Praxis Kinderstimmbildung
Praxis Kinderstimmbildung
123 Lieder und Kanons mit praktischen Hinweisen für die Chorprobe
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Bestellnummer SDP 103
ISBN 978-3-7957-8651-9
© 2015 Schott Music GmbH & Co. KG, Mainz
Alle Rechte vorbehalten
Als Printausgabe erschienen unter der Bestellnummer ED 8726
© 2004 Schott Music GmbH & Co. KG, Mainz
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www.schott-buch.de
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Inhalt
Vorwort
Stimmbildnerische Maßnahmen im Kinderchor
Lieder und Kanons für bestimmte stimmbildnerische Einsatzgebiete
I. Körperhaltung und Bewegung
1. Arme und Beine
2. Auf der Pirsch
3. Bären-Bigband
4. Bärenrapzap
5. Ferientag
6. Musikalische Morgengymnastik
7. Nun stellt euch in der Reihe auf
8. O wie ist das Tanzen fein
9. Tausendschönchen
II. Atembeherrschung und Training der Haltekräfte des Zwerchfells
10. Annonce
11. Apfelkuchen
12. Der alte Kahn
13. Der Picker
14. Mit viel Wucht
15. Schnirkelschnecke
16. Tschu tschu
III. Weiche Stimmgebung, Randschwingung, Legato
17. Eidechse
18. Gebet
19. Herr, deine Güte reicht
20. Sommertag
21. Tula Ulla
22. Zum Einschlafen
IV. Resonanzweckung im Kopf, Vordersitz, Weite
Kopfresonanz und Vordersitz
23. Kaiman
24. Kugelfisch
25. Morgengebet
26. Säuselnde Winde
27. Seestern
28. Sing together
29. Singet dem Herrn
30. Vertrauen
31. Weberknecht
32. Wenn ich weiß, was du weißt
33. Wer wirklich gütig ist
34. Wir Wiener Waschweiber
Weite
35. Das ist die Not der schweren Zeit
36. Das Krokodil
37. Der Sultan hat gegähnt
38. Die Kuh hat bunte Schuhe an
39. Mönchsrobbe
40. Persische Sprichwörter
41. Schäfchenwolken
V. Vokalisation und Vokalausgleich
Vokal A
42. Alta Trinitä beata
43. Der grüne Drache
44. Vale
45. Waschen – brrr!
Vokal E
46. Meerschweinchens Auferstehung
Vokal 1
47. Fischwarnung
48. Siehe, ich bin bei euch
49. Weine nicht, Aline
Vokal O
50. Dein doofes Cabrio
51. Wer Gutes tut
Vokal U
52. Spuk im Flur
Umlaut Ä (Offenes E)
