Über das Buch

Mailand, 6. Juni, nachts. Bei dem Journalisten Colonna ist eingebrochen worden. Das Dossier mit brisanten Informationen hat man nicht gefunden, und so sieht Colonna jetzt sein eigenes Leben bedroht. Auch er spielt ein Doppelspiel: Für den Commendatore Vimercate soll er eine Zeitung lancieren, die mit schmutzigen Gerüchten über die gute Gesellschaft arbeitet. Zugleich schreibt er als Ghostwriter ein Enthüllungsbuch über den programmierten Skandal. Korruption, Intrigen, Verschwörungstheorien – Umberto Eco porträtiert die gute Gesellschaft unserer Gegenwart in einer rasanten Kriminalgeschichte zwischen Wirtschaft, Politik und Presse – ironisch, komisch, provozierend.

UMBERTO ECO

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Roman

Aus dem Italienischen
von Burkhart Kroeber

Carl Hanser Verlag

Die Originalausgabe Numero Zero erschien 2015 bei Bompiani in Mailand

Das Hörbuch erscheint zeitgleich bei

Der Hörverlag, gelesen von Felix von Manteuffel

ISBN 978-3-446-25001-7

© 2015 RCS Libri S. p. A. – Bompiani Milano

Alle Rechte der deutschen Ausgabe:

© Carl Hanser Verlag München 2015

Umschlag: Peter-Andreas Hassiepen, München

© Medioimages/Thinkstock

Satz im Verlag

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Datenkonvertierung: le-tex publishing services GmbH, Leipzig

Inhalt

I Samstag, 6. Juni 1992, 8.00 Uhr

II Montag, 6. April 1992

III Dienstag, 7. April

IV Mittwoch, 8. April

V Freitag, 10. April

VI Mittwoch, 15. April

VII Mittwoch, 15. April, abends

VIII Freitag, 17.  April

IX Freitag, 24. April

X Sonntag, 3. Mai

XI Freitag, 8. Mai

XII Montag, 11. Mai

XIII Ende Mai

XIV Mittwoch, 27. Mai

XV Donnerstag, 28. Mai

XVI Samstag, 6. Juni

XVII Samstag, 6. Juni, 12 Uhr mittags

XVIII Donnerstag, 11. Juni

Für Anita

Only connect!

E. M. Forster

I

Samstag, 6. Juni 1992, 8.00 Uhr

Heute morgen ist kein Wasser mehr aus dem Hahn gekommen. Plop, plop, zwei Rülpserchen eines Neugeborenen, dann nichts mehr.

Ich habe bei der Nachbarin angeklopft: Bei ihr war alles normal. Sie werden das Handrad zugedreht haben, sagte sie. Ich? Ich weiß nicht mal, wo das ist, ich wohne ja erst seit kurzem hier, das wissen Sie doch, und meist komme ich erst abends nach Hause. Mein Gott, aber wenn Sie für eine Woche verreisen, drehen Sie dann nicht das Gas und das Wasser zu? Ich, nein. Ganz schön leichtsinnig, lassen Sie mich mal rein, ich zeig’s Ihnen.

Sie machte den Kasten unter der Spüle auf, drehte an etwas, und da ist das Wasser wiedergekommen. Sehen Sie? Sie haben es zugedreht. Entschuldigung, ich bin so zerstreut. Ach je, ihr Singles! Abgang der Nachbarin, die jetzt auch englisch spricht.

Nerven behalten. Es gibt keine Poltergeister, nur im Film. Und ich bin auch kein Schlafwandler, denn auch als Schlafwandler hätte ich nichts von der Existenz dieses Handrads gewusst, sonst hätte ich es auch im Wachzustand benutzt, denn die Dusche tropft und ich laufe ständig Gefahr, die ganze Nacht schlaflos dazuliegen, weil ich andauernd diese Tropfen höre, man kommt sich vor wie Chopin in Valldemossa. Tatsächlich erwache ich oft, stehe auf und schließe die Tür zum Bad und die zwischen Flur und Schlafzimmer, um nicht immerzu dieses verdammte Getropfe zu hören.

Etwas Elektrisches wie ein Kurzschluss oder so kann’s nicht gewesen sein (das Handrad wird, wie der Name sagt, mit der Hand gedreht) und auch nicht eine Maus, denn selbst wenn sie hier reingekommen wäre, hätte sie nicht die Kraft gehabt, das Handrad zu drehen. Es ist ein Eisenrad im alten Stil (alles in dieser Wohnung ist mindestens fünfzig Jahre alt), und außerdem ist es verrostet. Also war eine Hand nötig. Eine humanoide. Und ich habe keinen Kamin, durch den der Menschenaffe aus der Rue Morgue hätte reinkommen können.

