Von James Dashner ebenfalls erschienen:
Die Auserwählten – Im Labyrinth (Teil 1)
Die Auserwählten – ln der Brandwüste (Teil 2)
Ein Chicken House-Buch im Carlsen Verlag
© der deutschen Erstausgabe by CARLSEN Verlag GmbH, Hamburg 2013
© der amerikanischen Originalausgabe by Delacorte Press, an imprint of Random House Children’s Books, a division of Random House, Inc., New York, 2011
In Great Britian published 2012 by The Chicken House, 2 Palmer Street, Frome, Somerset, BA11 1DS
Text © James Dashner, 2011
The author has asserted his moral rights. All rights reserved.
Originaltitel: The Death Cure
Umschlagbild: Shutterstock / Algol
Umschlaggestaltung: Henry’s Lodge, Vivien Heinz
Kapitelvignette: Shutterstock / LudmilaM
Aus dem Englischen von Anke Caroline Burger und Katharina Hinderer
Lektorat: Christin Ullmann
Layout und Herstellung: Tobias Hametner
Lithografie: Margit Dittes Media, Hamburg
Satz und E-Book-Umsetzung: Dörlemann Satz, Lemförde
ISBN 978-3-646-92487-9
www.chickenhouse.de
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James Dashner wuchs in einer Kleinstadt in Georgia, USA, auf. Der dichte Wald in dieser Gegend lieferte ihm bereits als Kind viele Ideen für seine späteren Geschichten. Nach seinem Studium arbeitete James zunächst in der Wirtschaft. Doch schon bald fühlte er sich als "kreativer Mensch im Körper eines Buchhalters" gefangen und wandte sich dem Schreiben zu. Seitdem ist er Autor zahlreicher Bücher. Seine Trilogie "Die Auserwählten" eroberte in den USA auf Anhieb die Bestsellerlisten und zieht die Fans nun auch im Kino in ihren Bann: Der erste Band wurde von 20th Century Fox verfilmt, unter anderem mit Dylan O’Brien und Thomas Brodie-Sangster in den Hauptrollen. James Dashner lebt mit seiner Frau und seinen vier Kindern inmitten der Rocky Mountains, behauptet er zumindest. Weitere Informationen unter: www.jamesdashner.com
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Anke Caroline Burger, geboren 1964 in Darmstadt, studierte Amerikanistik, Germanistik und Publizistik in Berlin und Texas. Sie übersetzt seit 1992 aus dem Englischen, vor allem Literatur aus Indien, den USA und Kanada. Nach über sieben Jahren in San Francisco lebt und arbeitet sie jetzt in Berlin-Kreuzberg und Montreal, Kanada.
Leseprobe:
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Kapitel 2 Alice Hicks sieht sogar gut aus, wenn sie auf dem Boden liegt und heult. Wenn ich heule – was zugegebenermaßen alle fünfzig Jahre mal vorkommt –, sehe ich total fertig aus. Knallrotes Gesicht. Winzig kleine Schweinsäuglein und Schnoddernase. Schön auszusehen, während man ein Trauma erlebt, ist wirklich eine Himmelsgabe. Wenn das hier also Ernst ist, dann bin ich nicht bloß geschockt, dann bin ich beeindruckt.
»Tot?«, frage ich. »Was redest du da?«
»Deine Freundinnen sind tot?« Smitty lehnt sich lässig im Fahrersitz zurück. »Das fällt dir erst jetzt auf?«
»Es stimmt!« Ihre Stimme ist ganz zittrig vom Schluchzen. »Im Café. Geht’s euch doch ansehen, wenn ihr mir nicht glaubt!«
»Alles klar.« Smitty springt vom Sitz auf.
»Nein!« Alice drückt sich hoch und sieht ihn an. »Ihr dürft da nicht raus!« Ihre Beine geben nach und sie bricht wieder auf den Stufen zusammen.
»Wieso nicht?« Smitty ist wenig beeindruckt.
»Bleib hier!«, kreischt sie.
Smitty hält sich die Ohren zu und macht eine schmerzerfüllte Grimasse.
Bloß, wie Alice da in ihrer zitronengelben Jogginghose auf den Stufen liegt – den schmutzigen, nassen Stufen … Das ist keine Show, sie glaubt wirklich daran.
Ich schiebe Smitty beiseite und halte ihr eine Hand hin. »Komm, setz dich hierher. Hast du dir wehgetan?«
»Lass ihn bloß nicht an die Tür ran!«, schluchzt Alice und macht sich auf den Stufen breit. Erstaunlich, trotz ihrer Tränen und der babyblauen Skijacke macht sie den Eindruck, als ob man nur schwer an ihr vorbeikommt.
»Okay, dann setzt er sich da drüben hin.« Ich zeige auf einen Sitz ein paar Reihen weiter hinten und sehe Smitty an.
»Ach ja, tu ich das?«, fragt er.
»Ja. Tust du.« Ich beiße die Zähne aufeinander wie jemand, mit dem wirklich nicht zu spaßen ist. Smitty verzieht das Gesicht, fügt sich aber zu meinem Erstaunen. Und noch mehr staune ich, als Alice zulässt, dass ich ihr in einen Sitz helfe. »Und jetzt hol mal tief Luft.« Ich atme selber tief durch. »Und erzähl uns, was du gesehen hast.«
»Ich sag doch, sie sind alle tot.« Sie mahlt mit den Zähnen. »Ich war im Café und bin auf die Toilette gegangen – ja, sogar ich muss da mal hin, Smitty«, knurrt sie, bevor er etwas sagen kann. »Und als ich wieder rausgekommen bin, haben alle irgendwie so quer über den Tischen gelegen … als ob sie eingeschlafen wären. Zuerst dachte ich, das soll irgendein lahmer Witz sein.« Ihre braunen Augen blitzen verächtlich. »Ich meine, hallo, très peinlich, aber dann bin ich rüber zu Libby und Em und Shanika gegangen und hab Em geschüttelt und sie ist runter auf den Boden gefallen.« Ihr Gesicht verzieht sich und dann kommen neue Tränen. »Sie hat nicht geatmet. Niemand hat geatmet!«
»Weißt du das genau?« Ich muss das einfach fragen.
