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Eine rätselhafte Vision

In einer stürmischen Vollmondnacht schlägt ein Blitz in eine jahrhundertealte Eiche ein, und eine Sternschnuppe fällt vom Himmel. Im gleichen Moment wird ein wunderschöner Schimmel mit einem kleinen schwarzen Stern auf der Stirn geboren.

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Elternfrust und Zucchini-Diebe

Der Himmel über Lindenhain war tiefblau und wolkenlos. Die Wipfel der knorrigen Linden auf dem Hügel oberhalb der Weide tanzten ganz sacht im Wind. Ein Tag wie aus dem Bilderbuch – und wie gemacht für einen Ausritt über Felder und Wiesen!

Doch Carolin Baumgarten, genannt Caro, saß im Gemeinschaftsraum des Reiterhofs am Fenster und hing ihren Gedanken nach. Auf ihrem Schoß lag eingerollt Sternchen, aus dem inzwischen eine richtig große, kräftige Katze geworden war. Während Carolin sanft über das schwarze Fell der Samtpfote strich, wanderten ihre Augen zur Koppel.

Als würde er ihren Blick durch die Glasscheibe spüren, drehte der Hengst Sternentänzer in diesem Moment seinen Kopf in Carolins Richtung. Sein wunderschönes helles Fell glänzte in der Sonne, seine seidenweiche Mähne schimmerte wie flüssiges Mondlicht. Einen Augenblick verharrte der Araberhengst ganz still, dann drehte er sich laut wiehernd um und galoppierte über die Weide zu den anderen Pferden.

„Ach Sternchen!“, seufzte Carolin gedankenverloren und drückte die Katze an sich. Trotz des herrlichen Wetters konnte sich Carolin nicht dazu entschließen, mit ihrem geliebten Pferd Sternentänzer auszureiten. Warum, wusste sie eigentlich selbst nicht so genau. „Was ist nur mit dir los, Carolin Baumgarten?“, murmelte sie. „Warum hast du eine Laune wie sieben Tage Regenwetter? ... Na ja. Eigentlich weiß ich, warum.“ Sternchen befreite sich aus ihrem Griff und hüpfte auf den Boden.

Carolin verschränkte die Arme und starrte weiter aus dem Fenster.

„Da bist du ja, Caro!“, riss eine Stimme sie aus ihren Gedanken. „Hab dich schon überall gesucht.“

„Hallo, Thorben“, begrüßte Carolin ihn. „Bist du wieder fit?“

Thorben war der Sohn von Lilienthals Tierarzt Dr. Sander und der Freund ihrer besten Freundin Lina – tja, und bald wohl auch so etwas wie ihr Bruder. Denn Dr. Sander und Carolins Mutter waren ein Paar und hatten sogar vor, demnächst zu heiraten.

„War immer fit“, murmelte Thorben und setzte sich neben sie. So sah er aber überhaupt nicht aus. Sogar seine dunklen Locken wirkten heute irgendwie schlapp.

„Aber du warst doch ein paar Tage nicht in der Schule?“, wunderte sich Carolin. „Lina sagte, du hättest Bronchitis?“

Thorben zog eine Grimasse. „Pah! Meinen Bronchien geht es bestens. Ich wollte einfach nur meine Ruhe.“

„Kann ich gut verstehen“, nickte Carolin. „Geht mir genauso.“

Thorben grinste leicht. „Deshalb hockst du auch bei dem Wetter in der Stube!“

Carolin kaute auf ihrer Unterlippe, wie sie es immer tat, wenn sie über etwas nachgrübelte. „Die beiden haben uns schon echt mega überrumpelt!“ Sie blies die Backen auf und dachte an den Abend, als Ines und Dr. Sander Händchen haltend die Botschaft verkündet hatten. Ihre Mutter in einer goldfarbenen Bluse und mit glänzenden Augen, Dr. Sander im dunklen Anzug mit Fliege. Bei einem Glas Maracuja-Saft hatte ihre Mutter aufgeregt verkündet: „Nach reiflicher Überlegung habe ich den Heiratsantrag von dem tollsten Mann der Welt angenommen.“ Wahnsinn! „Warum haben die uns eigentlich vorher nicht gefragt, was wir von so einer Hochzeit halten?“

