Stephan Knösel
Echte Cowboys
www.beltz.de
© 2010 Beltz & Gelberg in der Verlagsgruppe Beltz · Weinheim Basel
Lektorat: Frank Griesheimer
Einbandgestaltung: Christine Gundelach, Studio Grau, Berlin
ebook: Druckhaus »Thomas Müntzer«, Bad Langensalza
ISBN 978-3-407-74288-9
1
Cosmo war noch in der S-Bahn, als seine Mutter die Tabletten aus der Schachtel nahm. Er lehnte an der Tür des Abteils und schaute auf die stillgelegte Kiesgrube, die draußen an ihm vorbeizog. Das freie Gelände lag auf halbem Weg zwischen Lochham, wo seine Schule war, und dem Westkreuz, wo er wohnte – eine weite Fläche, mit hohem Gras überwuchert, in der es ein paar Baumgruppen gab, die wie Inseln wirkten im grellen Sonnenlicht. Der Anblick erstaunte ihn jedes Mal. So stellte er sich Weideland in Texas vor, nicht die Stadtgrenze im Südwesten Münchens. Trotzdem passte die Kiesgrube irgendwie hierher. Für ihn trennte sie zwei Welten.
Cosmos Mutter hatte die Tablettenschachtel in der Wohnung des Mannes entdeckt, bei dem sie die letzte Nacht verbracht hatte. Der Mann schlief noch, als sie sich um fünf Uhr früh in seinem Badezimmer übergab, und er wachte nicht davon auf. Sie wusch sich das Gesicht, dann öffnete sie den Spiegelschrank über dem Waschbecken, um ihr Spiegelbild nicht mehr zu sehen.
Nach kurzem Zögern nahm sie die Schachtel aus dem Schrank, steckte sie in ihre Handtasche und verließ daraufhin die Wohnung. Cosmo war schon auf dem Weg zur Schule, als sie zwei Stunden später zu Hause ankam.
Dort legte sie sich Briefpapier und Kugelschreiber auf dem Esstisch zurecht, holte noch ein Glas Wasser aus der Küche, und während sie überlegte, wie sie anfangen sollte, drückte sie eine Tablette nach der anderen aus der Verpackung. Als sie damit fertig war, wusste sie immer noch nicht, wie sie den Brief anfangen sollte. Sie stand auf und begann aufzuräumen. Sie zog das Laken mit den Brandlöchern von der ausgezogenen Bettcouch, leerte die überquellenden Aschenbecher, die auf dem Glastisch standen, und sammelte die teils leeren, teils noch halb vollen Flaschen und die zerknüllten Zigarettenschachteln vom Boden auf. Dann wischte sie den Esstisch ab, warf den Lappen in den Müll und setzte sich. Als Letztes stellte sie eine volle Flasche Wein vor sich auf den Tisch. Dies sollte ihr kleiner Triumph im Abschied sein. Sie hatte seit sechs Stunden nichts getrunken.
Es gab so viel zu sagen, aber sie hatte nicht die Geduld, nach Worten zu suchen. Schließlich schrieb sie nur, wobei sie den Kugelschreiber fest auf das Papier drücken musste, um vor Zittern nicht unleserlich zu werden:
Mein lieber Cosmo! Bitte öffne nicht die Tür. Wenn Du diesen Brief liest, klingel bei den Nachbarn. Sie sollen die Polizei rufen. Es tut mir leid, dass ich keine gute Mutter war, und jetzt werde ich Dir nicht mal mehr eine schlechte Mutter sein. Ich liebe Dich aber, und ich weiß, dass Du mich liebst, trotz allem, also vergiss mich nicht. Vergiss wenigstens nicht, dass wir auch schöne Zeiten zusammen hatten! Deine Mama
Dann nahm sie die Tabletten je zwei auf einmal, immer mit einem kleinen Schluck Wasser, stand vom Esstisch auf und legte sich auf die Bettcouch. Sie wusste nicht, dass Cosmo an diesem Tag zwei Stunden früher als sonst aushatte.
Er kramte gerade seinen Schlüssel aus der Hosentasche und öffnete die Glastür, die vom Treppenhaus in den Flur führte. Inzwischen hatte er es im Gefühl, wann er im neunten Stock war, aber wie oft war er schon bis in den zehnten hochgelaufen? Jemand hatte sich einen Spaß erlaubt und die Ziffern von den Glastüren abgekratzt, außer im Erdgeschoss. Man musste ja auch wirklich bescheuert sein, um schon im Erdgeschoss nicht mehr zu wissen, wo man war. Ab dem fünften, sechsten Stock allerdings, fand Cosmo, konnte man schon mal durcheinanderkommen.
Als ihr schlecht wurde, stand Cosmos Mutter doch noch einmal auf, um die Weinflasche vom Tisch zu holen. Aber sie schaffte es nicht mehr zurück zur Bettcouch, sie brach vorher zusammen.