»Und ob ich das genau weiß!«
»Was ist passiert?« Ich kauere mich neben sie. Das kommt so rüber, als ob ich mitfühlend wäre, aber in Wirklichkeit geben meine Knie nach. »Sind sie krank geworden oder so?«
»Woher soll ich das wissen?«, schreit Alice. »Sie haben da alle einfach nur gelegen, die ganze Klasse!«
»Und die anderen alle? Die Kellner, die anderen Leute im Café?«
»Alle tot.« Ein Zittern durchläuft sie. »Auf dem Boden, auf den Stühlen, hinter den Tresen.«
»Mr Taylor und Ms Fawcett?« Ich sehe Smitty an, als wäre er plötzlich der Vernünftige hier. »Wir müssen sie finden.«
»Nein!«, kreischt Alice. »Mr Taylor war auch dort im Laden. Ich hab ihn gesehen, als er bei den Sandwiches stand.«
Puh. Die Weltordnung ist wiederhergestellt. »Hat er Hilfe holen wollen?«
Alice schüttelt den Kopf. »Ich bin zu ihm gelaufen. Er hat sich umgedreht … sein Gesicht sah voll eklig aus. Er hatte ganz komische Augen, total rot …«
»Der hat doch gerade Männergrippe«, sagt Smitty verächtlich.
»Viel schlimmer!« Sie macht eine effektvolle Pause. »Er war auch tot.«
»Was?«, frage ich.
»Er hat mich packen wollen«, sagt Alice. »Ich bin weggelaufen … nach draußen … er hat versucht mich zu kriegen.«
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Dieses Buch ist meiner Mutter gewidmet – dem besten Menschen der Welt.
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Es war der Gestank, der Thomas langsam, aber sicher in den Wahnsinn trieb.
Nicht die Tatsache, dass er seit über drei Wochen allein war. Nicht die kahlen, weißen Wände, die weiße Decke oder der weiße Boden. Nicht etwa, dass es keine Fenster gab und das Licht nie ausgestellt wurde. Nichts von alledem machte ihn verrückt. Die Uhr hatten sie ihm weggenommen; zu essen bekam er dreimal am Tag dasselbe – eine Scheibe Fleisch, Kartoffelbrei, rohe Karotten, eine Scheibe Brot, Wasser. Niemand redete mit ihm, niemand betrat seine Zelle. Keine Bücher, keine Filme, keine Spiele.
Absolute Isolation. Seit über drei Wochen, auch wenn ihm mittlerweile Zweifel daran gekommen waren, wie gut er den Verlauf der Zeit überhaupt noch einschätzen konnte. Er versuchte zu erahnen, wann es dunkel wurde, und schlief nur zu normalen Zeiten, oder was er dafür hielt. Die Mahlzeiten gaben ihm einen gewissen Anhaltspunkt, auch wenn sie nicht regelmäßig serviert wurden. Es war, als sollte ihm jegliche Orientierung genommen werden.
Allein. In einer gepolsterten Zelle. Keine Farben – die einzigen Ausnahmen: eine kleine, in der Ecke versteckte Toilettenschüssel aus Edelstahl und ein alter Holztisch, mit dem Thomas nichts anfangen konnte. Allein in unerträglicher Stille mit unendlich viel Zeit, um über die Seuche nachzudenken, die sich in ihm festgekrallt hatte: Der Brand, dieser lautlos sich ausbreitende Virus, der das Gehirn langsam, aber sicher zerstörte. So weit, bis sein menschliches Wesen vollkommen vernichtet war.
Nichts von alledem machte ihn verrückt.
Aber er stank, und aus unerfindlichen Gründen brachte das seine Nerven fast zum Zerreißen. Es schien, als würde er jeden Augenblick durchdrehen. Er konnte sich nicht duschen oder waschen, hatte auch keine frische Kleidung zum Wechseln bekommen und nichts, womit er seinen Körper hätte säubern können. Ein einfacher Lappen hätte schon Wunder vollbracht, den hätte er ins Trinkwasser tauchen und sich wenigstens das Gesicht abwischen können. Aber er hatte nichts, nur die mittlerweile ranzigen Klamotten, die er schon am Leib trug, als er eingesperrt wurde. Nicht mal eine Bettdecke gab es – er schlief zusammengekrümmt, vor Kälte zitternd, den Hintern in eine Zimmerecke gedrückt, Arme dicht am Körper, um sich wenigstens so ein bisschen zu wärmen.
Warum der bestialische Gestank seines eigenen Körpers ihm trotz dieser Qualen von allem am meisten Angst einjagte, konnte er sich nicht erklären. Vielleicht war das ja der Beweis dafür, dass er verrückt wurde. Aus irgendeinem Grund ließ seine mangelnde Hygiene grausige Gedanken in seinem Kopf entstehen. Als würde er von innen heraus langsam verfaulen und verrotten, und sein Inneres würde sich in etwas so Ekliges verwandeln, wie er sich äußerlich fühlte.
So unvernünftig das scheinen mochte, aber der Gestank machte ihm die meisten Sorgen. Zu essen hatte er genug, das Wasser reichte auch gerade so, um seinen Durst zu stillen. Schlafen konnte er ausreichend, und er verschaffte sich so viel Bewegung, wie in dem kleinen, gepolsterten Raum möglich war. Oft rannte er stundenlang auf der Stelle. Sein Verstand sagte ihm, dass ein kräftiges Herz und eine gesunde Lunge nicht davon abhingen, ob man ungewaschen war oder nicht. Und dennoch fing Thomas an zu glauben, dass sein unerträglich werdender Gestank der Vorbote des Todes war, der ihn jeden Augenblick überwältigen konnte.
