Umschlag

Jürgen Kehrer

Wilsbergs Welt

Kurzgeschichten
mit und ohne Wilsberg

Der Autor

Jürgen Kehrer, geboren 1956 in Essen, lebt in Münster. Er ist der geistige Vater des Buch- und Fernsehdetektivs Georg Wilsberg. Neben bisher achtzehn Wilsberg-Krimis veröffentlichte er auch historische Kriminalromane sowie Sachbücher zu realen Verbrechen. Das zuletzt erschienene fiktionale Werk heißt Fürchte dich nicht!, ein Thriller, in dem es um mutierte und durch Zecken übertragene Viren geht. Immer wieder verfasst Jürgen Kehrer außerdem Wilsberg-Drehbücher für das ZDF.

www.juergen-kehrer.de

Inhalt

Wilsbergs Welt

Der Krötenmann

Der Rest ist Schweigen

Wilsberg und der dritte Mann

Raucher sind Mörder

Wilsberg und die Leiche mit dem Löffel

Wilsberg am Hellweg – Chronik eines annoncierten Todes

»Mein Name ist Li, Schmutzli.«

Wilsberg – Eine Weihnachtsgeschichte

Der Rest der Welt

Zweites Leben, zweiter Tod

Von Schleim bis Hammerhart

Leer kann auch grausam sein

Der Kaplan klebt Pappplakate

Mord im Samba-Express

Glück ab in Ahlen

Das Manöver des letzten Augenblicks

Anhang

Wilsbergs Welt

Der Krötenmann

Er hatte wirre Haare und sein Blick flatterte wie eine aufgescheuchte Fledermaus durch das Café am Domplatz.

»Haben Sie kein Büro?«

»Doch«, sagte ich. »Aber da sind gerade die Maler. Nach zehn Jahren war das mal notwendig.«

Fast wie auf einem Display konnte ich seine Gedanken lesen: Armer Schlucker – hat nicht mal eine Sekretärin – war es ein Fehler, ihn anzurufen?

Am Telefon hatte er sich Wolfgang Wagner genannt und behauptet, die Angelegenheit sei dringend. Und das war für mich ein guter Anfang: Bei dem Wort dringend erhöhte ich meinen üblichen Tarif automatisch um zwanzig Prozent.

»Nun?«, fragte ich, dem leibhaftigen Wagner auf die Nase schauend, weil es sich dabei um den Punkt in seinem Gesicht handelte, der sich am wenigsten bewegte. »Um was geht es denn?«

Mein Klient nahm einen hastigen Schluck aus seinem Wasserglas und bekam ein paar Tropfen in die Luftröhre. »Um Kröten«, presste er hervor.

»Sie meinen: Kröten wie Moos, Asche, Penunzen, Schotter, Kohle – also Geld?«

»Nein.« Er hustete erbärmlich. »Ich meine Kröten wie Kröten. Erdkröten, um genau zu sein, wissenschaftlich Bufo Bufo. Amphibientiere, im weitesten Sinn zu den Lurchen gehörend. Sie sind zwar nicht direkt vom Aussterben bedroht, aber doch sehr, sehr gefährdet.«

»Hmmm«, machte ich. »Sind Sie sicher, dass Sie im Telefonbuch unter P wie Privatdetektiv nachgeguckt haben? Ich bin nämlich mehr für die anderen Kröten zuständig, Sie wissen schon …«

»Natürlich, Herr Wilsberg«, bestätigte Wagner mit einem Kopfnicken und einer Stimme, die sich wieder unter seiner Kontrolle befand.

»Ich brauche Unterstützung, in jeglicher Hinsicht. Krötenwanderung – was sagt Ihnen das?«

Ein dreieckiges, rot umrandetes Verkehrsschild mit einer Kröte kam mir in den Sinn. »Kröten, die eine Straße überqueren?«

»Genau das ist das Problem.« Auf Wagners Gesicht fiel ein Unglücksschatten. »Kröten überwintern in Erdhöhlen und Astlöchern. Erst im Frühling werden sie wieder aktiv. Dann suchen sie einen Teich, um zu laichen. Normalerweise denselben Teich, in dem sie zur Welt kamen. Ein ewiger Kreislauf, den wir Menschen brutal zerstören, indem wir eine Straße in die Landschaft asphaltieren. Wie soll eine Kröte ahnen, welche Gefahr von einem Auto ausgeht?«

Ja, wie sollte sie? Andererseits: Was wusste ich schon vom Leben der Kröten? Irgendwie waren wir uns immer fremd geblieben, die Kröten und ich.