Überlegen wir mal. Jede Wirkung hat ihre Ursache, heißt es zumindest. Schließen wir ein Wunder aus, ich sehe nicht, warum Gott sich um meine Dusche kümmern sollte, sie ist ja nicht das Rote Meer. Also, für natürliche Wirkung natürliche Ursache. Gestern abend, bevor ich zu Bett ging, habe ich eine Schlaftablette mit einem Glas Wasser genommen. Also hatte es bis zu diesem Moment noch Wasser gegeben. Heute morgen war es nicht mehr da. Also, lieber Watson, ist das Handrad irgendwann in der Nacht zugedreht worden – und nicht von dir. Jemand oder mehrere waren in meiner Wohnung und fürchteten offenbar, ich könnte eher als durch ihre Geräusche (sie waren mucksmäuschenstill) durch das Prélude der Dusche geweckt werden, das sogar ihnen auf die Nerven ging, so dass sie sich wohl schon fragten, wie ich dabei überhaupt schlafen konnte. Deswegen haben sie, schlau wie sie sind, dasselbe gemacht, was auch meine Nachbarin gemacht hätte, nämlich das Wasser zugedreht.

Und dann? Die Bücher stehen alle in der gewohnten Unordnung, die Geheimdienste der halben Welt hätten vorbeikommen und sie Seite für Seite durchblättern können, ohne dass ich etwas bemerkt hätte. Es ist müßig, in die Schubladen zu blicken oder den Schrank im Flur zu öffnen. Wenn sie etwas suchten, bleibt heutzutage nur eins: im Computer nachsehen. Womöglich haben sie, um keine Zeit zu verlieren, einfach alles kopiert und sich damit aus dem Staub gemacht. Und jetzt entdecken sie gerade, während sie ein Dokument nach dem anderen öffnen, dass in meinem Computer nichts war, was sie interessieren könnte.

Was hatten sie denn zu finden gehofft? Es liegt auf der Hand – ich meine, ich sehe keine andere Erklärung –, dass sie etwas suchten, was mit der Zeitung zu tun hat. Sie sind ja nicht dumm, sie werden sich gedacht haben, dass ich mir Notizen gemacht haben musste über alles, was wir in der Redaktion besprachen und planten – und folglich, dass ich, sollte ich etwas über die Sache mit Braggadocio wissen, darüber irgendwo etwas geschrieben haben müsste. Nun, da haben sie sich schon das Richtige gedacht, ich habe alles auf einer Diskette. Natürlich werden sie heute nacht auch das Büro durchsucht haben, aber von meinen Disketten war da nichts zu finden. Also sind sie zu dem Schluss gekommen (aber erst jetzt), dass ich sie womöglich in meiner Jackentasche habe. Was für Idioten sind wir doch, werden sie sich vielleicht gerade sagen, wir hätten seine Jacke durchsuchen sollen. Idioten? Widerlinge! Wenn sie schlau wären, hätte es sie nicht in einen so einen widerlichen Beruf verschlagen.

Jetzt machen sie sich wahrscheinlich gegenseitig Vorwürfe, dabei gelangen sie mindestens bis zum entwendeten Brief, und dann werden sie mich auf der Straße von fingierten Handtaschendieben überfallen lassen. Ich muss mich also beeilen, ehe sie es erneut versuchen, um die Diskette an einen sicheren Ort zu schicken und dann sehen, wann ich sie wiederholen kann. Aber was für Dummheiten kommen mir da in den Kopf, hier hat es doch schon einen Toten gegeben, und Simei ist über alle Berge. Sie brauchen gar nicht mehr zu wissen, ob ich etwas darüber weiß und was. Sie werden mich sicherheitshalber ausschalten, und das war’s dann. Ich kann auch nicht hingehen und den Zeitungen erklären, dass ich von dieser Sache nichts wusste, denn durch das bloße Darüberreden würde ich ja schon zu erkennen geben, dass ich davon etwas wusste.

Wie bin ich in dieses Schlamassel geraten? Ich glaube, schuld daran ist Professor Di Samis und die Tatsache, dass ich deutsch kann.

