Das Buch
Als Commander Eric Weston, ehemaliger Oberbefehlshaber der Elite-Flugstaffel Archangels, zum Kapitän des Forschungsraumschiffes Odyssey befördert wird, ahnt er noch nicht, dass sich sein Leben für immer verändern wird. Die Besatzung der Odyssey hat den Auftrag die Grenzen des bekannten Universums zu erkunden und die Erde in möglichen intergalaktischen Bündnissen zu repräsentieren. Doch je weiter sich die Odyssee vom irdischen Sonnensystem entfernt, desto eigenartigere Dinge erleben Weston und seine Crew: Sie begegnen einzigartigen Wundern, abenteuerlichen Gefahren und Wesen, die fantastischer sind, als alles, was sich die Menschen der Erde je hätten ausmalen können. Die größte Herausforderung aber steht Weston und der Crew der Odyssey erst noch bevor, denn in den dunklen Tiefen des Universums lauert eine tödliche Gefahr …
Der Autor
Evan Currie hat sich bereits in zahlreichen Jobs versucht, unter anderem als Hummerfischer und in der IT-Branche, doch das Schreiben war schon immer seine größte Leidenschaft. Sein Science-Fiction-Epos In die Dunkelheit wurde in den USA als Neuentdeckung des Jahres gefeiert.
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EVAN CURRIE
IN DIE DUNKELHEIT
Roman
WILHELM HEYNE VERLAG
MÜNCHEN
Titel der amerikanischen Originalausgabe:
INTO THE BLACK – ODYSSEY ONE
Aus dem Amerikanischen von Usch Kiausch
Deutsche Erstausgabe 10/2013
Redaktion: Kristof Kurz
Copyright © 2012 by Evan Currie
Copyright © 2013 der deutschsprachigen Ausgabe
by Wilhelm Heyne Verlag, München,
in der Verlagsgruppe Random House GmbH
Umschlaggestaltung: Nele Schütz Design, München,
unter Verwendung von Shutterstock/solarseven
Satz: Christine Roithner Verlagsservice, Breitenaich
ISBN: 978-3-641-10154-1
1
Während sein Kampfjäger die Atmosphäre hinter sich ließ, griff Eric Weston nach vorn und bediente eine Reihe von Schaltern, um den Überschall-Verbrennungs-Staustrahl zu deaktivieren und den Sauerstoffdruck in den Zweistrahler zu leiten. Nun war der Luftstrom, der durch den Flugzeugrumpf gefegt war, längst abgeebbt und nicht mehr spürbar, als er den Bug des Flugzeugs nach unten lenkte und auf die geosychrone Umlaufbahn zuhielt. Vor der Scheibe des Cockpits war jetzt deutlich die Rundung der Erde zu erkennen. Lässig ließ er den Kampfjäger eine halbe Drehung vollführen, sodass er einen Moment lang den Anblick des weit unter ihm liegenden Planeten genießen konnte.
Von hier oben sieht alles so viel freundlicher aus. So heiter im Vergleich zu dem, was ich dort unten gesehen habe. Japan, Kalifornien, Hongkong: Nichts erinnert von hier aus an die Schlachtfelder, über denen ich gekämpft habe. Nüchtern dachte Eric Weston an seine ersten Einsätze während des Dritten Weltkriegs zurück. Als der Krieg ausbrach, hatte seine Kompanie zu den ersten Angriffszielen der Block-Streitkräfte gehört. In den wenigen Minuten Vorwarnung, die ihnen die Küstenabwehr verschafft hatte, war es Weston gelungen, die anderen Testpiloten so zu organisieren, sodass die Prototypen der Kampfflugzeuge rechtzeitig vor dem Bombenangriff vom Boden abgehoben hatten.
Da sie wehrlos waren, hatten sie jedoch nur zusehen können, wie die Vernichtungswaffen ihre Anlage zerstört und nahezu jeden von Westons Freunden und Kameraden getötet hatten. Danach war es für ihn nicht mehr in Frage gekommen, sich aus den Kampfhandlungen herauszuhalten.
Er ließ das Flugzeug erneut drehen, denn jetzt wollte er sich seinen Bestimmungsort gründlich ansehen, anstatt sich weiter in Erinnerungen zu verlieren.