»Es genügt, wenn Autos dicht an Kröten vorbeifahren. Dann …«, Wagner klatschte so vehement in seine Hände, dass zwei Studentinnen am Nachbartisch erschrocken zusammenzuckten, »… tötet sie der bloße Luftdruck. Jeden Tag …«, Wagners Unterlippe zitterte, »… finde ich Dutzende toter Kröten auf der Straße.«

Zweifellos ein schlimmes Schicksal, nicht nur für Kröten, sondern auch für Menschen, die Kröten liebten. Aber was konnte ich daran ändern?

»Gibt es nicht …«

»… Krötenzäune?«, fiel mir Wagner ins Wort. »Ja, und sie helfen tatsächlich – ein bisschen. Jeden Morgen und jeden Abend sammle ich die Kröten aus den eingegrabenen Eimern und bringe sie über die Straße zum Teich. Aber dafür brauche ich Sie nicht, Herr Wilsberg.«

Wofür denn?, wollte ich schon fragen, doch Wagner kam mir zuvor: »Wir treffen uns heute Abend. Dann zeige ich Ihnen, was ich von Ihnen erwarte.«

Der Frühlingsabend war warm und feucht. Krötenwetter, wie mir Wagner später erklärte.

Wir trafen uns im tiefsten Gievenbeck, einem münsterschen Stadtteil mit alten Einfamilienhaussiedlungen und neuen Wohnblocks. Zwischen Beton und Jägerzäunen floss der Gievenbach und an seinem Rand wuchsen ein paar Bäume und Sträucher. Wagner trug jetzt Gummistiefel und Taschenlampe, an einer Hand baumelte ein Plastikeimer.

»Schauen Sie!« Er hielt mir den Eimer hin und knipste die Taschenlampe an. Ein Gewimmel graubrauner Leiber, ein Gestrampel von Ärmchen und Beinchen, begleitet von kläglichem Gefiepe.

»Hier!« Wagner setzte mir eine Kröte auf die Hand. »Sieht sie nicht goldig aus?«

Die Kröte glotzte trübe ins Licht. Sie fühlte sich glitschig an wie ein Stück Seife mit Herz und Muskeln.

»Ein Männchen.« Wagner platzte fast vor Stolz. »Die Männchen sind etwas kleiner als die Weibchen.« Er griff erneut in den Eimer und brachte eine fette Kröte zum Vorschein, auf deren Rücken sich eine kleinere festklammerte. »Ein Doppeldecker«, strahlte Wagner. »Putzig, oder?«

»Sie meinen, die beiden treiben es gerade?«

Der Krötensammler berührte das Männchen, das sofort heftig zu strampeln begann. »Sie mögen es gar nicht, wenn sie gestört werden.«

»Geht mir auch so«, sagte ich und dachte: Wie kommst du bloß aus dieser Nummer wieder raus, ohne komplett auf dein Honorar zu verzichten?

»Hey, Alder«, rief eine Stimme knapp jenseits des Stimmbruchs.

Über die Beschäftigung mit dem Liebesleben der Kröten hatte ich die Umgebung aus den Augen verloren. Etwa zehn Meter von uns entfernt stand eine Gruppe von fünf männlichen Jugendlichen. Mit ihren schlabbrigen Hosen und Jacken, den tief in die Augen gezogenen Kappen und den Holzknüppeln in ihren Händen verbreiteten sie eine aggressive Grundstimmung.

»Willste zugucken, wie wir ein paar Kröten plattmachen?« Für den Fall, dass wir nicht begriffen hatten, was er meinte, ließ der Junge den Knüppel in seine Hand klatschen.

