INHALT

  1. Über die Autoren
  2. Titel
  3. Impressum
  4. Rechtlicher Hinweis
  5. Vorwort von Kajo Fritz
  6. Der Weg in die feine Gesellschaft führt durch deren Nase
  7. Schüler mit besonderer Begabung
  8. Dealen für Anfänger
  9. Die Koks-Clique schaut nach den Rechten
  10. Karriere-High
  11. Fabrik der säumigen Kokser
  12. Im Land der Cocaleros
  13. Meine Freunde von der albanischen Mafia
  14. Frühmorgens vor Saint-Tropez
  15. Nachwort von Kajo Fritz
  16. Glossar

ÜBER DIE AUTOREN

Stefan Liebert ist ein Pseudonym. Der Hamburger legte ein Lebensgeständnis ab und verbrachte einige Zeit im Rahmen einer Kronzeugenregelung. Heute lebt er irgendwo in Deutschland.

Koautor Kajo Fritz jun. ist Redakteur bei Stern TV. Zuvor besuchte er die Deutsche Journalistenschule in München und arbeitete u. a. bei der Süddeutschen Zeitung, Stern und beim WDR-Fernsehen.

STEFAN LIEBERT
MIT KAJO FRITZ

KOKAIN

EINE DEUTSCHE DEALER-KARRIERE

BASTEI ENTERTAINMENT

Dieses Buch basiert auf einer wahren Geschichte. Um die Identität der handelnden Personen zu schützen, sind Namen und einige Handlungen und Orte verfremdet. Das ist nötig, um Persönlichkeitsrechte zu wahren und Dritten nicht die Möglichkeit der Nachverfolgung zu geben. Alle Vorkommnisse sind so weit wie möglich geprüft und können so stattgefunden haben.

VORWORT VON KAJO FRITZ

Es war bei unserem zweiten Gespräch, als ich Stefan Liebert fragte: »Warum?«

Er sagte: »Ich erzähle dir das, weil Typen wie du nichts über Kokain wissen. Gar nichts. Ich erzähle dir das, weil ich mir als Dealer jeden Traum erfüllen konnte und das eine wunderschöne Erinnerung für mich ist. Und vor allem erzähle ich dir das, weil ich nichts mehr zu verlieren habe. Denn eigentlich bin ich schon tot.«

An einem hübschen Freitagmittag war ich dem Protagonisten dieses Buches zum ersten Mal begegnet. Er kam aus einem Fitnessstudio, schlenderte über die Straße und schaute zwei Mädels hinterher. Ein Muskelshirt umwehte seinen massigen Oberkörper, eine Zigarette klemmte im Mundwinkel, er ging breitbeinig. Ich arbeitete seit einigen Wochen an einer Geschichte über Freizeit-Doping und suchte dringend Personen aus der Szene. Zugegeben, es gibt elegantere Recherche-Methoden als jemandem ein »Hallo!« über die Straße entgegenzubrüllen, nur, weil er aussieht, als könnte er einem helfen. Aber ich war amtlich verzweifelt.

Stefan Liebert begleitete mich dann in ein Café, bestimmt, weil er gerade Langeweile hatte. In Sachen Doping wollte er mir nicht helfen, trotzdem bat ich ihn, noch einen zweiten Kaffee mit mir zu trinken. Ich fand diesen Kerl mit dem Hamburger Akzent interessant, sein wuchtiges Äußeres passte nicht zu dem Filou, der mit mir redete. Wir plauderten über dies und das, und dann sagte er, er sei gerade aus dem Knast gekommen, weil er Kokain im großen Stil verkauft habe. Seine Firma, in der er abgebrannte Junkies für vier Euro die Stunde habe Autoteile fertigen lassen, sei eine prima Geschäftsidee und seine Koks-Partys auf dem Kiez äußerst beliebt gewesen; er habe sich in Kolumbien umgeschaut, auf den Koka-Plantagen, um besseres Kokain zu bekommen, dummerweise aber sei er etwas später vor Saint-Tropez dann auf einer Yacht von einem internationalen Einsatzkommando verhaftet worden.

»Aha«, sagte ich. Und grinste dabei.

Er auch.

Dann nippte er am Kaffee, setzte ihn ab und sagte: »Stimmt übrigens. Kannste kieken kommen.« Er grinste wieder.

Ich nicht, ich verzog die Augenbrauen. Natürlich war seine Geschichte norddeutscher Klönschnack, der nach einer Schnurre mit etwas zu viel Gangsterfilm klang, auf die Schnelle zusammengeklaubt, um die Unterhaltung unterhaltsamer zu machen.

»Ich beweise dir, dass meine Geschichte stimmt!«

Meine Augenbrauen wanderten fragend nach oben. Wenn das alles nicht gelogen, sondern wahr war, wieso erzählte er das einem Dahergelaufenen wie mir?

»Warum nicht, nech? Du bist Journalist, ich habe noch nie mit ’nem Pressefritzen geredet. Ich mag es, wenn Typen wie du dumm aus der Wäsche gucken.«

Ich versuchte weniger dumm zu gucken und bat Stefan Liebert um Beweise.

Wir trafen uns eine Woche später – und dann immer wieder. Er gab mir einen Ordner mit Abhörprotokollen der Polizei, ich las Gerichtsakten, sah Fotos von früher und Briefe an seine Mutter aus dem Knast. Er sagte, dass er aus einem Stück Papier Kokain-Couverts für den Verkauf blindlings in unter zwanzig Sekunden falten könne.

Er schaffte es in siebzehn.

»Ich hab’s immer noch drauf!«, jubelte er.

Stefan Liebert erzählte mir sein Leben, einige Details seiner Geschichte waren in der großen Wolke aus Kokain-Pulver verschüttgegangen, in der er jahrelang lebte. Ich lernte seine Kumpane von damals kennen, ich sprach mit seiner Familie und ehemaligen Kunden. All das ermöglichte mir einen Zugang zur deutschen »high« Society, der bei mir einen Eindruck verfestigte, den ich nicht für möglich gehalten hätte: Kokain, diese vermeintliche Droge des vergangenen Jahrtausends, ist wieder da – und war vielleicht nie weg. Diese Erkenntnis ließ mich nicht mehr los.

