Michael Frayn
Willkommen auf Skios
Roman
Aus dem Englischen
von Anette Grube
Carl Hanser Verlag
Die englische Originalausgabe erschien 2012
unter dem Titel Skios bei Faber and Faber in London.
ISBN 978-3-446-24063-6
© Michael Frayn 2012
Alle Rechte der deutschen Ausgabe
© Carl Hanser Verlag München 2012
2. E-Book-Auflage 2017
Satz: Satz für Satz. Barbara Reischmann, Leutkirch
E-Book-Konvertierung: Beltz Bad Langensalza GmbH
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Willkommen auf Skios
1
»Ich möchte mich bei unserem hochverehrten Gast ganz herzlich dafür bedanken«, sagte Nikki Hook, »dass er diesen Abend zu einem so faszinierenden und wunderbaren Erlebnis gemacht hat, das wir alle nie vergessen werden …«
Sie hielt inne und las sich den Satz noch einmal laut vor, löschte »faszinierenden und wunderbaren« und fügte statt dessen »einzigartigen und besonderen« ein, was ein wenig, nun ja, »einzigartig und besonders« klang. Ein wenig mehr nach Mrs. Fred Toppler, und darauf kam es an, schließlich war es Mrs. Fred Toppler und nicht Nikki, die sich ganz herzlich bedanken und alles so großartig finden würde. Nikki war nur Mrs. Fred Topplers persönliche Assistentin. Sie sorgte für die Gedanken, die Mrs. Toppler denken würde, aber letztlich war es Mrs. Toppler, die sie denken musste.
Vor den Fenstern von Nikkis Büro leuchteten die zum Meer abfallenden Gärten und Hänge der Fred-Toppler-Stiftung lebhaft im gleißenden Licht des mediterranen Nachmittags. Kaskaden gutgewässerter Bougainvilleen und Plumbagos nahmen es mit dem satten Blau des Himmels auf. Die Fischerhütten am Strand und die Fischerboote, die im blendenden Meer ankerten und auf den Wellen schaukelten, waren so strahlend weiß und himmelblau wie die griechische Flagge, die lethargisch am Fahnenmast hing.
Nikki jedoch, die hinausschaute, während sie Mrs. Topplers Gedanken verfasste, war so dezent kühl wie die klimatisierte Luft. Ihr dezent blondiertes Haar lag akkurat an, ihre weiße Bluse und der blaue Rock waren ein dezentes Echo der griechischen Weiß- und Blautöne draußen, ihre Miene war auf freundliche, doch dezente Weise aufgeschlossen für die Welt. Sie war dezent britisch, weil Mrs. Toppler, die wie der verflossene Fred aus Amerika stammte, es schätzte. Europäer im allgemeinen verkörperten für sie die zivilisierten Werte, die zu fördern die Fred-Toppler-Stiftung existierte, und die Briten waren Europäer, die so vernünftig und taktvoll waren, englisch zu sprechen. Wie auch immer, alle, nicht nur Mrs. Toppler, mochten Nikki. Sie war so nett! Schon mit Drei war sie ein wirklich nettes Mädchen gewesen. Sie war es noch mit Siebzehn, ein Alter, in dem Nettigkeit eine weit rarere Errungenschaft darstellt, und fast zwanzig Jahre später war sie es immer noch. Dezent gebräunt, dezent blondiert, auf dezente Weise effektiv und auf dezente Weise nett.
Während Nikki hinaussah, tauchten Leute aus den Fischerhütten auf und schlenderten zu den im Schatten der großen Platane aufgestellten Tischen auf dem zentralen Platz. Es waren keine Fischer; es waren nicht einmal Griechen. Es waren weder Touristen noch Urlauber. Es waren die englischsprechenden Gäste der großen europäischen Hausparty der Stiftung, die einmal im Jahr stattfand. Sie hatten den Tag in Seminaren verbracht und die minoische Küche und frühchristliche Meditationstechniken studiert, Vorführungen traditioneller makedonischer Tänze und spätmittelalterlicher Blumenarrangements gesehen. Zwischen den Veranstaltungen waren sie geschwommen und hatten eine Siesta gehalten, während des Frühstücks und bei einem Kaffee am Vormittag, bei einem Drink vor dem Mittagessen, während des Mittagessens, beim Kaffee nach dem Mittagessen, bei Tee und Snacks am Nachmittag hatten sie zivilisiert Konversation gemacht. Jetzt steuerten sie auf weitere intellektuelle Erfrischungen während des Abendessens sowie diverse Drinks davor und danach zu.
Morgen abend würde diese ganze Zivilisation ihren Höhepunkt erreichen mit einem Champagnerempfang und einem gesetzten Dinner, anschließend wären die Gäste spirituell vorbereitet für das wichtigste Ereignis der Hausparty, den Fred-Toppler-Vortrag. Der Vortrag war eins der Highlights des griechischen Kulturlebens. Zu den Hausgästen würden sich bedeutende Besucher aus Athen gesellen, die auf dem Luft- oder Seeweg herbefördert würden. In den Zeitungen würden Artikel erscheinen, die die Wahl von Thema und Redner kritisieren und den traurigen Verlust an Qualität beklagen würden.
Bitte, lieber Gott, lass es dieses Jahr nicht allzu schrecklich werden, betete Nikki. Alle Vorträge, wie einzigartig und besonders auch immer, waren natürlich schrecklich, aber manche waren schrecklicher als andere. Es musste selbstverständlich ein Vortrag gehalten werden. Warum? Weil es schon immer so gewesen war. Seit Gründung der Stiftung war jedes Jahr ein Fred-Toppler-Vortrag gehalten worden. Es waren Vorträge über die Krise von diesem und die Herausforderung von jenem gewesen. Es waren ein Rätsel von, ein Wohin? und ein Warum?, drei Ausblicke auf und zwei Neubewertungen von gewesen. Je exzentrischer und einsiedlerischer der Direktor der Stiftung wurde, um so idiosynkratischer fiel seine Wahl der Redner aus. Nach der postsynkretistischen Herangehensweise an was immer es letztes Jahr gewesen war, wäre sogar Mrs. Toppler, die geneigt war, nahezu jedem für nahezu alles zu danken, beinahe an der Aufgabe erstickt, was vielleicht der unbewusste Grund gewesen war, dass sie das Wort »nicht« ausließ in dem Satz über das Ereignis, dass sie so schnell nicht vergessen würden. Nikki hatte die Abwesenheit des Direktors genutzt, der nach Nepal in Klausur gegangen war, um den Redner dieses Jahr selbst auszuwählen.
