Praxis Kinderstimmbildung

Andreas Mohr

Praxis Kinderstimmbildung

123 Lieder und Kanons mit praktischen Hinweisen für die Chorprobe

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

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Bestellnummer SDP 103

ISBN 978-3-7957-8651-9

© 2015 Schott Music GmbH & Co. KG, Mainz

Alle Rechte vorbehalten

Als Printausgabe erschienen unter der Bestellnummer ED 8726

© 2004 Schott Music GmbH & Co. KG, Mainz

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Inhalt

Vorwort

Stimmbildnerische Maßnahmen im Kinderchor

Lieder und Kanons für bestimmte stimmbildnerische Einsatzgebiete

I. Körperhaltung und Bewegung

1. Arme und Beine

2. Auf der Pirsch

3. Bären-Bigband

4. Bärenrapzap

5. Ferientag

6. Musikalische Morgengymnastik

7. Nun stellt euch in der Reihe auf

8. O wie ist das Tanzen fein

9. Tausendschönchen

II. Atembeherrschung und Training der Haltekräfte des Zwerchfells

10. Annonce

11. Apfelkuchen

12. Der alte Kahn

13. Der Picker

14. Mit viel Wucht

15. Schnirkelschnecke

16. Tschu tschu

III. Weiche Stimmgebung, Randschwingung, Legato

17. Eidechse

18. Gebet

19. Herr, deine Güte reicht

20. Sommertag

21. Tula Ulla

22. Zum Einschlafen

IV. Resonanzweckung im Kopf, Vordersitz, Weite

Kopfresonanz und Vordersitz

23. Kaiman

24. Kugelfisch

25. Morgengebet

26. Säuselnde Winde

27. Seestern

28. Sing together

29. Singet dem Herrn

30. Vertrauen

31. Weberknecht

32. Wenn ich weiß, was du weißt

33. Wer wirklich gütig ist

34. Wir Wiener Waschweiber

Weite

35. Das ist die Not der schweren Zeit

36. Das Krokodil

37. Der Sultan hat gegähnt

38. Die Kuh hat bunte Schuhe an

39. Mönchsrobbe

40. Persische Sprichwörter

41. Schäfchenwolken

V. Vokalisation und Vokalausgleich

Vokal A

42. Alta Trinitä beata

43. Der grüne Drache

44. Vale

45. Waschen – brrr!

Vokal E

46. Meerschweinchens Auferstehung

Vokal 1

47. Fischwarnung

48. Siehe, ich bin bei euch

49. Weine nicht, Aline

Vokal O

50. Dein doofes Cabrio

51. Wer Gutes tut

Vokal U

52. Spuk im Flur

Umlaut Ä (Offenes E)