Am Lagrange-Punkt 4 schwebte sein neuer Einsatzort friedlich dahin: das Raumschiff Odyssey der Nordamerikanischen Konföderation, das ihn bereits erwartete. Während er auf schnellem Anflugkurs darauf zuhielt, wartete das Schiff geduldig darauf, seinen künftigen Captain zu empfangen.
Ha, das Ding ähnelt ja tatsächlich einem alten Segelschiff. Allerdings musste Weston sich gleich darauf eingestehen, dass die Ähnlichkeit ihm wohl kaum aufgefallen wäre, hätten die Schiffskonstrukteure nicht ständig darauf hingewiesen. Man musste schon sehr viel Vorstellungskraft bemühen, um die zylinderförmig angelegten Habitate der Odyssey mit dem Schiffskörper einer Segelfregatte in Verbindung zu bringen. Der Rest war leichter zuzuordnen. Ein langer Kiel – er schien den »Boden« des Raumschiffs zu markieren – war in Wirklichkeit ein in die Odyssey eingebettetes Flugzeugträgerdeck, das Raumfähren und Kampfflugzeuge aufnehmen konnte. Und die Sensorentürme ganz oben konnte man auch als die »Masten« des Schiffes deuten. Der hintere Maschinenraum sah wie das Achterschiff einer alten Fregatte aus, und aus dem Bug ragten Antennen, die Dutzende von Metern über das Schiff hinausreichten.
»Odyssey an Archangel Null Eins: Bitte ändern Sie den Anflugvektor auf Null-Zwei-Vier-Strich-Drei. Hiermit erteilen wir die Genehmigung für den Standardanflug zu Deck zwei.« Die Stimme, die über den Empfänger des Headsets zu ihm drang, klang deutlicher, als wenn die betreffende Person unmittelbar neben ihm im Cockpit gesessen hätte.
Weston bestätigte den Empfang des Funkspruchs und lenkte den Kampfjäger auf den neuen Anflugkurs. Gleich darauf löste der einweisende Offizier auf dem Flugzeugträgerdeck die Brückenkontrolle ab. »Archangel Null Eins: Ich hab Sie auf dem Schirm«, meldete sich dessen Stimme über den knisternden Funk. Die Störgeräusche wurden durch die wechselseitigen Interferenzen der Counter-Mass-Felder rings um das Kampfflugzeug und die Odyssey ausgelöst. »Können Sie das Leitsystem zur Landung auf Deck zwei auf Ihrem Schirm erkennen? Bitte bestätigen.« »Roger.«
»Bestätigt. Die Landebahn ist frei, alles im grünen Bereich. Kommen Sie, die Luft ist rein.«
Weston lenkte die schnittige Archangel Null Eins auf den Bug der Odyssey zu und richtete sie auf das in den massiven Schiffskiel eingebettete Flugzeugträgerdeck aus. Der vordere Teil des Decks lag zum Weltraum hin offen und bot auf diese Weise Kampfjägern und Shuttles schnellen Zugang, während die schweren Seitenschleusen für das kontrollierte Andocken sorgten. Als sich das höhlenartige Innere des Trägerdecks vor die sternhellen Tiefen des Raums schob, stellten sich Weston die Arm- und Nackenhärchen auf. Diese Reaktion war ihm vertraut: Das Bodenpersonal des Trägerdecks hatte ihn mit der »Falle« erwischt, einem starken Antigravitationsfeld, das den Kampfjäger drastisch abbremste, ohne dass Weston den Nebenwirkungen der Entschleunigung ausgesetzt wurde.
Einige Minuten später stoppte der Kampfjäger, und Weston hatte ihn wieder unter eigener Kontrolle. Vorsichtig lenkte er ihn zu einem der Aufzüge an Deck. Als er einen der acht in den Kiel der Odyssey eingebauten Hangars erreicht hatte, schaltete er die Maschine aus und prüfte als Erstes instinktiv die äußere Atmosphäre. Sorgfältig glich er den Druck im Kampfjäger dem im Hangar an, öffnete die Überdachung und wartete darauf, dass sie vollständig zurückglitt. Danach löste er sich aus dem Sitz, stieß sich leicht ab und schwebte aus dem Cockpit. Während er auf die Decke des Hangars zutrieb, hörte er das widerhallende Klacken von Magnetstiefeln und blickte auf – oder, genauer gesagt, hinunter auf den Boden.