53. Kätzchens Pech
Umlaut Ö
54. Blödelei
Umlaut Ü
55. Glühwürmchen
Diphthonge
Diphthong AU
56. Frauenschuh
Diphthong EI
57. Mein weißes Seidenhemd
Diphthong EU
58. Das Fräulein Breuer
Alle Diphthonge
59. Gewitter
Alle Vokale
60. Drei Chinesen mit dem Kontrabass
Vokalausgleich
61. Auch Betten können müde sein
62. Dein Wort ist meines Fußes Leuchte
63. Dicke Lüge
64. Im Anfang war das Wort
65. Kyrie eleison
66. Leck mich im Angesicht
67. Machet die Tore weit
68. Ubi malus cantus
69. Viva la musica
70. Wespe
71. Wildschwein
VI. Artikulationstraining
Sprechübungen zur Lockerung der Sprechwerkzeuge
72. Aufräumen
73. Daumenkino
74. Mückenstich
75. Schüttelfrost und Sonnenstich
Allgemeine Artikulationsaktivierung beim Singen
76. Dunkel war’s
77. Ehekräche
78. Heute gehn wir in den Zoo
79. Le coq est mort
80. Wir reiten geschwinde
81. Zitronenfalter
Zungenbrecher
82. Fliegenfänger Fridolin
83. Maurer Mauser
84. Miezekatze
85. Tomatensalat
86. Wer hat das Speckbesteck bestellt?
Zungenspitzentraining
87. Knurrhahn
88. Panzernashorn
89. Steppenwolf
VII. Training der Extremlagen
Lockerung und Sicherung der hohen Lage
90. Die Stürme und Wellen
91. Die Tonleiter
92. Falsch
93. Wenn der Frühling kommt
Lockeres Erreichen der tiefen Lage
94. Finsternis
95. Frühstück ä la Rossini
96. Kühl, nicht lau
97. Mondensichel
98. Ratte
99. Swing
VIII. Beherrschung des Brustregisters und Registerausgleich
100. Auf Rosen gebettet
101. Das Bimmelbähnchen
102. Fortschritt
103. Frühlingsboten
104. Güte
105. Mittsommernacht
106. Streifenhörnchen
107. Süßigkeiten
108. Venus
109. Vielleicht
110. Wiege – wage
IX. Einsingkanons
Einsingen mit besonderer Aufmerksamkeit auf Lockerheit und leichte Tongebung
111. Bach- oder Regenbogenforelle
112. Enttäuschung
113. Im Himmel
114. Irrtum
115. Morgenstund hat Gold im Mund
Einsingen mit besonderer Aufmerksamkeit auf die tiefe Lage
116. Das Wetter
Einsingen mit besonderer Aufmerksamkeit auf die hohe Lage
117. Ein Hoch dem Geistesblitz
118. Frühblüher
Einsingen mit besonderer Aufmerksamkeit auf den Vokal A
119. Als ich früh erwachte
Einsingen mit besonderer Aufmerksamkeit auf Zwerchfellaktivität
120. Schlammspringer
Einsingen mit besonderer Aufmerksamkeit auf Intonation
121. Die Töneschlange
Einsingen mit besonderer Aufmerksamkeit auf Registerausgleich
122. Denn seine Gnade und Wahrheit
123. Rock my soul
Übersicht über die stimmbildnerischen Einsatzmöglichkeiten
Alphabetisches Verzeichnis der Lieder und Kanons
Vorwort
Diese Sammlung von Liedern für die stimmbildnerische Arbeit mit Kindern und Jugendlichen stellt die Fortsetzung eines „Liederheftes für die Kinderstimmbildung“ dar, das ich 1995 im Auftrag von „PUERI CANTORES – Diözesanverband Rottenburg-Stuttgart“ zusammengestellt und herausgegeben hatte. In der Folgezeit und nach dem Erscheinen meines „Handbuchs der Kinderstimmbildung“1 haben mich immer wieder Leiter von Kinder-, Jugend- und Erwachsenenchören nach weiteren Stimmbildungsliedern gefragt, so dass von Gertrude Wohlrab und mir in der Zwischenzeit eine ganze Reihe weiterer Lieder entstanden sind. Neuerscheinungen wie „Das Musizierliederbuch“2 und „Das Kanon-Buch“3 erschlossen zusätzliche Quellen. Eine Fülle neuer Veröffentlichungen ähnlicher Art zeigt, dass der Bedarf an gut singbaren Liedern groß ist. Allerdings sind solche Lieder für Kinder und Jugendliche nicht oder kaum mit dem Ziel stimmbildnerischer Einsatzmöglichkeiten entstanden.
So stelle ich hier eine erweiterte Sammlung von Liedern und Kanons vor, wieder systematisch geordnet nach stimmbildnerischen Einsatzgebieten, wie sie in der Kinder- und Jugendlichenstimmbildung sinnvoll erscheinen. Besonderen Wert wurde auf die richtige Tonlage gelegt, in der die Lieder stehen – manche aus anderen Publikationen übernommene Stücke wurden zu diesem Zweck in eine für die Kinderstimme passendere Tonart transponiert. Auch die Vielfalt der Formen war ein wichtiges Anliegen, wobei der Kanon in verschiedenen Gestalten aus guten pädagogischen Gründen nach wie vor im Vordergrund steht. Interessante neue Möglichkeiten sind hinzugekommen: der Rap erweist sich als wirksames Trainingsmittel für präzise Artikulation, das Refrainlied erschließt der technischen Übung mit stimmbildnerischen Silben neue Einsatzfelder. Texte und Kompositionen sind mit besonderer Sorgfalt auf die Akzeptanz durch Kinder erfunden, steht doch im Vordergrund aller stimmbildnerischer Arbeit der Spaß am Singen. Hier waren die Gedichte von Gertrude Wohlrab, insbesondere die witzigen „Metamorphosen“, die speziell für die vorliegende Sammlung verfasst wurden, eine wahre Fundgrube.
