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Contents

1 Thermodynamische Grundlagen

1.1 Einige Variablen und Begriffe

1.2 Konstanten, Einheiten, Konventionen und Tabellen

1.3 Erster Hauptsatz

1.4 Zweiter Hauptsatz

1.5 Dritter Hauptsatz

1.6 Eine Brücke zur Statistischen Mechanik

2 Ensembles der Statistischen Mechanik

2.1 Kanonisches Ensemble

2.2 Mikrokanonisches Ensemble

2.3 Verknüpfung verschiedener Ensembles

2.4 Molekulardynamik-Simulation

2.5 Verallgemeinerte Ensembles

3 Systeme ohne direkte Wechselwirkung

3.1 Photonengas

3.2 Phononengas

3.3 Elektronengas

3.4 Verdünnte atomare und molekulare Gase

3.5 Adsorptionsgleichgewicht verdünnter Gase

4 Klassische Fluide

4.1 Struktur

4.2 Streuung

4.3 Spezielle Konzepte

4.4 Molekulare Dynamik

5 Fluktuationen

5.1 Einstein-Fluktuationstheorie

5.2 Thermisch fluktuierende Membran

5.3 Entropische Kräfte durch räumliche Beschränkung

6 Phasenübergänge und kritische Phänomene

6.1 Mean field-Örientierungsphäsenübergänge

6.2 Der Ordnungsparameter

6.3 Ginzburg-Landau-Entwicklung der freien Energie

6.4 Ordnungsparameterentwicklung in homogenen Systemen

6.5 Fluktuationskorrelationen nahe Tc

6.6 Die Skalenhypothese

6.7 Die Renormierungsgruppe

6.8 Konforme Invarianz

6.9 Skaleninvarianz ohne Hamilton-Funktion

7 Monte Carlo-Methoden in der Statistischen Mechanik

7.1 Markov-Ketten und Metropolis-Algorithmus

7.2 Metropolis-Algorithmus im NVT-Ensemble

7.3 Simulation von atomaren Systemen

7.4 Monte Carlo-Schritte im NPT-Ensemble

7.5 Monte Carlo-Schritte im μVT-Ensemble

7.6 Bias-Monte Carlo und non Boltzmann sampling

8 Konformationen linearer Polymere

8.1 Transfermatrix und RIS-Approximation

8.2 Gitterstatistik von Polymersystemen

8.3 Elastizität von Polymernetzwerken

8.4 Die Flory-Berechnung des Exponenten v

8.5 Die self consistent field-Methode

8.6 Rosenbluth-Monte Carlo für Oligomere

Literaturverzeichnis

Index

Image

Autor

Prof. Dr. Reinhard Hentschke

Institut für Materialwissenschaften

Bergische Universität Wuppertal

Hentschk@uni-wuppertal.de

Vorbemerkungen

Diese einsemestrige, einführende Vorlesung in die klassische Statistische Mechanik richtet sich an Studenten der Physik und der Chemie (mit Schwerpunkt Physikalische Chemie) sowie an Materialwissenschaftler mit starker Orientierung auf diese Fachrichtungen.

Die Vorlesung beschäftigt sich mit der mathematischen Beschreibung von subatomaren, atomaren und molekularen Vielteilchensystemen. In der Mechanik bzw. Quantenmechanik steht ursprünglich das einzelne Teilchen im Vordergrund, d.h. seine Bewegung unter dem Einfluss äußerer Kräfte bzw. seine Energieeigenwerte und Eigenfunktionen. In der Statistischen Mechanik tritt das einzelne Teilchen in den Hintergrund zugunsten einer mathematischen Beschreibung der Gesamtheit bzw. des Ensembles. Beispielsweise ist die Trajektorie eines einzelnen Gasmoleküls bedeutungslos. Interessant dagegen sind die Eigenschaften des Gases insgesamt. Es treten neue, „bisher unbekannte“ Größen auf: die Temperatur und, fundamentaler noch, die Entropie. Die Verbindung mit der Mechanik (Hamilton-Funktion) oder der Quantenmechanik (Hamilton-Operator) wird mittels der so genannten Zustandssumme hergestellt. Die Statistische Mechanik erklärt somit die makroskopischen Eigenschaften der Materie auf der Basis der mikroskopischen Wechselwirkung der Moleküle, Atome bzw. auch der subatomaren Teilchen. Materie bedeutet hier Gase, Flüssigkeiten, Festkörper sowie die so genannte weiche Materie im Bereich der Biologie (z.B. Zellmembranen) oder der Technik (z.B. polymere Werkstoffe).

Eine unabhängige theoretische Grundlage für das Verständnis makroskopischer Materieoder Materialeigenschaften liefert die Thermodynamik. Anders als die Statistische Mechanik ist sie eine phänomenologische Theorie. D.h. sie wurde auf der Basis weniger experimentell gut abgesicherter Postulate, den so genannten Häuptsatzen, entwickelt. Die Thermodynamik erlaubt die mathematische Beschreibung chemischer oder physikalischer Materieeigenschaften makroskopischer Systeme auf der Grundlage makroskopischer Kontrollparameter wie Druck, Temperatur, Zahl der Komponenten oder deren Massenverhältnissen.

Wir werden mit einer Einführung in die Grundlagen der Thermodynamik beginnen1 und anschließend eine Brücke zur Statistischen Mechanik schlagen. Obwohl die Statistische Mechanik die Thermodynamik beinhaltet und unter Einbeziehung der Quantentheorie weit darüber hinausgeht, ist dieses Vorgehen sinnvoll. Viele grundsätzliche Gleichungen bzw. Bedingungen an das System treten in der Thermodynamik klarer hervor. Dies liegt an dem zusätzlichen mathematischen Apparat der Statistischen Mechanik. Selbst erfahrenen Forschern kann es daher passieren, dass sie Näherungen einführen und damit Resultate erhalten, die bei genauem Hinschauen inkonsistent mit thermodynamischen Beziehungen sind.