Thorben verdrehte die Augen. „Ich hatte an dem Abend auch das Gefühl, ein tonnenschwerer Laster donnert gerade über mich drüber.“

„Ich frag mich, was das Theater soll!“, empörte sich Carolin. „Warum müssen die beiden gleich heiraten? Die sollten erst mal zusammenziehen und schauen, ob das gut geht. Vielleicht hat ja jeder von denen Macken, die den anderen stören! Und dann gibt’s schon nach kurzer Zeit Stress!“

„Stimmt. Mein Vater wird zum Beispiel voll wütend, wenn man ihn beim Bundesligagucken stört. Das mag er überhaupt nicht“, pflichtete Thorben ihr bei.

„Siehst du!“, nickte Carolin bestätigend. „Und meine Mutter ringelt sich rosafarbene Lockenwickler ins Haar. Und sie schnarcht ... und überhaupt!“ Carolin fuhr sich mit beiden Händen durch ihr kurzes kastanienbraunes Haar. „Zusammenziehen ist echt okay, an den Gedanken habe ich mich gewöhnt. Aber heiraten? Ich brauche keinen neuen Vater!“

Thorben schüttelte den Kopf. „Und ich keine neue Mutter, das weißt du, Caro.“

Schweigend starrten beide vor sich hin.

„Ich mag dich, Thorben, als Kumpel, als ... einfach so halt. Aber als Stiefbruder und dazu ’nen neuen Vater – ehrlich gesagt, das ist mir zu viel.“

„Geht mir umgekehrt genauso.“ Thorben kniff die Augen zusammen. „Und ich werde ganz bestimmt nicht Mam zu deiner Mutter sagen.“

„Und ich ganz sicher nicht Paps zu deinem Vater!“

„Und ich werde mich ganz sicher nicht von deiner Mutter adoptieren lassen.“

„Und ich mich nicht von deinem Vater.“

Wieder saßen die beiden eine Weile schweigend da und starrten aus dem Fenster.

Dann drehte Carolin den Kopf in Thorbens Richtung. „Was sagt eigentlich deine Mutter dazu?“

„Keine Ahnung. Ich weiß nicht mal, ob sie schon informiert ist. Und dein Vater?“

„Null Ahnung, ob sich die freudige Botschaft bereits bis Mallorca rumgesprochen hat.“ Carolins Vater Paul hatte sich schon vor einer ganzen Weile von Ines getrennt. Mittlerweile waren ihre Eltern auch geschieden, und Paul lebte nun auf einer Finca auf Mallorca. Unterhalt zahlte er nur eher sporadisch, daher hatte Ines chronische Geldprobleme.

Carolin versuchte, sich an das letzte Treffen mit ihrem Vater zu erinnern. Er war während einer Geschäftsreise kurz in Lilienthal aufgetaucht und hatte sie zum Pizzaessen eingeladen. Es war irgendwie komisch, dachte sie. Paul kam mir damals so fremd vor. Carolin seufzte. „Es ist ja nicht so, dass ich deinen Paps superdoof fände. Im Gegenteil, er ist echt nett und hat mir schon oft geholfen. Aber ich brauch halt keinen zweiten Vater.“

„Seh ich genau so wie du. Aber was sollen wir tun?“

Carolin zuckte mit den Schultern. „Wahrscheinlich können wir nichts tun. Ami würde jetzt sagen: Ihr müsst euch in euer Schicksal fügen oder so ähnlich. Na ja, vielleicht wird es ja auch gar nicht schlimm. Ist ja schließlich cool, dass dein Vater Tierarzt ist und nicht Vollzugsbeamter oder Mathelehrer oder was weiß ich ...“, meinte Carolin dann. „Aber trotzdem!“

„Es geht ums Prinzip“, bestätigte Thorben.

„Genau“, nickte Carolin.

Thorbens Blick fiel auf seine Uhr. „Lass uns wann anders weiterquatschen. Ich muss los. Ciao, Caro!“ Damit verschwand er.