53. Kätzchens Pech

Umlaut Ö

54. Blödelei

Umlaut Ü

55. Glühwürmchen

Diphthonge

Diphthong AU

56. Frauenschuh

Diphthong EI

57. Mein weißes Seidenhemd

Diphthong EU

58. Das Fräulein Breuer

Alle Diphthonge

59. Gewitter

Alle Vokale

60. Drei Chinesen mit dem Kontrabass

Vokalausgleich

61. Auch Betten können müde sein

62. Dein Wort ist meines Fußes Leuchte

63. Dicke Lüge

64. Im Anfang war das Wort

65. Kyrie eleison

66. Leck mich im Angesicht

67. Machet die Tore weit

68. Ubi malus cantus

69. Viva la musica

70. Wespe

71. Wildschwein

VI. Artikulationstraining

Sprechübungen zur Lockerung der Sprechwerkzeuge

72. Aufräumen

73. Daumenkino

74. Mückenstich

75. Schüttelfrost und Sonnenstich

Allgemeine Artikulationsaktivierung beim Singen

76. Dunkel war’s

77. Ehekräche

78. Heute gehn wir in den Zoo

79. Le coq est mort

80. Wir reiten geschwinde

81. Zitronenfalter

Zungenbrecher

82. Fliegenfänger Fridolin

83. Maurer Mauser

84. Miezekatze

85. Tomatensalat

86. Wer hat das Speckbesteck bestellt?

Zungenspitzentraining

87. Knurrhahn

88. Panzernashorn

89. Steppenwolf

VII. Training der Extremlagen

Lockerung und Sicherung der hohen Lage

90. Die Stürme und Wellen

91. Die Tonleiter

92. Falsch

93. Wenn der Frühling kommt

Lockeres Erreichen der tiefen Lage

94. Finsternis

95. Frühstück ä la Rossini

96. Kühl, nicht lau

97. Mondensichel

98. Ratte

99. Swing

VIII. Beherrschung des Brustregisters und Registerausgleich

100. Auf Rosen gebettet

101. Das Bimmelbähnchen

102. Fortschritt

103. Frühlingsboten

104. Güte

105. Mittsommernacht

106. Streifenhörnchen

107. Süßigkeiten

108. Venus

109. Vielleicht

110. Wiege – wage

IX. Einsingkanons

Einsingen mit besonderer Aufmerksamkeit auf Lockerheit und leichte Tongebung

111. Bach- oder Regenbogenforelle

112. Enttäuschung

113. Im Himmel

114. Irrtum

115. Morgenstund hat Gold im Mund

Einsingen mit besonderer Aufmerksamkeit auf die tiefe Lage

116. Das Wetter

Einsingen mit besonderer Aufmerksamkeit auf die hohe Lage

117. Ein Hoch dem Geistesblitz

118. Frühblüher

Einsingen mit besonderer Aufmerksamkeit auf den Vokal A

119. Als ich früh erwachte

Einsingen mit besonderer Aufmerksamkeit auf Zwerchfellaktivität

120. Schlammspringer

Einsingen mit besonderer Aufmerksamkeit auf Intonation

121. Die Töneschlange

Einsingen mit besonderer Aufmerksamkeit auf Registerausgleich

122. Denn seine Gnade und Wahrheit

123. Rock my soul

Übersicht über die stimmbildnerischen Einsatzmöglichkeiten

Alphabetisches Verzeichnis der Lieder und Kanons

Vorwort

Diese Sammlung von Liedern für die stimmbildnerische Arbeit mit Kindern und Jugendlichen stellt die Fortsetzung eines „Liederheftes für die Kinderstimmbildung“ dar, das ich 1995 im Auftrag von „PUERI CANTORES – Diözesanverband Rottenburg-Stuttgart“ zusammengestellt und herausgegeben hatte. In der Folgezeit und nach dem Erscheinen meines „Handbuchs der Kinderstimmbildung“1 haben mich immer wieder Leiter von Kinder-, Jugend- und Erwachsenenchören nach weiteren Stimmbildungsliedern gefragt, so dass von Gertrude Wohlrab und mir in der Zwischenzeit eine ganze Reihe weiterer Lieder entstanden sind. Neuerscheinungen wie „Das Musizierliederbuch“2 und „Das Kanon-Buch“3 erschlossen zusätzliche Quellen. Eine Fülle neuer Veröffentlichungen ähnlicher Art zeigt, dass der Bedarf an gut singbaren Liedern groß ist. Allerdings sind solche Lieder für Kinder und Jugendliche nicht oder kaum mit dem Ziel stimmbildnerischer Einsatzmöglichkeiten entstanden.

So stelle ich hier eine erweiterte Sammlung von Liedern und Kanons vor, wieder systematisch geordnet nach stimmbildnerischen Einsatzgebieten, wie sie in der Kinder- und Jugendlichenstimmbildung sinnvoll erscheinen. Besonderen Wert wurde auf die richtige Tonlage gelegt, in der die Lieder stehen – manche aus anderen Publikationen übernommene Stücke wurden zu diesem Zweck in eine für die Kinderstimme passendere Tonart transponiert. Auch die Vielfalt der Formen war ein wichtiges Anliegen, wobei der Kanon in verschiedenen Gestalten aus guten pädagogischen Gründen nach wie vor im Vordergrund steht. Interessante neue Möglichkeiten sind hinzugekommen: der Rap erweist sich als wirksames Trainingsmittel für präzise Artikulation, das Refrainlied erschließt der technischen Übung mit stimmbildnerischen Silben neue Einsatzfelder. Texte und Kompositionen sind mit besonderer Sorgfalt auf die Akzeptanz durch Kinder erfunden, steht doch im Vordergrund aller stimmbildnerischer Arbeit der Spaß am Singen. Hier waren die Gedichte von Gertrude Wohlrab, insbesondere die witzigen „Metamorphosen“, die speziell für die vorliegende Sammlung verfasst wurden, eine wahre Fundgrube.