Eine einsemestrige Vorlesung erzwingt eine starke Einschränkung der Themengebiete 2. Was die Statistische Mechanik angeht, so folgt der vorliegende Text in wesentlichen Punkten dem Buch von Chandler [2] [3]. Dies beinhaltet die Einführung statistischer Ensembles, die Behandlung der „üblichen“ nicht bzw. schwach wechselwirkenden Modellsysteme im Bereich der Photonen, der Phononen, der Elektronen in Metallen und der atomaren bzw. molekularen Gase. Darüber hinaus werden Aspekte aus den folgenden Themenbereichen behandelt: klassische Fluide, strukturelle Fluktuationen, Phasenübergänge und kritische Phänomene, Computersimulationen in der Statistischen Mechanik sowie Statistische Mechanik der Konformation von Makromolekülen. Einige Abschnitte hieraus 4 sind nicht gedacht, die in ihnen behandelte Materie im Detail zu präsentieren. Vielmehr sollen begriffliche Grundlagen geschaffen und Querverbindungen aufgezeigt werden, die später anderswo vertieft werden sollten. Beispielsweise erläutert Abschnitt 6.9 Zusammenhänge zwischen den Grundlagen der kritischen Phänomene einerseits und den Themen Perkolation und ,,Chaos-Theorie“ andererseits.

Die meisten der Aufgaben sind Standardaufgaben und dienen zur Vertiefung des Stoffes. Einige Aufgaben sind jedoch umfangreicher und enthalten mehr Hinweise zur Lösung. Sie dienen zur selbstständigen Einführung in Themen, die zwar wichtig sind, die aber die Vorlesung „verzetteln“, wenn sie einen zu breiten Raum bekommen. Beispielsweise behandelt die Aufgabe 9 einige der Grundlagen mizellarer Systeme, die ein wichtiges Teilgebiet der modernen Kolloidforschung sind.

Ich möchte an dieser Stelle meinen Dank aussprechen an Herrn Dipl. Phys. Hendrik Kabrede für eine Reihe von wertvollen Hinweisen sowie für seine Simulationsrechnungen zum 3D-Ising-Modell sowie zur Wärmekapazität im Fall des Thermostaten nach Nosé-Hoover und an Frau Susanne Christ für das TEXen meiner Notizen. Mein Dank gilt ebenfalls den Studenten für ihre Mitarbeit und Kommentare in den Vorlesungen.

Reinhard Hentschke

Bergische Universität

Fachbereich Mathematik und Naturwissenschaften

Gauß-Str. 20

42097 Wuppertal

e-mail: hentschk@uni-wuppertal.de

http://constanze.materials.uni-wuppertal.de

1Wir folgen dabei weitgehend der Darstellung im Atkins [1].

2 Ergänzendes Material zu den Grundlagen aus der Mechanik, Elektrodynamik und Quantenmechanik findet der Leser auf der Webseite http://constanze.materials.uni-wuppertal.de/Skripten.html.

3 Gewisse Anleihen werden auch bei den folgenden Autoren gemacht: [3,4,5, 6, 7, 8,9,10,11, 12, 13].

4 6.7-6.9, 7.4-7.6, 8.5-8.6

1

Thermodynamische Grundlagen

Wie in den Vorbemerkungen erwähnt wurde, ist die Thermodynamik eine phänomenologische bzw. auf der Erfahrung aufbauende Theorie, die sich aus Postulaten, den so genannten Hauptsätzen, entwickeln lässt. Dabei sollte der Anfänger insbesondere auf das Resultat der Kombination des ersten mit dem zweiten Hauptsatz achten. Dieses Resultat besteht im Wesentlichen in zwei Ungleichungen. Diese wiederum besagen, dass bei einem spontan ablaufenden Vorgang oder Prozess die so genannte freie Energie bzw. freie Enthalpie erniedrigt werden. Wenn keine Erniedrigung mehr erfolgt, dann ist das Gleichgewicht erreicht, und aus den beiden Ungleichungen sind Gleichungen geworden. Es sind die Konsequenzen dieser beiden Gleichungen, die in diesem Kapitel in erster Linie betrachtet werden. Besonderes Augenmerk verdient auch der letzte Abschnitt des Kapitels. Dort wird die Thermodynamik, die als makroskopische Theorie keine Atome oder Moleküle bzw. andere elementare Bausteine der Materie kennt, mit der Statistischen Mechanik verknüpft.

1.1 Einige Variablen und Begriffe

In diesem Text kommt es vor, wenn auch selten, dass der gleiche Buchstabe mehrfache Bedeutungen hat. Die jeweilige Bedeutung ist allerdings leicht im entsprechenden Kontext erkennbar.

System und Subsystem: Ein „großer Behälter“, der gleichförmig mit Materie ausgefüllt ist. Groß bedeutet, dass Randeffekte durch die Behälterwande vernachlässigbar sind (siehe auch thermodynamischer Limes). Subsysteme sind kleinere Teile eines Systems, die aber jedes für sich immer noch die Kriterien eines Systems erfüllen.

Systeme werden haüfig danach unterschieden, ob sie isoliert (keinerlei Wechselwirkung mit der Umgebung findet statt), geschlossen (nur Energieaustausch ist möglich) oder offen (Energie und Teilchenaustausch sind möglich) sind.

Phase: Ein Zustand der Materie, in dem sie bezüglich ihrer chemischen Zusammensetzung und ihres physikalischen Zustands vollständig gleichförmig ist.

Komponenten: Die Anzahl der unabhängigen Substanzen im System (die Einfluss auf seinen Makrozustand haben).

Einige häufig vorkommende Größen:

E: Gesamtenergie des Systems (innere Energie)
N: Gesamtteilchenzahl (Edelgasatome, Moleküle, Photonen,…) im System
V: Volumen des Systems
ρ: Teilchenzahldichte im System (ρ = N/V)
T: Temperatur
P: Druck
S: Entropie
H: Enthalpie
F: (Helmholtz) freie Energie
n: Anzahl der Mole einer Substanz (n = N/NA; NA: Avogadro-Konstante)
xi: Molenbruch (xini/n; ni: Mole der Komponente i; Σi ni = n)
μi: chemisches Potenzial der Komponente i

Makrozustand: Die Größen E, N und V definieren den Makrozustand des isolierten Systems.

Mikrozustand: Auf der Ebene der Teilchen lässt sich ein Makrozustand durch eine große Zahl von Mikrozuständen Ω(E, N, V) realisieren.

