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Für Jenny, weil du immer dran geglaubt hast ^-^

PROLOG

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Nebel hing über den Wiesen und tanzte lautlos um die Baumstämme. Das Gras war feucht vom Tau und der Himmel schlief noch in einem trüben Grauton, ungeküsst von Sonnenstrahlen. Ich stand ganz still da, als könnte ich so das Universum davon überzeugen, dass ich gar nicht hier wäre. Nur einen kurzen Moment völlig in der Stille aufgehen und der Zeit entfliehen. Denn in der Zeit lag Gefahr und sie rann durch meine Finger wie der Nebel. Unaufhaltsam.

Etwas bewegte sich vor mir. Ein Kaninchen streckte schnuppernd die Nase hinter einem Stamm hervor. Ich rührte mich nicht, sah es nur an. Das geschmeidige braune Fell, die zitternden Ohren. Wagemutig machte es einen Satz nach vorne und verharrte erneut, als spürte es, dass es nicht allein war, ohne jedoch ein Anzeichen zu finden, das ihm Gewissheit verleihen würde. Kein Wind war da, der mich verraten könnte. Fasziniert sah ich dem kleinen Tier zu, wie es über den Boden huschte, niemals unaufmerksam, niemals sicher. Aber frei.

Etwas knackte links von mir. Das Kaninchen riss den Kopf hoch und starrte mit schreckgeweiteten Augen auf die Gestalt, die sich aus dem Nebel schälte. Der Wolf war riesig und bewegte sich vollkommen lautlos. Schwarz wie die Nacht selbst und Augen in Blau und Grau, wie man es nur selten sah. Dichtes Fell und geschmeidige Glieder. Das Kaninchen machte einen Satz und stürzte hakenschlagend davon. Der Wolf beachtete es gar nicht. Sein Blick hing an mir. Langsam kam er auf mich zu, bedächtig, als könnte ich im nächsten Moment davonjagen wie das kleine Langohr. Doch ich blieb ruhig stehen, bis er so nah war, dass sich unsere Köpfe beinahe berührten. Sacht drückte er den Kopf gegen meinen Hals.

Es ist Zeit. Die Worte hingen unausgesprochen in der Luft. Ich senkte den Kopf und schüttelte mich im nutzlosen Versuch, die klammen Nebelfinger aus meinem Fell zu befreien. Es half nicht. Sie waren da, strichen über meine Flanken und griffen nach meinen Pfoten. Beinahe glaubte ich ihr Wispern zu hören. Es waren keine guten Worte.

Dean beobachtete mich aus besorgten Augen, dann wanderte sein Blick zum Himmel. Die Sonne würde nicht mehr lange fortbleiben, die Zeit verrann unerbittlich, egal, wie sehr ich mich auch dagegen wehrte. Den ersten Schritt zu tun war schwer. Dean blieb den ganzen Weg lang an meiner Seite, bis die Bäume sich lichteten und wir geduckt ins Freie traten.

Der Geruch von frischer Erde tränkte schwer die Luft. Meine Pfoten waren tonnenschwere Magneten, die vom Boden angezogen wurden. Es war so schwer sie zu bewegen. Langsam näherte ich mich der rechteckigen Fläche am Boden, die gestern noch ein einfaches Stück Wiese gewesen war. Ein Stück Wiese mit einer Bestimmung, die es jetzt erfüllt hatte. Lange sah ich auf das schlichte Grab, das noch völlig unberührt war. Die Zeremonie fand in ein paar Stunden statt, dann würden schwarz gekleidete Trauernde bunte Blumen auf die Erde legen und ihre Tränen würden auf den Grabstein fallen, wenn sie ihn zum Abschied berührten. Er war nicht sehr groß, aus schlichtem dunklem Stein, der sich glatt und rau zugleich unter den Fingern anfühlte. In meiner Wolfsgestalt fiel es mir schwer zu lesen, doch die Buchstaben waren so vertraut, als hätte ich sie selbst hineingemeißelt.

Luca Cavangaugh.

KAPITEL 1

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Aus den Lautsprechern des Supermarktes dudelte Radiomusik, ab und an unterbrochen von einer schnarrenden Ansage, die stets von einem unangenehmen Piepen begleitet wurde. Lustlos schlurfte ich durch die Regale und schob den Einkaufswagen vor mir her. Die Liste in meiner Hand war zerknittert, was es nicht gerade einfacher machte Bills krakelige Handschrift zu entziffern. Es waren mittelmäßig viele Leute unterwegs und das in einem Laden, der damit beworben wurde sonntagabends immer vier Stunden länger geöffnet zu sein als andere. Schien sich nicht wirklich zu rentieren, aber was wusste ich schon davon.

Ich war zurück. Nichts schien sich verändert zu haben, zumindest nicht in dem Supermarkt. Dieselben Schilder, dieselbe Ware, derselbe Geruch. Eine Woche war vergangen seit dem unglücklichen Ende des Filmfestivals, eine Woche nachdem wir uns blitzartig ans andere Ende des Landes verkrochen hatten. Dean war uns gefolgt. Der Streit war einer der schlimmsten gewesen, die wir je hatten. Wie ein wütender schwarzer Schatten war er in das Haus geplatzt, das Bill uns besorgt hatte.

»Falls du den Spruch ›Ich habe es dir ja gesagt‹ bringen willst, dann nichts wie los«, begrüßte ich ihn müde. »Halte dich nicht meinetwegen zurück.«

»Ich hätte es nicht nur sagen, sondern dich zeitgleich einsperren sollen«, gab Dean hart zurück. »Seit wann bist du so unvernünftig?«

»Unvernünftig?!«, schnaubte ich. »Was kann ich dafür, wenn diese Clowns meinen so etwas abziehen zu müssen? Meinst du, ich finde es toll, dass ich ihnen fast an die Gurgel gegangen bin? Das war nicht meine Schuld!«

»Dean«, sagte Steven leise. »Sie hat Recht. Sie konnte da nichts für.«

»Und du?« Deans Wut richtete sich auf Steven. »Wo warst du, mh?«

»Hör auf wütend auf ihn zu sein!« Ich schrie beinahe. Zorn, Tränen und die Trennung von Luca sorgten für eine gefährlich brodelnde Mixtur in meinem Inneren. »Er hat alles getan, was er konnte. Ja, die Sache ist schiefgelaufen, aber wenn du jemandem die Schuld daran geben willst, dann mir und meiner Angst vor diesen Männern, die meinen Vater umgebracht haben, in Ordnung?«

