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Edgar Wallace

Der unheimliche Mönch

Kriminalroman

Edgar Wallace

Der unheimliche Mönch

Kriminalroman

Veröffentlicht im Null Papier Verlag, 2019
Übersetzung: Hans Herdegen
1. Auflage, ISBN 978-3-954181-87-2

www.null-papier.de/wallace

null-papier.de/katalog

Inhaltsverzeichnis

Ka­pi­tel 1

Ka­pi­tel 2

Ka­pi­tel 3

Ka­pi­tel 4

Ka­pi­tel 5

Ka­pi­tel 6

Ka­pi­tel 7

Ka­pi­tel 8

Ka­pi­tel 9

Ka­pi­tel 10

Ka­pi­tel 11

Ka­pi­tel 12

Ka­pi­tel 13

Ka­pi­tel 14

Ka­pi­tel 15

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Kapitel 1

O’Shea be­fand sich schon die gan­ze Nacht über in ei­ner ent­setz­li­chen Stim­mung. Auf­ge­regt ging er auf dem Wie­senab­hang auf und ab, sprach halb­laut mit sich selbst, ges­ti­ku­lier­te mit den Hän­den, als ob er in ei­ner großen Ver­samm­lung re­de­te, und lach­te dann ner­vös über sei­ne ei­ge­nen ge­heim­nis­vol­len Wit­ze. Und als der Mor­gen grau­te, war er über den klei­nen Lip­ski her­ge­fal­len und hat­te ihn mit ei­nem Faust­hieb zu Bo­den ge­schla­gen. Das hat­te auch sei­nen Grund, denn Lip­ski hat­te es ge­wagt, eine Zi­ga­ret­te ge­gen je­des Ver­bot an­zu­ste­cken. Bru­tal hat­te O’Shea ihn nie­der­ge­streckt. Die bei­den an­de­ren, die zu­ge­gen wa­ren, hat­ten sich nicht ge­traut, ihn dar­an zu hin­dern.

Joe Con­nor lag der Län­ge nach im Gra­se, kau­te an ei­nem Halm und be­ob­ach­te­te den ru­he­lo­sen Wan­de­rer mit düs­te­ren Bli­cken. Auch Marks, der mit un­ter­ge­schla­ge­nen Bei­nen ne­ben sei­nem Ka­me­ra­den saß, schau­te ihm nach, und ein halb spöt­ti­sches, halb schlau­es Lä­cheln spiel­te da­bei um sei­ne schma­len Lip­pen.

»Heu­te ist er wie­der ein­mal glatt ver­rückt«, sag­te Joe Con­nor lei­se. »Wenn er dies­mal die Sa­che hin­kriegt, ohne daß wir für den Rest un­se­res Le­bens ins Ge­fäng­nis wan­dern, dann ha­ben wir Glück.«

Marks feuch­te­te die tro­ckenen Lip­pen mit der Zun­ge an.

»O’Shea ist am glän­zends­ten, wenn er so ver­rückt ist«, sag­te er. Sei­ne Stim­me klang kul­ti­viert. Sei­ne Be­kann­ten er­zähl­ten sich auch, daß er Theo­lo­gie stu­diert hat­te, bis er eine leich­te­re und be­que­me­re Art fand, sei­nen Le­bens­un­ter­halt zu ver­die­nen, und zu ei­nem der ge­ris­sens­ten und ge­fähr­lichs­ten Ver­bre­cher Eng­lands wur­de.

»Trotz­dem braucht er sei­ne Kum­pa­ne nicht der­ar­tig nie­der­zu­schla­gen, das ist doch Blöd­sinn. Die­ser Lip­ski stöhnt so in­fam; kannst du nicht da­für sor­gen, daß er das Maul hält?«

Joe Con­nor er­hob sich nicht. Er sah nur zu Lip­ski hin­über, der auf dem Bo­den lag und ab­wech­selnd stöhn­te und fluch­te.