»Hallo da oben, Commander … Entschuldigung, Captain«, hallte eine fröhliche Stimme laut durch den Hangar. Zugleich sprang der Mann, dem diese Stimme gehörte, nach oben, legte einen sauberen kleinen Salto hin und schwebte zu der Stelle hinüber, wo Weston gerade die eigenen Magnetstiefel auf den Metallüberzug des Decks pflanzte.
Stephen »Stephanos« Michaels hatte als Westons Wingman seiner alten Fliegerstaffel, den Archangels, gedient, bis Weston offiziell das Kommando über die Odyssey übernommen hatte. Während des Krieges hatten Weston, Stephanos und einige Handverlesene zu den wenigen Leuten gehört, die berechtigt gewesen waren, diese speziellen Jäger zu fliegen. Die Archangels waren die einzigen Kampfflugzeuge gewesen, die es mit den neuen Angriffstypen der Luftwaffe des Blocks hatten aufnehmen können. Nachdem Weston drei Jahre lang die Staffel der Archangels befehligt hatte und der Krieg zu Ende war, hatte er die Beförderung zum Captain der Odyssey akzeptiert – in der Hoffnung auf einen Neuanfang an einem Ort, der nicht mit so vielen Erinnerungen belastet war. Weston hatte Stephanos zu seinem Nachfolger als Flugführer der Archangels bestimmt.
Stephanos hatte sich in den vergangenen Jahren kaum verändert. Er war etwas über ein Meter achtzig groß, hatte einen eindeutig regelwidrigen Haarschnitt und eine umgängliche, lässige Art. Dieser Wesenszug kam ihm besonders in den Clubs zugute, in denen er nach Dienstschluss gern verkehrte, wie allgemein bekannt war. Weston wusste, dass Stephanos schon Jahre darauf gewartet hatte, das Kommando über die Archangels zu übernehmen. Die neue Aufgabe schien ihm sehr zu gefallen.
»He, Steph.« Zur Begrüßung des Freundes tippte sich Weston an den Helm. »Wie habt ihr – du und die anderen – euch inzwischen mit dem Team hier arrangiert?«
Stephanos zuckte lediglich mit den Achseln, was bei jedem anderen albern gewirkt hätte. Doch bei ihm sah das eher so aus, als wäre ein naiver Landjunge unversehens auf einem Raumschiff gelandet. »Wir können nicht meckern.«
Weston lachte. »Aha. Das soll wohl heißen, dass sich keiner für eure Beschwerden interessiert, oder wie?«
Stephanos kicherte. Während die beiden alten Freunde nebeneinander zum anderen Ende des Hangars gingen, unterhielten sie sich über das Schiff und den neuen Auftrag. Schließlich gelangten sie zu einer kleinen Tür, die zum inneren Aufzug führte. Das kapselartige Gebilde diente ausschließlich dazu, die Besatzung der Odyssey zu den zahlreichen Schiffsebenen zu befördern. Weston drückte den Knopf für die Kommandozentrale im vorderen Habitatzylinder.
Als Weston seinen jungen Freund während der Fahrt musterte, fiel ihm auf, wie nervös Steph herumzappelte. Er hatte Verständnis dafür: Seit dem ersten Einsatz der Archangels vor acht Jahren war Steph als Wingman stets Seite an Seite mit ihm geflogen; miteinander hatten sie einige der schlimmsten Luftschlachten in der Geschichte der Menschheit durchgestanden.
Außerdem war er selbst ähnlich nervös, wenn vielleicht auch aus anderem Grund: Als erstes Raumschiff überhaupt war die Odyssey mit dem neuen Transitionsantrieb ausgestattet, der das Reisen mit Überlichtgeschwindigkeit ermöglichte. Nur wegen seiner ungemein populären Position als Flugkommandant der Archangels war Weston in die engste Auswahl für den Kapitänsposten des neuartigen Schiffs gekommen.
Als der Aufzug im Zentrum des vorderen Habitatzylinders hielt, spürte Weston, wie die Schwerkraft zurückkehrte. Nach und nach passte sich die Beförderungskapsel der Rotation des Zylinders an, dann öffnete sich ihre Luke mit einem Surren.