»Das ist das Problem«, zischte Wagner. »Fehlgeleitete Jugendliche, die sich einen Spaß daraus machen, Kröten zu quälen. Allein bin ich einfach hilflos.«

Nun hatte ich zwar auch keine Lust, mich mit fünf mehr oder weniger bewaffneten Jugendlichen zu streiten, was, im Licht des abnehmenden Mondes betrachtet, nicht gut für mich ausgegangen wäre, doch schienen mir die fünf noch nicht alt, noch nicht betrunken oder berauscht und auch noch nicht hemmungslos genug, um aufs Ganze zu gehen.

Deshalb machte ich mich zu dem Grüppchen auf den Weg, wobei ich mich bemühte, einigermaßen sportlich und entschlossen auszusehen.

»Wer sind Sie denn?«, fragte der Wortführer, der Kleinste und unter den Dummen vermutlich der Klügste.

»Security«, sagte ich und zeigte für Sekundenbruchteile meinen Privatdetektivausweis.

»Die Anwohner haben mich engagiert, zum Schutz für die Kröten. Ich rate euch: verschwindet. Ich habe nämlich einen schwarzen Gürtel.«

»Schwarzer Gürtel in was?«, lachte der Kleine, allerdings klang seine Heiterkeit etwas angestrengt.

»Versuch lieber nicht, es herauszufinden.«

»Mach keinen Stress, Luis«, sagte einer der Größeren. »Scheiß auf die blöden Kröten.«

»Passen Sie auf sich auf«, knurrte Luis zum Abschied. »Wir kommen wieder.«

»Und ich auch«, rief ich ihnen hinterher. »Sucht euch lieber eine andere Freizeitbeschäftigung.«

»Das war großartig.« Wagner klopfte mir anerkennend auf die Schulter. »Da zeigt sich der Profi.«

Ich sagte ihm nicht, dass ich mich alles andere als wohlgefühlt hatte und mein Herz noch immer weit oberhalb der kassenärztlich empfohlenen Schlagzahl pochte.

»Kommen Sie.« Wagner zog mich am Arm. »Bringen wir die Kröten zum Teich.«

Der Teich lag hinter einem Metallzaun mit Tür, zu der Wagner einen Schlüssel besaß. Wir schritten über eine Wiese zum sandigen Ufer des Gewässers. Hier, ein Stück von den Straßenlaternen entfernt, warf nur der magere Mond sein bleiches Licht auf die Wasseroberfläche. Wagner leerte den Eimer aus, die Kröten fiepten wieder ein bisschen und machten sich dann brustschwimmend davon.

»Die meterlangen Laichschnüre hängen sie dort drüben ins Schilf«, sagte Wagner und streckte seinen Arm aus.

Mein Blick folgte der Richtung seines Zeigefingers und entdeckte etwas, das sich zwar auch um die grünen Stängel gewickelt hatte, aber ganz und gar nicht wie Laichschnüre aussah. Mehr wie lange blonde Haare, die zu einem Kopf gehörten, der mitsamt dem restlichen Körper im Wasser schwebte. Einem Frauenkörper.

»Sehen Sie das?«, stieß ich hervor.

»Ja«, sagte Wagner. »Meine Frau.«

»Was?«

»Sie war das zweite Problem. Sie wollte einfach nicht akzeptieren, dass mich die Kröten brauchen. Jeden Morgen und jeden Abend dieselben Vorwürfe.«

»Und da haben Sie sie …«

»Ich fürchte ja, Herr Wilsberg.«

Scheiße. Meine Gedanken rasten. Der Typ war ja schlimmer fehlgeleitet als die subbegabten Jugendlichen. Und ich stand arglos neben ihm. An einem Ort, an dem mich so schnell niemand suchen würde.

Ich drehte mich zu ihm um. Besser gesagt, zu der Stelle, an der er sich gerade noch befunden hatte. Denn er war weg. Von den ringsum wuchernden Sträuchern und der Finsternis verschluckt. Scheiße hoch drei.

Ohne lange nachzudenken, sprintete ich zum Zaun. Nicht dahin, wo ich die Tür und Wagner vermutete, sondern zur gegenüberliegenden Seite. Und erst nachdem ich den Zaun überklettert und das erste Wohnhaus erreicht hatte, wählte ich die Notrufnummer.

Die Blauuniformierten kamen zu viert und in zwei Streifenwagen. Ich führte sie zum Teich und zeigte ihnen das Schilf. Einige Kröten machten öök, öök, andere ük, ük, ük.