Diese düsteren Gedanken brachten ihn immer wieder zum Grübeln, ob Teresa vielleicht doch nicht gelogen hatte. Sie hatte gesagt, es sei zu spät für ihn, Der Brand hätte sich bei ihm schon beängstigend weit ausgebreitet, er sei verrückt und gewalttätig geworden. Dass er schon nicht mehr er selbst gewesen sei, bevor sie ihn in diese schreckliche Gummizelle steckten. Sogar Brenda hatte ihn gewarnt, es würde nicht gut für ihn aussehen. Vielleicht hatten sie ja Recht gehabt!
Zusätzlich nagte noch die ständige Sorge um seine Freunde an ihm. Was war mit ihnen geschehen? Wo waren sie? Welchen Schaden richtete Der Brand in ihren Köpfen an? War das jetzt das Ende, nach all den Torturen, die sie durchgemacht hatten?
Die Wut begann an ihm zu nagen wie ein hungriges Tier, das nach einem warmen Fleckchen, nach ein paar Krümeln sucht. Und mit jedem Tag, der verging, wurde sein Zorn größer und größer, bis Thomas manchmal nur so zitterte. Dann beruhigte er sich wieder; aber die Wut sollte nicht verschwinden, sondern nur schlummern. Er wartete bloß auf den Augenblick, in dem er die Furien loslassen konnte. ANGST hatte ihm all das angetan. ANGST hatte seinen Freunden und ihm das Leben gestohlen und sie für ihre Zwecke missbraucht. Ohne Rücksicht auf Verluste.
Und dafür würden sie büßen. Das schwor sich Thomas tausendmal am Tag.
Das alles ging ihm mal wieder durch den Kopf, als er mit dem Rücken zur Wand dasaß und auf die Tür – und den hässlichen Schreibtisch davor – starrte. Seiner Schätzung nach war es später Vormittag am zweiundzwanzigsten Tag seiner Isolation im weißen Raum. Das machte er immer so – nach Frühstück und Frühsport hoffte er inständig, dass die Tür aufgehen würde – die ganze Tür, nicht nur der seelenlose Schlitz, durch den seine Mahlzeiten hereingeschoben wurden.
Zahllose Male hatte er versucht, die Tür aufzubekommen. Und die Schubladen des Schreibtischs waren leer, nichts als Holz- und Modergeruch. Jeden Morgen sah er darin nach, nur für den Fall, dass während seines Schlafs auf magische Weise etwas darin aufgetaucht war. Wenn man in der Gewalt von ANGST war, musste man mit allem rechnen.
Und so saß er da und starrte die Tür an. Wartete. Weiße Wände, Stille. Der nicht zu ignorierende Gestank seines Körpers. Immer wieder drehten sich seine Gedanken um seine Freunde – Minho, Newt, Bratpfanne, die wenigen anderen Lichter, die noch am Leben waren. Brenda und Jorge, von denen er seit der Rettung mit dem Riesenberk nichts mehr gesehen hatte. Harriet und Sonya, die anderen Mädchen aus Gruppe B, Aris. Und Brenda mit ihrer Warnung, als er in der weißen Zelle wieder zu sich gekommen war. Wie hatte sie telepathisch mit ihm reden können? Stand sie auf seiner Seite oder nicht?
Aber am häufigsten dachte er an Teresa. Sie ging ihm einfach nicht aus dem Kopf, auch wenn er sie mit jeder verstrichenen Minute ein bisschen mehr hasste. Ihre letzten Worte an ihn waren gewesen »ANGST ist gut«, und ob das nun stimmte oder nicht: Thomas sah in Teresa mittlerweile alles Schreckliche, das ihnen angetan worden war. Bei jedem Gedanken an sie kochte der Zorn ein wenig heißer in ihm hoch.
Vielleicht war diese alles verzehrende Wut das, was ihn davon abhielt, bei der ewigen Warterei den Verstand zu verlieren.
Essen. Schlafen. Sport. Rachedurst. Noch drei weitere Tage hielt er das durch. Allein.
Am sechsundzwanzigsten Tag ging die Tür auf.
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Unzählige Male hatte Thomas es sich vorgestellt. Was er tun und sagen würde. Wie er sich auf jeden stürzen würde, der zur Tür hereinkam, rausrennen und flüchten würde. Dabei diente diese Vorstellung mehr der Unterhaltung als sonst etwas. Er wusste haargenau, dass ANGST so etwas nie zulassen würde. Nein, er musste jeden Schritt genau planen, bevor er etwas unternahm.
Und als es dann geschah – als die Tür mit einem leisen Klick aufsprang und sich öffnete –, war Thomas selbst erstaunt: Er tat nichts. Saß bloß da. Etwas sagte ihm, dass sich zwischen ihm und dem Schreibtisch wieder eine unsichtbare Wand aufgebaut hatte – wie damals in der Herberge, als sie dem Labyrinth entkommen waren. Noch war der Zeitpunkt zum Handeln nicht da. Noch nicht. Doch er würde kommen, er spürte es.
Als der Rattenmann hereinspaziert kam, war Thomas nur ganz leicht überrascht – derselbe Typ, der die Lichter über die Prüfungen in der Brandwüste informiert hatte. Dieselbe lange Nase, dieselben verschlagenen Wieselaugen, die fettigen, über eine kahle Stelle auf seinem Eierkopf gekämmten Haare. Derselbe absurde weiße Anzug. Er wirkte noch bleicher als beim letzten Mal und hatte eine dicke Aktenmappe mit verknickten, unordentlich zusammengeschobenen losen Blättern unter den Arm geklemmt. Mit der anderen Hand zog er einen Holzstuhl hinter sich her.
»Guten Morgen, Thomas«, sagte er mit einem reservierten Nicken. Ohne eine Antwort abzuwarten, zog er die Tür hinter sich zu und setzte sich an den Tisch. Den Aktenordner klappte er vor sich auf und blätterte darin herum. Als er das Gesuchte gefunden hatte, legte er die Hände auf die Tischplatte. Er sah Thomas mit einem seltsamen Grinsen im Gesicht an.