»O je …« Beim Aussteigen schwankte Weston kurz, und ihm war übel, da sich sein Körper erst an die Rotation gewöhnen musste.
»Das geht vorbei. Anfangs braucht das Innenohr ein Weilchen bis es sich auf die Drehung eingestellt hat.« Stephanos stützte Weston kurz mit seinem Arm.
»Weiß ich doch.« Während Weston gegen eine weitere Welle der Übelkeit ankämpfte, richtete er sich auf und betrat den Gang. »Ist ja nicht mein erster Besuch auf diesem Schiff, Steph. Ich war vor der Inbetriebnahme etwa ein Dutzend Mal hier oben – aber diese verdammte Übelkeit hat mich jedes Mal erwischt.«
Gemeinsam gingen sie auf die Kommandozentrale zu, einen großen Raum mit geschwungenen Fußböden und Decken, in dem rege Betriebsamkeit herrschte: Zwei Wartungseinheiten, die viel Platz einnahmen, überprüften vor der Jungfernreise des Schiffs zum wiederholten Male dessen Schaltkreise und jedes einzelne System.
Bei ihrer Ankunft auf der Brücke empfing sie ein großer Schwarzer in der Uniform des Ersten Offiziers. Er hatte auffällig breite Schultern, war mindestens zehn Zentimeter größer als Weston und ließ die Metallplatten unter seinen Schritten erbeben. Weston kam es so vor, als stampfte ein Riese auf ihn zu, sodass er sich kurz fragte, ob er nicht besser eine Schleuder hätte mitbringen sollen.
»Commander Michaels.« Höflich neigte der Riese den Kopf Stephanos zu, ehe er sich Weston zuwandte. »Willkommen an Bord der Odyssey, Captain. Ich bin Commander Jason Roberts, Ihr Erster Offizier.«
Weston erwiderte die Begrüßung und sah sich kurz im Raum um.
»Entschuldigung, Captain, ich will Sie wirklich nicht drängen, aber möchten Sie sich jetzt vielleicht umziehen?«
Weston schreckte aus seiner Inspektion auf, blickte auf seinen leicht verschmuddelten Reiseaufzug und den Helm, den er unter dem Arm trug, und musste grinsen. »Ich sehe wohl nicht gerade wie der Captain eines Schiffs aus, auf das die ganze Flotte stolz ist, wie? Also gut, am Besten tauschen wir wohl als Erstes die Befehlscodes aus, danach ziehe ich mich um und kehre in einer Stunde in weißer Galauniform für die Kameraaufnahmen zurück.«
»Ja, Sir.«
Roberts ging zum Kommandosessel des Captains hinüber, drückte den Daumen auf einen Scanner und bedeutete Weston, es ihm nachzutun. Nachdem auch dessen Daumenabdruck eingescannt war, leuchteten zwei Lämpchen auf. Zugleich meldete sich die Stimme des Computers.
»Übertragung des Oberbefehls initiiert. Bitte bestätigen Sie Ihre Identitäten und die Absicht, die Übertragung des Oberbefehls zu vollenden.«
»Jason Roberts, Commander der NACS Odyssey. Hiermit übertrage ich alle Zugangsrechte des Obersten Befehlshabers auf Captain Eric Weston.«
»Identifikation erfolgt und Bestätigung angenommen. Captain Weston, bitte um Ihre Identifikation und Bestätigung.«
»Eric Weston, Captain der NACS Odyssey. Bestätige die Übertragung aller Zugangsrechte des Obersten Befehlshabers auf meine Person.«
»Identifikation erfolgt. Alle Zugangsrechte wurden soeben auf Captain Weston übertragen. Willkommen an Bord, Captain.«
Weston löste den Daumen vom Scanner und blickte zu Stephanos hinüber, der inzwischen so aussah, als würde er jeden Augenblick trotz der durch Rotation erzeugten Schwerkraft vom Boden abheben.
»Also gut, Commander Stephanos, ab sofort bist du für die Archangels verantwortlich.« Weston legte eine Pause ein, damit sich Steph kurz in der Beförderung sonnen konnte, dann setzte er nach: »Bis morgen erwarte ich von dir einen vollständigen Bericht über das Geschwader – Waffensysteme, Flugstatus, Dienstpläne und so weiter.«
Stephs Lächeln gefror – vermutlich beim Gedanken an den ganzen Papierkram, den er soeben von Weston geerbt hatte. Weston grinste leicht hämisch, bis ihm einfiel, dass auch auf ihn jede Menge lästiger Schreibarbeiten wartete.