»Dr. Norman Wilfred braucht nicht vorgestellt zu werden«, würde Mrs. Fred Toppler morgen zur Einführung sagen. Nikki blickte auf die nichtgebrauchte Vorstellung, die dann folgte, paraphrasiert aus dem Lebenslauf, den ihr Dr. Wilfreds persönliche Assistentin geschickt hatte. Die Liste der Veröffentlichungen und Berufungen, der Stipendien und Auszeichnungen war todlangweilig. Lucinda Knowles, Nikkis Gegenstück im J. G.-Fledge-Institut, hatte ihr versichert, dass Dr. Wilfred sowohl ein seriöser Experte für Wissenschaftsmanagement wie auch eine echte Berühmtheit war. Ihre Freundin Jane Gee vom Cartagena-Festival behauptete, er sei der Redner, um den sich gegenwärtig alle rissen.
Dieses Jahr also – Innovation und Governance: das Versprechen der Szientometrie. Bei dem Wort Versprechen wurde Nikki plötzlich schwer ums Herz. Ihre Entscheidung würde sich als genauso schrecklich herausstellen wie alle anderen. Und jetzt befand er sich in acht Kilometer Höhe, auf dem Flug von London, über der Schweiz oder Norditalien. Sie sah ihn deutlich vor sich – und es war ein entmutigender Anblick –, wie er in der Businessclass saß und an seinem Gratis-Champagner nippte. Alle die Komitees und internationalen Vorträge hätten ihren Tribut gefordert. Seine Wangen wären schwer, seine Taille wäre dick und sein Haar gelichtet vor lauter Bedeutung. Er hätte Innovation und Governance um die ganze Welt geschleppt, von Toronto nach Tokio, von Oslo nach Oswego, bis das Manuskript gelb von der Sonne der Alpen, fleckig vom tropischen Regen und von den Wiederholungen abgenutzt war.
Sie druckte die unnötige Einführung und den herzlichen Dank aus, die stabilen Buchstützen, die umklammerten, was noch kommen sollte. Es war jetzt zu spät, um noch etwas daran zu ändern. Es raste mit achthundert Stundenkilometern auf sie zu.
Sie blickte auf die Uhr. Bevor sie zum Flughafen fuhr, hatte sie gerade noch Zeit, um Mrs. Toppler den Text zu bringen und erneut ein paar Dinge auf ihrer Liste zu kontrollieren. Sie trat aus der Tür ihres Büros in die solide Mauer der spätnachmittäglichen Hitze.
2
Warum tut man das? fragte sich Dr. Norman Wilfred, als er an seinem unentgeltlichen Businessclass-Champagner nippte und geistesabwesend auf die Welt acht Kilometer unter sich schaute. Warum nur?
Immer die gleiche Tretmühle. Wieder eine Ansicht wie alle anderen von einem nichtidentifizierbaren Teil der Erdoberfläche acht Kilometer außerhalb der eigenen Reichweite. Dann ein weiterer Flughafen und ein weiterer wartender Wagen. Eine weitere beflissene Versicherung, dass alle Welt angesichts seines Besuchs höchst aufgeregt war. Ein weiteres Gästezimmer mit zwei Handtüchern und einem Stück Seife, ausgelegt auf dem Bett. Es stimmte, die Fred-Toppler-Stiftung stand in wissenschaftlichen Kreisen in dem Ruf, ihre Gastredner gut zu behandeln. Er sah anständigen Wein und bequeme Stühle im milden Sonnenlicht oder warmen Schatten voraus. Trotzdem verspürte er, wenn er an die Vorstellung dachte, die er geben musste, um sich diese kleinen Entschädigungen zu verdienen, bis ins Mark seiner Knochen eine vertraute Erschöpfung.
»Dr. Norman Wilfred?« würden die Leute sagen, sobald er ihnen vorgestellt wurde, und er sah bereits vor sich, wie sich ihre Mienen veränderten. Er spürte, wie er seinerseits lächeln und den Kopf leicht neigen würde. Wieder einmal würde er die Themen auftischen, die er für das gesellige Beisammensein mit den anderen Gästen parat hatte. Wieder einmal würde er seinen kleinen Vorrat an außergewöhnlichen Kenntnissen, originellen Gedanken und interessanten Ansichten hervorholen. Er würde das bisschen Klatsch anbieten, das er mitgebracht hatte. Er würde die bewährten und erprobten Geschichten erzählen.
Und dann der Vortrag. Die ihm erwartungsvoll zugewandten Gesichter. Die überschwengliche Einführung, eine Schilderung seiner Laufbahn, der paraphrasierte Lebenslauf, den Vicki ihnen geschickt hatte, gekürzt auf eine handhabbare Länge, wie immer unter Auslassung seiner wichtigsten Publikationen und Posten. Sein bescheiden gesenkter Kopf, während er sich wieder einmal das alles anhörte und dabei zum Vorschein kam, wie die Jahre seine hohe Stirn über die Kuppe seines Hauptes verlängert hatten.