Für nahezu jeden stimmbildnerischen Zweck findet man ein Lied, oftmals sind die Lieder für mehrere stimmbildnerische Einsatzgebiete geeignet. Wo immer vorhanden wird auf solche Überschneidungen hingewiesen, zusätzlich erleichtert ein Register das Auffinden. Zusammen mit den Stimmbildungsliedern aus dem „Handbuch der Kinderstimmbildung“ hat der Chor-/Singleiter oder Stimmbildner für die gesamte stimmbildnerische Arbeit mit Kindern Lieder zur Verfügung.

Viele der vorgelegten Lieder sind aber auch mit gutem Erfolg in Kindergruppen anwendbar, die nicht in erster Linie zum gemeinsamen Singen zusammenkommen wie beispielsweise Kindergartengruppen oder Gruppen in der Elementaren Musikpädagogik. Nicht zuletzt können die hier erschienenen Lieder und Kanons auch mit Freude und stimmbildnerischer Effizienz in vielen Erwachsenenchören gesungen werden.

Osnabrück, Dezember 2003
Andreas Mohr

1 Andreas Mohr, Handbuch der Kinderstimmbildung. Mainz: Schott 1997 (ED 8704)

2 Thomas Holland-Moritz und Rudolf Nykrin, Das Musizierliederbuch. Mainz: Schott 1996 (ED 8287)

3 Das Kanon-Buch. Mainz: Schott 1999 (ED 7588)

Stimmbildnerische Maßnahmen im Kinderchor

Obwohl Kinder zum Zeitpunkt der Geburt über einen sehr großen Stimmumfang verfügen und diesen auch in den ersten beiden Lebensjahren sprechend und singend erproben, kommt es im weiteren Entwicklungsverlauf zu einem dramatischen Verlust an Singgewohnheit und Tonumfang. Die dafür verantwortlichen Ursachen liegen im allgemeinen Singverlust unserer Gesellschaft, der Singästhetik der Unterhaltungsmusik und dem häufig ungeschickten Singen mit Kindern in Elternhaus, Kindergarten, Kirche und Grundschule. Als Resultat solchen Umgangs mit der Kinderstimme kommen fast alle Kinder mit deutlich ausgeprägten Singdefiziten in die musikalischen Gruppen und Kinderchöre. Daher sind am Anfang die Inhalte stimmbildnerischer Arbeit für alle Kinder relativ ähnlich. Die wichtigsten stimmerzieherischen Maßnahmen lassen sich in sechs Arbeitsgebiete einteilen:

1. Haltung und Atmung

Fast alle Kinder ab etwa 3 Jahren haben die Fähigkeit verlernt, mit dem Zwerchfell zu atmen. Bei den meisten wird sogar deutlich Hochatmung mit extremen Schulterbewegungen vorherrschen. Ein ständiges Trainieren der elastisch-aufgerichteten Haltung und das Erzeugen einer vom Zwerchfell gesteuerten Atmung ist unbedingt notwendig.

2. Resonanz

Die natürliche Helligkeit der Kinderstimme ist oft durch nachlässige Haltung, falsche Atmung und ungeschickte Raumformung im Mund verfälscht. Die häufig beobachtete Bevorzugung von Ruf- und Schreistimme in viel zu tiefer Lage trägt zum flachen und plärrigen Klang der Kinderstimme bei. Unser Ziel muss sein, die weiten, dunklen Mundraumklänge zu fördern, die Nasalresonanz zu entwickeln und behutsam den Körperklang in die Stimmentwicklung einzubeziehen. So erhält die Kinderstimme wieder ihren typischen metallischen Glanz, ohne resonanzlos zu klingen.