»Und wo ist jetzt die Frauenleiche?«, fragte einer der Polizisten.

Ja, das war die Frage. Sie war verschwunden.

»Vor zehn Minuten lag sie noch im Wasser«, antwortete ich.

»Soll das ein Scherz sein?«, erkundigte sich der Polizist.

Meine Erklärungsversuche gefielen den Ordnungshütern nicht. Sie nahmen mich mit und übergaben mich im Polizeipräsidium den Kripoleuten von der K-Wache. Die K-Wache ist in der Nacht für alles zuständig. Auch für Spinner, die Leichen sehen, wo gar keine sind.

»Ich weiß sogar den Namen der Leiche«, sagte ich den beiden Kriminalbeamten, die mir im Vernehmungsraum gegenübersaßen. »Zumindest den Nachnamen: Wagner.«

Die Polizisten guckten sich an. Ihre Augenbrauen zuckten verdächtig. »Die Frau von Wolfgang Wagner? Dem Krötenmann?«

»Richtig.«

Das Zucken übertrug sich auf den Mund und andere Gesichtspartien. Dann lachten sie, bis ihnen die Tränen kamen.

»Verraten Sie mir die Pointe?«, fragte ich leicht entnervt.

»Der ruft dauernd bei uns an. Und immer geht es um seine Kröten. Mal lauern angeblich irgendwelche Jugendliche …«

»Die habe ich auch gesehen«, warf ich ein.

»Ja, weil er sie selbst bezahlt. Das sind harmlose Kinder aus der Nachbarschaft, die keiner Kröte etwas zuleide tun würden.«

»Sie meinen, die haben das nur gespielt?«

»Die sind genauso wenig echt wie Ihre Leiche«, grinste der Polizist. »Der Krötenmann tut einfach alles, um Aufmerksamkeit für seine Viecher zu ergattern. Ich wette, seine Frau hat sich mit einem Thermoanzug und einem Plastikrohr in den Teich gelegt und für Sie die Wasserleiche gegeben.«

Ich war noch nicht überzeugt: »Und was bringt der ganze Aufwand?«

Die Tür ging auf und ein nach Chef aussehender Mann betrat den Raum. »Was ist los? Habt ihr hier einen dicken Fisch an der Angel? Draußen lungern mehrere Reporter und ein Kamerateam herum.«

»Der Krötenmann«, sagten meine beiden Gegenüber wie aus einem Mund.

»Ach du Scheiße«, stöhnte der Chef. »Nicht der schon wieder.«

»Verstehen Sie jetzt?«, sagte der Vernehmungsbeamte zu mir. »Das ist sein Werk. Er ruft die Medien an und lockt sie mit einem angeblichen Knüller. Ich sehe bereits die Schlagzeilen von morgen vor mir: Leiche im Krötenteich? Amphibientiere bangen um ihren Lebensraum

»Vielleicht hätte ich da eine Idee«, sagte ich.

Der Presseraum des Polizeipräsidiums war zum Bersten gefüllt. Rund zwanzig Journalisten, zum Teil mit Mikros und Kameras ausgestattet, fläzten sich auf den Plastikstühlen.

Frau Wagner, die ihre langen blonden Haare längst getrocknet hatte, knuffte mich in die Seite. »Sie sind uns doch nicht böse, oder?«

»Als Leiche wirkten Sie ziemlich überzeugend«, gab ich zurück. »Ich hätte vor Schreck etwas Dummes tun können, zum Beispiel Ihren Mann verprügeln.«

»Aber es diente der guten Sache«, sagte Wolfgang Wagner, während sein Blick durch den Raum huschte.

»Das hier auch.« Ich zeigte auf die Journalisten. »Sie akzeptieren den Deal?«

Der Krötenmann nickte. »Keine vorgetäuschten Straftaten mehr. Dafür …«

»Setzen Sie sich bitte!«, sagte der Polizeipräsident zu uns. »Ich begrüße Sie ganz herzlich.« Das galt den Journalisten. »Thema der heutigen Pressekonferenz ist der erste jährliche Bericht zur Sicherheit von Kröten im Straßenverkehr. Fachkundige Unterstützung erhalte ich dabei von einem anerkannten Krötenexperten …«

