JÜRGEN DREWS, 1933 in Berlin geboren, studierte Medizin, habilitierte sich und wurde Professor für Innere Medizin in Heidelberg und Molekulare Genetik in New Jersey, USA. Von 1970 bis 1998 leitete er die weltweite Forschung und Entwicklung großer international tätiger Pharma-Firmen, zuletzt als Mitglied der Konzernleitung bei Hoffmann-La Roche. Er ist heute freiberuflich tätig und lebt in der Nähe von München und im Tessin. 2004 erhielt er den Beckmann-Preis der American Laboratory Association für bedeutende Beiträge zur Arzneimittelforschung. Drews veröffentlichte zahlreiche wissenschaftliche Artikel und ist Autor und Herausgeber vieler Fachbücher, z.B. »In Quest of Tomorrow’s Medicines« (Springer, New York, 2000). Daneben publizierte er mehrere Romane, u.a. »El Mundo oder die Leugnung der Vergänglichkeit« (2003), »Menschengedenken« (2005), »Der Spiegelmord im Mörderspiel« (2006), »Wie wir den Krieg gewannen« (2007), »Jahresringe« (2008), »Der verschwundene Pianist« (2009), »Unter der Himmelsuhr« (2010), Wendelins Traum (2012) sowie Erzählungen und Gedichtbände.
Jürgen Drews
Das andere Gesicht
Erzählungen
Weitere Informationen über den Verlag und sein Programm unter
www.buchmedia.de
Dezember 2013
© 2013 Buch&media GmbH, München
Umschlaggestaltung unter Verwendung des Bilds
»Portrait of Edward James« (1937) von René Magritte
© VG Bild-Kunst, Bonn 2013
Printed in Germany · isbn 978-3-86520-499-8
Inhalt
Das andere Gesicht
Der Arzt als Patient
Ein Herz für Kinder
Der Todesengel
Der Verlust
Das Ebenbild
DAS ANDERE GESICHT
Sie stutzte, als sie den Mann, der nur wenige Meter von ihr entfernt ein Schaufenster betrachtete, zu erkennen glaubte, verzögerte ihren Schritt und blieb stehen. Dann musterte sie die in den Anblick irgendeines Gegenstandes vertiefte Gestalt genauer. Die Ähnlichkeit war frappierend. Er wandte ihr nur sein Profil zu, aber nach wenigen Augenblicken war sie sicher. Die gerade Stirn, die fast ohne Unterbrechung in den Nasenrücken überging, das nicht besonders ausgeprägte, aber dennoch entschlossen wirkende Kinn, der Ansatz des dunkelbraunen, jetzt mit grauen Strähnen durchsetzten Haares – er war es: Hans. Hans Delius, den sie geliebt und auf den sie gewartet hatte. Monatelang, Jahre lang, ein ganzes Leben lang. Er war gegangen, damals, und nie mehr gekommen. Auch jetzt nicht. Er ging hier nur zufällig vorbei, aber bei seinem Anblick spürte sie einen Abglanz des Gefühls von damals. Ihr Herzschlag beschleunigte sich. Und genau in diesem Augenblick, da sie sicher war, dass Hans Delius vor dem Schaufenster stand, wandte er sich ihr zu und sah sie an. Aus blauen, sich nach einer Sekunde erstaunt weitenden Augen. Er kam näher. Das Erstaunen in seinem Blick nahm zu, gipfelte für einen Wimpernschlag in einem kurzen Erschrecken. »Renate«, sagte er – seine Stimme klang dabei fast unberührt, als grüßte er eine Bekannte, die ihm täglich oder wöchentlich auf seinen Wegen durch die Stadt begegnete.
»Hans, mein Gott, entschuldige …« Renate legte die rechte Hand auf das Revers ihres Mantels, um ihren Herzschlag zu besänftigen. »Verzeih, aber das kam jetzt völlig unerwartet.« Ihr Atem ging ein wenig schneller, als sei sie gelaufen, aber dann hatte sie sich gefasst. »Du siehst aus wie damals.« Sie ließ ihre dunkelbraunen Augen über sein Gesicht wandern. Er sah gut aus. Ein paar Pfunde waren wohl hinzugekommen, denn seine athletische Figur kam ihr jetzt fast ein wenig vierschrötig vor. Der Haarschopf hatte sich ein bisschen gelichtet und wies ein paar graue Strähnen auf, aber sonst? »Wer dich vor vierzig Jahren gesehen hat, wird dich ohne Weiteres wiedererkennen.«
Der Mann vor ihr nickte. »Mir geht’s genauso. Das weiße Haar – darauf war ich nicht gefasst, es hat mich verwirrt. Aber der Rest ist wie früher.«
Jetzt standen sie nahe beieinander. Sie lächelte, reichte ihm ihre Hand. Er nahm sie, legte seine Linke auf ihren rechten Arm und zog sie näher zu sich heran. Auch in dieser Berührung erkannte sie ihn wieder.
»Hans. Und ich dachte, du seiest gar nicht mehr in Deutschland. Bist du zu Besuch hier?«
Er antwortete nicht, sondern ließ seine Blicke über ihren Kopf hinweg die belebte Straße entlangwandern. »Gibt es hier irgendwo ein Café?«
Sie wusste es nicht. »Ich komme immer nur zum Einkaufen hierher.«
»Wir finden schon etwas«, sagte Delius und wollte mit ihr weitergehen. Renate spürte instinktiv, dass sie beide dasselbe empfanden: dass diese unerwartete Begegnung mehr sein könnte als nur ein kurioser Zufall. Vierzig Jahre waren vergangen, seit sie sich getrennt hatten. Was heißt getrennt, dachte Renate, er war einfach fortgegangen. Sie hatte nie aufgehört, an ihn zu denken. Lange hatte sie geglaubt, er würde wiederkommen. Aber er hatte nie von sich hören lassen, nie geschrieben, nie angerufen. Als sie durch gemeinsame Freunde erfuhr, dass er weit weggegangen wäre, nach England zunächst und dann nach New York, hatte sie ihren Glauben aufgegeben und nur noch gehofft.
Und Delius? Für ihn hatte sich die Frau, die jetzt vor ihm stand und deren Gegenwart er als etwas Altvertrautes und ihm Zugehöriges empfand, in eine Erinnerung verwandelt, die mit den Jahren alle Schlacken, alle Schärfen und alles Dunkle abgelegt hatte und zu der seine Gedanken mit zunehmender Bereitschaft zurückkehren konnten. Was sie damals getrennt hatte, erschien ihnen in diesem Augenblick seltsam fern und unwirklich, ganz anders als ihre unverhoffte physische Gegenwart, in der sich eine vertraute Gemeinsamkeit abbildete – wie ein lange nicht mehr getragenes, aber durch Gewohnheit angenehm gewordenes Kleidungsstück, in das man sofort hineinschlüpfen konnte, um sich darin wohlzufühlen. Nein, dieser unerwartete Augenblick durfte nicht einfach vorübergehen, dachte Renate. »Gehen wir doch zu mir«, schlug sie vor, »wenn du Zeit hast?«
Was für eine Frage. Natürlich hatte er Zeit, und wenn ihm etwas im Wege stünde, würde er sich einfach Zeit nehmen. Aber davon konnte nicht die Rede sein. Er hatte sich an diesem Nachmittag durch Charlottenburg treiben lassen, durch den Teil Berlins, den er kannte, in dem er früher selbst gelebt hatte.