Als Thomas endlich den Mund aufbekam, merkte er, dass er seit Wochen nicht mehr gesprochen hatte, seine Stimme war nur ein Krächzen. »Ein guter Morgen ist das nur, wenn Sie mich hier rauslassen.«
Das Gesicht des Mannes blieb völlig ausdruckslos. »Ja, ja, ich weiß. Keine Bange – du bekommst heute jede Menge gute Nachrichten zu hören. Glaub mir.«
Thomas schämte sich, dass er sich auch nur eine Sekunde lang Hoffnungen machte, als er das hörte. Mittlerweile müsste er ANGST eigentlich kennen. »Gute Nachrichten? Und ich dachte, Sie hätten uns ausgewählt, weil Sie uns für intelligent halten.«
Rattenmann schwieg mehrere Sekunden lang, bevor er Antwort gab. »Intelligent, ja. Das war aber nicht der wichtigste Grund.« Er fing an sich aufzuregen. »Glaubst du etwa, uns macht das alles Spaß? Glaubst du etwa, es macht uns Spaß, euch leiden zu sehen? Bald wirst du alles verstehen. Es hatte alles Sinn und Zweck!« Seine Stimme war immer lauter geworden, und das letzte Wort schrie er beinah heraus.
»Holla, alter Knabe«, erwiderte Thomas, der sich dadurch gleich besser fühlte. »Nun mal halblang. Wenn Sie so weitermachen, kriegen Sie noch ’n Herzkasper, bevor Sie uns weiterquälen können.« Es war ein wunderbares Gefühl, so zu reden.
Der Mann stand auf, stützte sich auf den Schreibtisch und lehnte sich vor. Die Adern an seinem Hals sahen aus, als würden sie gleich platzen. Langsam setzte er sich wieder hin und atmete ein paarmal tief durch. »Man sollte doch meinen, dass einem vier Wochen in der weißen Kiste etwas Demut beibringen. Aber du hast ein schamloseres Mundwerk als je zuvor.«
»Und, wollen Sie mir sagen, dass ich doch nicht verrückt bin? Dass ich Den Brand doch nicht habe und auch nie hatte?« Thomas konnte nichts dagegen tun. Der Zorn schwoll in ihm an, bis er das Gefühl hatte, gleich zu explodieren. Aber er zwang sich ruhig zu sprechen. »Das ist der Grund, warum ich hier drin nicht durchgedreht bin. Im Grunde weiß ich genau, dass Sie Teresa angelogen haben und das Ganze hier wieder nur ein Test ist. Und, wohin muss ich als Nächstes? Auf den beklonkten Mond? Oder muss ich in Unterhose durch die Arktis rennen? Hm?« Er setzte ein künstliches Lächeln auf.
Während Thomas sich aufregte, hatte Rattenmann mit leerem Blick durch ihn hindurchgestarrt. »Bist du fertig?«
»Oh nein, ich bin noch nicht fertig.« Seit Ewigkeiten wartete er auf die Gelegenheit zu reden, aber jetzt, wo sie da war, fiel ihm plötzlich nichts mehr ein. Alles, was er sich im Kopf zurechtgelegt hatte, war auf einmal wie weggeblasen. »Ich verlange … dass Sie mir alles erklären. Und zwar auf der Stelle.«
»Oh, Thomas«, sagte Rattenmann leise, als müsse er einem kleinen Kind etwas Trauriges mitteilen. »Wir haben dich nicht angelogen. Du hast Den Brand wirklich.«
Es war, als hätte Thomas einen Stoß vor den Kopf bekommen. Kalt wie Eis durchschnitten die Worte seinen lodernden Zorn. Ob Rattenmann ihn schon wieder anlog? Aber er zuckte cool mit den Achseln, als habe er damit gerechnet. »Tja, aber ich bin noch lange nicht verrückt.« Irgendwann – während all der Zeit in der Brandwüste, mit Brenda, umgeben von Cranks – hatte er sich damit abgefunden, dass er sich früher oder später auch mit dem Virus anstecken würde. Er tröstete sich damit, dass es ihm momentan noch gut ging. Er war noch normal im Kopf. Nur darauf kam es an.
Rattenmann seufzte. »Du verstehst mich nicht. Du verstehst einfach nicht, was ich dir sagen will.«
»Und warum sollte ich Ihnen wohl irgendwas abkaufen? Sie lügen doch, wenn Sie den Mund aufmachen!«
Thomas merkte, dass er aufgesprungen war. Er atmete schwer. Er musste sich zusammenreißen. Rattenmann starrte ihn kalt aus seinen dunklen Augenhöhlen an. Ob der Mann ihn nun anlog oder nicht: Thomas musste ihm zuhören, sonst würde er nie aus der weißen Hölle hier herauskommen. Er zwang sich ruhiger zu atmen. Und wartete ab.
Sein Besucher schwieg etliche Sekunden lang und fuhr dann fort. »Ich weiß, dass wir dich belogen haben. Mehr als einmal. Wir haben dir und deinen Freunden ziemlich schlimme Dinge angetan. Aber das war alles Teil eines Plans, dem du nicht nur zugestimmt, den du sogar selbst entwickelt hast. Zugegeben, wir mussten etwas weitergehen, als wir anfangs hofften, keine Frage. Aber das war alles im Sinne dessen, was die Schöpfer vorgesehen hatten – was du vorgesehen hattest, nachdem sie … abgelöst und von dir ersetzt wurden.«
Thomas schüttelte nur langsam den Kopf; er wusste zwar, dass er früher mit diesen Leuten zu tun hatte. Aber es war einfach unvorstellbar, dass man irgendjemandem absichtlich etwas so Brutales wie diese »Tests« antun konnte. »Sie haben mir nicht geantwortet. Wie können Sie erwarten, dass ich Ihnen auch nur ein Wort glaube?« Natürlich erinnerte Thomas sich an wesentlich mehr, als er zu erkennen gab. Das Fenster, durch das er hin und wieder in seine Vergangenheit blicken konnte, war zwar völlig verschmiert und bot ihm nur einen verschwommenen Ausblick; aber dass er tatsächlich für ANGST gearbeitet hatte, konnte er nicht leugnen. Mit Teresa zusammen hatte er an der Erschaffung des Labyrinths mitgewirkt. Auch andere Erinnerungen waren in Bruchstücken zurückgekommen.