Willkommen in der Kokain-Republik Deutschland!

Auch Sie haben garantiert gerade jetzt die verbotene Droge bei sich – sofern Sie zwei Geldscheine eingesteckt haben. Kokain wird üblicherweise »geschnupft«, das Pulver also inhaliert, häufig durch eine gerollte Banknote. Reste darauf bleiben nachweisbar. 2002, zur Einführung des Euro, waren nach einem Monat drei Prozent der Scheine mit Spuren von Kokain kontaminiert. Im April 2003 waren es achtzig Prozent – macht vier von fünf aller kursierenden Euro-Scheine. Sie können also statistisch sicher sein, dass auch Sie Kokain bei sich tragen, wenn Sie nur zwei unserer Banknoten in der Tasche haben.

Deutsche Behörden gehen davon aus, dass hierzulande rund 500 000 Menschen Kokain konsumieren. Prof. Fritz Sörgel, einer der bekanntesten deutschen Drogen-Experten, sagt: »Mich ärgert in diesem Zusammenhang die Hochnäsigkeit der Behörden, deren Statistik im Gegensatz zu unserer Methode keine quantitative Grundlage besitzt. Unsere Analyse zeigt, dass der Konsum hierzulande viel höher sein muss.« Und für diese Aussagen führt er auch Beweise an.

Hilfreich hierbei ist laut Prof. Sörgel das Benzoylecgonin, ein Kokain-Abbauprodukt, das im Körper über den Urin ausgeschieden wird. Benzoylecgonin kann durch sensible Messtechnik in unseren Gewässern nachgewiesen werden. Das Verfahren des Instituts für Biochemische und Pharmakologische Forschung Nürnberg ist derart genau, dass in der lokalen Kläranlage eines 8 000-Seelen-Dorfes ein einziger Kokain-Konsument auffällt. Fünfzehn Wasserläufe haben Prof. Sörgel und sein Team in Deutschland untersucht. Ergebnis: Der Rhein führt mehr als zehn Tonnen reines Kokain im Jahr mit sich, in Düsseldorf bis zu 30 Kilogramm pro Tag, in Köln 27. Insgesamt hat Mannheim mit 44 Kilo die Nase vorn. Nahezu unglaubliche Befunde, wenn man bedenkt, dass schon rund 0,2 Gramm Kokain, die durchaus übliche Portionierungsmenge einer Koks-Line, für einen rund halbstündigen Rausch ausreicht.

Willkommen in der Kokain-Republik Deutschland!

Durch den verbotenen Handel mit der Droge fahren hierzulande Kriminelle Gewinne in gigantischer Höhe ein. Kein Wunder bei einem Stoff, der wertvoller als Gold ist. Ein Gramm des Edelmetalls kostet an der Börse rund 30 Euro. Ein Gramm Kokain beim Dealer an der Ecke manchmal 50, meistens aber 60 bis 100 Euro. Seit Ende der Neunzigerjahre ist das weiße Pulver in Deutschland tendenziell günstiger geworden – die meisten aus der Szene sagen, weil das Angebot immer größer werde.

Unsere Behörden wissen um den verbotenen Milliardenmarkt. Darüber hinaus wissen sie kaum Konkretes. Wie viel Kokain hierzulande tagtäglich weggeschnupft wird? Nicht zu ermitteln. Wie die Droge beispielsweise aus Kolumbien in die deutsche Provinz kommt? Schwer zu verfolgen. Wie das Koks in Hamburg vom Schiff durch den Zoll gelangt und anschließend verteilt wird? Keine Ahnung. Und: Wie funktioniert das Geschäft? Wer steckt dahinter? Wie clever sind deutsche Dealer?

Stefan Lieberts Biografie beantwortet einen Teil dieser Fragen ganz konkret – darüber hinaus bietet sein Leben ausreichend Gelegenheit, das deutsche Kokain-Problem in Gänze zu skizzieren. Liebert berichtet aus erster Hand: Er war Dealer, Konsument und später Teil eines Syndikats.

Als Teenager beschaffte er sich das erste Mal Kokain am Hafen. In einem Alter, in dem Azubis monatlich 800 Euro verdienen, wurde er, der Spross einer Hamburger Kiez-Familie, einer der erfolg- und einflussreichsten Drogendealer Norddeutschlands; sein Koks kauften Professoren, Manager, Ärzte und Staatsanwälte. Er gewann sie als Kunden, indem er ihnen auf dem Kiez die Party ihres Lebens bereitete.

Nach kurzer Zeit war er dort angekommen, wo er immer hin wollte: oben, inmitten all der Schönen, der Reichen und der Mächtigen. Das war die eine Seite. Auf der anderen Seite spannte er ein Netz aus Kurieren und Zwischenhändlern, die seinen Stoff an all diejenigen veräußerten, die die Droge ebenfalls nicht mehr missen wollten: an Jugendliche, Hausfrauen, Lagerarbeiter, Studenten und Büroangestellte.

»Seit Jahrzehnten ist Kokain auf dem deutschen Markt, früher war es die Droge für Menschen mit materiellem Exklusiv-Status. Durch den Preisverfall ist Kokain heute bei zusätzlichen Konsumenten angekommen, die sich die Droge vor einiger Zeit noch nicht leisten konnten, darunter auch viele jüngere zwischen achtzehn und fünfzehn Jahren«, berichtet Dr. Raphael Gaßmann, Geschäftsführer der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen (DHS). Und Stefan Liebert sagt: »Ich konnte es anfangs selber nicht glauben. Alle wollten meinen Stoff, alle.«

Koks ist der Aufputscher, den offenbar längst nicht mehr nur gegelte Upperclass-Cliquen konsumieren.

24 Stunden am Tag bestimmte Kokain das Leben von Stefan Liebert, weil seine Kunden von ihm und seinen Mitarbeitern rund um die Uhr Kokain haben wollten: Mittags sniefte der Bauarbeiter für einen Motivationsschub, am frühen Abend die Hausfrau, um den anstrengenden Tag zu vergessen, und um Mitternacht der Teenager auf dem Disco-Klo. Alle hatten sie die Nase voll.