In der Tür wäre er beinahe noch mit Vicky zusammengestoßen. Vicky Heuber war die Lebensgefährtin von Gunnar Hilmer. Ihm gehörte der Reiterhof. Die hochgewachsene dunkelhaarige Frau kümmerte sich um alles und gab Feriengästen Reitstunden.

„Da bist du ja, Caro! Ich hab dich schon überall gesucht.“ Zwischen ihren Augen hatte sich eine tiefe Sorgenfalte gebildet.

„Du suchst mich auch?“, erwiderte Carolin.

„Was machst du hier drin bei dem schönen Wetter?“, wunderte sich Vicky.

„Ich sitz hier so rum und häng meinen Gedanken nach“, antwortete Carolin gleichgültig.

„Kannst du bitte mal kurz mitkommen und mir helfen?“

Carolin nickte. Eigentlich ist es wirklich Quatsch, bei diesem super Wetter im Gemeinschaftsraum zu hocken, überlegte sie und folgte Vicky nach draußen.

Mit großen Schritten stiefelte Vicky voran. Sie war ziemlich aufgebracht – das konnte man sogar von hinten erkennen. Vor dem Garten neben dem Haupthaus blieb sie abrupt stehen. „Jetzt schau dir das mal an!“, schnaufte sie empört.

„Was denn?“, fragte Carolin geistesabwesend.

„Da!“ Vicky deutete auf ihr Gemüsebeet, oder besser: auf das, was von dem Beet noch übrig war. Denn es sah aus, als hätte es ein Bauer mit seinem Pflug bearbeitet.

„Warst du das?“, wunderte sich Carolin.

„Wäre ich dann so sauer?“, gab Vicky ungehalten zurück. „Ich komm heute Morgen raus und denk, mich tritt ein Pferd! ... Wer hat meine ganze Arbeit zerstört?“

„Gunnar?“, murmelte Carolin und konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. Gunnar hatte keinerlei Verständnis für Vickys Hobbygärtnerei.

„Sicher nicht!“ Empört stemmte Vicky die Hände in die Hüften. „Wenn er sich so was erlauben würde, könnte er was erleben, das kannst du glauben! Und das weiß er auch ganz genau!“ Sie näherte sich dem Beet und ging in die Knie. „Außerdem fehlt jede Menge.“

Carolin kniete sich neben Vicky. „Was fehlt denn?“

„Tomaten, Zucchini, Gurken ... Was bitte schön sollte Gunnar damit anfangen? Heimlich im Schlafzimmer knabbern?“

Carolin musste grinsen. „Auf den Komposthaufen befördern?“ Gunnar war von Vickys Idee, den Blumengarten in ein Gemüsebeet zu verwandeln, von Anfang an nicht begeistert gewesen. Er hasste Grünzeug aller Art und vor allem Zucchini. Aber Vicky hatte sich schließlich durchgesetzt. Wie immer. Oder meistens.

„Das hat jemand gestohlen“, erklärte Vicky bestimmt. „Das war ein Dieb.“

„Ein Dieb? Auf Lindenhain?“, fragte Ferdi, der gerade um die Ecke bog und noch Vickys letzte Worte gehört hatte. Ferdinand Reifenbach war Carolins Freund. Er hatte wasserblaue Augen, kurze blonde Haare und ein freches Lausbubengrinsen. Eigentlich stammte er aus Berlin, doch seit Längerem wohnte er im Ferienhaus auf Lindenhain und ging auf eine Privatschule in Grünstadt. Mit Pferden hatte er gar nichts am Hut, dafür aber umso mehr mit Eishockey. Er spielte beim EC Grünwald in der Regionalmannschaft und war gerade auf dem Weg ins Training. Alarmiert stellte er seine riesige Eishockeytasche auf den Boden und blickte von Carolin zu Vicky.

„Hm!“ Carolin bemühte sich um ein ernsthaftes Gesicht. „Wir sollten die Polizei informieren. Vicky ist schon ganz außer sich.“

Ferdi runzelte die Stirn. „Was hat der Dieb denn alles gestohlen?“

„Karotten und Zucchini“, platzte Carolin kichernd heraus.