»Es bringt uns nun nichts mehr, dich weiter im Dunkeln tappen zu lassen, Thomas«, meinte Rattenmann.
Thomas fühlte sich auf einmal schrecklich müde, als ob ihn alle Kraft mit einem Schlag verlassen hätte und nur seine leere Hülle übrig blieb. Mit einem tiefen Seufzer ließ er sich zu Boden sinken und schüttelte den Kopf. »Ich weiß nicht einmal, was Sie damit meinen.« Welchen Sinn hatte eine Unterhaltung überhaupt, wenn man den Worten des anderen sowieso nicht trauen konnte?
Rattenmann redete weiter, aber in einem anderen Tonfall: Er sprach jetzt weniger kalt und abweisend, sondern als würde er einem Kleinkind etwas erklären. »Du weißt ja sehr gut, dass die Welt an einer fürchterlichen Krankheit leidet, die das Gehirn der Menschen zerstört. Alles, was wir bisher getan haben, hatte nur einen einzigen Zweck: eure Gehirnaktivitäten zu analysieren und auf dieser Grundlage einen Masterplan zu erstellen. Das Ziel des Masterplans ist es, eine Heilung für die Seuche zu finden. Eure Freunde, die leider dran glauben mussten, euer Leid und Elend – du wusstest von Anfang an, wie schlimm es werden würde. Wir alle wussten es. Doch jedes Detail diente dem Überleben der menschlichen Rasse. Und wir sind der Lösung nahe. Sehr, sehr nahe.«
Thomas hatte bisher nur Bruchstücke seines Gedächtnisses zurückbekommen. Bei der Verwandlung und in den Träumen, die er seitdem hatte, blitzten immer wieder Erinnerungen in seinem Kopf auf. Und während er jetzt dem Mann in Weiß zuhörte, hatte er plötzlich das Gefühl, als stände er an einem Abgrund und alle Antworten würden sich jeden Augenblick vor ihm auftun. Als würde gleich alles ganz klar vor ihm liegen. Der Wunsch, endlich Antworten zu bekommen, war überwältigend.
Dennoch war er misstrauisch. Er wusste zwar, dass er ein Teil der Organisation ANGST gewesen war, dass er geholfen hatte, das Labyrinth zu entwickeln, dass er nach dem Tod der ursprünglichen Schöpfer in deren Fußstapfen getreten und das Programm mit neuen Teilnehmern weitergeführt hatte. »Ich erinnere mich an genug, um mich dafür zu schämen«, gab Thomas zu. »Aber solche Misshandlungen selbst zu erleben ist etwas ganz anderes, als sie sich auszudenken. Das ist unmenschlich. Das wissen Sie genau.«
Rattenmann kratzte sich an der Nase und rutschte auf dem Stuhl hin und her. Irgendetwas von dem, was Thomas gesagt hatte, war ihm unangenehm. »Warten wir ab, wie du am Ende dieses Tages darüber denkst, Thomas. Warten wir’s ab. Aber verrat mir eins: Bist du wirklich überzeugt, dass es sich nicht lohnt, ein paar wenige Menschen zu verlieren, wenn man damit unzähligen anderen das Leben rettet?« Der Mann lehnte sich vor und fragte ihn geradezu beschwörend: »Die Frage ist alt – aber glaubst du nicht, dass der Zweck die Mittel heiligt? Wenn man keine andere Wahl hat?«
Thomas starrte ihn nur an. Auf diese Frage gab es keine richtige Antwort.
Vielleicht wollte Rattenmann lächeln, es sah aber eher wie ein Hohngrinsen aus. »Denk einfach dran, dass du früher mal davon überzeugt warst, Thomas.« Er schob seine Unterlagen zusammen, als wolle er gehen, rührte sich aber nicht vom Fleck. »Ich wollte dir mitteilen, dass alles bereit ist und unsere gesammelten Daten fast komplett sind. Etwas ganz Großes steht kurz bevor. Sobald wir den Masterplan haben, kannst du von mir aus mit deinen Freunden darüber jammern, wie schrecklich gemein wir euch behandelt haben.«
Thomas hätte den Mann am liebsten gewürgt, aber er hielt sich zurück. »Und wie soll es bitte schön zu diesem Masterplan beitragen, wenn Sie uns foltern? Wie um alles in der Welt soll es helfen, ein Heilmittel gegen eine tödliche Krankheit zu finden, wenn man unschuldige Jugendliche durch die Hölle gehen lässt?«
»Das hat alles mit dem Masterplan zu tun, glaub mir.« Rattenmann stieß einen Riesenseufzer aus. »Meine Güte, bald erinnerst du dich wieder an alles, und ich habe das dunkle Gefühl, dass du dann einiges hier bereuen wirst. Aber vorher muss ich dir noch etwas mitteilen – vielleicht kommst du dann endlich wieder zur Besinnung.«
»Und was soll das sein?« Thomas hatte keinen blassen Schimmer, was der Mann ihm sagen wollte.
Sein Besucher erhob sich, strich die Falten seiner weißen Hose glatt und zog sein Jackett zurecht. Dann verschränkte er die Hände hinter dem Rücken. »Der Brand-Virus hat sich zwar überall in deinem Körper ausgebreitet. Aber er hat keine Wirkung auf dich. Du gehörst zu einer außerordentlich seltenen Personengruppe. Du bist immun gegen Den Brand.«
Thomas schluckte, sprachlos.