Der Applaus, als er zum Rednerpult geht und den Text seines Vortrags aufschlägt …
Der Vortrag! Hatte er ihn dabei? Er tastete noch einmal in seinem Handgepäck, nur um sicherzugehen. Ja, da war er, Gott sei Dank. Auf Reisen hatte er den Vortragstext immer im Handgepäck. Er und sein Koffer waren im Lauf der Jahre zu oft getrennt worden, als dass er ein Risiko eingehen wollte. Zahnbürsten und Schlafanzüge konnten ersetzt werden; der Vortrag war Teil seiner selbst, Fleisch von seinem Fleisch, Gebein von seinem Gebein. Er nahm ihn aus der Tasche, nur um sich noch einmal zu vergewissern. Dieselbe abgewetzte, alte braune Mappe, die so viele tausend fader Luftmeilen mit ihm gereist war, unverwechselbar sein eigen dank des in Melbourne erworbenen Rotweinflecks und der verschmierten Überreste eines kleinen tropischen Insekts aus Singapur. Wie üblich würde er ein paar einführende Worte hinzufügen, um die besondere Relevanz des Vortrags zu dieser Zeit an diesem Ort zu betonen, doch der Text als solcher bestand aus dem Material, das wie sein Haupt im Lauf vieler Jahre seine jetzige Form angenommen hatte. Die Früchte lebenslangen Nachdenkens und Studierens waren auf diesen Seiten konzentriert, die Ausdrucksweise schrittweise verfeinert und, wie alles menschliche Wissen, den aktuellen Umständen angepasst. Die sorgfältig formulierten Sätze waren so vertraut und beruhigend wie der Weinfleck und das tote Insekt. »Die vielleicht bedeutendste Herausforderung, der wir uns heute gegenübersehen … Die Hoffnungen und Befürchtungen der Menschheit … Innerhalb eines umfassenden Gefüges gesellschaftlicher Verantwortung …«
Er sah die Worte vor sich, wie sie im warmen Lichtkegel der Lampe am Rednerpult zu ihm aufblicken würden wie wohlerzogene Kinder zu ihrem liebenden Vater. »Diese Probleme müssen frontal angegangen werden … Und an dieser Stelle muss zur Vorsicht gemahnt werden …« Er hörte sich versiert, dennoch scheinbar spontan sprechen. Die kleinen improvisierten Varianten und Nebenbemerkungen. Das Gelächter. Der ziemlich lange Applaus am Schluss. Worte der Wertschätzung seitens des Gastgebers – »Anregung zum Nachdenken, voller neuer Einsichten, faszinierend« –, vielleicht nicht alle völlig unaufrichtig …
Trotzdem, warum tat er es immer wieder? Wenn er doch in seinem Büro im Institut sitzen und ernsthafte wissenschaftliche Arbeit leisten konnte. Sich bemühen konnte, die Forschungsergebnisse jüngerer Rivalen zu verstehen, die ein eigenes, unverständliches neues Vokabular erfunden hatten, oder vor der nächsten Sitzung des Verwaltungsausschusses die Abrechnungsentwürfe des Instituts zu begreifen oder das heillose Durcheinander zu sortieren, zu dem das Manuskript seines neuen Buches geworden war.
Doch statt dessen war er wieder hier, in acht Kilometer Höhe, ein Glas Champagner in der Hand. Warum, warum, warum?
Natürlich erfüllte es ihn durchaus mit Befriedigung, Dr. Norman Wilfred zu sein. Nur aufgrund dessen, dass er war, wer er war, wurden ihm von anderen erarbeitete, gewichtig formulierte Dokumente zur Unterschrift vorgelegt. Sein Rat und sein Geschick als Vorsitzender waren geschätzt. Sobald die Leute seinen Namen hörten, wussten sie genau, was auf sie zukam. Sie waren nie enttäuscht. Sie erwarteten Dr. Norman Wilfred, und sie bekamen Dr. Norman Wilfred.
Und wenn es Vorteile hatte, Dr. Norman Wilfred zu sein, dachte er, als ihm die Stewardess Champagner nachfüllte, so hatte er sie weiß Gott verdient. Er war nur langsam und durch Hartnäckigkeit und Fleiß, Gedanke für Gedanke, Ansicht für Ansicht, Stelle für Stelle, zu dem geworden, der er war. Unterwegs war er häufig enttäuscht worden, hatte viele Rückschläge, Abfuhren und Kränkungen erlitten; oft hatte er am Morgen in den Rasierspiegel geschaut und gesehen, wie jemand, der ihm nicht recht gefiel, zurückblickte. Auch jetzt war nicht alles ein Zuckerschlecken. Er musste auf seinen Blutdruck aufpassen. Er hatte eine heftige Allergie gegen Zwiebeln entwickelt. Er litt womöglich an der Neigung, sich selbst zu ernst zu nehmen.
Und auch an diesem offenbar unheilbaren Hang, mit einem Glas Champagner in der Hand im Flugzeug zu sitzen in Erwartung weiterer kräftezehrender Annehmlichkeiten und Schmeicheleien.
3
Nikki schlenderte über das grüne Gelände der Stiftung, spazierte die gewundenen Pfade über die Hügel hinauf und hinab, blickte auf die Bucht und die hochgetürmten Sommerwolken hinaus. Das Licht wurde weicher, während der Nachmittag in den Abend überging. Ein Hauch von Gold lag in der Luft.
Sie liebte diesen Ort. Alles war so im Einklang mit sich selbst, so fein ausbalanciert wie das Werk einer guten Uhr oder die Natur selbst. Das Netz aus Leitungen und Sprinklern, das alles zum Ergrünen brachte, war dezent verborgen. Ebenso der Geldfluss, der die Sprinkler in Betrieb hielt. Es war eine vollständige Welt, ein Miniaturmodell der europäischen Zivilisation, die zu befördern es ins Leben gerufen worden war, und sie spürte nahezu, wie es auf ihrer Handfläche stand und sein Uhrwerk leise arbeitete. Das einzige Rädchen der Maschinerie, das ein bisschen klemmte, das die Uhr ein bisschen ungenau gehen ließ, verbarg sich hinter den geschlossenen Fensterläden von Empedokles, dem Haus hoch oben über allen anderen, in dem sich der ausgemergelte und schwächelnde Direktor versteckte. Aber vielleicht nicht mehr lange …
Aus den Fischerhütten am Strand, in denen keine Fischer mehr wohnten, aus den Suiten in den Bungalows, die zwischen den Bäumen auf der zur Stiftung gehörenden Landzunge versteckt waren, aus Leukippos und Anaximander, aus Xenokles, Theodektes, Menandros, Aristophanes und Antiphanes strömten mehr und mehr Gäste der Hausparty auf der Suche nach Speisen und Getränken. Zwei Stunden waren vergangen, seitdem sie zum letztenmal gefüttert und mit Drinks versorgt worden waren.