„Und Gurken“, ergänzte Vicky ernst. „Das ist nicht witzig, Caro. Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie viel Mühe es kostet, dieses Gemüse großzuziehen.“

Ferdi grinste. „Vermutlich hatte der Dieb vier Beine und lange Ohren. Sieht aus, als wären ein paar Feldhasen am Werk gewesen.“

Vicky ballte die Fäuste. „Wenn ich die erwische, gibt es Hasenbraten. Das versprech ich euch.“ Wutentbrannt stapfte sie ins Haus. „Ich muss den Garten unbedingt einzäunen“, stieß sie dabei noch hervor.

Carolin blickte kurz auf das leer geräumte, verwüstete Gemüsebeet. „Nee, Ferdi, das waren keine Hasen“, meinte sie dann. „Das sieht anders aus.“

„Ist doch egal, wer sich das Grünzeug geschnappt hat! Möge es ihm schmecken“, erwiderte Ferdi und griff nach seiner Tasche.

„Hm“, machte Carolin. Doch irgendetwas in ihrem Bauch sagte ihr, dass es ganz und gar nicht egal war.

Ferdi berührte sanft ihre Schulter. „Und, wie geht’s dir?“

Carolin riss sich von dem Gemüsebeet los. Schließlich gab es ein weit größeres Problem als gestohlene Karotten. Sie zuckte mit der Achsel. „Ich weiß nicht. Diese Hochzeitsbotschaft meiner Mutter macht mir ziemlich zu schaffen. Mit dem Doc zusammenziehen – okay. Aber gleich heiraten? Ich will keinen neuen Vater!“

Ferdi stellte seine Tasche erneut ab und legte seinen Arm um Carolins Schulter. „Ich kann dich gut verstehen. Aber sieh es doch mal positiv. Verdammt viele Kids haben verdammt blöde Eltern! Ich weiß, wovon ich rede.“ Ferdis Eltern waren schwerreich, doch sie hatten wenig Zeit und wenig Verständnis für Ferdi und seine Schwester Nina. „Mit dem Dr. Sander bekommst du doch ein ganz akzeptables Exemplar.“

Carolin fuhr sich mit beiden Händen durch die Haare. „Darum geht es nicht, Ferdi! Es ist egal, wer mein neuer Vater wird. Schnurzpiepegal! Ich will einfach keinen neuen Vater. Ich habe schon einen!“

Carolin blickte so traurig drein, dass Ferdi seinen Arm noch fester um sie schlang. „Es sieht aber leider ganz so aus, als müsstest du dich damit abfinden“, versuchte er sie zu trösten. „Lass dich deswegen nicht so fertigmachen.“ Langsam hob er wieder seine Tasche hoch. „Ich muss jetzt leider los, zum Training. Ciao, Carolinchen. Und nicht vergessen, wir gehen heute Abend ins Kino. 18 Uhr geht’s los! Vielleicht muntert dich das ja ein bisschen auf.“ Er warf Carolin noch eine Kusshand zu und ging.

Nachdenklich lief Carolin hinüber zur Weide und setzte sich auf ihren Lieblingsplatz auf das Gatter. Sie beobachtete Sternentänzer, wie er genüsslich graste. Er war nicht nur ein wunderschönes, sondern auch ein ganz besonderes Pferd. Ein Pferd mit einem großen Geheimnis, von dem nur Carolin und einige wenige wussten. Aber was das Wichtigste war: Er gehörte Carolin.

„Ach Sternentänzer“, seufzte Carolin.

Als habe der Hengst sie gehört, hob er den Kopf, spitzte die Ohren und trabte zu ihr. Mit einem leisen Schnauben blieb er vor ihr stehen und legte seinen Kopf sanft auf ihre Oberschenkel. Es war, als schien er zu spüren, dass sie etwas bedrückte.

Carolin beugte sich vor und schmiegte ihren Kopf gegen sein seidenweiches Fell. „Was würdest du denn sagen, wenn du plötzlich einen neuen Paps bekämst?“, brummelte sie vor sich hin.

