David Vogel

Das Ende der Tage

Tagebücher und autobiographische Aufzeichnungen 1912–1922 und 1941/42

Mit einem Vorwort von Amir Eshel

Aus dem Hebräischen von Ruth Achlama

Aufbau Digital

Impressum

Die Originalausgabe von Das Ende der Tage erschien unter dem Titel Ketsot Hayamim in dem Sammelband Tachanot Kavot 1990 im Verlag Hakibbutz Hameuchad/Siman Kriah, Tel Aviv, die Originalausgabe von Alle zogen in den Kampf erschien unter dem Titel Kulam Yatseu La’krav dortselbst.

ISBN 978-3-8412-0705-0

© Tamara Vogel-Mizrahi 1993

Translation © by the Institute for the Translation of Hebrew Literature, Tel Aviv, 1993

Aufbau Digital,

veröffentlicht im Aufbau Verlag, Berlin, Oktober 2013

© Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin

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Inhaltsübersicht

Cover

Impressum

Vorwort:
‹Zug der Tage› von Amir Eshel

Das Ende der Tage
 
Editorische Notiz von Menachem Peri

Alle zogen in den Kampf

Fußnoten

Informationen zum Buch

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Zug der Tage

Zug der Tage,

von weitem,

bewegt sich weiter fort,

von Nichts in das Nichts,

ohne mich.

Hauteville, 29.9.1941

Eine jüdisch-europäische Biographie unseres Jahrhunderts der Lager: Der am 15. Mai 1891 in Satanow (heute Weißrußland) geborene David Vogel verläßt mit achtzehn Jahren seine kleine Heimatstadt. Über Kindheit und Elternhaus wissen wir kaum etwas. Seine Lyrik deutet an manchen Stellen auf die wichtige Figur des Vaters hin, die Landschaftsbilder seiner Gedichte könnte man wohl in Galizien angesiedelt sehen. Nach Wilna (Vilnius) – seinerzeit ein wichtiges Zentrum jüdischen Lebens – geht David Vogel 1909 oder 1910 zunächst, um Hebräisch zu lernen. Dort träumt er davon, in der großen Synagoge als Schamasch, als Gemeindediener, arbeiten zu können. Ein wenig später jedoch muß er die Grenze nach Österreich überqueren, um dem Militärdienst im russischen Heer zu entkommen. Ende 1912 führt ihn sein Weg nach Wien, wo er in das Gymnasium aufgenommen zu werden hoffte. Er wollte in einem solchen Fall studieren oder einfach, daß man ihn ‹zu den Schriftstellern› zählt. Dabei nun wird der träumerische junge Mann – wie Vogel zu jener Zeit häufig beschrieben wird – bitterlich enttäuscht. Er verbringt seine Zeit mit Büchern, läßt sich durch Wien treiben und erlernt nahezu autodidaktisch die deutsche Sprache. Ab und an verdient er ein wenig mit Hebräisch- und Religionsunterricht, und in der Not, was häufig der Fall ist, leiht er sich Geld.

Genau zu dieser Zeit entsteht Vogels Tagebuch Das Ende der Tage – ein spannendes Zeitdokument, in dem das Leben eines jungen jüdischen Mannes osteuropäischer Herkunft, der von literarischen Aspirationen beflügelt ist (und David Vogel war nicht der einzige in Wien zu jener Zeit), einen lebendigen Ausdruck findet. Das Tagebuch setzt an, noch ehe sich Vogel als Lyriker, geschweige denn als Romancier verstand. Auf seinem Weg von Wilna nach Wien und während seines langen Wienaufenthaltes berichtet er darin vom alltäglichen Kampf um das finanzielle Überleben, von Hunger und Not und auch vom Prozeß seiner Selbsterkundung. Es sind die stark schwankenden, sicherlich auch pubertären seelischen Zustände, die diese Aufzeichnungen charakterisieren, doch David Vogel ist zu jener Zeit bereits neben all seinen Depressionen, Begierden und seiner Langeweile auf der Suche nach dem richtigen Wort, nach der genauen Formulierung. Der Stil dieses tiefblickenden Sprachkünstlers ist schon in dieser frühen Phase nicht zu verkennen: ‹Es fehlt mir was›, notiert er am 30. Juni 1914, ‹etwas Namenloses und Unbekanntes. Fehlt. Und klar, daß auch dort und fern von dort etwas fehlen wird. Für immer wird etwas fehlen, für immer und ewig.›

Am 10.8.1914 verzeichnet David Vogel in seinem Tagebuch: ‹Die ganze Zeit nur Trägheit. Und ein bißchen Taumel. Jetzt stehe ich vor großen, einschneidenden Veränderungen. Der Krieg.› Wahrscheinlich ahnte er aber nicht, daß man ihn kurz danach als russischen Staatsbürger und somit potentiellen Feind Österreichs internieren wird. In den kommenden zwei Jahren bleibt er in Haft und widmet sich nur noch selten seinem Tagebuch. Nach der Entlassung im Juli 1916 verweisen die Eintragungen eher indirekt auf die Erfahrungen der Haft. Diese Zeit hinterließ dennoch Spuren im reiferen und schlichteren Tonfall, in dem David Vogel über seine komplexe Beziehung zu Ilka, seiner ersten Frau, nachdenkt. Gerade in der Art und Weise, wie er Ilka in ihrer Krankheit beschreibt – sie hatte Tuberkulose, wie später Vogel selbst –, kündigen sich Züge seiner künftigen weiblichen Prosafiguren an. Als Mann und Frau stehen sie einander gegenüber wie zwei gewaltige Pole. Und obwohl Vogel meint, Ilka bedrohe ihn mit ihrem übermächtigen Wesen, liebt er sie, eigenwillig und kapriziös, wie er ist, sehr. Auch nach 1916 bleiben seine Tagebucheintragungen spärlich, was unmittelbar auf seine Beziehung zu Ilka zurückzuführen ist. Am 22. Mai 1917 berichtet er, so unglaublich es sich anhören mag: ‹Manchmal sehne ich mich nach der Haft.› David Vogel bleibt hierin voller Widersprüche: 1919 heiratet er Ilka schließlich.

Ab 1918 machte sich David Vogel allmählich einen Namen als vielversprechender Lyriker. Seine Gedichte erscheinen in fast allen bedeutenden Organen hebräischer Literatur jener Zeit. Vogels Entscheidung für das Hebräische als seine Schaffenssprache, also weder für die jiddische noch für die russische oder gar die deutsche Sprache, ist dabei besonders zu beachten. Seine Biographie, die vom fehlenden Heimatempfinden gezeichnet ist, hebt hervor, daß er als Dichter einzig und allein in der Sprache seiner Wahl – im Hebräischen – beheimatet war. Von alledem erwähnt der Tagebuchautor jedoch verblüffenderweise nichts. Die letzte Eintragung in sein Tagebuch stammt vom 2. August 1922. Die schwerkranke Ilka wird in einem Sanatorium außerhalb Wiens behandelt, und David Vogel quält sich, wie schon 1912, mit der Frage, wo das Geld für den nächsten Tag herkommen soll.