Im Kontext des klassischen N-Teilchensystems ist ein Mikrozustand definiert durch die Angabe des Phasenraumpunktes c01_image001.gif zum Zeitpunkt t. Hier sind die c01_image002.gif die Orts- und die c01_image003.gif die Impulsvektoren der Teilchen. D.h. zum Zeitpunkt t + δt liegt in der Regel ein anderer Mikrozustand mit der gleichen Gesamtenergie E vor. Beide sind aber gleich wahrscheinlich. Dies ist die Annahme der Gleichheit der a priori Wahrscheinlichkeiten. Das quantenmechanische Analogon ist die Lösung der Schrödinger-Gleichung dieses N-Teilchensystems zum Energieeigenwert E. Anders gesagt ist in der Quantenmechanik ein Mikrozustand durch die vollständige Liste der mit E = konstant konsistenten Quantenzustände der Einteilchenwellenfunktionen festgelegt.

Gleichgewicht: Ein System strebt die Maximierung der Anzahl seiner Mikrozustände an und erreicht dieses Maximum im Gleichgewicht.

Thermodynamischer Limes: N → ∞, V → ∞, ρ → Konstante (unendlich ausgedehntes System).

Thermodynamische Variablen: Thermodynamische Variablen sind messbare makroskopische Größen, die ein System charakterisieren. Beispiele sind Druck, Temperatur, Magnetisierung, elektrische und magnetische Feldstärken etc.

Thermodynamische Potenziale: Ist beispielsweise F als Funktion ihrer Veränderlichen bekannt, d.h. F = F(T, V, n1, n2, …), so lassen sich alle anderen thermodynamischen Größen mittels Differenziation (bzw. ohne Integration) bestimmen:

c01_image004.jpg

wie wir noch zeigen werden. In Analogie zum Potenzial aus der Mechanik wird F als thermodynamisches Potenzial bezeichnet. Andere thermodynamische Potenziale sind möglich. Zum Beispiel lassen sich auch aus S mittels Differenziation alle anderen thermodynamischen Größen bestimmen.

Extensive und intensive Größen: Werden zwei identische Systeme zu einem System zusammengefasst, so ändern sich die extensiven Größen (E, N, V, ni,…) während die intensiven Größen (ρ, T, xi,…) unverändert bleiben.

Adiabatisch: kein Wärmeaustausch.

Isochor: keine Volumenänderung.

Isobar: keine Druckänderung.

Isotherm: keine Temperaturänderung.

Zustandsfunktion: Eine Größe, die nur vom gegenwärtigen (Makro-)Zustand des Systems abhängt (z.B. die innere Energie oder die Entropie). D.h. die Größe hangt nicht vom Weg ab, auf dem der Zustand erreicht wurde.

Mathematisch ist eine Zustandsfunktion A ein vollständiges (bzw. totales oder exaktes) Differenzial ihrer Variablen. Dies bedeutet die Vertauschbarkeit der partiellen Ableitungen bzw. das Verschwinden des Integrals von dA über einen geschlossenen Weg. Letzteres kann im Kontext des Stokesschen Satzes (Formulierung in drei Dimensionen: c01_image005.gif; geht in zwei Dimensionen in Integralformel von Gauß über: c01_image006.gif gezeigt werden (z.B. [14]).

Irreversibler Prozess: Z.B. die Abkühlung oder die freie Expansion eines Gases sind spontane irreversible Prozesse. Irreversible Prozesse erzeugen Entropie.

Man kann auch sagen, dass der Anfangszustand nicht ohne Arbeit (bzw. Kompensation) vom Endzustand aus erreicht werden kann.

Reversibler Prozess: Reversible Prozesse sind fein ausbalancierte Prozesse, die in praktisch unendlich vielen und kleinen Schritten verlaufen, wobei das System ständig mit seiner Umgebung im Gleichgewicht ist. Reversible Prozesse erzeugen keine Entropie.

1.2 Konstanten, Einheiten, Konventionen und Tabellen

kB = 1.380658 · 1023 JK–1 Boltzmann-Konstante
NA = 6.0221367 · 1023 mol–1 Avogadro-Zahl
R = NAkB = 8.3145112 Jmol–1 K–1 Gaskonstante
mamu = 1.66054 · 10–27 kg atomare Masseneinheit
images = h/(2π) = 1.054573 · 10–34 Js h: Plancksches Wirkungsquantum
1 bar = 105 Pa
1 atm = 101325 Pa
1 cal = 4.1855 J
0 °C = 273.15 K

Standardzustand einer reinen Substanz: stabiler Zustand bei P = 1 bar und T = 298.15 K

Einige nützliche Tabellenwerke:

HCP: D. R. Lide, Handbook of Chemistry and Physics. CRC Press, New York.

D’Ans-Lax: M. D. Lechner (Hrsg.), D’Ans-Lax - Taschenbuch für Chemiker und Physiker. Bände 1 bis 3; Springer Verlag, New York, 1992 bis 1998.

HTTD: D. R. Lide, H. V. Kehiaian, Handbook of Thermophysical and Thermochemical Data. CRC Press, New York, 1994.

LB: Der LANDOLT-BÖRNSTEIN ist eine umfassende Datensammlung in den Bereichen Physik, Chemie, Biophysik bzw. Biochemie. Die meisten Bibliotheken haben eine gewisse Anzahl der sehr teuren Bände. Zur Zeit gibt es auch einen Internet-Zugang auf den LB (http://link.springer.de/series/lb/).

1.3 Erster Hauptsatz

Die innere Energie E eines Systems beinhaltet die verschiedenen kinetischen und potenziellen Beiträge. Dazu zählen Translations-, Rotations-, Vibrations-, elektronische, Kern-, Orts- (Lage-) oder Massebeiträge. Der Absolutwert für E ist schwer zu bestimmen. Daher betrachten die meisten Rechnungen oder Experimente die Änderung von E: ΔE = EnachherEvorher.

Verschiedene Formulierungen des 1. Hauptsatzes:

(a) Die (innere) Energie eines isolierten Systems ist konstant.
(b) Verändert sich ein System von einem (Makro-)Zustand in einen anderen auf einem beliebigen adiabatischen Weg, so ist die geleistete Arbeit immer die gleiche, unabhängig von der angewandten Methode.
(c) Mathematische Formulierung:

(1.1)c01_image007.jpg

Dabei ist dE die differenzielle Änderung der inneren Energie, dq die dem System zugeführte Wärme und dw die am System geleistete Arbeit. Vorzeichenkonvention: ,,+“ für in das System hinein und „−“ für aus dem System heraus bei positiver Änderung der Variablen. Insbesondere gilt dw = dwePextdV, wobei dwe irgendeine andere Form der Arbeit außer der Volumenarbeit −PextdV gegen den externen Druck Pext ist.