Der Rest ist Schweigen

Sandra Lüpkes & Jürgen Kehrer

Erster Akt: Wencke Tydmers verliert den Kopf

»Der Schädel ist weg!« Der rundliche Mann im grauen Flanellhemd stand mit erhitztem Gesicht in der Tür und zog die Aufmerksamkeit der Trinkrunde auf sich. In der rechten Hand hielt er einen Oberschenkelknochen umklammert, als habe er vor, jedem Einzelnen den Hintern damit zu versohlen. »Wer von Ihnen hat den verdammten Rohrbach-Schädel geklaut?«

Wencke musste lachen. Die Situation war einfach zu skurril, und obwohl die ersten strafenden Blicke in ihre Richtung geschickt wurden, hatte sie nicht übel Lust, auf den Tisch zu steigen und zu tanzen, obwohl gar keine Musik lief. Es dauerte einige Sekunden, bis sie begriff, dass der aufgeregte Mann gar nicht zur Gruppe gehörte, sondern der Pförtner war. Zudem war sein Anliegen ernst gemeint und alles andere als amüsant. Doch sie konnte ihr Kichern trotzdem nicht abstellen.

»Du hast ja schon einen Schwips!«, bemerkte Axel, und es war ihm nicht anzusehen, ob er das niedlich oder eher peinlich fand.

»Was hast du erwartet? Wir sind doch extra nach Münster gekommen, um uns nach Strich und Faden zu betrinken.«

Das stimmte nicht ganz. Eigentlich waren sie aus einem anderen Grund hierhergekommen. Und dieser Grund vertrug sich nur schlecht mit Wodka und Wein: Axel Sanders, Hauptkommissar aus dem ostfriesischen Aurich, und Wencke Tydmers, Fallanalytikerin des LKA in Hannover, waren zwar der offiziellen Einladung des Instituts für Rechtsmedizin des Uniklinikums Münster gefolgt, um den auf dem Programm stehenden Selbstversuch zur Wesensveränderung unter Alkoholeinfluss zu absolvieren, doch in erster Linie wollten sie die Gelegenheit nutzen, sich zu treffen. Am Ende einer Arbeitswoche, fern von nichts ahnenden Ehefrauen, Kindern und Kollegen. Diese feucht-unfröhliche Veranstaltung im nüchtern eingerichteten Vortragsraum war lediglich ein Vorwand, ein Vorspiel, wenn man so wollte. Wirklich wichtig würde es erst in einem der beiden Einzelzimmerbetten werden, die im Hotel Überwasserhof derzeit noch frisch bezogen auf sie warteten.

Der Rechtsmediziner, ein sonderbarer Krawatten- und Klobrillenbartträger, der das Experiment leitete und bislang damit beschäftigt gewesen war, die Gläser regelmäßig zu füllen, versuchte nun, den Pförtner zu beruhigen. Der aber schob den weiß bekittelten Arm zur Seite und regte sich noch mehr auf. »Die Glasvitrine mit den Exponaten im ersten Stock ist zertrümmert! Und der Schädel vom Rohrbach fehlt. Wer macht denn so was?« Grimmig nahm der Nachtwächter die Anwesenden ins Visier: Wencke, Axel, eine blond gelockte Jurastudentin, ein Dutzend Jungpolizisten, eine breitschultrige Staatsanwältin mit Grabesstimme und ihr dürrer Kollege aus Dortmund. Sogar der Arzt wurde misstrauisch beäugt. Doch keiner gab sich als schuldig zu erkennen.

Der kurzfristig zum Kommissar mutierte Pförtner schnaubte, machte auf dem Absatz seiner Gesundheitsschuhe kehrt und verließ den Raum, in dem sich niemand mehr etwas zu sagen traute. Außer Wencke natürlich: »Was ist das? Ein Rohrbach-Schädel?«

Die Staatsanwältin zog die Augenbrauen hoch und verlagerte so ihre Hautfurchen unter den rotbraun getönten Haaransatz. »Sie kennen den Fall Rohrbach nicht? Einer der größten Justizskandale in Nordrhein-Westfalen!«

»Ich komme aus Niedersachsen«, entschuldigte sich Wencke und nahm auf den Schreck einen Schluck Wodka. Als die Staatsanwältin sich verschwörerisch dicht neben sie setzte und mit ihrer Whiskeystimme von dem alten Fall zu erzählen begann, kam fast so etwas wie Kneipenatmosphäre auf.