In den zwanziger Jahren wird Vogel auch im Kreis der jüdischen Autoren Wiens bekannt: Man trifft sich im Café Arkade, spricht über die Lage der hebräischen Literatur, über den Zionismus und die Kunst. 1923 veröffentlicht er seinen ersten Lyrikband [1], im Dezember 1925 folgt ein Aufsatz über ihn sowie eine Reihe übersetzter Gedichte in der Berliner Jüdischen Rundschau [2]. Doch zu dem Wiener Kreis hebräischer Autoren bleibt der Lyriker distanziert. Nie ganz zugehörig zu sein, nie den ästhetischen Standpunkt des Betrachters preiszugeben, ist und bleibt für David Vogel zeit seines Lebens Leitmotiv. Die einzige Ausnahme dabei ist seine Annäherung an Avraham Ben-Yitzchak Sonne, einen weiteren Außenseiter im Kreis der jüdischen Autoren Wiens jener Zeit. Noch Jahre nach ihrer Begegnung wird sich David Vogel an diesen besonderen Lyriker, der auch Elias Canettis Anerkennung genoß, erinnern.

1925, ausgerechnet ein Jahr nachdem Vogel endlich die österreichische Staatsbürgerschaft erhalten hatte, verläßt er plötzlich Wien und geht nach Paris. Diese Stadt bedeutet eine neue Phase seines künstlerischen Wirkens. Vogel befaßt sich von nun an intensiv mit der französischen Sprache, wandert täglich durch die Cafés von Montparnasse und schreibt eine Reihe von Gedichten, in denen er seiner Bewunderung für die Stadt Ausdruck verleiht. Er fühlt sich inspiriert und schreibt an der Novelle Im Sanatorium. Wahrscheinlich ermöglicht es ihm die nun gewonnene Distanz zu Wien, in diesen Monaten mit seinem großen Roman Eine Ehe in Wien zu beginnen.

Doch die Faszination durch Paris mündet nicht in ein Gefühl der Ansässigkeit. Im Mai 1929 wandert die Familie Vogel – er ist mittlerweile zum zweitenmal verheiratet, nun mit Ada Nadler – in das damalige Palästina ein. Weder eine Überzeugung von der zionistischen Idee noch Begeisterung für die neuen dort entstandenen kollektivistischen Lebensformen veranlaßten ihn zu diesem Schritt. Mit der Idee hatte er bereits 1923 gespielt, wobei seine Hoffnung, die Sonne Palästinas könne seiner Tuberkulose entgegenwirken, wohl maßgeblich war. Der Dichter wird im damaligen Palästina warmherzig empfangen, man bietet ihm sogar eine Stelle als Literaturlehrer an dem angesehenen Herzliah-Gymnasium an (was 1929 keinesfalls selbstverständlich war). Er ist aber von der Hitze und den Lebensbedingungen entsetzt und lehnt dieses Angebot ab. Es vergeht kaum ein Jahr, bis er im Frühjahr 1930, von Frau und Tochter begleitet, das Land am Mittelmeer verläßt.

Zunächst geht es nach Wien: Da sich Vogel jeder Beschäftigung, die nicht Schreiben ist, entzieht, leidet die Familie hier – wie später in Berlin, wo er die Übersetzung seines Romans durchsetzen will – buchstäblich unter Hunger. Im Dezember 1931 kehrt Vogel nach Paris zurück, wo er nun die Novelle An der See schreibt; hier wird er die Jahre bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkrieges verbringen. In Paris entstehen Gedichte, die gelegentlich in hebräischen Literaturzeitschriften veröffentlicht werden, doch es gelingt Vogel nicht, einen zweiten Gedichtband in Palästina herauszubringen. Das lyrische Werk David Vogels, das zu den bedeutendsten Werken der hebräischen Moderne zählt, wird erstmals 1966 von Dan Pagis veröffentlicht; [3] ein weiterer Band folgt 1983. [4] Die späte Anerkennung seines Werkes läßt sich im Hinblick auf den sehr subjektbezogenen poetischen Ansatz David Vogels erklären. Andere hebräisch schreibende Dichter seiner Generation gingen nach Palästina, um dort zu bleiben, beteiligten sich am zionistischen Projekt und schrieben an und für das Kollektiv. Doch David Vogel arbeitet aus einer ganz anderen Perspektive an seinen Wortgemälden. Er interessiert sich gerade zu der Zeit, wo die Welt von gestern verschwindet, für die Klänge des Waldes, für die untergehende Sonne im Dorf, für das leidende, sehr private Subjekt.

Indessen vermochte der feinfühlige David Vogel sehr wohl die anschwellende Katastrophe in Europa zu spüren. 1938 konnte er noch seinen Freund Hillel Bawli, der sich auf dem Weg nach Amerika befand, treffen. ‹Du bist glücklich, daß du nach Amerika gehst›, soll ihm Vogel gesagt haben, ‹wir werden hier demnächst bombardiert. Die Zerstörung ist nahe.› Die Tatsache, daß sich David Vogel überall als Wahlexilant bewegte, wird ihm in den kommenden Jahren zum Verhängnis: Am 3. September 1939 erklärt Frankreich Nazideutschland den Krieg. Am 4. September wird überall in Frankreich bekanntgegeben, daß sich deutsche Staatsbürger oder Bürger des Großdeutschen Reiches innerhalb der nächsten 24 Stunden in die entsprechenden Sammellager für Ausländer begeben sollen. Auch David Vogel, der sich zu jenem Zeitpunkt in Hauteville aufhält, wird interniert. Zum zweitenmal in seinem Leben fällt Vogel der Geschichtsgroteske unseres Jahrhunderts zum Opfer – Vogel, der Liebhaber französischer Sprache und Kultur, bleibt bis zum Juni 1941 unter menschenunwürdigen Bedingungen, diesmal als Staatsbürger des Nazireiches und somit potentieller Feind der Grande Nation, in Haft.

Nach der endgültigen Kapitulation Frankreichs wird Vogel aus der Haft entlassen. Er kehrt nach Hauteville, das jetzt im Bereich des Vichyregimes liegt, zurück, wohl ahnend, daß seine Zeit bereits zur Neige geht. Vom 10. Dezember 1941 datiert das uns letztbekannte Gedicht David Vogels [5]:

Stampfende Truppen in der ganzen Welt,

Alle zogen in den Kampf

Mordeswind wütet unterm Himmelszelt –

Doch ich bin im Moment noch hier.

Ich weiß, auch über mich wird der Wind hergehen,

Über Frau und Kind.

Wofür soll ich töten, wofür getötet werden?

Aus langem Tod kamen wir soeben,

eine kurze Lebensbrücke

eilig überquerend,

in einen langen Tod.

Und arm sind wir

und hungrig.

Blinder Nebel wälzt sich

in weichem Schnee,

versperrt die Straße

und Waldwellen,

die vom Berg heruntergleiten,

vor meinen Augen.

Und ohne Wärme sind wir.

Hier

verblieb mir

fast ein Nichts,

es reicht für einen Löffel Suppe.

Einen Armen rufe ich,

mit mir zu essen,

neben mir im Stroh zu liegen.