Wie komme ich jetzt auf Di Samis, das ist doch Jahrzehnte her? Es liegt wohl daran, dass ich immer gedacht hatte, Di Samis sei schuld daran gewesen, dass ich nie meinen Doktor gemacht habe, und dass ich jetzt in dieser Verwicklung gelandet bin, liegt genau daran, dass ich nie meinen Doktor gemacht habe. Übrigens hat mich Anna nach zwei Jahren Ehe verlassen, weil ihr klar wurde, dass ich, wie sie wortwörtlich sagte, ein geborener Verlierer sei – wer weiß, was ich ihr vorher alles erzählt hatte, um gut dazustehen.

Dass ich meinen Doktor nie gemacht hatte, lag daran, dass ich deutsch konnte. Meine Großmutter stammte aus Südtirol und hatte es mir im frühen Kindesalter beigebracht. Seit meinem ersten Jahr an der Uni hatte ich mich, um mein Studium zu finanzieren, als Übersetzer aus dem Deutschen verdingt. Wer damals deutsch konnte, hatte damit quasi schon einen Beruf. Man las und übersetzte Bücher, die andere nicht verstanden (aber die damals als wichtig galten), und man wurde dafür besser bezahlt als die Übersetzer aus dem Französischen und sogar aus dem Englischen. Heute geschieht dasselbe, glaube ich, mit denen, die aus dem Russischen oder Chinesischen übersetzen können. Für mich galt jedenfalls damals, entweder du übersetzt oder du machst deinen Doktor, beides gleichzeitig geht nicht. Denn übersetzen heißt nun einmal zu Hause am Schreibtisch sitzen, im Warmen oder im Kalten, und in Hausschuhen arbeiten und dabei auch noch einen Haufen Sachen lernen. Wozu dann noch Vorlesungen an der Uni hören?

Aus Bequemlichkheit hatte ich beschlossen, mich für einen Deutschkurs einzuschreiben. Da bräuchte ich nicht viel Neues zu lernen, sagte ich mir, wo ich doch schon fast alles wusste. Der große Star war damals Professor Di Samis, der sich etwas geschaffen hatte, was die Studenten seinen Adlerhorst nannten, in einem baufälligen Barockpalast, in dem man eine breite Treppe hinaufging, um in einem großen Saal anzukommen. Auf der einen Seite öffnete sich das Institut von Di Samis, auf der anderen die Aula Magna, wie Di Samis sie pompös nannte, ein Hörsaal mit etwa fünfzig Plätzen.

Betreten durfte man das Institut nur in Pantoffeln. Am Eingang gab es genügend davon für die Assistenten und für zwei oder drei Studenten. Wer keine mehr vorfand, wartete draußen, bis er an die Reihe kam. Alles war gewachst und gebohnert, ich glaube auch die Bücher an den Wänden. Auch die Gesichter der Assistenten, lauter uralte Menschen, die seit prähistorischen Zeiten auf die Berufung zum Lehramt warteten.

Die Aula hatte ein sehr hohes Gewölbe und gotische Fenster (ich habe nie verstanden wieso, in einem Barockpalast) mit grünen Scheiben. Pünktlich zur angegebenen Zeit, das heißt vierzehn Minuten nach der vollen Stunde, verließ Professor Di Samis das Institut, gefolgt in einem Meter Abstand von seinem ältesten Assistenten und in zwei Meter Abstand von den jüngeren, den unter fünfzigjährigen. Der älteste Assistent trug ihm die Bücher, die jüngeren das Tonbandgerät – die Tonbandgeräte waren damals am Ende der fünfziger Jahre noch riesige Dinger, fast wie ein Rolls Royce.

Di Samis durchschritt die zehn Meter, die sein Institut von der Aula trennten, als wären es zwanzig: Er folgte nicht einer geraden Linie, sondern einer gebogenen, ich weiß nicht, ob es eine Parabel oder eine Elipse war, und sagte dabei mit lauter Stimme: »Da bin ich, da bin ich!« Dann trat er in die Aula und setzte sich auf eine Art geschnitztes Podium – man erwartete, dass er anhob mit »Nennt mich Ismael.«

Das durch die grünen Scheiben einfallende Licht ließ sein Gesicht wie das einer Leiche erscheinen, wozu er maliziös lächelte, während seine Assistenten das Tonbandgerät einschalteten. Dann hob er an: »Im Gegensatz zu dem, was kürzlich mein geschätzter Kollege Professor Bocardo gesagt hat …«, und so weiter zwei Stunden lang.