»Wo wohnst du?«, fragte er Renate, und die beschrieb ihm einen zur Fasanenstraße gehörigen Durchgang, in dem sich einige Geschäfte befanden und von dem aus ihre im vierten Stock eines Altberliner Mietshauses gelegene Wohnung zu erreichen war. »Es sind nur ein paar Schritte«, ermunterte sie ihn und hängte sich bei ihm ein.
Delius benötigte etwas Zeit, um sich zu sammeln. Eben noch hatte er die Schaufenster am Kurfürstendamm betrachtet, sich über die Preise einzelner Artikel gewundert und sich gefragt, wer in dieser Stadt für eine gut geschnittene Lederjacke fast zweitausend Euro und für ein Paar Schuhe immerhin ein Viertel bis ein Drittel dieser Summe auf den Ladentisch blättern würde. Er hatte sich in den kleinlichsten Verästelungen der Gegenwart befunden, und jetzt? Eine Vergangenheit, die er längst als abgeschlossen betrachtet hatte, war plötzlich Gegenwart geworden, und er war so-fort, ohne sich im Mindesten zur Wehr zu setzen, in ihren Sog geraten. Er spürte den leichten Druck von Renates Hand auf seinem Ärmel, und obwohl er einen Wollmantel trug, um sich gegen die kühle herbstliche Witterung zu schützen, meinte er, Renates Wärme durch den Stoff hindurch wahrzunehmen. Er lief neben ihr her und grübelte, wie ihr Leben wohl verlaufen war, seit er sie zum letzten Mal gesehen hatte. War sie allein geblieben? Was tat sie beruflich? Wie war es möglich, dass er nach so langer Zeit nicht die geringsten Hemmungen empfand, ihr in ihre Wohnung zu folgen?
Der Weg, den sie zu gehen hatten, war zu kurz für wichtige The-men, aber einfach schweigen konnte Renate auch nicht. So fragte sie Hans nach dem Hier und Heute. »Wo bist du abgestiegen, wirst du länger in Berlin bleiben? Kommst du öfter hierher, oder ist es das erste Mal seit damals?«
Im »Bristol« habe er sich einquartiert, antwortete er. Nein, dieser Besuch sei nicht der erste seit damals, aber fast zehn Jahre sei es wohl her, seit er zum letzten Mal hier gewesen sei. Jetzt wohne er in München. Schon lange übrigens, schon seit der Wende.
»Allein?«, fragte Renate und warf ihm einen flüchtigen Blick zu.
»Ja, jetzt wieder. Und du?«
»Auch allein.«
Was hieß das? Hatte sie immer allein gelebt oder war sie, wie er selbst, verheiratet gewesen und lebte nun wieder allein? Kein Thema für die Straße. So etwas konnte er nur fragen, wenn sie sich eine Weile angeschaut hätten und bereit wären, sich zu öffnen und die getrennten Lebenswege, die sie seit Januar 1968 gegangen waren, einander zu beschreiben. »Ist es noch weit bis zu dir?«
»Nein, da vorn, das Jugendstilportal, da geht es hinein.«
Dann traten sie in einen mit hellen Fliesen ausgelegten, geräumigen und sehr gepflegten Eingangsbereich. Sogar einen Fahrstuhl hatte man bei der Renovierung eingebaut, der sie nun in den vier-ten Stock brachte. Renate zückte ihren Schlüsselbund. Hinter der Wohnungstür hörte man trippelnde, dann kratzende Geräusche und gleich darauf ein helles, dringendes Fiepen. »Das ist Liesel«, erklärte Renate und bückte sich, als sie die Tür geöffnet hatte, zu einem offenbar noch jungen, wild wedelnden Rauhaardackel. Zunächst begrüßte Liesel Renate, dann schnupperte sie an den Hosenbeinen des Besuchers. Als der sich bückte, um sie zu streicheln und leise beim Namen zu nennen, wiederholte sie ihren Begrüßungstanz, wenn auch nicht ganz so begeistert und ausdauernd wie bei ihrem Frauchen. »Liesel ist erst seit ein paar Monaten bei mir«, erklärte Renate und streckte ihre Arme aus, um Hans seinen Mantel abzunehmen. »Ich muss schnell mit ihr raus, du kannst es dir inzwischen gemütlich machen.« Sie stieß eine Tür auf, die von der geräumigen Diele in ein großes Wohnzimmer führte. Einige der Möbel kamen Delius bekannt vor: ein Biedermeier-Sekretär, ein paar schwere Sessel, die neu aussahen, aber mit dem gleichen weinroten Samtstoff bespannt waren, an den er sich erinnerte. »Hier, setz dich oder schau aus dem Fenster in den kleinen Park. Da müssen wir jetzt hin.« Die kleine Hündin schien den Hinweis verstanden zu haben, denn sie rannte durch die offene Tür hinaus in die Diele, um an der Wohnungstür zu kratzen. »Sie hat es eilig!« Renate lief hinterher.
Delius hörte, wie sie den Hund an die Leine legte, dann war es mit einem Mal ganz still. Er sah auf die Uhr. Keine halbe Stunde war vergangen, seit er sein Hotel verlassen hatte, um über den Kurfürstendamm zu schlendern. Er setzte sich in einen der weinroten Sessel, ließ die Blicke durch den großen Raum wandern, der selbst im trüben Novemberlicht nicht dunkel wirkte. Trotzdem: Wenn er die Bilder an den Wänden genauer ansehen wollte, würde er zusätzliches Licht brauchen. Er stand auf und betätigte einen weißen Kippschalter neben der Zimmertür. An der Decke flammten die Lichter eines kleinen Kronleuchters auf. Jetzt erkannte er einige der Bilder. Die Kopie eines Rubens, ein blond gelocktes Kind, das einen auf seinem gebogenen Zeigefinger sitzenden kleinen Vogel betrachtet, daneben ein Bild von Spitzweg, von dem immer behauptet worden war, dass es echt sei. Delius erinnerte sich, dass ihm der alte Wilms, Renates Vater, versichert hatte, dies sei eine dritte Fassung des »armen Poeten«. Neben dem aus der Nationalgalerie in Berlin geraubten Werk und dem in der Neuen Pinakothek in München zu besichtigenden Bild hätte es noch eine dritte Version dieses Themas gegeben, und die sei durch einen Münchner Kunsthändler an ihn gelangt. Auch die übrigen Bilder glaubte Delius wiederzuerkennen. Eine Rubens nachempfundene Gewitterlandschaft aus dem 19. Jahrhundert und eine Felseninsel von Arnold Böcklin, vielleicht eine Vorstudie zu der berühmteren Toteninsel, vermutete er. Teure Bilder, aber nichts Neues. Das übliche bürgerliche Wohnzimmerrepertoire aus dem 19. Jahrhundert. Kein moderner Künstler, nicht einmal ein Vertreter der Sezessionsbewegungen in Berlin oder München. Dazu die einem goldenen Stoff nachgebildete Tapete, vielleicht Damast, mutmaßte Delius, figürliches Porzellan aus Meißen oder Berlin, auf einem Sockel die imponierende Büste des Preußenkönigs. Renate musste alle diese Gegenstände aus dem Haus ihrer Eltern übernommen haben. Zumindest hier in diesem Zimmer hatte sie keinen Platz für etwas Eigenes gefunden. Lebte sie immer noch in den Kulissen ihrer Kindheit? Er erinnerte sich an die erhitzten Diskussionen, die es früher zwischen ihnen über Architektur oder Fragen der Inneneinrichtung gegeben hatte. So schön er einige der Bilder und Möbel im Haus der Wilms’ gefunden hatte, so gerne wollte er sie auch mit modernen Gegenständen konfrontieren, wollte Altes aus seiner eigenen Zeit heraus sehen und beurteilen, während Renate immer einen dekorativ-historisierenden Stil vertreten hatte, in dem für neuzeitliche Möbel, Teppiche oder Bilder kein Platz war. Daran hatte sich offenbar nichts geändert, musste er sich nach diesem ersten Eindruck sagen. Erst jetzt wurde ihm die Entfernung bewusst, die zwischen dem Jetzt und dem Damals lag. Was war alles geschehen, wie viele Gesichter, Landschaften, Räume, Worte, Begegnungen hatte es seither gegeben? Hatte er das, was ihn jetzt umgab, dieses Stillstandsmobiliar, diese gepflegte Leere, diese unverbindliche Ästhetik, nicht längst aus den Augen verloren? Und mit einem Mal war diese Welt wieder gegenwärtig.