Formen der (an dem System geleisteten) Arbeit:

Volumenänderung PextdV äußerer Druck Pext,
Volumenänderung dV
Oberflächenänderung γdσ Oberflächenspannung γ,
Flächenänderung
Längenänderung f dl Spannung f,
Dehnung dl
elektrische Arbeit qe elektrische Ladung qe,
Potenzialdifferenz
magnetische Arbeit c01_image008.gif Magnetisierung c01_image009.gif,
Änderung der magnetischen Feldstärke c01_image010.gif (*)

(*) Achtung: Wir verwenden den Buchstaben B für die Feldstärke, die üblicherweise mit H bezeichnet wird, während B sonst die magnetische Induktion bezeichnet!

Anwendungen des 1. Hauptsatzes:


Perpetuum Mobile und 1. Hauptsatz:

Angenommen E ist keine Zustandsfunktion, dann wäre folgendes Experiment möglich. In Abbildung 1.1 durchlaufen wir den Weg 1 von EA nach EE und anschließend den Weg 2 von EE nach c01_image010a.gif. Dadurch würden wir δE an innerer Energie pro Runde gewinnen – und hätten ein Perpetuum Mobile gebaut!


Innere Energie E und Enthalpie H:

Wir schreiben die innere Energie Eals Funktion der Temperatur Tund des Volumens V, d.h. E = E(T,V). Daher gilt

Abbildung 1.1: Mögliches Perpetuum Mobile (aus Referenz [1]).

c01_image011.jpg

(1.2)c01_image012.jpg

Neben der inneren Energie definieren wir eine zweite nützliche Zustandsfunktion, die Enthalpie H = H(T, P), die statt der thermodynamischen Variable V die thermodynamische Variable P verwendet. Für die Mehrzahl der chemischen Experimente, die bei konstantem Druck ablaufen, sind die Variablen T und P besser geeignet als T und V. Jetzt gilt

(1.3) c01_image013.jpg

CV bzw. CP sind die Wärmekapazitäten bei konstantem Volumen (isochor) bzw. bei konstantem Druck (isobar). Mit einfachen mathematischen Hilfsmitteln[1] lässt sich zeigen:

(1.7) c01_image014.jpg


Aufgabe 1: Enthalpie
Leiten Sie von H = E + PV ausgehend die Gl. (1.3) her.
Lösung:
Wir beginnen mit
c01_image015.jpg
Mit
(1.8) c01_image016.jpg
folgt
c01_image017.jpg
Wobei (∂A/∂x)z(∂x/∂y)z = (∂A/∂y)x + (∂A/∂x)y(∂x/∂y)z (vgl. (1.4)) verwendet würde. D.h.
c01_image018.jpg
Und dies war zu zeigen.


Aufgabe 2: Elektrische Arbeit
Durch einen Tauchsieder fließt ein Strom I bei einer Spannung φ für eine Zeit t. Geben Sie ΔE und ΔH für diesen Prozess an, wenn (a) die Flüssigkeit nicht in Dampf verwandelt wird bzw. (b) die Flüssigkeit vollständig in Dampf (ideales Gas) umgewandelt wird.

Lösung:
(a) ΔV = 0 daher ΔE = Δq = Iφt und ΔH = Iφt
(b) ΔE = ΔqPΔV = IφtnRT und ΔH = Iφt


Der Joule-Thompson-Effekt:

Wir betrachten folgendes adiabatisch ablaufende Experiment (vgl. Abbildung 1.2). Zwei Kolben seien durch eine Drossel verbunden. Nun wird Gas aus dem Kolben 1 durch die Drossel in den Kolben 2 „geschoben“. Die Änderung der inneren Energie ist ΔE = E2E1 = Δw. Δw ist die Summe der Volumenarbeiten P1V1 (am System geleistet) und −P2V2 (vom System geleistet). Folglich gilt E1 + P1V1 = E2 + P2V2 bzw. ΔH = 0, d.h. das Experiment verläuft isenthalpisch.

Interessant bei diesem Experiment ist der Joule-Thompson-Koeffizient

(1.9)c01_image019.jpg

Für μJT > 0 würde das Gas beim Expandieren aus einem leckenden Container abkühlen – gewöhnlich keine Gefahr. μJT < 0 bedeutet jedoch ansteigende Gastemperatur – und somit ggf. Explosionsgefahr (vgl. Abbildung 1.3)!

Bemerkung: Thermodynamik im eigentlichen Sinn liefert Relationen zwischen den thermodynamischen Zustandsfunktionen, deren Variablen und den entsprechenden abgeleiteten Größen. Systembezogene konkrete Berechnungen erfordern darüber hinaus zusätzliche Informationen wie plausible Entwicklungen (Virialentwicklung) oder mikroskopische Modelle (z.B. van der Waals-Gleichung).

Abbildung 1.2: Schematisches Joule-Thompson-Experiment.

c01_image020.jpg

Abbildung 1.3: Joule-Thompson-Koeffizient in der P-T-Ebene für Stickstoff, Wasserstoff und Helium. Inversionstemperatur bedeutet, dass für diese Temperatur μJT = 0 gilt (Abbildung aus Referenz [1]). Anwendungsbeispiel: Kältemaschine.

c01_image021.jpg

Aufgabe 3: Joule-Thompson-Koeffizient
(a) Leiten Sie die folgende Beziehung her:

(1.10)c01_image022.jpg

Hierbei sind

(1.11)c01_image023.jpg

der (isobare) thermische Ausdehnungskoeffizient bzw. die (isotherme) Kompressibilität.
(b) Zeigen Sie ausgehend von der Zustandsgleichung2

(1.12) c01_image024.jpg

die die niedrigste Korrektur zum Idealen-Gas-Gesetz (PV = nRT) beschreibt, wobei die Größe B2(T) der zweite Virialkoeffizient ist, dass in führender Ordnung folgende Beziehung gilt:

(1.13) c01_image025.jpg

Hier ist cPCP/N. Hinweis: Verwenden Sie die Beziehung

(1.14)c01_image026.jpg

die in Aufgabe 5 noch bewiesen wird, um zunächst

(1.15)c01_image027.jpg

herzuleiten.
(c) Mittels Gl. (1.13), den Daten aus Tabelle 1.1 und der Vorabinformation cP/R ≈ 5/23 tragen Sie μJT für Argon graphisch auf, und bestimmen Sie die Inversionstemperatur. Noch eine Verständnisfrage: Gl. (1.13) bezieht sich auf konstanten Druck. Bezogen auf unser schematisches Experiment in Abbildung 1.2 – welcher der Drücke P1 oder P2 wäre dies?