»Draußen, auf der Straße, da werden Leute wie du Munis genannt«, fuhr Rattenmann fort. »Und sie werden abgrundtief gehasst.«
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Thomas fehlten die Worte. Ihm waren schon viele Lügen aufgetischt worden, aber er wusste, dass er eben gerade die Wahrheit gehört hatte. Es passte einfach zu gut zu seinen jüngsten Erfahrungen. Er war immun, und höchstwahrscheinlich die anderen Lichter und alle in Gruppe B ebenfalls. Deswegen waren sie für die Prüfungen auserwählt worden. Alles, was ihnen angetan worden war – jeder grausame Vorfall, jede Täuschung, jedes Monster, das sich ihnen in den Weg gestellt hatte –, es war alles Teil eines größenwahnsinnigen Experiments gewesen. Das ANGST den Weg zu einer Heilung aufzeigen sollte.
Es passte alles zusammen. Und außerdem – löste diese Offenbarung Erinnerungen bei ihm aus. Alles kam ihm irgendwie bekannt vor.
»Wie ich sehe, glaubst du mir«, sagte Rattenmann schließlich und brach das ausgedehnte Schweigen. »Als entdeckt wurde, dass es Menschen wie euch gibt – die zwar den Virus in sich tragen, aber keine Symptome entwickeln –, da haben wir die besten und intelligentesten unter euch herausgepickt. Daraus entwickelte sich dann ANGST. Natürlich sind nicht alle in eurer Gruppe immun, manche nehmen nur zur Kontrolle an den Experimenten teil. Wenn man einen Versuch durchführt, dann braucht man eine Kontrollgruppe, Thomas. Damit man die Daten zusammenbringen und besser miteinander vergleichen kann. Die Kontrollgruppe ist eine Art Kleber, um die Daten kohärent zu machen.«
Bei den letzten Sätzen wurde es Thomas eiskalt. »Und wer ist nicht …« Die Frage wollte ihm einfach nicht über die Lippen kommen. Er hatte zu viel Angst vor der Antwort.
»Wer nicht immun ist?«, fragte Rattenmann mit hochgezogenen Augenbrauen. »Na, ich würde doch sagen, das sollten diejenigen als Erste erfahren. Aber immer schön der Reihe nach. Du stinkst wie eine halb verrottete Leiche – jetzt wird erst mal geduscht, dann kriegst du frische Kleidung.« Damit nahm er den Aktenordner in die Hand und wollte gehen. Als er schon fast an der Tür war, kam Thomas endlich wieder zu sich.
»Halt!«, schrie er.
Der Besucher drehte sich zu ihm um. »Ja?«
»Als wir in die Brandwüste geschickt wurden – warum haben Sie uns vorgemacht, dass im sicheren Hafen die Heilung auf uns warten würde?«
Rattenmann zuckte die Achseln. »Das war doch nicht gelogen. Dadurch, dass ihr die Prüfungen bestanden und es bis zum sicheren Hafen geschafft habt, konnten wir eine Menge Daten sammeln. Und die werden uns die Heilung bringen. Bald. Irgendwann. Uns allen.«
»Aber warum sagen Sie mir das alles jetzt? Warum haben Sie mich vier Wochen lang hier eingesperrt?« Thomas zeigte auf die Gummizelle, auf die gepolsterte Decke, die gepolsterten Wände, die armselige Toilette in der Ecke. Seine Erinnerungsfetzen waren nicht zusammenhängend genug, um die unglaublichen Dinge einordnen zu können, die er über sich hatte ergehen lassen. »Warum haben Sie Teresa vorgemacht, ich wäre verrückt und gewalttätig und müsste eingesperrt werden? Was soll das für einen Sinn haben?«
»Variablen«, antwortete Rattenmann nur. »Alles, was wir mit euch durchgeführt haben, wurde von unseren Psychologen und Ärzten sorgfältig geplant. Alles geschieht, um Reaktionen in der Todeszone zu stimulieren, wo Der Brand als Erstes wütet. Um die Muster verschiedener Emotionen und Reaktionen und Gedanken zu studieren. Herauszufinden, wie sie innerhalb der Virusinfektion, die in euch steckt, funktionieren. Wir versuchen zu verstehen, warum der Virus euch nicht außer Gefecht setzt. Alles dreht sich um die Muster der Todeszone, Thomas. Darum, eure kognitiven und physiologischen Reaktionen aufzuzeichnen und daraus einen Masterplan für die eventuelle Heilung zu erstellen. Es geht hier um die Heilung.«
»Aber was ist die Todeszone?«, fragte Thomas, der sich verzweifelt zu erinnern versuchte – aber nichts. »Wenn Sie mir das verraten, komme ich mit.«
»Aber, Thomas«, erwiderte der Mann hochmütig. »Ich bin erstaunt, dass der Griewerstich dir nicht wenigstens so viel von deinem Gedächtnis wiedergegeben hat. Die Todeszone ist dein Gehirn. Dort nistet sich der Virus ein und breitet sich aus. Je stärker die Todeszone betroffen ist, desto paranoider und gewalttätiger verhält sich der Infizierte. ANGST benutzt dein Gehirn und das einiger anderer Personen, um zu einer Lösung des Problems zu gelangen. Den Auftrag unserer Organisation kann man schon am Namen erkennen – wie du dich erinnern wirst, steht ANGST für ›ABTEILUNG NACHEPIDEMISCHE GRUNDLAGENFORSCHUNG, SONDEREXPERIMENTE TODESZONE‹.« Rattenmann wirkte sehr zufrieden mit sich selbst. Fast glücklich. »Jetzt komm, du musst duschen. Und nur damit du’s weißt: Wir werden beobachtet. Eine falsche Bewegung und sie könnte deine letzte sein.«
Thomas rührte sich nicht vom Fleck, sondern versuchte das zu verarbeiten, was er gerade gehört hatte. Alles klang wahr und ergab einen Sinn. Passte zu seinen Erinnerungen, die in den letzten Wochen zurückgekommen waren. Und dennoch hatte er seine Zweifel – weil er Rattenmann und ANGST einfach nicht traute.