»Im Frühjahr 1957 machten spielende Kinder einen scheußlichen Fund: Im Aasee schwamm der verstümmelte Unterkörper eines Mannes. Der dazugehörige Oberkörper wurde wenig später im selben Gewässer gefunden, die Beine die Woche darauf. Nur der Kopf blieb verschwunden.«

Ein Viertel Rotwein und drei Schnäpse – Wencke hatte das Gefühl, die Sätze der Staatsanwältin legten sich wie lange Bindfäden um ihren Kopf und verhedderten die Gedanken. »Und was passierte dann?«

»Der Tote war ein etwas unterbelichteter Hilfsarbeiter namens Hermann Rohrbach, der trotz homosexueller Neigungen mit der lebenslustigen und wesentlich intelligenteren Maria Rohrbach verheiratet war. Ebendiese wurde nur ein paar Stunden nach seiner Identifizierung prompt wegen Mordes verhaftet.« Die Staatsanwältin machte ein vielsagendes Gesicht.

»Beweise?«, nuschelte Wencke.

»Aussagen der gehässigen Nachbarinnen, die mitbekommen hatten, dass Maria ganz gern mal einen trank und zudem einen schmucken britischen Soldaten als Liebhaber bei sich zu Hause willkommen hieß. Mit Einverständnis ihres Mannes, wohlgemerkt.«

»Dünne Beweislage.« Wencke winkte den Rechtsmediziner herbei und deutete auf ihr leeres Glas.

»Wie fühlen Sie sich?«, fragte der Weißkittel und schaute Wencke durch seine Klugschwätzerbrille an. »Sollen wir mal pusten?« Er setzte ein neues Mundstück auf das handliche Gerät, in das Wencke bereits ganz zu Beginn, vor dem ersten Glas, ihren noch alkoholfreien Atem gepresst hatte. Jetzt sah die Lage schon ganz anders aus, in diesem Zustand wäre Wencke definitiv nicht mehr in ein Auto gestiegen.

»Null Komma vier«, las er fachmännisch das Ergebnis vom Display ab.

»Mehr nicht? Ich hatte das Doppelte erwartet …« Sie musste aufstoßen. Null Komma vier, fast war sie enttäuscht. Wo sollte das enden? Sie wollte schließlich heute Nacht noch eine wunderbare Geliebte abgeben, die Gelegenheit bot sich selten genug. »Wie lange muss man eigentlich weitertrinken? Im Normalfall würde ich ja jetzt schon auf Wasser umsteigen.«

Der Rechtsmediziner schaute auf Wenckes Brust und sie dachte erst: Holla, so ein gebildeter Herr Doktor interessiert sich für meine …, aber dann bemerkte sie das Namensschild, welches dort angeheftet war.

»Sie sind die Fallanalytikerin aus Hannover? Dann wollen Sie doch sicher erfahren, was passiert, wenn Sie die anfängliche Euphorie-Phase überwunden haben und der eigentliche Rauschzustand eintritt, in dem die Menschen zu Selbstüberschätzung, Aggressionen und unkoordiniertem Handeln neigen. Und davon sind Sie noch einige Wodkas entfernt.« Erneut füllte sich Wenckes Glas fast bis zum Rand mit dem klaren Teufelszeug. »Wohl bekomms!«

Axel war wie immer. Er saß kerzengerade auf dem Stuhl, unterhielt sich mit der blond gelockten Jurastudentin über das korrekte Vorgehen bei Verhaftung eines Volltrunkenen und sah dabei aus, als könne er in diesem Moment ohne Probleme komplizierte Quadratwurzeln ziehen oder auf einem Seil balancieren, welches zwischen den vierzehnstöckigen Bettenburgen der Uniklinik, den sogenannten Münsterschen Twin-Towers, gespannt wäre. Und gerade das fand Wencke … sexy … Mist, sie musste wieder kichern. Sexy … was für ein blödes Wort!