Dieses grüne Licht ließ mich in schummrige Schläfrigkeiten verfallen, dasselbe sagten auch die Augen der Assistenten. Ich kannte ihre Leiden. Am Ende der zwei Stunden, während wir Studenten hinausströmten, ließ Professor Di Samis das Band zurücklaufen, stieg von seinem Podium herab, setzte sich demokratisch in die erste Reihe zu seinen Assistenten, und alle zusammen hörten sich die zweistündige Vorlesung noch einmal an, wobei der Professor bei jeder Passage, die ihm wesentlich schien, zustimmend nickte. Und wohlgemerkt, das Thema war Luthers Übersetzung der Bibel ins Deutsche. Eine Sucht, sagten meine Kommilitonen mit ergebenem Blick.

Am Ende des zweiten Jahres, in dem ich nur selten gekommen war, hatte ich es gewagt, ihn um die Betreuung einer Doktorarbeit über die Ironie bei Heine zu bitten (ich fand es tröstlich, wie Heine das Thema unglückliche Liebe mit dem, wie mir schien, gebotenen Zynismus behandelt – ich bereitete mich auf meine eigenen Liebeserfahrungen vor). »Ihr jungen Burschen, ihr jungen Burschen«, hatte Di Samis betrübt gesagt, »ihr stürzt euch immer gleich auf die Zeitgenossen …«

Wie durch eine Erleuchtung begriff ich, dass die Dissertation bei Di Samis damit erledigt war. Also dachte ich an Professor Ferio, der um einiges jünger war, den Ruf einer funkelnden Intelligenz genoss und sich mit der Romantik und ihrer Umgebung beschäftigte. Doch die älteren Kommilitonen gaben mir zu bedenken, dass ich bei einer Dissertation in jedem Fall Di Samis als zweiten Berichterstatter haben würde und dass ich bei Ferio nicht offiziell anfragen dürfe, weil Di Samis es dann sofort erfahren und mich auf ewig hassen würde. Ich solle es hintenrum angehen, damit es am Ende so aussähe, als hätte Ferio mich gebeten, die Dissertation bei ihm zu machen, dann würde Di Samis auf ihn böse sein und nicht auf mich. Di Samis hasste Ferio, aus dem einfachen Grund, dass er ihn zum Professor befördert hatte. An der Universität laufen die Dinge (damals jedenfalls, aber ich glaube, auch heute noch) umgekehrt wie in der normalen Welt, nicht die Söhne hassen die Väter, sondern die Väter die Söhne.

Also überlegte ich mir, ich könnte Ferio vielleicht wie zufällig am Rande eines der monatlichen Vortragsabende ansprechen, die Di Samis in seiner Aula Magna veranstaltete und die meist gut besucht waren, weil es ihm immer gelang, berühmte Kollegen einzuladen.

Aber die Sache verlief dann so: Gleich nach dem Vortrag begann die Debatte, und sie wurde von den Dozenten monopolisiert, danach gingen alle hinaus, weil der Redner ins Restaurant La Tartaruga eingeladen war, das beste der Gegend, Stil Mitte neunzehntes Jahrhundert, mit Kellnern im Frack. Um vom Adlerhorst dorthin zu gelangen, musste man erst eine große Straße mit Arkaden entlanggehen, dann einen historischen Platz überqueren, um die Ecke eines monumentalen Palasts biegen und schließlich noch einen kleinen Platz überqueren. Nun, und unter den Arkaden ging der Redner umgeben von den Ordinarien, ein Meter dahinter die außerordentlichen Professoren, zwei Meter dahinter die Assistenten und in gebührendem Abstand die mutigsten Studenten. Als sie den historischen Platz erreichten, verdrückten sich die Studenten, an der Ecke des monumentalen Palastes verabschiedeten sich die Assistenten, die a. o. Professoren überquerten den kleinen Platz, empfahlen sich jedoch vor der Tür des Restaurants, das nur der Gast und die Ordinarien betraten.

So hat Professor Ferio nie von meiner Existenz erfahren. Inzwischen hatte ich mich vom akademischen Ambiente abgewandt und keine Vorlesungen mehr besucht. Ich übersetzte wie ein Automat, aber als Übersetzer muss man nehmen, was man kriegt, und so übersetzte ich in mein trautes Italienisch unter anderem ein dreibändiges Werk über die Rolle von Friedrich List bei der Gründung des Deutschen Zollvereins. Man versteht vielleicht, warum ich dann aufgehört habe, aus dem Deutschen zu übersetzen, aber nun war es zu spät, um zurück an die Uni zu gehen.

Das Dumme ist, dass man es nicht hinnehmen will: Du lebst weiter in der Überzeugung, dass du eines Tages alle Examen bestehst und deinen Doktor machst. Und wer sein Leben mit unerfüllbaren Träumen verbringt, ist eben ein geborener Verlierer. Und wenn dir das dann irgendwann klar wird, gibst du auf und lässt dich gehen.