»Der wird schon wie­der zu sich kom­men«, er­wi­der­te Con­nor gleich­gül­tig. »Je mehr Prü­gel er kriegt, de­sto mehr Re­spekt hat er vor O’Shea.«

Er rück­te ein we­nig nä­her zu sei­nem Ka­me­ra­den her­an und frag­te lei­se: »Hast du je­mals O’Shea deut­lich ge­se­hen? – Ich mei­ne – sein Ge­sicht?«

»Nein, noch nie, und da­bei habe ich doch schon drei­mal mit ihm zu­sam­men­ge­ar­bei­tet. Im­mer hat­te er die­sen Man­tel an, den er auch heu­te abend trägt, den Kra­gen hoch­ge­schla­gen und den breit­krem­pi­gen schwar­zen Hut tief ins Ge­sicht ge­zo­gen. Ich hät­te nie ge­glaubt, daß es einen der­ar­ti­gen Ver­bre­cher gibt – ich dach­te, so et­was könn­te man nur auf der Büh­ne se­hen. Das ers­te­mal habe ich von ihm ge­hört, als er mich ru­fen ließ – ich traf ihn da­mals in der St. Al­ban’s Road um zwölf Uhr nachts. Ich habe sein Ge­sicht nie­mals zu se­hen be­kom­men, aber er wuß­te al­les von mir und sag­te mir, wie oft ich be­reits ver­ur­teilt wor­den war. Dann setz­te er mir aus­ein­an­der, wozu er mich brauch­te.«

»Und vor al­lem hat er dich gut be­zahlt«, ent­geg­ne­te Marks gleich­gül­tig, als Joe eine Pau­se mach­te.

»Er zahlt wirk­lich aus­ge­zeich­net, und er holt sich sei­ne Leu­te im­mer auf die­sel­be Art und Wei­se zu­sam­men.«

Marks spitz­te die Lip­pen, als ob er pfei­fen woll­te, dann sah er nach­denk­lich zu dem ru­he­los um­her­wan­dern­den O’Shea hin­über.

»Ja, er ist ver­rückt – aber er zahlt gut. Und dies­mal wird er noch bes­ser zah­len als sonst!«

Con­nor sah plötz­lich auf. »Zwei­hun­dert­fünf­zig Pfund Be­loh­nung und fünf­zig Pfund, um da­von­zu­kom­men, das nen­ne ich eine an­stän­di­ge Be­zah­lung.«

»Und ich sage dir, dies­mal zahlt er mehr«, mein­te Marks ru­hig. »Die Ge­schich­te, zu der er uns hier braucht, be­zahlt sich so gut, daß er es auch kann. Meinst du, ich steu­re ein La­st­au­to mit drei­tau­send Kilo aus­tra­li­schen Gold­stücken durch die Stra­ßen von Lon­don und ris­kie­re, da­für an den Gal­gen zu kom­men – nur für schä­bi­ge zwei­hun­dert­fünf­zig Pfund und das biß­chen Geld für die Rei­se? Ich den­ke nicht dar­an!«

Er er­hob sich und klopf­te den Staub von sei­ner Hose. O’Shea war im Au­gen­blick nicht zu se­hen, er war auf die an­de­re Sei­te des Hü­gels ge­gan­gen und be­fand sich wahr­schein­lich hin­ter der He­cke, die in ei­nem großen Halb­bo­gen die Wie­se teil­te.

»Drei Ton­nen Gold, das ist mehr als eine hal­be Mil­li­on Pfund! Wir müs­sen min­des­tens zehn Pro­zent da­von be­kom­men.«

Con­nor grins­te, er wies mit ei­ner Kopf­be­we­gung auf Lip­ski, der noch im­mer stöhn­te.

»Willst du den auch ins Ver­trau­en zie­hen?«

Marks biß sich auf die Lip­pen.

»Ich glau­be, das ist über­flüs­sig, den brau­chen wir nicht.«

Er schau­te sich um, ob et­was von O’Shea zu se­hen sei, dann ließ er sich wie­der ne­ben sei­nem Ka­me­ra­den nie­der.

»Wir ha­ben die gan­ze Sa­che in der Hand«, flüs­ter­te er. »Mor­gen wird O’Shea wie­der bei Ver­nunft sein. Die­se An­fäl­le hat er nur sel­ten, und wenn er wie­der bei kla­rem Ver­stand ist, hört er auch an, was ich ihm zu sa­gen habe. Also, wir hal­ten die­sen Goldtrans­port an – das ist ein al­ter Trick von O’Shea –, in­dem wir die Tal­mul­de ver­ga­sen, durch die der Weg hier führt. Ich wun­de­re mich nur, daß O’Shea den Mut hat, den Plan zu wie­der­ho­len. Ich wer­de das La­st­au­to mit dem Gold zur Stadt fah­ren und an ei­ner si­che­ren Stel­le ab­stel­len. Meinst du, O’Shea wür­de uns nicht un­se­ren Teil ge­ben, wenn er vor die Wahl ge­stellt wird, uns un­se­ren An­teil aus­zu­be­zah­len oder In­spek­tor Br­ad­ley in die Hän­de zu fal­len?«

Con­nor brach einen Gras­halm ab und kau­te dar­an. »Er ist ver­teu­felt schlau –«

Marks ver­zog spöt­tisch die Lip­pen.