»Du hättest einfach nicht dort sein dürfen!«, erwiderte Dean nicht minder laut. »Wenn du schon nicht auf dich selbst aufpasst, dann wenigstens auf Luca.«

»Dean, es ist gut«, mischte sich jetzt auch Bill ein. »Der Abend ist scheiße gelaufen, aber niemand wurde ernsthaft verletzt und …«

»Lest ihr denn keine Zeitung?«, brüllte Dean, fischte einen zusammengefalteten Artikel aus seiner Tasche und warf ihn auf den Tisch. »Erster Wolfsangriff«, prangte in großen Buchstaben darauf. »Kleinstadt in Angst vor Raubtieren

»Euer kleines Abenteuer ist nicht unser einziges Problem«, knurrte Dean. »Irgendwer hat in dieser Nacht noch ordentlich Mist gebaut.«

»Das war niemand aus diesem Haus, also kein Grund so rumzuschreien.« Ich hatte Steven selten wütend gesehen, aber jetzt war es so weit. »Es waren dumme Zufälle.«

»Zufälle, die uns das Genick brechen können!« Dean begann auf und ab zu laufen. »Wir hätten Summerville längst verlassen sollen. Dort zu bleiben war … völliger Irrsinn!«

Mia sah ihm traurig zu. »Wir haben ein Leben hier, Dean. Du kannst Lillian nicht immer von allem wegreißen. Nicht mehr. Die Dinge haben sich geändert.«

Ich schob die Gedanken an den Streit und diesen Tag beiseite und starrte weiter gedankenverloren auf die Gemüseauslage, auf meinen Zettel und wieder auf die Auslage, als mich jemand ansprach: »Versuchst du die Tomaten durch deinen Blick reifen zu lassen?«

Erschrocken drehte ich mich um und blickte in das faltige Gesicht von Cynthia, Lucas Großmutter. Sie lächelte mich an. »Hallo Lillian.«

»Hallo.« Mehr brachte ich nicht hervor. Ich hatte Cynthia seit dem Besuch in ihrem Haus nicht mehr gesehen. Um ehrlich zu sein, hatte ich die Gegend, in der sie wohnte, gemieden, seit ich wusste, dass sie eine Hexe war. Wenn Luca sie besuchte, hatte ich mich mit Ausreden davor gedrückt ihn zu begleiten. Ich wusste nicht wirklich viel über Wesen wie sie, eigentlich nichts, doch die Frau war mir unheimlich.

»Du brauchst keine Angst vor mir zu haben«, sagte sie in meine Gedanken hinein. »Ich habe nicht vor dich in einen Frosch zu verwandeln oder was man heute sonst so von uns glaubt.«

Ein schmales Lächeln bahnte sich den Weg auf meine Lippen. »Nicht so einfach bei der heutigen Filmkultur und all den Fantasy-Romanen, was?«

Sie verdrehte die Augen und lachte. »Was tust du hier, Kind? Ich wähnte dich bei meinem Enkel.«

Luca. Ja, der Drang zu ihm zu gehen, ihn zu sehen, zehrte an mir, seitdem ich die Staatsgrenze wieder überquert hatte. Und doch hielt mich irgendetwas zurück. »Vielleicht später«, sagte ich ausweichend und dachte kurz daran noch etwas hinzuzufügen, ließ es aber.

Cynthia durchschaute mich. »Habt ihr gestritten?« Röte kroch in meine Wangen. »Es ist nicht einfach eine Beziehung zwischen zwei Welten zu führen«, sinnierte Cynthia. »Darum gilt dies bei den meisten Völkern als verpönt und zum Scheitern verurteilt. Dabei weiß niemand, ob es funktionieren kann, wenn er es nicht ausprobiert.«

Ich sah sie ziemlich sprachlos an und brauchte einen Moment, bis ich wieder vernünftige Worte hervorbrachte. »Warum willst du nicht, dass er sich von mir fernhält? Warum hasst du mich nicht? Er hätte in der Schule getötet werden können in dieser Nacht und das nur wegen mir. Meine eigene Familie will, dass ich mich von ihm fernhalte, aber du …«

»Vielleicht vertraue ich dir.«

»Aber du kennst mich nicht.«

»Das stimmt. Aber ich kannte einst einen Mann, der den Hexen viel Gutes tat, indem er den Ring der sieben Winde ins Leben rief und ihnen so die Möglichkeit gab gehört zu werden. Gleichberechtigung. Respekt. Toleranz. Diese Dinge hat mein Volk viele Jahre lang vermisst. Er hat sie uns gegeben und die wenigen von uns, die noch unter den Lebenden weilten, vor dem Aussterben bewahrt, unsere Kinder davor Waisen zu werden.« Sie sah mir tief in die Augen. »John William Takoda war ein großer Mann. Ich bin ihm sehr dankbar für das, was er getan hat.«

Ich schnappte nach Luft und umklammerte den Griff des Einkaufswagens gefährlich fest. Sie wusste es. Sie wusste, wer ich bin. Und was noch wichtiger war: »John William Takoda ist der Begründer des …?« Meine Stimme klang wie das Krächzen eines Raben. »Er … er hat …?«

»Ja. Und sich damit ebenso viele Freunde wie Feinde gemacht.« Sie musterte mich scharf. »Das hast du nicht gewusst.«

Ich brachte noch ein Kopfschütteln hervor, mehr nicht. Atmen war plötzlich schwierig. Aufrecht stehen auch. Mein Vater … mein Vater hatte den Ring der sieben Winde gegründet, die verborgene Regierung, die parallel zur Menschenwelt existiert. Dean hatte mir immer gesagt, dass mein Vater Großes geleistet hatte, aber das … »Hat man ihn deshalb umgebracht?«

»Das kann ich dir nicht beantworten, mein Kind.« Plötzlich klang Cynthia traurig. »Es tut mir sehr leid.«

Ich versuchte meine Finger von dem Griff zu lösen, ehe ich ihn zerdrückte. Schmerz pochte in meinem Inneren. Eine alte Wunde riss langsam wieder auf.