Cosmo hörte draußen auf dem Flur das Geräusch von zersplitterndem Glas und einen dumpfen Aufprall – doch das war nichts Neues für ihn. Neu war der Briefumschlag, der über dem Türspion klebte. Es ergab keinen Sinn, dass er bei den Nachbarn klingeln sollte – die Wohnung rechts von ihnen stand leer und das Ehepaar in der linken Wohnung sprach kein Deutsch. Über diesen Gedanken stolperte Cosmo, bevor ihm klar wurde, dass seine Mutter es diesmal ernst meinte. Es war nicht ihr erster Versuch. Aber früher hatte sie es ihm immer relativ leicht gemacht, sie zu finden. Diesmal war sogar das Schloss von innen blockiert, als er versuchte, die Tür aufzusperren.
Cosmo rannte durch den dunklen, schlauchförmigen Flur zurück ins Treppenhaus und runter in den achten Stock. Der Flur dort sah genauso aus wie im neunten, nur brannte im achten mehr Licht, sechs von zehn Neonleuchten funktionierten noch. Im neunten waren es gerade mal vier. Cosmo hatte immer schon das Gefühl gehabt, dass es mit jedem Stockwerk ein wenig dunkler wurde in diesem Haus.
Die alte Frau, die unter ihnen wohnte, hatte ihre Tür nur einen Spalt geöffnet. Die Kette des Vorhängeschlosses verdeckte genau die Lippen der Frau. Einen Augenblick lang dachte Cosmo daran, ihr die Wahrheit zu sagen. Aber er hatte die Erfahrung gemacht, dass man bei Erwachsenen mit der Wahrheit nur selten das erreichte, was man eigentlich wollte. Und Cosmo wollte auf den Balkon der Frau.
»Ich wohn über Ihnen, ich hab mich ausgesperrt, unsere Katze ist auf dem Balkongeländer! Kann ich mal auf Ihren Balkon?«
Die Frau beäugte ihn misstrauisch. Sie sagte nichts. Er warf einen Blick auf das Namensschild unter der Klingel. Vielleicht verstand die Frau kein Deutsch.
»Ich will nur meine Katze holen«, sagte er langsam und deutlich.
Keine Antwort.
Cosmo hörte, dass der Fernseher in der Nachbarwohnung anging, und war schon kurz davor, dort zu klingeln, als die Frau endlich sagte: »Haustiere sind hier verboten.«
Akzentfrei. Scheiße. Er überlegte, ob er die Tür eintreten sollte. Das Vorhängeschloss in der Wohnung, die er mit seiner Mutter teilte, hing ziemlich lose an zwei rostigen Schrauben. Schaffen würde er es. Allerdings wollte er auch nicht, dass die Alte einen Herzinfarkt bekam.
»Lassen Sie mich bitte auf Ihren Balkon?«
Cosmo wusste nicht, ob er überhaupt schwindelfrei war. Er nahm sich vor, nicht nach unten zu sehen, als er auf den Mauervorsprung neben dem Balkon kletterte.
»Mach mir ja nichts kaputt!«, rief die Alte aus ihrem Wohnzimmer. »Das sind meine Geranien!«
Cosmo sprang hoch und bekam die Kante des Mauervorsprungs über ihm zu fassen. Er schrammte sich das Kinn auf, als er einen Klimmzug machte. Die Straßengeräusche drangen abgeschwächt zu ihm nach oben. Auf einem der Nachbarbalkone spielte ein Radio volkstümliche Musik. Zum Glück nicht sehr laut. Cosmo spürte, wie sich Schweiß auf seinen Handflächen bildete. Er musste jetzt umgreifen, jetzt.
Er ließ mit der linken Hand los und für einen Sekundenbruchteil hing er nur an einer Hand in der Luft. Dann drückte er sich, mit dem linken Arm auf dem Mauervorsprung, nach oben, zog zugleich das rechte Knie hoch, und mit großer Mühe schaffte er es, sich rittlings auf den Vorsprung zu setzen. Er konnte auf die große Straße vor ihrem Haus sehen, die ein paar Hochhäuser weiter in die Unterführung eintauchte, über der die S-Bahn-Station lag. Seine Füße hingen in der Luft. Er musste aufpassen, dass er nicht das Gleichgewicht verlor. Ihm kam ein komischer Gedanke in dieser Stellung – dass Reiten ziemlich schwer sein musste, obwohl es in der Kinowerbung so einfach aussah. Aber die größte Herausforderung war es, auf dem schmalen Mauervorsprung aufzustehen. Ohne in Panik zu geraten.
Es war wie in Stand by me. Die Jungs sind auf der Eisenbahnbrücke – und plötzlich kommt der Zug. Sie können nur noch weglaufen, um ihr Leben. Es gibt kein Zurück mehr. Genau das wurde auch Cosmo in diesem Augenblick bewusst. Vielleicht war dies der letzte Tag in seinem Leben. Er konnte sich nicht wieder im Klimmzug runterlassen und zurück auf den Balkon der Alten schwingen. Der Mauervorsprung war zu kantig und ohne guten Halt würde er niemals genügend Schwung bekommen.