Sternentänzer schüttelte sie ab und blickte sie mit seinen großen, feuchten, dunklen Augen an.

„Ja, ja, du hast ja Recht! Und Ferdi auch“, murmelte Carolin trotzig. „Der Doc ist voll in Ordnung. Ich sollte mich wirklich nicht so anstellen.“

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Glückstaumel oder Mathefrust?

Ferdi war schon da, als Carolin beim Kino eintraf. Er hatte eine große Portion Popcorn und eine Schale Nachos besorgt, die er Carolin gleich in die Hand drückte. „Ich geh mal noch Colas holen. Die konnte ich vorhin nicht mehr tragen.“ Er deutete mit dem Kopf Richtung Getränkeausgabe. „Kann aber ’ne Weile dauern, bei der Schlange.“

Carolin nickte gelassen. Sie freute sich auf den Abend mit Ferdi. Keine Hochzeitspläne, kein Stress, nur Vergnügen und Spaß. Sie fischte sich ein paar Popcorn aus der Tüte und knackte sie genüsslich.

Auf einmal tippte ihr jemand auf die Schulter. „Hi, Caro.“

Carolin fuhr herum und blickte in Tina Kuchbergers Gesicht. Tina ging mit ihr in dieselbe Klasse. Sie hatte halblange mittelblonde Haare und war etwas pummelig. Mal mehr und mal weniger – je nachdem, ob sie gerade einen ihrer meist wenig erfolgreichen Diätversuche startete. Im Moment wirkte sie rundlicher denn je. Carolin mochte Tina, denn sie war immer freundlich und überhaupt nicht hinterhältig. Was man von manch anderen in ihrer Klasse nicht gerade behaupten konnte!

„Tina, hi! Bist du allein hier? Wir können uns doch zusammensetzen“, schlug Carolin gleich vor und hielt Tina die Popcorntüte entgegen.

Tina druckste ein wenig herum und nahm sich erst mal eine Handvoll Popcorn.

„Hast du schon eine Karte?“, wollte Carolin wissen.

„Ähm ... die wird gerade geholt“, erklärte Tina, und ihr Kopf färbte sich so tomatenrot wie ihr Pulli.

„Von wem wird die geholt?“, fragte Carolin neugierig nach.

„Ähm ... von meiner Begleitung.“ Tinas Kopf war jetzt sogar noch einen Tick röter als ihr Pulli.

„Mit wem bist du denn da?“, bohrte Carolin weiter und spähte neugierig umher. So wie Tina herumdruckste, musste das eine sehr geheimnisvolle Begleitung sein!

„Tina, ich hab gerade noch die letzten zwei Karten bekommen ...“, unterbrach da eine männliche Stimme ihre Gedanken.

Carolin drehte sich um. „Matthias!“, stellte sie erstaunt fest.

„Ähm ... Caro ...“, stammelte Matthias. Und auch sein Kopf nahm nun die Farbe von Tinas Pulli an.

„Na so was ...“, kicherte Carolin. Matthias Kömpke besuchte noch nicht allzu lange dieselbe Klasse wie sie. Er war mittelgroß, rundlich, hatte Pickel und trug eine Brille. Sein Vater war ein steinreicher Banker aus Grünstadt, der sich bereit erklärt hatte, den Unterhalt und die Pflege von vier Ponys zu sponsern. Gunnar hatte die verwahrlosten Tiere auf einem Jahrmarkt entdeckt und nach Lindenhain geholt. Sonst wären sie vielleicht auf dem Schlachthof gelandet.

„Ich ... ähm ... wir wollten beide schon lange mal den Film sehen“, erklärte Matthias.

Interessant!, dachte Carolin grinsend.

„Mann, das hat ja ewig gedauert!“ Ächzend kam Ferdi mit zwei Colas zurück. Als er Matthias erkannte, stutzte er. „Hey, du auch hier, wollen wir uns zusammensetzen?“

Doch Carolin packte ihn am Arm und zog ihn weg. „Viel Spaß euch beiden“, rief sie Matthias und Tina beim Weggehen noch zu.