Für nahezu jeden stimmbildnerischen Zweck findet man ein Lied, oftmals sind die Lieder für mehrere stimmbildnerische Einsatzgebiete geeignet. Wo immer vorhanden wird auf solche Überschneidungen hingewiesen, zusätzlich erleichtert ein Register das Auffinden. Zusammen mit den Stimmbildungsliedern aus dem „Handbuch der Kinderstimmbildung“ hat der Chor-/Singleiter oder Stimmbildner für die gesamte stimmbildnerische Arbeit mit Kindern Lieder zur Verfügung.
Viele der vorgelegten Lieder sind aber auch mit gutem Erfolg in Kindergruppen anwendbar, die nicht in erster Linie zum gemeinsamen Singen zusammenkommen wie beispielsweise Kindergartengruppen oder Gruppen in der Elementaren Musikpädagogik. Nicht zuletzt können die hier erschienenen Lieder und Kanons auch mit Freude und stimmbildnerischer Effizienz in vielen Erwachsenenchören gesungen werden.
Osnabrück, Dezember 2003
Andreas Mohr
1 Andreas Mohr, Handbuch der Kinderstimmbildung. Mainz: Schott 1997 (ED 8704)
2 Thomas Holland-Moritz und Rudolf Nykrin, Das Musizierliederbuch. Mainz: Schott 1996 (ED 8287)
3 Das Kanon-Buch. Mainz: Schott 1999 (ED 7588)
Stimmbildnerische Maßnahmen im Kinderchor
Obwohl Kinder zum Zeitpunkt der Geburt über einen sehr großen Stimmumfang verfügen und diesen auch in den ersten beiden Lebensjahren sprechend und singend erproben, kommt es im weiteren Entwicklungsverlauf zu einem dramatischen Verlust an Singgewohnheit und Tonumfang. Die dafür verantwortlichen Ursachen liegen im allgemeinen Singverlust unserer Gesellschaft, der Singästhetik der Unterhaltungsmusik und dem häufig ungeschickten Singen mit Kindern in Elternhaus, Kindergarten, Kirche und Grundschule. Als Resultat solchen Umgangs mit der Kinderstimme kommen fast alle Kinder mit deutlich ausgeprägten Singdefiziten in die musikalischen Gruppen und Kinderchöre. Daher sind am Anfang die Inhalte stimmbildnerischer Arbeit für alle Kinder relativ ähnlich. Die wichtigsten stimmerzieherischen Maßnahmen lassen sich in sechs Arbeitsgebiete einteilen:
1. Haltung und Atmung
Fast alle Kinder ab etwa 3 Jahren haben die Fähigkeit verlernt, mit dem Zwerchfell zu atmen. Bei den meisten wird sogar deutlich Hochatmung mit extremen Schulterbewegungen vorherrschen. Ein ständiges Trainieren der elastisch-aufgerichteten Haltung und das Erzeugen einer vom Zwerchfell gesteuerten Atmung ist unbedingt notwendig.
2. Resonanz
Die natürliche Helligkeit der Kinderstimme ist oft durch nachlässige Haltung, falsche Atmung und ungeschickte Raumformung im Mund verfälscht. Die häufig beobachtete Bevorzugung von Ruf- und Schreistimme in viel zu tiefer Lage trägt zum flachen und plärrigen Klang der Kinderstimme bei. Unser Ziel muss sein, die weiten, dunklen Mundraumklänge zu fördern, die Nasalresonanz zu entwickeln und behutsam den Körperklang in die Stimmentwicklung einzubeziehen. So erhält die Kinderstimme wieder ihren typischen metallischen Glanz, ohne resonanzlos zu klingen.