»Weiß mein Enkel, dass er die Tochter eines Königs liebt?« Ich nickte nur und Cynthia tat es mir gleich. »Dann ist es gut. Sein Schicksal ist nicht leicht. Schon bei seiner Geburt lagen Schatten auf den Pfaden, die er einst beschreiten würde. Dunkelheit wabert um ihn herum wie Nebel und in dem Dunkel wohnt eine furchtbare Kreatur, die ihre Krallen nach ihm ausstreckt. Sie hat ihn schon berührt. Ihr Gift wohnt bereits in ihm.«

»Was meinst du damit?« Angst kroch meinen Nacken hinauf wie eine tödliche Spinne. »Was für eine Dunkelheit?«

Sie hob traurig die Schultern. »Ich weiß es nicht. Das konnten mir die Geisterpfade nicht beantworten. Aber du solltest dich vorsehen, Lillian, Königstochter. Dunkelheit schleicht um diese Stadt und bedroht das Leben darin. Lass dich nicht von ihr verschlucken.«

KAPITEL 2

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Auto fahren war einfach nicht mein Ding. Selbst ohne gruselige Großmütter mit düsteren Vorahnungen war ich einfach kein Fan davon hinter dem Steuer zu sitzen. Trotzdem schaffte ich es irgendwie mit Bills Wagen zurück zum Sulivanne-Anwesen, die Rückbank beladen mit Einkäufen. Ich stieg aus, schnappte mir die Tüten und wankte ins Innere. Stimmen drangen aus dem Wohnzimmer.

»Das ist einfach Irrsinn. Wir gehören nicht hierhin. Das wird in einem Blutbad enden.«

»Dean, jetzt beruhig dich«, hörte ich Bill brummen. »Du bist unheimlich.«

»Die Dinge haben sich geändert.« Steven. »Wir müssen mehrere Variablen beachten.«

»Geändert? Wegen dem Jungen?« Dean schnaubte. »Ist das jetzt die Ausrede? Soll ich das John sagen? Tut mir leid, ich konnte deine Tochter nicht beschützen wegen einem Teenager?!«

»Du musst ihm gar nichts sagen«, warf ich ein und betrat langsam das Wohnzimmer. Meine Beine fühlten sich an wie aus Eisen gegossen. »Mein Vater ist tot, falls dir das nicht aufgefallen ist.«

Dean stand, ganz in schwarz und mit verschränkten Armen, vor dem Kamin. Seine Haut hatte ordentlich Sonne abbekommen, nicht verwunderlich, wenn man sich mal eben eine Woche in Ägypten herumtrieb. Mia hockte auf der Lehne der Couch, Steven stand in angespannter Haltung neben ihr. Nur Bill saß entspannt in einem von mir abgewandten Sessel und zwinkerte mir über die Schulter zu, als ich hereinkam. »Ist meine Karre noch heil?«

»Glaub schon.« Ich hob die Schultern und versuchte Dean in die Augen zu sehen. »Wann wolltest du mir eigentlich sagen, dass mein Vater den Ring der sieben Winde gegründet hat, mh? Weißt du schon lange, dass man ihn deswegen umgebracht hat? Weil er die Gesetzgebung unserer Welt umgekrempelt hat? Weil er Leuten Macht weggenommen und sie Schwächeren gegeben hat?«

Mia fiel fast von der Couch. Bill hatte sich zu mir umgedreht und dabei den Sessel halb mitgenommen. Auf ihren Gesichtern spiegelte sich die gleiche Emotion: pure Fassungslosigkeit.

»Woher weißt du das?« Dean fasste sich als Erster. »Lillian, wer hat dir das gesagt?«

»Spielt das eine Rolle?« Tränen traten in meine Augen. »Es ist wahr, oder? Er wollte die Welt verändern und dafür hat man ihn umgebracht. Für ein System.«

»Das ist nicht bewiesen. Wir wissen nicht, aus welchen Gründen der Angriff stattfand.« Steven war noch blasser geworden. »Das mit dem Ring ist nur eine Möglichkeit. Eine von vielen.«

»So?« Die Tränen flossen über, strömten mir über die Wangen, doch als Dean auf mich zukam, wich ich zurück und er blieb wie erstarrt stehen. »Und was sind die anderen, mh? Was weiß ich noch nicht?« Ich schniefte wie ein kleines Kind. »Was hat er getan, dass er es verdient hat getötet zu werden?«

»Nichts«, sagte Dean sanft. »Gar nichts. Dein Vater war der edelmütigste und beste Mensch, der jemals diese Welt betreten hat.«

»Und warum ist er dann tot?«

»Er war ein König, Liebes.« Mia sah mich traurig an. »Könige haben Macht. Und Macht schafft Feinde.«

»Ja, aber das hier ist ja nicht England im 17. Jahrhundert. Er hatte kein Land, kein Schloss und keine Schatztruhen.«

»Aber das Vertrauen seines Volkes.« Dean sah mich ernst an. »Die Shahari haben deinem Vater vertraut und sind ihm auf jedem Weg gefolgt. Die Schattenwanderer waren ihm so treu ergeben, wie es nur irgend möglich ist. Die Führer der Schattenwelt haben auf ihn gehört, er hat den Hexen Frieden gebracht und einen der größten Vampirkriege verhindert. Er hat die Verhandlungen mit den Jägern geführt, Grenzen bestimmt, Regeln aufgestellt. Früher wurden Wesen wie wir einfach hingerichtet, wenn man uns entdeckte. Heute gibt es Regeln, ein Gericht, Wächter. Er hat alles verändert, Lillian.«

»Und dann ist er gestorben.«

»Und das war der schlimmste Tag in unser aller Leben. Ich dachte nicht, dass ich so einen Schmerz fühlen könnte. Aber du hast diese Nacht überlebt. Du bist alles, was uns von ihm geblieben ist. Doch wenn du stirbst, dann ist alles, wofür wir gekämpft haben, alles, wofür er stand, verloren.« Er streckte die Hand nach mir aus. »Verstehst du, warum ich mir solche Sorgen um dich mache?«

Ich verstand. Aber ich wollte es nicht. Ich wollte das alles nicht. Ich wollte keinen toten Vater, egal, wie ehrenhaft er gewesen war. Ich wollte ihn. Ich wollte meine Mutter. Ich wollte meine Eltern. Ich wollte ein Zuhause. Und Frieden.