Am Anfang hatte ich noch eine Arbeit als Tutor eines deutschen Schülers gefunden, der zu dumm für die Schule war, im Engadin. Bestes Klima, akzeptable Einsamkeit, und so hielt ich ein Jahr lang durch, denn die Bezahlung war gut. Dann hat die Mutter des Knaben mich eines Tages im Flur bedrängt und mir zu verstehen gegeben, dass ihr ein näheres Tête-à-tête (mit mir) nicht missfallen würde. Sie hatte vorstehende Zähne und einen Anflug von Schnurrbart, ich gab ihr höflich zu verstehen, dass ich kein Interesse hätte. Drei Tage später war ich entlassen, weil der Junge keine Fortschritte machte.

Von da an habe ich mich als Schreiberling verdingt. Ich wollte für Zeitungen schreiben, aber ich fand nur Gehör bei einem lokalen Blatt, für das ich solche Sachen wie Theaterkritiken über Darbietungen auf Provinzbühnen und von Tourneegruppen schreiben durfte. Ich hatte noch Zeit genug, für ein paar Kröten auch das Vorprogramm zu rezensieren, nicht ohne zwischen den Kulissen auf Tänzerinnen zu spähen, die als Minarette verkleidet waren, mich von ihrer Zellulitis faszinieren zu lassen und sie hinterher in die Milchbar zu begleiten, zum Essen mit einem Caffelatte oder, wenn sie nicht gut bei Kasse waren, zu einem Spiegelei. Dort machte ich meine ersten sexuellen Erfahrungen mit einer Sängerin, im Tausch gegen eine lobende Rezension – für eine Zeitung in Saluzzo, aber ihr genügte es.

Ich war heimatlos, ich lebte in verschiedenen Städten (nach Mailand bin ich erst durch Simei gekommen), ich habe Fahnenkorrekturen für mindestens drei Verlage gelesen (akademische, nie große Publikumsverlage), für einen habe ich die Artikel eines Lexikons revidiert (es galt, die Jahreszahlen, die Titel der Werke und so weiter zu überprüfen), lauter Arbeiten, durch die ich mir das erworben habe, was der Komiker Paolo Villaggio einmal eine monströse Bildung genannt hat. Die Verlierer haben, wie die Autodidakten, stets ein viel größeres Wissen als die Sieger, wenn du siegen willst, musst du eins und nur dieses eine wissen und darfst keine Zeit damit verlieren, auch noch alles andere zu lernen, das Vergnügen der Gelehrtheit ist den Verlierern vorbehalten. Je mehr Dinge einer weiß, desto mehr sind die Dinge bei ihm nicht zum Besten gelaufen.

Ein paar Jahre lang habe ich mich damit vergnügt, Manuskripte zu lesen, die mir von Verlagen (manchmal auch von großen) zur Begutachtung gegeben wurden, denn bei denen hat niemand Lust, unverlangt eingesandte Manuskripte zu lesen. Ich bekam dafür fünftausend Lire pro Manuskript, ich lag den ganzen Tag auf dem Bett und las wie wild, dann verfasste ich ein zweiseitiges Gutachten, in dem ich mein Bestes an Sarkasmus gab, um den unvorsichtigen Autor niederzumachen, im Verlag waren alle erleichtert, schrieben dem Unbedachten, sie müssten sein Werk leider ablehnen, und so weiter. Manuskripte zu lesen, die nie veröffentlicht werden, kann ein Beruf werden.

In der Zwischenzeit war die Geschichte mit Anna gewesen, die so geendet hatte, wie sie enden musste. Seitdem war es mir nicht mehr gelungen (oder ich hatte nicht mehr ernstlich danach gestrebt), mit Interesse an eine Frau zu denken, denn ich hatte Angst, noch einmal zu scheitern. Für den Sex hatte ich therapeutisch gesorgt, ein paar zufällige Abenteuer, bei denen man nicht befürchten muss, sich zu verlieben, eine Nacht und vorbei, danke, war nett gewesen, und ab und zu ein Verhältnis gegen Bezahlung, um nicht vom Verlangen gequält zu werden (die Tänzerinnen hatten mich immun gegen Zellulitis gemacht).

