigentlich?« So fragt er.
McGill schiebt sich mit der Gabel erst noch ein Stück Fleisch in den Mund, lässt ihn noch eine Weile auf Antwort warten. Dann erwidert er endlich: »Aus Cheyenne. Warum interessiert Sie das, Mister Miller?«
»Aaah, nur so«, murmelt dieser und will sich erheben. Doch John McGills Stimme spricht nun ganz ruhig, doch mit klirrender Härte »Bleiben Sie sitzen, Mister Miller.«
Dieser hält im Ansatz der Bewegung inne.
»Was meinen Sie?«
»Dass Sie sitzen bleiben sollen«, wiederholt McGill seinen Befehl. Ja, es ist zweifellos ein Befehl. Man erkennt es am Klang seiner Stimme.
Und plötzlich weht der Atem von Gefahr und bevorstehender Gewalttat durch den Raum. Jäh ist jetzt alles völlig anders.
»He«, macht der Mann mit der Melone, der den Allerweltsnamen Miller führt.
Die drei Viehdiebe an der Bar aber gleichen nun gestellten und in die Enge getriebenen Wölfen.
Sie wenden sich lauernd McGill zu, und einer stellt fest: »Der kommt nicht aus Cheyenne. Der kam auf unserer Fährte. Ist es so, Mister?«
»Ihr habt meine Rinder gestohlen und bis hierher getrieben«, erwidert McGill klirrend. »Und wenn ihr mir sagt, wer euch dazu angeworben hat, dann lasse ich euch laufen. Ich will euren Hintermann, nicht euch kleinen Ratten.«
Als sie das hören, ist für sie alles klar. Sie halten ihn nun für einen Narren, denn er sitzt ja noch hinter seinem erst halb verspeisten Steak am Tisch. Ja, sie müssen ihn eigentlich für einen Narren halten, weil sie zu wenig von ihm wissen.
Und noch eines wissen sie nicht, nämlich, dass er seinen Revolver unter dem Tisch verborgen auf seinem Oberschenkel liegen hat.
Und so sind sie die Narren, als sie aufbrüllend nach ihren Revolvern schnappen und sich dabei alle Mühe geben, möglichst schnell zu sein.
Aber sie haben keine Chance.
John McGill war früher, bevor er Rancher wurde, ein Revolvermann der ganz besonderen Sorte, zu der nur die wenigen ganz Großen gehören, von denen es kaum mehr als ein Dutzend gibt und die sich von den ruhmsüchtigen Revolverhelden und den drittklassigen Revolverschwingern unterscheiden wie Königstiger von Coyoten und Ratten.
Er gehört zu der Sorte, die Gutes tut auf böse Weise – aber dennoch Gutes.
Sie haben ihre einzige Chance nicht begriffen. Er hätte sie laufen lassen, wenn sie ihm den Namen ihres Hintermannes genannt hätten.
Doch sie wollten lieber kämpfen und zogen, um ihn zu töten.
Nun sterben sie.
Als das Krachen der Revolver verstummt – auch die drei Viehdiebe kamen noch zum Schuss, brachten jedoch ihre Revolverläufe nicht mehr hoch und die Mündungen in Richtung auf das Ziel –, da spricht der Mann mit der Melone heiser: »Ich bin nicht mit im Spiel. Ich passe! Meine Waffe steckt im Schulterholster. Und meine Hände liegen auf dem Tisch. Ich kämpfe nicht.«
Der Wirt hinter der Bar aber ächzt heiser: »O Vater im Himmel, was ist das für eine Welt …«
Draußen aber klingt der Hufschlag eines davonjagenden Pferdes herein.
Jener Mann dort draußen, der die Bande hätte warnen sollen, hat wahrscheinlich nur einen schnellen Blick durchs Fenster geworfen und begriffen, dass er sein Heil in einer raschen Flucht suchen sollte. Und so jagt er davon in die Nacht – irgendwohin, nur weg von hier.
Die drei Viehdiebe liegen am Boden. Sie machen – ihre letzten Atemzüge. McGill musste schnell schießen und voll auf die Gegner halten. Er hatte keine andere Wahl.