»Ist das nicht im­mer so? Sit­zen in Dart­moor nicht lau­ter schlaue Leu­te? In­spek­tor Hallick macht sich doch einen Scherz dar­aus, daß er die Ge­fan­ge­nen nur Aka­de­mi­ker nennt. Nein, mein Lie­ber, glau­be mir, Schlau­heit ist ein re­la­ti­ver Be­griff –«

»Was be­deu­tet die­ses Fremd­wort nun schon wie­der?«, brumm­te Con­nor und run­zel­te die Stirn. »Ver­such bloß nicht, mich mit die­sen ge­bil­de­ten Wor­ten be­sof­fen zu ma­chen! Red nicht im­mer so ge­lehrt, sprich wie ein ge­wöhn­li­cher Mensch, da­mit je­der dich ver­ste­hen kann.«

Er sah sich wie­der ein we­nig ängst­lich um. Die Tat­sa­che, daß O’Shea nicht zu se­hen war, be­un­ru­hig­te ihn. Das Auto O’Sheas stand hin­ter dem Hü­gel auf ei­nem klei­nen Ne­ben­weg. O’Shea wür­de sich, nach­dem der Über­fall ge­lun­gen war, da­mit so­fort in Si­cher­heit brin­gen. Sei­ne Leu­te konn­ten dann zu­se­hen, wie sie durch all die Ge­fah­ren hin­durch­ka­men. Sie hat­ten den schwie­ri­ge­ren Teil aus­zu­füh­ren, aber sie muß­ten zu­ge­ben, daß der gan­ze Plan ge­ni­al aus­ge­dacht und or­ga­ni­siert war.

In ei­ni­ger Ent­fer­nung la­gen links an ei­nem stei­len Ab­hang vier große Gas­zy­lin­der in ei­ner Rei­he. Con­nor und Marks konn­ten von ih­rem Platz aus die lan­ge hell­graue Land­stra­ße se­hen, die durch die tie­fe Mul­de führ­te. In kür­zes­ter Zeit muß­ten die Lich­ter des La­st­au­tos mit dem Goldtrans­port auf­tau­chen. Con­nor hielt sei­ne Gas­mas­ke in der Hand; Marks hat­te sei­ne in die Ta­sche ge­steckt.

»Der muß eine Un­men­ge Geld ha­ben«, mein­te Con­nor.

»Wer – O’Shea?« Marks zuck­te die Schul­tern. »Das weiß ich nicht, er gibt aber auch das Geld aus wie kein an­de­rer. Man soll­te ei­gent­lich mei­nen, daß er wie­der plei­te ist. Es ist na­he­zu zwölf Mo­na­te her, daß er sei­nen letz­ten großen Fang ge­macht hat.«

»Was macht der bloß mit all dem vie­len Geld?«, frag­te Con­nor neu­gie­rig.

»Er gibt es aus wie wir auch. Als ich ihn das letz­te Mal frag­te, sag­te er: ›Ich muß ein großes Land­haus kau­fen.‹ Dort woll­te er sich nie­der­las­sen und ein be­que­mes, ru­hi­ges Le­ben füh­ren. Als ich ihn ges­tern abend wie­der­sah, sag­te er, daß er die Hälf­te des Gol­des brau­che, um sei­ne Schul­den zu be­zah­len.«

Marks rieb sich mit dem Ta­schen­tuch die Fin­ger­spit­zen ab.

»Un­ter an­de­rem kann er lü­gen wie ge­druckt«, be­merk­te er leicht­hin. »Aber was war das?«

Marks sah arg­wöh­nisch auf die He­cke, die nur ein paar Me­ter von ih­nen ent­fernt war, denn er hat­te ein Ra­scheln im Laub ge­hört. Schnell sprang er auf, eil­te zu den Sträu­chern und sah sich nach al­len Sei­ten um, aber er konn­te nie­man­den ent­de­cken. Nach­denk­lich kehr­te er zu sei­nem Ka­me­ra­den zu­rück.