Steph hatte sich gleich wieder im Griff, salutierte lächelnd, drehte sich auf den Fersen um und machte sich auf den Weg zu seinem neuen Aufgabenbereich.
»Ich beziehe jetzt mein Quartier und bereite mich auf die Zeremonie vor, Commander Roberts«, erklärte Weston und brach gleichfalls auf. Die Offiziersunterkünfte lagen zwei Decks unterhalb der Brücke. Nachdem er seine Kabine endlich gefunden hatte – mehrmals war er auf den langen Gängen falsch abgebogen –, schälte er sich aus seinem Fliegeranzug, und der Innenisolierung und warf beides in einen in die Wand eingelassenen Korb. Bald darauf stellte er sich unter die Dusche und spülte die letzten Reste der Innenisolierung und den Schweiß des anstrengenden Flugs vom Körper und aus dem Haar.
Nach der – leider allzu kurzen – Dusche trocknete er sich ab und inspizierte seinen Schrank, in dem, wunderbar geordnet, all die Dinge lagen, die schon vor seiner Ankunft zum Schiff befördert worden waren. Anscheinend hat dieser Kapitänsposten auch seine Vorteile …
Er holte seine weiße Galauniform heraus und breitete sie auf dem Bett aus. Wie ein völlig neuer Mensch betrat er eine Dreiviertelstunde später die Kommandozentrale.
Als die riesigen Magnetmasten des Hangars das dreieckige Shuttle in der Schwerelosigkeit stabilisierten, hielt es mit kurzem Nachbeben an. Es dauerte einige Minuten, bis das Fahrzeug gesichert war. Danach schwebten seine Passagiere zum Lift hinüber, stellten sich auf die Stahlplatte, aktivierten ihre Magnetstiefel und warteten auf die Beförderung zu den unteren Ebenen. Schließlich setzte sich die Maschinerie summend in Gang, und die Kabine sank bis zum Flugzeugträgerdeck des großen Mutterschiffs hinunter, wo sie zur Verblüffung der Fahrgäste zwei bewaffnete Wachposten erwarteten. Lieutenant Sean Bermont, ehemaliger Angehöriger der Canadian Joint Task Force 2, trat als Erster vor und reichte dem Marine seinen Dienstausweis.
»Lieutenant Bermont. Ich soll mich der Kompanie dieses Schiffes anschließen«, erklärte er und zeigte dem Posten das Blatt mit dem Dienstbefehl.
Nach kurzem Blick auf Dienstbefehl und Ausweis musterte der Posten die Dienstabzeichen des Lieutenants. Gleich darauf bestätigte der Schiffscomputer die Sicherheitsfreigabe und der Marine hakte den Namen Bermont ab. »Alles in Ordnung, Sir. Der Aufzug zu den Decks mit den Habitaten befindet sich zwanzig Meter hinter ihnen. Am besten setzen Sie sich dort unverzüglich mit dem diensthabenden Bordoffizier in Verbindung.«
Bermont nickte, machte, so gut er es in der Schwerelosigkeit vermochte, auf dem Absatz kehrt und ging zum Aufzug. Er hörte noch, wie in seinem Rücken der nächste Neuankömmling Ausweis und Dienstbefehl vorwies.
Weston brach derweil zu der Pressekonferenz auf, vor der ihm geradezu graute. Nachdem Commander Roberts ihn am Eingang zur Kommandozentrale empfangen und Weston als neuer Captain alle auf der Brücke Anwesenden begrüßt hatte, wandte er sich Roberts vertraulich zu. »Ich finde, wir sollten die öffentliche Zeremonie möglichst kurz halten. Wir müssen umgehend an die Arbeit gehen«, erklärte er, denn er wollte seine neuen Anweisungen so schnell es ging in die Tat umsetzen. Wegen der Presse musste er bei der Zeremonie zwar mitspielen, fühlte sich jedoch nicht verpflichtet, auch noch Gefallen daran zu heucheln.