Es gab keine Wolke am Himmel, und es war warm, nicht so heiß wie im Juni, aber nach den letzten Regenwochen war es wieder so schön, dass man sich schlechtes Wetter gar nicht mehr vorstellen konnte. Es war ein Tag, um noch mal seine Freunde zu treffen, bevor man mit seinen Eltern in die Ferien fährt. Ein Tag, um Fahrrad zu fahren, wenn man eins hat. Es war bestimmt kein Tag, um vom neunten Stock eines Hochhauses zu fallen.
»Was ist mit deiner Katze?«, rief die Alte aus ihrem Wohnzimmer.
Cosmos Magen fühlte sich an, als würde eine Hand ihn packen wie einen wassergefüllten Ballon und zudrücken. »Die ist wieder zurück!«, rief er. Seltsamerweise wollte er nicht, dass die Lüge mit seiner erfundenen Katze ausgerechnet jetzt aufflog.
»Wie lang brauchst du noch? Ich muss einkaufen.«
»Ich hab’s gleich!«, rief er. Es war ein unglaubliches Gefühl. Er stand auf, balancierte kurz auf dem Mauervorsprung, der auf Bodenhöhe des Balkons aus der Hauswand ragte, hielt sich an der Brüstung fest und kletterte über das Geländer. Eigentlich ganz einfach – bis auf die neun Stockwerke Luft unter ihm. Als er wieder festen Boden unter den Füßen hatte, fühlte er sich so stark wie nie zuvor. Es war das genaue Gegenteil von Angst. Er war zu allem in der Lage. Wenn der Typ, der ihn vor zwei Jahren im Einkaufszentrum verprügelt hatte, jetzt vor ihm gestanden wäre, Cosmo hätte ihn mit bloßen Händen in Stücke gerissen! Da war er sich sicher. Dann sah er seine Mutter im Wohnzimmer liegen.
Cosmo rief nach ihr, aber seine Mutter hörte ihn nicht, zumindest bewegte sie sich nicht. Er rüttelte an der Balkontür, obwohl er sehen konnte, dass der Türgriff innen nach unten zeigte. Das Glas zitterte im Rahmen, als er gegen die Scheibe schlug. Dann sah er das gekippte Fenster, griff durch den Spalt und schaffte es sogar, innen an den Fenstergriff zu kommen. Aber er konnte den Griff nur berühren, nicht umfassen, sosehr er seine Finger auch streckte.
Cosmo packte einen der beiden Plastikstühle, die an der Wand lehnten, und donnerte ihn, Stuhlbeine voran, gegen die Balkontür. Wieder zitterte die Scheibe, aber mehr auch nicht. Cosmo warf den Stuhl über die Brüstung. Scheiße. Warum war er nicht gleich draufgekommen? Er nahm den schweren grünen Blumenkasten, in dem sich nichts mehr befand außer vertrocknete Erde, und rammte ihn gegen die Balkontür. Gleich beim ersten Schlag zersplitterte die Scheibe klirrend.
Es war bei Weitem nicht das erste Mal, dass Cosmo seine Mutter so sah: Mund offen, zerzaustes Haar, noch angezogen, reglos. Oft schlief sie, als könnte sie niemand mehr wecken – und manchmal sogar auf dem Boden. Auch ihr Atem war dann kaum hörbar. Nur der Alkoholgeruch deutete darauf hin, dass sie noch lebte.
Doch dieser Geruch fehlte jetzt. Diesmal war es anders. Cosmo schrie seine Mutter an, aber sie rührte sich nicht. Ihr Gesicht fühlte sich kalt an. Er strich ihr die Haare aus der Stirn, dann verpasste er ihr ein paar Ohrfeigen links und rechts. Keine Reaktion. Er versuchte, seine Mutter aufzurichten, aber sie kam ihm schwerer vor als sonst, und ihre Arme fielen leblos zurück auf den Teppich, als er sie wieder losließ. Als gehörten sie nicht mehr zu seiner Mutter. Cosmo wusste nicht, was er tun sollte. Seine Mutter sah aus wie tot. Ihre Augen waren nur noch weiße Schlitze, als er mit dem Daumen die Lider hochzog.
Er hockte sich auf den Rand der Bettcouch und einen Augenblick lang fühlte er nichts. Dann war er fast erleichtert. Etwas Schlimmes war passiert, aber jetzt war es vorbei. Dann stiegen ihm Tränen in die Augen. Das Wohnzimmer war aufgeräumt. Auf einmal! Bis auf die leere Tablettenschachtel, das Briefpapier und den Kugelschreiber auf dem Esstisch. Und die zerbrochene Weinflasche am Boden.
Wann hatte sie das letzte Mal aufgeräumt – vor zwei Jahren, vor drei? Und wie oft hatte er es für sie getan? Damals hatte er noch gehofft, wenn er aufräumt und die Wohnung wieder sauber ist, dann könnte er damit alles vergessen machen, was zu dieser Unordnung geführt hat. Er würde eine Weinflasche in den Müll werfen – und seine Mutter hätte sie nie getrunken. Und sie könnten neu anfangen. Sie könnten noch mal neu in diese Wohnung ziehen und diesmal würde alles anders werden, besser.