Er blickte sie an. »Wencke, alles okay?«

Sie spielte mit ihrer rechten Augenbraue, hoch und runter, ein kurzes Zwinkern dazwischen. »Ich könnte mal einen Schluck … frische Luft gebrauchen …«

Axel erhob sich, half Wencke vom Stuhl, dabei hätte sie das auch noch prima allein geschafft, dann führte er sie zur Tür. Zum Glück schien sich niemand für ihren Aufbruch zu interessieren, der Herr Doktor ließ gerade das Pusteding kreisen, die Staatsanwältin hatte schon die null Komma acht Promille erreicht und erntete Applaus.

»Geht es dir gut?«, fragte Axel besorgt, als sie die Tür hinter sich geschlossen hatten.

»Prima geht es mir! Ich wollte mir mal diese zerbrochene Vitrine anschauen, die wo der Schädel …«

»Das solltest du lieber sein lassen. Der Wächter der Knochen schien mir ziemlich wütend zu sein.«

»Och Mann, komm, lass uns ein kleines Abenteuer erleben! Die Suche nach dem verlorenen Schädel … und du bist mein Indiana Jones!« Sie schob ihre Hüfte an seinen Oberschenkel und seufzte. Axel wurde augenblicklich zu Stein, und es gab ihr irgendwie den besonderen Kick, dass er so starr in diesem Treppenhaus stand, direkt vor der Wandtafel, an der die Obduktionstermine des kommenden Tages notiert waren. Immer war er so vernünftig, so kontrolliert, so …

»Wir sollten wieder reingehen«, schlug er vor.

Wencke riss sich von ihm los, stürzte zur Treppe, rannte die Stufen hinauf. »Fang mich doch …« Ihr Ruf hallte durch die Flure des Instituts. Axel gab den Erziehungsberechtigten und ermahnte sie. Das bisschen, was sie noch verstehen konnte, waren Worte wie »Pietätlosigkeit« und »kindisches Getue«. Schließlich rannte er aber doch hinterher.

Am oberen Treppenabsatz angekommen, stolperte Wencke fast über das Puzzle aus Scherben, Knochen, Zähnen und Zettelchen, die vormals an richtiger Stelle platziert den Sinn der etwas morbiden Ausstellung erklärt haben mochten. Ein Schädel rollte Richtung Treppe und wurde von Axels Schuh gestoppt. Am Hinterkopf klaffte ein Loch. Erschossen, vielleicht Selbstmord mit Waffenlauf im Mund, sie tippte auf eine Frau. Also nicht dieser Rohrbach, sondern irgendein anderes Opfer, dessen Dahinscheiden so spektakulär gewesen war, dass die münstersche Rechtsmedizin sich ein kleines Andenken aufbewahrt hatte. »Willst du nicht wissen, wer von uns diesen bizarren Diebstahl begangen hat?«

»Wer sagt denn, dass es einer von uns war?«

»Mein Gefühl.« Nein, das wirkte jetzt unglaubwürdig, auch wenn Axel wusste, dass sie die besten Entscheidungen grundsätzlich aus dem Bauch heraus traf. »Aber wer soll es sonst gewesen sein? Wir sind alles Leute, die mit der Justiz zu tun haben, und diese Rohrbach-Geschichte war wohl ein ganz großes Ding hier in Münster.« Sie grinste ihn an, wahrscheinlich ziemlich schief. »Warst du es vielleicht? Als Souvenir für deine Frau, immerhin war Kerstin früher bei der Spurensicherung.«

»Quatsch!« Er seufzte. »Wencke, ich bitte dich. Das hier riecht nach Ärger – und Ärger zieht offizielle Schreiben nach sich, und von offiziellen Schreiben sollte …«

»… sollte deiner Frau lieber nichts zu Ohren kommen. Ist ja schon okay.« Wencke musste es einsehen, Axel hatte mit Indiana Jones so viel gemeinsam wie ein Nacktmull mit einem Alpaka. Frustriert schlich sie auf leisen Sohlen wieder die Treppe hinunter. »Ich glaube, ich brauch noch ’nen Schnaps.«