„He, Caro, was soll das denn? Ich verschütte hier noch die ganze Cola“, protestierte Ferdi.

„Die zwei haben eine Verabredung. Ich finde, da sollten wir nicht stören“, sagte sie leise.

Langsam begriff auch Ferdi. „Ach so!“ Grinsend blickte er sich nach den beiden um, die mit immer noch hochroten Köpfen und etwas verlegen nahe der Bar stehen geblieben waren. „Aber die passen doch super zusammen“, feixte er. „Zumindest äußerlich.“

„Ferdi, du bist echt fies!“

„Tschuldigung!“

Carolin stellte sich mit Ferdi in die Reihe der vielen Wartenden vor einem der Kinos. Die Saaltür war noch geschlossen. „Ich freu mich für die beiden. Tina ist voll cool und Matthias auch.“ Sie nahm ein Nacho, tauchte es in die Käsesoße und stopfte es in ihren Mund. „Wenn wir hier lange warten müssen, hab ich alles aufgemampft, bevor der Film überhaupt angeht“, schmatzte sie fröhlich und schnappte sich ein weiteres Nacho.

„Ach, die haben noch jede Menge von dem Zeug“, lachte Ferdi und griff in die Popcorntüte.

Carolin blickte in die Runde. Matthias und Tina hatten sich in die Schlange der Kinobesucher vor der Saaltür ganz hinten eingereiht. „Die gucken den Liebesfilm“, kicherte sie.

„Never! Nur unter Androhung von Gewalt“, scherzte Ferdi.

Schließlich öffneten sich die Saaltüren. Gut gelaunt und Arm in Arm betraten Ferdi und Carolin den dunklen Kinosaal. Sie suchten sich einen Platz in der hintersten Reihe und genossen den lustigen Film.

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„Guten Morgen, die Herrschaften.“ Schwungvoll betrat Dr. Heribert Hutmacher das Klassenzimmer und schloss geräuschvoll die Tür hinter sich. „Ich habe eine gute und eine schlechte Nachricht für euch“, begann er, während er seine Aktentasche auf das Pult stellte und seine abrutschende Brille mit Goldrand zurück auf die Nase schob. „Die gute ist, dass ich eure Arbeiten schneller korrigiert habe, als ich dachte.“

„So ein Scherzkeks!“, raunte Lina Carolin zu. Lina Schniggenfittich war Carolins beste Freundin und saß neben ihr. Ganz im Gegensatz zu Carolin war Lina ein Ass in Mathe. Auch sonst schien das Mädchen mit den wilden, langen roten Locken, den leuchtend grünen Augen, den weiten, bunt geblümten Röcken, von denen sie meist mehrere übereinander trug, und den derben Schnürstiefeln ziemlich ungewöhnlich zu sein.

„Mir wird das Lachen sowieso gleich vergehen“, flüsterte Carolin zurück. „Ich hab ein megaschlechtes Gefühl.“ Mathe war für Carolin ein rotes Tuch. Seit ihre Mutter gedroht hatte, bei der nächsten schlechten Mathenote ihre Besuche auf Lindenhain zu streichen, nahm Carolin zwar Nachhilfe, aber das war auch nur bedingt hilfreich.

„Die weniger gute Nachricht ist, dass eure Arbeiten im Schnitt nicht gerade glänzend ausgefallen sind“, verkündete Dr. Hutmacher und klappte seine abgewetzte Aktentasche auf. Dann strich er erst mal eine seiner dunkelgrauen Haarsträhnen, die sich gelöst hatte, zurück auf ihren Platz. Um seine Glatze zu verbergen, hatte er seine wenigen Haare stets fein säuberlich von rechts nach links darüber gekämmt.

Carolin schnaufte tief durch. „Wetten, der meint mich?“

„Ist doch noch gar nicht raus“, versuchte Lina zu trösten. „Jetzt wart doch erst mal ab.“

„Ja klar“, gab Carolin zurück. „Und Sternentänzer kann auf einem Bein hüpfen.“

„Wer weiß!“, grinste Lina.