Hauteville, 10.12.1941

‹… Ich bin im Moment noch hier.› – Im Nachlaß David Vogels fanden die Forscher ein 127 Seiten umfassendes dichtbeschriebenes Manuskript, bei dem es sich, wie sie vermuteten, um ein Tagebuch handelte. David Vogel soll es während seiner zweiten Haft geschrieben haben. Jahrelang galt dieser Text, den Vogel zum erstenmal in seinem Leben auf jiddisch verfaßte, wegen der Entzifferungsschwierigkeiten als nahezu unzugänglich. Als erster konnte der Tel-Aviver Literaturwissenschaftler und Herausgeber Vogels Menachem Peri den Text ins Hebräische übertragen und in dem 1990 erschienenen Sammelband Tachanot Kavot veröffentlichen. In seinem ausführlichen Nachwort datiert Menachem Peri David Vogels Arbeit an dem Text auf die Zeit nach der Entlassung aus französischer Haft, ‹sehr wahrscheinlich› auf 1942. Mit Nachdruck bestreitet Peri die Annahme, es handele sich um ein Tagebuch. Er hält das Manuskript vielmehr für den ‹Entwurf eines autobiographischen Romans›. Seine These untermauert er unter anderem mit dem Hinweis auf den Namen des Protagonisten: Im Manuskript heißt dieser mit Nachnamen stets ‹Weichert›, eben nicht ‹Vogel›. Bei der Wahl des Vornamens konnte sich David Vogel offensichtlich nicht entscheiden, ob Weichert ‹Ernst› oder ‹Rudolf› heißen soll. Peri entschied sich als Herausgeber für Rudolf – wegen der Figur Rudolfs in Vogels Roman Eine Ehe in Wien.

Auch ohne die Gattung festzulegen, darf man vermuten, daß Alle zogen in den Kampf klare autobiographische Merkmale aufweist. Die tagebuchartigen Eintragungen Rudolf Weicherts setzen mit dem 3. September 1939 und der französischen Kriegserklärung ein. Es dauert dann doch noch einen Monat, bis der österreichische Staatsbürger und Jude Weichert von der französischen Gendarmerie verhaftet wird und in das Sammellager in Bourg kommt. Als letzte Freiheit bleibt Weichert sein innerer Monolog, seine Sprache. Weichert-Vogel macht von seiner minuziösen Sprache besonders da Gebrauch, wo er die Figuren der anderen Häftlinge nachzeichnen will. Sie alle – Herr Meinart und Mai, ‹die Arier›, Dr. Jochen Seligson und Richard Fried, die Juden, der Baron von Malachowsky, Herr Deichmann, Rosenstiel und viele andere – werden vom Erzähler bis in die kleinste menschliche Geste skizziert. Durch die Beschreibung ihrer Kleinlichkeit, zugleich aber auch Größe, gewinnen die Häftlinge ständig an Tiefe und Statur. Aus seiner unverwechselbar scharfsinnigen Perspektive scheut sich der distanzierte Weichert nicht, seine Mithäftlinge zu kommentieren und gelegentlich zu verurteilen. Vogel-Weichert, der immanente Outsider, schont dabei seine Figuren nicht. Ganz in der Tradition des großen jiddischen Autors Mendele Mocher Ifarim erzählt er deren Geschichte bisweilen mit Sarkasmus, so im Fall des Häftlings Liechtenstein, mit spitzem Kinn und schwarzen Augen, der sich überall als Katholik vorstellte. Als Liechtenstein sich bemüht, allen zu erklären: ‹Jude bin ich Gott sei Dank nicht›, kommentiert dies Weichert: ‹Seit jenem Ausspruch war mir zu meinem Bedauern klar, daß er sehr wohl Jude war, und ein häßlicher obendrein.›

In der Lagerwelt, der Welt der Umkehrung aller Vorstellungen einer freien Gemeinschaft, wo die Häftlinge neben Rang und Position auch nahezu alle elementaren menschlichen Rechte eingebüßt haben, wo alle scheinbar gleichermaßen der Willkür stumpfsinniger Militärs ausgesetzt sind, entwickeln sich neue Lebens- und Verhaltensnormen. Menschliche Normen wie die Achtung der Wahrheit oder die Korrektheit des Umgangs untereinander werden hier hinterfragt. Die Komplexität der menschlichen Situation im Lager stellt für Weichert-Vogel gleichzeitig den Rahmen für die leise anklingende Aussage über das Verhältnis von Schuld zu Beschuldigtem dar. An manchen Textstellen werden die Positionen der französischen Machthaber und der Häftlinge ausgetauscht. Weichert geht so weit zu behaupten, daß es Häftlinge gibt, die gar nicht befreit werden wollen – offenbar eine Projektion seiner eigenen Schuldzuweisung. Er, der in seinem Selbstzweifel immer noch glaubt, der Haft irgendeine Kausalität entnehmen zu können, schreibt anderen Häftlingen den seelischen Zustand des immanenten Gefängnisses zu. So sagt er an einer Stelle: ‹Beinahe habe ich die Schuld eines Verbrechens empfunden, welches ich nie begangen habe.› Doch dieser Versuch ist zum Scheitern verurteilt wie alle Versuche, im Lager irgendeinen Sinn zu finden.

In Alle zogen in den Kampf, dem letzten uns bekannten Werk David Vogels, entfaltet seine poetische Kraft sich in vollem Umfang. Beispielhaft ist das Kapitel Arandon, die zweite Station der Häftlinge auf ihrer Irrfahrt durch Südfrankreich. Dieses Kapitel ist von einer Brot-Teig-Metaphorik geradezu bestimmt. Der Mond wird mit einem Butterbrötchen oder einem Kloß Nudelteig verglichen. Als einer der Häftlinge in den Krankenwagen gebracht wird, zeichnet der Autor dieses Bild, ein Bild vom Brot, das in den Ofen geschoben wird, nach. Zu Recht sagt Menachem Peri, dies sei die Sprache eines hungrigen Menschen. In der Authentizität der Darstellung der Condition humaine im Lager darf Alle zogen in den Kampf nicht nur als einer der besten Texte David Vogels gelten, sondern kann neben den autobiographischen Werken Primo Levis als eines der erschütterndsten literarischen Zeugnisse jüdischer Autoren von den Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs bestehen.

Nur mit Vorbehalt läßt sich das französische Sammellager, von dem David Vogel hier berichtet, mit den deutschen Konzentrationslagern vergleichen, doch fühlt man sich dennoch versucht, die letzte Szene von Alle zogen in den Kampf aus der Perspektive jenes anderen Lagers zu lesen: Von Loriol aus werden die Häftlinge, wie Tiere in Viehwaggons gepfercht, in unbekannte Richtungen abtransportiert. Das Jahr – 1941. Bedenkt man, daß David Vogel dieser französischen grotesken Haft noch entkommen konnte, daß er noch als freier Mensch, gegen die Zeit, Alle zogen in den Kampf verfassen konnte, ist es erlaubt zu sagen, daß er sein eigenes Ende vorausgeahnt hat. Anfang 1944 verliert sich die Spur David Vogels. Seiner sechzehnjährigen Tochter, die nach dem Krieg bei den französischen Behörden um Auskunft über das Schicksal ihres Vaters ersuchte, wurde 1946 aus Nizza lakonisch mitgeteilt, David Vogel sei als déporté politique am 7. Februar 1944 an Deutschland ausgeliefert worden. Wir wissen es heute genauer: Einen Monat später, am 7. März 1944, wurde der Autor zusammen mit 1300 anderen jüdischen Männern und Frauen nach Auschwitz deportiert. Dieses Lager hat er nicht überlebt.