Cosmo nahm den Hörer vom Telefon und wählte die Notrufnummer. Er hörte das Freizeichen und kurz darauf die Stimme am anderen Ende der Leitung. Er sagte, was passiert war, gab die Adresse durch und das Stockwerk, dann legte er wieder auf. Die Glasscherben knirschten unter seinen Schuhsohlen, als er wieder auf den Balkon ging. Er schaute zum Bahnhof und sah fingernagelklein ein paar Leute am Bahnsteig. Die Autos auf der Straße sahen aus wie Spielzeug. Auf der Wiese vor dem Haus lag einsam der weiße Plastikstuhl, den er über die Brüstung geworfen hatte. Es dauerte eine Ewigkeit, bis Cosmo die Sirene eines Krankenwagens hörte.
Keine fünf Minuten wahrscheinlich.
2
Berger ging von der Toilette zurück in die Cafeteria. Eine Küchenhilfe mit Kopftuch wischte den Tisch ab, an dem er gerade noch mit dem Jungen gesessen hatte. Berger schloss die Augen, um die Wut zu unterdrücken, die in ihm hochkommen wollte. War der Junge abgehauen? Wehe!
Berger ging zügig, aber ohne zu rennen, zum Seitenausgang des Krankenhauses, der zum Parkplatz führte. Dort fand er den Jungen und seine Wut verpuffte wieder. Der Junge hockte auf der Bordsteinkante, steckte sich eine Zigarette zwischen die Lippen und tastete seine Hosentaschen ab. Er zog eine ziemlich mitgenommene Streichholzschachtel hervor, und beim dritten Versuch gelang es ihm, ein Streichholz anzuzünden. Der Junge rauchte noch nicht lange, das sah Berger sofort.
»Du könntest mir auch eine anbieten«, sagte er.
Der Junge drehte sich zu ihm um und musterte ihn. Dann warf er ihm die Schachtel zu und Berger fischte sich eine filterlose Camel heraus.
»Wie alt bist du?«
»Nächsten Monat sechzehn«, sagte der Junge.
»Wird ein Scheißgeburtstag, was?«
»Wieso?«
Berger zündete sich die Zigarette an und inhalierte. Der Junge machte auf Pokerface – und seine Mutter lag da drin im Sterben. Aber vielleicht stand er ja noch unter Schock und war deswegen so ruhig.
»Hast du verstanden, was der Arzt gesagt hat?«, fragte Berger. Unterm Strich lief es wohl darauf hinaus, dass die Mutter des Jungen einerseits zu viel Tabletten genommen hatte, andererseits zu wenig. Zu viel, um zu leben – zu wenig, um tot zu sein.
»Immerhin glaubt er noch an Wunder«, sagte der Junge. »Er hat doch gemeint, ich soll die Hoffnung nicht aufgeben.«
»Ja, den Teil hab ich auch mitgekriegt.« Nach drei Zügen warf Berger die Zigarette wieder weg. »Hab eigentlich aufgehört. Solltest du auch tun.«
Der Junge musterte ihn wieder. »Was machen Sie bei der Polizei?«
»Du meinst, wegen dem Trainingsanzug?« Es stand sogar sein Name drauf, über dem Wappen auf der rechten Brustseite. »Ich bin Jugendbeamter. Ich hab ein Streetball-Turnier organisiert, in der Valrasstraße. Gehört auch zum Job.« Er war erst seit vier Wochen wieder im Dienst. Nach drei Monaten Pause, der erste davon im Krankenhaus. Ein Junkie war mit einem Küchenmesser auf ihn losgegangen. Berger hatte es nicht glauben können damals – er hatte die Pistole längst gezogen und den Junkie voll im Schussfeld gehabt. Und da macht der einen auf Selbstmordkommando! Berger wollte ihm noch zurufen, wie unglaublich bescheuert das war, aber die Worte formten sich nur in seinem Kopf und kamen ihm nicht mehr über die Lippen. Er hätte sogar genug Zeit gehabt, nicht nur einmal, sondern dreimal auf den Junkie zu schießen, doch er war wie eingefroren in dem Augenblick, unfähig, sich zu bewegen. Er hätte schwören können, da war dieser kurze Moment des Zögerns, nachdem der Junkie ihn mit dem Messer verletzt hatte – nur eine Sekunde länger, nur eine, und der Junkie hätte das Messer hingelegt und »Nicht schießen!« geheult. Aber eine falsche Entscheidung und das Leben ist vorbei, wenn man Pech hat. Ein Kollege hatte abgedrückt, Rettungsschuss, tödlich.
Jugendbeamter war ein Neuanfang. Drogenfahndung war nicht wirklich sein Ding, das musste er sich eingestehen. Er war nicht cool genug, wenn es drauf ankam.
»In der Valrasstraße?«, fragte der Junge. »In dem Heim?«
»Ja. Schon mal da gewesen?«
»Nein«, sagte der Junge heiser.
»Willst du deine Mutter noch mal sehen?«
Der Junge schüttelte den Kopf und stand auf.