Von der Wohnungstür drangen Geräusche zu ihm. Dann kam Liesel angerannt, um ihn ein zweites Mal zu beschnuppern und danach überschwänglich zu begrüßen. Hinter ihr kam Renate, die ihren Mantel bereits in der Garderobe gelassen hatte. Sie trug einen dunkelblauen Rock und eine weiße Bluse, deren Kragen sie aufgestellt hatte, als müsse sie sich vor Zugluft schützen. Auch diese Eigenheit, immer als eine Marotte empfunden, kannte er von früher. Und auch hier hatte sich nichts geändert.
»Willst du einen Tee?«, fragte Renate.
Er schüttelte den Kopf. Renate setzte sich auf das neben seinem Sessel stehende Sofa und klopfte mit der flachen Hand auf den Platz neben sich. »Komm, setz dich zu mir.«
Delius folgte ihrer Aufforderung mit der gleichen Bereitwilligkeit, mit der er vor einer halben Stunde die Einladung in diese Wohnung angenommen hatte. Falle ich gleich wieder in die alten Schemata, fragte er sich, aber das blieb nur ein flüchtiger Gedanke. Er legte seinen rechten Arm auf die Lehne des Sofas, Renate ergriff seine linke Hand, umfasste sie mit beiden Händen und legte sie auf ihren Schoß. Wieder spürte er durch die Stofflagen, die sie trennten, die Wärme ihres Körpers.
»Ich habe mich eben ein wenig umgesehen«, sagte er. Sie schwieg, drückte nur seine Hand und wandte ihm schließlich ihr Gesicht zu. Sie war so nahe, er konnte nicht anders, als sie auf den Mund zu küssen. Am Druck ihrer Hände spürte er ihr Einverständnis. »Hans«, sagte sie leise, »es ist nicht zu fassen.«
Er lächelte etwas befangen. »Zufälle«, sagte er. »Es gibt sie wirklich.«
Renate hatte plötzlich Tränen in den Augen, ließ seine Hand los und fand in ihren Rocktaschen kein Taschentuch. »Hast du eins?«, flüsterte sie. Er nickte und fasste in seine Jackentasche. »Schön ist es nicht.« »Aber es erfüllt seinen Zweck«, sagte Renate und trocknete damit ihr Gesicht. »Entschuldige, Hans. Aber das war so …«
»Wie?«
»… das war so überwältigend. Ich hatte mir so sehr gewünscht, dich wiederzusehen.« Ein neuer Tränenschwall. »Und in einem Augenblick, in dem ich überhaupt nicht daran gedacht habe, passiert es.« Sie gab ihm sein Taschentuch zurück. Dann stand sie auf: »Komm, ich zeige dir die Wohnung.«
»Wie lange hast du sie schon?«
»Ach, wie lange …« Sie zog ihn an der Hand in die Mitte des Zimmers. »Bald, nachdem meine Eltern gestorben waren, habe ich sie gekauft.«
»Und wann war das?«
»Neunzehnhundertdreiundsiebzig. Mein Vater starb einundsiebzig und meine Mutter ein Jahr später. Damit wurde das Haus in Dahlem überflüssig. Für mich war es viel zu groß, und selbst Andreas, der damals immerhin schon verheiratet war und einen Sohn hatte, wollte es nicht. Zu groß, zu umständlich, dazu teuer im Unterhalt, außerdem mussten wir eine hohe Steuer zahlen, um darüber verfügen zu können.«
Renate öffnete eine Verbindungstür, die in einen Nachbarraum führte. »Ein Esszimmer«, sagte sie. »Erkennst du die Möbel?«
»Nicht nur das, ich fühle mich hier wie in Dahlem«, antwortete Delius. »Der Raum ist eurem alten Esszimmer wie aus dem Gesicht geschnitten: die Tapete, die Möbel, der Teppich, selbst die Stillleben an den Wänden und die Kristallschale auf der Kredenz.« Er fand diese Ähnlichkeit fast beängstigend. Immerhin war dies nicht das Dahlemer Haus, sondern ein Mehrparteienhaus in Charlottenburg. Es musste einiges an Mühe gekostet haben, um diese Ähnlichkeit herzustellen.
Sie gingen weiter. Wieder durch eine Verbindungstür in ein drittes Zimmer, in dem ein Flügel stand. »Der Steinway von damals?«, fragte Delius.
»Auf dem du früher auch gespielt hast«, bestätigte Renate. Sie öffnete das Instrument, setzte sich auf den Klavierschemel und schlug ein paar Akkorde an. Liesel, die ihnen bisher gefolgt war, blieb jetzt stehen, schüttelte sich, als Renate keine Anstalten machte, wieder aufzuhören, so energisch, dass ihre Ohren ein lautes klatschendes Geräusch erzeugten, und verließ das Musikzimmer.
»Spiel du«, schlug Renate vor und stand auf. Wieder ließ sich Delius nicht lange bitten. Immerhin schickte er seinem eigenen Spiel einige entschuldigende Sätze voraus. Er habe seit Monaten kein Klavier mehr angerührt, seine Finger seien steif, und sein Gehör habe gelitten. Aber dann klang es doch ganz gut, was er den Tasten entlockte: ein paar Takte Gershwin, Cole Porter … dann »Somewhere there’s music how high the moon« oder »I dream of you, you make me cry« … Ja, das hatte er noch in den Fingern, und über diese Themen konnte er auch noch ein wenig improvisieren, so überzeugend immerhin, dass Renate hinter ihn trat, beide Hände auf seine Schultern legte und ihre rechte Wange an sein Gesicht schmiegte. »Das hast du nicht vergessen«, sagte sie leise, als er zu Ende gespielt und die Hände von den Tasten genommen hatte. Er wollte auf diesen Ton nicht eingehen. Sein Besuch sollte nicht zu einer sentimentalen Beschwörung längst vergangener Zeiten geraten.