»Was ist mit meiner Mum? Hat sie nie …«

»Deine Mutter hat deinen Vater geliebt, wie niemand sonst lieben könnte. Und sie war seiner Ansicht. Sie hat mit ihm gekämpft. Für den Frieden, für Gerechtigkeit.«

Aber es ist nicht gerecht, dachte ich. Und wenn das Friede ist, will ich lieber Krieg.

»Manchmal wünschte ich, ich wäre einfach nur ein Mensch.« Ich spürte sofort, dass ich mit diesen Worten ein Tabu gebrochen hatte. Meine Familie sah mich erschrocken an, Mia grub die Finger in ihren Nacken und sah verzweifelt aus. Deans ausgestreckte Hand sank herab, als hätte jemand draufgeschlagen. Ich sah in ihre Gesichter und fühlte ihre Enttäuschung. Enttäuschung wegen mir. »Es tut mir leid«, flüsterte ich. Dann drehte ich mich um und ging.

KAPITEL 3

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Ich lief eine halbe Ewigkeit ziellos durch die Gegend. Ein paarmal überlegte ich mich zu verwandeln, um die Gedanken loszuwerden, doch dann dachte ich an den Zeitungsartikel und an die warnenden Worte des Generals, die ich keineswegs vergessen hatte seit dem Abend vor zwei Wochen, und schob den Gedanken beiseite. Ich lief am Vincent vorbei. Die Fenster waren dunkel, nur in einem der Zimmer oben brannte noch Licht. Ich stand eine Weile unschlüssig im Unterholz, ehe ich weiterzog.

Der Bach führte mich zu Luca. Die Garage war ein fetter Klotz in der Dunkelheit. Alles war still. Ich schlüpfte durch die Seitentür ins Innere. Regelmäßige Atemzüge von dem Bett. Eine Weile stand ich da und fühlte mich wie ein Stalker. Er sah jünger aus mit den kurzen Haaren. Vielleicht auch, weil er so friedlich schlief. Ich kletterte neben ihn auf das Bett und rüttelte an seiner Schulter. »Luca.«

»Mh.« Er drehte sich auf den Rücken, ohne aufzuwachen und seufzte tief. Ich ließ ihm eine Sekunde und schüttelte ihn erneut. »Hey.«

Er öffnete ein Auge zur Hälfte und blinzelte mich an. »Lillian?« Im nächsten Moment fuhr er so ruckartig hoch, dass ich zurückweichen musste. »Lillian!«

»Hi.« Ich versuchte zu lächeln, doch die Tränen hatten meine Mundwinkel fest im Griff. Er starrte mich an, schien nicht sicher, ob ich Traum oder Wirklichkeit war. Doch dann schlang er die Arme um mich und vergrub das Gesicht an meinem Hals. Ich schloss die Augen und erwiderte die Umarmung einen unendlich kostbaren Moment lang.

»Ich war nicht sicher, ob du zurückkommen würdest«, flüsterte er und berührte mein Gesicht.

Ich erschrak. Erst jetzt sah ich die Ringe unter seinen Augen und roch das Bier in seinem Atem. Eine leere Flasche stand neben dem Bett. Er bemerkte meinen Blick und meinte entschuldigend: »Ich hatte Probleme mit dem Einschlafen.«

»Tut mir leid.«

»Nicht wichtig.« Er schüttelte den Kopf und lächelte. »Du bist wieder da.« Er musterte mich eindringlich. »Was ist passiert?«

Ich schilderte ihm die Kurzversion. Viel war es nicht, immerhin wusste ich ja selbst längst nicht alles. Der Ring der sieben Winde war für mich nicht viel mehr als ein Mythos gewesen. Wunschdenken von einem System, das für Ordnung sorgte, das Konflikte zwischen der Welt der Menschen und der Welt der Schatten verhinderte. Aber anscheinend war doch mehr daran. Und anscheinend war ich ein größerer Teil davon, als ich geahnt hatte.

»Okay, warte …« Luca fuhr sich mit einer Hand durch das Haar und verstrubbelte die blonden Strähnen noch mehr. »Heißt das … dein Vater ist so was wie der Gründer der Mafia?«

»Eher wie, keine Ahnung … die Assassine? Von der Mafia weiß schließlich jeder.«

»Er ist M.«

»Er ist doch nicht M.«

»Dann ist er eben Charles X Xavier. Nur mit Haaren.«

Ich verdrehte die Augen, lachte aber unwillkürlich. Luca streckte einladend einen Arm aus und ich schmiegte mich an seine Seite. »Ist nicht so einfach grad, mh?«

»Ich habe das Gefühl, es war noch nie komplizierter«, stimmte ich traurig zu. »Ich erfahre immer mehr Dinge, von denen ich denke, ich müsste sie eigentlich wissen. Aber andererseits wollte ich das nie.«

»Vielleicht ist jetzt der Zeitpunkt, wo du mit dem Wissen umgehen kannst.«

»Aber kann ich das denn? Ich habe das Gefühl, zwei Welten zerren an mir, beide verlangen volle Aufmerksamkeit, aber ich kann sie nicht geben. Ich stamme aus der Schattenwelt, aber sie ist mir beinahe fremd.«

»Schattenwelt?«

»So nennen wir das, was die Menschen nicht sehen sollen.«

»Okay. Aber … so wie es jetzt ist, funktioniert es doch. Du lebst hier, machst deinen Abschluss und gehst ab und an in den Wald, um dich in einen riesengroßen Wolf zu verwandeln, und wenn du sauer bist, leuchten deine Augen.«

Aber reicht das denn? Werde ich meinem Erbe so gerecht? Ich sprach die Frage nicht laut aus, irgendwie wollte sie nicht über meine Lippen. Stattdessen barg ich den Kopf an Lucas Brust und sah zur Decke hinauf. Ich fühlte mich so verloren wie damals in jener Nacht, als ich neben dem toten Körper meines Vaters kauerte. Die Nacht, in der ich mich zum ersten Mal verwandelt hatte.

»Ich weiß nicht, wo ich hingehöre«, flüsterte ich in die Dunkelheit.