3. Vokalisation

Den Kindern soll die Formung der Vokale bewusst gemacht werden, wobei Mundraumweitung und Mundöffnung trainiert werden können. Breitgezogene Lippen sind ebenso zu vermeiden wie allzu „schnutige“ Formen. Alle Vokale sollen präzise geformt, aber nicht übertrieben werden. Schließlich ist im Sinne des Vokalausgleichs auf eine möglichst einheitliche Raumform aller Vokale zu achten.

4. Vordersitz und Instrumentweite

Weite im Hals und Singen „nach-vorne-oben“ sind zwei gegensätzliche Einstellungen, die bewusst gemacht und trainiert werden können. Kinder neigen in höheren Singlagen zu Enge im Hals und Hochstand des Kehlkopfs. Hier ist an der Weitung des Halses und der relativen Tiefhaltung des Kehlkopfs zu arbeiten, ohne dabei zu verkrampfen oder den Vordersitz zu verlieren.

5. Artikulation

Die präzise Ausführung von Artikulationsbewegungen ist bei Kindern häufig mangelhaft ausgeprägt. Mit geeigneten Trainingsmethoden können falsche und überflüssige Artikulationsbewegungen abgebaut werden.

6. Register

Der schlimmste Registerfehler bei Kinderstimmen ist das Benutzen des Brustregisters in zu brutaler Form und in zu hoher Lage. Kinder singen häufig noch bis zum c2 ungemischt bruststimmig. Sicherstes Erkennungsmerkmal dieser Singweise ist ein abrupter Klangwechsel oberhalb von ca. c2, wo die Kinder in eine überluftete, viel leiser klingende Kopfstimme umschalten, wenn sie überhaupt höhere Töne verwenden. Unabdingbare Notwendigkeit in der Kinderstimmbildung ist das Rückführen des Brustregisters in die physiologisch richtige Lage (obere Grenze ca. f1 !), Lockerung des Gesamtkörpers, Durchmischung des Brustregisters mit Randschwingung auch in der Tiefe durch Verzicht auf extreme Lautstärke, vor allem bei tieferen Tönen, und behutsames Trainieren der Stimme in höheren Lagen und leisen Dynamikgraden. Dies kann den Kindern zum bruchlosen Benutzen ihrer Stimme über den ganzen Umfang verhelfen und ihnen den Zugang zur hohen Lage wieder öffnen. Das Wecken eines Gefühls für das „Schön-Singen“ sollte ohnehin oberstes Ziel der Stimmerziehung sein.

Lieder und Kanons für bestimmte stimmbildnerische Einsatzgebiete

Die stimmbildnerische Arbeit vollzieht sich natürlich immer am ganzen Menschen und unter Einbeziehung des gesamten muskulären und organischen Geschehens im Körper. Alle hier mitgeteilten Lieder haben stimmbildnerische Auswirkungen auf das ganze Gesangsinstrument. Wenn dennoch eine Einteilung nach bestimmten Einsatzgebieten vorgenommen wird, so zeigt diese an, in welchem Einflussbereich das betreffende Lied seine stärkste Wirksamkeit entfaltet. Der Stimmbildner/Chorleiter wird die Lieder mit derselben Sorgfalt auswählen, wie er stimmbildnerische Übungen für definierte Zwecke benutzt.

Neben dem Hinweisbuchstaben Z (Zweck) wird die stimmbildnerische Wirkung beschrieben und auch auf weitere Wirksamkeiten hingewiesen. Ein Register am Ende des Buches erleichtert darüber hinaus die Zuordnung. Neben dem Hinweisbuchstaben A (Achtung) habe ich beschrieben, worauf bei der Ausführung besonders zu achten ist.

Mit voller Absicht enthält diese Sammlung Lieder in vielen verschiedenen Formen, die zahlreiche pädagogische Herangehensweisen ermöglichen. Einige dieser methodisch-didaktischen Ansätze möchte ich im folgenden kurz erläutern:

Lied

Die einfachste Form, mit einem Lied stimmbildnerisch zu arbeiten, ist das gemeinsame unbegleitete Singen. Jedoch können einzelne Liedzeilen auch abwechselnd von verschiedenen Gruppen oder Einzelnen ausgeführt sowie sich gegenseitig zugesungen werden.

Nachsinglied