»Ich war einer, der auf einer Party immer in der Ecke stand, Blick nach unten. Dann habe ich das Zauberpulver von ihm genommen – und fühlte mich wie ein Weltmeister«, bekennt ein Kunde von Stefan Liebert. Er ist Polier. »Ich wurde ein anderer Mensch, ein Mensch, der mir viel besser gefiel. Ein kleines Näschen nur – und ich war der coolste Typ im Club. ›Bin ich geil?‹, fragte ich mich. ›Ich bin geil!‹, antwortete ich mir. Dann schleppte ich eine Frau ab. Auf Koks geht das.«

Kokain ist die Droge, die das Ego neu organisiert, ein hochaktives Psycho-Stimulans, das dem Konsumenten ein Hochgefühl bereiten kann, das sich aus göttlicher Allmacht, sexueller Vollkommenheit und rhetorischer Potenz eines Roger Willemsen formt. Kokain entgrenzt. Mit der Droge werden viele auf der Suche nach dem Kick fündig, Koks »ist als ›Brain-Doping‹ mit seiner aufputschenden Wirkung aktuell im Trend der Zeit«, sagt Dr. Gaßmann von der DHS. Das Perfide daran: Das gute Gefühl geht, der Wunsch danach bleibt. Da hilft nur die nächste Nase.

Willkommen in der Kokain-Republik Deutschland!

Der Protagonist dieses Buches erzählt aus einer fremden Welt, die mitten unter uns ist. Diesen Gefallen hatte er zuvor nur zwei Personen getan, nämlich den beiden Kriminalbeamten, bei denen Stefan Liebert nach seiner Inhaftierung sein Lebensgeständnis ablegte. Dort erzählte er, was er musste; mir erzählte er ein paar Geschichten mehr – und zudem aus tiefstem Herzen. Das fiel ihm anfangs schwer, Gefühle sind in der Gangsterwelt Umstände, die es zu verhindern gilt.

Lieberts Leben im Rausch endete, als sein bester Kumpel und Geschäftspartner, ein Albaner, gesungen hatte – für ihn brach seine Welt entzwei. Dann sagte auch er aus und verstieß damit gegen die Omertà, das Gesetz des Schweigens, den obersten Erlass vieler Vereinigungen der organisierten Kriminalität. Durch seine Aussage hoffte er, Kokain-Großhändler und Mitglied der albanischen Mafia, auf ein mildes Urteil. Doch für die Albaner gilt er jetzt als vogelfrei, weil er den Ehrenkodex brach. Stefan Liebert ist ein Gejagter.

Trotzdem: »Die Zeit als Dealer waren meine schönsten Jahre«, sagt er rückblickend, »schön und hart. Ich war ein Wichser. Musst du auch sein, wenn du in diesem Business erfolgreich sein willst. Ich wollte raus aus der Gosse, Kokain hat mir das ermöglicht. Die Droge bescherte mir Anerkennung, Frauen und viel Geld. Das alles hätte ich sonst nicht bekommen.«

»Das hört sich an, als seist du der Droge dankbar?«, war eine meiner letzten Fragen, die ich ihm stellte.

»Schwer zu beantworten. Jedenfalls war Kokain nicht nur mein Untergang – Kokain war vor allem auch mein Aufstieg.«

Bei unserem ersten Treffen damals im Café begann Stefan Liebert seine Geschichte mit dem Tag, der ihm die Tür aufstieß zum Leben im Jetset. Es war der Tag, an dem er die Schmerzen kaum ertrug …

DER WEG IN DIE FEINE GESELLSCHAFT FÜHRT DURCH DEREN NASE

»Irgendwann, möglicherweise aber auch nie,

werde ich dich bitten, mir eine
kleine Gefälligkeit zu erweisen.«

Der Pate

1. Juli 2004, 11 Uhr

Der Feind steckte hinten rechts oben. Dort pochte mein entzündeter Zahn schon seit einer Ewigkeit. Da half die ganze Kokserei nichts, dieser verdammte Schmerz war auch mit dem besten Stoff kaum zu ertragen. Zwei Wochen hatte ich mich mit Koks therapiert, der Erfolg war jeweils nur von kurzer Dauer. Mit geschwollener Wange schleppte ich mich nach einer langen Nacht zu meinem Zahnarzt. Meine Lunge rasselte von anderthalb Schachteln Zigaretten, und gegessen hatte ich auch schon lange nichts mehr (bis auf die paar Erdnüsse an der Bar). Kurz bevor ich das Striplokal meines Vaters verließ, hatte ich noch etwas Aftershave nachgelegt und meine Zähne geputzt. Der Schmerz jagte mir dabei hoch bis unter die Fontanelle.

Beschissene Angst hatte ich vor Zahnärzten schon immer, so wie wohl die meisten. Vielleicht sogar noch ein bisschen mehr. Ich hasste sie. Es war nicht diese Art Hass, die ich auf Menschen wie meine Laufburschen verspürte, wenn sie mich wieder einmal um ein paar Hunderter oder ein paar Gramm Koks bescheißen wollten. Diesen Hass konnte ich unter Kontrolle bringen, indem ich meinen »Mitarbeitern« eine klatschende Nackenschelle verpasste, als kleine Lektion. Das wollte ich bei meinem Zahnarzt lieber nicht machen. Also war es für mich hilfloser Hass – und diesen Hass verabscheute ich am meisten.

Zehn Minuten blätterte ich im Wartezimmer in Zeitschriften und zupfte mir dabei immer wieder meine maßgeschneiderte Anzughose zurecht, bis ich an der Reihe war: »Herr Liebert, kommen Sie bitte?!«

Man kann eine prall gefüllte Geldscheinklammer in der Tasche und eine fette Goldkette um den Hals baumeln haben – der Weg auf den Stuhl des Mannes mit dem sterilen Bohrer in der Hand ist einsam. Das Linoleum jaulte unter meinen Schuhen, als ich das Behandlungszimmer betrat, wo ein gut gelaunter Dr. Lanfermann und eine blonde Zahnarzthelferin mich erwarteten. All meine Befürchtungen wurden beim Drucktest mit der Dentalsonde Tatsache.