Luca legte den Arm fester um mich. Sein Herz klopfte stetig unter meinem Ohr. »Zu mir. Du gehörst zu mir. Für immer. Und ich werde mich nie von dir abwenden. Prinzessin oder nicht. Schattenwelt hin oder her. Alles, was zählt, ist, dass wir zusammengehören. Den Rest kriegen wir schon irgendwie geregelt.« Er drückte mir einen Kuss aufs Haar. »Ich bin so froh, dass du wieder da bist.«

KAPITEL 4

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Es war irgendwie seltsam neben Luca aufzuwachen, aber auf eine gute Art. Als sein Wecker klingelte, griff er stöhnend danach und brachte ihn grob zum Schweigen, ehe er einen Arm um mich schlang und sich sein Kissen über den Kopf zog. Er hatte jedoch nicht richtig getroffen, denn nach wenigen Sekunden ging der Wecker erneut los. Luca stöhnte frustriert. »Warum Welt, warum?«

»Ich glaube, das Ding will, dass du aufstehst.«

»Mir egal. Ich bin dagegen.«

Ich klopfte auf seinen Arm. »Komm schon. Wir haben Schule.«

Seufzend drehte er sich auf den Rücken. »Willst du zuerst duschen?«

»Geh du ruhig, ich bin am Verhungern.« Ich schlug die Decke beiseite und blickte an meiner Jeans und dem Kapuzenpulli herunter. Mist. Das hatte ich nicht bedacht.

»Sollen wir vor der Schule erst noch bei dir vorbei, Klamotten holen?«, fragte Luca. »Du brauchst auch noch deine Bücher und Hausaufgaben.«

»Mist, um so etwas habe ich mir überhaupt keine Gedanken gemacht.« Ich schlug mir vor die Stirn. »Mist. Mist. Mist! Kann ich von dir abschreiben?«

»Sorry, ich hab sie selbst nicht. Wollte Ishiro anschnorren.«

»Warum hast du sie nicht? Du mogelst dich nur so eben durch, dabei bist du viel schlauer als die ganzen Deppen, die …«

»Komm runter, Sonnenschein.« Luca klang gereizt. »So viel Hysterie am frühen Morgen.« Er setzte sich auf und schwang die Beine aus dem Bett. »Ich krieg das schon hin. Bin halt nicht so 'n Überflieger wie du.«

»Du bist klug, Luca, klüger als so viele andere, die einfach nur rumlabern und sich für den nächsten Lincoln halten. Du musst dir nur ein bisschen Mühe geben.«

»Wer bist du, meine Sozialarbeiterin? Motivationscoach?« Er stand auf und wandte mir den Rücken zu. »Du hast gerade eine Woche einfach geschwänzt, also chill mal.« Mit diesen Worten verschwand er Richtung Badezimmer.

Ich grub die Finger in die Matratze. Mist! Eben noch war alles perfekt gewesen und jetzt? Seit wann stritten wir uns wegen solcher Sachen? Früher war das nicht so gewesen. Am Anfang hatten wir nie Streit gehabt, Luca war nie genervt gewesen oder wegen meinen »Erziehungsversuchen«, wie er sie manchmal scherzhaft nannte, beleidigt. Mir war zum Heulen.

Hastig stand ich auf und schlich durch die Wohnung, schaltete die Musikanlage an und versuchte mich abzulenken. In der Spüle stapelte sich schmutziges Geschirr. Der Kühlschrank war fast leer, nichts im Vergleich zu dem im Sulivanne-Anwesen. Bill war nicht glücklich, wenn der Kühlschrank nicht überquoll. Ein Gefühl trieb mich zur Tür. Vielleicht die Sehnsucht nach frischer, kalter Morgenluft.

Nebel hing über dem Flussarm, der hier vorbeiströmte, tanzte über dem Boden und schloss mich in eine sanfte, klamme Umarmung. Ich trat ein paar Schritte nach draußen, sah etwas aus den Augenwinkeln und stockte. Vor der Tür stand mein Schulrucksack. Ich schluckte trocken und sah mich um in der Erwartung Dean irgendwo zu sehen. Im Kies entdeckte ich die Spur eines Motorrades. Zögernd ging ich auf den Rucksack zu und öffnete ihn. Hervor kamen frische Klamotten, meine Schulsachen und ein riesiges Lunchpaket. Auf der braunen Tüte stand in Deans akkurater Handschrift: »Vielleicht begeht ein Mensch umso größere Fehler, je mehr er versucht sie zu vermeiden. Verzeih mir.«

Ich las den Satz zweimal, legte den Kopf in den Nacken und sog in tiefen Zügen die kühle Luft ein, als sich der Stein von meinem Herzen löste und im Nichts verschwand.

»Lil?« Luca tauchte in der Tür auf, die Haare nass, ein Handtuch in der Hand. »Was tust du denn da?«

War ich so lange draußen geblieben? Ich hob den Rucksack. »Unsere Probleme haben sich soeben erledigt und wenn du lieb bist, teile ich sogar mein Frühstück mit dir.«

»Ich würde sagen dafür, dass ich dich in meinem Bett habe schlafen lassen, gehören mir satte 80 Prozent von deinem Frühstück. Erst recht, wenn er wieder Spiegelei auf die Sandwiches getan hat.«

***

Wir alberten die ganze Fahrt über nur herum, fuhren mit offenen Fenstern und lauter Musik und kringelten uns vor Lachen über die dämlichsten Dinge. Dementsprechend spät erreichten wir den Parkplatz und quetschten uns in eine der letzten Parklücken vor dem Wald. Luca nahm meine Hand und wir schlenderten auf die Schule zu. Unwillkürlich musste ich an Twilight denken, diese eine Filmszene, als Robert Pattinson sagt: »Du weißt, sie starren uns alle an.«

Nun, alle war vielleicht übertrieben, aber definitiv mehr als sonst. Die Erklärung wurde recht schnell geliefert, in Form eines grinsenden Footballspielers. »Na, Takoda, Bock auf 'nen Gruselfilm?« Er lachte schallend, als hätte er den Witz des Jahrhunderts gerissen.

»Na, Collin, Lust aufs Maul zu kriegen?«, entgegnete Luca und lächelte kalt.

»Immer locker, L. War doch bloß ein Spaß.« Der andere hob abwehrend die Hände und verzog sich.