Sie stellte sich vor, sie würde alles zum erstenmal sehen, so wie es Dr. Wilfred bald sehen würde. Wie würde er es empfinden, verglichen mit all den anderen Stiftungen und Instituten auf der Welt, in denen er gesprochen hatte? Sie stellte ihn sich an ihrer Seite vor, wie er sich beifällig umsah und zuhörte, während sie ihm alles erklärte. Vielleicht war er ein sympathischerer Mensch, als sie gedacht hatte, während sie seinen Lebenslauf umschrieb. Er war es, sie spürte es. Er war jemand, mit dem man reden konnte.
»Die meisten unserer Gäste sind aus den Vereinigten Staaten«, hörte sie sich zu ihm sagen, ihre Worte so unhörbar, wie er unsichtbar war. »Sie sind natürlich alle schrecklich reich, sonst wären sie nicht hier. Aber sie sind auch fürchterlich nett, sonst würden sie sich nicht für das interessieren, was wir tun.«
Sie winkte einem ältlichen lächelnden Paar mit Apfelbäckchen zu. »Hallo!« rief sie. »Oh, Nikki, Liebes«, rief die Frau, »wir fühlen uns so wohl! Das haben wir natürlich Ihnen zu verdanken! Und wir wissen, dass Sie uns morgen einen Leckerbissen servieren werden!«
»Mr. und Mrs. Chuck Friendly«, murmelte Nikki dem körperlosen Leckerbissen neben sich zu. »Soweit ich weiß, sind sie das zweitreichste Paar im Staat Rhode Island. Seitdem es die Hausparty gibt, kommen sie jedes Jahr nach Skios. Süß! Die meisten Gäste sind Paare, andere hoffen, eins zu werden, also Vorsicht!«
Zwei Männer schlenderten nachdenklich in dem Schatten, den der Tempel der Athene warf. Einer nahm die Pfeife aus dem Mund und hob sie ihr entgegen wie ein Glas Wein, der andere grüßte mit gefalteten Händen.
»Alf Persson«, erklärte sie Dr. Wilfred, »der schwedische Theologe. In der theologischen Welt ist er, glaube ich, ziemlich bekannt. Und V. J. D. Chaudhury, die große Autorität für komparative Unterentwicklung. Zwei unserer embedded Intellektuellen. Wie Sie sehen, sind Sie nicht der einzige berühmte Gast!«
Sie gingen über die antike Agora, auf der Männer Tische, vergoldete Stühle, Teppiche und Leinenballen von elektrischen Lieferwagen luden. »Dieser Steinboden ist dreitausend Jahre alt«, ermahnte sie den Vorarbeiter. »Sorgen Sie dafür, dass die Teppiche ausgelegt sind, bevor irgend etwas aus Metall den Boden berührt.«
An Dr. Wilfred gewandt fügte sie bescheiden hinzu: »Mein Griechisch ist auch nach fünf Jahren noch immer etwas rudimentär … Oh, und da ist noch einer unserer embedded Intellektuellen.« Sie winkte einem jungen Mann zu, der niedergeschlagen aus einem Fenster von Epiktet blickte. »Wie ich ein Brite. Chris Binns, unser Writer-in-residence … Chris, würden Sie mir einen Gefallen tun? Morgen, wenn nach dem Vortrag Fragen gestellt werden dürfen und niemand der erste sein will, wollen wir kein schreckliches Schweigen. Werden Sie sich eine Frage überlegen?«
»Eine Frage?« sagte Chris Binns. Er schien das Wort noch nie gehört zu haben.
»Irgend etwas«, sagte Nikki. »Zu seiner Arbeit. Wie es mit den Aussichten internationaler Kontrolle steht. Was immer. Ihnen wird schon was einfallen. Sie sind Schriftsteller. Um den Ball ins Rollen zu bringen … Nach dem Vortrag. Sie kommen morgen doch zu dem Vortrag?«
»Klar«, sagte Chris. »Natürlich. Absolut.«
»Er ist so in seine Arbeit vertieft!« flüsterte Nikki Dr. Wilfred zu, als sie ihren Weg fortsetzten. »Er wusste nicht mal, dass Sie morgen einen Vortrag halten werden.«
»Vielleicht vergisst er bei Ihrem Anblick alles andere«, stellte sie sich vor, dass Dr. Wilfred sagte. Sie lachte. »Aber, aber!« sagte sie. Er war charmanter, als sie angenommen hatte. Und jetzt war er auch um einiges jünger und schlanker geworden.
»O Gott, Nikki«, sagte eine ältere Dame, die sich mit einem kleinen, mit Eau de Cologne getränkten Spitzentaschentuch die Stirn betupfte, als sie in der Nähe des Aphrodite-Brunnens an ihr vorbeikamen, »Sie sehen immer aus, als wären Sie gerade einer Deo-Werbung entsprungen. Ich weiß nicht, wie Sie das machen.«
»Ich denke erfrischende Gedanken, Mrs. Comax«, sagte Nikki.
Die erfrischenden Gedanken bestanden darin, dass sie für das Funktionieren der Stiftung auf ebenso dezente Weise notwendig war wie das Wasser in den vergrabenen Leitungen und der geheimnisvolle Geldfluss durch die Bilanz. Sie wollte das nicht zu Dr. Wilfred sagen, aber wahrscheinlich sah er es selbst. Vor allem als sie einen kleinen Umweg hinter die Kulissen mit ihm machte. Abgeschirmt von dichtem Gebüsch befand sich dort nicht eine Welt traditioneller Steinhäuser, benannt nach Philosophen und Dichtern, sondern von namenlosen Fertighäusern.
»Hier wohnt das Personal«, erklärte sie. »Würden Sie einen Moment hier warten? Ich muss einen Blick in die Küche werfen.«
»Was denn jetzt?« rief Yannis Voskopoulos, der Chef de cuisine, über das Geklapper von rostfreiem Stahl auf rostfreiem Stahl und dem Krach der Dunstabzugshauben und dem endlosen levantinischen Popgeheule der Frau im Radio. »Ich weiß nicht, was Sie mir jetzt noch sagen wollen, was Sie mir nicht schon gesagt haben! Zweimal! Und wir haben es gemacht. Zweimal!«
Ein paar der weißgekleideten Gespenster blickten von Herden und Arbeitsflächen auf und winkten ihr freundlich mit Schöpfkellen und Hackbeilen zu. Andere blickten auf und erkannten sie nicht.