Tabelle 1.1: In Tabellenwerken werden experimentelle Daten oft nicht als „Rohdaten“ angegeben, sondern in Form empirischer Anpassfunktionen wie hier für c01_image028.jpg mit To = 298.15 K sowie A(1) = −0.1598 · 102, A(2) = −0.5983 · 102, A(3) = −0.9729 · 101 und A(4) = −0.1512 · 101). Dazu müssen die Autoren dieser Tabellenwerke die experimentelle Literatur sichten und die Qualität der Daten beurteilen. Die „guten“ Datensätze verschiedener Veröffentlichungen werden dann auf diese Weise zusammengefasst. Solche empirischen Anpassfunktionen sollten allerdings nicht außerhalb ihres getesteten Gültigkeitsbereichs – hier 100 K bis 1000 K – verwendet werden.

T/K B2/cm3mol−1
100 -184
280 -19
460 3
640 13
820 18
1000 21

Lösung:

(a) Mit Gl. (1.3) folgt

c01_image029.jpg

Außerdem gilt

(1.16) c01_image030.jpg

sodass

c01_image031.jpg

(b) Aufbauend auf der Lösung zu Aufgabe 1 folgt zunächst

(1.17) c01_image032.jpg

Mit Gl. (1.12) finden wir in führender Ordnung

(1.18)c01_image033.jpg

Einsetzen in Gl. (1.17) liefert zusammen mit Gl. (1.16) das gesuchte Resultat. Man beachte, dass für ein ideales Gas μJT = 0 gilt. D.h. der Joule-Thompson-Effekt ist eine Konsequenz der Wechselwirkung der Gasteilchen.

(c) Die Abbildung 1.4 zeigt die verlangte Auftragung. Wir erhalten eine Inversionstemperatur von ca. 800 K. Die Symbole sind experimentelle Daten zum Vergleich. Zur Verständnisfrage: μJT ist eine differenzielle Größe und bezieht sich auf eine infinitesimale Druckänderung bei einem von uns gewählten Druck! Hier ist dies ein niedriger Druck, bei dem sich Argon fast ideal verhält (z.B. 1 bar).

Abbildung 1.4: Auftragung des Joule-Thompson-Koeffizienten im Fall von Argon gegen die Temperatur. Die Inversionstemperatur beträgt ca. 800 K. Die Symbole sind experimentelle Daten bei Normaldruck (1 bar).

c01_image034.jpg


Aufgabe 4: Wirkungsgrad des Otto-Zyklus
Für den Kreisprozess in Abbildung 1.5 berechnen Sie den Wirkungsgrad, definiert als (geleistete Arbeit)/(investierte Wärmemenge). Das Gas soll ideal sein.
Lösung:
Die verschiedenen Teilprozesse im Otto-Zyklus sind

c01_image035.jpg

Der Wirkungsgrad ist

c01_image036.jpg

Für die Adiabaten gilt (s. u.)

Abbildung 1.5: Der Zyklus des Ottomotors.

c01_image037.jpg
c01_image038.jpg
Mit V2 = V3 und V1 = V4 folgt daraus
c01_image039.jpg
und somit

(1.19) c01_image040.jpg

Je größer dieses Temperaturverhältnis wird, desto näher liegt der Wirkungsgrad bei eins!
Nebenrechnung: Adiabatische Expansion (VV′)
c01_image041.jpg
und somit
c01_image042.jpg

1.4 Zweiter Hauptsatz

Die Folgerungen aus dem ersten Hauptsatz machen vom Prinzip der Erhaltung der Energie Gebrauch. Der zweite Hauptsatz integriert die Erfahrungstatsache in die Thermodynamik, dass spontan ablaufende Prozesse immer eine bestimmte Richtung auszeichnen.

Verschiedene Formulierungen des 2. Hauptsatzes:

(a) Ein Prozess, bei dem nur Wärme einem Reservoir entnommen und vollständig in Arbeit umgewandelt wird, ist nicht möglich.
(b) Die Entropie eines isolierten Systems nimmt bei einem spontanen Vorgang zu.
(c) Mathematische Formulierung: Für eine Zustandsänderung gilt die Clausiussche Ungleichung

(1.20) c01_image043.jpg

wobei das =-Zeichen im Gleichgewicht bzw. für reversible Prozesse gilt. Dann ist die Gl. (1.20) gleichzeitig die Definition der Entropie. Für in isolierten Systemen (dqSyst = 0) spontan ablaufende Prozesse gilt dSSyst ≥ 0.

Anwendungen des 2. Hauptsatzes:


Ein nützlicher Kreisprozess:

Wir wollen das Integral von dq/T entlang dem in Abbildung 1.6 gezeigten allgemeinen Kreisprozess betrachten:

(1.21)c01_image044.jpg

Abbildung 1.6: Integration von dq/T bei einem Kreisprozess. Der Prozess AE ist irreversibel, der Prozess EA ist reversibel.

c01_image045.jpg

Insbesondere gilt im Gleichgewicht c01_image046.gif dq/T = 0 und damit ist S eine Zustandsfunktion. Die Größe 1/T ist hier ein integrierender Faktor4, da dq selbst kein vollständiges Differenzial ist.


Der Carnotsche Wirkungsgrad:

Abbildung 1.7 illustriert die thermodynamischen Grundlagen von Wärmekraftmaschinen. Wird einem wärmeren Reservoir die Wärmemenge q entzogen, so nimmt seine Entropie um q/Tw ab. Umgekehrt nimmt bei Zufuhr von q′ zum kälteren Reservoir dessen Entropie um q′/T zu. Solange Tk < Tw, ist ΔSgesamt = q′/Tkq/Tw > 0. Die Differenz qq′ kann als Arbeit entnommen werden, da der Prozess spontan abläuft, d.h.

Abbildung 1.7: Die thermodynamischen Grundlagen von Wärmekraftmaschinen.

c01_image047.jpg

c01_image048.jpg

Der Carnotsche Wirkungsgrad ist definiert durch

(1.22)c01_image049.jpg

(vgl. Gl. (1.19) für den Wirkungsgrad des Otto-Zyklus).