Schließlich stand er doch auf, während es in seinem Kopf ratterte und er versuchte die neu gewonnenen Erkenntnisse zu begreifen. Ohne ein weiteres Wort durchquerte er den Raum, folgte dem Rattenmann zur Tür hinaus und ließ seine weiß gepolsterte Zelle für immer hinter sich.
Das Gebäude, in dem er sich befand, hatte nichts Außergewöhnliches an sich. Ein langer Flur, gefliester Boden, beigegestrichene Wände mit gerahmten Naturbildern – Wellen, die sich an einem Strand überschlugen, ein Kolibri, der vor einer roten Blüte in der Luft stand, Regen und Nebel, die über einem Wald hingen. An der Decke sirrten Leuchtstoffröhren. Rattenmann führte ihn um mehrere Ecken und blieb schließlich vor einer Tür stehen, die er Thomas aufhielt. Es war ein großes Badezimmer mit Schränken und Duschen. Einer der Spinde stand offen, frische Klamotten und Schuhe waren darin zu sehen. Sogar eine Armbanduhr.
»Eine halbe Stunde hast du Zeit«, sagte Rattenmann. »Wenn du fertig bist, warte hier auf mich – ich hole dich ab. Und dann darfst du deine Freunde endlich wiedersehen.«
Aus irgendeinem Grund tauchte bei dem Wort Freunde Teresa in Thomas’ Kopf auf. Wieder versuchte er telepathisch mit ihr in Verbindung zu treten, aber da war einfach nur Leere. Trotz seiner ständig wachsenden Verachtung für sie erfüllte ihn ihre Abwesenheit immer noch wie eine Luftblase, die einfach nicht platzen wollte. Teresa war seine Verbindung zur Vergangenheit und sie war einst seine Freundin gewesen, das wusste er ohne jeden Zweifel. Das war eine der ganz wenigen Tatsachen in seiner Welt, deren er sich absolut sicher war, und Teresa ein für alle Mal loszulassen fiel ihm schwer.
Rattenmann nickte. »Bis in einer halben Stunde dann«, sagte er. Dann knallte er die Tür hinter sich zu und ließ Thomas wieder mit sich allein.
Thomas hatte immer noch keinen anderen Plan, als seine Freunde wiederzufinden. Dem war er wenigstens einen Schritt näher gekommen. Und auch wenn er keinen blassen Schimmer hatte, was ihn erwartete – zumindest war er nicht mehr isoliert. Endlich. Und jetzt eine heiße Dusche. Sich von Kopf bis Fuß waschen. Er konnte sich gerade nichts Schöneres vorstellen. Thomas vergaß seine Sorgen eine Weile, zog sich die ekligen Klamotten vom Leib, um sich wieder wie ein Mensch zu fühlen.
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T-Shirt und Jeans. Laufschuhe – genau dieselben, die er damals im Labyrinth getragen hatte. Frische, weiche Socken. Nachdem er sich mindestens fünfmal von Kopf bis Fuß gewaschen hatte, fühlte er sich wie neugeboren und schöpfte Hoffnung. Wenn ihn bloß der Spiegel nicht an seine Tätowierung erinnert hätte – die vor der Brandwüste plötzlich an seinem Hals aufgetaucht war. Sie war ein Symbol für alles, was er durchgemacht hatte, etwas, das sich nicht ausradieren ließ. Dabei wollte er nur eins: das alles vergessen.
Mit verschränkten Armen lehnte er vor dem Badezimmer an der Wand und wartete. Er fragte sich, ob Rattenmann zurückkommen würde – oder musste er allein durch die Gänge irren und sich den nächsten Prüfungen stellen? Kaum fing Thomas an darüber nachzudenken, da hörte er schon Schritte und sah den wieseligen Mann in Weiß um die Ecke biegen.
»Na, du siehst ja aus wie geleckt«, gab Rattenmann zum Besten, wobei seine Mundwinkel zu einem schmierigen Lächeln nach oben rutschten.
Hundert sarkastische Antworten schossen Thomas durch den Kopf, aber er wusste, dass er sich korrekt benehmen musste. Im Augenblick musste er so viele Informationen sammeln, wie er konnte, und dann seine Freunde suchen. »Mir geht’s bestens. Danke.« Er klebte sich ein unechtes Lächeln ins Gesicht. »Wann bekomme ich die anderen zu sehen?«
»Jetzt. Sofort.« Rattenmann war die Geschäftsmäßigkeit in Person. Er nickte in die Richtung, aus der er gekommen war, Thomas solle ihm folgen. »In Phase drei der Prüfungen habt ihr alle verschiedene Experimente durchlaufen. Wir hatten gehofft, dass wir am Ende von Phase zwei sämtliche für die Todeszone relevanten Muster beisammenhätten. Allerdings mussten wir ein wenig improvisieren, um weiterzukommen. Doch wie ich bereits sagte: Der Erfolg ist in greifbarer Nähe. Ihr seid von nun an gleichberechtigte Partner in der Studie und werdet uns so lange helfen, bis wir diese Aufgabe endlich gelöst haben.«
Thomas kniff die Augen zusammen. Für ihn war Phase drei vermutlich die weiße Zelle gewesen – und für die anderen? So fürchterlich die Isolationshaft gewesen war – ANGST konnte noch wesentlich grausamer sein. Fast hoffte er, dass er nicht zu erfahren brauchte, was sie mit seinen Freunden angestellt hatten.
Schließlich kam Rattenmann an eine Tür, die er ohne Zögern öffnete. Sie betraten einen kleinen Hörsaal – und Erleichterung durchflutete Thomas. Über ungefähr ein Dutzend Sitzreihen verteilt hockten sie: seine unversehrt aussehenden Freunde, alle. Die Lichter und die Mädchen aus Gruppe B. Minho. Bratpfanne. Newt. Aris. Sonya. Harriet. Alle machten einen zufriedenen Eindruck, lachten, redeten, lächelten – auch wenn ein paar garantiert nur so taten als ob. Wahrscheinlich war auch ihnen gesagt worden, dass es fast ausgestanden war, obwohl das vermutlich kein Strunk glaubte. Thomas jedenfalls nicht. Noch nicht.