Es war entsetzlich.

Es war der Backenzahn.

Dabei lief alles so prächtig in den vergangenen Wochen. Ich hatte gute Geschäfte gemacht und mich als vielbeäugter 19-jähriger Newcomer der Hamburger Dealer-Szene bewiesen; hatte Kunden gewonnen, Partys gefeiert, viel Geld in den Boutiquen am Berliner Ku’damm, in der Kaufingerstraße in München, in Hamburg, auf dem Jungfernstieg, sowieso und auch andernorts gelassen. Und langsam wurde mein Dealer-Leben Routine – obwohl ich immer noch Teenager war.

Bis zu dreimal die Woche fuhr ich am Hamburger Hafen zum Kokain-Shopping; je nach Preis (der schwankte teils kräftig) und Nachfrage nahm ich zwischen einem oder vier Kilogramm mit. Wenn ich am Kiosk die Meldung las, dass auf einem Bananendampfer wieder kiloweise Koks sichergestellt worden war, konnte ich über diese Erfolgsmeldungen des deutschen Zolls nur schmunzeln. Ich wusste ja, wie viel Kokain nicht sichergestellt worden war. So viel vorweg: Engpässe gab es nie, an manchen Tagen wurde das Zeug von den Zwischenhändlern am Kai zu Sonderkonditionen rausgehauen, weil die Container so voll waren.

Angeliefert wurde in stapelfähigen 500-Gramm-Blöcken, die an schockgefrorene Milch erinnerten, geschält aus einem Tetra Pak. Die Klumpen wurden danach von Käufern wie mir in Heimarbeit aufbereitet, was den zeitaufwändigen Teil meines Jobs ausmachte (das habe ich nie anderen überlassen, denn richtiges Kokain-Strecken braucht viel Fingerspitzen- und Nasengefühl). Das Prozedere läuft wie folgt ab: den Klumpen mit einem Küchenmesser kleinsägen oder raspeln, dann mit einem Porzellanmörser stampfen und abschließend mit Zusätzen um rund die Hälfte verlängern, das heißt fünfzig Prozent Hafen-Koks, fünfzig Prozent Streckmittel. Anschließend gut mischen und wieder pressen. Erst nach dieser Aufbereitung war die Gewinnspanne für mich so groß, dass sich mein Job und das damit verbundene Risiko lohnten. Das meiste ging an meine Straßendealer raus. Die bestellten bei mir vor, ich disponierte, kaufte, streckte. Fertig. Viel Droge vorrätig hatte ich nie: Ein paar Kilo Koks, gefunden bei einer Hausdurchsuchung, bedeuten meistens jahrelanges Einfahren. Das kann man sich ersparen, wenn man ein flinker Durchreicher ist. So wie ich. Ich fühlte mich als Dealer pudelwohl.

Gerade jetzt, mit einem schönen finanziellen Polster im Rücken – ich hatte tatsächlich manchmal Geld in meinem Wohnzimmersessel versteckt (!) –, plante ich die nächste Stufe zu nehmen auf der Karriereleiter hoch zum Gangster im Maßanzug. Und nun das …

»Ah! Da!«, wollte ich schreien. Ging aber nicht. Daher brummte ich so laut und entrüstet, wie ich es mit offenem Mund und Arztbesteck darin vermochte. Zahnschmerzen sind nicht witzig.

Dr. Lanfermann hatte die Karies lokalisiert, der Fall war klar: betäuben, bohren, füllen. Die Zahnarzthelferin lief zur anderen Seite des Raumes, zum Schrank mit den Medikamenten. Auf dem Behandlungsstuhl waren meine Hosenbeine auf Kniehöhe gerutscht, so tief war ich gesunken.

Die junge Dame kam mit einer Spritze in der Hand zurück, die sie Dr. Lanfermann gab.

»Was ist denn das?«, fragte ich.

»Ein Betäubungsmittel.«

»Schon klar – was genau?«

»Lidocain.«

Lidocain kannte ich gut.

Genau wusste ich es nicht, es war auch eher ein schneller Gedanke, der mich ablenken sollte –, aber irgendwie glaubte ich, dass dieser Mann mit Bohrer, der sich bald mit 400 000 Umdrehungen in meinen Zahnschmelz fräsen würde, ein Türöffner sein könnte – ein Türöffner zur High Society Hamburgs. Also dorthin, wo für mich das süße Leben lag. Auf diese Idee brachten mich zwei Dinge: Zahnärzte, dafür muss man nicht Soziologie studieren, haben eher selten Schichtarbeiter und Stundenlöhner als beste Freunde. Zahnärzte kennen andere Zahnärzte, Anwälte, Politiker, Banker, Manager, die ganze Schlipsträgerfraktion eben. Wenn die zusammen sind, sprechen sie samstagvormittags beim Golfen von ihren neuen Autos, ihrem Job und ihren Affären. Und abends schneit es gerne Zauberpulver, das Entspannung und Amüsement verheißt. Dass der Mann vor mir in genau diesem Milieu lebte, war der eine Grund für meine Türöffner-These. Der andere befand sich in der Spritze, die er gerade beängstigend zielstrebig in Richtung meines Zahnfleisches führte: Lidocain eben.

In Dealer-Kreisen erfreut sich dieses Betäubungsmittel großer Beliebtheit, es ist so etwas wie das Kobe-Rind unter den Streckmitteln. Ich nahm zum branchenüblichen Kokain-Panschen normalerweise Milchzucker, 1,49 Euro das Pfund, eigentlich für Babys mit Verdauungsproblemen gedacht. Laktose ist einer der gebräuchlichsten Verschnittstoffe. Daneben sind Mehl, Mannit (ein Zuckeralkohol) und Traubenzucker sehr beliebt, alles nicht schlimm. Da einige meiner Kollegen aber nicht gerade um das langfristige Wohl ihrer Kunden besorgt waren, streckten die ihr Zeug beizeiten mit Ungesundem. Darüber kursieren die absurdesten Geschichten: Die Bullen haben schon Phenacetin (ein krebserregendes Schmerzmittel) oder Levamisol (ein Mittel gegen Fadenwürmer) in verschnittenem Koks gefunden, aber auch Quarzsand oder Waschmittel. Einige erzählten mir, dass sie Strychnin oder Rattengift benutzt hätten – soll zumindest ordentlich prickeln, wenn man das die Nase hochzieht.

