Wie Sie zu Hause mit Freude, nahezu mühelos und ohne auswendig lernen mit dem freien Erzählen von Märchen und Geschichten vor Publikum beginnen können.Von Karlheinz Schudt
Jeder Mensch kann frei erzählen. Das ist eine Urtätigkeit des Menschen. Denken Sie einmal an ein kleines Baby, das zum Beispiel durch seine eigene Lautsprache der Mutter oder den Eltern mitteilt, was es wünscht oder was es gerade erlebt. Ob nun die Eltern es immer richtig deuten, ist eine andere Sache, aber jeder Mensch fängt von Kindesbeinen an, frei zu erzählen.
Auch Sie erzählen tagtäglich anderen Menschen Ihre Erlebnisse, Ihre Wünsche und Befindlichkeiten, ohne dabei aus einem Buch oder einer Vorlage abzulesen. Das ist die natürlichste Sache der Welt und dennoch fürchten sich viele davor, diese uns nahezu angeborene Fähigkeit konstruktiv zu nutzen und auch vor Publikum anzuwenden.
Dabei hören Kinder und Erwachsene sehr gerne zu, vor allen Dingen, wenn dieses Erzählte wirklich erlebt ist und auch von Herzen kommt. Dafür eignen sich besonders Märchen, denn hier geht es keineswegs um erfundene Lügengeschichten oder pädagogische Moralvorträge, sondern um tiefste Menschheitsprozesse und Weisheiten, die sich in jedem abspielen und die folglich auch jeder Mensch tagtäglich erlebt und zum Wohle aller anwenden kann.
Gewiss, die Märchen beschreiben diese inneren Prozesse nicht mit Worten, die unseren Verstand befriedigen. Das ist auch nicht möglich, denn niemand von Ihnen hat schon mal in der Realität einen sprechenden Wolf gesehen, der eine Großmutter verschlingt und ein kleines Mädchen verschluckt, die dann auch noch später lebendig und unversehrt wieder aus dem Magen des Wolfs herauskommen (Siehe “Rotkäppchen”, Märchen gesammelt von den Brüdern Grimm).
Sie meinen ja auch nicht, wenn Sie z. Bsp. das Sprichwort verwenden: “Da habe ich wohl den Kopf verloren”, dass tatsächlich Ihr Kopf von den Schultern rollt. Man will damit ausdrücken, dass man sich zu einer unüberlegten Handlung hinreißen habe lassen, ohne vorher darüber nachgedacht zu haben.
Das Märchen ist voll von solchen Schilderungen, die aber nur mit dem Herzen zu verstehen sind und zunächst nur zu einem kleinen Teil äußere Prozesse schildern. Daher sind die Märchen auch nicht historisch zu sehen, sondern viel mehr als eine Art Lebensorientierung. Mithilfe von seelisch-geistigen Schilderungen in Bildern können so intuitive Lösungen für oftmals festgefahren Probleme im Alltag gefunden werden, für die unser Verstand nicht geeignet ist.
Dass wir immer noch das Glück haben, Märchen in unserer Kultur zu haben, verdanken wir wohl den Kindern, wenngleich Märchen in früheren Zeiten ja Erwachsenen erzählt wurden. Kinder können noch staunen und sich für Dinge begeistern, die jenseits unseres meist verkopften Erwachsenen-Denkens liegen.
Echte Märchen haben bis heute keine feststellbaren Urheber. Sie sind eine Folge der Legenden, Sagen und Mythen und sprechen ganz besonders den Einzelmenschen an, da sie kurz und klar, aber dennoch poetisch und für alle Menschen nachvollziehbar erzählt werden und immer gut ausgehen.
Ein weiterer Grund, warum sich die bis heute überlieferten Märchen aus dem europäischen Kulturkreis so lange erhalten haben, liegt wohl bei den Brüdern Grimm, die bereits Anfang des 19. Jahrhunderts die Märchen gesammelt und aufgeschrieben haben. Wussten Sie übrigens, dass die Märchen der Brüder Grimm das zweitmeistgelesene Buch auf der ganzen Welt sein soll, gleich nach der Bibel?
Die Brüder Jakob und Wilhelm Grimm haben viele ihrer gesammelten Märchen von Nachfahren der Hugenotten erzählt bekommen. Gewiss, nicht alles was sie mündlich überliefert bekamen, hatten sie auch originalgetreu wieder gegeben. Dies hing sicherlich auch mit ihrer eigenen Erziehung, ihrem literarischen Anspruch und den damaligen gesellschaftlichen Verhältnissen zusammen. Nichtsdestotrotz hatten sie ein einfühlsames Gespür für die Schönheit und Schlichtheit dieser weisheitsvollen Geschichten, die uns nun heute zugutekommen.