»Den Flügel musst du bald mal stimmen lassen«, sagte er, aber Renate war noch nicht bereit, sich von ihren amourösen Erinnerungen zu lösen. »Night and day«, bat sie, und Delius versuchte, den monotonen Beginn zu finden, der auf sehr suggestive Weise das Vergehen von Zeit simuliert, dehnte dieses Vorspiel aus, um dann in die Melodie überzugehen. »Night and day, you are the one«, sang Renate, die sich aufgerichtet hatte, aber immer noch hinter ihm stand und ihre Hände auf seinen Schultern ruhen ließ. »I dream of you night and day.« Die letzten hohen Töne erwischte sie nicht, was sie mit einem leisen Lachen quittierte. Delius stand auf, ließ den Flügel aber offen.
»Wie war das damals mit deinen Eltern?«
Renate hätte es vorgezogen, weiter in musikalischen Erinnerungen zu schwelgen, warum fragte er nur so direkt? Er spürte ihre Enttäuschung. »Entschuldige, Renate, ich wollte nicht taktlos sein …« Sie lenkte sofort ein. »Nein, nein, das kannst du ja nicht wissen. Neunzehnhunderteinundsiebzig, im Spätsommer, hatte mein Vater einen Schlaganfall, von dem er sich zunächst erholte. Aber dann Ende des Jahres hatte er einen Rückfall und starb. Und unsere Mutter folgte ihm ein Jahr später.«
»Was war die Ursache?«
»Brustkrebs. Neunzehnhundertundsiebzig entdeckt und gleich operiert, aber nicht früh genug. Sie starb an den Metastasen.« Renate gab sehr knappe Auskünfte, vielleicht sprach sie nicht gern über dieses Thema.
»Und das Unternehmen? Ist Andreas jetzt am Ruder?«
»Hast du das nicht gelesen?«
Delius war ans Fenster getreten und schaute hinunter in den kleinen Park, den Renate vorhin mit Liesel besucht hatte. Er schüttelte den Kopf. »Nein, wie sollte ich. In den USA nimmt man von solchen Ereignissen in Deutschland keine Notiz.«
»Wir haben die Firma verkauft, Andreas und ich.«
»Warum?«, wunderte sich Delius, der sich daran erinnerte, dass der alte Wilms mit seinen Waffenexporten in den Nahen Osten, nach Südafrika, nach Argentinien oder in andere Spannungsgebiete viel Geld verdient hatte. »Lief es nicht mehr so gut?«
»Doch, doch. Aber Andreas, der sich noch eine Zeit lang um das Geschäft gekümmert hatte, bekam Schwierigkeiten mit unserer Regierung. Schon damals war ein Gesetz in Kraft, das den Export von Waffen aus der Bundesrepublik in Spannungsgebiete verbietet. Damit kam er nicht zurecht. Immer wieder gab es Beanstandungen aus Bonn. Irgendwann wollte er mit Waffenhandel überhaupt nichts mehr zu tun haben, also fing er an, Maschinen zu exportieren, meistens landwirtschaftliches Gerät. Aber das war Neuland für ihn, die Verkäufe stagnierten, die Firma kam nicht vom Fleck. Schließlich bekamen wir ein sehr gutes Angebot von einem großen Handelsunternehmen – und das war’s dann.«
»Ein Sinneswandel?«
»Ja und nein.« Renate bestand darauf, dass das Waffengeschäft bereits ihrem Vater moralische Skrupel bereitet hätte. Davon war Delius nie etwas aufgefallen. Seiner Erinnerung nach war Wilms, der schon im Dritten Reich mit Waffen gehandelt hatte, ein kühl kalkulierender und von ethischen Bedenken weitgehend freier Geschäftsmann gewesen. Aber Renate wusste es anders. »Davon hast du nie etwas gemerkt. Nach außen hin war Vater immer sehr selbstsicher, konsequent und erfolgsorientiert.«
»Wohl auch opportunistisch«, fügte Delius hinzu.
»Vielleicht. Das sind wohl alle Geschäftsleute in einem gewissen Maße. Aber wir in der engeren Familie kannten natürlich seine Zweifel und wussten von seinem Wunsch, das Geschäft anders aufzuziehen. Na ja, und Andreas hat das dann schließlich getan.«
Renate trat zu Delius ans Fenster, streckte ihre Hände aus und führte ihn aus dem Musikzimmer hinaus in die Diele und in eine geräumige und gemütliche Wohnküche. »Ich mach uns jetzt einen Kaffee«, verkündete sie und füllte frisches Wasser in eine Kaffeemaschine.
»Was macht Andreas jetzt?«, erkundigte sich Delius.
»Er ist Beamter, Unterstaatssekretär für Osteuropa im Wirtschaftsministerium. Frag mich nicht nach Einzelheiten, ich verstehe nichts von solchen Dingen.« Renate stellte Kaffeegeschirr auf den Küchentisch und füllte den frisch gebrühten Kaffee in die Tassen. Sie setzten sich, auch Liesel erschien plötzlich wieder. Die Gefahr von weiteren musikalischen Darbietungen schien ja fürs Erste gebannt zu sein.
»Und du?«, fragte Delius, als sie sich gegenübersaßen. »Was hast du mit deinem Leben gemacht? – Weißt du«, fuhr er fort, als Renate nicht gleich antwortete, »diese Wohnung erinnert mich sehr an euer Haus in Dahlem. Nicht nur wegen der Porzellanfiguren, der Bilder oder auch des Flügels mitten im Musikzimmer, nein, ich meine auch den Schnitt der Zimmer, die Farben, die Stellung der Möbel zueinander, die ganze Atmosphäre eben. Ist dir das eigentlich bewusst geworden?«
Renate sah ihn an. Etwas erstaunt und fast schon unwillig. »Natürlich ist mir das bewusst. So etwas passiert ja nicht von allein. Ich wollte das so. Ich wollte eine vertraute Umgebung, dieselben Gegenstände, Proportionen, Farben, die ich schon als Kind kannte. Das Altgewohnte, Hans, das Liebgewordene.« Sie lachte amüsiert und auch ein wenig spöttisch. »Aber es ist schön, dass du das bemerkst.«
»Und du?«, fragte Delius.
»Was meinst du?«
»Ich meine dich, Renate. Wo bist du?«
Wieder lachte sie, aber dieses Mal klang es unsicher. Sie rettete sich aus der momentanen Verlegenheit, indem sie ihm eine Hand über den Tisch entgegenstreckte. »Ich sitze dir gegenüber und freue mich, dass du da bist.«
Er nahm ihre Hand, schwieg aber.
»Ich kann es immer noch nicht fassen«, sagte Renate.
Er barg ihre Hand in seinen beiden Händen und führte sie an seine Lippen. »Mir geht es genauso.«
»Aber?«
»Nichts aber.« Delius legte ihre Hand zurück auf den Tisch.
»Du wolltest etwas sagen?«
»Ich fühle mich so sehr an euer Haus in Dahlem erinnert, weil … na, das habe ich ja eben schon gesagt. Aber diese Zimmer. Das sind, jedenfalls in meinen Augen und in meiner Erinnerung …«
»Immer noch meine Eltern?«
»Ja, genau das wollte ich sagen.« Es klang etwas verlegen.