»Aber diese neuen Leute, Yannis«, sagte sie, nicht in Griechisch, sondern in amerikanischem Englisch, denn Yannis hatte in Amerika gearbeitet und wollte die Sprache üben. »Die Leute von der Agentur. Haben Sie ein Auge auf sie?«
»Ich habe ein Auge auf alle, Nikki. Auf alles und jeden. Genau wie Sie.«
»Letztes Jahr haben Sie koscher vergessen.«
»Nikki, wollen Sie koscher sehen? Schauen Sie – koscher. Halal. Diabetisch. Vegetarisch. Glutenfrei, nussfrei, salzlos. Vegetarisch koscher. Diabetiker-Halal. Glutenfrei diabetisch. Salzlos, nussfrei vegetarisch. Raus hier, Nikki!«
»Und ohne Zwiebeln?«
»Ohne Zwiebeln?«
»Salzlos und ohne Zwiebeln! Für den Gastredner! Ich habe es Ihnen doch gesagt!«
Yannis schaute zur Decke und wischte sich dann das Gesicht mit dem Küchentuch ab, das er mit sich trug. Er seufzte. »Als ich ein Kind in Piräus war, gab’s nur zwei Sorten Essen«, sagte er. »Essen und kein Essen.«
»Verstehen Sie jetzt, warum ich alles kontrolliere?« sagte Nikki.
Sie kehrte zu ihrem imaginären Dr. Wilfred zurück und ging mit ihm zu Parmenides, dem leger luxuriösen Gastquartier, in dem er wohnen würde. Als sie den Hang hinaufschlenderten, sah sie ihm an, dass er bereits beeindruckt war. Als sie eintraten und sie die Fensterläden öffnete, um den Blick auf den großartigen Bogen der Bucht, die aufgetürmten Kumuluswolken am Horizont und die schaukelnden Fischerboote am Kai freizugeben, glaubte sie zu hören, wie er den Atem anhielt. Gut, dass er das alles jetzt schon sah – es wäre wahrscheinlich dunkel, wenn er tatsächlich ankäme.
Sie überprüfte die Klimaanlage, goss Wasser in die Vasen mit den gelben Lilien und weißen Rosen nach und schob eine immer wieder laufende CD in den CD-Spieler. Das leise Gemurmel von gregorianischer Musik erfüllte die Luft.
»Die Mönche aus der Nachbarschaft«, erklärte sie.
Sie nahm die Whiskyflasche aus dem Sideboard und stellte sie neben die Gläser auf der Ablage. »Ein ziemlich seltener Straight Malt«, sagte sie. »Ist das in Ordnung?«
Sie ging ins Schlafzimmer, schlug die Bettdecke zurück und legte den weißen Bademantel und die Slipper darauf, so köstlich flauschig wie das Fell eines subtropischen Eisbären. Weiter ins Arbeitszimmer: Briefpapier auf dem Schreibtisch, ja, Telefonverzeichnis und Geschichte der Stiftung. Die Küche: Champagner neben zwei Sektflöten im Kühlschrank, ein guter Weißwein aus der Gegend und zwei Liter kaltes Wasser.
»Aus der Quelle der Stiftung«, sagte sie zu ihm. »Berühmt für seine Reinheit.«
Sie nahm die Weintrauben aus dem Kühlschrank und eine Schale aus dem Sideboard, in der sie sie arrangierte. »In der Töpferei der Stiftung hergestellt«, erklärte sie. »Darauf abgebildet die Szene aus Homer, in der Odysseus, verkleidet als umherziehender Messerschleifer, auf Skios landet.«
Sie blickte sich ein letztes Mal um … Die Lilien … O mein Gott! Besser noch einmal nachfragen, ob …
Sie tippte auf »Vicki« auf ihrem Telefon. Seit einem halben Jahr hatte sie die Nummer gespeichert.
»Vicki? … Ich bin’s leider noch mal – Nikki. Bitte entschuldige … Von PA zu PA – ich wollte mich nur noch einmal rückversichern! Er sitzt im Flugzeug …? Ja, gut, ich glaube, wir sind jetzt soweit, ich bin nur in letzter Minute nervös geworden … Lilien! Ich habe Lilien in sein Zimmer gestellt! Und ich habe gedacht, Moment mal, wenn er gegen Zwiebeln allergisch ist …! Zwiebeln – Blumenzwiebeln … Blumenzwiebeln – Lilien …! Nein? Oh, sehr gut … Ich danke dir … Tut mir leid, dass ich dich noch einmal gestört habe. Wir sind alle so aufgeregt!«
Viel zu aufgeregt, was sie betraf, dachte sie, als sie das Telefon in die Tasche zurücksteckte. Dr. Wilfred war plötzlich wieder der übergewichtige, aufgeblasene Typ, den sie ursprünglich erwartet hatte. Obwohl man nie wissen konnte. Er war schließlich laut seinem Lebenslauf nur fünfzehn oder sechzehn Jahre älter als sie. Sie erinnerte sich an die diskrete, aber lyrische Episode drei Jahre zuvor, mit der Herausforderung postmodernistischer Topologie. Das Lachen in der warmen Dunkelheit – seine Lippen auf ihren – die sanft forschenden Hände … Das Leben hielt durchaus Überraschungen bereit. Sie wusste noch, wie sie ihn am nächsten Morgen zum Flughafen gefahren hatte, und dass er zu seiner Frau zurückgeflogen war …
Soweit sie sich erinnerte, stand in Dr. Wilfreds Lebenslauf nichts davon, dass er verheiratet war. Nicht, dass sie in dieser Hinsicht irgendwelche Ambitionen hatte. Sie liebte diesen Ort, sie liebte ihre Arbeit. Aber …
Aber es war Zeit, zum Flughafen zu fahren.