»Ich möch­te nur wis­sen, ob der Teu­fel ge­lauscht und wie lang er un­se­re Un­ter­re­dung mit an­ge­hört hat!«

»Wen meinst du? Doch nicht etwa O’Shea?«, frag­te Con­nor be­stürzt.

Marks ant­wor­te­te nicht, er hol­te nur tief Luft. Al­lem An­schein nach fühl­te er sich nicht si­cher.

»Wenn er et­was ge­hört hät­te, wäre er zu uns ge­kom­men. Er ist in ei­ner so ver­teu­felt schlech­ten Stim­mung, daß er so­fort los­ge­platzt wäre.«

Con­nor stand auf und streck­te sich.

»Ich möch­te nur wis­sen, was für ein Le­ben er führt. Bei­na­he möch­te ich wet­ten, daß er eine Frau und eine Fa­mi­lie ir­gend­wo im Land un­ter­hält. Sol­che Leu­te ma­chen so et­was. Da kommt er üb­ri­gens!«

Sie sa­hen die Ge­stalt O’Sheas, der von der Höhe des Hü­gels auf sie zu­kam.

»Hal­ten Sie die Mas­ken be­reit. Sie wis­sen, was Sie zu tun ha­ben, Marks?«

Die Stim­me klang durch den hoch­ge­schla­ge­nen Kra­gen et­was ge­dämpft und un­deut­lich, aber trotz­dem war der Ton freund­lich und lie­bens­wür­dig.

»Ho­len Sie ein­mal den Kerl her«, sag­te O’Shea und zeig­te auf Lip­ski.

Die bei­den ge­horch­ten und ka­men gleich dar­auf mit dem noch et­was be­nom­me­nen Lip­ski wie­der zu O’Shea.

»Sie ge­hen an das Ende der Stra­ße«, sag­te er zu Lip­ski. »Ste­cken Sie die rote La­ter­ne an. Es ist nicht not­wen­dig, daß die Ker­le an­hal­ten, sie brau­chen nur lang­sa­mer zu fah­ren. Un­ter kei­nen Um­stän­den ge­hen Sie aus der De­ckung her­aus. Es sind wahr­schein­lich zehn schwer­be­waff­ne­te Po­li­zis­ten auf dem La­st­au­to.«

O’Shea ging dann zu den Gas­be­häl­tern hin­über. An der Öff­nung je­der Fla­sche war ein di­cker Gum­mischlauch be­fes­tigt, der in die Mul­de hin­ab­führ­te. Mit ei­nem Schrau­ben­schlüs­sel dreh­te er die Ven­ti­le auf. Un­ter lei­sem Zi­schen ent­wich das Gas durch die Schläu­che.

»Das Gas ist schwer und bleibt un­ten im tiefs­ten Teil der Mul­de. Sie brau­chen Ihre Gas­mas­ke erst im letz­ten Mo­ment auf­zu­set­zen.«

Er folg­te Lip­ski bis zum Ende der Sen­ke und kon­trol­lier­te, daß der Mann die rote La­ter­ne an­zün­de­te. Dann zeig­te er ihm die Stel­le, wo er sich ver­ste­hen soll­te, und ging zu Marks zu­rück. Nicht im min­des­ten ließ er sich an­mer­ken, daß er die Un­ter­hal­tung der bei­den ge­hört hat­te. Jetzt war es auch nicht an der Zeit, mit ih­nen ab­zu­rech­nen oder einen Streit vom Zaun zu bre­chen.

Gleich dar­auf hör­ten sie von fern das Geräusch des La­st­au­tos, das sich auf der Stra­ße nä­her­te, lan­ge be­vor die Schein­wer­fer auf­blitz­ten. Der Trans­port muß­te den Wald von Fels­ted pas­sie­ren, be­vor er an die­ser Stel­le vor­bei­kam.

»Jetzt!«, rief O’Shea scharf.

Er selbst setz­te kei­ne Gas­mas­ke auf.