Bevor er von den Nazis verschleppt wurde, hatte David Vogel das Manuskript von Alle zogen in den Kampf zusammen mit anderen Texten im Garten der alten französischen Dame, bei der er bis zu seiner Verhaftung 1944 wohnte, vergraben. Nach dem Krieg konnte sein Freund Avraham Goldberg das Manuskript retten. Erst im Januar 1990 findet die Odyssee der Blätter, die David Vogel in der ihm noch verbliebenen Zeit an uns adressierte, mit dem von Menachem Peri herausgegebenen Band ihr Ende.

Amir Eshel

Das Ende der Tage

Das Ende der Tage, gezwängt in die Nacht,

Gezwängt in den Tod.

Hie die Mutter, da das Töchterlein,

Beide lieben mich allein,

Verehren, begehren mich im Verein.

Wähle ich Mutter oder Töchterlein?

Jung und zart die Tochter zum Küssen,

Die Mutter wird sich bald ins Alter fügen müssen,

Die Liebe dieser noch nicht verglüht,

Die Liebe jener kaum erblüht.

Und ich weiß nicht, ob die Alte oder die Junge,

Eine wie die andere übt flink die Zunge,

Die eine lockt mit roter Feuersglut,

Die andere mit schneeweißem Tugendmut,

Und ich in der Mitte. Eifersüchtig blicken die beiden,

Eine will das Glück der anderen nicht leiden.

Und ich weiß weder aus noch ein:

Wähl’ ich die Mutter oder ihr Töchterlein?

Ein unreifes Mädel noch die Kleine,

Kindlich feucht ihre Liebe, die reine,

Wie soll ich nur mit dem Küssen beginnen,

Falls nach einem Kusse steht ihr Sinnen?

Der Mutter Leib ist mir hingegeben,

Wo ich auch steh’, gilt mir ihr Streben.

Sie spürt ihre Blüte langsam vergehen,

Des Lebens Herbst und Winter wehen,

Und möchte dann in langer Wintersruh’

Lichte Träume hegen ab und zu,

So vor dem Einschlafen mit einem Knaben

Noch Liebesgaben.

Dieses unveröffentlichte Gedicht, ein unreifes Jugendwerk, das David Vogel seinem Jugendfreund Abraham Landa mit Bleistift ins Heft schrieb, sei Vogels Tagebuch Das Ende der Tage vorangestellt. Die darin angesprochene Liebesaffäre mit Chana (Chanja) und ihrer Mutter zieht sich durch die ersten drei Jahre des Tagebuchs. Chanas verheiratete Mutter, deren Mann in Amerika weilte, war die erste Frau, die Vogel besaß, und sie war es auch, die ihn mit der Tochter zusammenführte, um ihn ‹für immer› an sich zu binden – eine jüdische ‹Lolita›-Geschichte, bei der Vogel neunzehn und das Mädchen elf war. Zu dem Zeitpunkt, da das Tagebuch einsetzt, hatte Vogel die Beziehung zur Mutter bereits abgebrochen, während die zur Tochter – trotz der erbitterten Gegenwehr der Mutter – fortdauerte, nachdem beide, Mutter und Tochter, zum Vater nach Amerika gefahren waren.

Das Tagebuch begleitet Vogels ‹Entwicklungsjahre› als Dichter von seinem 21. Lebensjahr bis über das 31. hinaus. Zu Anfang ist er noch ein Dichter ‹im Werden›, mehr dem Empfinden nach, doch gegen Ende hat er bereits einige seiner bedeutendsten Gedichte verfaßt.

Die Jahre gegen Ende des Tagebuchs stehen im Zeichen seiner komplizierten, von Haßliebe geprägten Beziehung zu seiner ersten, tuberkulosekranken Frau Ilka.

In die Mitte des Tagesbuchs tritt – in ironischer Symmetrie zu Alle zogen in den Kampf – Vogels Internierung als feindlicher Ausländer (aus Rußland) durch die Österreicher im Ersten Weltkrieg. Nach dem Krieg wurde er österreichischer Staatsbürger, und als solchen internierten ihn dann die Franzosen im Zweiten Weltkrieg wiederum als feindlichen Ausländer.

Menachem Peri

Satanow, Freitag, den 9. Tischri 5673 (20.9.1912)

Gestern abend bin ich aus Nowosseliza gekommen. Jetzt fange ich ein neues Tagebuch an. Das alte vom letzten Jahr ist gestohlen worden. Es behandelte einen interessanten Zeitraum in meinem Leben. Ich bedaure sehr, daß es abhanden gekommen ist; es umfaßte einen wichtigen Lebensabschnitt – die Wilnaer Zeit. Schade, daß es weg ist … Haha, ich weiß ja noch, was ich im letzten Winter in mein voriges Tagebuch geschrieben habe: ‹Hoffentlich wird mein Tagebuch nicht entdeckt und keine Ameisen krabbeln heran, mir in der Seele zu stöbern.› Jetzt ist es von fremden Ganoven entdeckt worden – aber, zum Teufel! Dieser Sommer war eine Pause in meinem Lebenslauf. Es hat schon früher, vor Jahren, solche Pausen in meinem Leben gegeben. Jetzt stehe ich vor einem neuen Abschnitt. Ich weiß nicht, ob ich zum Militärdienst eingezogen werde oder ob es mir gelingen wird, mich ins Ausland abzusetzen. Hier in Satanow, meinem Heimatstädtchen, weile ich seit rund zwei Monaten. Ursprünglich hatte ich nur herfahren wollen, um über die Grenze zu gehen, gedachte, höchstens zwei Wochen hierzubleiben, aber es kam anders. Unterwegs von meiner Schwester nach Satanow begab ich mich ins Städtchen meines Freundes Polak, und dort wurde ich verhaftet und von Ipta nach Satanow geschickt. Haha, über meinen Freund Grün hatte ich des öfteren gesprochen, weil ich mal Haft schmecken wollte – und was mir in Wilna nicht vergönnt war, bekam ich nun in Nowosseliza: Ich verbrachte ein paar Tage in verschiedenen Gefängnissen – und bekam einen Vorgeschmack. Alle meine Sachen sind in Nowosseliza geblieben, doch ich wurde nach Satanow geschickt. Seit ich hier bin, habe ich viel gelitten. Ich war die ganze Zeit ohne meine Sachen, annehmbare Bekannte habe ich hier keine und Bücher erst recht nicht, und das Städtchen ist klein, dreckig und langweilig – also litt ich. Ich schrieb Polak wieder und wieder, er solle mir meine Sachen schicken – aber er hat es nicht getan. Also mußte ich diese Woche nach Nowosseliza fahren und sie holen.