4
Mit einem Pling leuchtete das Zeichen für den Sicherheitsgurt auf, und als ihm das leere Champagnerglas aus der Hand genommen wurde, erwachte Dr. Wilfred aus dem Schlummer, in den er, ohne es zu merken, gesunken war. Er schaute aus dem Fenster. Kleine felsige Inseln waren auf dem Meer unter ihm verstreut, und dann tauchte die Küste einer anderen Insel auf, mit Häusern, Straßen und hier und da ersten Lichtern, die in der Dämmerung eingeschaltet wurden. Skios.
Aus keinem ersichtlichen Grund hob sich seine Stimmung. Dieses Mal wäre es anders. Neue Gerichte, neue Weine, neues Wetter. Aussichten auf das Meer, wie er sie so noch nie erlebt hatte, andere Gäste, die etwas anders waren als die üblichen anderen Gäste. Nach dem Vortrag würde eine Frau auf ihn zukommen. Leicht gebräunt, schlank, lächelnd. Eine Amerikanerin von einer ziemlich bekannten Universität. Die schon auf Lebenszeit angestellt war. Nein, nicht auf Lebenszeit – eine, die bereit wäre, wenn sie den richtigen Mann traf, ihr Leben umzugestalten, Universität und Kontinent zu wechseln. Es war sieben Jahre her, seitdem er sich in dieser Art von Beziehung befunden hatte.
»Dr. Wilfred«, würde sie sagen. Er würde lächelnd den Kopf neigen. »Ich fand Ihren Vortrag faszinierend. Er spricht so viele Themen an, die ich gern mit Ihnen weiter diskutieren würde. Haben Sie vielleicht einen Moment Zeit …?«
Vielleicht würde es noch früher passieren. Die Frau, die sich um ihn kümmern und jenseits von Zoll und Passkontrolle auf ihn warten würde. »Dr. Wilfred? Wir sind alle so aufgeregt!« Vicki hatte oft mit ihr gemailt und telefoniert. Und es war ihr ein professionelles und persönliches Anliegen, dass er sich wohl fühlte. Sie wäre leicht gebräunt. Dezent blondiert vielleicht. In den Dreißigern …
Er fasste in die rechte Innentasche seines Leinenjacketts. Pass, Kreditkarten. Er fasste in die linke Tasche. Handy, drei Kondome.
Man konnte nie wissen. Er wusste nur, dass es entweder in der langen kausalen Kette des Universums bereits vorherbestimmt war oder aber nicht. Wenn es passieren sollte, würde es passieren.
Nikki klopfte an das Schiebefenster des Pförtnerhäuschens. Elli winkte ihr zu. Sie lächelte eifrig ihr wunderschönes dunkles griechisches Lächeln in ihr Headset, das viel zu mickrig schien, um es aufzunehmen. Nikki wusste, was sie sagte, Ellis Englisch war geglättet und stromlinienförmig von den vielen Wiederholungen im Lauf der Jahre. »Fred-Toppler-Stiftung. Mit wem darf ich Sie verbinden?« Sie war die Stimme, mit der die Stiftung mit der Außenwelt sprach, der Finger, der auf den Knopf drückte, um die Schranke zu öffnen und zu schließen, die das Chaos und die Schäbigkeit ebenjener Welt auf Abstand hielt, die Hand, die die eingehende Post sortierte. Ihrer Obhut oblagen auch alle Schlüssel. Weswegen Nikki jetzt auf sie wartete.
Elli runzelte ihre wunderschöne dunkle griechische Stirn. Die Antwort des unsichtbaren Anrufers auf ihre perfekt formulierte englische Frage war offensichtlich ebenfalls in Englisch – was sie nicht immer verstand.
Nikki wartete. Sie hatte Zeit. Sie hatte immer Zeit – obwohl sie so viel zu tun hatte. Sie dachte einen weiteren erfrischenden Gedanken. Dieser spezielle erfrischende Gedanke kehrte häufig wieder: Schon bald befände sich der Direktor nicht mehr in Empedokles, sondern in einem Flugzeug, das ihn zurück in seine Heimatstadt Wuppertal brachte. Sie hatte es an der Art und Weise gemerkt, wie Mrs. Toppler dieser Tage seinen Namen aussprach.
Die Stelle des Direktors würde demnach frei. Für die Ernennung war natürlich der Vorstand zuständig, aber was konnte der Vorstand schon anderes tun als das, was das Geld ihm befahl? Und das Geld war Mrs. Fred Toppler. Und selbstverständlich ihr Freund Mr. Vassilis Papadopoulou, der ein großer Mäzen und Wohltäter der Stiftung war. In Athen kürte und stürzte Mr. Papadopoulou Minister. Niemand in Griechenland, dem sein Leben und seine Gesundheit lieb und teuer waren, würde einem Kandidaten Steine in den Weg legen, den Papadopoulou unterstützte. Und es gab eine Kandidatin, die er möglicherweise favorisieren würde. Jemand, der sich während der letzten fünf Jahre sowohl bei Mrs. Toppler als auch bei Mr. Papadopoulou unentbehrlich gemacht hatte. »Oh, diese Nikki!« hatte Mrs. Toppler häufig Grund auszurufen. »Was würden wir ohne sie bloß tun?«
Und dieses Jahre hatte sie die ganze Hausparty organisiert. Sie hatte den Gastredner für den Fred-Toppler-Vortrag ausgewählt. Mr. Papadopoulou käme zu dem Vortrag, und er hatte eine Reihe Geschäftspartner dazu eingeladen. Letztes Jahr waren Mr. Papadopoulou und mehrere seiner Gäste während des Vortrags eingeschlafen. Wenn sie dieses Jahr wach bleiben würden …
Nun ja, im Leben war alles möglich. Man wusste nie.
Elli schob das Fenster auf und reichte ihr einen Autoschlüssel.
»Nikki, du bist spät. Das Flugzeug kommt in halber Stunde.«
»Es hat zehn Minuten Verspätung. Ich hab’s überprüft.«
»O ja, du prüf«, sagte Elli. »Selbstverständlich.«
»Alles«, sagte Nikki und lächelte ihr nettes aufgeschlossenes Lächeln. »Immer.«
Sie ging gemächlich zu der leuchtenden Mauer aus Bougainvilleen, hinter der sich der Parkplatz befand, und dachte noch immer ihren erfrischenden Gedanken.