Ich habe ein Gramm Koks mit maximal einem Gramm Milchzucker vermengt. Die Frage war immer, wie viel ich beimengen konnte, ohne dass sich meine Abnehmer beschweren würden. Verkaufst du Zeug, das nicht wirkt, suchen sich Kokain-Gourmets andere Verkäufer. Strecken war für mich immer ein schmaler Grat zwischen Geldgeilheit und Kundenbindung. Meistens entschied ich mich für zufriedene Kunden – nicht aus Nächstenliebe, eher, weil ich der Typ werden wollte, von dem es heißt, er verticke den besten Stoff der Stadt.

Wenn ich Lidocain zur Hand hatte, sah die Sache mit dem Verschnitt anders aus. Das war allerdings nicht häufig der Fall, das Zeug ist in der Szene rar. Mit Lidocain konnte ich mir ein Verhältnis von sechzig (Prozent Lidocain) zu vierzig (Prozent Kokain) erlauben. In der Kunden-Nase fühlt sich das Lidocain-Koks aber so wirkmächtig an, als ob das Pulver geradewegs aus einer kolumbianischen Koks-Küche käme. Mit dem eingemischten Betäubungsmittel ist der Placebo-Effekt derart plausibel, dass nur die wenigsten den Unterschied zu hochprozentigem Koks merken. Dann klingelt die Kasse. Vermeintlich bessere Qualität heißt mehr Kunden, heißt mehr Kohle – einfache Rechnung. Denn wer auch immer die Droge nimmt, eines ist so gut wie sicher: Er wird mehr wollen. Früher oder später. Kokain ist ein großes Versprechen, das es halten kann.

Ich rutschte immer weiter in den Behandlungsstuhl. Die Betäubung tat seit einigen Minuten ihre Wirkung, und vor mir sah ich die große gleißende Lampe und enggestellte Zahnarzt-Augen unter einer Schutzbrille. Dr. Lanfermann wollte gerade den Bohrer ansetzen. Dass er schon jetzt, so plötzlich, mit dem Fräsen beginnen wollte, fand ich gar nicht gut.

»Sag mal, Doc!«, warf ich ein, um Zeit zu schinden. »Das Zeug in der Spritze, das bekommst du doch auch in Pulverform, richtig?«

»Ja.« Er setzte ab.

»Hast du dir das schon mal in den Zinken gekloppt?«

»Bitte?«, fragte Dr. Lanfermann mit zu hoher Stimme. Sein verdutztes Gesicht verbarg sich zu guten Teilen unter seinem Mundschutz. »Ähm, nee, heute noch nicht.« Seine Irritation wollte er mit diesem schüchternen Scherz überspielen.

Und ich dachte mir gute Antwort, sehr gute Antwort, drehte mich zur Seite, griff in meine linke Hosentasche und nestelte ein kleines Papiercouvert heraus. Es war tüchtig abgegriffen. Meine Koks-Tüte. Drei Gramm. Zumindest das, was von den drei Gramm der vergangenen Nacht übrig geblieben war. Aber immer noch genug, um mich als veritablen Kokser auszuweisen.

»Probier das doch mal!«, sagte ich und lehnte mich wieder zurück in den Stuhl. Hätte Musik die Szenerie begleitet, sie hätte genau jetzt innegehalten. Stille. Ich schaute Dr. Lanfermann an, die hübsche Zahnarzthelferin schaute mich an, und Dr. Lanfermann schaute wie ein Auto. Dann gab er Gas. Der Bohrer begann zu kreischen. Mit dem entsetzlichsten Ton der Welt endete das Gespräch, das keines war. Mein Körper krampfte. Und ein paar Momente später war das Loch im Zahn gefüllt. Tat gar nicht weh.

»So, dann haben wir es jetzt«, sagte der Doktor, sichtlich zufrieden sein Werk beäugend. Seine Assistentin hatte mit meiner Patientenakte das Zimmer verlassen. »Aber eines noch, Herr Liebert: Zeigen Sie eigentlich jedem, dass Sie Kokain in der Tasche haben?«

»Nur ausgewählter Kundschaft.«

»Woher bekommst du das denn?«, fragte Dr. Lanfermann und duzte mich zum ersten Mal.

Ich dachte: Was stellt der denn für Fragen?, und sagte: »Aus meiner Hosentasche. Was machst du nach der Arbeit?«

»Heute ist Donnerstag. Ich gehe nach Hause.«

»Das«, sagte ich, »würde ich mir überlegen!«

Ich hatte gehofft, dass er mich noch einmal auf das Koks ansprechen würde. Und ich ahnte, dass er mit seiner Nase schon auf der einen oder anderen Kokain-Bahn rumgerutscht war. Auf jeden Fall war jetzt klar, dass ich etwas besaß, das der Doktor auch gerne gehabt hätte. Und das, was Dr. Lanfermann wollte, war weiß, pulvrig und bei mir besonders gut. Davon wollte ich ihn überzeugen.

»Wir könnten ja nachher eine Kleinigkeit trinken gehen«, schlug ich vor. Mein Zahn pochte ein wenig.