Die Fahrt nach Hause war Cosmo genauso unwirklich vorgekommen wie zuvor die Fahrt ins Krankenhaus. Als Kind war das mal sein größter Wunsch gewesen: bei der Polizei mitzufahren, oder wenigstens mal im Rettungswagen. Heute war beides in Erfüllung gegangen. Und er hätte gut darauf verzichten können.
Cosmo nahm die Schulbücher aus seinem Rucksack und legte sie auf den Schreibtisch. Er ärgerte sich, aber er war selber schuld. Er hätte im Krankenhaus abhauen können, solange der Bulle auf dem Klo war. Aber als er nach draußen auf den Parkplatz kam, war ihm auf einmal alles egal gewesen. Außerdem hatte der Bulle den Eindruck gemacht, als könnte man mit ihm reden.
Von wegen! »So sind die Vorschriften«, hatte er gesagt. »Und die Vorschriften sehen in deinem Fall Heimunterbringung vor.«
Jetzt lehnte Berger ungeduldig am Fenster. Er hatte seit einer Stunde Feierabend. Er betrachtete den Wäscheständer, der vor der Wand stand.
»Was, wollen Sie sich ein T-Shirt von mir ausleihen?«, sagte Cosmo. »Bedienen Sie sich!«
»Hast du die Wäsche gemacht?«
»Wer denn sonst, etwa meine Mutter? Die weiß wahrscheinlich gar nicht mehr, wie man eine Waschmaschine bedient.«
Berger deutete auf die Schlüpfer, die in der ersten Reihe aufgehängt waren. »Anscheinend wäschst du auch ihre Sachen.«
»Einer muss es ja tun.«
»Und dein Vater hat sich wirklich nie mehr blicken lassen, seit ihr hierhergezogen seid?«
»Das hab ich Ihnen doch schon gesagt. Nein, hat er nicht, jedenfalls nicht bei mir.« Cosmo hatte genug von den Fragen des Bullen. Aber dann dachte er: Vielleicht kann ich ihn ja doch noch umstimmen? »Hören Sie«, sagte er etwas freundlicher. »Meine Mutter ist im Krankenhaus, okay. Aber Sie können mich wirklich hierlassen. Meine Mutter ist sowieso nie da! Das hier ist praktisch meine Wohnung – sie kommt nur ab und zu mal zu Besuch!«
»Und das ist jetzt vorbei«, konterte Berger. In einem Tonfall, der keinen Widerspruch duldete. »Du hast niemanden, wo du unterkommen kannst. Irgendjemand muss sich um dich kümmern.«
»Auf einmal? Ich bin alt genug!«
»Nicht nach dem Gesetz. Jetzt pack deinen Rucksack!«
Cosmo wartete, bis der Bulle wegschaute, dann machte er den Schrank auf und schob als Erstes den Stapel T-Shirts nach hinten, sodass die Marlboro-Stangen an der Schrankwand nicht mehr zu sehen waren. In der gleichen Bewegung nahm er das oberste T-Shirt vom Stapel und steckte es in seinen Rucksack. Es fiel ihm schwer, auf die Zigaretten zu verzichten, Marlboros ließen sich am besten verkaufen. Für die filterlosen Camels hatte er immer noch keinen Abnehmer gefunden, jedenfalls nicht an seiner Schule.
Ihm war auch klar, dass er seine Einnahmen hierlassen musste, vorerst jedenfalls – der Bulle würde bei so einer Summe Fragen stellen. Fragen, die Cosmo nicht beantworten wollte. Er hatte also nur fünf Euro in der Tasche. Seit der Sache im Einkaufszentrum vor zwei Jahren trug er nie mehr Geld mit sich rum. Die fünf Euro würden ihm höchstens bis morgen reichen, danach musste er sich was einfallen lassen. Oder wieder auf Tour gehen.
Das mit den Zigaretten hatte sich letztes Jahr ergeben, eher zufällig. Seine Mutter hatte ihn eines Abends mit ihrer EC-Karte zum Automaten geschickt, aber die Karte war leer gewesen, und er musste zurückgehen, um sich Bargeld von seiner Mutter zu holen. Und danach ging er, statt zum Automaten, in den Supermarkt um die Ecke, der noch keine Rollladensicherung an den Kassen hatte. Die Kassiererin war gerade am Aufräumen und Cosmo steckte die Schachtel unbemerkt ein. Und nichts passierte – auch als er wieder aus dem Laden schlenderte. Manchmal war das Leben so einfach. Das Geld, das seine Mutter ihm für die Schachtel gegeben hatte, behielt er natürlich. Das war der Anfang.
Eine Woche später kam er an demselben Supermarkt vorbei, gerade als ein Lkw in die Liefereinfahrt bog. Der Rest war Glück. Der Fahrer war alleine. Als er mit dem ersten Containerwagen voller Lebensmittel im Supermarkt verschwunden war, sah Cosmo den Karton mit den Zigarettenstangen auf einem der anderen Containerwagen. Er zögerte nicht. Es war eine Gelegenheit, die sich bot – wie eine Fliege totschlagen. Entweder man macht es sofort oder die Fliege ist schon wieder weg. Seitdem war Cosmo im Geschäft.