Elli sah ihr nach und dachte einen eigenen erfrischenden Gedanken: Wenn Nikki Direktorin wurde, müsste sich Mrs. Fred Toppler nach einer neuen PA umschauen …
5
Dr. Wilfred hatte sich die beste Position an der Gepäckausgabe gesichert, die er in langjähriger Erfahrung als solche identifiziert hatte und die ihm dank Businessclass und frühem Aussteigen garantiert war: direkt am Förderband, nahe an der Stelle, wo die Flut schwarzer Rollkoffer jeden Moment durch die Öffnung krachen würde, aber weit genug davon entfernt, um einen guten Blick auf die Koffer werfen zu können, bevor sie an ihm vorbeitrudelten. Sein eigener war leicht zu erkennen, da der Gepäckanhänger aus rotem Leder in dem Meer aus Schwarz herausstach; auch das die Frucht langjähriger Erfahrung. Was ihn an seine Tasche und den darin befindlichen Vortrag erinnerte. Er sah nach. Ja, sicher verstaut zwischen seinen Beinen, wo er sie spürte, während er sein Handy einschaltete, um herauszufinden, was für lästige Anfragen an ihn herangetragen worden waren, während er sich in der Luft befand.
Fünf Mails und sieben SMS. Würde er in Betracht ziehen …? Nein, würde er nicht. Würde er einen Vortrag halten auf einer Konferenz … – nein …! – auf Hawaii? O Gott, schon wieder Hawaii. Na ja, vielleicht. Würde er schreiben, teilnehmen, lehren, begutachten …? Nein … ja … vielleicht … Nichts, was Vicki nicht beantworten könnte. Außer einer Mail von Vicki selbst. Wollte er auf den Anhang reagieren? Der sich als Rückblick auf sein Werk entpuppte in einer Zeitschrift aus Manitoba, von der er noch nie gehört hatte, und der absolut lächerlich war. Der Verfasser war unfähig aufgrund von Dummheit und Ignoranz, motiviert von Gehässigkeit und wusste nicht, was »objektiv« bedeutete. Er dachte nicht einmal im Traum daran, darauf zu reagieren.
Er wollte das Handy gerade in die Tasche zurückstecken, als ihm plötzlich ein Satz des Artikels einfiel. »Dr. Wilfreds vollkommen mystischer Glauben an die Vernunft …« Er stellte das Telefon wieder an. Seine Finger begannen sich nahezu aus eigenem Antrieb zu bewegen. »Normalerweise ist es unter meiner Würde, auf eine uninformierte Schmähung dieser Art überhaupt zu antworten«, tippte er, »aber …« Seine Daumen flogen über die Tastatur wie fleißige Tauben, die Samenkörner aufpickten. Seine Erwiderung war auf mühelose Weise autoritativ, auf angenehme Weise amüsant und total vernichtend.
Selbst in der vollen Gepäckausgabehalle eines fremden Flughafens war er ein Meister seiner Kunst.
Nikki Hook griff sich hinten an die Bluse, um sich zu vergewissern, dass sie noch in ihrem Rock steckte, dann fasste sie sich ans Haar, um zu überprüfen, dass es nicht von der Klimaanlage des Wagens zerzaust worden war. Sie sah durch die Glasscheibe, wie die Fluggäste aus der Passkontrolle kamen und sich um die Gepäckausgabe drängten wie ungeduldige Schweine um einen leeren Trog. Um sie herum standen ungefähr zwanzig Personen, die Klemmbretter mit Listen in der Hand hielten und ebenfalls warteten. Taxi- und Limousinenchauffeure, Mitarbeiter von Reisebüros. Manche der Frauen von den Reisebüros waren gebräunt und blond, aber keine war so leicht gebräunt und so dezent blond wie Nikki, und auch die, die wie sie in den Dreißigern waren, gingen nicht so diskret damit um wie sie. Alle diese Menschen, jung und alt, hatten ihre eigenen Meinungen und Erinnerungen, ihre geheimen Schwächen und trafen ihre eigene Auswahl an Unterwäsche. In ihren eigenen Augen, in den Augen von Freunden, Frauen, Kindern und Enkelkindern, von Arbeitgebern und Kollegen waren sie alle zweifellos, wer immer sie waren. Aber nur Nikki Hook, dachte sie unwillkürlich ganz hinten in ihrem Kopf, war Nikki Hook.
Doch es war wie immer ein etwas angespannter Augenblick. Sie stellte sich eine Schauspielerin vor, die an einem Premierenabend hinter der Bühne auf ihren Auftritt wartete. Nicht unbedingt die Hauptdarstellerin, aber dieser lange Moment des Wartens auf ihren Einsatz, des wiederholten Überprüfens, ob sie sich an ihren ersten Satz erinnerte, war für sie genauso lang wie für die Hauptdarstellerin. Und es gab keine Möglichkeit, noch einmal ihren gesamten Text durchzugehen. Sie konnte nicht vorhersehen, wie die schwankungsanfällige Kombination von ihr und ihren Schauspielerkollegen, von Text und Bühnenbild, von Publikum und Augenblick ausfallen würde.
Zweifellos hatten alle Gastredner, die sie Jahr für Jahr abgeholt hatte, ähnlich empfunden. Andererseits mussten sie nicht sie bezaubern und beweihräuchern, sondern sie musste sie bezaubern und beweihräuchern. Einige von ihnen konnten eine beträchtliche Menge Bezauberung und Beweihräucherung absorbieren, ohne dass es etwas brachte.
Auf der anderen Seite der Scheibe erklang ein Hupen. Das Förderband setzte sich in Bewegung. Eine Reihe uneinheitlicher schwarzer Formen brach sich aus der Außenwelt einen Weg durch die Gummiklappen wie schwankende Cowboys durch die Türen eines Saloons. Die Passagiere drängten ungeduldig nach vorn, um sie willkommen zu heißen.