Derweilen träumte ich, was alle Verlierer träumen: eines Tages ein Buch zu schreiben, das mir Ruhm und Reichtum einbringen würde. Um zu lernen, wie man ein großer Schriftsteller wird, habe ich sogar den »Neger« gemacht (den Ghostwriter, wie man heute sagt, um politisch korrekt zu sein), für einen Krimiautor, der seinerseits aus Marketinggründen unter einem amerikanischen Namen auftrat, wie die Akteure der Spaghetti-Western. Aber ich fand es war schön, im Schatten zu arbeiten, hinter zwei Vorhängen (dem des Anderen und dem des anderen Namen des Anderen).

Krimis für einen anderen zu schreiben war leicht, man brauchte bloß den Stil von Chandler zu imitieren oder schlimmstenfalls den von Micky Spillane; aber als ich versuchte, etwas Eigenes zu verfassen, wurde mir bewusst, dass ich, um jemanden oder etwas zu beschreiben, stets auf literarische Situationen verwies: Ich war nicht imstande zu schreiben, dass jemand einen Spaziergang an einem frischen und klaren Nachmittag macht, ich schrieb stattdessen »unter einem Himmel wie von Canaletto«. Später entdeckte ich dann, dass auch D’Annunzio so vorging: Um auszudrücken, dass eine gewisse Costanza Landbrook einige Qualitäten hatte, schrieb er, sie erscheine wie ein Geschöpf von Thomas Lawrence, zu Elena Muti bemerkte er, ihre Züge erinnerten an gewisse Profile des jungen Moreau, und Andrea Sperelli ähnele dem Porträt des unbekannten Adligen in der Galleria Borghese. Um einen solchen Roman zu lesen, müsste man also hingehen und die Lieferungen einer der Kunstgeschichten durchblättern, die es an den Zeitungskiosken zu kaufen gibt.

Wenn D’Annunzio ein schlechter Schriftsteller war, muss ich nicht auch einer sein. Um mich vom Laster des Zitats zu befreien, beschloss ich, nicht mehr zu schreiben.

Kurz und gut, es war kein großes Leben gewesen. Und als ich geschlagene fünfzig war, erreichte mich die Einladung von Simei. Warum sollte ich sie ablehnen? Es konnte nichts schaden, auch das einmal zu probieren.

Was mache ich jetzt? Wenn ich die Nase rausstrecke, droht mir Gefahr. Ich bleibe lieber hier drinnen, womöglich stehen sie draußen und warten, dass ich ausgehe. Ich gehe nicht aus. In der Küche habe ich ein paar Päckchen Cracker und zwei Dosen Corned Beef. Von gestern abend ist mir auch eine halbe Flasche Whisky geblieben. Das kann helfen, ein bis zwei Tage zu überstehen. Ich gieße mir zwei Schlückchen ein (und dann vielleicht noch zwei Schlückchen, aber erst am Nachmittag, denn schon morgens zu trinken macht blöde) und versuche, mir den Anfang dieses Abenteuers zu vergegenwärtigen, wozu ich gar nicht nach der Diskette zu greifen brauche, denn ich erinnere mich, zumindest bisher, noch sehr gut an alles.

Die Angst zu sterben belebt die Erinnerung.

II

Montag, 6. April 1992

Simei hatte das Gesicht eines anderen. Ich meine, ich kann mich nie an den Namen von Leuten erinnern, die Rossi, Brambilla oder Colombo heißen, oder sogar Mazzini oder Manzoni, weil sie den Namen von anderen haben, ich weiß nur noch, dass sie eben den Namen von anderen hatten. Gut, und bei Simei konnte ich mich nicht an sein Gesicht erinnern, weil es mir vorkam wie das eines anderen. Er hatte wirklich ein Allerweltsgesicht.

»Ein Buch?«, fragte ich ihn.

»Ein Buch. Die Erinnerungen eines Journalisten, sein Bericht über ein Jahr Arbeit am Aufbau einer Zeitung, die niemals erschienen sein wird. Im übrigen sollte sie ja auch Domani heißen, ›Morgen‹, was wie ein Motto unserer heutigen Regierungen klingt, morgen reden wir nochmal drüber. Darum wird das Buch auch den Titel Domani: ieri haben, ›Morgen: gestern‹. Schön, nicht wahr?«

»Und Sie wollen, dass ich es schreibe? Warum schreiben Sie es nicht selber? Sie sind doch Journalist, oder? Jedenfalls wenn es stimmt, dass Sie Chefredakteur einer neuen Zeitung sein wollen …«

»Es ist nicht gesagt, dass Chefredakteure von Zeitungen auch schreiben können. Es ist nicht gesagt, dass Verteidigungsminister wissen, wie man eine Handgranate wirft. Natürlich sollen Sie während des ganzen kommenden Jahres dem Buch, dessen Inhalt wir Tag für Tag diskutieren, den Stil und die Würze geben, aber die großen Linien bestimme ich.«