Renate lächelte ratlos. »Ich sagte doch, ich wollte es wieder genauso haben wie früher, nur etwas kleiner und ohne die Umtriebe, die ein Haus macht. Und das habe ich bekommen.«
Er nickte. »Und beruflich?«, fragte er, »was hast du da gemacht?«
»Ich war im Hotelgewerbe und habe zuletzt eines der großen Berliner Hotels geführt.«
»Welches?«
Sie nannte ihm einen Namen. »Du staunst?«
»Du hattest früher künstlerische Neigungen. Inneneinrichtungen, Dekorationen.«
»Und das konnte ich in meinem Beruf sehr gut gebrauchen.«
»Und jetzt?«
Sie strahlte. »Jetzt freue ich mich. Unbeschreiblich.«
Ihr Lächeln war immer noch ansteckend und dabei herzerwärmend. Das mussten andere doch auch so gesehen haben, dachte Delius. Mit so einem Lächeln bleibt man doch nicht allein. »Warst du nie einsam?«
Renates Gesichtsausdruck trübte sich ein. »Ich hatte immer Gesellschaft, im Beruf und auch privat. Viele meiner alten Freunde kennst du wahrscheinlich noch. Unsere Freundschaften gehen lange zurück. Aber du meinst etwas anderes?«
Delius merkte am Klang ihrer Stimme, dass sie sich einem heiklen Gebiet näherten, über das sie vielleicht nur ungern Auskunft gab. Trotzdem stimmte er zu. »Ja, ich wüsste gern, wer nach mir kam. Hast du dir nicht wieder einen Mann gewünscht?«
»Ja natürlich.« Renate zog ihre Hand zurück und schenkte ihm frischen Kaffee ein. »Und ich hatte auch immer mal wieder jemanden – in der Hotelbranche muss man sich gar nicht besonders anstrengen, es passiert fast von allein.«
»Aber geheiratet hast du nie.«
»Warum sollte ich? Das hätte doch nur Sinn gehabt, wenn ich …«
»Was?«
»Wenn ich einen wirklich geliebt hätte. Wie dich damals. Dann hätte ich auch Kinder gewollt.«
»Und das war nie der Fall?«
Sie schüttelte den Kopf. Es schien ihm, als wolle sie mit dieser Bewegung das Thema beenden, aber dann sagte sie unvermittelt: »Einmal doch. Ich glaubte es jedenfalls, und ich wurde auch schwanger.«
Also doch, dachte Delius und musste sich eingestehen, dass ihn diese Nachricht verstimmte. Ja, sie berührte ihn so, dass er seine Fragerei unterbrach und vor sich hinstarrte. Renate bemerkte die Veränderung nicht. Sie war mit der eigenen Erinnerung beschäftigt und sprach weiter: »Es war eine Tubenschwangerschaft, die nicht rechtzeitig erkannt wurde. Ich war eine Zeit lang sehr krank, bekam eine Bauchfellentzündung und wäre fast draufgegangen.«
»Und?«
»Schließlich kam ich in die Hände eines tüchtigen Gynäkologen, der mich operiert hat, und nach einigen Wochen ging es mir wieder gut.«
Delius hatte seine Verstimmung überwunden. »Und der Vater, der Mann?«, fragte er. »Ihr hättet es ja noch einmal probieren können.«
»Eben nicht.«
Delius wollte nun nicht weiter fragen, dieses »eben nicht« genügte ihm eigentlich. Seine Teilnahme galt ausschließlich Renate. Der Mann, der ihr diese Schwierigkeiten gebracht hatte, interessierte ihn eigentlich nur am Rande. Renate aber wollte die Geschichte zu Ende bringen und erzählte weiter: »Durch die Operation habe ich einen Eileiter verloren. Es stellte sich heraus, dass ich nur den einen hatte. Der andere war gar nicht richtig angelegt. Ein Geburtsfehler sozusagen.« Sie lächelte traurig. »Von da an brauchte ich mir über Schwangerschaften keine Gedanken mehr zu machen.«
»Manche Leute empfinden diesen Zustand eher als Bereicherung«, sagte er, aber als er sah, dass ihr Gesicht sich bei diesen Worten verdunkelte, reichte er ihr eine Hand über den Tisch. »Entschuldige. Eine dumme Bemerkung.«
Sie ergriff seine Hand mechanisch, so, als stellte sie eine momentan abgebrochene Verbindung wieder her, und erzählte weiter, oh-ne ihren Tonfall zu ändern. »Ja, und das war auch das Ende dieser Beziehung. Alfred, so hieß er, war ein lieber Kerl mit zum Teil sehr konservativen Ansichten. Eine große Familie mit vielen Kindern war sein wichtigstes Lebensziel. Einmal hat er gesagt, wir müssten Deutschland wieder zum Kinderreichtum der Vorkriegszeit verhelfen. Kinder waren sein Lebensziel, so wie andere Brücken bauen wollen oder von großen Erfindungen träumen. Als er begriff, dass er dieses Lebensziel mit mir nicht erreichen würde, hat er mich gebeten, ihn ziehen zu lassen.”
»Habt ihr noch Verbindung miteinander?«, fragte Delius. Eine Routinefrage. Was er über diesen Alfred gehört hatte, hatte ihm den Menschen bereits verleidet.
Aber Renates Gesicht hellte sich auf. »Bis vor einigen Jahren schickte er mir regelmäßig Glückwünsche zu meinem Geburtstag. Früher kamen in größeren Abständen auch Geburtsanzeigen, mit denen er die Fortschritte ankündigte, die er inzwischen auf dem Wege zu einer großen Familie gemacht hatte.«
»Wie viele?«, fragte Delius, nun doch interessiert.
»Sechs, glaube ich, aber genau weiß ich es nicht mehr. Immerhin plagten ihn wohl Gewissensbisse.«
»Du meinst …«
»Ja, wenn er mich schon verlassen hat, weil ich ihm keine Kinder schenken konnte, dann wollte er wenigstens zeigen, dass …«
»Dass eure Trennung nicht umsonst war?«
»So etwa«, lächelte Renate und wurde gleich wieder ernst. »Jedenfalls war mir die Liebe nach dieser Affäre verleidet, wie du dir denken kannst. Es ist mir nicht schwer gefallen, mich auf meinen Beruf zu konzentrieren. Ich kam schnell voran und fühlte mich als Karrierefrau auch ganz wohl. Also keine Affären mehr, dafür viel Arbeit, Bekanntschaften, die sich meistens auch um den Beruf drehten. Beansprucht werden, ja, das habe ich genossen. Das Gefühl, dass andere mich brauchen.«
Sie schenkte Delius einen prüfenden Blick, als wolle sie erforschen, ob er diese Art von Genugtuung in seinem Leben ebenfalls erfahren hätte. Er hielt ihrem Blick stand, äußerte sich aber nicht.
»Und Erinnerungen«, sagte Renate. »Aber dass Erinnerungen noch einmal so lebendig werden können, das hätte ich nie gedacht.« Sie sah ihn an, während sich auf ihrem schönen Gesicht eine Mischung aus Verwunderung und Entzücken abbildete. »Nie«, sagte sie noch einmal zur Bekräftigung.