»Blöder Idiot«, knurrte Luca und legte einen Arm um mich. Ich hakte den Finger in seine Gürtelschlaufe und zuckte mit den Schultern. Ich hatte nicht erwartet so einfach davonzukommen. »Halb so wild«, meinte ich betont lässig. »Besser, als wenn er mich nach Karateunterricht gefragt hätte.«

Luca grinste. »Das wäre doch was.«

Die anderen warteten an der Treppe auf uns. Tracy trug ein schwarzes Emo-Kleid mit Spitze am Saum, das eigentlich eher auf eine Freitagabendhalloweenparty gepasst hätte als in die Schule. Sie winkte mir zu und klopfte neben sich auf die Stufe. »Sieh an, wer da in trauter Zweisamkeit heranschleicht. Du bist wieder da.«

»Hey Leute.« Ich grinste in die Runde und ließ mich neben Tracy nieder. »Alles gut?«

»Wir sind erleichtert dich wieder mit deiner normalen Gesichtsfarbe zu sehen«, erklärte Ishiro feierlich. »Willkommen zurück. Wie war es im Exil?«

»Sonnig.«

Holly stieß ihn in die Seite. »Sei nicht so frech.«

Ihre Stimme war sanft, aber in ihren Augen funkelte es. »Eiskönigin auf drei Uhr.« Juliet nickte zur Seite. »Soll ich die faulen Tomaten rausholen?«

Thomas grinste breit. »Oh bitte, für diesen Anblick würde ich einiges geben.«

»Wenn sie den Mund aufmacht, ist sie fällig.« Susann versuchte mit den Fingern zu knacken, aber es klappte nicht so ganz. »Ich würde ihr zu gern ein Styling verpassen. Ich war schon immer ein prima Friseur bei meinen Barbiepuppen und bei Alec auch.«

Alec guckte etwas gequält und ich fiel vor Lachen fast von der Treppe. Yukiko schien sehr wohl zu bemerken, dass wir über sie sprachen, aber entgegen aller Erwartungen ging sie einfach an uns vorbei. Mit Hassblick, ja, aber ihr Mund blieb zu, was mich ehrlich gesagt etwas sprachlos machte. Unsere Köpfe drehten sich in perfekter Synchronisation, als wir ihr nachstarrten, um uns dann gegenseitig verblüfft anzusehen.

»Was war das denn?« Luca fand als Erster die Sprache wieder. »Habt ihr das auch gemerkt?«

»Eiskalt. Schlimmer als ein weißer Wanderer.« Alec rieb sich demonstrativ die Arme. »Wir sollten dringend nach Winterfell zurück.«

»Du bist so ein Freak.« Thomas gab ihm einen Schubs, der den schlaksigen Jungen fast umwarf. »Echt unglaublich. Wie soll das nur enden?«

»Wie meinst du das?«

»Ja, wenn du mal ein Mädchen triffst, so ein richtig heißes, und alles ist gut und dann machst du den Mund auf und sagst: ›Hey Babe, komm, wir gehen nach Mordor.‹ Ich meine, das geht doch nicht!«

Luca und Juliet kringelten sich vor Lachen, während eine sanfte Röte in Alecs Wangen kroch.

»Vielleicht stehen ja manche Mädels auf so was.« Ich warf einen kleinen Kieselstein nach Thomas. »Jedenfalls mehr als auf Motoröl unter den Fingernägeln.«

»Uhh …« Tracy klatschte in die Hände. »Der war böse.«

»Richte die Perücke, Crazy One, dein Lover kommt da angeschlurft.« Thomas richtete sich zu seiner ganzen, recht beeindruckenden Größe auf. Ablehnung spiegelte sich in seinen Augen. Brian schlenderte in Begleitung seiner Schatten auf uns zu. Ein Wink und die Spinne und der Berg blieben hinter ihm zurück, während er die wenigen Stufen zu uns nahm.

»Guten Morgen, Freaks.« Er beugte sich vor und küsste Tracy auf die Wange und ehe ich mich versah auch mich. Ein fieses Kribbeln breitete sich in meinem Nacken aus. Luca bewegte sich unruhig, doch Brian bemerkte das entweder nicht oder er ignorierte es gekonnt. »Alles gut bei euch?« Er sah in die Runde, als wäre es völlig normal, dass er sich vor der Schule mit uns unterhielt. Tracy war die Einzige, die ihm freundlich gesinnt schien. Sie strahlte zu ihm hoch. »Du hast gar nicht mehr zurückgeschrieben.«

»Nach dem, was du mit mir angestellt hast, brauchte ich erst mal Erholung.« Er zwinkerte ihr zu und mein Magen drehte sich einmal um sich selbst. Ich sah zu Luca, der Brians Rücken mit bösen Blicken traktierte.

»Cool, dass du zurück bist, Lillian. Geht es dir wieder besser?«

Wow, immerhin wusste er jetzt meinen Namen. »Danke.« Ich zwang mich zu einem Lächeln. »Alles gut.«

»Ich wünschte, ich wäre an dem Abend früher dagewesen«, meinte er. »In dem ganzen Trubel war ja kein Durchkommen. Lustig, dass mich ausgerechnet der Ruf der Natur zu euch geführt hat.« Er lachte, aber außer Thomas und Tracy stimmte niemand mit ein und Thomas meinte es nicht ernst, das hörte man. »Nun ja.« Brian rückte seine Kappe zurecht. »Und sonst? Noch irgendwelche anderen Merkwürdigkeiten an dem Abend?« Er sah mich so forschend an, dass sich das Kribbeln in meinem Nacken verstärkte. Irgendetwas an ihm gefiel mir nicht.

»Nein, nein, alles super«, plapperte Tracy. »Hey, wie wäre es, wenn wir alle zu diesem Dings gehen, von dem du mir erzählt hast?« Sie sah mich aufmerksam an, begeistert wie ein Hündchen, das nach Bestätigung verlangte.

»Äh … Dings?«, fragte ich nicht sehr intelligent.

»Ja.« Sie nickte so heftig, dass ihre Strähnen flogen. »Du weißt schon, was du erzählt hast, in dieser Kneipe …«

»Kneipe klingt gut«, warf Thomas ein, aber Tracy winkte ungeduldig ab.