Er sieht zu jenem Miller hin: »Wie viele Rinder sind es, Mister Miller?«
»Siebenundfünfzig, Mister. Wer sind Sie?«
»McGill ist mein Name. Sie werden jetzt für die siebenundfünfzig M-im-Kreis-Rinder eintausendeinhundertundvierzig Dollar zahlen.«
»Sooo, muss ich das?« Miller fragt es mit einem Klang von Trotz.
»Das ist nun mal mein Preis, zu dem ich liefere. Ich will meine kleine Herde nicht sechzig Meilen allein zurücktreiben. Also, wollen Sie kaufen oder als Viehdieb gelten?«
Jener Miller schweigt einige Atemzüge lang.
Dann knirscht er: »Ich zahle. Und was sonst noch?«
»Dann dürfen Sie die Rinder verladen lassen. Und wenn Sie hier nochmals gestohlene Rinder aufzukaufen versuchen sollten, dann werden Sie hängen. Dann haben Sie die Rinderzüchter-Vereinigung im Nacken. Verstanden?«
»Ich zahle den doppelten Marktpreis«, knurrt Miller. »Verdammt, ich bin ja auch nur ein kleiner Wicht im großen Spiel.«
»Und wer teilt die Karten aus?« McGill fragt es hart. Aber Miller schüttelt nur den Kopf.
»Was weiß ich … Ich kaufe hier nur Rinder und verlade sie.«
2
Die Müdigkeit liegt wie Blei in seinen Gliedern, und die innerliche Anspannung löst sich allmählich auf. Er sitzt immer noch an seinem Tisch in der Ecke und lauscht nach draußen.
Dort hält nun der Zug. Stimmen tönen. Jener Miller ist draußen, um das von ihm gekaufte Vieh verladen zu lassen.
Der Wirt ließ inzwischen die Toten fortschaffen und tritt nun zu ihm an den Tisch, fragt mürrisch: »Und wer bezahlt die Beerdigung der Kerle? Die hatten insgesamt nur fünf Dollar und ein paar Cents in den Taschen. Die waren arme Hunde. Wer also zahlt die Beerdigung – also Särge und …«
»Sie kamen auf drei Pferden«, unterbricht ihn McGill. »Verkaufen Sie die drei Tiere. Dann machen Sie noch einen guten Gewinn – oder?«
Der Wirt zerbeißt einen Fluch auf den Lippen und kehrt wieder hinter den Schanktisch zurück.
Es ist still im Saloon. Draußen brüllen die Rinder. Sie lassen sich nur mit Schlägen und Flüchen in die beiden Viehwaggons treiben.
McGill fragt hart: »Wurden hier viele Rinder verladen von diesem Miller? Hat der hier viele Rinder gekauft?«
Der Wirt knurrt vorerst nur böse. Doch nach einer Weile spricht er unwillig »Ja, es kamen immer wieder kleine Herden hier an, zumeist nur von drei oder vier Reitern hergetrieben. Miller zahlte sie stets nach dem Verladen aus. Sie ließen dann ein paar Dollar hier bei mir im Saloon. Die Geschäfte gehen schlecht. Dies ist eine kleine Station. Hier ist sozusagen der Arsch der Welt. Und jetzt wird es noch stiller werden.«
John McGill nickt nur. Was soll er auch sagen? Diese kleine Station lebte von den Viehdieben, die hier einen Abnehmer hatten, der die Rinder sofort verladen lassen konnte.
Erst wenn das Umland besiedelt wird und aus der Station eine kleine Stadt entsteht, die sich im Umkreis von dreißig Meilen zum Nabel einer kleinen Welt entwickelt, ändert sich alles.
Doch das kann dauern.
»Wollen Sie noch ein Bier?«, fragt der Wirt nach einer Weile mit einem versöhnlichen Klang in der Stimme.
McGill schüttelt den Kopf.
Er verspürt Unentschlossenheit und fragt sich, ob er hier im Heu oder Stroh einer Scheune übernachten oder lieber hinaus auf die Prärie reiten soll, um sich dort hinzulegen.