Nur seine Mutter war leider keine gute Einnahmequelle. Sie war zwar starke Raucherin, aber weil sie zu oft über mehrere Tage wegblieb, weitete Cosmo nach und nach seinen Handel auf die Schule aus, wo er die Zigaretten unter der Hand verkaufte. Inzwischen hatte er noch zwei weitere Supermärkte in anderen Stadtteilen auf diese Weise um ihre Ware erleichtert und jedes Mal um die dreißig Stangen Zigaretten erbeutet.
Manchmal wunderte es ihn selber, dass er damit noch nicht aufgeflogen war. In den letzten Monaten nannten sie ihn in der Schule sogar schon den Marlboro-Mann. War klasse Werbung. Fehlte nur noch, dass auch die Lehrer bei ihm einkauften.
»Scheiße, ich will da nicht hin!«
»Es ist erst mal nur für eine Nacht. Und es ist nicht weit von hier, du bleibst in deiner vertrauten Umgebung. Und morgen kommt jemand vom Jugendamt und unterhält sich mit dir.«
»Und dann wird alles gut, ja? Klar!«
3
Cosmo konnte durch die Glastür sehen, wie Berger seinen Wagen aufsperrte und die Innenbeleuchtung anging. Er setzte sich ans Steuer, klappte sein Handy auf, drückte eine Taste, hielt sich das Handy ans Ohr. Dann sah er noch mal kurz in ihre Richtung.
Berger hatte mit der Frau geflirtet. Sie war vielleicht Ende zwanzig, etwas pummelig, aber sie hatte ein hübsches Gesicht. Die Frau wartete, bis Berger losfuhr, erst dann sperrte sie die Tür ab. Als hätte sie gehofft, Berger käme noch mal zurück.
»Läuft da was zwischen Ihnen?«
Die Frau ließ den Schlüssel im Schloss stecken. »Wie bitte?«
»Na, mit dem Bullen? Nicht, dass es mich was angeht.«
»›Bulle‹ ist kein netter Ausdruck für einen Polizisten«, sagte die Frau. Sie ging voraus zur Treppe.
Cosmo blieb, wo er war. Er dachte kurz daran, sich den Schlüssel zu schnappen, den die Frau im Schloss vergessen hatte. Aber in dem Moment drehte sie sich wieder zu ihm um. »Komm, ich zeig dir das Zimmer.«
»Ich würd lieber in meinem Bett schlafen! Aber da hat ja unser gemeinsamer Freund was dagegen.«
»Komm jetzt«, sagte die Frau.
Cosmo folgte ihr die Treppe hoch in den ersten Stock, scheiß auf den Schlüssel. Der Laden sah nicht aus wie ein Gefängnis. Er wusste nicht mehr genau, ob seine Mutter ihm das so geschildert oder ob er es sich als Kind selber zusammenfantasiert hatte – aber ein Heim hatte er sich immer so vorgestellt: Einheitskleidung, Stahltüren, vergitterte Fenster, Erzieher, die einen anschreien. Und wie oft hatte er den Satz gehört: »Dann kommst du eben ins Heim!« Die Angst, die er als Kind davor hatte, war irgendwie noch an ihm kleben geblieben. Vielleicht sollte er Berger ja dankbar sein, dass er ihn hierhergebracht hatte. Jetzt kam ihm die Angst schon lächerlich vor.
Die Frau blieb in der Mitte des schwach beleuchteten Gangs stehen. Dann machte sie eine Tür auf und schaltete das Licht im Zimmer an. Es gab zwei Betten, das am Fenster war noch frei. Cosmo hätte lieber ein Zimmer für sich allein gehabt, aber immerhin schnarchte der Typ in dem anderen Bett nicht. Er lag auf der Seite, die Decke bis übers Kinn gezogen, Cosmo sah nur die Haare von ihm. Auf einem Stuhl neben dem Bett lagen achtlos hingeschmissen ein paar Klamotten.
»Hey, Licht aus!«, brummte der Typ.
Die Stimme hatte er schon mal gehört.
Dann sah Cosmo die Stiefel unter dem Stuhl. Es waren nicht dieselben Stiefel – neuere –, auch die Farbe war anders, dunkelbraun. Aber es war dieselbe Art Stiefel. Und es war ein Bauchgefühl, das Gewissheit wurde, als er die Stimme noch mal hörte: »Ich hab gesagt, Licht aus!«
Cosmo fand den Schalter neben der Tür.
»Das ist Kevin«, sagte die Frau. »Er ist nicht immer so schlecht gelaunt. Nur wenn er wach ist.«
Wenigstens wusste er jetzt, wie der Typ hieß.