Dr. Hutmacher zog einen Stapel Blätter aus seiner Tasche, marschierte durch die Bankreihen und legte nacheinander die Arbeiten auf die Tische. Lina war zuerst dran. Auf ihrer Arbeit prangte rechts oben eine dicke rote Zwei.

Dann kam Carolin. Ihr Blatt zeigte eine dicke rote Fünf!

Carolin blies die Backen auf und ließ sich in ihrem Stuhl zurückfallen. „Das Leben ist so ungerecht! Du tust gar nichts und hast eine Zwei, und ich krieg sogar mit Nachhilfe eine miserable Note!“ Sie schnaufte tief durch.

Lina legte tröstend die Hand auf den Arm der Freundin. „Kopf hoch! Beim nächsten Mal wird es bestimmt wieder besser.“

Carolin verzog das Gesicht. „Dein Wort in Gottes Gehörgang.“

Tina, die vor ihnen saß und eigentlich gut in Mathe war, drehte sich um und wedelte mit ihrer Arbeit. „Ich hab auch eine Fünf, Caro. Die Aufgaben waren echt superschwer.“

Lina knuffte Carolin in die Seite. „Nimm’s doch gelassen, Caro! Deine Mam ist so im Glückstaumel mit dem Doc, dass sie wegen der Note bestimmt keinen Aufstand macht.“

Carolin verdrehte nur die Augen. Es gab Zeiten im Leben, da nervte einfach alles. Sogar die beste Freundin mit ihren schlauen Sprüchen.

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Merkwürdige Zufälle?

Nach der Schule radelte Carolin gleich nach Lindenhain. Sie wusste, dass ihre Mutter und Dr. Sander verabredet waren, um Details wegen der Hochzeit zu besprechen – und das wollte sich Carolin ersparen.

„Hi, Caro“, rief Jan ihr zu, der gerade mit dem Werkzeugkasten in der Hand über den Hof marschierte. Jan war Vickys Neffe und inzwischen Lindenhains Mann für alles. Er hatte den Job von Nick übernommen, der sich in Ferdis Schwester verliebt hatte und mit ihr nach Berlin gezogen war. Nick war für Carolin wie ein großer Bruder gewesen. Aber auch den etwas ruppigeren Jan mit den halblangen blonden Haaren und den blauen Augen hatte sie inzwischen in ihr Herz geschlossen. Vor allem, weil er immer gute Laune hatte. Na ja, fast immer!

Carolin stellte ihr Rad ab und lief in den Stall. Es gab Momente, da half nur eines: nämlich ein Ausritt auf Sternentänzer. Carolin sattelte und zäumte ihr geliebtes Pferd und führte es nach draußen auf den Hof.

Sie schwang sich auf seinen Rücken und ritt los. Schon bald jagte sie im Galopp über die Wiesen, über die Feldwege – einfach nur immer weiter.

Carolin genoss den Wind in ihrem Gesicht, spürte die Wärme des Pferdes unter sich und merkte, wie allmählich all der Frust und Kummer von ihr abfiel. Sie zügelte Sternentänzer und legte ein Stück im Trab zurück. Bald schon ertappte sie sich selbst, wie sie laut juchzte.

Nach einer Weile bog Sternentänzer in den schmalen Waldweg ein, der zum See führte. Der Hengst beschleunigte das Tempo, Carolin beugte sich weit nach vorn über seinen Hals, um den vielen herabhängenden Ästen auszuweichen. Der weiche Waldboden schluckte das Geräusch der Hufschläge.

Bald darauf erreichten sie den See. Doch Sternentänzer trabte munter weiter, am See vorbei, immer tiefer in den Wald hinein. Es schien fast, als habe er ein Ziel. Auf einmal hielt er ziemlich abrupt an.

„Na, mein Süßer, du brauchst wohl eine kleine Verschnaufpause?“, schmunzelte Carolin und ließ sich aus dem Sattel gleiten. Liebevoll tätschelte sie Sternentänzers Rücken. „So einen Ritt haben wir schon lange nicht mehr gemacht! Wo sind wir hier überhaupt gelandet?“ Carolin band den Hengst an einem Baum fest und entfernte sich einige Schritte, um sich umzuschauen.