Er hat hier kämpfen und töten müssen und wird deshalb trotz Müdigkeit gewiss keinen Schlaf finden – schon gar nicht hier im Saloon.
Wahrscheinlich also ist es besser für ihn, wenn er hinaus in die Prärie oder in die Seven Sisters Hills reitet, um über sich die Sterne zu sehen und sie fragen zu können, was das Schicksal für ihn bereithält.
Denn eines ist ihm klar: Die Viehdiebstähle in dem Land der Arapaho Hills, die werden organisiert. All die kleinen Rustlerrudel – wie die drei Burschen, die er in Selbstverteidigung erschießen musste, um nicht selbst erschossen zu werden –, die werden dirigiert.
Und so wie ihm, ergeht es gewiss mehr als einem Dutzend Ranchern in diesem Arapaho-Hills-Gebiet rings um die kleine Stadt Arapaho.
Er kann sich ausrechnen, dass die ganze Sache eskalieren wird und es zu einem Krieg der Rinderzüchter gegen die Rustler kommt.
Und dann? Ja, was wird dann sein?
Wer will auf diese Weise einen Krieg? Und was verspricht er sich davon?
Er will sich erheben, um sich draußen um sein Pferd zu kümmern. Denn der Wallach ist in den vergangenen zwei Tagen fast siebzig Meilen durch raues Land gelaufen, immer auf der Fährte der Rinder, welche zwei Tage und Nächte Vorsprung hatten, den es einzuholen galt. Es war ein raues Reiten.
Er wird das Tier gewiss länger als eine Stunde abreiben und durchmassieren müssen. Auch mit einigen Eimern Wasser wird er es übergießen. Das Wasser aus dem großen Tränketrog wird vom langen Sonnentag lauwarm sein. Der Wallach wird zufrieden schnauben.
McGill will sich also erheben, doch es bleibt beim Ansatz zu dieser Bewegung.
Denn von draußen tritt eine Frau ein.
Gleich an der Tür verharrt sie, um ihre Augen an das Lampenlicht zu gewöhnen. Sie blinzelt ein wenig, wischt sich übers Gesicht und streicht sich die Haare aus der Stirn. Es sind rotgolden im Licht schimmernde Haare.
Sie muss mit dem Zug gekommen sein.
Der Wirt spricht schnell: »Treten Sie näher, Ma’am. Was kann ich für Sie tun? Möchten Sie etwas essen? Meine Frau ist noch in der Küche. Ich muss ihr nur Bescheid sagen bezüglich Ihrer Wünsche.«
»Ein Steak würde ich gerne essen«, spricht die schöne Frau mit kehliger Stimme und tritt näher.
Ja, sie ist eine Schönheit. Und sie ist noch jung. Ihre Mädchenzeit liegt noch nicht lange hinter ihr. Sie bewegt sich selbstbewusst, so als wäre sie sich ihres Wertes niemals unsicher.
»Und auch einen Kaffee könnte ich gebrauchen, wenn er stark genug ist und nicht nur eine braune Brühe.«
»Meine Frau kocht guten Kaffee, Ma’am«, versichert der Wirt und verschwindet.
Die Schöne sieht sich um. Ihr Blick fällt auf McGill. Der hat den Hut weit in den Nacken geschoben und greift nun an die Hutkrempe.
»Willkommen am Ende der Welt, Ma’am«, spricht er. »Die Steaks hier sind gut. Über den Kaffee kann ich nichts sagen.«
Sie nickt kaum merklich und überlegt dann offensichtlich, an welchem der sechs Tische im Raum sie Platz nehmen soll.
McGill erhebt sich und macht eine einladende Bewegung zu seinem Tisch.
»Kommen Sie, Ma’am«, spricht er ruhig. »Wir beide sind Fremde an diesem Ort. Das sollte uns vereinen. Oder sind Sie hier nicht fremd?«
»Doch«, murmelt sie. »Dies ist ein verdammt armseliges Nest, nicht wahr? Und wie kommt man von hier weiter? Oder wissen Sie das nicht, weil auch Sie hier fremd sind?«