Der Tritt war aus dem Nichts gekommen, damals im Einkaufszentrum. Cosmo war gerade dabei gewesen, seinen Geldbeutel wieder in seiner Hosentasche zu verstauen. Er verlor das Gleichgewicht und stürzte. Das Eis, das er sich vor einer Minute gekauft hatte, fiel ihm aus der Hand und zu Boden, und er spürte einen brennenden Schmerz am Unterarm, als er versuchte, seinen Sturz abzufangen, und einen dumpfen Schmerz unten am Rücken, wo der zweite Tritt ihn traf. Sein Geldbeutel schlitterte auf den Betonplatten außer Reichweite. Tränen schossen Cosmo in die Augen, und als er am Boden lag und den Kopf drehte, sah er zuerst nur verschwommen zwei Stiefel.
»Ooohh«, hatte der Typ mit gespieltem Mitleid in der Stimme gesagt. Er war vielleicht zwei Jahre älter als Cosmo. Er hob den Geldbeutel auf. »Was ist das denn?« Er öffnete ihn und nahm die fünf Zehner heraus, seine gesamten Ersparnisse.
Die beiden Mädchen hatte Cosmo zuletzt bemerkt. »Das gehört mir!«, sagte er. Aber seine Stimme klang nicht so, wie er sich das gewünscht hätte.
»Jetzt nicht mehr«, sagte der Typ.
Cosmo sagte nichts weiter, aus Angst, dass ihm die Stimme brach. Er hatte auf einmal zu viel Spucke im Mund. Er schluckte, aber es wurde nicht weniger. Er richtete sich auf und spürte den Schmerz im Rücken noch stärker. Er konnte sich nur mit Mühe bewegen. Er sah rüber zu den Mädchen, aber von denen war keine Hilfe zu erwarten, das war ihm sofort klar. Sie sahen ihn an, als ekelten sie sich vor ihm. »Was glotzt du?«, sagte die eine. Und da kam der nächste Tritt. Er traf ihn hinten am Oberschenkel und Cosmo knickte ein.
»Machst du meine Freundin an?«
Cosmo konnte die Tränen jetzt nicht mehr unterdrücken. »Gib mir mein Geld wieder«, sagte er trotzdem.
Der Typ lachte. Die Mädchen fielen in sein Lachen ein. Es war ein ruhiger Nachmittag im Einkaufszentrum, trotzdem genügend Leute unterwegs. Cosmo hoffte, dass jemand aus der Eisdiele kommen und ihm helfen würde. Drei Tische waren drinnen besetzt und er konnte einem Mann durch die Glasfront direkt in die Augen sehen. Doch weder er noch die anderen Gäste rührten sich.
Cosmo suchte die Blicke der Passanten, aber er fand keinen. Es gab ein Schuhgeschäft, einen Zeitungskiosk, den Tengelmann und eine Apotheke auf dieser Ebene des Einkaufszentrums. Niemand beachtete ihn, nicht mal die beiden Mädchen sahen mehr zu ihm rüber. Sie hockten auf einer Betonstufe und tuschelten. Die eine strich sich durchs Haar, die andere zündete sich eine Zigarette an. Sie sahen aus, als langweilten sie sich. Auch der Typ beachtete ihn nicht mehr. Er warf Cosmos Geldbeutel in einen Mülleimer. Erst als Cosmo rüberhumpelte, um ihn wieder rauszufischen – da stieß der Typ ihn mit der flachen Hand gegen den Hinterkopf. »Glaubst du, da ist noch was drin?« Er zeigte ihm die fünf Zehner in seiner Hand. Cosmo versuchte, danach zu greifen, aber der Typ war zu groß.
Dann hatte Cosmo etwas gesagt, wofür er sich heute noch schämte: »Das ist unfair!« Er schämte sich für seine schwache Stimme, außerdem dafür, dass er weinte und dass er dem Typ keine reingeschlagen hatte, auch wenn er chancenlos gegen ihn war und dann nur noch mehr Prügel bezogen hätte. Und Cosmo schämte sich dafür, dass er sich hatte hinsetzen müssen, weil ihm übel wurde. Und dass er zu nichts anderem fähig war, als dem Typ hinterherzusehen, wie er mit den beiden Mädchen einfach wegging.
Der Mann in der Eisdiele hatte ihn durch die Glasfront noch einmal kurz angesehen, dann hatte er weggeschaut. Cosmo hatte sich noch nie so schlecht gefühlt. Nur eins hatte er aus diesem Vorfall gelernt: Erwachsene kannst du vergessen!
Die Bettwäsche roch nach nichts, fühlte sich aber frisch an. Cosmo konnte sich gut vorstellen, dass das Bett schon länger unbenutzt war – wer wollte schon in diesem Zimmer schlafen?
Kevin! So hieß er also. Cosmo hatte sich gar nicht erst ausgezogen. Ihm kam es vor, als würde er neben einer Bombe liegen. Erst nach und nach legte sich seine Aufregung. Wie es aussah, schlief Kevin wieder tief und fest; sein Atem ging gleichmäßig.
Ob es Zufall war oder Schicksal, dass Cosmo hier gelandet war? Auf jeden Fall war es eine Gelegenheit! Er stand langsam auf und schlich zu dem Stuhl, über dem Kevins Sachen hingen. Als Erstes nahm er sich die Taschen der Fliegerjacke vor. Er fand nur ein verschweißtes Kondom und ein benutztes Taschentuch.