Kombination des 1. HS und 2. HS – Fundamentalgleichung:

Mit der Clausiusschen Ungleichung gilt für einen reversiblen Prozess ohne Nicht-Volumenarbeit

(1.23) c01_image050.jpg

Da E jedoch eine Zustandsfunktion ist, muss Gl. (1.23) ebenfalls für irreversible Prozesse gelten (im isolierten System). Die Kombination der Gln. (1.23) und (1.7) liefert

(1.24) c01_image051.jpg


Freie Energie E und freie Enthalpie G:

Für ein System bei konstantem Volumen und ohne Nicht-Volumenarbeit gilt nach der Clausiusschen Ungleichung

(1.25) c01_image052.jpg

Ebenso gilt bei konstantem Druck und ohne Nicht-Volumenarbeit

(1.26) c01_image053.jpg

Dies legt unmittelbar die Definitionen

(1.27) c01_image054.jpg

und

(1.28) c01_image055.jpg

nahe, wobei F als Helmholtzsche freie Energie und G als Gibbssche freie Energie oder freie Enthalpie bezeichnet werden5. Damit lauten die Gln. (1.25) und (1.26)

(1.29)c01_image056.jpg

sowie

(1.30)c01_image057.jpg

wobei .. an die ausgeschlossene Nicht-Volumenarbeit erinnern soll. Diese beiden Ungleichungen stellen das wichtigste Resultat der Thermodynamik dar!


Die Maxwell-Relationen:

Für vollständige Differenziale bzw. Zustandsfunktionen gilt die Vertauschbarkeit der partiellen Ableitungen. D.h.

c01_image058.jpg

Angewandt auf die Gln. (1.23) und (1.24) erhalten wir die zwei Maxwell-Relationen

(1.31)c01_image059.jpg

(1.32)c01_image060.jpg

Die Kombination der Gln. (1.27) und (1.23) liefert

(1.33) c01_image061.jpg

Entsprechend liefert die Kombination der Gln. (1.28) und (1.24)

(1.34) c01_image062.jpg

Daraus ergeben sich die zwei weiteren Maxwell-Relationen

(1.35)c01_image063.jpg

(1.36)c01_image064.jpg


Aufgabe 5: Maxwell-Relationen: (∂E/∂V)T, CPCV und ks/kT
Zeigen Sie
(a)
c01_image065.jpg
und geben Sie (∂E/∂V)T für das ideale Gas an.
(b)
c01_image066.jpg
und geben Sie CPCV für das ideale Gas an.
(c)
c01_image067.jpg
wobei

(1.37)c01_image068.jpg

die isentropische oder adiabatische Kompressibilität ist.
Lösung:
(a) Aus Gl. (1.23) folgt direkt
c01_image069.jpg
Und für das ideale Gas gilt damit
c01_image070.jpg
(b)
c01_image071.jpg
Zusammen mit Gl. (1.8) bzw.
c01_image072.jpg
folgt
c01_image073.jpg
Für das ideale Gas gilt
c01_image074.jpg
und somit

(1.38)c01_image075.jpg

(c)
c01_image076.jpg
Mit
c01_image077.jpg
und dem Resultat aus Teil (a) folgt
c01_image078.jpg
Einfaches Auflösen liefert die Behauptung!


Aufgabe 6: Schallgeschwindigkeit in Gasen und Flüssigkeiten
Eine Schallwelle verursacht kleine orts- und zeitabhängige Druck- und Dichteschwankungen, c01_image079.gif und c01_image080.gif, in einem isotropen Medium, d.h.
c01_image081.jpg
wobei P und ρ zeit- und ortsunabhängige Mittelwerte sind. In dieser Aufgabe ist ρ = mN/V, wobei m die Masse der Teilchen ist, aus denen das Medium besteht.
Diese Druck- und Dichteschwankungen sind über die adiabatische Kompressibilität gekoppelt, da sie schnell genug ablaufen, sodass kein Wärmeaustausch mit ihnen verbunden ist. Ferner gelten die Kontinuitätsgleichung
c01_image082.jpg
wobei c01_image083.gif die Geschwindigkeit eines Massenelements im Medium ist (auch c01_image084.gif soll eine kleine Größe sein), sowie die näherungsweise gultige Bewegungsgleichung
c01_image085.jpg
Die rechte Seite der letzten Gleichung beschreibt die Kraft auf das Volumenelement dV aufgrund der Druckschwankungen. Man beachte, c01_image086.gif ist die lokale zeitliche Änderung am Ort c01_image087.gif.
(a) Leiten Sie eine Bewegungsgleichung für c01_image088.gif her, wobei Sie nur den führenden Beitrag berücksichtigen sollen. D.h. Produkte kleiner Größen werden gegenüber dem Produkt einer kleinen mit einer großen Größe vernachlässigt.
(b) Bestimmen Sie daraus einen Ausdruck für die Schallgeschwindigkeit cs. Wie sieht dieser Ausdruck für ein atomares ideales Gas mit der inneren Energie E = (3/2)RT aus. Vergleichen Sie diesen Ausdruck graphisch mit experimentellen Daten aus Tabelle 1.2.
Lösung:
(a) Die Kontinuitätsgleichung ergibt
c01_image089.jpg
Aus der Bewegungsgleichung folgt
c01_image090.jpg

Tabelle 1.2: Schallgeschwindigkeit in Helium (4He) bei 1 bar bzw. 0.1 MPa aus HTTD (Seite 434).

T/K cs/ms−1
3 222
4 185
5 120
10 185
20 264
50 417
100 589
200 833
300 1020
400 1177
500 1316
600 1441
700 1557
800 1664
900 1765
1000 1861
1500 2279
Jetzt kommt kS = −(1/V)(∂V/∂P)S ins Spiel. D.h.
c01_image091.jpg
Und damit folgt das gewünschte Resultat:
c01_image092.jpg
(b) Einsetzen des Lösungsansatzes
c01_image093.jpg
in die Bewegungsgleichung liefert die Schallgeschwindigkeit csω/k:
c01_image094.jpg
bzw.

(1.39)c01_image095.jpg

Für das atomare ideale Gas gilt
c01_image096.jpg
und damit

(1.40) c01_image097.jpg

Die Abbildung 1.8 zeigt den Vergleich von Gl. (1.40) mit den experimentellen Werten für 4He bei einem Druck von 1 bar aus HTTD. Oberhalb von ca. 10 K ist die Übereinstimmung nahezu perfekt. Darunter weicht die einfache Theorie ab. Was passiert dort?