Die Emphase, mit der Renate diesen letzten Satz gesprochen hatte, war ihm fast unangenehm, weil seine eigenen Empfindungen in ruhigeren Bahnen verliefen. Zum Glück wurde Liesel, die unter dem Küchentisch gelegen hatte, an dieser Stelle wach und beanspruchte Zuwendung, bevor sie ihr Nickerchen fortsetzte.
»Und wie ist es dir ergangen?«, fragte Renate nach dieser Pause.
»Ja, wie«, sinnierte Delius und fing dann an zu erzählen, zuerst stockend, dann lebendiger und in rasch aufeinanderfolgenden Sätzen. Von seinem Aufenthalt in England erzählte er, von der Universität in Bristol, an der ihn ein junger Professor in die Geheimnisse der molekularen Mikrobiologie eingeführt hatte. Dann von seinem Sprung über den Atlantik nach New York an die Columbia-Universität, wo er auch wieder klinisch gearbeitet hatte. »Ich hatte viel nachzuholen in diesen ersten Jahren«, erzählte er und sah Renate dabei an, als wollte er schon im Voraus Abbitte leisten für alles Kritische und Negative, was jetzt kommen sollte. »Nach der deutschen Enge, der Bürokratie in der Berliner Klinik und den eher dürftigen Arbeitsbedingungen, die kaum Zeit für die Wissenschaft ließen, von den räumlichen und apparativen Voraussetzungen ganz zu schweigen, kam mir bereits Bristol wie eine Befreiung vor. Danach war Columbia noch einmal eine Steigerung.«
Er erwähnte seine Klinik in München, die ihm heute beides erlaube, klinisches und wissenschaftliches Arbeiten, kehrte dann aber wieder zu seinen früheren Erfahrungen in Deutschland zurück. Von der damals weit verbreiteten Technikfeindlichkeit sprach er, von der vergrübelten Neinsagerei zu neuen wissenschaftlichen Entwicklungen, zur Gentechnik zum Beispiel. Er bemängelte die kleingärtnerische Verbissenheit und die Vergangenheitssucht der Älteren und die Unbeweglichkeit und Beschränktheit vieler Jüngerer. »Ich kam mir vor wie in einem Gefängnis«, fasste Delius seine Erinnerungen an die Fünfzigerjahre zusammen. Renate wollte seine Aussage so allgemein nicht gelten lassen und fragte ihn: »Du hast dich bei mir eingeengt gefühlt, nicht wahr?«
Sie waren nun wirklich bei einem heiklen Thema angekommen, und deshalb wich Delius zunächst aus. »Weniger bei dir als in dem Haus deiner Eltern, in dem du ja damals noch wohntest.« Das war keine eindeutige Antwort. Aber was half’s, er musste heraus mit seiner Wahrheit. Er lächelte resignierend. »Stell dir doch vor, wie das aus meiner Sicht wirkte: Ein autoritärer Vater, der angesichts seines Erfolges nicht einsehen wollte, dass seine Augsburger Firma etwas Verwerfliches, zumindest Fragwürdiges tat, wenn sie die Israelis und die Palästinenser gleichzeitig mit Waffen belieferte, eine Mutter, die immer noch an eine internationale Verschwörung der Juden, Freimaurer und Jesuiten glaubte, und …« Er atmete tief ein und aus. »Eine Tochter, die um des lieben Friedens oder um der häuslichen Ordnung, vielleicht aber auch nur um der Bequemlichkeit willen so tat, als sei das alles so in Ordnung.« Er schwieg.
In diese Pause hinein fragte Renate mit Verwunderung in der Stimme: »War das wirklich so?«
Delius lehnte sich auf seinem Stuhl zurück, sah sie aber nicht an, als er leise weitersprach. »Ja, Renate, das war so, und es hat mich gequält.« Er starrte vor sich auf den Tisch und hob nur für kurze Augenblicke den Kopf. »Ich liebte dich, und ich brauchte dich auch, weil ich ja selbst kein Zuhause mehr hatte, meine Eltern lebten ja nicht mehr. Aber immer stärker spürte ich, dass ich dieses Milieu, in dem du dich so wohl und geborgen fühltest, auf die Dauer nicht ertragen würde. Und eines Tages waren mein Widerwille und mein Abscheu größer als mein Wunsch, dich zu behalten. Du erinnerst dich, dass ich einige Male angeregt habe, dass wir zusammenziehen, um für uns zu sein. Andere haben das ja auch getan und es schließlich auch geschafft.« Wieder entstand eine Pause. »Aber das wolltest du nicht. Die beiden Alten würden das nicht verstehen, hast du gesagt und dabei auf Andreas verwiesen, der damals bereits von zu Hause wegstrebte. ›Das kann ich den Eltern nicht antun‹, hast du gemeint. Also habe ich weitergemacht, bis ich eines Tages nicht mehr konnte.«
»Geduld war nie deine starke Seite«, sagte Renate, aber es lag kein Vorwurf in ihrer Stimme. Jetzt richtete Delius sich auf und sah sie an. »Oh doch, Renate, damals hatte ich unendlich viel Geduld – so kam es mir jedenfalls vor. Aber lass mich die Frage umdrehen: Hattest du nicht zu viel Geduld? Du hast einfach abgewartet.«
Renate nickte. »Das habe ich, ja. Weil ich damals schon wusste, dass sich die Probleme, die du eben geschildert hast, von allein lösen. Die Eltern werden alt, verlieren an Einfluss, eines Tages sterben sie; in deinem Fall geschah das sechs oder sieben Jahre, nachdem du gegangen warst, und mit einem Mal ist ein Konflikt, den du für unüberwindbar gehalten hast, gegenstandslos geworden.«
»Sechs oder sieben Jahre sind eine lange Zeit für junge Leute, die ihr Glück machen wollen. Außerdem geht es nicht darum, dass Konflikte sich von alleine lösen, sozusagen durch Autolyse.«
»Worum geht es denn?«
»Darum, dass man etwas aktiv überwindet, dass man began-gene Fehler eingesteht und sich ändert, darum, dass man etwas Altes, Abgelebtes, das sich als falsch erwiesen hat, hinter sich lässt.«
»So warst du immer.« Renate sagte es mit einem Ton, in dem sich Belustigung und Zuneigung die Waage hielten. »Diese aktive Überwindung ist doch nur in wenigen Fällen wirksam.« Sie stand auf, ging zum Küchenschrank und füllte Gebäck in eine Schale, die sie auf den Tisch stellte. Sie setzte sich wieder. »Schau dich doch um in unserer Gesellschaft, in unserem Land, Hans. Wodurch ist denn diese Atmosphäre entstanden, die unsere Welt so von der Welt unserer Eltern und Großeltern unterscheidet. Durch aktive Überwindung? Durch das Eingestehen von Fehlern?«
Delius antwortete nicht, sondern griff nach einem Schokoladenkeks.