»Dieses Künstler-Ding, was du so toll fandst, was einmal im Monat sein soll. Weißt du denn nicht mehr? Du warst einmal da und hast du mir dauernd davon vorgeschwärmt. Ich musste mir alle Termine aufschreiben und gestern habe ich in meinem Kalender gesehen, dass es wieder ansteht …«

»Meinst du den Poetry Slam im Sparrow?«, fragte ich vorsichtig und sie donnerte mir zustimmend ihre Faust gegen die Schulter. »Ganz genau, ja!« Strahlend blickte sie in die Runde. »Da können wir doch alle zusammen hingehen.«

»Klingt großartig«, ätzte Brian, während Alec interessiert den Blick von seinem Handy löste. »Wann soll der Spaß denn sein?«

Tracy sah mich fragend an und ich seufzte resigniert. Eigentlich hatte ich mit ihr alleine hingehen wollen – ein Mädelsabend ohne die ganze Bande. Zeit für uns und sowohl tiefsinnige, als auch blödsinnige Gespräche. Mit den Jungs im Schlepptau würde es eh nur dumme Kommentare hageln. »Nächsten Donnerstag«, sagte ich. »Donnerstagabend, 20 Uhr.«

»Oh, wird das dann nicht voll spät?« Susann guckte unglücklich. »Ich hab Lenster in den ersten Stunden.«

»Ein Grund mehr sich den Kopf wegzusaufen und Freitag blauzumachen«, lachte Thomas. »Den Kerl kann doch keiner ertragen.«

Lenster. Ich unterdrückte ein Stöhnen. Den hatte ich fast vergessen.

»Er ist ziemlich neugierig«, stimmte zu meiner Überraschung Brian zu. »Hat der kein eigenes Leben?«

»Scheint nicht so, nein.« Luca sah ihn prüfend an. Es klingelte. Hastig sprang ich auf. »Ich muss eben noch an meinen Spind, ich komme gleich nach!« Ich bahnte mir meinen Weg durch die heranströmenden Schüler und genoss es für einen Moment in der Menge unterzugehen. Es war fast, als wäre ich nie fortgewesen. Am Spind angekommen zog ich das Buch für die nächste Stunde heraus, warf die, die ich jetzt nicht brauchte hinein, und drehte mich um. Vor mir stand Brian mit einem lässigen Lächeln und in den Hosentaschen vergrabenen Händen.

»Hey, Schönheit.«

»Wird das jetzt zur Gewohnheit, dass du mir hier auflauerst?« Über seine Schulter hinweg blickte ich in die blassen Augen von Spinne.

»Auflauern, tz. So ein hartes Wort.«

»Wie würdest du es nennen?«

»Interesse?« Seine Augen funkelten. »Ich hätte nicht gedacht, dass du wieder auftauchst.«

»Tja, Überraschung. Was willst du, Brian?«

»Du und ehemals Blondi, ihr seid wie Schwestern, oder?«

»Wenn du sie schon datest, dann solltest du wenigstens ihren Namen über die Lippen bringen.«

»Siehst du, Schönheit, genau das ist das Problem. Daten. Ich date sie nicht. Sie, sie ist wirklich toll, witzig und unglaublich heiß, ich meine, die Frau ist eine absolute Augenweide. Aber sie will so viel und weißt du, ich bin ein vielbeschäftigter Mann und ich liebe das Schöne auf der Welt und ich will möglichst viel davon sehen und genießen, aber Tracy …«

»Du meinst, du willst dich nicht auf sie festlegen?« Ich kämpfte gegen den Drang an ihm mein Buch ins Gesicht zu donnern. »Dein Ernst jetzt?«

»Hey, werd nicht gleich sauer, ich meine ja nur … Sie klammert etwas, verstehst du? Die Zeit mit ihr war wirklich toll, aber jetzt direkt ein Gruppendate? Ich kann damit nicht so gut umgehen.«

»Und wo komme ich ins Spiel?«

»Na ja, so nahe, wie ihr euch steht, ich meine, ihr hängt ja ständig zusammen rum … Wäre Luca nicht da gewesen, hätte ich gedacht, ihr zwei treibt euch aus einem bestimmten Grund allein in den Büschen herum.« Er zwinkerte mir zu und ich hätte mich am liebsten auf seine ausgelatschten Sportschuhe übergeben.

»Ich kann dir versichern, es ist absolut nichts von dem, was du denkst, vorgefallen. Außerdem war ich an dem Abend zu beschäftigt damit mir diese Kerle vom Leib zu halten.«

»Ja, das habe ich gesehen. Und sonst? Ist dir noch etwas aufgefallen?« Wieder dieser bohrende Blick. Was stimmte nicht mit dem Typen? Warum konnte Tracy sich niemand Einfaches, Nettes suchen? Einen Buchhalter oder so was, nicht diesen Vogel. »Hey.« Er schnipste vor meinem Gesicht mit den Fingern. »Aufwachen, Schönheit.«

»Ich habe keine Ahnung, wovon du redest«, fauchte ich. »Mir ist nichts aufgefallen, weil ich weggelaufen bin, weil, ja, Überraschung, Gruselfilme machen mir Angst. Zufrieden?«

»Gut.« Er nickte vor sich hin. »Wirklich gut. Und wegen der Kleinen wirst du …«

»Nein, ich werde nicht für dich mit ihr Schluss machen, das kannst du schön selbst tun.«

Ehe er etwas erwidern konnte, drängelte ich mich an ihm vorbei, auf Luca zu, der mit fragender Miene auf mich zukam. Die Spinne warf mir einen bösen Blick zu, aber ich ignorierte das. Dann hatte ich eben seinen Herrn und Meister beleidigt. Na und?! Ich flüchtete mich an Lucas Seite.

Er sah mich angespannt an. »Was war denn da los?«

»Ich habe keine Ahnung, aber der Kerl ist mir suspekt. Kannst du nicht mal irgendwen auf ihn ansetzen?«

»Ishiro ist dabei, aber Tracy hat sich ziemlich klar ausgedrückt, was das angeht.« Luca senkte die Stimme. »Denkst du, er hat was gesehen?«

Auf die Idee war ich noch gar nicht gekommen. War womöglich Brian gar nicht der Böse, sondern einfach nur neugierig, weil er etwas gesehen hatte, was er nicht verstand? »Oh nein.« Ich sah Luca entsetzt an. »Denkst du …?«

»Hey, ganz ruhig.« Er hielt mich an den Schultern fest. »Nicht durchdrehen, okay? Es muss gar nichts heißen. Nicht mal Tracy hat was gemerkt und die war die ganze Zeit dabei.«

»Sie hat die Hälfte der Zeit über am Boden gelegen, weil sie dauernd wer geschubst hat!«, zischte ich. In meinem Kopf stürzten die Szenarien wild durcheinander. Ich sah mich schon wieder Koffer packen. Nein, nein, das durfte einfach nicht wahr sein!