»Schie­ßen Sie nicht, wenn es nicht durch­aus nö­tig ist, aber hal­ten Sie die Waf­fen be­reit, falls et­was schief­ge­hen soll­te. Und den­ken Sie dar­an, daß die Begleit­mann­schaf­ten so­fort feu­ern, wenn sich je­mand bli­cken läßt. War­ten Sie, bis die Leu­te von dem Gas be­täubt sind. Sie wis­sen doch, wo Sie mich mor­gen tref­fen sol­len?«

Marks nick­te. Das La­st­au­to nä­her­te sich in ver­hält­nis­mä­ßig lang­sa­mem Tem­po. Al­lem An­schein nach hat­te der Chauf­feur die rote La­ter­ne ent­deckt, denn jetzt hör­ten sie das durch­drin­gen­de Heu­len ei­ner Si­re­ne. O’Shea konn­te von sei­nem Platz aus die gan­ze Stra­ße deut­lich über­se­hen.

Der Last­wa­gen war bis auf fünf­zig Me­ter an die ver­gas­te Stel­le her­an­ge­kom­men und fuhr jetzt nur noch lang­sam. Plötz­lich sprang Lip­ski aus den Bü­schen, aber nicht an der Stel­le, wo O’Shea ihn pos­tiert hat­te, son­dern etwa zehn bis fünf­zehn Me­ter wei­ter. Mit er­ho­be­nen Hän­den lief er auf das La­st­au­to zu. Im nächs­ten Mo­ment knall­te ein Schuß. Lip­ski feu­er­te, um die Auf­merk­sam­keit der Leu­te im Auto auf sich zu len­ken. O’Shea ball­te die Fäus­te. Lip­ski woll­te ihn ver­ra­ten.

»Ach­tung!«, rief er Marks und Con­nor zu. »Wenn die Sa­che schief­geht, lau­fen Sie quer­feld­ein nach ver­schie­de­nen Rich­tun­gen!«

Und dann ge­sch­ah das Wun­der. Von dem La­st­au­to fie­len zwei Schüs­se. Lip­ski stürz­te ge­trof­fen am Rand der Stra­ße nie­der, und der Wa­gen fuhr lang­sam und vor­sich­tig wei­ter. Die Begleit­mann­schaft hat­te Lips­kis Ab­sicht nicht ver­stan­den, son­dern ge­glaubt, daß er den Goldtrans­port an­hal­ten woll­te.

»Glän­zend!«, sag­te O’Shea mit hei­se­rer Stim­me, denn im Au­gen­blick fuhr das La­st­au­to in die ver­gas­te Sen­ke.

In ei­ner Se­kun­de war al­les vor­über. Der Chauf­feur sank be­wußt­los auf sein Steu­er­rad, und bald dar­auf fuhr der Wa­gen ge­gen die hohe Bö­schung und blieb ste­hen. O’Shea hat­te an al­les ge­dacht. Wenn Lip­ski nicht das rote Licht ge­zeigt hät­te, wäre der Last­wa­gen mit un­ver­min­der­ter Ge­schwin­dig­keit wei­ter­ge­fah­ren und dann so schwer be­schä­digt wor­den, daß er nicht hät­te wei­ter­fah­ren kön­nen. So aber brauch­te Marks nur auf den Füh­rer­sitz zu stei­gen und den Rück­wärts­gang ein­zu­schal­ten, um wie­der frei­zu­kom­men.

Ein paar Mi­nu­ten spä­ter war das Auto mit dem Goldtrans­port aus der Sen­ke her­aus­ge­fah­ren. Die be­wußt­lo­sen Po­li­zis­ten und der Chauf­feur wa­ren ge­fes­selt und la­gen am Stra­ßen­rand. In­ner­halb von fünf Mi­nu­ten war al­les er­le­digt ge­we­sen. Marks nahm sei­ne Mas­ke ab und setz­te sei­ne Uni­form­müt­ze auf, wäh­rend Con­nor ins In­ne­re des Wa­gens kroch, wo die klei­nen, ver­sie­gel­ten Kis­ten mit dem Gold stan­den.

»Vor­wärts!«, be­fahl O’Shea.

Das La­st­au­to setz­te sich in Be­we­gung, und zehn Mi­nu­ten spä­ter war es au­ßer Sicht.

O’Shea ging zu sei­nem Wa­gen zu­rück und fuhr in der ent­ge­gen­ge­setz­ten Rich­tung da­von.