3. Vokalisation
Den Kindern soll die Formung der Vokale bewusst gemacht werden, wobei Mundraumweitung und Mundöffnung trainiert werden können. Breitgezogene Lippen sind ebenso zu vermeiden wie allzu „schnutige“ Formen. Alle Vokale sollen präzise geformt, aber nicht übertrieben werden. Schließlich ist im Sinne des Vokalausgleichs auf eine möglichst einheitliche Raumform aller Vokale zu achten.
4. Vordersitz und Instrumentweite
Weite im Hals und Singen „nach-vorne-oben“ sind zwei gegensätzliche Einstellungen, die bewusst gemacht und trainiert werden können. Kinder neigen in höheren Singlagen zu Enge im Hals und Hochstand des Kehlkopfs. Hier ist an der Weitung des Halses und der relativen Tiefhaltung des Kehlkopfs zu arbeiten, ohne dabei zu verkrampfen oder den Vordersitz zu verlieren.
5. Artikulation
Die präzise Ausführung von Artikulationsbewegungen ist bei Kindern häufig mangelhaft ausgeprägt. Mit geeigneten Trainingsmethoden können falsche und überflüssige Artikulationsbewegungen abgebaut werden.
6. Register
Der schlimmste Registerfehler bei Kinderstimmen ist das Benutzen des Brustregisters in zu brutaler Form und in zu hoher Lage. Kinder singen häufig noch bis zum c2 ungemischt bruststimmig. Sicherstes Erkennungsmerkmal dieser Singweise ist ein abrupter Klangwechsel oberhalb von ca. c2, wo die Kinder in eine überluftete, viel leiser klingende Kopfstimme umschalten, wenn sie überhaupt höhere Töne verwenden. Unabdingbare Notwendigkeit in der Kinderstimmbildung ist das Rückführen des Brustregisters in die physiologisch richtige Lage (obere Grenze ca. f1 !), Lockerung des Gesamtkörpers, Durchmischung des Brustregisters mit Randschwingung auch in der Tiefe durch Verzicht auf extreme Lautstärke, vor allem bei tieferen Tönen, und behutsames Trainieren der Stimme in höheren Lagen und leisen Dynamikgraden. Dies kann den Kindern zum bruchlosen Benutzen ihrer Stimme über den ganzen Umfang verhelfen und ihnen den Zugang zur hohen Lage wieder öffnen. Das Wecken eines Gefühls für das „Schön-Singen“ sollte ohnehin oberstes Ziel der Stimmerziehung sein.
Lieder und Kanons für bestimmte stimmbildnerische Einsatzgebiete
Die stimmbildnerische Arbeit vollzieht sich natürlich immer am ganzen Menschen und unter Einbeziehung des gesamten muskulären und organischen Geschehens im Körper. Alle hier mitgeteilten Lieder haben stimmbildnerische Auswirkungen auf das ganze Gesangsinstrument. Wenn dennoch eine Einteilung nach bestimmten Einsatzgebieten vorgenommen wird, so zeigt diese an, in welchem Einflussbereich das betreffende Lied seine stärkste Wirksamkeit entfaltet. Der Stimmbildner/Chorleiter wird die Lieder mit derselben Sorgfalt auswählen, wie er stimmbildnerische Übungen für definierte Zwecke benutzt.
Neben dem Hinweisbuchstaben Z (Zweck) wird die stimmbildnerische Wirkung beschrieben und auch auf weitere Wirksamkeiten hingewiesen. Ein Register am Ende des Buches erleichtert darüber hinaus die Zuordnung. Neben dem Hinweisbuchstaben A (Achtung) habe ich beschrieben, worauf bei der Ausführung besonders zu achten ist.
Mit voller Absicht enthält diese Sammlung Lieder in vielen verschiedenen Formen, die zahlreiche pädagogische Herangehensweisen ermöglichen. Einige dieser methodisch-didaktischen Ansätze möchte ich im folgenden kurz erläutern:
Lied
Die einfachste Form, mit einem Lied stimmbildnerisch zu arbeiten, ist das gemeinsame unbegleitete Singen. Jedoch können einzelne Liedzeilen auch abwechselnd von verschiedenen Gruppen oder Einzelnen ausgeführt sowie sich gegenseitig zugesungen werden.
Nachsinglied