Er sah sich nach Jorge und Brenda um – er wollte Brenda unbedingt wiedersehen. Seit das Berk sie alle abgeholt hatte, war sie verschwunden, und er machte sich Sorgen um sie. Ob ANGST sie und Jorge wie angedroht zurück in die Brandwüste geschickt hatten? Doch bevor er Rattenmann fragen konnte, durchbrach ein Krakeelen das allgemeine Stimmengewirr. Ein fettes Grinsen breitete sich auf Thomas’ Gesicht aus.
»Ich werd nicht mehr! Thomas ist wieder da, halleluja!«, brüllte Minho. Es folgten Jubelgeschrei und Pfiffe von allen Seiten. Thomas blickte in ein Gesicht nach dem anderen. Zu bewegt, um etwas zu sagen, grinste er einfach nur übers ganze Gesicht – bis er Teresa erblickte.
Sie stand auf und drehte sich auf ihrem Platz am Ende einer Sitzreihe zu ihm um. Die schwarzen Haare rahmten ihr blasses Gesicht ein und fielen ihr frisch gewaschen und glänzend auf die Schultern. Ihre roten Lippen öffneten sich zu einem Lächeln, das ihr ganzes Gesicht erstrahlen und ihre blauen Augen leuchten ließ. Fast wäre Thomas auf sie zugerannt. Aber er konnte nicht vergessen, was sie ihm angetan hatte. Und auch nicht, dass sie selbst nach allem, was geschehen war, behauptet hatte, ANGST sei gut.
Kannst du mich hören?, rief er ihr im Geist zu, nur um herauszufinden, ob es wieder funktionierte.
Aber sie gab keine Antwort, und er spürte innerlich nach wie vor nichts von ihrer Gegenwart. Sie standen mehrere Meter voneinander entfernt da und starrten sich Ewigkeiten in die Augen, wie es ihm schien, dabei waren es wahrscheinlich nur ein paar Sekunden. Und dann stürzten Minho und Newt sich schon auf ihn, klopften ihm auf den Rücken, schüttelten ihm die Hand, zogen ihn in ihre Mitte.
»Na, Tommy? Schön, dass du nicht umzubringen bist, du alter Schrumpfkopf«, sagte Newt und drückte ihn ganz fest an sich. Er klang etwas schroffer, als Thomas erwartet hätte – sie hatten sich immerhin wochenlang nicht gesehen –, aber wenigstens war er noch in einem Stück. Das war ja schon mal ein Anfang.
Minho grinste, aber der harte Ausdruck in seinen Augen ließ erkennen, dass auch er fürchterliche Wochen hinter sich hatte. Dass er noch nicht wieder ganz der Alte war, sondern nur auf Teufel komm raus versuchte, so zu tun als ob. »Die Lichter in Glanz und Glorie, endlich wiedervereint. Schön, dass du noch senkrecht stehst, du Neppdepp – ich hab schon hundertmal gedacht, du hättest ins Gras gebissen. Ich wette, du hast jede Nacht geflennt, weil du mich so schrecklich vermisst hast.«
»Was sonst«, brummte Thomas, begeistert, alle vor sich zu haben, aber immer noch sprachlos. Er machte sich los und ging hinüber zu Teresa. Das Bedürfnis, auf irgendeine Art Frieden mit ihr zu schließen, bevor er die nächste Entscheidung treffen konnte, überwältigte ihn. »Hey.«
»Hey«, antwortete sie. »Alles in Ordnung?«
Thomas nickte. »Geht so. Schön war’s nicht. Hast du mich –« Er unterbrach sich. Um ein Haar hätte er sie gefragt, ob sie gemerkt hatte, dass er sie telepathisch zu erreichen versuchte, aber das wollte er auf keinen Fall zugeben.
»Ich hab’s versucht, Tom. Jeden Tag habe ich versucht mit dir in Kontakt zu treten. Sie haben uns wieder voneinander getrennt, aber ich glaube, es war die Sache wert.« Sie streckte den Arm aus und nahm seine Hand, was einen Chor fieser Bemerkungen von den Lichtern auslöste.
Thomas zog seine Hand schnell weg und merkte, dass er knallrot anlief. Aus irgendeinem Grund machten ihre Worte ihn wütend.
»Jau!«, heulte Minho. »Das ist fast so romantisch wie damals, als sie dir das Speerende ins Gesicht gerammt hat!«
»Ist wahre Liebe nicht schön?«, kam von Bratpfanne, gefolgt von seinem tiefen Blasebalglachen. »Ich möchte ja nicht wissen, wie die Fetzen fliegen, wenn die zwei sich zum ersten Mal richtig streiten.«
Was die anderen dachten, war Thomas egal, aber er war fest entschlossen, Teresa zu zeigen, dass er ihr nicht verziehen hatte. Das Vertrauen, das sie vor den Experimenten zueinander hatten – die Beziehung, die sie miteinander verband –, all das hatte keine Bedeutung mehr. Vielleicht könnte er irgendwann einen gewissen Frieden mit ihr schließen, aber nicht jetzt. Von nun an würde er nur noch Minho und Newt trauen. Niemand anderem.
Er wollte gerade etwas sagen, da kam Rattenmann den Mittelgang heruntermarschiert und klatschte in die Hände. »Alle hinsetzen! Wir haben ein paar Dinge zu besprechen, bevor die Gedächtnisblockade aufgehoben wird.«
Wie beiläufig er das hervorbrachte. Als Thomas kapierte, was er da gerade gesagt hatte – die Gedächtnisblockade wird aufgehoben –, erstarrte er.
Im Raum wurde es still, sehr still, und Rattenmann trat an ein Pult auf einem Podium vorn im Raum. Er umklammerte die Kanten, setzte dasselbe gezwungene Lächeln auf wie vorher und verkündete: »Sie haben richtig gehört, meine Damen und Herren. Sie bekommen gleich Ihre Erinnerungen zurück. Alle. Von A bis Z.«