»Wollen Sie damit sagen, das Buch erscheint unter unser beider Namen oder als ein großes Interview, das ich mit Ihnen führe, also Colonna mit Simei?«

»Nein, nein, lieber Colonna, das Buch erscheint unter meinem Namen, Sie sollen es nur schreiben und dann verschwinden. Sie werden, bitte verstehen Sie das nicht als Beleidigung, ein Neger sein, so wie Alexandre Dumas welche hatte, ich sehe nicht ein, warum nicht auch ich einen haben soll.«

»Und wieso haben Sie gerade mich gewählt?«

»Weil Sie schriftstellerische Qualitäten haben …«

»Danke.«

»… aber es niemand bisher gemerkt hat.«

»Danke nochmals.«

»Entschuldigen Sie, aber bisher haben Sie nur für Provinzzeitungen gearbeitet, haben kulturelle Kleinarbeit für ein paar Verlage geleistet, haben für jemand anders einen Roman geschrieben – fragen Sie nicht, wie es kam, aber er ist mir in die Hände gefallen, und ich fand, dass er funktioniert, er hat Rhythmus –, und mit fünfzig sind Sie sofort zu mir gelaufen gekommen, als ich Ihnen schrieb, ich hätte vielleicht eine Arbeit für Sie. Also, Sie können schreiben und wissen, was ein Buch ist, aber finanziell geht es Ihnen nicht gut. Sie müssen sich dafür nicht schämen. Auch ich kenne das. Wenn ich mich anschicke, eine Zeitung zu leiten, die niemals erscheinen soll, dann weil ich nie Kandidat für den Pulitzerpreis gewesen bin, ich habe bisher nur eine wöchentliche Sportzeitung geleitet und ein Monatsmagazin allein für Männer oder für Männer, die allein sind, Sie verstehen …«

»Ich könnte noch einen Rest von Würde haben und nein sagen.«

»Das werden Sie nicht tun, weil ich Ihnen ein ganzes Jahr lang monatlich sechs Millionen anbiete, schwarz.«

»Das ist viel für einen gescheiterten Schriftsteller. Und dann?«

»Und dann, wenn Sie mir das fertige Buch übergeben, sagen wir sechs Monate nach Abschluss des Experiments, noch einmal zehn Millionen bar auf die Hand. Und die zahle ich aus eigener Tasche.«

»Und dann?«

»Das ist dann Ihre Sache. Wenn Sie nicht alles für Frauen, Pferde und Champagner ausgeben, haben Sie in anderthalb Jahren mehr als achtzig Millionen Lire steuerfrei verdient. Sie können sich in aller Ruhe nach etwas Neuem umsehen.«

»Wie soll ich das verstehen? Wenn Sie mir sechs Millionen zahlen und, pardon, wer weiß wieviel selber nehmen, und dann sind da ja auch noch die anderen Redakteure und die Kosten für Produktion und Druck und Vertrieb, und Sie sagen mir, dass jemand, ein Verleger, nehme ich an, bereit ist, dieses ganze Experiment ein Jahr lang zu bezahlen, um dann am Ende nichts damit zu machen?«

»Ich habe nicht gesagt, dass er nichts damit machen wird. Er wird schon seinen Gewinn davon haben. Aber ich nicht, wenn die Zeitung dann nicht erscheint. Natürlich kann ich nicht ausschließen, dass der Verleger am Ende beschließt, die Zeitung doch erscheinen zu lassen, aber dann wird die Sache ernst, und ich frage mich, ob er dann noch will, dass ich der Chef sein soll. Also bereite ich mich darauf vor, dass der Verleger am Ende dieses Jahres entscheidet, dass unser Experiment die erwarteten Früchte gezeitigt hat und dass er den Laden schließen kann. Und so sieht meine Vorbereitung aus: Wenn alles vorbei und der Laden geschlossen ist, veröffentliche ich das Buch. Es wird wie eine Bombe einschlagen und mir ein Vermögen einbringen. Oder aber, nur so als Hypothese, jemand will nicht, dass ich es veröffentliche, und zahlt mir ein hübsches Sümmchen, steuerfrei.«

»Verstehe. Aber wenn Sie wollen, dass ich loyal mitarbeite, sollten Sie mir vielleicht sagen, wer das alles bezahlt, warum das Projekt Domani existiert, warum es vielleicht scheitern wird und was Sie darüber in dem Buch sagen werden, das, Bescheidenheit beiseite, ich geschrieben haben werde.«