Die wartenden Chauffeure und Reisebüromitarbeiter um Nikki hielten kleine Plakate hoch. »Merryweather« stand erwartungsvoll auf einem Schild. Manche waren handgeschrieben, andere gedruckt. »Horizon Holidays« … »Johansson« … »Βαςςιλικι« … »Sand and Sun« … »Purefoy« … »Silver Beach Hotel« …
Nikki hob ihr Schild hoch. »Dr. Norman Wilfred« stand in ordentlichen kleinen Großbuchstaben darauf. Sie entspannte den Mund und die Haut um ihre erfreulich aufgeschlossen blickenden Augen und wurde ein paar Jahre jünger.
6
Warum bloß? fragte sich Oliver Fox. Warum mache ich so was?
Sein zerzauster Mop von Haar war so blond wie blanchierte Mandeln, seine sanften Augen waren so braun und glänzend wie Datteln. Seine Gedanken jedoch waren so schwarz wie die schwarzen Rollkoffer, die auf dem Förderband auf ihn zukamen. Warum? dachte er, während sein Blick von einem Koffer zum nächsten sprang. Warum, warum, warum? Am Anfang war es ihm so natürlich erschienen. Unvermeidlich sogar. Aber jetzt, als die schwarzen Koffer an ihm vorbeizogen wie Trauernde in einem Leichenzug, sah er voraus, dass es ein so schlechtes Ende nehmen würde wie alle anderen Abenteuer, in die er sich so leichtfertig gestürzt hatte.
Georgie hieß sie. Und er kannte sie kaum! Er hatte sie nur einmal gesehen! Und jetzt war er hier, um mit ihr eine Woche in einem Haus zu verbringen, das Leuten gehörte, die er noch weniger kannte. Warum tat er so was bloß?
Bevor er sich ihr vorstellte, hatte er sie eine Weile über die Bar hinweg beobachtet, über die Schulter eines Mannes, mit dem er etwas trank. Im Anschluss daran hatte er viele Stunden mit schwieriger Detektivarbeit verbracht, um herauszufinden, wer sie war und wo sie wohnte, mit aufgeregten und zunehmend häufigeren SMS und Anrufen und vielen Änderungen des Plans – denn ihre Pläne waren abhängig von den Plänen von jemandem namens Patrick, und Patricks Pläne waren abhängig von den Plänen seiner drei Kollegen von der Börse, mit denen er einen Segelturn machen wollte. Und jetzt war Oliver hier, sah zu, wie die Koffer auf dem Band ihre Runden drehten, und dort war Georgie, sie wartete auf der anderen Seite des Ausgangs, falls ihr Flugzeug von wo immer sie gewesen war, um Patrick sicher auf der Yacht abzuliefern, pünktlich gelandet war. Sie müssten einen Teil der Zeit miteinander reden, und es gäbe nichts, worüber sie reden könnten. Sie müssten gemeinsam ein Bad und eine Toilette benutzen. Sie würde herausfinden, dass er nicht so charmant war, wie er in diesem kurzen Augenblick in der Bar gewirkt hatte.
Warum also hatte er es getan? Weil er nicht anders konnte! So etwas gehörte dazu, wenn man Oliver Fox war. Und dass er Oliver Fox war, ruinierte sein Leben.
Kaum hatte er gesehen, dass der Mann (Patrick natürlich, wie sich später herausstellte), mit dem sie in der Bar war, auf die Straße gegangen war, um zu rauchen und zu telefonieren, und sie für die Länge einer Zigarette allein war, wusste er, was er zu tun hatte – was zu tun er geboren war – was zu tun ihn die Gesetze Gottes und der Menschen verpflichteten – was er tun würde. Es erstreckte sich so furchterregend und unwiderstehlich vor ihm wie das Seil vor einem Seiltänzer. Plötzlich hatte sich die Welt wieder einmal verdunkelt, und es gab nur noch das angestrahlte dünne Seil über dem Abgrund, den unsicheren schmalen Grat, über den er gehen musste. Und schon glitt er mit dem ersten Fuß über die finsteren Tiefen des Scheiterns und der Demütigung, so wie er sein ganzes Leben lang gewusst hatte, dass er es tun würde, und blickte nicht hinunter, fixierte mit glänzenden Augen ein verschwommenes Ziel, das er kaum sah. Schon setzte er sich auf den leeren Stuhl neben ihr …
Aus der Nähe war sie nahezu so unwiderstehlich, wie sie es von der anderen Seite der Bar aus gewesen war, allerdings älter, als er vermutet hatte. Aber das war nicht wirklich wichtig. Wichtig war, dass der Stuhl neben ihr frei war und er wahrscheinlich nur drei oder vier Minuten hatte, bevor ihr Freund zurückkehrte, um ihn wieder für sich zu beanspruchen.
Was hatte er zu ihr gesagt? Er konnte sich nicht daran erinnern. Er erinnerte sich nur daran, wie sie reagiert hatte. Sie hatte weder gelacht noch ihn ignoriert oder zum Teufel geschickt. »Du bist Oliver Fox«, hatte sie gesagt.
Das konnte er ehrlicherweise nicht leugnen. Das war das Problem. Er war Oliver Fox. In den Kreisen, in denen er verkehrte, hatten alle von ihm gehört, noch bevor sie ihn kennenlernten. Freunde von Freunden – manchmal sogar vollkommen Fremde – begannen zu lachen, kaum wurden sie ihm vorgestellt, und warteten darauf, dass er vor ihnen den Oliver Fox gab. Er hatte wuscheliges blondes Haar und sanfte freundliche Augen, die in ihre blickten, und niemand wusste, was er als nächstes tun würde. Am allerwenigsten er selbst. Bis er plötzlich feststellte, dass ihm etwas in den Sinn gekommen war, und da tat er es auch schon. Woraufhin sie wieder lachten. Oder schrien und sich in Sicherheit brachten oder die Polizei riefen.
»O nein!« riefen die Leute dann meistens. »Diesmal ist er wirklich zu weit gegangen!«
In der Gepäckausgabe, umgeben von dicken Urlaubern, die nie von ihm gehört hatten, war natürlich niemand außer ihm selbst, für den er den Oliver Fox geben konnte. Er fühlte sich wie das Flugzeug, in dem er die letzten fünf Stunden gesessen hatte, an den eigenen Stiefelschlaufen über der Leere hängend, nichts im Kopf außer dem lang anhaltenden, öden Rauschen des Nichts.
würde