Gestern habe ich einen Brief an die Kleine geschrieben, habe ihr auch die Photographie von mir geschickt, die ich vor dem Pessachfest habe machen lassen. Sie hat mich, ihren Briefen zufolge, noch nicht vergessen. Sie klagt und weint darin über ihre schlimme Lage, fleht mich an, ihr zu helfen, sie aus diesem Land herauszuholen, aber womit kann ich ihr denn helfen? Ich bin ja selber hilflos. Muß fliehen und kann nicht. Da fragt das Mädchen: ‹Wo ist meine Jugend?› – und was soll ich ihr antworten?

Es tut mir leid um dich, Liebste. Ich verstehe deine Lage dort sehr gut, aber ich bin noch zu schwach, um dich zu retten.

Und ich – es gibt Momente, in denen ich mich sehr nach ihr sehne, in denen mein Herz abheben und davonfliegen möchte zu ihr, zu ihr, aber ich überwinde diese Sehnsucht. Ich brauche einen Mann oder eine Frau als Lebenspartner oder – richtiger – um ihm mein Leben zu widmen – und fertig. Abraham hat diese Aufgabe erfüllt, und als er starb, dachte ich, Chanja würde seine Stelle einnehmen – doch dann ist auch sie weggefahren. Die Leere meines Lebens ist jetzt nicht deutlich spürbar, weil ich unterwegs und beschäftigt bin, aber ich weiß, wenn sich alles regelt, wird sie gleich in den Vordergrund rücken.

Satanow, Sonntag, den 11. Tischri 5673 (22.9.1912)

Der Dreck ist groß, und im Herzen ein trauriges Zwicken. Gestern war ich in der Synagoge, aber kein bißchen beeindruckt von den Gebeten; ich hätte mir eine tiefere Wirkung gewünscht. Ich habe hier überhaupt keine guten Eindrücke gewonnen, auch nicht in den ersten Tagen nach meiner Ankunft, weil ich nicht aus freien Stücken herkam, sondern gebracht wurde – und auch nur zur Hälfte, das heißt, ohne meine Sachen. Mein Städtchen ist noch genau so wie vor meiner Abreise, nichts hat sich verändert. Ich habe keinen einzigen Freund nach meinem Geschmack. Haha, Satanow konnte mir nur einen einzigen Freund schenken: Abraham – und der hat sich umgebracht. Wenn ich an Wilna denke, sehne ich mich doch sehr nach jener Stadt und meinem dortigen Leben, und immer fallen mir dabei auch Chanja und Z. ein, und ich sehne mich nach Chanja. Es ist, als sei ich überhaupt nie in Wilna gewesen, hätte dort kein so interessantes Leben gelebt, sei nur immerzu in diesem Morast hier gewesen. Werde ich eines Tages von diesem Städtchen wegkommen? Weiß der Teufel. Vorerst habe ich keinen Heller in der Tasche. Mutter sagt, sie würde mir das Geld für die Reise bis Wien geben, aber verdammt, von meiner Mutter, die so arm ist, Geld nehmen! Ich leide sehr, wenn ich daran denke, daß ich von ihr werde Geld annehmen müssen, aber es gibt keinen anderen Rat, ich muß es. Es ist eine alte Weisheit, aber zutiefst wahr: Die Luft Erez Israels wartet. Als ich in Wilna war, war ich Wilnaer, und wenn ich in Satanow bin, bin ich notgedrungen Satanower. Die sogenannte Satanower Intelligenz ist hohl, spießig, kleinbürgerlich. Es gibt keinen einzigen, der das Leben versteht oder es wenigstens verstehen möchte, sich um Verstehen bemüht. Alle sind mit Kleinkram beschäftigt – und ich kann sie nicht ausstehen. Ich möchte fliehen, fliehen.

Satanow, Montag, den 12. Tischri 5673 (23.9.1912)

Den ganzen Tag bin ich im Schlamm herumgelaufen und habe mich um den Grenzübertritt gekümmert. Die Sache ist mies. Ich will in den Feiertagen hinüber. Die Gefahr ist sehr groß. Ich bin eben von draußen zurückgekommen und sehr müde. Haha, ich muß jetzt einen wichtigen und gefährlichen Schritt unternehmen; wenn es mir gelingt, zu fliehen und mich in Wien niederzulassen, bin ich eine langwierige Sorge los, und wenn ich dienen muß – ist das sehr schlecht! Jetzt muß man sich hinlegen, ein wenig ausruhen.

Satanow, Dienstag, den 13. Tischri 5673 (24.9.1912)

Den ganzen Tag war ich höchst gedrückter Stimmung. Einerseits deprimieren mich die Warterei auf die Fahrt und die damit verbundene Gefahr, andererseits hat mich heute etwas gänzlich Neues betrübt: Ich erfuhr, daß einer meiner hiesigen Bekannten, ein wahrer Dummkopf, für mich zu sammeln versucht hat, obwohl ich ihm nichts von meinen Geldnöten verraten hatte. Er hat es auf eigenen Antrieb getan und mich damit vor anderen bloßgestellt. Verdammt, wenn man es mit Dummköpfen zu tun kriegt, kann man jeden Augenblick in die Grube fallen. Als ich von dieser Sache erfuhr, bedauerte ich sie so sehr, daß mir der Kopf weh tat und ich den ganzen Tag durcheinander war. Ich möchte mich ausruhen, bin schon müde. Seit Wochen und Monaten bin ich unterwegs. Ich hätte nicht geglaubt, daß es mir je so schwerfallen könnte, mich irgendwo einzurichten. Mein Leben in Wilna fällt mir ein, und ich sehne mich danach. Mein Herz sehnt sich fern, fern dorthin. Ich habe dort ein armseliges Leben geführt, das kaum seinen Namen verdiente, aber es war geregelt. Meine Seele war unversehrt, zeigte sich in all meinem Handeln. Ich kannte mich immer selbst, mein eigenes Ich, doch seit ich von dort fort bin, kenne ich mich nicht mehr; ich bin nicht mehr ich. Ich bin jetzt imstande, mir jede Einzelheit meines Lebens gut anzugucken und mir meinen Weg abzustecken; ich lebe nicht in geordneten Verhältnissen. Und bis ich Fuß fasse, werden noch viele, viele Wochen und Monate vergehen, vielleicht auch Jahre. Wenn alles geordnet ist, halte ich mein Leben fest in Händen, doch wenn nicht – entreißt das Treiben ringsum mir die Zügel. Ich sehne mich nach Wilna und nach Chanja, die in Wilna war. Und man kann sagen, daß ich mich nach meinem dortigen Leben vor einem Jahr um diese Zeit sehne. Ich erinnere mich sehr wohl an mein vorjähriges Leben, es war sehr schlecht, ich war bei Z., die mir oft bissig mit allerlei Ränken kam und mir große Leiden verursachte, aber mir scheint, im Vergleich zu meinem jetzigen Leben war es besser. Damals war wenigstens Chanja bei mir, gab mir einen gewissen Trost, außerdem lebte ich in meiner Stadt, unter meinen Freunden und vor allem – mit meinen Büchern, doch jetzt ist es schlimm. Das Städtchen hier ist dreckig, die Leute sind dreckig, alles ist dreckig. Und der Teufel weiß, wann ich hier herauskomme.