Dr. Lanfermann sortierte ungeschickt sein Arztbesteck. »Ich vertrage kaum Alkohol. Und wir kennen uns doch überhaupt nicht!«

1. Juli 2004, 20.57 Uhr

Wenige Stunden nach der Behandlung saß Dr. Lanfermann rauchend in dem kleinen Bistro Chez Angelica in der Nähe der Hafenstraße. Drei Minuten später betrat ich den Laden. Der Doktor hatte am Panoramafenster Platz genommen und als Auftakt zu einem besonderen Abend eine Weißweinschorle bestellt. Ich hatte mich nach allen Regeln der Gangsterkunst in Schale geworfen, nur meine kleine Rundbrille, die auch Harry Potter gut zu Gesicht gestanden hätte, verlieh mir eine Milde, die ich gar nicht wollte. Mein Spitzname war »Ampel«, ich brachte es als Teenager bei 1,89 Meter Körperlänge gerade einmal auf 70 Kilo – im Gegensatz zu meinem Mercedes S 500, der fast zwei Tonnen wog.

Heute kam ich zu Fuß und wie immer pünktlich. Pünktlichkeit war wichtig. Als ich mich ein paar Jahre später bei einer Verabredung mit albanischen Dealer-Kollegen um acht Minuten verspätete, war das ein Fehler. Damals sagte ich zur Entschuldigung: »Mein Auto sprang nicht an. Sorry.« Es folgte ein schmerzhaftes Lehrstück der Mafia: Wochen später, als ich von mehreren Schlägern bedroht wurde, rief ich die Albaner an und bat um schnelle Hilfe. Normalerweise hätten sie keine zehn Minuten gebraucht. An diesem Tag aber kamen sie nach einer halben Stunde. Währenddessen wurde ich verprügelt, mein Gesicht war geschwollen wie nach der Attacke eines Bienenschwarms, und ich hatte eine Platzwunde unter dem rechten Auge. Als die Albaner schließlich eintrafen, meinten sie, während ich mir Blut von der Wange wischte, nur: »Unsere Autos sind nicht angesprungen. Sorry.«

Ich setzte mich an den Tisch meines Zahnarztes und bestellte einen Gin Tonic. Dr. Lanfermann bekämpfte mit vielen oberflächlichen Fragen seine Nervosität, trank schnell und rauchte Kette. Er war 36 und spielte tatsächlich Golf, ansonsten verlor er über sein Privatleben kein Wort. Ich fragte auch nicht nach, denn Themen wie Freunde und Familie waren bei Kundenanwerbungsgesprächen tabu. Es war aber anzunehmen, dass Frau Dr. Lanfermann gerade in diesem Moment die Kinder ins Bett brachte. Das alles musste ich nicht wissen, für unbedingte Loyalität sorgte ich bei zukünftigen Kunden wie Dr. Lanfermann ein paar Wochen später, ohne dass sie es merkten.

»Schmeckt die Schorle?«

»Danke, gut.«

In diesem Punkt hatte er in seiner Praxis nicht gelogen – er vertrug tatsächlich auffallend wenig Alkohol. Nach dem dritten Glas, mittlerweile purer Weißwein, war er tüchtig angetüdelt und gar nicht mehr so angespannt. Das machte es mir um einiges einfacher, meinem ersten Kunden aus besseren Kreisen zu einem ihn nachhaltig beeindruckenden Abend zu verhelfen: Nach einer Stunde und einem kleinen Snack verließen wir das Bistro in Richtung eines überaus berüchtigten Hamburger Ladens, der nicht weit entfernt lag. Wir gingen vorbei an einem Typen, der lauthals »die besten Weiber und die heißesten Strip-Nummern von janz Hamburch« versprach. Ich nickte ihm zu. Er nickte zurück. Der Koberer und ich kannten uns gut. Reeperbahn, Große Freiheit. Hier kam ich her. Hier, im Tittenschuppen von Ramona, hatte ich schon als Lütte mit Wrestling-Figuren unter den Stehhockern gespielt.

Es war: mein Zuhause.

Heute war nicht viel Betrieb. Ich ging vor, zog die klobigen Vorhänge beiseite, und im nächsten Moment begrüßten uns zwei Damen so herzlich, wie es nur jahrzehntelange Freunde oder Professionelle können.

Bussi links, Bussi rechts.

Linke Hand auf den Bauch von Dr. Lanfermann, rechte auf seine Schulter.

Verruchtes Grinsen.

Das Nahkontaktspielchen hatte begonnen.

Zu den Red Hot Chili Peppers, Californication, tanzte an der Stange eine talentierte Prostituierte aus Osteuropa. Sie schmiss ihre Beine in unsere Richtung. Ich nickte auch ihr zu, während unsere Tischdamen nach Getränken verlangten. Der Doktor übernahm die Order. »Für die Damen Sekt, für meinen Freund hier einen Gin Tonic und für mich einen trockenen Weißwein.« Mit Lanfermann, der schon jetzt auf gehöriger Tabledance-Temperatur war (rosa Wangen, zu große Augen, betoniertes Grinsen), hatte ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht eine Sekunde über Koks gesprochen.

Olga, die üppige Dame des Hauses, die für den Ausschank und zotige Sprüche zuständig war, wies uns eine ruhige Sitzecke im hinteren Teil des Ladenlokals zu. Der Akademiker ging voraus, ich, der Nachwuchs-Dealer, folgte. Dr. Lanfermann hatte noch nicht sein Jackett abgelegt, als Olga schon mit einer Buddel Whiskey und zwei Gläsern zum Tisch eilte, für die Damen gab es den bestellten Sekt (natürlich alkoholfrei, nur wissen das die wenigsten). Weißwein bekam der Zahnarzt nicht – aber Whiskey war ja auch gut. An der Stange wurde jetzt so gut wie nackt getanzt, Lanfermann gehätschelt wie ein Stammkunde, und ich als Conférencier des Abends schenkte in bauchige Gläser ein, gerade so viel wie richtig.

Prost.

Lachen.

Zigarette an. Ziehen.

Couvert auf den Tisch.

Tasche aufklappen, Koks aufs Tablett tippen.

Mehr als 0,2 Gramm.

Tasche zu.

Klumpen zerstoßen mit der breiten Seite der Kreditkarte.

Zerstauben mit der Kante.

Ein Schwung, die Linie liegt gleichmäßig verteilt im Halbkreis.

Halbkreis zur Geraden ziehen.

Zweite Line.