»Ja, Sir. Ich setze mich gleich mit Admiralin Gracen in Verbindung, dann können wir schon mal die öffentliche Übertragung vorbereiten.«
Weston umrundete den Kommandosessel und ließ sich bedächtig darauf nieder. Ha, wenigstens ist der bequemer als der Sitz in meinem Kampfjäger. Trotzdem … Irgendwie fühlt sich das seltsam an. Er rutschte ein wenig auf dem geräumigen Sessel hin und her, machte sich mit den Displays in Reichweite seiner Fingerspitzen vertraut und überprüfte mehrmals die Sicherheitsvorrichtungen. Schließlich gab er den Versuch auf, sich hier heimisch zu fühlen – so weit war er noch nicht –, und beschäftigte sich mit der vor ihm liegenden Arbeit.
Während er die Berichte der einzelnen Schiffsabteilungen kurz überflog, fiel ihm auf, dass sich bemerkenswert wenige Dokumente der taktischen Abteilungen mit den Verteidigungssystemen des Schiffs befassten. Er stieß zwar auf interne Zustandsdiagnosen der Waffensysteme, aber es waren nur theoretische Abhandlungen, die sich nicht auf den praktischen Einsatz bezogen. Als Roberts zurückkehrte, ging Weston immer noch die Abwehrsysteme durch.
»Captain, Admiralin Gracen erwartet Sie zur Verleihung des Kapitänstitels im Konferenzraum.«
»Na gut, bringen wir’s hinter uns.«
Kurz darauf nahmen Roberts und Weston den Aufzug zu einem der unteren Außendecks und machten sich auf den Weg zum Konferenzraum, wo Admiralin Gracen sie inmitten von Beratern und zahlreichen Vertretern der nationalen und internationalen Medien erwartete. Mehrere Kameras richteten sich auf Weston, als er den Raum betrat.
Admiralin Gracen war eine stolze Frau von eindrucksvoller Größe, die mit ihrer aristokratischen Haltung ganze Menschengruppen mühelos manipulieren konnte, wie sie einmal mehr bewies, als sie die Medienvertreter unauffällig in Westons Richtung dirigierte.
»Ah, Captain Weston. Treten Sie näher. Sicher brennen Sie darauf, Ihr neues Aufgabengebiet zu übernehmen.«
»Ja, Ma’am.« Weston bemühte sich um professionelles Auftreten und lächelte pflichtschuldigst, als er sich stocksteif vor die Kameras stellte. »Ich brenne tatsächlich darauf, die neuen technischen Systeme zu testen.«
»Wunderbar. Also, fangen wir an. Sind alle so weit?«
Nach allgemeiner Zustimmung wurden die Lampen gedimmt, und Gracen drückte auf verschiedene Tasten. Weston war klar, dass die Admiralin soeben die Aufzeichnungsgeräte des Schiffs aktiviert hatte, damit sie den Kommandowechsel auf der Odyssey für die militärischen Archive festhielten.
Gleich darauf beugte Gracen sich nach unten und holte aus einer Schachtel neben ihrem Sessel ein kleines goldenes Rangabzeichen aus selbsthaftendem Stoff heraus. »Eric Weston, bisheriger Kommandant der Fliegerstaffel Archangels, hiermit ernenne und befördere ich Sie zum Captain der NACS Odyssey und übertrage Ihnen alle Pflichten und Rechte dieses Amtes.«
Die Kameras fokussierten die Hand der Admiralin, die das Rangabzeichen des Captains an Westons linker Schulter befestigte. Danach trat Gracen einen Schritt zurück und schüttelte Weston die Hand. »Meinen Glückwunsch, Captain.«
»Ich danke Ihnen, Admiralin. Wenn Sie mich jetzt bitte entschuldigen würden, ich muss …«
»So einfach kommen Sie uns nicht davon, Captain! Schließlich sind Sie hier der Ehrengast, und wir müssen uns ans Protokoll halten.«
Als Weston klar wurde, dass ihm keine Fluchtmöglichkeit blieb, seufzte er innerlich. Allerdings wurden ihm anschließend so viele Würdenträger und Medienvertreter vorgestellt, dass der Rest des Abends wie im Fluge verging. Auch die Pressekonferenz stand er irgendwie durch, konnte sich später jedoch kaum an deren Ablauf erinnern. Rund die Hälfte der ihm gestellten Fragen beantwortete er mit der Floskel »Kein Kommentar«, wenn auch in etwas gewählterer Formulierung. Bei der anschließenden Party war ihm so mulmig im Magen, als hätte er drei Kampfeinsätze in Folge hinter sich. Trotzdem tat er sein Bestes, die Fluchtgedanken zu kaschieren, bediente sich anstandshalber hin und wieder am Büffet und sagte im Vorübergehen all die Dinge, die man von ihm erwartete. Zumindest entschädigte das üppige Essen die Anwesenden für Westons mangelnde Gesprächsbereitschaft.