Die kurze Zeit ihrer Abwesenheit war nicht ungenutzt ins Land gegangen, die Trinkrunde machte inzwischen einen ausgelassenen Eindruck. Die blond gelockte Jurastudentin schüttete gerade einem Polizisten ihr Herz aus, dass der Mann ihrer Träume – ein berühmter Schauspieler – so unerreichbar für sie sei und ein Wunder geschehen müsse, damit er sie überhaupt wahrnehme. Der Vollgetextete war bereits leicht weggetreten und hörte gar nicht mehr richtig zu. Als sie ihm von ihrem Titel ›Forellenkönigin von Ottmarsbocholt‹ erzählen wollte, war er schon auf der Tischplatte eingenickt. »Eins Komma zwei«, kommentierte der Arzt seinen Zustand und die Blondgelockte gab es auf, von ihren Liebesproblemen und seltsamen Adelstiteln zu reden, weil sie dringend mal für kleine Königstigerinnen … Ihr Gang war torkelfrei, aber so konzentriert, als führte ein Schwebebalken zur Toilette.

Die Staatsanwältin lag noch immer in Führung, doch bei ihr schien der Alkohol eine völlig andere Wirkung zu haben, sie erhob sich und setzte mit ihrer Reibeisenstimme zu einem frauenfeindlichen Trinklied an. Wencke hob ihr Glas in Axels Richtung, doch der reagierte nicht. Wahrscheinlich ist er sauer, dachte Wencke, und der Wodka brannte in der zugeschnürten Kehle. Diese Affäre war das Desaster ihres Lebens, da konnte sie noch so viel trinken, sie passten kein bisschen zusammen, Axel und sie, es war eine Katastrophe. Prost!

Als Wencke das nächste Mal ins Röhrchen blies, ließen die Zahlen vermuten, dass sie nun die zweite Phase der Trunkenheit erreicht haben musste. Selbstüberschätzung und unkoordiniertes Handeln. Danach folgten nur noch Benommenheit, Betäubtheit und schließlich das Koma. Wencke hatte fast ein bisschen Lust, ihre beruflichen Recherchen bis zum Ende auszukosten. Bewusstlos zu sein, erschien ihr heute ein lohnendes Ziel.

»Soll … soll ich …« Der dürre Kollege der Staatsanwältin setzte sich neben Wencke und blickte sie mit glasigen Augen an. »Ich meine, darf ich?«

»Was denn?« Wencke hielt sich am Stuhl fest, weil der Boden zu schwanken begonnen hatte.

»Die Geschichte zu Ende erzählen. Die von dem Rohrbach-Sch…Schädel!« Er grinste, als handele es sich um einen Witz, bei dem die Pointe bislang aufgespart worden war. »Wo war meine Kollegin denn stehen geblieben?«

Wencke strengte sich an. »Die Witwe ist verhaftet worden wegen ihrer lästernden Nachbarinnen.«

»Nicht nur wegen denen. Man fand Blutspuren auf dem Küchenboden, in denen chemische Rückstände von Malerfarbe nachgewiesen wurden – und das Opfer war Anstreicher. Der damalige Experte prägte den Begriff Malerblut, welches eine Zusammensetzung vorweise, die auf den Beruf schließen lasse.«

»Davon habe ich noch nie etwas gehört«, unterbrach Wencke.

»Warten Sie es ab! Es gab auch ein Gutachten, aus dem hervorging, dass Maria Rohrbach ihrem Mann über einen längeren Zeitraum Rattengift in den Malventee gemischt hat und der Schädel am Todestag im glühenden Küchenofen zu thalliumverseuchter Asche zerfallen ist.«

»Aber …« Nun wurde Wencke wieder etwas wacher. »Ich dachte, der Schädel ist hier im Institut? Oder war er zumindest bis heute Abend.«

»Zwei Jahre nach dem Mord – 1959 – ist der Kopf von Hermann Rohrbach dann in einem ausgetrockneten Tümpel unweit von Münster aufgetaucht.«

»Eben sagten Sie, der wäre nachweislich verbrannt worden …«

»Von wegen. Der Gutachter wurde als Scharlatan entlarvt. Das Gift Thallium ließ sich zur damaligen Zeit in so ziemlich jedem münsterschen Kaminofen nachweisen. Der Malventee war lediglich im Protokoll gelandet, weil er blau ist wie Rattengift und somit geeignet, das Zeug unauffällig zu verabreichen. Gefunden hat man das Zeug im Haushalt der Rohrbachs aber nicht. Und dieses sogenannte Malerblut