»Takoda?«

Oh bitte nicht, nicht auch noch der.

»Takoda, hätten Sie einen Moment für mich?«

Widerwillig drehte ich mich zu Lenster um und begegnete seinem stechenden Blick mit einem Lächeln. »Tut mir leid, Sir, ich muss in den Unterricht.«

»Das ist kein Problem, Ihr Freund kann Bescheid sagen, dass Sie ein paar Minuten später kommen.« Er lächelte falsch. »Ich würde mich gerne mit Ihnen über das, was an jenem Freitagabend passiert ist, unterhalten. Und darüber, wo Sie letzte Woche waren.«

Oh Mist!

»Nicht durchdrehen«, murmelte Luca. »Der weiß überhaupt rein gar nichts. Geh hin und sag einfach, du hast dich wegen dem Film gegruselt. Das ist alles. Danach habe ich dich nach Hause gebracht und fertig.«

»Hast du aber nicht, schon vergessen?«

»Heute noch Takoda. Cavangaugh, Sie kommen zu spät zum Unterricht.«

»Viel Glück«, flüsterte Luca, drückte mir einen hastigen Kuss auf die Stirn und ging. Zögerlich ging ich auf Lenster zu, der noch breiter lächelte. »Kommen Sie, ich schreibe Ihnen sogar höchstpersönlich eine Entschuldigung für die erste Stunde.«

Grandios.

KAPITEL 5

Vignette

Ich verbrachte den ganzen Tag mit Luca. Wir gingen essen, probten mit der Band, suchten Bars und Restaurants raus, die wir anschrieben oder anriefen und um die Chance baten einen Gig zu bekommen. Die meisten sagten, sie würden sich melden, was nicht sehr ermutigend war, aber wir versuchten uns gegenseitig zu motivieren. Lenster hatte mich nach einer halben Stunde ätzender Fragen wieder gehen lassen. Luca hatte Recht, er wusste nichts. Aber nach irgendetwas war er auf der Suche. Tracy hatte ich nichts von dem Gespräch mit Brian erzählt, aber irgendwie musste ich sie von ihm abbringen. Der Kerl war ein Arsch, ganz egal wie hübsch sie seine Visage fand.

Als es dunkel wurde, fuhr Luca mich zu der gruseligen alten Fabrikhalle, wo ich mit Dean und den anderen trainierte. Er fragte nicht, ob er mit reinkommen sollte, sondern nahm mich ganz fest in den Arm und murmelte: »Ich lege dir Schlafsachen ans Bett. Und morgen räume ich dir ein Regal im Schrank frei, damit du Sachen bei mir lassen kannst. Nur für den Fall.«

Ich klammerte mich an ihn, ehe ich aus dem Auto stieg und in Richtung Halle lief. Drinnen erklangen gedämpfte Schläge. Die Familie hielt inne, als ich die Halle betrat. Dean und Steven standen sich auf den Matten gegenüber, die Fäuste erhoben, die Körper angespannt. Mia und Bill hielten jeweils einen Sportbogen in der Hand. Einen Moment blieb ich andächtig stehen, betrachtete meine Familie, die Menschen, die mein Zuhause waren, und schwor mir sie nie, niemals zu verlassen. Dean sah ich am längsten an. Das Gesicht, das mich schon mein ganzes Leben lang begleitete. Schwarze Haare, graublaue Augen. Der Schatten des Königs. Ich packte meinen Rucksack zu den Taschen der anderen und ging zu ihm herüber. Dean breitete die Arme aus und ich schmiegte mich an seine Brust. Die Erleichterung der anderen war fast körperlich spürbar.

»Ich will dich nur beschützen«, flüsterte Dean in mein Haar. »Verstehst du das?«

Ich nickte. »Es tut mir leid.«

Er drückte mich einen Moment lang so fest, dass es wehtat, dann wich er zurück und zwinkerte mir zu. »Komm, ich zeige dir, wie man einen fanatischen Mönch verprügelt.«

KAPITEL 6

Vignette

»Denkst du, es war eine dumme Idee?«

Ich unterdrückte ein Seufzen und klemmte mein Handy zwischen Ohr und Schulter, um mir die Haare zu kämmen. »Keine Ahnung, Tracy. Ich kenne den Kerl nicht, noch weniger als du. Ich weiß nicht, wie er tickt, aber …«

»Aber du findest, es ist eine dumme Idee.« Tracy seufzte herzzerreißend. »Ach Mann!«

»Ich kann mir ihn da einfach nicht vorstellen … Ich meine, da wird ein Haufen Leute sitzen, die die Texte hören wollen, die Ahnung haben … Und er … passt da einfach nicht so rein.«

»Ich habe auch keine Ahnung.«

»Aber du kannst dich benehmen.« Die Worte rutschten heraus und ich biss mir auf die Zunge. »Entschuldige.«

»Halte dich nur nicht wegen mir zurück.« Ich hörte etwas klappern. »Ich glaube, ich nerve ihn.«

»Ich glaube, er ist ein Idiot.« Ich warf die Bürste in ein kleines Körbchen mit anderen Kosmetiksachen und blickte in den Spiegel. Ein müdes Gesicht über einem zu großen Superman-T-Shirt blickte mir entgegen. Es war schon spät, ich hatte erst trainiert und war dann im Vincent gewesen. Jen half mir bei den Hausaufgaben, aber als ich fast an der Bar eingeschlafen war, hatte sie mich rausgeworfen und ins Bett geschickt. Baco war wieder dort gewesen und hatte mit mir Billard gespielt. Er sagte Sachen wie: »Wo warst du die ganze Zeit?« und »Du hast uns gefehlt.« Er war nett.

»Hey, bist du noch da?«

»Ja, hier. Entschuldige.« Ich rieb mir über die Augen und versuchte mich zu konzentrieren. »Was hast du gesagt?«

»Alles okay bei dir?« Tracy klang besorgt. »Ist was mit Luca? Ihr seid anders in letzter Zeit.«

»Anders?« Ich horchte auf.