Doch trotz aller Versuche gelang es Weston nicht, eine bestimmte Reporterin abzuschütteln.
»Captain Weston! Entschuldigung, darf ich Sie kurz stören?«
Als er sich umdrehte, wusste er bereits, wem die Stimme gehörte, fuhr aber trotzdem zusammen, als die Frau nur Zentimeter von ihm entfernt auftauchte.
»Miss Lynn, wie schön, Sie wiederzusehen.«
Sie grinste kurz. »Ganz meinerseits, Captain. Ich würde Ihnen gern noch ein paar Fragen stellen.«
»Ich bitte Sie, Miss Lynn. Ich habe Ihre Fragen doch schon beantwortet, so gut ich konnte. Viele Dinge, die die Mission der Odyssey und deren Besatzung betreffen, unterliegen der Geheimhaltung, wie Sie sicher verstehen werden.«
Die Frau bedachte Weston mit einem wissenden Blick. Ihre skeptische Miene verriet deutlich, was sie von Westons Antworten hielt. Die junge Reporterin war eine Medienvertreterin des Ostblocks, zu dem China, Teile der ehemaligen Sowjetunion, Korea, Indien und viele weitere Staaten gehörten. Dieser Block war so mächtig und so gut gerüstet, dass die Vereinigten Staaten gezwungen gewesen waren, einen neuen Verteidigungspakt mit Kanada und Mexiko abzuschließen. Zwar hatten beide Seiten vom Einsatz atomarer Waffen abgesehen, aber durch die gewaltsamen Auseinandersetzungen war die Infrastruktur aller beteiligten Staaten massiv geschädigt worden. Das war ein Hauptgrund für die Gründung der Nordamerikanischen Föderation gewesen.
Weston war dieser Reporterin schon früher begegnet, in Beijing. Seinerzeit war sein Kampfjäger abgeschossen worden, und er hatte sich quer durch gegnerisches Terrain auf die Suche nach Ersatzteilen für die Reparaturen begeben müssen. Die Einmischung dieser Frau hätte ihn fast das Leben gekostet, und er wurde das Gefühl nicht los, dass sie nur hier war, um ihn endgültig zur Strecke zu bringen.
»Captain, was meinen Sie dazu, dass das Erste, was die Menschheit zu den Sternen entsendet, ein Militärraumschiff ist?«, fragte sie provokant. »Müssen wir wirklich alle unsere Probleme mitschleppen, wenn wir unser Sonnensystem zum ersten Mal verlassen?«
Weston seufzte. »Hier ist nicht der Ort und nicht die Zeit, um philosophische Fragen zu erörtern, Miss Lynn, tut mir leid.« Auch wenn es nicht auf den ersten Blick sichtbar war, wusste er, dass sie alles mit Mikro und Kamera aufzeichnete. Also musste er jedes Wort sorgfältig abwägen.
»Aber Captain, wie steht es mit …«
Commander Roberts stellte sich zwischen Lynn und Weston. »Die Admiralin braucht Sie, Captain.«
Dankbar für die Unterbrechung zog sich Weston mit einer Verbeugung zurück. »Bitte entschuldigen Sie mich, Miss Lynn.« Während sie sich von der Reporterin entfernten, flüsterte er Roberts zu: »Vielen Dank dafür, dass Sie mich losgeeist haben.«
»Danken Sie nicht mir, Sir. Die Admiralin hat bemerkt, wie Miss Lynn um sie herumstrich, und meinte, Sie könnten vielleicht Unterstützung gebrauchen.«
Offenbar hatte Admiralin Gracen ein Näschen für heikle Situationen.
»Ich glaube, ich muss mich bei Ihnen bedanken.« Weston stellte sich neben die streng wirkende Admiralin, während sie einen Schluck Sekt trank.