Kevins T-Shirt hatte keine Taschen und in seiner Jeans fand Cosmo gar nichts. Er hatte zwar gehofft, etwas zu finden, aber es nicht wirklich erwartet. Er hätte seine Wertsachen auch nicht über Nacht in seinen Klamotten gelassen.
Vermutlich hatte Kevin sein Geld direkt am Körper, oder unter dem Kopfkissen oder der Matratze – ein besseres Versteck konnte Cosmo in dem Zimmer nicht ausmachen. Es gab zwar einen Schrank, aber den konnte man nicht abschließen. Cosmo legte sich flach auf den Boden und kroch unter Kevins Bett. Er tastete die Zwischenräume zwischen Lattenrost und Matratze ab: kein Geldbeutel, auch keine losen Scheine, die dort eingeklemmt waren. Cosmo kroch wieder unter dem Bett hervor und vergewisserte sich, dass Kevin noch schlief.
Dann langte er vorsichtig unter das Kopfkissen und tastete am Rand des Kissens nach einem Geldbeutel. Er fand nur ein Klappmesser. Er machte es auf und legte es auf die Sitzfläche, als er neben dem Stuhl wieder in die Hocke ging. Er griff in Kevins Stiefel, erst in den linken, dann in den rechten. Aber auch da war nichts versteckt.
Cosmo durchsuchte noch einmal Tasche für Tasche Kevins Jacke. Dabei rutschte die Jeans von der Stuhllehne, und Cosmo konnte sie gerade noch am Gürtel greifen, bevor sie zu Boden fiel. Er entschied, dass es nun doch langsam Zeit wurde, abzuhauen. Dann bemerkte er die Ausbeulung in dem Gürtel.
Der Gürtel ließ sich nur schwer aus den Schlaufen ziehen.
Auf der Innenseite des Gürtels war ein Reißverschluss.
Im Bett drehte Kevin sich auf die Seite, und Cosmo glaubte schon, dass er sein Glück überreizt hatte. Aber Kevin stöhnte nur leise und schlief weiter.
Cosmo verstaute den Gürtel und das Klappmesser in seinem Rucksack und schlich zur Tür. An der Tür drehte er sich noch einmal um. Kevin schlief. Irgendwie reichte das nicht, fand Cosmo. Egal, wie viel Geld in dem Gürtel war.
Er pinkelte erst in Kevins rechten Stiefel, dann in den linken. Dann verschwand er aus dem Zimmer. Am Ende des Flurs, wo die Treppe runterführte, brannte schwach eine Lampe an der Wand. Cosmos Turnschuhe quietschten auf dem gekachelten Fußboden, aber keine der Türen im Flur ging auf. Er schlich die Treppe runter und ging langsam auf den Eingang zu. Nur noch zwanzig Meter in die Freiheit. Sogar der Schlüssel steckte noch im Schloss!
Durch eine offene Tür an der rechten Wandseite neben dem Eingang schien Licht in den Flur. Und eine Frauenstimme kam aus dem Zimmer: »Kaffee ist leider aus, Tee kann ich Ihnen anbieten.«
Die Betreuerin. Auch die Stimme des Bullen erkannte er sofort: »Ich trink sowieso zu viel Kaffee.«
Geschirr klapperte, ein Wasserhahn wurde aufgedreht und jemand stellte Tassen auf einen Tisch. »Wie lang arbeiten Sie schon hier?«, sagte Berger.
»Raten Sie mal.«
Cosmo schlich näher an die Tür heran. Er musste an der Tür vorbei, sonst konnte er nur wieder die Treppe hoch oder runter in den Keller. Vielleicht würden sie ihn gar nicht bemerken, wenn er schnell genug war?
»Noch nicht so lange«, sagte Berger.
»Seit neun Jahren«, sagte die Frau. »Zucker?«
»Sieht man Ihnen nicht an. Nein danke.«
Wieder Geschirrgeklapper. Nach einer Weile sagte die Frau: »Sie sind nicht wirklich wegen dem Jungen hier, oder?« Und als Berger nicht antwortete, sagte sie: »Schon etwas eingerostet?«
Cosmo musste lächeln. Tatsächlich klang die Stimme des Bullen jetzt ein bisschen rostig: »Immerhin machen Sie mir gerade einen Tee«, sagte er verlegen.
Cosmo beschloss, kehrtzumachen und an der Kellertreppe zu warten, bis der Bulle wieder verschwand. Aber dann hörte er noch eine Stimme, die er wiedererkannte. Diesmal aus dem ersten Stock. »Du Drecksau, na warte!«
Irgendwann musste der Typ ja mal aufwachen.
4
Normalerweise ging sein Wecker um sieben Uhr los, aber Tom lag schon seit kurz vor sechs wach. Schließlich gab er sich einen Ruck und stieg mit einem mulmigen Gefühl im Bauch aus dem Bett. Er wusste gleich, dass er zum Frühstück nichts runterbringen würde. Dies war der Tag, von dem alles abhing, seine letzte Chance! Er ging ins Bad.