»Ich will dir sagen, wodurch«, fuhr Renate fort. »Durch Gewohnheit. Die Alten, die sich nicht mehr umgewöhnen konnten, sind tot, und die Jüngeren haben die neuen Regeln gelernt und befolgen sie, weil es ihnen ganz gut dabei geht. Und die ganz Jungen wissen gar nicht, dass die Welt einmal ganz anders funktionierte als heute.« Sie hielt einen Augenblick inne, während Delius kaute und sich einen neuen Keks nahm. »Ich nehme mich selbst nicht aus, Hans«, sagte Renate. »Ich habe auch umgelernt. Meine Eltern sind nie zu einer Wahl gegangen, weil sie fest davon überzeugt waren, dass alles nur ein abgekartetes Spiel wäre. Am Ende würden immer dieselben Leute gewinnen. Wir, Andreas und ich, sind diesem Beispiel lange gefolgt, bis der Einfluss der älteren Generation nachließ, wir selbst im Beruf standen, andere Meinungen hörten und Erfahrungen sammelten, die nicht zu dem passten, was wir zu Hause gehört hatten. Und dann haben wir uns angepasst. Schlicht und einfach. Umgewöhnt haben wir uns, das war das ganze Geheimnis. Und das geht immer so weiter, überall, nicht nur bei uns.«
Sie ist noch wie damals, dachte Delius. Sie orientiert sich an dem, was gerade ist, was naheliegt, nicht an dem, was sein sollte oder müsste und was vielleicht noch fernliegt. Allmählich würden vorhandene Markierungen durch neue ersetzt, aber das dauerte und dauerte … Es nahm eben Zeit in Anspruch, viel Zeit. Also musste man abwarten.
»Aber woher kommen denn die neuen Vorbilder, Werte, Beispiele, an denen sich Menschen orientieren? Irgendwer muss doch einmal sagen: Hier geht’s lang, das sind die neuen Regeln, nach denen gespielt wird.«
Renate zuckte die Achseln. »Das weiß ich nicht, ist das überhaupt wichtig?« Sie schaute ihn an, etwas geistesabwesend. »Es sind die Umstände, technische Veränderungen, demografische Verschiebungen … so nennt man das doch?«
»Nicht einzelne Menschen?«
Renate blickte ungläubig. Dann schüttelte sie den Kopf. »Das mag einem so vorkommen. Vielleicht steht es auch so in manchen Geschichtsbüchern, aber es stimmt nicht. Es kann nicht stimmen. Die großen Veränderungen sind die Summe von etwas, verstehst du? Die Summe von vielen Einzelvorgängen.«
»Und was ist mit den großen Erfindern oder Entdeckern, mit Robert Koch oder Thomas Edison zum Beispiel, oder mit Politikern wie Thomas Jefferson?«
»Ach, Hans.« Renate stand auf, stellte sich hinter Delius und legte ihm beide Hände auf die Schultern wie vorhin, als er am Klavier gesessen hatte. »Wenn Robert Koch den Tuberkuloseerreger nicht gefunden hätte, dann wäre ein anderer gekommen und hätte es getan. Und Edison. Was hat der entdeckt? Das Telefon, glaube ich, und die Glühbirne. Die Zeit war eben reif für so etwas. Und dein Thomas Jefferson. Meinst du, die USA wären ohne den nicht entstanden? Du willst, dass die Welt von einzelnen Personen gemacht wird. Nur so kannst du glauben, dass etwas in deinem Sinn verändert werden kann. Aber so ist es nicht. Du stehst immer gegen eine riesige Masse, gegen Stimmungen, die von Millionen erzeugt und getragen werden. Der Einzelne kann da überhaupt nichts ausrichten. Du kannst nur versuchen, mit dem Leben davonzukommen. Und das ist schon schwer genug.« Sie seufzte.
»Wie hältst du das aus?«, fragte Delius, nachdem er einen Moment geschwiegen hatte, »ein Leben, dem man sozusagen ausgeliefert ist?«
»Man versucht, sich ein sicheres Nest zu schaffen, und man nimmt sich in Acht.«
»Nicht auffallen?’
»Auf keinen Fall.« Sie lachte. »Aber wie schaffst du es, von einem Ort zum nächsten zu ziehen, von Berlin nach London, dann nach New York, jetzt nach München und wer weiß, wo du noch überall warst. Diese Ruhelosigkeit, überall versuchen, etwas zu erreichen und womöglich zu ändern. Das ist doch viel schwerer als mein Abwarten.«
»Anstrengend ist es schon«, gab er zu, »aber man bekommt auch etwas für die Anstrengung.«
»Was?«
»Du kriegst eine Idee von der Vielfalt der Welt, von der Unterschiedlichkeit der Lebensweisen und Ansichten.«
Renate ließ es dabei bewenden. Sie zog ihn von seinem Stuhl und umschlang seinen Hals. »Jetzt drück mich mal ganz fest, damit ich weiß, dass du auch wirklich da bist, und dann erzählst du mir von deinem aufregenden Leben.«
Er tat, was sie wollte, spürte ihren Körper an seinem eigenen und wunderte sich über ein Gefühl der Fremdheit, das ihn dabei beschlich. Das war nicht mehr die schlanke und biegsame Gestalt, an die er sich erinnerte. Noch während er sie umarmte, dachte er an andere Frauen, die er so gehalten und an sich gedrückt hatte, nachdem er aus Berlin weggegangen war. Irgendwie ist es doch immer dasselbe, musste er sich sagen und überlegte, ob er ihr davon erzählen sollte. Aber da kam sie ihm schon zuvor. »Ich zeige dir den Rest der Wohnung, und dann setzen wir uns wieder nach drüben und du erzählst weiter von dir. Vierzig Jahre!«
Sie öffnete eine Tür, hinter die er noch nicht geblickt hatte. »Davon möchte ich gern mehr erfahren, als du bisher von dir gegeben hast«, sagte sie.
Sie traten in ihr Schlafzimmer, dessen Wände dunkelblau tapeziert und dessen Fußboden mit einem Spannteppich in genau dem gleichen Farbton ausgelegt war, sodass der Raum wirkte wie eine samtige, dunkle Kapsel. Wenn Delius nach Renates Erzählungen und Äußerungen schon den Eindruck von einer scheuen und defensiven Lebensführung erhalten hatte, dann bot der Anblick dieses Schlafzimmers eine überzeugende Bestätigung für diesen Eindruck.
»Das Schlafzimmer als Fluchtort?«, fragte er und bemühte sich, nicht ironisch zu klingen. Aber Renate beantwortete seine Frage ganz arglos. »Ich brauche diese Dunkelheit, den sanften Farbton, das Abgeschlossensein. Die Welt bleibt draußen«, sagte sie und lächelte. Offenbar empfand sie keine Spur von Verlegenheit.
Sie gingen weiter. Auch das Gästezimmer war in dem Stil gehalten, den Renate aus dem Haus ihrer Eltern übernommen hatte. Schließlich saßen sie wieder auf dem Sofa im Wohnzimmer, nebeneinander, wie während der ersten halben Stunde seines Besuches.