Kapitel 2

Es war eine reg­ne­ri­sche Nacht in Lon­don, und das war Con­nor recht. Das Wet­ter be­güns­tig­te sein Vor­ha­ben. Er trat durch die Sei­ten­tür ei­nes klei­nen Re­stau­rants in Soho, stieg die enge Trep­pe hin­auf und klopf­te an eine Tür. Ein Stuhl wur­de, ge­rückt, ein Schlüs­sel dreh­te sich, dann öff­ne­te Marks, der al­lein im Zim­mer war.

»Hast du ihn ge­spro­chen?«, frag­te Con­nor has­tig.

»Ja, ich habe O’Shea am Them­seu­fer ge­se­hen. Üb­ri­gens – hast du die Zei­tun­gen ge­le­sen?«

Con­nor grins­te. »Ich bin nur froh, daß die Ker­le nicht kre­piert sind.«

Marks warf ihm einen ver­ächt­li­chen Blick zu.

Auf dem Tisch lag eine Zei­tung, und auf der ers­ten Sei­te las Con­nor die Schlag­zei­len:

Ein Goldtrans­port von drei Ton­nen wird zwi­schen Southamp­ton und Lon­don er­beu­tet.

Ei­ner der Räu­ber tot am Tat­ort auf­ge­fun­den.

Trans­port­au­to spur­los ver­schwun­den.

In den frü­hen Mor­gen­stun­den wur­de ges­tern ein küh­ner Hand­streich aus­ge­führt, der den Tod von sechs Be­am­ten von Scot­land Yard hät­te her­bei­füh­ren kön­nen. Es wur­de ein Trans­port von ei­ner hal­b­en Mil­li­on Pfund er­beu­tet, der für die Bank von Eng­land be­stimmt war.

Der Damp­fer ›Ari­ta­nia‹, der ges­tern abend in Southamp­ton an­kam, hat­te eine Gold­sen­dung von Aus­tra­li­en an Bord. Um mög­lichst we­nig Auf­se­hen zu er­re­gen, wur­de das Gold in ei­nem La­st­au­to von Southamp­ton um drei Uhr mor­gens ab­ge­sandt, da­mit es vor Be­ginn des re­gen Ver­kehrs in Lon­don an­kom­men soll­te. In der Nähe des Wal­des von Fels­ted führt die Stra­ße durch eine Sen­ke, die von der Räu­ber­ban­de ver­gast wur­de. Daß ein Über­fall ge­plant war, merk­ten die Begleit­mann­schaf­ten, be­vor sie die ge­fähr­li­che Stel­le pas­sier­ten. Ein Mann sprang aus ei­ner He­cke und schoß auf das La­st­au­to. Die Be­am­ten er­wi­der­ten das Feu­er so­fort, und der Be­tref­fen­de wur­de spä­ter ster­bend am Stra­ßen­rand auf­ge­fun­den. Ei­nen zu­sam­men­hän­gen­den Be­richt konn­te er nicht ge­ben, er nann­te nur einen Na­men, wahr­schein­lich den des Ban­den­füh­rers.

Die In­spek­to­ren Br­ad­ley und Hallick sind mit der Auf­klä­rung des Fal­les be­traut wor­den …

Dann folg­te noch ein ein­ge­hen­der Be­richt und die of­fi­zi­el­le Be­kannt­ma­chung der Po­li­zei, die sich auf die Aus­sa­gen ei­nes der Be­am­ten stütz­ten.

»Die Nach­richt scheint in Lon­don großes Auf­se­hen her­vor­ge­ru­fen zu ha­ben«, sag­te Marks, als er die Zei­tung zu­sam­men­fal­te­te.

»Und was ist aus O’Shea ge­wor­den?«, frag­te Con­nor un­ge­dul­dig. »Hat er un­se­ren Vor­schlag an­ge­nom­men? Will er uns tat­säch­lich zehn Pro­zent zah­len?«

Marks nick­te. »Er war ein we­nig är­ger­lich, was ja er­klär­lich ist. Aber in sei­nen lich­ten Mo­men­ten ist O’Shea klug und kann klar den­ken. Am meis­ten hat ihn na­tür­lich ge­wurmt, daß wir das La­st­au­to an ei­ner an­de­ren Stel­le park­ten, als er es vor­ge­schrie­ben hat­te. Er woll­te so­fort wis­sen, wo wir das Gold ge­las­sen hät­ten, und nur so war es mög­lich, ihn zu dem Zu­ge­ständ­nis zu brin­gen.«

»Ja, und wie geht die Sa­che nun wei­ter?«, frag­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­