Abbildung 1.8: Schallgeschwindigkeit in Helium. Symbole: Experimentelle Daten; durchgezogene Linie: Gl. (1.40).

c01_image098.jpg

Mehrkomponentensysteme und chemisches Potenzial:

Betrachten wir die freie Enthalpie als Funktion nicht nur von T und P, sondern auch als Funktion der stofflichen Zusammensetzung. D.h. G = G(T, P, n1, n2, …), wobei die ni die Anzahl der Mole des Stoffes i im System sein sollen. Es gilt dann

c01_image099.jpg

Mit der Definition

(1.41)c01_image100.jpg

wobei μi das (molare) chemische Potenzial der Komponente i genannt wird, folgt

(1.42) c01_image101.jpg

Insbesondere ist für ein reines System (d.h. eine Komponente) μμ1 die molare freie Enthalpie. Die Kombination der Gln. (1.27), (1.28), (1.33) und (1.34) zusammen mit Gl. (1.42) liefert

(1.43) c01_image102.jpg

und damit

(1.44)c01_image103.jpg

Bemerkung: Analog zur Herleitung der Maxwell-Relationen (1.35) und (1.36) aus (1.33) und (1.34), konnen aus (1.42) und (1.43) weitere Maxwell-Relationen hergeleitet werden:

(1.45) c01_image104.jpg

(1.46)c01_image105.jpg

und

(1.47)c01_image106.jpg

(1.48) c01_image107.jpg


Thermodynamische Größen als homogene Funktionen:

(1.49) c01_image108.jpg

(intensiv: m = 0; extensiv: m = 1), dann gilt

(1.50)c01_image109.jpg

Für A = G und xi = ni folgt mit m = 1

(1.51)c01_image110.jpg

Insbesondere folgt daraus

c01_image111.jpg

Vergleich mit Gl. (1.42) liefert die Gibbs-Duhem-Gleichung

(1.52)c01_image112.jpg


Chemisches Potenzial konkret:

(1.53) c01_image113.jpg

Der Index * zeigt an, dass es sich um eine reine Substanz handelt. Der Index ° zeigt einen Bezugsstandard an.

(1.54) c01_image114.jpg

Begründung:

c01_image115.jpg

Abbildung 1.9: Eine reine Flüssigkeit A(l) im Gleichgewicht mit ihrem Dampf A(g).

c01_image116.jpg

bzw.

c01_image117.jpg

Es gilt aber ∂nA/∂nA(g) = ∂nA/∂nA(l) = 1. Somit erhalten wir das wichtige Resultat μA(g) = μA(l) bzw. c01_image118.jpg. Man spricht auch vom chemischen Gleichgewicht. Die verallgemeinerte Form lautet

(1.55)c01_image119.jpg

Hier bedeuten I und II zwei unterschiedliche Phasen (z.B. Flüssigkeit im Kontakt mit Gas) oder auch Regionen6 (z.B. Gas in Kontakt mit Oberfläche) in einem zusammenhängenden System, das die Komponente i enthält.

Daltonsches Gesetz: Der Gesamtgasdruck P eines idealen Gemisches ist gleich der Summe der Partialdrücke der Komponenten Pi, P = ΣiPi und Pi = niRT/V.

Raoultsches Gesetz: c01_image120.jpg. D.h. der Partialdruck PA ist gleich dem Produkt des Dampfdrucks des reinen Lösungsmittels (bei der gleichen Temperatur) multipliziert mit dem Molenbruch des Lösungsmittels der Lösung c01_image121.jpg.

Abbildung 1.10: Eine binäre Mischung im Gleichgewicht mit ihrem Dampf.

c01_image122.jpg

In der Gasphase gilt analog zu Gl. (1.53)

(1.56)c01_image123.jpg

Der Vergleich mit Gl. (1.54) liefert

(1.57) c01_image124.jpg

mit c01_image125.jpg.


Exzessgrößen:

Gl. (1.57) erlaubt sofort die Änderung der freien Enthalpie zu berechnen, wenn zwei ursprünglich ideale, reine, flüssige Substanzen A und B gemischt werden. Diese freie Mischungsenthalpie ist

(1.58) c01_image126.jpg

Die entsprechende ideale Mischungsentropie und ideale Mischungsenthalpie sind

(1.59)c01_image127.jpg

(1.60)c01_image128.jpg

Zur Beschreibung realer Lösungen verwendet man Exzess-Funktionen GE bzw. SE, definiert als

(1.61)c01_image129.jpg

(1.62)c01_image130.jpg


Nichtideale Systeme – Fugazität und Aktivität:

Für reine nichtideale bzw. reale Gase lautet Gl. (1.53)

(1.63)c01_image131.jpg

Die Größe γA ist der Fugazitätskoeffizient von A zu diesem Standard (d.h. γA = 1 für das ideale Gas bei der gegebenen Temperatur). Allgemein definiert man die Fugazität f als

(1.64)c01_image132.jpg

In der Lösung gilt weiterhin Gl. (1.57) in der Form

c01_image133.jpg

Die Größe c01_image134.gif ist die Aktivität, und in Analogie mit der Fugazität wird auch hier ein Aktivitätskoeffizient definiert:

(1.65)c01_image135.jpg

Für ein ideales System gilt wieder γA = 1.

Betrachten wir nun den gelösten Stoff B. Es gilt wieder

c01_image136.jpg

(der reine Zustand von B muss nicht unbedingt flüssig sein!). Bei kleinen Konzentrationen verwenden wir das Gesetz von Henry7 und schreiben

c01_image137.jpg

Erhöhte Konzentrationen behandeln wir mit der Gleichung

(1.66) c01_image138.jpg

wobei im Grenzfall unendlicher Verdünnung, c01_image139.gif, der Aktivitätskoeffizient gegen eins strebt. Gl. (1.66) ist allerdings nicht auf Lösungen beschränkt, sondern kann allgemein verwendet werden. Man sollte nur den korrekten Bezugszustand im Auge behalten.


Aufgabe 7: Bestimmung des Fugazitätskoeffizienten
Wir betrachten ein Gas, dessen Druck durch die Virialentwicklung

c01_image140.jpg

gegeben ist. Der Fugazitätskoeffizient dieses Gases kann als

c01_image141.jpg

dargestellt werden. Zeigen Sie dies, und drücken Sie dabei die Koeffizienten c1 und c2 durch die Bi aus. Hinweis: (1 + x)−1 = 1 − x + x2 − … für −1 < x < 1.