Satanow, Sonntag, den 18. Tischri 5673 (29.9.1912)

Drei Tage nacheinander Feiertag; ich habe währenddessen viel, viel gelitten. Es waren leere Tage. Nur gestern abend wurde meine Langeweile ein wenig unterbrochen. Ich war in einem Haus in ziemlich fröhlicher Gesellschaft – und habe mich amüsiert. Kleinstadtleben! Haha, offenbar wird mir innere Einkehr gerade in der Großstadt möglich. Dort tritt dir deine Persönlichkeit selbst vor Augen, obwohl deine Umgebung dich nicht kennt, während dich hier wiederum alle kennen, aber du dich selbst nicht. Hier ist für mich weder die richtige Zeit noch der richtige Ort, mich selbst zu erkennen und zu beherrschen. Vielleicht, weil mein Aufenthalt nur vorübergehend ist. Ich will an dieser Stelle keine allgemeingültigen Regeln und Grundsätze für alle Menschen aufstellen – aber ich zumindest kann mich in der Kleinstadt nicht konzentrieren, und erst recht nicht in dieser, meiner Heimatstadt. Die Sache scheint mir klar: Ich war vor drei Jahren hier; damals war ich noch nicht so geschliffen wie heute, und ich hatte eine feste Beziehung zum Städtchen.

Als ich wegfuhr, riß diese Beziehung ab, ich veränderte mich stark, gewöhnte mich an ein merkwürdiges Leben ganz eigener Art und rückte vom Städtchen ab – und jetzt, da ich zurück bin, hätte ich gern, daß man mich respektvoller als zuvor behandelt, aber die ganze Stadt erinnert sich noch an den David von früher … Ich kann nicht nachgeben, und wenn mir an einem Ort auch nur scheint, daß man mich nicht respektiert, will ich dort nicht sein. Ja selbst, wenn ich mich in einer Kleinstadt geistig würde einleben können, dann doch nicht in Satanow; hier ist das völlig unmöglich.

Vielleicht fahre ich morgen hier weg. Ich nehme von meiner Mutter Geld, weiß aber nicht, ob es für die Kosten bis Wien reichen wird.

Lemberg, Mittwoch, den 28. Tischri 5673 (9.10.1912)

Letzte Woche, am Montag morgen, bin ich von Satanow nach Husiatyn gefahren; nachts um halb vier hat man mich über die Grenze gebracht. Komisch: immer ist das Warten auf eine unangenehme Sache schlimmer als die Sache selbst. Vorher hatte ich große Angst vor dem Grenzübertritt – doch während des Überschreitens selber kein bißchen. Ein junges Mädchen mit schlammigen Stiefeln kam in das Haus, in dem ich untergekommen war, und rief mich in ängstlichem Wisperton, und als ich kaum die Schwelle überschritten hatte, traten zwei Soldaten mit Gewehren auf dem Rücken zu mir und führten mich und noch einen zweiten zur Brücke und heil hinüber. Die ganze Grenzüberquerung dauerte an die fünf Minuten – nicht mehr. Dienstag nachmittag setzte ich mich in die Bahn nach Lemberg, und am selben Abend um halb elf traf ich hier ein. Jetzt bin ich schon über eine Woche am Ort, habe hier bereits genug gehungert und weiß nicht, wann es mit dem Hungern aufhört. Eigentlich hatte ich nach Wien fahren wollen, aber da man mir für den Grenzübertritt mehr Geld als gerechnet abgenommen hat, blieb mir nicht genug für die Kosten bis Wien. Hier weiß ich nicht, was ich machen soll. In dieser Herberge bin ich schon über einen Gulden schuldig, und dabei habe ich keinen Heller in der Tasche. Lemberg hat keinen guten Eindruck auf mich gemacht. Ich würde gern woandershin fliehen – und sei es aufs Land. Ich suche irgendeine Anstellung im Dorf, finde jedoch keine. Man bietet mir allerlei Lehrposten an, aber ich kann sie nicht annehmen, weil ich kein Geld zum Leben habe, bis ich für die Stunden kassieren kann. Ich würde auch körperliche Arbeit verrichten, falls sie sich böte. Haha, mein Streben nach Lehraufträgen läßt sich nicht so leicht verwirklichen. Gib mal Unterricht, wenn du keinen Heller hast, um Brot zu kaufen! Wenn ich irgendeine Anstellung im Dorf fände, würde ich hier abhauen, vor den Galiziern. Zum einen hasse ich Lemberg und seine Juden mit Schläfenlocken bis zu den Schultern, zum anderen brauche ich Einsamkeit und Ruhe. Ich bin ja so erschöpft. Wandere alle Tage hungrig, müde und frierend durch die Straßen und suche – ich weiß selbst nicht, was. Es gibt hier eine Art Lehrermarkt, ähnlich wie ein Viehmarkt. Auf dem ‹Platz› laufen an die dreißig Lehrer, Lehrergehilfen und Melammeds herum und warten auf den Dorfbewohner, der da kommen und sie nehmen soll, und wenn dann ein Dörfler den Platz betritt, umringen ihn alle, jeder spitzt die Ohren, ob er für ihn paßt, und der Dörfler seinerseits prüft die Ware, mustert sie von allen Seiten, und das Handeln beginnt. Auch ich gehe tagtäglich auf diesen Viehmarkt, vielleicht werde ich auch verkauft, aber es findet sich kein Abnehmer.

Was tun? Bald wird man mich hier nicht länger übernachten lassen. Zu essen gibt es nichts – und ich brauche erst mal Arbeit, jegliche Arbeit, solange sie nur reicht, Körper und Seele zusammenzuhalten, aber wo? Mal sehen, was wird. Heute habe ich zufällig einen anderen, ebenfalls Hungrigen kennengelernt, und der hat mich in ein Restaurant mitgenommen und mir was zu essen gekauft. In dem Lokal lernten wir beide einen dritten kennen und wurden zu Partnern in der Not, schlossen uns zusammen – und dieser dritte nun, ein betagter Jude, versprach, uns irgendeine Arbeit zu beschaffen. Vorerst hat der dritte bei dem Wirt dreißig Heller hinterlassen, damit er mir morgen Essen gibt. Haha, eine großartige Bekanntschaft, ein komisches Dreigespann! Mal sehen! Vorerst habe ich für morgen was zu essen.