»Und nun erzähl du«, drängte Renate. Er holte tief Luft und fing dann an, in kurzen, sehr allgemein gehaltenen Sätzen die Phasen seines Lebens zu skizzieren, von denen Renate keine Kenntnis haben konnte. Was er dabei über das Leben in Bristol oder New York, die Universitäten und Krankenhäuser in diesen Städten oder die unterschiedlichen Lebensweisen von sich gab, konnte Renate nicht wirklich interessieren. An kleinen Bewegungen spürte er ihre steigende Ungeduld, er wollte irgendwie zum Kern der Sache kommen, zu dem, was man den roten Faden oder den Sinn des Lebens nennt, aber er hatte Mühe, die Teile seiner Erzählung zu einem Bild zusammenzufügen, das ihr etwas sagte. Warum ist das so, fragte er sich, während er stockend und in unbeholfenen Sätzen weitersprach. Warum rede ich so unzusammenhängend daher? Und plötzlich fiel ihm ein, dass er zum ersten Mal in seinem Leben versuchte, den Verlauf seines Lebens, das Schicksal seiner Hoffnungen und Befürchtungen offen und einigermaßen vollständig darzustellen. Nicht einmal vor sich selbst hatte er jemals zusammenhängend so etwas wie Rechenschaft abgelegt. Während dieser Gedanke sich in ihm ausbreitete, empfand Delius Scham und einen steigenden Widerwillen gegen sich selbst. Seine Erzählung geriet ins Stocken. Schließlich schwieg er und schüttelte aus Verwunderung über sein eigenes Versagen den Kopf. Er fühlte sich erschöpft, obwohl doch gar nichts geschehen war, was ihm zu einer solchen Reaktion Anlass gegeben hätte. Oder war doch etwas geschehen?
»Warst du verheiratet?«, fragte Renate.
Er nickte. »Ein paar Jahre lang.«
»Und?«
»Es funktionierte nicht«, antwortete Delius und überlegte wieder einmal, warum seine Ehe mit Jennifer Cooley, der Biologin aus Berkeley, nicht »funktioniert« hatte.
»Sie war das genaue Gegenteil von dir«, sagte er und musste sich sofort fragen, ob dieser Satz zuträfe. »Nein, das stimmt nicht«, berichtigte er, »ich bin wohl ungenau. Siehst du, das ist meine Schwäche. Ich habe kein genaues Bild von meinem Leben. Vor allem betrifft das Menschen, Jennifer zum Beispiel. So hieß die Frau, von der ich dir erzählen wollte. Oder auch nicht erzählen wollte. Aber du hast mich gefragt. Also Jennifer war oder ist ein paar Jahre jünger als ich – drei Jahre genau, und sie ist nicht in allem genau das Gegenteil von dir. Im Aussehen zum Beispiel kommt sie dir nahe. Ihr angelsächsischer Name verbirgt ihre latinische Abstammung, ihre Mutter war eine Peruanerin, aber eigentlich stammten ihre Vorfahren aus Italien, bis auf den Herrn Cooley, der irgendwann in die Familie eingeheiratet hat und seinen Namen beisteuerte. Im Wesen ist Jennifer anders als du. Sie ist impulsiv, wo du dich eher zurückhältst – oder abwartest.«
Er lächelte, als er den Druck ihrer Hand spürte. »Ihr Biologiestudium, das recht anstrengend war und viel Zeit beanspruchte, hat sie nicht davon abgehalten, die Vorlesungen von Herbert Marcuse zu hören und sich in der Studentenbewegung der späten Sechzigerjahre besonders hervorzutun. Neugierig, erpicht auf Veränderungen, ruhelos, ungeduldig, so habe ich sie in Erinnerung behalten. In diesen Eigenschaften war sie wohl wirklich das Gegenteil von dir. Auch in ihrer Streitsucht … du bist ja eher friedfertig.«
Wieder freute er sich über einen anerkennenden Händedruck von Renate. »Jedenfalls fand ich bei ihr nie die Ruhe und den Ausgleich, die ich suchte. Besonders in New York hätte ich das brauchen können. Also, das passte einfach nicht zu mir, und als ich dann die Stelle in München bekam und Jennifer mich auf einer meiner Vorstellungsreisen begleitete, wurde zuerst ihr und dann auch mir klar, dass sie nie in München leben könnte. ›Never ever!‹ Ich höre noch die emphatischen Ausrufe, mit denen sie meine gut gemeinten Aufforderungen quittierte, es doch wenigstens einmal zu versuchen. Jennifer fand, dass ihre Fähigkeit zur Anpassung an fremde Lebensweisen mit der Übersiedlung nach New York bereits überstrapaziert worden sei. München? Nein, das ginge auf keinen Fall. Sie sei schließlich keine Cinderella, die sich in dieser Märchenstadt wohlfühlen könnte. Demnächst würde ich ihr vielleicht einen Umzug zu Schneewittchen hinter den sieben Bergen bei den sieben Zwergen empfehlen. Was denn mit mir los sei? Von ihr einmal abgesehen. Wie ich denn dazu käme, in einem so muffigen katholischen Kaff leben zu wollen.«
Delius schwieg. Dann nahm er einen neuen Anlauf. »Jetzt weißt du, was ich meinte, als ich behauptete, sie sei das Gegenteil von dir. Sie lebt eigentlich immer nur in der Zukunft. Die Gegenwart war immer schon Vergangenheit und eigentlich reif, um in den Abfall geworfen zu werden. Wir haben uns über meinen Wunsch, wieder nach Europa zurückzukehren, heillos zerstritten.«
Er überlegte, noch immer nicht zufrieden mit seiner Schilderung. »Im Grunde aber ging es um etwas anderes.«
Renate hatte zuletzt aufmerksam zugehört. »Worum ging es denn?«, fragte sie.
»Jennie hatte fast anarchische Bedürfnisse. Ihre Vorstellung von Freiheit, worunter sie in erster Linie die Freiheit des persönlichen Ausdrucks empfand, kannte kaum Grenzen. Ständig geriet sie deshalb in Konflikte mit anderen Menschen, die sich nach Auseinandersetzungen mit ihr gekränkt zurückzogen. Sie liebte es, in Gesellschaft Eklats zu provozieren, aber wenn es dann still und einsam um sie wurde, beklagte sie sich über die Empfindlichkeit ihrer Zeitgenossen. Sie beanspruchte für sich den Umgang mit intelligenten Leuten, benahm sich zuweilen aber wie … wie ein Kutscher, nein, eben wie ein Kind der Achtundsechziger-Bewegung. Den relativen Luxus, den sie bei mir genoss, nahm sie gern an. Das hinderte sie jedoch nicht daran, die Menschen, die imstande sind, Luxus oder zumindest einen gewissen Lebenskomfort für sich und andere zu erzeugen, anzugreifen und ihre Lebensweise zu diskreditieren.« Delius hielt inne, um zu sehen, wie Renate auf seine Schilderung reagierte. Die jedoch schien Mühe zu haben, sich diese Frau und ihre Beziehung zu Hans vorzustellen. »Ich verstehe«, sagte sie, aber ihr Gesichtsausdruck schien eher von Zweifeln geprägt.
»Ich mochte Jennie«, versuchte Delius zu erklären, »aber irgendwie war ich vom Regen in die Traufe gekommen. Entschuldige«, fügte er schnell hinzu, als er bemerkte, dass Renate die Lippen schürzte – was bei ihr, das wusste er, ein Zeichen von Gekränktheit war. »Ich mochte sie und hatte doch wieder ein grundsätzliches Problem … so, wie ich es damals mit dir zu haben glaubte.«
Renate hatte sich wieder gefangen. »Vielleicht siehst du deine sogenannten Probleme etwas verzerrt?«, fragte sie und rückte dabei näher an ihn heran.