»Autobahnen fertig!« Ich grinste. »Der Gast beginnt!«

Lanfermann saugte. Zu laut.

Lehnte sich zurück.

Trank etwas Whiskey.

Sog an seiner Zigarette, gemächlich wie der Kontinentaldrift.

Legte seinen Arm um die Braunhaarige.

Augenflackern.

Und Minuten später setzte er ein, der Sprechdurchfall. Eine Suada sondergleichen. Dope talk. Lanfermann war haltlos. Koks. Typisch. Rattenbissfieber.

»Krass, echt voll krass«, ratterte es aus ihm heraus, Worte, abgefeuert wie aus dem Lauf eines vollautomatischen Silben-Maschinengewehrs. Er lehnte sich nach vorne. Strich sich mehrmals durch den Seitenscheitel. Kleine Schweißperlen am Haaransatz. Unakademisches Vokabular: »So einen Stoff hatte ich noch nie, das merke ich ja sofort, wie das im Rachen perlt! Fuck! Als wenn du dir Sekt hochziehst. Wie viel Prozent hat das? Da hab ich ja jahrelang Scheißzeug gehabt. Woher bekommst du das? Voll krass. Und die Weiber hier! Mann, da wird man ja nur vom Gucken scharf. Wie teuer ist das denn? Kann man hier überhaupt? Was für Bräute! Kennst du die da? Krass! So eine müsste ich mal in meiner Praxis anstellen. Die Pumps kann sie anbehalten!« Dreckiges Lachen.

Der Zahnarzt zog mein Koks die Nase hoch – und raus kam Graf Rotz.

Die Erste, mit der er nach hinten ging, war die Blonde mit prallem Hintern, der durch ihre zinnoberrote Leggins perfekt die Form einer gigantischen Tomate imitierte. Auf dem Weg zu ihrem Zimmer hörte Lanfermann nicht auf, sie vollzuschwallen. Sie nickte wie ferngelenkt. Sie kannte das. High-End-Großkotzerei.

»Wahrscheinlich«, sagte ich halblaut über den Tisch hinweg zu Olga, »quatscht der jetzt auch beim Vögeln durch.«

Nach einer halben Stunde kam mein Zahnarzt zurück, milde lächelnd. Er war zufrieden mit seiner Performance. Er schwitzte noch ein bisschen mehr, und man sah, dass er sich fühlte wie auf dem Siegeszug nach einer mythologischen Schlacht. Er war der Held. Am Tisch saßen jetzt drei Damen, die vorhin noch nicht da waren, und ein Mann. Allesamt machten sie sich über mein Koks her. Ich legte eine weitere Runde auf, hier wurde offen gesnieft. Die Eindrücke seiner vergangenen Minuten behielt Lanfermann für sich – es fragte auch keiner nach. Dabei hätte er bestimmt gerne ein bisschen angegeben. Und es dann am nächsten Morgen bereut.

Es war eine ungewöhnliche Runde, hinten im Stripclub: drei Prostituierte, ein Hehler, der mit Elektronik aller Art sein Geld verdiente (»Import, Export«), Lanfermann und ich.

Langsam wurde es voller.

»Sag mal«, brüllte mein Zahnarzt, »wer sind denn eigentlich all diese Leute hier? Kennst du die?«

»Ich kann dir sagen, wer die nicht sind: Es sind keine Freunde harter Arbeit, und es sind auch keine Bullen. Aber alle sind hier, um ein büschn Spaß zu haben.«

Die nächste Linie lag parat. Der gerollte 50-Euro-Schein steckte im rechten Nasenloch von Lanfermann, und er imitierte jetzt mit gesenktem Kopf die Bewegung eines Zuschauers beim Tennis. »Sssnnn« machte es. Lanfermann wischte sich mit dem Handrücken über die Nase und wechselte das Nasenloch. »Stefan, sssnnn, ist es bei dir auch so, dass sich dein Dingen beim Koksen einzieht, als ob du in einer eiskalten Badewanne sitzt? Und dann, wenn’s so weit ist, wird das Dingen hart wie Krupp-Stahl?«

Ich nickte. »Musst aber aufpassen, ab einer bestimmten Menge bekommst du keinen vernünftigen Ständer mehr hin.« War ihm aber bestimmt egal jetzt. Ihm war alles egal.

»Soso.« Dann lehnte er sich zurück, umarmte die nächste Prostituierte und grinste ihr blöde ins Gesicht. Die Szene hatte etwas von einem Teenager in einem amerikanischen Autokino, um 1950, der gerade seine erste Gehaltstüte bekommen hat und denkt, alles liege ihm verdammt noch mal zu Füßen.

Die Gesprächsthemen waren begrenzt, Sex und Koks, Koks und Sex. Für mich ein Hauptgewinn. Ich konnte mir einigermaßen sicher sein, dass Lanfermann diesen Themenkreis bei seinem Zahnarzt-Stammtisch derart offenherzig sicherlich nicht auf der Agenda hatte – und insofern langweilte er sich bestimmt nicht.

Line um Line legte ich auf. Unsere Kokserei wurde nur unterbrochen durch die Ausflüge von Lanfermann nach hinten, zunächst mit einer Blonden, die diesmal zwar einen kleinen Po, dafür aber einen prächtigen Silikon-Vorbau besaß, und mit einer weiteren Blonden, an deren Äußeres ich mich nicht mehr erinnere.

»Warum muss man eigentlich immer kauen, wenn man kokst?«, fragte Lanfermann.

»Keine Ahnung.«

»Und wie ist es sonst so für dich?«

Die Wahrheit war: vor allem Routine, ein liebgewonnenes Hobby. Ich mochte dieses elektrisierende, konzentrierte, ekstatische Gefühl beim Koksen, das so ganz anders ist als das lethargisch-depressive, bestenfalls belustigende beim Kiffen.