Komarno, Sabbatausgang, 8. Cheschwan 5673 (19.10.1912)

Nun bin ich schon hierhergetrudelt, in ein galizisches Städtchen bei Lemberg. Am Sonntag abend kam ich an, war nicht aus Lemberg abgereist, sondern geflohen. Dort begann ich nach Strich und Faden zu verhungern – und das wollte ich nicht. Ich hätte ein paar Privatstunden geben können, aber ich war Lemberg leid. Außerdem dachte ich, in einer Kleinstadt könnte ich bessere Geschäfte machen, ein wenig Geld zusammensparen, um nach Wien zu fahren – und nun also Komarno! Schon eine Woche laufe ich hier herum. Das Städtchen ist klein und dreckig, seine Juden – Wilde im einfachsten Sinne des Wortes, das Leben hier ist nicht billiger als in Lemberg, und die Unterrichtsstunden – Pfennigkram, schlicht und einfach Pfennigkram. Der Teufel soll sie holen! Ich werde schwer arbeiten müssen, sieben Stunden pro Tag, bis ich mit Müh und Not genug verdiene. In Lemberg hat man mir dreißig Gulden pro Monat für drei Stunden angeboten – hier muß ich für den gleichen Betrag sechs Stunden arbeiten. Ein großartiger Handel! Ich sehe keine Möglichkeit, etwas Geld zu sparen. Ich bin jetzt in eine Grube gefallen, aus der ich nur mit Mühe herauskommen werde – aber was tun? Seit dem Tag, an dem ich hier angekommen bin, habe ich schon viele, viele Gulden Schulden gemacht, und diese kläglichen Lehrerposten, die ich derart verachte, sind auch noch keineswegs sicher. Ich habe sie noch nicht richtig geordnet und eingeteilt, und ich habe auch noch nicht mit dem Unterricht angefangen. Die Einsamkeit einerseits und das Bewußtsein, daß ich mit dieser Einsamkeit nichts verdiene und sie nicht so bald wieder loswerde, andererseits bekümmern mich zur Stunde sehr, stürzen mich in Melancholie. Gestern hat man mir aus Lemberg meine Sachen gebracht, die nach meiner Abreise dortgeblieben waren, und heute habe ich mein Bündel Briefe aufgemacht und sie flüchtig durchgesehen. Darunter fand ich die Briefe von Z. und Chanja, die sie mir letztes Jahr nach Odessa geschrieben haben, diejenigen von Grün und Polak – und schließlich die von Abraham, seligen Angedenkens. Ich sehne mich nach meiner früheren Lebensweise in Wilna. Selbst nach den schlimmen Abschnitten meines Wilnaer Lebens, doch besonders nach denen, die mit Chanja in Verbindung stehen. Chanja – ist keine wichtige Persönlichkeit, und doch widmete ich ihr – widme ihr ja noch – einen wichtigen Teil meiner Gedanken. Ich liebe sie und sehne mich nach ihr. Wir sind weit voneinander entfernt, ohne Aussicht, uns näher zu kommen, es sei denn durch ein Wunder. Und doch, wenn ich an sie denke, stelle ich mir mein künftiges Leben mit ihr, mit der Kleinen, vor. Die Phantasie malt sich unmögliche Situationen aus. Ja, ich würde sie gern wiedersehen. Vielleicht entspringt dieser Wunsch meiner schlimmen Lage, meiner Einsamkeit. Wenn ich an mein Wilnaer Leben im allgemeinen und die Abschnitte mit ihr im besonderen denke, durchpulst süße Lust all meine Glieder, und ich möchte mich mehr und mehr in meine damalige Seelenlage versenken, vertiefen, und darin leben, zumindest in der Phantasie.

Wilna – sie ist mir lieb, diese Stadt, in der ich alles verloren habe, sowohl das Mitgebrachte als auch das, was ich von ihr nahm. Ich habe nichts für mich mit herausgenommen, aber ich habe ein interessantes Leben in ihr gelebt. Und mir sind angenehme Erinnerungen an sie geblieben. In ihr begann ich, mich mehr oder weniger zu erkennen. Ich weiß nicht, ob mir jemals eine andere Stadt so lieb werden wird wie Wilna. Nein, mir scheint, das kann nicht sein. Wilna – ist mir mehr als Heimat. Und wenn ich an Wilna denke, taucht sofort Chanja in meiner Erinnerung auf. Ei, Chanja, Dummerchen, würdest du mir doch wenigstens einen ausführlichen Brief über dein Leben schreiben! Die ganze Zeit, seit ihrer Abreise, hat sie mir nur zwei kurze Briefe geschrieben, nur zwei Stoßseufzer, zwei Aufschreie – oi – und nicht mehr. Und ich – oh, wie interessiert mich ihr Befinden! Ich wüßte auch gern, wie es Z. ergeht. Haha, alles scheint vergessen, als hätte es Z. nie gegeben, als hätte ich nie etwas mit ihr zu tun gehabt. Dabei ist doch erst ein Jahr seither vergangen, nur ein Jahr!

Hier habe ich mir vorerst ein Zimmer bei einer Witwe gemietet – und führe ein einsames Leben.

Ein Auszug aus dem, was ich an diesem Dienstag in mein Notizbuch schrieb: Mein ganzes Leben ist zerfleddert und in tausend Fetzen zerrissen. In meinem gesamten Leben – von meinem dreizehnten Lebensjahr bis heute, da ich zweiundzwanzig bin – hat es keinen einzigen stetigen Abschnitt an ein und demselben Ort mit fester Arbeit gegeben, nur Wanderung, Zersplitterung und wieder Wanderung. Das Herz – sticht mir jetzt vor Traurigkeit und Sehnsucht. Ich sehne mich nach der Vergangenheit, selbst nach ihren bösen Abschnitten, wie auch nach dem Leben in meinem Städtchen, nach meiner Mutter, meiner Schwester. So ist es. Bei unsteter Lebensweise sehnt man sich nach einer festeren und stabileren. Ich werde mich schlafen legen, von Traurigkeit erfüllt.

Komarno, Sonntag abend, den 9. Cheschwan 5673 (20.10.1912)

Heute war eine Art Neubeginn. Ich habe angefangen, eine Gruppe von vierzehn Jungen zu unterrichten. Ich befasse mich zwei Stunden mit diesem Trupp. Der Lohn – ist sehr karg. Überhaupt war ich den meisten Teil des Tages beschäftigt, denn ich las ein Buch.