Gracen musterte ihn einen Augenblick mit ernster Miene und durchdringendem Blick, ehe sie sich dazu herabließ, die Lippen zu einer Erwiderung zu verziehen. »Unsinn, Captain, ich erfülle nur meine Pflicht. Das Letzte, was die Nordamerikanische Föderation jetzt brauchen kann, wäre die Peinlichkeit, dass unser prominentester Captain in einem Exklusiv-Interview des Ostblocks in der Luft zerrissen wird.«
»Die werden in letzter Zeit immer besser darin, die öffentliche Meinung zu manipulieren, stimmt’s?« Weston verzog das Gesicht.
»Na ja … Zuerst haben sie’s mit Waffengewalt versucht und hätten fast Erfolg damit gehabt. Da lag es wohl auf der Hand, dass sie jetzt auf andere Weise probieren, Druck zu machen.«
»Tja, und Lynn ist leider viel zu gut in ihrem Job.«
»Das wundert mich nicht.« Gracen erlaubte sich ein leichtes Lächeln, das ihr strenges Gesicht merklich verschönte. »Schließlich haben wir sie ja ausgebildet.«
»Wie kommt’s, dass die fähigsten Terroristen, unsere schlimmsten Gegner und die gefährlichsten Menschen der Welt ihr Handwerk anscheinend alle bei der Nordamerikanischen Konföderation erlernt haben?«, fragte Weston. »Kann nicht wenigstens einer mal seinen Abschluss an irgendeiner obskuren Hochschule in Afrika oder sonst wo gemacht haben?«
Gracen zuckte die Achseln. »Die handeln offenbar nach dem Motto Kenne deinen Feind. Wo könnten die besser lernen, uns in die Mangel zu nehmen?«
»Aber müssen wir denn wirklich die Leute auch noch ausbilden, die uns dann in den Rücken fallen?«
»Nun ja, andernfalls hätten wir ja nicht derart detaillierte Personalakten über sie.«
Weston kicherte und gab ihr innerlich recht. »Gut gekontert, Admiralin. Trotzdem ziehe ich mich jetzt lieber aus dem Rampenlicht zurück und ruhe mich für den Rest des Abends aus. Morgen ist ein großer Tag für mich.«
Nachdem sich Weston von der Party verabschiedet hatte, machte er sich auf den langen Rückweg zu seinem Quartier. Zwar hatte er am kommenden Tag nur einen Testflug vor sich, aber er war froh, sich den Fragen und Problemen der Nachkriegspolitik nicht stellen zu müssen. Obwohl es in der Raumfahrt nach wie vor eine Art Wettlauf gab, war der Ostblock noch weit davon entfernt, die neue Technologie des Transitionsantriebs einsetzen zu können. Die Odyssey war vor allem als Prüfstand für zahlreiche technische Innovationen konstruiert worden, außerdem sollte sie die Einrichtungen des äußeren Systems vor potenziellen Angriffen des Ostblocks schützen. Doch in Anbetracht dessen, dass der Transitionsantrieb jetzt zum ersten Mal praktisch erprobt wurde, hatte Westons Einsatz zusätzliche Bedeutung bekommen. Er ging zwar nicht davon aus, dass er irgendetwas Ungewöhnliches entdecken würde, aber die geplanten Experimente würden sich mit allem Denkbaren befassen – von den langfristigen physischen Effekten der Raumreisen bis zur Suche nach Lebensformen in verschiedenen Sternensystemen.
In seinem Quartier ließ er sich sofort aufs Bett fallen. Die Diplomatie. Bis jetzt hatte sie in seiner beruflichen Laufbahn keine wesentliche Rolle gespielt. Beim Kommando über die Archangels hatte er sich vor allem mit Fliegen und Kämpfen beschäftigt, und genauso war es auch in seiner Zeit als Marineflieger im Dienst der Vereinigten Staaten gewesen. Zum Glück würde er sich nicht mehr mit diplomatischen Fragen befassen müssen, sobald er sich außerhalb des Kommunikationsbereichs der Erde bewegte, und dieser Fall würde schon bald eintreten.
Bald darauf verlangten die Ereignisse des Tages ihren Tribut und Weston schlief schnell ein.