»Also, bezahlen tut das alles der Commendatore Vimercate. Sie werden von ihm gehört haben …«

»Ja sicher, Vimercate steht ja immer wieder mal in der Zeitung. Er kontrolliert Dutzende von Hotels an der adriatischen Küste, viele Altersheime für Rentner und Invaliden, eine Reihe diverser Geschäfte, über die viel gemunkelt wird, einige lokale TV-Stationen, die abends um elf zu senden anfangen und nur Versteigerungen, Verkaufsshows und ein paar Nuditäten bringen …«

»Und an die zwanzig Magazine.«

»Unbedeutende Sachen, wie mir scheint, Klatschblättchen über Prominente wie Peeping Tom oder Die da oben und Wochenblätter über Gerichtsprozesse wie Das illustrierte Delikt, Was dahinter steckt, solches Zeug, Trash.«

»Nein, das stimmt nicht, da gibt es auch Fachblätter und Spartenzeitschriften, über Gartenbau, Reisen, Autos, Segelboote, Der Arzt im Hause. Ein Medien-Imperium. Ist doch schön hier, diese Büroetage, oder? Wir haben sogar einen Ficus wie die großen Tiere der RAI. Und wir haben einen Open Space, wie man in Amerika sagt, für die Redakteure, ein Arbeitszimmer für Sie, klein aber fein, und einen Archivraum. Alles gratis in diesem Gebäude, in dem auch die Firmen des Commendatore residieren. Der Rest, die Produktion und der Druck der Nullnummern, wird vom technischen Apparat der anderen Zeitschriften besorgt, so dass die Kosten des Experiments überschaubar bleiben. Außerdem sind wir hier praktisch im Zentrum der Stadt, nicht weit draußen wie die großen Zeitungen, für die man zwei U-Bahnen und einen Bus nehmen muss, um sie zu erreichen.«

»Aber was erwartet sich der Commendatore von diesem Experiment?«

»Der Commendatore will in den feinen Salon der Finanzwelt, der Banken und vielleicht auch der großen Zeitungen. Die Eintrittskarte ist das Versprechen einer neuen Zeitung, die keine Scheu hat, die ganze Wahrheit zu sagen. Zwölf Nullnummern, jeden Monat eine, also 0/1, 0/2, 0/3 und so weiter, in sehr kleiner Zahl gedruckt für den Commendatore, der dann entscheidet, wer sie zu sehen bekommt. Wenn er einmal bewiesen hat, dass er den sogenannten feinen Salon der Finanzwelt und Politik in Schwierigkeiten zu bringen vermag, ist anzunehmen, dass dieser feine Salon ihn bittet, die Idee mit dieser Zeitung aufzugeben, er verzichtet auf Domani und erhält dafür die Erlaubnis, in den feinen Club einzutreten. Kosten tut ihn das, grob geschätzt, vielleicht zwei Prozent des Aktienwertes einer großen Tageszeitung, einer Bank, eines wichtigen TV-Senders.«

Ich stieß einen Pfiff aus: »Hui, zwei Prozent, das ist aber viel! Hat er genug Geld für solch ein Unternehmen?«

»Spielen Sie nicht den Naivling. Wir sprechen hier von Investitionen, nicht vom Kommerz. Erst kauft man was, dann schaut man, ob die erhofften Gelder eintrudeln und die Bilanzen stimmen.«

»Verstehe. Und jetzt verstehe ich auch, dass dieses ganze Experiment nur funktionieren kann, wenn der Commendatore nicht verrät, dass die Zeitung am Ende gar nicht erscheinen wird. Alle sollen denken, dass seine Rotationsmaschinen stampfen, um es mal so zu sagen …«

»Natürlich. Dass die Zeitung nicht erscheinen wird, hat der Commendatore nicht einmal mir gesagt, ich habe es nur vermutet und bin mir inzwischen sicher. Aber auch unsere Mitarbeiter, die wir morgen treffen werden, dürfen das nicht erfahren, denn die sollen bei ihrer Arbeit glauben, sie bauten sich eine Zukunft auf. Was wir hier besprechen, muss unter uns bleiben.«

»Aber was wird mit Ihnen passieren, wenn Sie all das beschreiben, was Sie ein Jahr lang getan haben, um die Erpressung des Commendatore zu fördern?«

»Sprechen Sie nicht von Erpressung. Wir bringen Nachrichten, ›All the news that’s fit to print‹, wie es im Motto der New York Times heißt.«

»… und manchmal auch etwas mehr …«