Ein paar Erinnerungen. Vor zwei Jahren um diese Zeit – ich weiß es noch – ging ich mit Z. auf Wohnungssuche. Es war ein sehr feuchter Herbst damals, jeden Tag Regen. Wilna war zwar nicht eigentlich schlammig, aber auch nicht gerade trocken. Meine Sohlen waren damals recht durchgelaufen, und als ich mit Z. herumrannte, um eine Unterkunft zu finden, quatschte mir das Wasser in den Schuhen. Zu dieser Zeit übernachtete ich in einer Synagoge in der Stefanie-Straße, heimlich, ohne Wissen des Schammes. Jeden Morgen ging ich dort weg, damit der Schammes mich nicht erwischte. Zu essen hatte ich nichts. Es waren damals die schweren Hungerzeiten. Da ich keine Unterkunft besaß, mußte ich in den Stunden, in denen der Lesesaal geschlossen war, draußen herumlaufen. Mit Z. war ich schon liiert. Noch im Monat Aw, in Velikij, ist die Sache passiert, als wir uns im Beischlaf vereinten, und von da an – obwohl wir einander fern waren und es vorerst zu keiner Vereinigung kam – begehrten und umwarben wir einander. Ich als junger Springinsfeld rannte in jeder freien Minute zu ihr nach Hause (als sie aus der Sommerfrische in Velikij zurückkehrte und keine Unterkunft mehr fand, wohnte sie vorläufig bei Chamja, einem frommen alten Schreiner, wo es furchtbar eng war, und doch lief ich zu ihr) und paßte immer einen Moment ab, in dem niemand sonst zu Hause war, um sie wenigstens liebkosen und küssen zu können. So war damals die Lage: Ich befand mich alle Tage in einer Art Fieberzustand, fieberte vor Verlangen. Und tatsächlich, objektiv betrachtet, kann man mir das nicht vorwerfen: Ich war ein junger Mann, der zum ersten Mal Sünde kostet – und ich glaubte an Z.s Ehrlichkeit, an ihr gutes Herz und besonders an ihre Hingabe mir gegenüber. Damals, als mir die Welt ringsum bereits in schwarzen Farben erschien, das Wilnaer Leben mich bereits zum Verzweifelten, zum Pessimisten, gemacht hatte und auch meine finanzielle Lage sehr dürftig war, brauchte ich einerseits einen Rausch, um die Wirklichkeit zu vergessen, und andererseits – das sanfte, warme Streicheln einer Mutter, eine schützende Schwinge. Einsam, verlassen und leidend war ich – und dachte, in Z. eine gute Mutter zu finden und in ihrem warmen Körper ein berauschendes, vergessen machendes Mittel zur Genesung. Ich rannte, wie gesagt, zu ihr und versank mehr und mehr in dieser Art Liebe, und wir hatten damals vor, für den Winter eine gemeinsame Wohnung zu mieten, um leben zu können, wie es im Buche steht … Wir streiften in jenen feuchten Tagen durch Wilnas Straßen, auf der Suche. Indes lief mit Chanja, wie ich mich erinnere, eine gänzlich andere Politik. Kaddischwitz, Chanjas Lehrer und Liebhaber – und bis zu dem Zeitpunkt, an dem ich seine Stelle einnahm, auch Z.s Hausfreund –, erkannte in mir sofort einen gefährlichen Gegner und begann mir heimlich nachzustellen und mich auf verschiedene Weise zu verleumden. Z., die des alten Kaddischwitz’ überdrüssig war, sobald sie einen Jüngeren und Schöneren hatte, achtete nicht auf seine Reden – wie sie mir jedenfalls versicherte –, doch die junge Chanja, die einerseits eine stärkere Bindung an Kaddischwitz unterhielt und andererseits noch keine Frau wie ihre Mutter war – ihre List war noch nicht ausgeprägt –, glaubte seinen Worten, rückte von mir ab und beleidigte mich in meinem Beisein, und ich – mein Selbst litt sehr darunter und nahm Schaden. Während der Stunden, in denen ich mit Z. draußen herumlief, hatten wir Gesprächsstoff: Z. erzählte, was Kaddischwitz gesagt, wie er sich beklagt hatte, daß ich Zugang zu ihrem Haus erhielte, dem Haus einer anständigen Frau, und was sie darauf geantwortet, wie sie mich verteidigt und vor ihm und den anderen Zuhörern in Schutz genommen hatte, und damals, während dieser Spaziergänge, bestürmte mich Z., ihr zu versprechen, Chanja, sobald sie groß war, zu heiraten, denn alle Liebe und Hingabe, die sie, Z., mir entgegenbringe, entspringe allein der Hoffnung, daß ich ihr nicht fremd sei, daß ich bei ihr bleiben würde, für immer ihr. Und ich, blind vor Verlangen nach Z. und vor Eifersucht auf Kaddischwitz, willigte gezwungenermaßen in diese Bedingung ein, traute mich nicht abzulehnen – Z. würde doch wütend werden, sie drohte ja mit Trennung, mit dem Abbruch unserer Beziehung. Haha, Z. und ihre Ränke! Kaddischwitz war mit seiner Abreise beschäftigt, mußte nach Tiflis fahren, um eine Stelle anzutreten, und Chanja mußte sich fügen und bei mir Hebräisch lernen, um sich auf ihre Schulprüfungen vorzubereiten. Kaddischwitz schimpfte jeden Tag, ereiferte sich und klagte und klagte … Haha, ein komisches Leben war das damals! Letztes Jahr um diese Zeit war die Lage schon anders, ganz anders. Zwar stand Z. noch auf der Tagesordnung, aber in gänzlich anderem Stil als das Jahr zuvor. Z. war nicht mehr die Geliebte, bei der man vor Liebe oder, richtiger, Verlangen in Beben geriet, sobald man nur an sie dachte, sondern Z. war die Verhaßte, die Liederliche, deren Andenken dir Leiden bereitet – ebenso wie der Zwang, sie zu hassen, dich leiden macht. Ja, letztes Jahr um diese Zeit litt ich furchtbar darunter, daß ich sie haßte, bedauerte, sie nicht einfach auslöschen zu können, als sei sie gestorben. Ein halbes Jahr habe ich mit ihr zusammengelebt, habe mich mit ihr gestritten und versöhnt, und wieder lebten wir zusammen. Den ganzen Winter verbrachten wir mit Streitereien und Versöhnungen und einem Rausch sexuellen Verlangens. Genau so, einen Rausch erreichte ich, das heißt – Beschäftigung; alle Tage und Nächte war ich beschäftigt. Man spürte die Leere nicht, ich war nicht apathisch, weder kühl noch heiß, neutral. Doch, heiß war ich durchaus, ich glühte im wahnsinnigen Feuer der Eifersucht Z. gegenüber. Trunkenheit war erreicht, ein Rausch von Wut, Streitereien, Schmerzen. Im zweiten halben Jahr war die Distanz größer als die Nähe. Das beginnende Abrücken trat bei Abrahams Eintreffen in Wilna zutage, hatte aber in Gedanken notgedrungen schon vorher eingesetzt. Das Feuer war verloschen. Als ich Ende des Sommers aus Odessa zurückkehrte, war keine Spur meines Feuers mehr übrig. Am ersten Tag des Torafreudenfests, als das Maß meiner Qualen in ihrem Haus voll war, nahm ich Reißaus. Dagegen lief die Politik mit Chanja ausgezeichnet. Sie war mir damals schon aus tiefstem Herzen ergeben. Und die Freundschaft mit der Tochter – war bereits bestandsfester als die mit der Mutter, denn da die Tochter mir anvertraut war, ging es doch nicht – nur als Schülerin, und ich ihr Lehrer, und da ließ sie sich von mir beeinflussen, und die Freundschaft konnte anhalten. Und so wechselte ich eben.

Seinerzeit hatte Z. Chanja gesagt, sie dürfe mich nicht wiedersehen, solle mich vergessen, doch Chanja, die mich heftig liebte, traf sich heimlich mit mir, und zwar täglich, manchmal sogar mehrmals am Tag. Mit Z. traf ich mich nicht. Der Krieg zwischen uns war lang, der beiderseitige Haß groß – und wir, die Hauptkämpfer, trafen uns nicht. Chanja kam oft unter Klagen und Weinen, ihre Mutter schlüge und maßregle sie, weil sie sich mit mir traf, und ich schmolz beinah vor Mitgefühl und entbrannte vor Wut auf Z. – aber vergebens. Ich versuchte damals, mir Z. aus dem Kopf zu schlagen, haßte mich selber erbittert, weil ich sie haßte, doch ich mußte sie hassen. Man kann die Mücke mißachten, doch wenn sie einen sticht, wird man unwillkürlich verärgert.