Lösung:
Wir gehen von Gl. (1.53) aus und berechnen zuerst V = V(P) durch Umkehrung der obigen Virialreihe. D.h. wir setzen die Entwicklung

c01_image142.jpg

in

c01_image143.jpg

ein und vergleichen die Koeffizienten. Also

c01_image144.jpg

und damit

c01_image145.jpg

Das Integral in Gl. (1.53) lautet jetzt

c01_image146.jpg

Damit erhalten wir schließlich

(1.67) c01_image147.jpg


Anwendungen von c01_image148.gif

Die Systeme in den folgenden Anwendungsbeispielen sind ideal. Die Verallgemeinerung zu realen Systemen sollte aber klar sein.

c01_image150.jpg

wobei ΔGVerd.,mol eine molare freie Verdampfungsenthalpie ist, bzw.

c01_image151.jpg

Die letzte Gleichung verwendet die Gibbs-Helmholtz-Gleichung8, d.h.

(1.69) c01_image152.jpg

Dies bedeutet, dass am Siedepunkt TSiede der reinen Substanz A (d.h. c01_image153.gif) die Zugabe einer geringen Stoffmenge c01_image154.gif den Siedepunkt erhöht, δT = TTSiede > 0, weil ΔHV erd .,mol > 0.

c01_image156.jpg

und daher

(1.70) c01_image157.jpg

Hier ist TSchmelz die Schmelztemperatur des reinen Festkörpers, und es gilt ΔHSchmelz,mol > 0.

(1.71) c01_image158.jpg

Mit c01_image158a.gif (Wie kommt man darauf?) ergibt sich die van’t Hoffsche Gleichung:

(1.72) c01_image159.jpg

Abbildung 1.11: Schematik zum osmotischen Druck und ein einfaches Messprinzip – Osmotischer Druck Π = Gewichtskraft der Flüssigkeitssäule der Höhe h pro Querschnitt des Rohres. Die Membran ist lediglich für das Lösungsmittel durchlässig, d.h. sie ist semipermeabel. Im Rohr befindet sich somit Lösung, während außerhalb nur das reine Lösungsmittel vorhanden ist.

c01_image160.jpg

Die Abbildung 1.12 zeigt den osmotischen Druck einer wässrigen Rohrzuckerlösung (Saccharose) bei 273 K. In dieser besonderen Auftragung ist der Schnittpunkt (der durchgezogenen Linie) mit der y-Achse gleich der inversen Molmasse MB von Saccharose in kg. Hier erhalten wir MB ≈ 0.33 kgmol−1 (tatsächlicher Wert: MB ≈ 0.34 kgmol−1). Mithilfe der Osmose lässt sich die mittlere Masse der gelösten Teilchen bestimmen. Die Abweichung vom van’t Hoffschen Gesetz tritt auf, wenn die Saccharosemoleküle miteinander wechselwirken. Diese Wechselwirkung haben wir bisher nicht berücksichtigt, d.h. wir verwenden einen Aktivitätskoeffizienten von Eins. Eine Konzentration von 100 g/l entspricht aber einem mittleren Molekülabstand von ca. 18 Å; bei 200 g/l sind es noch ca. 14 Å. Saccharose selbst hat eine Ausdehnung von ca. 8-10 Å. D.h. die Abweichung ist nicht verwunderlich. Ähnlich wie wir es schon bei Gasen gesehen haben, lässt sich die Konzentrationsabhängigkeit des osmotischen Drucks als Virialentwicklung ausdrücken. Der erste Koeffizient dieser Entwicklung liefert beispielsweise Informationen bzgl. des molekularen Volumens des gelösten Stoffes in Lösung.

(1.73) c01_image161.jpg

D.h.

(1.74) c01_image162.jpg

c01_image163.gif ist der gelöste Molenbruch der Substanz B im Gleichgewicht mit ihrem Festkörper (f).

Abbildung 1.12: Osmotischer Druck einer wässrigen Rohrzuckerlösung bei 273 K. Man beachte c01_image165.gif, wobei MB die Molmasse des gelösten Stoffes und c01_image166.gif seine (Massen-)Dichte sind. Die durchgezogene Linie entspricht einer Anpassung nach van’t Hoff, während die gestrichelte Linie eine Anpassung durch ein Polynom darstellt.

c01_image164.jpg

(1.75) c01_image167.jpg

Nach dem Gesetz von Henry ist c01_image168.gifund daher

(1.76) c01_image169.jpg

für T und P konstant. Dies ist ein spezieller Fall des Nernstschen Verteilungssatzes.


Aufgabe 8: Korrekturen zur van’t Hoffschen Gleichung
In einer Referenz9 stieß ich auf folgende Gleichung für den osmotischen Druck einer realen Lösung:

c01_image170.jpg

Wie kommt der Autor auf diese Gleichung, und ist sie korrekt?
Lösung:
Wir nehmen hier an, dass c01_image171.gif nicht unabhängig vom Druck ist, sondern der linearen Entwicklung

c01_image172.jpg

genügt, wobei Po irgendein geeigneter Referenzdruck ist. Die Ableitung kann umgeschrieben werden gemäß

c01_image173.jpg

κT ist hier die Kompressibilität des reinen Lösungsmittels. Integration von

c01_image174.jpg

Liefert

c01_image175.jpg

und somit

c01_image176.jpg

Bis auf den Faktor 1/2 können wir so das Ergebnis aus der Literatur nachvollziehen. Zu beachten ist allerdings, dass für Flüssigkeiten die Kompressibilität klein ist (ca. einige 10−5 bar−1), sodass in solchen Fallen diese Korrektur bei osmotischen Drücken der Größenordnung 10 bar keine Rolle spielt. In Abbildung 1.12 entspricht die höchste Konzentration ca. 25 bar.


Massenwirkungsgesetz:

Wir betrachten die folgende mathematische Form einer chemischen Reaktionsgleichung:

c01_image177.jpg

Dabei läuft j über alle beteiligten Edukte und Produkte Sj mit den stöchiometrischen Koeffizienten νj (positiv für Produkte; negativ für Edukte). Im Gleichgewicht gilt

c01_image178.jpg

νj ist die jeweilige umgesetzte differenzielle Stoffmenge. Mit Gl. (1.66) für die chemischen Potenziale folgt unmittelbar

c01_image178.jpg

bzw. das Massenwirkungsgesetz

(1.77) c01_image180.jpg

K ist hier die Gleichgewichtskonstante und

c01_image181.jpg