Lanfermann sagte ich jedoch: »Na, wie bei jedem, glaube ich. Du nimmst alles extrem wahr: Gespräche, Weiber, Alkohol. Du kannst so viel saufen, wie du willst, und hast das Gefühl, alles unter Kontrolle zu haben. Wenn du eine Frau siehst, hast du einen Ständer. Und wenn auf der Straße eine Karre an dir vorbeizieht, verspürst du den Drang, auf dem Hockenheimring mit einem Ferrari fahren zu müssen. Dann steigst du in deine Karre und denkst, du fährst mit deinem Ferrari über den Hockenheimring. Selbst wenn du keinen Cent hast und aussiehst wie der letzte Heckenpenner, schreitest du durch die Stadt wie ein Gockel. Ich habe Typen getroffen, die sind zu Hause von ihrer Ollen verprügelt worden, komplette Volltröten – auf Koks wurden die anders. Du fühlst dich wie King Louie! Dir! Gehört! Die! Welt!«

Wirklich aufmerksam war Lanfermann bei meinen kleinen Vorträgen nicht. Er nickte und schaute sich immer wieder um. »Ich hab total Lust, es mal mit zwei Mädels gleichzeitig zu machen.«

»Sprich mal mit den beiden da vorne, wird aber extra abgerechnet.«

Ich winkte zum Tresen. Lanfermann trank noch einen Schluck, den er zwischen Zunge und Gaumen rotieren ließ, als die beiden Damen sich auf den Weg zum Tisch machten. Noch eine beachtliche Nase. Und weiter ging’s, nach hinten.

Etliche Lines inhaliert, eine halbe Pulle Whiskey getrunken und das Gefühl, bei etwas Verruchtem absolute Freiheit genossen zu haben – die Rechnung ging für Lanfermann auf, zumal er nur für den Sex bezahlen musste: 50 Euro pro Nummer. Alles andere hatte ich beglichen. Die Getränke verstand ich als Investment (Olga rundete für mich immer ab), und das Koks bekam ich ja sowieso zum Einkaufspreis.

Für meinen Gast war es dann an der Zeit, zu seiner Frau ins Bett zu kriechen. Wir standen auf und gingen durch die Tür, es war eher ein zufriedenes Torkeln. Lanfermann war glücklich. »In jedem von uns grunzt ein Schwein«, hob er morgens um fünf Uhr zu einer Rede an. Mehr kam nicht, er murmelte nur noch: »Wenn ich mal was für dich tun kann, sag Bescheid!« Die Sonne stahl sich gerade zwischen einer Häuserflucht der Reeperbahn empor, und der Mann vorm Club mit den besten Weibern von »janz Hamburch« war auch schon zu Hause …

Drei Tage später klingelte mein Telefon, Dr. Lanfermann. Er fragte, wie es mir gehe, ob ich am Freitag etwas vorhabe und wenn nicht, ob er dann drei gute Freunde mitbringen könne; einen Staatsanwalt, einen Geschichtsprofessor und einen Managertypen. »Kein Problem«, sagte ich, aber auch, dass er ab jetzt für das Koks bezahlen müsse: »So wie beim letzten Mal geht das leider nicht mehr. Ich muss das Zeug ja schließlich auch finanzieren!«

»Keine Sorge. Kein Problem!«

Der kommende Freitag wurde wieder ein prima Abend, diesmal waren wir zu fünft. In einer ruhigen Minute erinnerte ich Dr. Lanfermann beiläufig an unsere erste Tour (»Mann, hatten wir einen Spaß!«) und fragte ihn, ob er mir jetzt tatsächlich einen Gefallen tun könne: »Du bestellst doch für deine Praxis immer dieses Lidocain. Ich brauche das als Pulver, je mehr, desto besser. Bekommst du das? Kriegst du das hin für mich?« Ich schenkte ihm nach.

Zwei Wochen später holte ich die erste Lieferung ab. »War nicht einfach, dafür musste ich erst einen Freund klarmachen, der Apotheker ist«, sagte Dr. Lanfermann, den ich mit seinen Freunden jetzt jeden zweiten Freitag traf. Apotheker bekommen ein Kilo Lidocain zum Einkaufspreis von rund 50 Euro, weitere Details wollte ich gar nicht wissen, mir war nur wichtig, dass ich jetzt eine Quelle dafür besaß. Ich verrechnete meinem Arzt das Lidocain mit Koks. Immer wieder ging ich zu Dr. Lanfermann in die Praxis, vorbei am Hans-Albers-Platz, und obwohl ich nicht zur Behandlung kam – das mulmige Zahnarzt-Gefühl ging mit. Das wollte einfach nicht verschwinden.

Aber: Die Tür zum Establishment stand jetzt einen Spaltbreit offen. Genauso hatte ich mir das damals auf dem Zahnarztstuhl erhofft, denn ich hatte viel vor. Ich hatte es auf Geld abgesehen, möglichst viel Geld, je mehr, desto besser. Und noch etwas wollte ich, von dem andere behaupten, man könne es sich nicht kaufen: Ansehen und Selbstbewusstsein.

Natürlich kann man das kaufen! Aber leisten kann sich so ein Hauptschulabbrecher wie ich das nur, solange genug Kohle da ist.

Sie sollten mich alle kennen- und schätzen lernen, die feinen Herren, die werte Gesellschaft. Ich wollte einer von ihnen werden, und mehr noch, sie sollten es toll finden, wenn ich um die Ecke käme.

Dass ich meinen Wunsch nach Geld und Geltung wenig später fast mit meinem Leben bezahlt hätte, konnte ich damals noch nicht absehen. Auch nicht, dass die Chance bis heute groß ist, dass mir hinter dem nächsten Baum mein Mörder auflauert. Hätte ich das damals geahnt – ich hätte all das trotzdem durchgezogen, das Dealen, die Gewalt, die Arbeit für die albanische Mafia. Andere Aufstiegschancen sah ich nicht, und mein Gangsterleben ist mir alles wert, auch den eigenen Tod.

Um zu erklären, wie man so wird wie ich, sollte ich ein bisschen ausholen. Denn meine kriminelle Karriere begann früh: Es war Montagmorgen, 9.30 Uhr. Die Klingel schrillte zur ersten Pause, ich sprang von meinem Stuhl auf und rannte aus der Klasse …